Lyrische Positionen

 

Comartin - Bulucz

 

Den Reiz eines Abends wie dem im Baumhaus macht der Kontrast aus: Alexandru Bulucz' las aus seinen Gedichten "Stundenholz", "Es hat was", "Hl. Creszentia", "Karl-Marx-Städter Psalm" und "Gespräch im Gebirg II". Seine mit einer hinter den Wörtern aufscheinenden philosophisch-metaphysischen Dimension versehenen eigenwilligen Prosagedichte sind ganz anders als die Komartins, aber plötzlich ergeben sich wie Kommentare erscheinende Nähen:

 

Nun bewegen sie Massive hinter unsichtbare
Berge
von Datenmüll, menschlichem Abfall. Ohne Überreste-Glibber, Ratten
und Gestank,
nur Jibber-Jabber, Kauderwelsch. Ohne Augen – keine Gipfel der Ver-
zweiflung,
null Material. Nur Seekabel, nur Meer schraffierendes Gedärm, libidinöse
Pfeile
durch verlorene Zusammenhänge, zahllose Ösen, Äxte, Verdautes im
Kabeldebakel
auf dem Weg zu Gletscherschmelze, unheiligen Halden, Haufen, Kippen,
Tonnen, Deponien ...

 

[aus: Es hat was. In: Sprache im technischen Zeitalter No. 225]

 

Obwohl von einer völlig verschiedenen sprachlichen Herangehensweise her konstruiert, verarbeiten auch Bulucz' vielgestaltigen Gedichte offensichtlich Gegenwart, binden diese aber häufig zurück an epochale Denkgebäude und ihre Trümmer. So können "Jesus" oder "Dornenkrone" oder "gebenedeit" auftauchen, daneben aber Heroinabhängige im Chemnitzer Bahnhof oder Körperfunktionen oder der Altbauleerstand in Chemnitz. Einen dichten Bezug zur rumänischen Landschaft stellt "Stundenholz her:

 

Wir flogen
Karpatenhügel entlang, über den südlichen Bug. Den bukowinischen
Fragen, wo Heimat
beginne, Erinnerung ende, glaube ich die Fragezeichen. Wir flogen über
Holzrauch
von Klöstern, über liturgische Rufe aus Stundentrommeln von Mönchen,
„toaca“-
Klänge spannten eine Himmelsleiter auf uns zu und über uns hinaus. Wir
beteten mit
den Orthodoxen, den Mönchen, die zu uns heraufkletterten, den Kopten,
Griechen,
Armeniern, Bulgaren, Russen usw. (Letten, Esten, Litauern). Ahnt Ihr,
Rose, was
ich glaube? Dass die rumänischen Mütter ihre Söhne zu Mönchen erzie-
hen. Früh schon
zeigen sie ihnen, wie „salată de vinete“ gemacht wird.

 

Dass in diesem Gedicht eigentlich eine Allusion an Gertrude Steins Titel von der Rose verborgen ist, kennzeichnet den Horizont von Bulucz' Lyrik. Mit Komartin gemeinsam hat bei aller Unterschiedlichkeit Bulucz hier die Weite der sprachlichen Zugänge zur Welt, die vorzustellen, diesem Abend rumänisch(er und)-deutscher Lyrik im Weddinger Baumhaus auf  zur Lektüre anregenden Weise gelang.

  • "Lichtungen" No. 154
  • Sprache im technischen Zeitalter No. 224 und 225
  • Claudiu Komartin: Maeştrii unei arte moribunde. Poeme alese 2010-2017. Chişinău: Cartier 2017 (Cartier de colecţie Nr. 11)
  • ders.: Und wir werden die Maschinen für uns weinen lassen. Gedichte. Rumänisch/Deutsch. Übersetzung: Georg Aescht. Wien: Edition Korrespondenzen 2012
  • Alexandru Bulucz: Aus sein auf uns. Gedichte. München: Allitera Verlag 2016 (Lyrik Edition 2000)