DANACH...

 

Die Leipziger Buchmesse hat im Frühjahr 2018 als Gastland Rumänien begrüßt und damit eine der dynamischsten literarischen Szenerien Europas näher vorgestellt. Wir wollen dieses Ereignis zum Anlass nehmen, die Literatur, aber auch die Künste und die Geschichte sowohl Rumäniens als auch der Republik Moldau in ihren meist im Westen unbekannt gebliebenen Hintergründen als auch aktuellen Entwicklungen zu beleuchten. In Buchrezensionen, Interviews, Reportagen, Essays und Aufsätzen wollen Autorinnen und Autoren ihre eigenen Themen und ihre Perspektiven auf die Kultur Rumäniens und der Republik Moldau formulieren und damit beitragen zu einer immer noch notwendigen Aufklärung im deutschsprachigen Raum über die kulturellen Landschaften um den Karpatenbogen und zwischen Pruth und Dnjestr.

Dies soll nicht einseitig geschehen, sondern unter Einbeziehung rumänischer bzw. moldauischer AutorInnen.

 

(Kontakt unter: info@kultro.de.)

 


Was es noch zu tun gab/gibt...

Dass die rumänische Literaturszene eine dynamische und vielfältige Erscheinung innerhalb der europäischen Sprachen darstellt, hat sich bei unseren Nachbarn eher herumgesprochen als in deutschsprachigen Verlagen und Redaktionen. Ein Artikel hat vor einigen Jahren darauf aufmerksam gemacht. Vieles blieb unübersetzt, jetzt generierte erfreulicherweise der Buchmessen-Schwerpunkt mehr Interesse an Rumänien und der Moldau. Ein aktueller Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung listet zahlreiche der übersetzten AutorInnen auf, weist aber auch auf noch bestehende Defizite hin.


FILIT Iaşi - zum 6. Mal

 

Bereits zum sechsten Mal findet in Iaşi/Jassy das Internationale Literatur- und Übersetzungsfestival FILIT (Festivalul Internațional de Literatură și Traducere Iași) statt. Es hat sich als eines der, wenn nicht das wichtigste literarische Festival in Rumänien etabliert und in wenigen Jahren eine große Zahl von AutorInnen, ÜbersetzerInnen und JournalistInnen in die Kulturmetropole im Nordosten Rumäniens an der Grenze zur Republik Moldau geführt. Herta Müller, Norman Manea, Mircea Cărtărescu, Gao Xingjian, Andrzej Stasiuk, Jonathan Coe, David Lodge, Sadie Jones, Aris Fioretos, u.a. sind nur die international bekannten Namen des für die rumänische Gegenwartsliteratur unverzichtbar gewordenen Unternehmens.  In diesem Jahr werden Jonathan Franzen, Goncourt-Gewinner Éric Vuillard, Gabriela Adameşteanu, Juri Andruchowytsch, Veronika Roth, Ioan Es. Pop, Nichita Danilov, Mariana Codruţ, Robert Şerban, Florina Ilis, Marin Mălaicu-Hondrari, Sylvie Germain u.v.a. teilnehmen, aus Deutschland u.a. die Übersetzerinnen Eva Ruth Wemme und Ingrid Baltag.

 

Zum BLOG

 


Jetzt auch mit Deutschland?

 

 

Konferenz der "Iniţiativă-Trei-Mări" in Bukarest

 

 

Foto: http://three-seas.eu

 

 

In der internationalen Politik hat Energieversorgung  für die Gegenwart eine entscheidende Rolle gewonnen. Zahlreiche der aktuellen militärischen Konflikte lassen sich auf die Beherrschung von Zugängen zu Energiequellen zurückführen - insbesondere zu dem den Klimawandel verursachenden Erdöl. Dieses zu ersetzen, hat einen gewichtigen Anteil an den internationalen diplomatischen Bemühungen und löst international tief greifende Verwerfungen aus.

 

Rumänien liegt geopolitisch in einer für diese Energieleitungen nach Europa nicht unwichtigen Lage, was dazu beitrug, dass interessierte Politiker und Manager sich an zwei Tagen (17.-18.9.) in Bukarest zu der 3. Konferenz der "Iniţiativă Trei mări" (Drei Meere) einfanden, um u.a. auch über die Ökonomie der Ost-West-Energieströme zu debattieren. Diese Initiative hat sich zum Ziel gesetzt, als offene Plattform innerhalb der EU ökonomische Verbindungen zwischen den Staaten Osteuropas (präziser: zwischen Ostsee, Adria und Schwarzem Meer) zu intensivieren. Teilnehmer sind Polen, die baltischen Staaten, Österreich, Tschechien, Slowenien, Slowakei, Bulgarien, Rumänien, Ungarn, Kroatien. Neben EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, dem deutschen Außenminister Heiko Maas ließ es sich selbst der US-amerikanische Energieminister Rick Perry nicht nehmen, an die Dâmboviţa zu eilen.

