DANACH...

 

Die Leipziger Buchmesse hat im Frühjahr 2018 als Gastland Rumänien begrüßt und damit eine der dynamischsten literarischen Szenerien Europas näher vorgestellt. Wir wollen dieses Ereignis zum Anlass nehmen, die Literatur, aber auch die Künste und die Geschichte sowohl Rumäniens als auch der Republik Moldau in ihren meist im Westen unbekannt gebliebenen Hintergründen als auch aktuellen Entwicklungen zu beleuchten. In Buchrezensionen, Interviews, Reportagen, Essays und Aufsätzen wollen Autorinnen und Autoren ihre eigenen Themen und ihre Perspektiven auf die Kultur Rumäniens und der Republik Moldau formulieren und damit beitragen zu einer immer noch notwendigen Aufklärung im deutschsprachigen Raum über die kulturellen Landschaften um den Karpatenbogen und zwischen Pruth und Dnjestr.

Dies soll nicht einseitig geschehen, sondern unter Einbeziehung rumänischer bzw. moldauischer AutorInnen.

 

(Kontakt unter: info@kultro.de.)

 


Was es noch zu tun gab/gibt...

Dass die rumänische Literaturszene eine dynamische und vielfältige Erscheinung innerhalb der europäischen Sprachen darstellt, hat sich bei unseren Nachbarn eher herumgesprochen als in deutschsprachigen Verlagen und Redaktionen. Ein Artikel hat vor einigen Jahren darauf aufmerksam gemacht. Vieles blieb unübersetzt, jetzt generierte erfreulicherweise der Buchmessen-Schwerpunkt mehr Interesse an Rumänien und der Moldau. Ein aktueller Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung listet zahlreiche der übersetzten AutorInnen auf, weist aber auch auf noch bestehende Defizite hin.


Rumänien im Sommer (III)

 

Medien und Behörden

 

 

 

 

 

Craiova

Foto: www.kultro.de

 

In diesem Sommer kannte die rumänische Presse kein "Sommerloch" - dafür sorgte nicht nur die Politik, sondern auch aufsehenerregende Vorfälle beschäftigten die Öffentlichkeit. Zunächst war es ein Fall von Adoption, der die Gemüter landesweit in Aufwallung brachte. Im Fall von Sorina , einem 8-jährigen Mädchen, begann alles am 21. Juni, als Bilder einer das schreiende und weinende Kind am Arm zerrenden Frau auftauchten, während im Hintergrund die "mascați", die üblicherweise maskiert auftretenden Polizisten der Brigada de intervenție dabei zusahen. Das Kind wurde von seinen Pflegeeltern in Baia de Aramă (Kreis Mehedinți) in Oltenien abgeholt, um zu seinen Adoptiveltern in Craiova gebracht zu werden. Die Frau auf den Bildern mit dem schreienden und sich wehrenden Kind war eine Staatsanwältin. Freunde der Pflegeeltern hatten die Szene mit dem Smartphone gefilmt und über soziale Netze verbreitet, so dass sie in kürzester Zeit auch die Redaktionen der Presse und vor allem der privaten Sender wie antena 3, B1tv, realitatea erreichten. Von dort wurden wie üblich umgehend "meinungsstarke", d.h. in diesem Fall Vorurteile bekräftigende und Emotionen aufrührende Berichte gesendet, die den Adoptiveltern alles vorwarfen, was die Bilder scheinbar belegten: Herzlosigkeit, Unmenschlichkeit, Verachtung der Pflegeeltern, bei denen das Kind 7 Jahre gelebt hatte. Hinzu kam, dass die Adoptiveltern in den USA wohnen und somit sich mehr oder minder unterschwellig noch ein Affekt gegen die ausgewanderten Rumänen einschlich, während die Pflegeeltern als de la noi (von uns) positioniert wurden. Einen Tag später demonstrierten bereits etwa 100 Menschen vor dem Haus der Pflegeeltern "für Sorina" und später vor dem Berufungsgericht in Craiova gegen ihre Adoption. Sie trugen Schilder mit den Losungen "Zerstört nicht das Glück eines Kindes", "Vereint euch für Sorina", "Lasst Sorina entscheiden" ( das rumänische Gesetz sieht eine Mitwirkung des Kindes erst ab 10 Jahren vor). PolitikerInnen wurden zum Eingreifen aufgerufen, Premierministerin Dăncilă - selbst Adoptivmutter eines Jungen, wie sie in einem Interview mit antena 3 im Januar des Jahres offengelegt hatte - sprach sich für eine Berücksichtigung des Kindeswohls und die Bestrafung der falsch handlenden Institutionen aus. Auch die Justiz wurde aktiv, Generalstaatsanwalt Bogdan Licu verlangte, die Ausreise der minderjährigen Adoptierten zu unterbinden, da sie keinen Pass habe und verhinderte so für zwei Wochen die Ausreise, bis das Gericht in Craiova entschied, dass die Adoption rechtens sei. So konnte die Familie Mitte Juli in die USA ausreisen.

Die Vorgeschichte dieser Adoption ist kompliziert und zog sich über 2 Jahre hin. Die Zeitung Adevărul  listete auf, welche juristischen und Verwaltungsschritte seit ihrer Ankunft in der Pflegefamilie 2012 mit anderthalb Jahren unternommen worden waren. Nachdem Sorina für adoptibilă (adoptionsfähig) erklärt worden war, hatten über 100 Familien sie abgelehnt (wohl vor allem, weil sie ursprünglich aus einer Roma-Familie kommt). Dadurch wurde sie als "schwer vermittelbar" auch für im Ausland lebende rumänische Familien adoptierbar. (Das Gesetz sieht für internationale Adoptionen nur Rumänen mit doppelter Staatsbürgerschaft vor!) Anfang 2018 beantragte die Familie aus den USA die Adoption, während die Pflegefamilie in Baia de Aramă, die noch andere Pflegekinder aufzieht, dies nicht tat und  zu einem bestimmten Zeitpunkt ausdrücklich auf die Adoption verzichtete. Sie hatte bei der DIICOT (Direcția de Investigare a Infracțiunilor de Criminalitate Organizată și Terorism - Sonderstaatsanwaltschaft für die Untersuchung von Verbrechen der organisierten Kriminalität und Terrorismus) geklagt, dass die Adoptivfamilie das Kind lediglich zur Organentnahme haben wolle. Im April 2019 entschied das Berufungsgericht in Craiova endgültig, dass die Adoption durch das rumänische Ehepaar in den USA rechtens sei. Die Behörden zeigten eher weniger  Entschlusskraft, bis im Juni die Staatsanwältin das Kind zu einer Untersuchung abholte.

Im Nachhinein gesehen warf der Fall ein Schlaglicht auf die nicht wenigen Kinder, die nach der Geburt in das System staatlicher Obhut geraten. Die katholische Theologin Gabriela Blebea Nicolae verwies in der Zeitschrift Dilema veche auf die noch viel schlechtere Lage der Kinder, die nicht wie Sorina adoptiert werden und mit der Volljährigkeit kaum Chancen auf ein selbstbestimmtes Leben außerhalb des staatlichen Betreuungssystems haben.

Advărul berichtete im September noch einmal über Sorina, als der Vater aus den USA verlauten ließ, dass es dem Mädchen gut gehe, es sich mit seinen Geschwistern gut vertrage, Klavier lerne und zum Ballett gehe.

*

 

Begann sich Mitte Juli die Öffentlichkeit nach der Abreise des adoptierten Kindes in die USA von dem Fall allmählich abzuwenden, so sollte das Verschwinden zweier Jugendlicher ebenfalls in Oltenien für eine bis heute anhaltende Aufregung in der Öffentlichkeit sorgen und viele an den Brand in dem Club Colectiv erinnern, in dessen Folge eine ganze politische Protestbewegung gegen die Korruption entstanden war.

Am 25. Juli gab die Familie von Alexandra Măceșanu über soziale Netzwerke ihre Suche nach der Jugendlichen bekannt, die am Tag zuvor morgens von ihrer Heimatgemeinde Dobrosloveni die wenigen Kilometer in die Kreisstadt Caracal per Anhalter gefahren war. Seither hatte sie niemand mehr gesehen oder kontaktieren können. Auch die Lokalpolizei suchte bereits nach der Jugendlichen und teilte dies in den sozialen Netzwerken mit. Was aber wenige Stunden später bekannt wurde, sollte den Fall zu einem weiteren Beweis für die fatalen Folgen rumänischen Behördenversagens machen. Denn während die lokale Polizei erst allmählich tätig wurde, erhielt die Mutter der Jugendlichen einen Anruf, in dem eine männliche Stimme mitteilte, dass Alexandra mit einem Freund nach England gefahren sei, um Geld zu verdienen und es ihr gut gehe. Dass dies nicht zutraf, wurde im Nachhinein klar, weil es am gleichen 25. Juli von 11:05 Uhr an drei Anrufe von Alexandra bei der Polizei unter der Notfallnummer 112 gab, in denen sie sagte, dass sie von einem Mann entführt und vergewaltigt wurde und in einem Haus gefangen sei. Der veröffentlichte Mitschnitt der Telefonate macht deutlich, dass die Jugendliche verzweifelt und voller Angst auf die Gefahr aufmerksam machen wollte, in der sie schwebt, während die jeweiligen Polizisten ihr nicht zu glauben schienen bzw. nicht in der Lage waren, von Alexandra die nötigen Informationen zu erhalten, um sie zu finden oder die Anrufe an die Stelle weiterzuleiten, die mit dem Verschwinden eines Mädchens aus Dobrosloveni sich befassen. Auch dem STS (Serviciul de Telecomunicaţii Speciale) gelang es nicht, anhand der Anrufdaten genau den Aufenthaltsort zu bestimmen. Die letzten Worte des Mädchens sind "vine, vine, criminalul" (er kommt, er kommt, der Verbrecher).Diese sprach sie, als sie von der Polizei auf dem Telefon zurückgerufen wurde. Mittlerweile wird davon ausgegangen, dass der Täter wenig später die Jugendliche tötete und in einer Metalltonne verbrannte.

