GAUDEAMUS 2017...

 

Innenraum des runden "Romexpo"-Kuppelbaus besteht aus einer Grundebene und weiteren drei konzentrischen "Empore"-artigen Gängen, "Straßen" genannt", die sie umkreisen. Ein schönes (obwohl kommunistisches) Gebäude, im späten französischen XIX. Jahrhundert-Stil, mit sehr eleganter Kuppel, mit einer breiten Haupttreppe am Eingang, zur Grundebene führend, und versetzten, schmaleren Treppen zu den höheren, kreisförmig verlaufenden "Straßen".

Auf der Grundebene stellten sich 44 Verlage vor, auf der ersten Ebene 16, auf der darauf folgenden weitere 50, und auf der höchsten noch einmal 100! Je höher positioniert, desto kleiner die Stände, bis zu den winzigsten, die mehr als einen Stuhl nicht beherbergen konnten. Je höher und enger, desto bunter: Stände mit Musik CDs, Tee oder Kaffee (wenige und nur im Stehen!), Spielzeug und Ikonen etc., etc (genügend!). Alles voll! Die Haupttreppe war völlig verstopft, denn sie bot die einzigen Sitzmöglichkeiten. Die labyrinthischen, schmalen Wege zwischen den Ständen der großen Verlage – kaum passierbar, denn sie waren auch durch das Publikum der "lansări" (Präsentationen der Neuerscheinungen, mit mindestens drei, meistens jedoch vier oder fünf Akteuren) blockiert und durch die Schlangen der Autographen-Liebhaber, die von den Autoren im Anschluss an der jeweiligen Präsentation großzügig und mit unendlicher Ruhe bedient wurden.

 

Massenweise drängten sich überall große Gruppen von gut gelaunten, lauten Schülern und – abends, oder am Wochenende – Familien mit Kleinkindern oder Babys, im Arm, an der Brust getragen oder in Kinderwagen. Die Liebe zum Buch wird tatsächlich von Schulen und Eltern gefördert, die Anstrengung wird akzeptiert, der Stress stört nicht besonders, die Stimmung ist gut, Heiterkeit herrscht vor, und die Mühe wird auch belohnt, denn es gibt eine Reihe von Verlagen, die Bücher – und nicht nur Bücher, Lexika, Handbücher etc., anbieten, sondern auch Alben, Kalender, Spiele, Poster, Karten etc. für das junge oder sehr junge Publikum. Und dazu noch Programm: Lesestunden, Treffen mit Autoren, Spiele, Spaß mit Schauspielern, verkleidete Gastgeber etc., etc.

 

 

Jahrmarktstimmung: Am einfallsreichsten und besonders erfolgreich waren jedoch die Animateure des EU Standes, die für den Ehrengast der Messe – die EU – ständig unterwegs waren und rundherum in mittelalterlicher oder burlesk gemixter Verkleidung, mit Prospekten, Flyern, manchmal von Trötenfanfaren begleitet, zu ihrem Stand einluden. 60 Jahre EU, 30 Jahre Erasmus-Programm, 10 Jahre EU-Zugehörigkeit Rumäniens: Eine Fülle von Themen – von der EU-Chronologie bis zu den EU-Investitionen, von Fragen der Übersetzung bis zum Tourismus, von den Wegen zu EU-Stipendien bis zur Einführung in die Technik journalistischer Arbeit – sprachen vor allem junge Besucher an, während die Kinder sich sicherlich noch schwerer entscheiden konnten, da sie z.B. zwischen einer Buchausstellung mit Der kleine Prinz in mehr als dreißig Übersetzungen und durch Lesungen und Spiele ergänzt, und einem dem Thema (und der Materie!) "Schokolade" gewidmeten "Atelier" wählen sollten. Das bewährte Wissen zum wahren (und gesunden) Weg der Liebe im Menschen nach Gebühr beachtend wurden übrigens altersübergreifend auch Europas Vorzüge im kulinarischen Bereich thematisiert und demonstriert. Beeindruckend war am entgegengesetzten Pol der Reflexion Vlad Basarabs Ausstellung von symbolischen Büchern, die, aus Keramik und Porzellan angefertigt und noch unbeschrieben, zur Bewahrung der noch kommenden Botschaften bereit standen.