 

Präsident Klaus Johannis sah die Bedeutung des Treffens in der Konzentration auf den Dreiklang von Transport, Digitalisierung und Energie. Bereits zu Beginn wurde die Tagung konfrontiert mit einer Begrüßungsnachricht des US-Präsidenten Donald Trump, der einigen Ländern - darunter Rumänien - zum Ausbau ihrer Pipeline-Infrastruktur gratulierte und auf die Lieferung von amerikanischem Flüssiggas in die strategisch wichtige Region verwies sowie die Beteiligung amerikanischer Firmen (Exxon) am Business Forum der Tagung.

 

Für die formulierte Absicht der Konferenz, in der Gemengelage zwischen EU, USA, Rumänien, Russland und Schwarzmeeranrainern neue Impulse zum Ausbau der digitalen und Transport-Infrastruktur auch der Energieversorgung zu geben, war der Hinweis Trumps auf das eigene amerikanische Flüssiggas (unterschwellig gemeint: statt von Russland abhängig zu bleiben) ein Stein im Getriebe. Es sollten noch andere hinzu kommen.

 

Die energiepolitischen Themen finden sich eingerahmt durch die Diskussion um die geplanten Pipelines Nord Stream 2, TurkStream und mögliche weitere Alternativen. Sie sollen in einigen Jahren Erdgas aus Russland und Azerbaidshan und anderen Ländern (Mittelasien, Iran) nach Westen bringen: Im viel diskutierten "Nordkorridor" durch die Ostsee, im Süden über die Türkei. Trump hatte bereits vorher seine Abneigung gegen die deutsche Vorliebe für Nord Stream 2 mit dem Hinweis auf die Widersprüchlichkeit der Abhängigkeit von Russland und gleichzeitigen Sanktionen gegen das Land deutlich gemacht. In Osteuropa findet er dabei Gehör, wie auch Perry in diese Kerbe hieb - und auch ein Revival der Atomkraft an die Wand zu malen versuchte.

 

Im Bau befindliche Pipelines sind im "Südkorridor" die TANAP, die Gas aus Azerbaidshan in die Türkei und später über Griechenland in die Trans-Adria-Pipeline TAP in die EU leitet. Turkstream soll Gas aus Russland durch das Schwarze Meer in die Türkei bringen. Für die russische Gesellschaft Gazprom ist dies interessant, da so die Ukraine umgangen wird, während die EU und Deutschland ihre Abhängigkeit von Erdgas aus Russland durch TANAP mindern wollen. Vor dem "3Sea"-Gipfel machte der russische Präsident Putin dem ungarischen Premier Victor Orban Avancen, dass Ungarn auch an TurkStream angeschlossen werden könne. Für das Teilstück Trans-Adria-Pipeline (TAP) hat im Januar die Europäische Investitionsbank ihr bisher größtes Kreditvolumen in Höhe von 1,5 Milliarden € bewilligt. Die TAP soll von Albanien durch die Adria nach Süditalien das Gas der TANAP leiten. Beides sind Überreste des 2013 gescheiterten Nabucco-Projekts der EU mit ähnlicher Ausrichtung.

 

Rumänien hingegen baut mittlerweile, um eigene Gasvorkommen im Schwarzen Meer auszubeuten, eine Pipeline BRUA von Giurgiu nach Ungarn. Es sollen 350 Millionen Euro durch die staatseigene Transgaz eingesetzt werden. Von Ungarn war eigentlich geplant, dass die Rohre bis Österreich weitergebaut werden sollen. Jetzt hat aber verlautet aus Ungarn von der Betreibergesellschaft, dass das Gas eher nach Kroatien, der Slowakei oder in die Ukraine gelangen solle - aus BRUA wird BRU

 

Wenn auch die Hochglanzbroschüren der involvierten Firmen wie selbstverständlich erwähnen, dass die Verlegung der Pipelines allen Standards des Umweltschutzes entsprechen, verweisen Experten auf mögliche Gefahren. Die Vergabe des Kredits zum Bau von TAP wurde kritisiert mit dem Hinweis darauf, dass der Ausstoß von Methan sich dem kritischen Faktor 3 nähere, ab dem ein Umweltvorteil gegenüber der Kohle nicht mehr realisiert werde. Ebenso in Betracht zu ziehen sind mögliche Pipeline-Unfälle, die auf dem Meeresboden und auf Land große Schäden verursachen können.