Der Polizei gelang es erst gegen 2:30 Uhr am nächsten Morgen, den Aufenthaltsort von Alexandra herauszufinden, allerdings wartete sie bis 6:00 Uhr, um das Gelände des Gheorghe Dincă zu betreten, da dann erst ein Staatsanwalt die Erlaubnis erteilte. Dincă wurde auf dem Gelände angetroffen und stundenlang vernommen (offensichtlich unter Gebrauch von körperlicher Gewalt), wobei er zunächst die Tat leugnete.

Mittlerweile hatte ein Beamter der DIICOT im Zusammenhang mit dem Geschehen auch den Fall der bereits im April aus dem nahe bei Caracal liegenden Dorf Radomir, Gemeinde Dioști im Nachbarkreis Dolj verschwundenen 18-jährigen Mihaela Luiza Melencu aufgebracht und Dincă hierzu befragt. Die Schülerin war ebenfalls auf dem Weg nach Caracal verschwunden, wo sie Geld an einem Bankautomat abheben wollte, das ihre in England arbeitende Mutter geschickt hatte. Melencu lebte bei ihren Großeltern und ging in Craiova auf die Schule. Nachdem sie nicht von ihrer Fahrt per Anhalter zurückkehrte, wandten sich die Großeltern an die Polizei, die diesen Fall sehr zögerlich behandelte. Auch in diesem Fall gab es einen Anruf, bei dem ein Mann erklärte, dass die junge Frau mit einem Freund in die Schweiz gegangen sei und es ihr gut gehe.

Als am 26. Juni diese Nachrichten bekannt werden, geht eine Welle der Empörung nicht durch die lokale Bevölkerung des Kreises Olt. Über das Internet und das Fernsehen verbreiten sich die aktuellen Informationen, es kommt nicht nur in Caracal zu spontanen Demonstrationen mit Hunderten von Beteiligten. Alexandra victimă voastră eroina noastră (A. euer Opfer, unsere Heldin), Alexandra a sunat, nimeni nu a acționat (A. hat angerufen, niemand hat gehandelt), Vrem dreptate (Wir wollen Gerechtigkeit), Iartă-ne Alexandra (Verzeihe uns, A.), Corupția ucide (Korruption tötet), Rușine (Schande) lässt sich auf den selbst gebastelten Plakaten und Bannern lesen. Vor dem Anwesen des vermutlichen Täters versammelt sich eine Menge, die Polizei und Justiz ausbuht und Lärm macht, als der Verdächtige abtransportiert wird.

In Fahrt gekommen, setzt der Skandal nicht nur ungehemmte Verdächtigungen, Spekulationen, Vorwürfe frei, sondern veranlasst die Entlassung sowohl des höchsten Polizisten des Landes wie auch einiger weiterer unmittelbar Beteiligter Polizisten wie aus der STS. Ohne Unterlass beschäftigen die Hintergründe und Versäumnisse der Institutionen sowohl Presse als auch das Internet. Befördert wird dies durch die weitreichende Untersuchung des Geländes, auf dem der Verhaftete die beiden Frauen nach eigener Aussage ermordet hat und möglicherweise noch weitere grausige Funde gemacht werden. In jahrelanger Tätigkeit hatte der 66-jährige Dincă ein unübersichtliches Labyrinth von Aufbauten, Kellern, Zimmern mit einem überwucherten Hof an einer Ausfallstraße von Caracal geschaffen. Dincă lebte von Klempnerarbeiten, illegalen Taxifahrten, Kleinhandel. Aufnahmen von Überwachungskameras zeigen ihn an jenem Morgen, als er die Jugendliche Alexandra gekidnappt hatte. Auf dem Gelände gefundene Knochen erwiesen sich als die Alexandras, andere außerhalb in einem Wald gefundene sind die einer 15-20-Jährigen, vermutlich die Luizas.

Die Ermittlungen finden statt in einer Atmosphäre des Misstrauens, da viele jetzt von einer bisher tabuisierten Existenz von kriminellen Clans mit sehr guten Verbindungen zu Polizei und Politik in den vernachlässigten Städten Südrumäniens sprechen. Caracal sei eines der Zentren des Menschenhandels in Südrumänien, in dem junge Frauen zur Prostitution in Europa gezwungen werden.


Mehr Enescu!

 

 

 

Das Festival in Bukarest mit den großen Orchestern und den Spitzenstars

 

 

 

Fotos: www.kultro.de

 

 

In der ersten Woche des Dirigats von Kirill Petrenko mit den Berliner Philharmonikern führt die Reise das Spitzenorchester nach Salzburg, Luzern und - Bukarest! Hier eröffnen sie das 24. George Enescu-Festival mit zwei aufeinanderfolgenden Abenden, die nach den Berliner Auftritten in der Philharmonie und am Brandenburger Tor (vor 30000 HörerInnen) große Erwartungen erweckten.

 

Dem Schauplatz und dem Anlass entsprach der Auftakt mit Enescus Rapsodia română, deren Präzision unleugbar war, deren Esprit von dem hochkarätigen Orchester aber eher nur angedeutet wurde. Wo Enescu rumänische Geigen im Tanz erklingen lässt, hört man eine Art Abstraktum davon. Dabei hatte noch der künstlerische Leiter des Festivals, Vladimir Jurowski vor Beginn des Konzerts in einer Videobegrüßung darauf hingewiesen, dass es gelte, Enescu als einen der großen Komponisten des 20. Jahrhunderts wahrzunehmen. (In einem Beitrag zum Programmkatalog hat die Musikwissenschaftlerin Valentina Sandu-Dediu einige der Gründe für die nachhaltige Marginalisierung der osteuropäischen Musik zusammengestellt.) 

 

Es folgte Beethovens 9. Symphonie mit der Berliner Besetzung vom Wochenende zuvor (Marlis Petersen, Elisabeth Kulman, Benjamin Bruns, Kwangchul Youn) und dem Philharmonischen Chor „George Enescu“ einstudiert von Iosif Ion Prunner. Hier war die Akribie der Auseinandersetzung mit dem Werk deutlich bemerkbar, Petrenko schöpfte aus dem Vollen seiner Fähigkeiten, wurde jedem der unterschiedlichen Teile gerecht. Der von Beethoven intendierte, zunächst fast kakophonisch wirkende Einsatz menschlicher Einzelstimmen in die Instrumentation wird von Petrenko in eine kontrollierte ausdrucksmächtige Harmonie der Chorstimmen überführt, die noch einmal die Sequenzen der Symphonie in sich aufnimmt. Die Chorführung gelingt dem früheren Orchesterleiter der Komischen Oper Berlin ebenso bewundernswert wie seine Abstimmung der Klangkörper ein überzeugendes Bild der emblematischen 9. Symphonie liefert. Das Publikum zeigt sich begeistert.

Der zweite Abend bietet Schönberg und Tschaikowsky – im Ergebnis mag die Präferenz aus mehreren Gründen auf Schönberg liegen. Den Hauptgrund dafür aber liefert Patricia Kopatchinskaja aus der Republik Moldau. Ihr Spiel in Schönbergs Konzert für Violine, op. 36 ist von einer Lebendigkeit und Darstellungskraft, die wunderbar der Präzision des Orchesters entspricht. Im Programmheft als eines der schwersten – wenn nicht gar das schwerste – Violinkonzert genannt, weicht jede Wahrnehmung von Anstrengung vor der Perfektion von Orchester und Solistin zurück. Es tritt eine Selbstverständlichkeit und moderne Schönheit dieser Musik hervor, die ihren Rang erhöht. (Zu seinem Orchesterjubiläum rief Kopatschinskaja Laurențiu Dincu, den langjährigen rumänischen ersten Geiger der Berliner Philharmoniker hervor, um mit ihm ein Ligeti-Stück zu intonieren.)

Hatte Petrenko bereits bei Beethoven seine lyrische wie auch brachiale Seite erkennen lassen, so kam letztere insbesondere in der Schlussphase von Tschaikowskys 5. Symphonie in e-Moll zum Tragen. Die Organisation dieser rasenden und komplexen Tempi und Wechsel gelingt triumphal in einer ansonsten eher weniger aussagekräftigen Symphonie. Zugespitzt gesagt: Die Überraschung des Abends bleibt Petrenkos Schönberg.