 

Die Verlage folgen einer ähnlichen Strategie, d.h. sie erweitern und diversifizieren ihr Angebot, um möglichst viele Publikumskategorien zu erreichen. Alle großen Verlage – Humanitas, Polirom, Nemira u.a. – bieten Reihen für "Junioren" (ab 6 Jahren schon z.B. Humanitas), sowie praktische Ratgeber für Gesundheits-, Gastronomie-, Reiseinteressierten. Unter den attraktivsten Randgebieten der Hochkultur dominieren Okkultismus und Esoterik, Magie, Populärglaube und Religiosität: Bibel, vor allem die Evangelien in mannigfaltigsten Varianten, Gebetsbücher, Heiligenleben, Feste und Traditionen der Orthodoxie, prominente Gestalten der autochthonen Kirche, Monumente und "heilige" Orte der rumänischen Orthodoxie etc., alles ergänzt durch Kalender und Bilder in unterschiedlichster Ausführung. Zu den populären Sujets gehören auch das rumänische Königshaus, insbesondere die Mitglieder der noch lebenden Königsfamilie (der Verlag Corint ist hier hoch aktiv). Mir scheint es, dass dieses immer breiter werdende Spektrum das Profil der jeweiligen Verlage allmählich verwischt. Dazu kommt die Fülle an Übersetzungen, wo die speziellen Optionen der jeweiligen Häuser schwer zu erkennen sind – vorausgesetzt es gibt sie. Dieselben Autoren werden von verschiedenen Verlagen übersetzt, modische Namen vermischen sich mit unbekannten, große Namen mit Pseudogrößen etc. Es wird aus allen Sprachen übersetzt, erfolgsorientiert, nach undurchschaubaren

 

Auswahlkriterien. Wenn der eine oder andere Verlag noch Profil wahrt, so liegt es meistens am Kern der Hausautoren. Am offensichtlichsten trifft das auf Humanitas zu – mit der konstanten Präsenz von "Galionsfiguren" wie Lucian Boia, Mircea Cărtărescu, Ana Blandiana, Gabriel Liiceanu, Andrei Pleşu, Ioana Pârvulescu u.a. Nach wie vor ragt Lucian Boia mit einer neuen, exakten, vorurteilsfreien, mutigen Dekonstruktion des "nationalen Einheits"-Mythos heraus (În jurul Marii Uniri de la 1918. Naţiuni, frontiere, minorităţi). Sonderbarerweise nimmt er damit das große Jubiläum von 2018 vorweg, lässt jedoch keine Erwartung zu bezüglich einer schon längst fälligen Analyse des diesjährigen Erinnerungsgebots – die Abdankung des Königs am 30. Dezember 1947. Bei aller Liebe und Verehrung für den gerade verstorbenen Ex-Monarchen Michael versäumt man, die Umstände seiner Trennung von Rumänien mit den Möglichkeiten der neuen, befreiten rumänischen Historiographie zu durchleuchten.

Interessanterweise – oder ist es logisch? – bekommen kleinere oder sehr kleine, weniger prominente oder quasi unbekannte und wahrscheinlich weniger erfolgreiche, da nicht kommerzielle Verlage, wie Tracus Arte bzw. Spandugino mehr Profil – der erste durch konsequente Orientierung an der rumänischen Literatur der "Klassik" und Moderne (Literaturgeschichte und kritische Essays – eine sterbende Spezies! – eingeschlossen), der zweite durch qualitätvolle Präsentation von erstrangigen, aber für das breite Publikum kaum zugänglichen Persönlichkeiten. Dazu gehören der Mathematiker und Literaturtheoretiker Solomon Marcus (Werke in vorläufig sieben Bänden), der Literaturtheoretiker Virgil Nemoianu (Canada) in acht Bänden (wobei der siebte von "România Literară" zum „Buch des Jahres 2017" erklärt wurde), C.D. Zeletin, die Sprachwissenschaftlerin Sanda Golopenţia (USA), der Sprachwissenschaftler Alexandru Niculescu (Frankreich) u.a. Ein bemerkenswertes

 

Phänomen ist im Bereich der Rezeption der rumänischen Exilautoren zu beobachten: Eine jüngere Generation von Gelehrten (meistens) löst diskret die kultisch gefeierten Weltstars Ionescu, Eliade, Cioran ab bzw. setzt diese fort. Geboren Mitte oder Ende der 1930er Jahre, begannen sie ihre Karriere im kommunistischen Rumänien – meistens als Schüler von George Călinescu oder Tudor Vianu – und emigrierten nach und nach in den späten '60er bzw. zu Beginn der '70er Jahre: Matei Călinescu (USA, bei Humanitas), Virgil Nemoianu (Canada, bei Spandugino), Alexandru Niculescu (Frankreich, ebenso bei Spandugino), Gelu Ionescu (Deutschland, bei Humanitas). Dazu kommen die jüngeren George Banu (Theatrologe und Essayist aus Frankreich, mit einer großen Anzahl von Büchern bei Nemira – 11 Titel! – und einem jüngsten bei Polirom), und Matei Vişniec (Dramaturg und Poet, ebenfalls in Frankreich lebend, in verschiedenen Verlagen vertreten, Ehrenpräsident der diesjährigen Gaudeamus-Messe).

 

I.-S. Doamna