 

Auch intern verläuft die Strategie Rumäniens nicht völlig rund: Das Gesetz zur Ausbeutung der Off-Shore-Gasvorkommen im Schwarzen Meer hatte Präsident Johannis an das Parlament zurück verwiesen, während PSD-Chef Liviu Dragnea bekräftigte, dass es noch dieses Jahr in Kraft treten werde. Streitpunkt war die von Johannis bemängelte Intransparenz der Aufteilung der Einkünfte zwischen Staat und beteiligten Firmen (OMV und EXXON). Auf der Konferenz war Dragnea nur mit einem halbstündigen Gespräch mit Perry präsent, die Premierministerin Viorica Dăncilă verpasste einen Termin mit Juncker, holte dies aber am Flughafen noch für 15 Minuten nach. Auch hier also sind die die rumänische Politik durchziehenden Gegensätze bemerkbar. Ein Kommentator der Zeitung România liberă warf Johannis vor, die Konferenz sei von ihm "sabotată cu rafinament" hinsichtlich ihrer transatlantischen Ausrichtung.

 

Hier werden internationale Interessen an der rumänischen Position wirksam. Nicht nur die Botschaft Donald Trumps, sondern auch die Teilnahme von Außenminister Heiko Maas, Jean-Claude Juncker oder Perry spricht dafür. Denn jenseits der Energiefrage tritt mit "3Seas" ein weiterer regionaler EU-Zusammenschluss auf, der auf "Visegrád" antwortet - die lose Kooperation von Polen, Ungarn, Slowakei und Tschechien, die ihre Anti-EU-Tendenzen immer wieder dementieren muss. "3Seas" ist größer und hat auch ausgesprochene EU-Anhänger als Mitglieder. Die Wirkung dieser Initiative auf die Entwicklung der EU bleibt noch abzuwarten. Dass sie nicht völlig unbeachtet bleibt, zeigt das auf der Konferenz bekannt gewordene Interesse Deutschlands an einem Beitritt zu "3Seas" - ganz auf der Linie einer "neuen Ostpolitik", wie Heiko Maas formulierte.

 

 


Es tut sich etwas -

PSD-Politiker verlangen Rücktritt Liviu Dragneas

 

 

Was vor wenigen Wochen noch kaum vorstellbar schien, obwohl es sich in der Logik der Entwicklung abzeichnete, wird nun Realität: Nicht ein politisches Leichtgewicht, sondern die Bukarester Bürgermeisterin und Vize-Parteichefin Gabriela Firea hat einen Brief zusammen mit Vizepremierminister Paul Stănescu und Vizepräsident des Senats Adrian Ţuţuianu lanciert, in dem der sofortige Rücktritt des PSD-Vorsitzenden und Präsidenten der Abgeordnetenkammer, Liviu Dragnea, gefordert wird. Begründet wird der Schritt mit der schwachen Leistung Dragneas als Parteichef, der der umstrittenste Politiker Rumäniens (fiind de altfel cel mai contestat lider politic din Romania ultimilor ani) und wegen seiner juristischen Abgreifbarkeit ein Hindernis für die Reformen sei. Weitere Punkte sind die Polarisierung der Gesellschaft, die durch die Vorgänge bei der Demonstration am 10. August, bei der über 400 Protestierer verletzt wurden, nur vertieft werde; ebenso die Situation der PSD, die sich im Konflikt mit fast allen wichtigen Institutionen des Staates befinde (Präsident, Opposition, Geheimdienst, Zivilgesellschaft u.a.) und ihre defizitäre Kommunikationssituation, in der nur Themen wie Korruption, Justizreformen, "Parallelstaat" vorkämen, statt wirtschaftliche Erfolge in den Mittelpunkt zu stellen.

Der Brief fordert die Premierministerin Viorica Dăncilă auf, Interimspräsidentin der Partei bis zu einem außerordentlichen Parteitag im kommenden Jahr zu sein und die Regierungskoalition mit dem Bündnis ALDE fortzuführen. Als Aufgabe wird neben den "Reformen" auch die Vorbereitung auf die Übernahme der EU-Ratspräsidentschaft im Januar 2019 genannt. Ein Gesetz zur Amnestie und Begnadigung, das zuletzt als Mittel der Wiederherstellung der Politikfähigkeit von verurteilten Politikern wie Dragnea genannt wurde, sollte im Dialog mit den Parteien, den Justizorganisationen der Richter, Staatsanwälte, Verteidiger und der Zivilgesellschaft vorbereitet werden. Ebenso sollten Verfassungsänderungen diskutiert werden.