*

 

Wie ein musikalisches Kontrastprogramm gegen die sinfonischen Großunternehmen wirken die Aufführungen im auch architektonisch mit dem Betonbau aus kommunistischer Epoche kontrastierenden ornament- und bilderreichen Baujuwel des Ateneu. So entführte spät abends Michael Keustermans' La Cetra d'Orfeo „Ay Amor“ in die renaissancistische und vorbarocke Musik lateinischer Länder Europas und Südamerikas. Frescobaldi, Juan del Encina, Andres Flores, Falconière, Henry Le Bailly, Juan Garcia de Zéspedes oder Santiago de Murcia waren einige der zahlreichen Komponisten (oder Sammler) der Liebeslieder, die hier aufwendig mit Gewinn präsentiert wurden. Der melancholische Sopran von Marie de Roy trug dazu ebenso bei wie der brillant aufgelegte Bukarester „Madrigal“-Chor in der Einstudierung von Anna Ungureanu (in Kostümen der Epoche) wie auch die illustrativen Tanzeinlagen der ebenfalls in der Kleidung der Zeit auftretenden Tänzer und Tänzerin(Lieven Baert, Jaime Puente, Marie Hurtado). Die Begeisterung des Flötisten Keustermans' und seiner MitspielerInnen Philippe Malfeyt (Theorbe, Charango), Ariane de Bièvre (Perkussion, Flöte, Charango), Johan van Aken (Geige), Hannelore Devaere (Harfe),  Martin Bauer (Viola da Gamba) übertrug sich schnell auf ein auch bei diesen Concertele de miezul nopții immer noch aufnahmewilliges und dankbares Publikum.


Am Sonntagnachmittag begann der Auftritt der Sopranistin Diana Damrau mit dem Harfenisten Xavier de Maistre zunächst mit einigen kleinen Unaufmerksamkeiten im Publikum: Flüstern,  Applaus zwischen den Stücken, Geräusche der Kamerleute. Aber Damrau machte rasch deutlich, dass ihr Part ein geschlossener sei, der unterschiedliche Texte und Stücke umfasste, so dass sich bald eine Aufmerksamkeit bildete, die den Nachmittag zu einem fulminanten Erfolg für beide Künstler machte. Damraus unprätentiöse, aber kraftvolle und modulationsreiche Stimme offenbarte sich im Laufe des Auftritts als ein Instrument, dessen technische Beherrschung die Sängerin zur Entfaltung einer außergewöhnlichen Ausdruckskraft befähigt. Lieder von Mendelssohn, Reynaldo Hahn und Francis Poulencs Zyklus La courte paille boten Damrau unterschiedlichste Gelegenheiten, ihre große technische Variationsbreite und stimmliche Meisterschaft einem zunehmend in ihren Bann geschlagenen Publikum darzubringen. Dass dieser Nachmittag mit standing ovations, mehreren Zugaben und frenetischem Beifall endete, ist gleichermaßen dem Ausnahmekünstler de Maistre zu danken, der die Harfe als ein ideal erscheinendes Pendant zur Stimme der Sopranistin und im Solo als adäquates Instrument der vorgestellten Werke erscheinen ließ. Seine variationsreiche Interpretation der für die Harfe geschriebenen oder arrangierten Stücke begeisterte das Publikum ebenso wie das genaue Eingehen auf Damraus Gesang.

Die Alternativen zum sinfonischen Kanon reizen selbst einige der Berliner Symphoniker. Da es nur wenige Stücke für mehrere Celli gibt, beruht das Repertoire der 12 Cellisten der Berliner Sym-phoniker vor allem auf eigenen Bearbeitungen. Mag man einem monoinstrumentalen Ensemble nicht unbedingt große Variationsbreite zutrauen und auch nichts mehr von der 'zigsten „Classic goes Pop“-Adaption hören – hier geht es um etwas völlig anderes. Die 10 Männer und 2 Frauen befreien förmlich das Instrument von seiner historischen sinfonischen Zwangsjacke und zeigen das Cello als multifunktionales, multimediales und aufregend aktuelles Werkzeug musikalischer Ausdruckskraft. Von der Violine bis zum Bass, von der Trompete bis zur Gitarre und Perkussion, nichts scheint mit den Celli nicht darstellbar zu sein. Und hier erlaubt die spielerische Perfektion  dieses Ensembles Ausflüge in fast jede musikalische Richtung. Da klingt bei einer Duke Ellington-Adaption plötzlich der Sound der deutschen Radio-Big-Bands durch, da wird aus James Horners Titanic-Filmmusik ein ernstzunehmendes individuelles Stück, da machen die Variationen zu Astor Piazolla eine Ikone moderner Musik neu erkennbar. Es ist die musikalische Intelligenz des Ensembles, die erstaunliche innovative Wege eröffnet und Musik zu einer  intellektuellen Aussage in Zeiten der medialen Diversifizierung befähigt. Nicht zuletzt dieser unter Ovationen und Zugaben endende späte Abend zeigt ein lebendiges, aktuelles und auf höchstem Niveau reflektierendes Festival.

*

 

Ein anderes Bild boten die Auftritte des Nationalen Polnischen Radiosymphoniorchesters unter Lawrence Foster im Ateneu und des Symphonieorchesters London unter Gianandrea Noseda im Sala Palatului. In Anwesenheit des Komponisten eröffnete Foster mit Adrian Pops Solstițiu, einer auf alten Volksliedern aufbauenden Komposition, die im stetigen Anschwellen eine eigene suggestive Dynamik entwickelt und Raum für überraschende Brüche und Wechsel gab. Dem Ausflug in die Gegenwartsmusik stand Chopin entgegen mit dem Konzert Nr. 1 in e-Moll für Piano und Orchester. Das romantische Fließen fand in Szymon Nehrings Klavierspiel ein adäquates Spiegelbild. Foster dirigierte engagiert und nuanciert Chopins frühe Symphonie. Polnisch blieb es mit dem Sprung in die Moderne von Witold Lutoslawskis. Dessen vielfach als Radio- oder TV-Erkennungszeichen benutzte Sequenz aus dem Konzert für Orchester konzentrierte eine rebellisch-laute, schnelle Musik, die mitreißt und im Kontrast zu Chopin einen anderen Zugang zur Welt eröffnet - den der Empörung. 1950-54 entstanden dürften die Zeitläufte hier ihre Spuren hinterlassen haben, wiewohl musikalisch auch hier traditionelle Melodien der Folklore im Hintergrund stehen. Ein packendes und mitreißendes Konzert, das großen Beifall hervorrief.

Am Abend standen Enescu, Bell, Britten, Strauss im großen Saal des Sala Palatului auf dem Programm. Thematisch waren der rumänische und der englische Klassiker durch das Thema des Meeres miteinander verbunden: Enescus außergewöhnliche symphonische Dichtung Vox Maris (op. 31) traf auf Brittens Vier See-Interludien und die Passacaglia aus seiner Oper Peter Grimes. Beide Stücke schienen das Publikum zu überfordern. Während Vox Maris durch Telefongeklingel, Entrüstung und vorzeitige Applausversuche um seine Schlusstakte betrogen wurde, wirkte die Auswahl der Interludien und der Passacaglia so wenig ausstrahlend, dass der eher verhaltene Applaus die durchaus brillante und engagierte Aufführung unter Wert beurteilte. Aber der Auftritt der Damrau mit der Weltpremiere der eigens für sie von dem anwesenden englischen Komponisten Iain Bell geschriebenen Liederzyklus für Sopran und Orchester The Hidden Place machte diese Talsohle wieder wett. Damraus Gesang schmiegt sich den leicht romantisch-elegischen Klängen der vier Stücke zu den Jahreszeiten mit dem Thema der Vergänglichkeit der Liebe perfekt an. Und erobert das Publikum auch mit den Schlussliedern aus der Strauss'schen Oper Capriccio von 1942. So bot dieser Tag von Lutoslawski über Britten bis zu Strauss eine unübersehbare Hinwendung zu den Realien des 20. Jahrhunderts - und ihrem Aufscheinen in der Musik.

 

 

Das Festivalul Internațional "George Enescu" läuft noch bis zum 22.09.2019 in Bukarest und weiteren rumänischen Städten.

 

(Programm hier)


Rumänien im Sommer (II)

 

China ist da

 

 

 

 

Foto: www.kultro.de

 

In der Stadt Piatra-Neamț am östlichen Karpatenrand hat die Neuzeit der Transition durchaus Einzug gehalten. Davon künden äußerlich eine riesige Carrefour-Mall, zwei große renovierte Hotelhochhäuser, eine Reihe von Einkaufsmöglichkeiten, ein zu aufdringlicher Autoverkehr mit fast nur neuen ausländischen Wagen, erneuerte Trottoirs, renovierte oder neu erbaute Villen in blühenden Vorgärten, ein blinkendes neues Fußballstadion, zahlreiche neu gebaute große Kirchen und manch anderes mehr.

