Fortsetzung "Unknown War"

 

Das andere Imperium östlich Rumäniens hatte besonderen Status durch die Tatsache, dass seit 1812 das zur einstigen Moldau (und damit noch zum Osmanischen Reich) gehörige Bessarabien vom Zarenreich annektiert worden war und dessen Wiedergewinnung in der Zeit der Neutralität Rumäniens als ein mögliches Kriegsziel erschien - mit entsprechender Option bei der Wahl des Kriegsverbündeten. Andrei Cusco und Flavius Solomon belegen differenziert an der seit 1812 virulenten "Bessarabien-Frage" die unterschiedlichen Diskussionen in der rumänischen Gesellschaft vor Kriegseintritt. Gerade vor 1914 hatte sich das Russland-Bild der Rumänen verbessert, noch 1914 besuchte Zar Nikolaus II. Constanţa, Bessarabien schien als Problem der Vergangenheit anzugehören. Erst die Neutralität holte es wieder hervor, woran vor allem auch der im Westen kaum bekannte Sozialist und spätere Liberale Constantin Stere mitwirkte. 

 

Almut Hannig skizziert in ihrem fundierten Beitrag nach einer eingehenden Literaturdiskussion, in der noch einmal die weitgehende Vernachlässigung der "forgotten front" dokumentiert wird, die österreich-ungarische Perspektive auf die rumänische Neutralität und folgende Kriegserklärung. Bereits vor 1914 war das Verhältnis von Rumänien zum Habsburgerreich gespannt - vor allem wegen dessen Annäherung an Bulgarien, das 1915 auf Seiten der Mittelmächte in den Krieg eintrat. Nach Rumäniens Entscheidung für die Entente war das überwiegende Moment in der publizierten Öffentlichkeit Österreichs der Vorwurf des "Verrats", wie er ein Jahr zuvor auch gegen Italien erhoben worden war. Die Presse dämonisierte wie in Deutschland Rumänien. Wie die diplomatisch-politischen Perspektiven vor dem Krieg und in der Zeit der Neutralität sowohl von Deutschland aus als auch von Österreich-Ungarn sich entwickelten, stellt Christian Ortner (deutsch) detailliert dar. Die Differenz zwischen den diversen Positionen der deutschen Politik und den österreichischen Absichten war groß, beständige Konsultationen, Verhandlungen und Abgleichungen waren notwendig in einer sich täglich verändernden europäischen Lage. Wie Hannig  teilt Ortner die Einschätzung, dass gerade der Kriegseintritt Rumäniens es Österreich-Ungarn nach der Krise an der russischen Front infolge der  Niederlage des Karpatenstaates durch dessen Nahrungs- und Öllieferungen weiter am Krieg teilnehmen konnte. Bereits während der Neutralität hatte Rumänien trotz der potentiellen Gegnerschaft große ökonomische Gewinne durch die Nahrungslieferungen an das Habsburgerreich machen können. Auch Gundula Gahlen beobachtet die Haltung der deutschen Presse gegenüber Rumänien in ihrer Untersuchung des Raumerlebens der deutschen Soldaten. Sie macht mehrere Weisen der Perzeption von Räumen bei den deutschen Kriegsteilnehmern aus: der Wechsel von der Westfront in das den meisten unbekannte, vorerst ruhige Siebenbürgen; die Front in den Karpaten und der Dobrudscha; die Wahrnehmung der besetzten Hauptstadt Bukarest. Ortner skizziert auch die militärische Organisation in Siebenbürgen, während Lucian Turcu in seinem Beitrag die Loyalität der beiden orthodoxen Kirchen Siebenbürgens (orthodox und griechisch-katholisch) zur ungarischen Obrigkeit untersucht in einer Situation, als gerade neue Metropoliten gewählt wurden. In einem eher apologetischen Beitrag sucht Dorin Demostene Iancu den Bukarester Metropoliten Conon von den gegen diesen erhobenen Vorwürfen der Schwäche gegenüber den Besatzern zu entlasten und zieht hierzu neben einigen Äußerungen aus Erinnerungsbüchern auch die Einschätzung der kommunistischen Geschichtsschreibung heran.