Jenseits dieser ins Auge fallenden Neuerungen sind allerdings die Überbleibsel der Vergangenheit ebenso nicht zu übersehen. Im Stadtteil Dărmănești steht noch, was früher Orion hieß, eine nicht übermäßig große Betonburg als Einkaufscenter mit unterschiedlichen Geschäften und Dienstleistungen. Es führt uns die Suche nach einer Lego-Transformers-Figur in das Gebäude, das auch einen chinesischen Laden beherbergen soll. Es zeigt sich, dass das komplette Obergeschoss Verkaufslokal chinesischer Waren ist - günstige (oder billige) Jacken, Kleider, Spielzeug, Haushaltswaren, die zumeist aus Plastikkunststoff hergestellt sind. Geleitet wird der Laden offensichtlich von einem Asiaten und auch eine Verkäuferin scheint asiatischer Herkunft. Bei der Präsenz chinesischer Billigwaren weltweit ist daran sicher nichts Ungewöhnliches festzustellen. Überraschend wird es aber, wenn man dann an der gleichen Straße etwas stadteinwärts ein noch größeres Geschäft in einem neuen Betongebäude neben dem großen Kaufland-Einkaufszentrum findet. In dem ungelüfteten riesigen Raum riecht es penetrant nach Plastik, das Angebot ist von gehobenerer Qualität mit viel Kinderspielzeug. Und wirklich überrascht ist man dann beim Besuch eines weiteren Betonkomplexes gegenüber des alten Historischen Museums im Zentrum der Stadt, der ebenfalls bessere Tage gesehen zu haben scheint. Im obersten Stock neben einem Club findet sich ein chinesisches Geschäft, vor allem mit Sommerkleidung und Sportgeräten. Aber hatten wir nicht noch an einer zentralen Straße neben dem zentralsten Einkaufszentrum am Hotel Plaza  ein chinesisches Geschäft gesehen? Auch in diesem am sichtbarsten plazierten Magazin chinezesc finden sich all die Dinge, von denen man bisher nur vermutete, dass sie in China hergestellt wurden. Jetzt macht ein Blick im Geschäft klar, dass dies auch der Fall ist. Und die Krönung stellt die Verwunderung über einen kleinen Laden im Orion dar, dessen gehobene Ausstattung mit Kleidung und Spielzeug ihn erst auf den zweiten Blick als chinesische Verkaufsstelle entpuppt. Ganz anders ist hier die Präsentation der Einzelstücke, qualitativ heben sich die Kleidungsstücke von den bisher gesehenen chinesischen Waren ab und fallen gegenüber denen in nichtchinesischen Läden kaum auf. Die gesuchte Transformers-Figur fand sich leider nirgends.

Alle diese chinesischen Läden haben wegen ihrer unterschiedlichen Präsentation und Niveau ihre Kundschaft, günstige Produkte finden für eine bestimmte Käuferschicht immer Kaufwillige. Dass dies in der rumänischen Provinz mit fast flächendeckender Präsenz allein aus chinesischer Herkunft gedeckt wird, macht deutlich, wie sehr das Modell des fernöstlichen kommunistischen Staates mit der ultrakapitalistischen Wirtschaft bereits die ausufernden Basare der Nachwendezeit Osteuropas (von denen es auch einen am Rande der Stadt gibt) verlassen und sich nun auf die nicht nur unteren Preissegmente fast aller Waren des täglichen Bedarfs ausgebreitet hat. Piatra-Neamț hat jedenfalls mindestens 5 große solcher chinesischer Verkaufsstellen vorzuweisen - und man braucht nicht viel Phantasie für die Annahme, dass es in zahlreichen rumänischen Städten auf dem Land nicht sehr viel anders aussieht. Und auf dem Markt der Stadt mit seinen zahlreichen Ständen und Geschäften erwecken jetzt auch billige Plastikwaren unsere besondere Aufmerksamkeit.

 

*

Neversea, Untold, Afterhills, Electric Castle - Markennamen im trendigen Englisch? In gewisser Weise schon. Aber nicht Gegenstände als Waren sind hier gemeint, sondern Dienstleistungen oder genauer künstlerische Darbietungen - es handelt sich um die Namen von Megamusikfestivals in Rumänien. Spätestens fünfzig Jahre nach Woodstock, der Mutter aller Rockfestivals, hat der internationale Markt für solche Veranstaltungen auch Rumänien entdeckt. Landesweit werben die Medien für UNTOLD und Electric Castle in Cluj (Klausenburg), die große Besucherzahlen in die Universitätsstadt im Norden Siebenbürgens anlocken. Electric Castle findet beim Banffy Schloss in Bonțida statt und hat seinen Namen wegen der eher an elektronischer Musik orientierten Ausrichtung. Hauptact waren Mitte Juli neben dem DJ Nils Frahm und rumänischen Musikern wie Subcarpați, der Heldin älterer Generationen Loredana, den Berlinern Zmei3 auf der zentralen Bühne Florence and the Machine und Thirty seconds to Mars, aber auch die Rockband Limp Bizkit aus den USA. Ihr Konzert war mit 50000 Fans ausverkauft, an den 5 Tagen waren etwa 200000 auf das Gelände mit 10 Bühnen einige Kilometer von Cluj entfernt gekommen, was natürlich ein riesiges Transportchaos verursachte. Ansonsten versucht dieses wie die anderen Festivals als "grün" rüberzukommen, von Lidl (!!) gesponsert wurde eine Eco-Bühne und ein Mülltrennungsverfahren.  Der Discounter festigt damit in Rumänien sein Image als Mittelklassesupermarkt. Ansonsten bot das Festival zahlreiche Möglichkeiten zu kreativen Aktivitäten.

Noch mehr Besucher zieht UNTOLD in Cluj an: Die Festivalorganisatoren nannten dieses Jahr 372000 Besucher an 4 Tagen zu dem im Zentrum der Stadt und vor allem im Fußballstadion auf 10 Abspielstätten (darunter ein Tramwaggon!) angesiedelten Musikereignis. Headliner waren in diesem fünften Jahr der Veranstaltung der Sänger Robbie Williams und die Star-DJs Paul Kalkbrenner, David GuettaArmin van Buuren, aber auch Alt-Rapper Busta Rhymes oder der rumänische Star Smiley. Eine spektakuläre Lightshow zum Finale ließ das Stadion aufblitzen und erglühen.

UNTOLD setzt bei seinem Vermarktungskonzept vor allem auch auf die Wirkung in die Stadt hinein, indem es aus dem Erlös sowohl den benutzten Park neu bepflanzt als auch Kinderspitäler und andere soziale Einrichtungen mit neuer Ausstattung versieht. 20% der BesucherInnen kommen aus Cluj, 20% aus dem Ausland, der Rest aus Rumänien, teilen die Veranstalter mit. Und lassen in der Stadt eine durchaus meßbare ökonomische Spur hinter sich. Im Ansturm der Massen von Zuschauern können luxuriöse Studentenwohnungen schon einmal für über 1000 Euro vermietet werden. Allerdings sieht sich das Festival wegen seiner Größe und der mitten in der Stadt in einem Park aufgebauten Bühnen auch kritischen Kommentaren gegenüber.

Am Meer in Constanța findet Neversea statt, nach eigener Einschätzung das "größte Strandfestival Europas". Hier dominieren am Stadtstrand unterhalb der Uferklippe Constanțas elektrische DJ-Musik bis in den späten Vormittag, sportliche Aktivitäten, Wasser, Sonne. Einige Bühnen sind auf dem Wasser installiert. Die Reihe der DJs ist endlos für die 4 Tage Unterhaltung, deren musikalische Darbietungen vor allem nachts durch permanente Light-und Lasershows sich ins Gedächtnis einschreiben. Unter den Acts sind Sean Paul, die junge rumänische Band The Motans, das Hip-Hop Urgestein Paraziții.

Noch nicht beendet ist das Afterhills Festival in Iași, das vor allem am Wochenende stattfindet. Es startete am 23. August auf 5 Bühnen und wird am 1. September enden. Am ersten Wochenende zog es 67000 Besucher an, als der Topact auf der Bühne stand - die englische Pop-Sängerin Rita Ora. In Dobrovăț bei Iași auf einem Wiesengelände zwischen den Hügeln finden unter der Woche vor allem  familienfreundlichere Formen der Unterhaltung statt, Kino, Comedy, Graffiti-Painting, Klettern, Tanzen und einige DJ-Acts. Das Festival im dritten Jahr ist das größte der Moldau. Am letzten Wochenende sind u.a. Morcheeba und Les Elephants Bizarres oder auch Subcarpați die Highlights.

Aber nicht nur diese Festivals fanden ihr zahlreiches Publikum: In Bukarest traten im neuen Nationalstadium die Alt-Rocker von Metallica und vor dem Parlamentspalast Bon Jovi vor jeweils mehreren Zehntausenden Fans auf - Open-Air allerorten.


Rumänien im Sommer (I)

 

 

Impressionen und Splitter

 

 

 

 

Fotos: www.kultro.de

 

Der globale Klimawandel hat (natürlich) auch Rumänien erfasst: Dauerregen, Überschwemmungen, Unwetter, Orkane, Temperaturrekorde und abrupte -stürze prägen das Wetter seit Wochen. Das frühere Kontinentalklima mit ziemlich  stabilem heißem Sommerwetter von Mai bis Oktober - höchstens unterbrochen von kurzen Unwettern - gehört der Vergangenheit an. Unberechenbar sind die Vorhersagen, dauernder Wechsel wo früher Stabilität den Sommer zu einer  unendlich wirkenden Jahreszeit machte. Immerhin lässt der Regen das Land grün erscheinen. Eine ganz neue Erfahrung: Die stundenlange Eisenbahnfahrt von Bukarest ins nur 350 Kilometer entfernte Piatra-Neamț am östlichen Karpatenrand führt nicht wie üblich durch eine verbrannte braun-schwarze Landschaft, sondern durch grüne Hügel und Ebenen.

Diese Veränderung ist natürlich auch im Land nicht unbemerkt geblieben. Ein Taxifahrer in Bukarest stellt fest: "Die Jahreszeiten sind zerstört!" Ein Fahrer in Piatra-Neamț glaubt, dass dies durch "die Raketen" verursacht worden sei. Auf die Entgegnung, dass vor allem die Industrie und der Autoverkehr die Atmosphäre zerstören, meint er sarkastisch: "Industrie haben wir nicht, da sind wir aus dem Schneider."

Das immer wieder wechselnde Wetter und der immer wieder auftretende Starkregen begleiten den Aufenthalt über Wochen hinweg.

Dass das Autofahren mit diesem Klimawandel direkt zu tun hat, setzt sich allmählich als Bewusstsein durch. Ganz erstaunt ist man, wenn man vom Taxifahrer in Bukarest hört: "Es gibt zu viele Autos in der Stadt!" Das ist nicht unbedingt auf die Umweltzerstörung gemünzt, aber dennoch ein vorher nie gehörtes Statement. In der Tageszeitung Adevărul weist ein Kolumnist auf die Situation in Bukarest hin, dessen Luft nach einer von der Stadt veröffentlichten Studie seit Jahren hoch verschmutzt und krebserregend sei. Als Konsequenz müssten eigentlich alle Autos mit Diesel Euro 3 und 4 verboten werden, wenn man die Hauptursache der Verschmutzung beseitigen möchte, wie es die EU verlangt.

Keine leichte Aufgabe, denn Autofahren (vor allem mit großen Protzautos) gilt schließlich in Rumänien weitgehend als sakrosankt. Entsprechend haben FahrradfahrerInnen und FußgängerInnen einen schweren Stand, wenn etwa die Trottoirs quer bis zur Hauswand zugeparkt werden. In den Dörfern wird das Tempolimit nur selten eingehalten, ausgebaute Straßen, die für FußgängerInnen nur schwer zu überqueren sind, teilen die Ortschaften in zwei Hälften. Das Rasen  mit den PS-starken ausländischen Wagen ist ein Volkssport vor allem jüngerer Männer, der immer wieder hohe "Opfer" produziert. Deren genaue Zahlen blieben bisher weitgehend im Dunkeln, jetzt schreibt die Zeitung Evenimentul zilei, dass Rumänien nach einer EU-Studie die höchsten Todeszahlen im Straßenverkehr habe: 96 Tote auf 1 Million Einwohner, während es in Großbritannien "nur" 28 sind. (Deutschland liegt auf dem 21. Platz (bzw. 8. Platz mit den wenigsten "Opfern")). Die Zeitung nennt als Ursache die schlechten Straßen (und wirbt so für den Bau von Autobahnen) und die Überschreitung der angemessenenen Geschwindigkeit. Letztere ist immer wieder zu beobachten, gepaart mit  unvorstellbaren Fahrmanövern. So bremst in einer Ortschaft in einer scharfen Rechtskurve der Fahrer eines regulär verkehrenden Minibusses nicht  hinter einem Pferdewagen, sondern überholt als gerade ein großer Lkw entgegenkommt - Verantwortungsbewusstsein à la roumaine. Ein anderer Minibusfahrer fängt irgendwann an, auf dem Handy zu tippen - nicht um zu telefonieren, sondern um Textnachrichten zu schreiben. Zu diesen selbst erlebten Fällen addieren die Medien die drastischen Nachrichten von Unfällen mit vielen Toten.

Lieblingsthema der Lokalpolitiker in der Moldau und Siebenbürgen hingegen ist der Bau von  Autobahnen. Während nach einigen schlechten Erfahrungen mit ausländischen Firmen viele Rumänen glauben, es gäbe überhaupt keine Autobahnen im Land und jede Verzögerung oder Schwierigkeit beim Bau in den Zeitungen als Bestätigung hierfür gilt, sind dennoch bereits nicht wenige Kilometer in die Landschaft gefräst worden. Allerdings nicht in der Moldau, deren Wirtschaft von der Politik in Bukarest dringend eine Verbindung über die Karpaten nach Târgu Mureș in Siebenbürgen verlangt. Das bisherige Scheitern dieser Forderung ist für die Moldauer ein weiterer Baustein für das Bild der Vernachlässigung der Moldau durch die Regierung in Bukarest, für die Rückständigkeit der Region, Anlass für die Verachtung der Politiker, etc. Bei dieser ökonomisch an steigender Produktivität und wachsendem Gewinn orientierten Forderung wird die daraus folgende Zerstörung der bisher weitgehend intakten Landschaft der Karpaten meist mit keinem Wort erwähnt.

Welche Folgen der motorisierte Individualverkehr haben kann, zeigt die Straße zwischen Târgu Neamț und Iași. Die Metropole der Moldau zieht unweigerlich große Verkehrsströme an und wächst entlang der E 58 nach Westen. Hier haben sich im Laufe der letzten 15 Jahre nicht nur Metro oder Carrefour auf der flachen Wiese des breiten Tals Richtung Târgu Neamț angesiedelt, es sind zahlreiche Autohäuser, Verkaufslager, Supermärkte, hinzugekommen. Und entsprechend steigt der Verkehr auf der teilweise zweispurigen Straße an. Welche Folgen Unachtsamkeit, Verantwortungslosigkeit, Hektik und Stress der FahrerInnen dabei entfalten können, zeigen die bereits verwitternden Kreuze an beiden Fahrbahnrändern - es vergeht kaum ein Monat, an dem auf dieser Strecke nicht ein Mensch stirbt. Oft sind es Fußgänger, die in dem Iașier Ortsteil Valea Lupului die Straße überqueren wollen. Auf den 50 Kilometern von Târgu Frumos bis Iași ließen sich vor einigen Jahren allein 16 Kreuze aum rechten Straßenrand zählen, die Zahl der "Opfer" dieser "Todesstrecke" liegt natürlich weit höher.

Vom wachsenden Autoverkehr nicht verschont bleiben auch die touristisch interessanten Ziele. Das so idyllisch am Rande der Berge in der Bukowina gelegene Gura Humorului verzeichnet im Zentrum während der Arbeitswoche einen solchen Verkehr von Besuchern in Bussen, von Einheimischen, Wirtschaftsfahrzeugen, etc., dass von einem "Luftkurort" kaum noch die Rede sein dürfte. Vor allem ist es der Schwerlastverkehr von Lkws und Transportern, der den Aufenthalt im Zentrum eher als lautes Spektakel in Abgaswolken denn als Erholung erleben lässt. Einer der Gründe dieser Ballung liegt in der Tatsache, dass es keine Straßenalternative aus dem Tal von Câmpulung Moldovenesc nach Osten Richtung Iași gibt.

So bleibt der Autoverkehr eines der Probleme in einer Region, deren landschaftliche Schönheit nur bewahrt werden kann, wenn nicht versucht wird, diese der bequemen Erreichbarkeit und Zugänglichkeit zu opfern - während zugleich die wachsenden Chancen des EU-Staates auf ökonomischem Gebiet den Ausbau des Straßennetzes unausweichlich zu machen scheinen.

In diesem Zusammenhang wurde bisher das Eisenbahnnetz kaum genannt. So überrascht es, in der Tageszeitung Adevărul eine Meldung zu finden, die den Niedergang der CFR (Câile Ferate Române - Rumänische Eisenbahnen) konstatiert. Anlass ist eine neue Studie des Transportministeriums, nach der in den vergangenen 20 Jahren die Infrastruktur der staatlichen Bahngesellschaft kontinuierlich vernachlässigt worden sei und diese daher erheblich an Kunden verloren habe. Die geringe Geschwindigkeit aufgrund der schlechten Schienenverhältnisse und die ebenfalls aus der schlechten Infrastruktur resultierende Unpünktlichkeit seien die Hauptgründe für das geringe Nutzeraufkommen. Die Misere gehe aber letztlich vor allem auf die chronische Unterfinanzierung seit 1990 zurück.