 

Die Rolle der rumänischen Administration während der Besatzung von Bukarest und des südlichen Rumäniens zeichnet Andrei Florin Sora nach. Die Verwaltung zog sich den Vorwurf der Kollaboration zu, als in den geflüchteten Institutionen sog. Geranten als Vertreter der nach Iaşi geflüchteten Ministerien mit den Besatzern zusammenarbeiteten. Hintergrund dieser Entscheidung war auch die Absicht, weiterhin eine rumänische Verwaltung aufrecht zu erhalten. Das besondere Spannungsfeld entstand auch hier durch die von Boia beschriebene Rolle der "Germanophilen" wie Marghiloman, Kostaki, Stere, Carp. Auf einige einzelne Vorfälle in Bukarest während der Besatzungszeit geht der Herausgeber Claudiu-Lucian Topor als Beispiele des Bruchs des Haager Konvention ein, die seinerzeit für das negative Image der Deutschen und Bulgaren sorgten. Neben dem Raub von Museums- und Kirchenschätzen geht es dabei auch um die Internierung von Rumänen als Reaktion auf die Internierung "feindlicher Ausländer" in Rumänien bei Kriegseintritt.

 

Die Besatzung des Südens durch die Mittelmächte veranlasste eine Flucht nicht nur von rumänischer Regierung, Hof, Parlament, Ministerien und Institutionen, sondern auch von Zivilisten, die vor allem in dem bald völlig übervölkerten Iaşi Zuflucht suchten. Adrian Viţalaru schildert den Beginn der Flüchtingsbewegungen aus Siebenbürgen, Dobrudscha, dann aus Bukarest und dem Süden Richtung Moldau. Über Iaşi wurde auch ein Großteil der rumänischen Archive nach Russland gebracht, was wegen der Revolution über den Krieg hinaus eine Belastung der rumänisch-russischen Beziehungen darstellen sollte, wie Daniel Cain in einem leider etwas kurzen Beitrag zeigt. Nicholas Pitsos greift den speziellen Aspekt der französischen medizinischen Mission in Iaşi auf, die neben der Versorgung von Verwundeten insbesondere mit dem Ausbruch von Epidemien wie Typhus zu tun hatte. Von der Sicherung der Kirchenschätze vor allem der nordmoldauischen Klöster handelt der Beitrag von Ionel Moldovan, der noch einmal die unterstützende Rolle der Kirche im Krieg hervorhebt.

 

Nach dem Ende des Krieges begann die rumänische Armee noch einmal eine Rolle zu spielen. Sie marschierte wieder in Siebenbürgen ein, war in Budapest an der Niederschlagung der Räterepublik beteiligt. In Wien bildete sich für kurze Zeit ein Senat der dort versammelten siebenbürgischen rumänischen Soldaten, der unter dem bedeutenden Politiker Iuliu Maniu bei der Vorbereitung der  Karlsburger (Alba Iulia) Vereinigung am 1.Dezember 1918 aktiv wurde. In der Zeit der Auflösung des Habsburgerreiches repräsentierte dieser Senat die Wahrnehmung der nationalen Minderheitenrechte und war als solcher offiziell legitimiert, wie Mihai-Octavian Groza und Diana-Maria Dăianu detailliert belegen. Aus der großen Zahl von Erinnerungen an den Krieg hat Raluca Tomi ein  Manuskript des Generals Gheorghe A. Dabija näher untersucht und stellt damit einen neben den berühmten Generälen wie Averescu, Prezan oder Grigorescu eher unbekannt gebliebenen Militär vor, der als Diplomat und Autor bereits vor dem Krieg hervor getreten war. Während der Neutralität organisierte Dabija den Militärgeheimdienst Rumäniens. Den Band abschließend untersucht Serinela Pintilie die Entwicklung der Darstellung des Krieges in den Schulbüchern vor. Sie kann zeigen, wie erst allmählich die Schlachten von Mărăşti und Mărăşeşti als entscheidende Großtaten der rumänischen Armee in den Vordergrund rückten. Kritisch sieht Pintilie

Wenn auch nicht alle Beiträge so gründlich und ausführlich ihre Themen bearbeiten wie etwa Jonas, Cusco/Solomon u.a., so stellt der Band in seiner Vielfalt eine willkommene Auffächerung der unterschiedlichen Zugänge zu dem "unbekannten Krieg" in Rumänien dar, die zahlreiche Aspekte aufgreift und zu weiterer Forschung anregen sollte.

 

 

Claudiu-Lucian Topor, Alexander Rubel (Hgg.): "The Unknown War" from Eastern Europe. Romania between Allies and Enemies (1916-1918). Iaşi: Editura Universităţii "Alexandru Ioan Cuza" , Konstanz: Hartung-Gorre Verlag 2016, 308 Seiten, ISBN 978-606-714-326-3 (Editura Universităţii) u. 978-3-86628-579-8 (Hartung-Gorre)