In der Tat stellt die rumänische Bahn ein spezielles Vergnügen dar: War vor 20 Jahren die Fahrt von Bukarest bis Iași (400 km) eine 6-stündiges Dahinkriechen, so bestand doch die Hoffnung, dass in der Zukunft diese Fahrzeit auf vielleicht 5 oder gar 4 1/2 Stunden reduziert werden könnte. Mittlerweile dauert diese Fahrt aber fast 7 Stunden! Und die jetzt häufigen und gut gefüllten Flüge brauchen dafür nur 1 Stunde. Wie sehr das Zugfahren ins Hintertreffen geraten ist, zeigt die Tatsache, dass die CFR es für nötig hält, Plakate in den Zügen anzubringen, auf denen klargestellt wird, dass man für die Zugfahrt eine Fahrkarte braucht und dass bestimmte Regeln zu befolgen sind. Dennoch gelingt es immer wieder, mit dem Schaffner "Deals" zu beiderseitigem Vorteil (und Nachteil der CFR) zu vereinbaren. Im Zug von  Câmpulung Moldovenesc nach Gura Humorului fängt eine Reisende eine lautstarke Diskussion mit dem Schaffner an, weshalb so wenige Wagen für die zahlreichen Reisenden bereit gestellt werde, während auf anderen Strecken die Züge nicht so überfüllt seien. Sie fordert bessere Versorgung durch die Bahn, worauf der Schaffner nur wenig zu antworten weiss. Ein deutliches Zeichen für die beginnende Veränderung des Denkens könnte das Wiederaufkommen des Fahrrads im Nahbereich darstellen. Überall sind jüngere Menschen mit neuen Fahrrädern unterwegs. Selbst die zunächst eher wie ein Feigenblatt für eine verfehlte Verkehrspolitik wirkenden grünen Radstreifen in Bukarest machen mittlerweile Sinn, da sie von zahlreichen "bicicletiști" benutzt - und vielfach auch von den AutofahrerInnen respektiert werden.


 Im Inneren eines Paradieses

 

 

Georgien in Text und Bild

 

 

 

 

Im Jahr 2018 war Georgien das Gastland der Frankfurter Buchmesse. Seitdem gibt es nur wenige Publikumsverlage, die nicht Bücher aus Georgien verlegt haben. Das Nachbarland Rumäniens jenseits des Schwarzen Meeres setzte große Mittel ein, um seine Literatur und Landschaft im deutschsprachigen Raum über den Status des "Geheimtipps" hinaus bekannt zu machen. Diesen Zweck erfüllen auch die beiden unterschiedlichen Fotobände von Gerald Hänel und Wolfgang Korall sowie ein Reisebuch mit Impressionen des Journalisten und Verlegers Volker Dittrich.

 

Für Dittrich fing alles mit einer Reportage über georgische aufständische Soldaten auf der niederlän-dischen Insel Texel am Ende des Zweiten Weltkriegs an. Diese seltsame Geschichte brachte ihn am Ende der Sowjetunion in das Kaukasusland, wo einer der Teilnehmer 1992 noch lebte. Er lernte die Familie kennen, hielt Kontakt über Jahre hinweg, besuchte dann 2002 und ab 2007 wiederholt den Kaukasus wieder. Durch das Anwachsen der Zahl der Freunde und Bekannten erhält die/der LeserIn einerseits Details über das Alltagsleben einer Reihe von Menschen, zugleich gilt Dittrichs journalistische Neugier den politischen und historischen Hintergründen, die er sich immer wieder von seinen Freunden erklären lässt. Im Laufe der Lektüre entwickelt sich eine ganz eigene Verbundenheit mit dem Personal von Dittrichs Reisen und seinem Blick auf Georgien. Auch gehen Gespräche und Interviews mit Diplomaten, PolitikerInnen und Wissenschaftlern wie dem Berliner Zaal Andronikashvili,  in die Darstellung ein. Dabei wechselt der Autor oft ohne Anführungszeichen in die Aussagen der Befragten, was die Unmittelbarkeit und Subjektivität des Gesagten erhöht. Im Gespräch mit der früheren Außenministerin Maia Pandschiditse erfährt man, dass diese die Einladung zur Frankfurter Buchmesse initiierte und auch gegen Unverständnis im Land durchsetzte.

So entsteht ein plastisches, facettenreiches Fresko des jungen Staates seit seiner Unabhängigkeit von der Sowjetunion im Jahre 1991. Nicht wenige der postsozialistischen Probleme (Korruption, Unterentwicklung, Instabilität, Demokratiedefizite, etc.)  scheinen den rumänischen dabei nicht sehr fremd zu sein. Der Band enthält zudem eine Reihe von Farbfotografien des Autors, die einige der erlebten Szenen und Begegnungen zeigen.

Die bildliche Repräsentation des Landes setzen auf unterschiedliche Weise die beiden anderen Bände in Szene. Sie können dabei durchaus auch als fotografische Umsetzung der Beschreibung betrachtet werden. Der weitgereiste Fotograf Gerald Hänel hat in dem zweisprachigen Band (deutsch-englisch) die Motive der grandiosen Landschaften ebenso wie die Gegenwart der Städte nebeneinander versammelt. So wirkt manches wie eine aktuelle Entdeckung, anderes wie eine zeitlose Perspektive auf eine unveränderte archaische Landschaft mit uralten Kirchen und Türmen, in denen Gläubige ihre Riten absolvieren. Wiederum anderes eher journalistisch, ereignishaft, wenn in der Stadt junge Leute feiern oder Schachspieler und Kinder mit Disney-Figuren im Park abgelichtet werden. Diese anschauliche Mischung ergänzt ein Beitrag des georgischen Autors Archil Kikodze, der in einem Nachwort die unterschiedlichen Regionen des kleinen Landes mit ihren z.T. wohl sehr unterschiedlichen Bewohnern skizziert. So vermischen sich Bilder und Text zu einer lebhaften Vorstellung von Georgien heute und in der Vergangenheit.

Wolfgang Koralls großformatiges Album ist im Unterschied zu Hänels Band Ergebnis  eines besonderen Projekts. Bereits in DDR-Zeiten reiste der damalige Jenenser Student auf abenteuerlichen Wegen durch das sowjetische Georgien, wo er viele Freundschaften knüpfte und über das er bereits 1991 einen Bildband ("Swanetien - Abschied von der Zeit") veröffentlichte. Seit 2008 bringen ihn mehrere Projekte zurück, 2011 geht es um die Nationalheilige Nino aus dem Mittelalter, auf deren Wegen und Spuren sich Korall durch Georgien bewegt. Der Titel des Bandes geht vor allem auf dieses spirituelle Unternehmen zurück, wobei sich wie Kaskaden die Fotos aus den Jahren davor dazugesellen. Natürlich wirken die grandiosen Landschaften des Kaukasus mit ihren schneebedeckten Gipfeln und den Wäldern und Wiesen in  diesem Format besonders eindringlich, jedes Bild hat seine eigene Seite. Aber auch die Städte mit ihren Kontrasten sind bei Korall eingefangen. Das Besondere dieses Bandes machen aber auch die rahmenden Umstände seiner Entstehung aus, die der Fotograf knapp schildert. So auch den schweren Unfall, der fast tödlich endete und nur durch einen Flug mit dem Helikopter nach Deutschland die Gesundung möglich machte. Daher blieb das Projekt "Nino" ein Torso - aber die bereits gemachten, den Blick tief einsaugenden Bilder sind jetzt in dem Band zu sehen.

 

Volker Dittrich: Paradies am Rande Europas. Impressionen aus Georgien von 1992 bis 2017. Halle (Saale): Mitteldeutscher Verlag 2018, 319 Seiten, ISBN 978-3-96311-008-5, zahlr. Farbfotos des Autors

 

Gerald Hänel: Auf dem Balkon Europas On the Balcony of Europe. Fotografien aus Georgien Photographs from Georgia. Mit einem Textbeitrag von Archil Kikodze With a text by Archil Kikodze. Halle (Saale): Mitteldeutscher Verlag 2017, 159 Seiten, ISBN978-3-95462-888-9, zahlr. Farbfotos des Autors

 

Wolfgang Korall: Die Seele Georgiens. Halle (Saale): Mitteldeutscher Verlag 2018, 127 Seiten, ISBN 978-3-95462-305-1, zahlr. Farb- und 1 S/W-Foto des Autors


Ratspräsidentschaft - Historie!

 

 

Finnland übernimmt

 

 

 

Schon sind sie vorbei – die 6 Monate rumänischer Ratspräsidentschaft der EU. Am 12. Juli wurde im Ateneu in Bukarest der Abschluss mit einem Konzert des Rumänischen Jugendorchesters feierlich begangen, an gleicher Stelle, wo im Januar die Eröffnung stattfand. Diesmal bildeten zumeist DiplomatInnen das Publikum in dem alten Saal, nach den Wahlen zum Europäischen Parlament sind die neuen Spitzen zwar nominiert, aber noch nicht installiert.

 

Eine Bilanz dieser Ratspräsidentschaft zu ziehen, fällt von außen schwer, was auch mit dem seit dem Vertrag von Lissabon (2010) verminderten Status der Ratspräsidentschaft gegenüber dem Ständigen Präsidenten des Europäischen Rates (bisher Donald Tusk) und der Hohen Repräsentation der Union (bisher Federica Mogherini) zusammenhängt. Zumindest lässt sich sagen, dass die vor Beginn geäußerte Befürchtung, Rumänien sei wegen der Turbulenzen um die Politik der Regierungspartei PSD unter ihrem damaligen Chef Liviu Dragnea nicht in der Lage, dieses Amt auszuführen, nicht zutraf. Unter anderem, weil dieser mittlerweile im Gefängnis sitzt und seine Partei die Europawahlen krachend verlor. s Nachfolgerin, Premierministerin Viorica Dăncilă, ließ früh erkennen, dass sie Wert darauf legte, die Ratspräsidentschaft aus diesen Turbulenzen heraus zu halten und das Bild eines zuverlässigen EU-Mitglieds zu bieten. Keine leichte Aufgabe, da aus der EU selbst scharfe Kritik an der rumänischen PSD-ALDE-Koalitionsregierung hinsichtlich ihrer Rechtspolitik und dem Umgang mit der entlassenen Korruptionsjägerin Laura Kövesi kam.

Solchermaßen gehandicapt setzte die rumänische Regierung unter Dăncilă auf die in jeder Ratspräsidentschaft unumgängliche, aber nach außen eher unauffällige bürokratische Dimension der Aufgabe: Weiterführung begonnener Projekte, Benennung einiger bereits identifizierter allgemeiner Problemkreise, etc. Politisch schien, solange Dragnea noch im Hintergrund zunehmend europafeindlich agierte, kaum noch etwas zu gewinnen zu sein. Auch machte der Wahlkampf für die Europawahlen es schwer, medialen Zuspitzungen zu entgehen.

Das generelle Spektrum der Einschätzungen geben die von der konservativen Zeitschrift 22 publizierten Stimmen zur Ratspräsidentschaft wider: Im Interview mit dem Politologen Armand Goșu spricht der delegierte Europaminister George Ciamba zwar von einer „președinție de succes, care a depășit ideea unei simple supraviețiuiri” (erfolgreichen Präsidentschaft die die Vorstellung eines bloßen Überlebens übertroffen ha), aber vier ExpertInnen teilen eher nur den letzten Teil der Ansicht des Ministers . So schreibt Gabriela Drăgan vom Institutul European din România, dass „aus technischer Hinsicht die Dinge ohne Blockade verliefen, geplante Treffen nach dem Zeitplan organisiert wurden und eine wichtige Zahl der Kapitel geschlossen wurde“, während Oana Popescu (Global Focus) dem technischen Apparat bescheinigt, „pünktlich, prompt, mit gutem Verständnis und Kenntnis der Dossiers und dem wirklichen Wunsch, die Arbeit der Institutionen zu fördern“, gehandelt habe. Paul Ivan vom European Policy Centre hebt besonders die Arbeit der Ständigen Repräsentanz Rumäniens in Brüssel hervor und sieht ähnlich wie der Politikwissenschaftler Șerban Cioculescu von der Universität Bukarest auf technischem Gebiet im allgemeinen gute Resultate. Cioculescu: „Wir haben uns nicht lächerlich gemacht, aber auch nicht geglänzt.“ 

Weniger ansprechend sieht das Bild auf der politischen Ebene aus. Paul Ivan stellt angesichts der nur alle 14 Jahre wiederkehrenden Gelegenheit, das Land darzustellen, ein eindeutiges Scheitern fest: „Eine Regierung, deren Hauptbeschäftigung das Verhindern der Gefängnishaft ihres Chefs war, die eine anti-westliche Rhetorik gebrauchte und die in Konflikt mit den europäischen Institutionen geriet, kann keine positive Message nach Europa senden, die das Vertrauen in Rumänien vergrößern würde.“

Auch einige der von der rumänischen Regierung genannten besonderen allgemeinen Ziele kamen trotz 90 geschlossener Dossiers einer Lösung nicht unbedingt näher. Die gerne genannte Zuständigkeit für die Europapolitik auf dem Westbalkan konnte die Aufnahmeperspektive von Serbien, Albanien, Montenegro, Mazedonien kaum erhöhen. Auch die besondere Beachtung des Mehrjährigen Finanzrahmens (Multiannual Financial Framework; MFF) führte zu keiner Lösung der Probleme bei der Finanzierung der EU. Vielleicht hat daher trotz ihrer Vagheit die Lenkung der Aufmerksamkeit auf das Schwarze Meer und auf die Energietrassen Rumänien dennoch europapolitisch für die Zukunft spezifische Optionen eröffnet.

 


Reisen in Bessarabien

 

 

Russische Reiseberichte aus dem 19. Jahrhundert

 

 

 

 

Die Annexion eines Teils der Moldau als "Bessarabien" durch das russische Zarenreich während der napoleonischen Kriege  lag auf der Linie der Expansion der orthodoxen Dynastie nach Süden - Richtung Schwarzes Meer und Bosporus. Mehrere militärische Siege gegen das Osmanische Reich hatten zur Eroberung des Wolgagebiets bis zur Mündung geführt. Ergebnis war die Gründung von Odessa. Und während der Frieden von Kutschuk-Kainardschi das Habsburger-Imperium zur Annexion der kleinen Bukowina veranlasste, nahm sich das russländische Reich später den Teil der Moldau zwischen Prut und Dnjestr und übte bis in das 19. Jahrhundert auch politischen Einfluss auf das Donaufürstentum Moldau aus. Ist in der deutschen Geisteswissenschaft nur wenig bekannt über das Verhältnis von Russland zu seiner neuen Eroberung, so bietet die vorliegende Dissertation von Galina Corman nicht nur Einblick in die russische Reiseliteratur, sondern ebenso in die historischen Entwicklungen des Zarenreiches.

Es ist ein strikt deduktiver Ansatz, der das methodische Schema der Arbeit vorgibt: Zunächst werden die (kultur)historischen Vorgänge in Russland geschildert, bevor dann die Sehweisen in der Reiseliteratur zu Bessarabien in ihr Verhältnis zu diesen gesetzt werden. Umfangreich ist die Vorgeschichte der Landschaft geschildert, von der Antike über die Tataren bis zur Osmanischen Herrschaft. Dabei wird deutlich, dass dieser östliche Teil der Moldau durchaus etwas besonderes war, da hier die osmanischen Strukturen sich stärker artikulierten als in der Walachei und der (später rumänischen) Moldau: Seit 1457 bauten die Sultane die Grenzfestungen am Dnjestr (Hotin, Soroca, Chilia, Bender/Tighina, Cetatea Alba/Akkerman) und  an der Donau zu administrativen Einheiten (Reayas) aus  und besiedelten vor allem den Süden (Bugeac, Budschak) mit Nogai-Tataren. "Die Umwandlung der bessarabischen Festungen in Reayas sowie die Ansiedlung der Nogai-Tataren trug vom 16. Jahrhundert an viel zur Entfremdung des Territoriums zwischen Prut und Dnjestr vom Rest des Fürstentums Moldau und einer Verfestigung seines Charakters als Grenzregion bei." (S. 41-42) Die Tataren wurden als Grenztruppen gegen die Kosaken eingesetzt, gingen aber auch auf Raubzüge gegen die moldauischen Städte. Ihre Spuren waren im 19. Jahrhundert noch in Bessarabien zu finden.

Die als Einteilungskriterien der Arbeit dienenden drei Epochen teilen das Jahrhundert der russischen Herrschaft in Bessarabien aus der Sicht der Reiseliteratur in eine Anfangsphase bis etwa 1820, gefolgt von einer mittleren Epoche bis in die 1850er Jahre, um mit der Zeit bis zum Ersten Weltkrieg abzuschließen. Diesen drei Phasen sind die Merkmale des "halbasiatischen Bessarabien-Bildes", der "Unser-Bessarabien"-Phase und der abschließenden "moldauisch-jüdischen Okraina"-Phase zugeordnet.

Was ist damit gemeint? Das "halbasiatische Bessarabien-Bild" unmittelbar vor und nach der Annexion dieses östlichen Teils des unter osmanischer Hoheit stehenden Fürstentums Moldau resultiert aus einer komplexen Wahrnehmung Bessarabiens im Zusammenhang mit der Expansion des Zarenreichs nach Süden. In den vier Türkenkriegen zwischen 1736 und 18012 hatte Russland mehrfach die Moldau besetzt und wieder geräumt. In der Geschichte des Zarenreichs waren die Eroberungen der Dnjestr-Festungen vielfach besungene Höhepunkte militärischer Erfolge (Lomonosov, Deržavin), die Donaufürstentümer gerieten mehrfach unter die Hoheit Russlands, bevor dann während den napoleonischen Kriegen Bessarabien annektiert werden konnte und der Prut die westliche Grenze zum Donaufürstentum Moldau bildete. Corman verwebt diese Ereignisse gekonnt mit den Diskursen des allählich koloniale Züge aufweisenden Zarenreichs, in denen die neu erworbenen Gebiete beschrieben wurden. So ist es interessant zu lesen, wie Katharina II. die Expansion zum Schwarzen Meer mit einem "Griechen-Projekt" idealisierte, was die antiken Bilder mit der handfesten Unterstützung der griechischen Nationalbewegung gegen die Osmanen ergänzte. So zählten Griechen zu den Neusiedlern Bessarabiens. Weitere waren Bulgaren, Gagausen, Serben, Schweizer, Deutsche, die die einheimische Bevölkerung der Juden, Moldauer, Russen, Ukrainer, Lipowaner (raskolniki) zu einem multiethnischen Konglomerat erweiterten. In der ersten Phase der Reisebeschreibungen findet Corman denn auch positive wie negative Bemerkungen über dieses "bunte Gemisch" der Bevölkerung, wie es der Militär Aleksandr F. Veltmann in Chişinău (Kischinjow) schilderte (S. 168). Das Bild Bessarabiens war zu Beginn von einem "imperial-orientalischen Diskurs" bestimmt, der Bessarabien als "asiatisch" wahrnahm, um es von dem sich selbst als "europäisch" deklarierenden Zarenimperium abzusetzen. So fiel den reisenden Beamten, Militärs, Gouverneuren, Dichtern die "Wildheit" des Landes und seiner Bewohner von den Tataren über die Roma und die Moldauer bis hin zu den Bojaren auf. Zugleich wurde Bessarabien aber auch als "Garten" verklärt, als "Italien" mit einer antiken Vergangenheit (Traianswall, Ovidmythos), wo Russland seine heroische Kriegsgeschichte geschrieben hatte. Nicht nur der antike Hintergrund, sondern auch die genauere Wahrnehmung der landwirtschaftlichen Leistungen und Möglichkeiten (insbesondere der Weinanbau), der "südlichen" Atmosphäre, des gemeinsamen orthodoxen Glaubens ließ ein "europäisches" Bild von Bessarabien entstehen.

Zentral in dieser frühen Phase der Reisebeschreibungen und darüber hinaus sind natürlich die Bezugnahmen Alexander Puschkins auf seinen Versetzungsort Chişinău und die umgebende Landschaft, wo er von 1820-1823 lebte und ein Viertel seines Werks schrieb. Zwar gibt es einige wenig schmeichelnde Aussagen zur Stadt, aber zugleich widmete er den Roma eines seiner berühmtesten Gedichte (Cygany). Puschkins weitere Bezugnahmen in Schwarzer Schal, Kirdali, An Ovid u.a. weisen ebenso die widersprüchliche Wahrnehmung Bessarabiens in den unterschiedlichen, zunächst auf die Selbstdefinition Russlands als kolonialer, den europäischen Mächten ebenbürtiger Macht, reflektierenden Diskursen auf.

Diese "koloniale" Sicht wandelt sich in der Zeit bis in die 1850er Jahre, als vor dem Hintergrund des sich entwickelnden russischen Nationalismus über die ersten Fremdheitserfahrungen hinaus Bessarabien als "unser" beschrieben wird, als russländischer "Süden", der einer Zivilisierungsmission ausgesetzt werden müsse. Jetzt werden auch die einzelnen ethnischen Gruppen kritischer betrachtet, die Moldauer als "rumänisch", die Juden als gierig, aber auch geschäftstüchtig und fähig, die Deutschen als fordernd und kalt, die Bulgaren hingegen als "Brüder". Bessarabien erscheint als russische Provinz mit ihren Eigenheiten.

Mit der Verschärfung des Nationalismus und den sozialen Krisen und Auseinandersetzungen im Zarenreich bis zum Ersten Weltkrieg wird auch der Diskurs der Reiseberichte pauschaler. Bessarabien hat scheinbar nicht den Erwartungen entsprochen, der Ton wird antisemitischer, nationalistischer und nostalgischer bezogen auf die Heldentaten der Armeen Katharinas II. oder den Aufenthalt Puschkins. Zudem erscheint Bessarabien im Lichte des gewachsenen Antisemitismus und der Peripherie-Diskurses. Alles, was nicht positiv erscheint, wird als "jüdisch" deklariert und Bessarabien zu einer Okraina, einem Grenzstreifen, einer marginalen Provinz. "Die Einwohner Bessarabiens wurden von den Reisenden zum Ende des 19. Jahrhunderts hin pauschal als moldauisch-jüdisch bezeichnet und mit ethnischen Flüchtlingen, Sträflingen und Aufständischen in Verbindung gebracht." (S. 303)

Durch den methodischen Ansatz kann die Arbeit klare Linien ziehen und den Konnex zu russischen Diskursen der Nation herstellen. Andererseits werden so die spezifischen Besonderheiten jeder einzelnen Beschreibung und ihres Autors weniger stark gewichtet. Es wäre also noch Potenzial vorhanden, das Thema in vielen Details mit Gewinn komplexer darzustellen. Dennoch bleibt Cormanns Buch ein gut zu lesender, die Forschung vielfach bereichender und im deutschen Sprachraum inaugurierender Beitrag. Vom Verlag exzellent gestaltet (vielleicht hätten die Anmerkungen einen Punkt größer gesetzt werden können), wären lediglich eine Reihe von Setzfehlern zu monieren. Ansonsten gilt: Ein spannendes Thema in gewinnbringender, opulenter Ausführlichkeit abgehandelt!

 

Galina Cormann: Das Bessarabien-Bild in der zeitgenössischen russischen Reiseliteratur 1812-1918. Leipziger Universitätsverlag 2015 (Veröffentlichungen des Moldova-Instituts Leipzig, 6), 1 Abb, 373 Seiten, ISBN 978-3-86583-987-9


 

Salată de vinete graphisch

 

 

 

Oskars Pastiors Lieblingsspeise und die Wiederentdeckung seiner ingeniösen Zeichnungen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

"Im Oktober 1969 gründeten fünf fast dreißigjährige Studenten und Berufsanfänger in der ersten Etage des Vorderhauses Clausewitzstraße 2 in Berlin-Charlottenburg eine Wohngemeinschaft. Anfang des Jahres 1973 wurde eines der drei zur Straße gelegenen Zimmer frei. [...] Der Zufall spielte Vermittler, und wir konnten Oskar Pastior, ein uns damals unbekannter Schriftsteller aus dem deutschsprachigen Siebenbürgen (Rumänien), im März des Jahres als neues Wohngemeinschaftsmitglied willkommen heißen."

 

Diese historische Reminiszenz steht am Beginn einer veritablen (Wieder) Entdeckung: Oskar Pastior als Zeichner. Die Sätze erklären, weshalb Heidede Becker (in ihrem Berufsleben Mitherausgeberin der Zeitschrift "Stadtbauwelt" des Deutschen Instituts für Urbanistik) in freundschaftlichen Kontakt mit dem Dichter aus dem fernen Rumänien kam und nun mit der Veröffentlichung der Zeichnungen eine wichtige Dimension der künstlerischen Welterfahrung und -verarbeitung Pastiors wieder zugänglich macht. Mehr als 650 Zeichnungen liegen in Pastiors Nachlass im Literaturarchiv Marbach. Sie sind allmählich aus dem Fokus des Interesses und der Beschäftigung mit dem Werk Pastiors verschwunden, obwohl zwei Drittel davon durchaus zu Lebzeiten des Dichterzeichners publiziert worden waren. Nicht nur als Buchcover seiner Gedichtbände und der Werkausgabe, sondern in der Welt der gerade in den 1970er Jahren so aktiven experimentellen Kleinverlagsszene in Berlin und anderen Städten hat Pastior immer wieder diese meist mit schwarzem Kugelschreiber produzierten Zeichnungen in Zusammenhang mit seiner Dichtung  sichtbar werden lassen. Wie die Publikation zeigt, ergeben sich äußerst spannende und aufschlussreiche Beziehungen zwischen Wort und Bild bei Pastior - etwa wenn er seine Sonettexplorationen auch bildlich umsetzen will. Das  Ausdrucksverlangen bei der Erforschung der Worte und Bedeutungen macht auch vor dem Zeichnen nicht Halt. Einige der Zeichnungen gehören in das weite Feld der visuellen Poesie, andere entwerfen Formen und unwirkliche Gegenstände, wiederum andere illustrieren Pastiors Leibfrucht - die Aubergine - aus der seine Lieblingsspeise Salată de vinete hergestellt wird. So verspielt die wortschöpferischen Zugänge zur  Lyrik erscheinen, so präzise hat sich Pastior um die Veröffentlichungen seiner Zeichnungen und ihrer Kontexte gekümmert. Das Zeichnen, so macht das fein gestaltete Buch evident, ist von Pastiors Dichten und Denken in vielen Fällen kaum zu trennen. Beckers genaue Beschreibung der Bildträger und ihres werkbiographischen Zusammenhangs gibt zahlreiche Aufschlüsse über die in Marbach verwahrten Konvolute. Im zweiten Teil des Buches sind dann die Zeichnungen verkleinert komplett veröffentlicht. Dort lassen sich auch die frühen Anfänge in Hermannstadt/Sibiu nachvollziehen, als der Schüler ein eigenes Modeheft entwirft - angeregt von einer in Südtirol lebenden Verwandten, die als Modezeichnerin arbeitete. Es sind in der Wiederentdeckung der Zeichnungen Oskar Pastiors eine große Zahl von neuen oder bisher wenig beachteten Aspekten seines Werkes sichtbar, die zur weiteren Beschäftigung mit den Gedichten und Zeichnungen des Siebenbürgers animieren.

 

 

 

In der Berliner Akademie der Künste findet vom 8. Juni bis 20. Juni 2019 anlässlich des Poesiefestivals eine Ausstellung der Pastiorschen Zeichnungen statt.

 

 

Heidede Becker: Aubergine mit Scheibenwischer - die Zeichnungen von Oskar Pastior.
Heidelberg: Verlag Das Wunderhorn 2018, 229 Seiten, ISBN 978-3-88423-594-2