Bisher hat sich die Premierministerin Dăncilă, die vielfach als Marionette Dragneas beschrieben wurde, noch nicht erklärt. Ob auf einer Sondersitzung des Exekutivrates der Partei am 21.9.2018 die Kritiker eine Mehrheit erringen werden, steht noch nicht fest. Währenddessen gehen Kommentatoren davon aus, dass unabhängig davon Dragnea politisch am Ende sei.

 

Update 22.9.2018

Nach einer neunstündigen Sitzung des Comitetul Executiv Naţional (CExN) der PSD mit 64 Teilnehmern aus den Landkreisen und der Parteispitze, wurde mitgeteilt, dass Liviu Dragnea nicht abgewählt wurde. Unterschiedlich fiel die Aussage über das Abstimmungsverhalten aus: Dragnea  sprach von 56 Stimmen für und 8 gegen ihn; Gabriela Firea, die durch einen offenen Brief die Sitzung veranlasst  hatte, gab als Ergebnis 39 Stimmen pro Dragnea und 10 Gegenstimmen an.


"L'atelier, c'est moi-me"

 

Geta Brătescu gestorben

 

Wer frühere Jahrgänge der Zeitschrift "Secolul 20" liest, wird ihre künstlerische Gestaltung kaum übersehen können: In den 1970er Jahren machten Fotos mit zeitgenössischer provokativer Kunst die Bände auffällig, der Name der Designerin ("Prezentarea artistică") blieb vielen im Gedächtnis haften: Geta Brătescu. (2016 widmete ihr zum 90. Geburtstag die Zeitschrift, die jetzt "Secolul 21"heißt,

 

Foto: Mihai Brătescu, courtesy Ivan Gallery, Bucharest

 

Heft mit Beiträgen von Alina Ledeneanu, Ion Vianu, Ştefan August Doinaş, Swantje Karich, Dan Perjovschi u.a.).

Buchgestaltung war eine der Aktivitäten der Konzeptkünstlerin, die in der Industriestadt Ploieşti geboren wurde und Philologie und Kunst in Bukarest studierte. Sie selbst hielt ihre Illustrationen zu Doinaş' "Faust"-Übersetzung für eine ihrer wichtigen Arbeiten. 1970 erregte der Film "Atelierul" - von ihrem Kollegen Ion Grigorescu aufgenommen - Aufsehen, in dem die Arbeitsumstände der Künstlerin zum Thema einer radikalen Selbstanalyse wurden.

Der spielerisch-kreative Umgang mit Papier, Collagen, Grafik, Radierung prägte ihr Werk, zu dem auch Textilkunst, Fotografie, Installationen und Objektkunst gehörten. Das Spielerische erinnerte vielfach an die Formen des Surrealismus und der Avantgarde. Zunächst nur innerhalb der rumänischen Szene wahrgenommen, stellten ihre Ausstellungen im Westen eher die Ausnahme dar. Erst in den Jahren nach der Wende wurde Geta Brătescu von der globalen Kunstwelt entdeckt, Ausstellungen in den USA, Deutschland, Österreich mehrten sich. 2017 kuratierte sie mit großem Erfolg den rumänischen Auftritt bei der Biennale in Venedig und nahm an der documenta in Kassel teil. Zuletzt widmete die Hamburger Kunsthalle Brătescu eine Retrospektive, die Berliner Galerie Barbara Weiss stellte ihre Werke ebenfalls mehrfach aus. Wenige Tage vor Eröffnung einer ihr gewidmeten Ausstellung in der Berliner n.b.k. (s. Aktuelles) verstarb Geta Brătescu am 19. September in Bukarest im Alter von 92 Jahren.


Florian und Mihuleac beim ilb

- und Ernest Wichner

 

 

 

 

 

 

 

(v.l.: Ernest Wichner, Filip Florian, Roland Schäfer) Foto: www.kultro.de)

 

Einiges zu tun hatte Ernest Wichner beim Internationalen Literaturfestival in Berlin (5.-15.9.2018). Nicht nur las er eigene Lyrik, sondern moderierte vier Veranstaltungen mit rumänischer Beteiligung. An seiner früheren Wirkungsstätte Literaturhaus stellte er Filip Florian mit seinen übersetzten Büchern "Kleine Finger" (Degete mici) und "Alle Eulen" (Toate bufniţele) vor.

Gleich zu Beginn hatte Wichner die erfreuliche Neuigkeit, dass das neue Buch Florians, "Zilele regelui" (Tage des Königs), sich in Übersetzung  befinde. An den beiden vorgestellten Büchern fällt das Interesse des Autors an der Geschichte auf: In "Kleine Finger" ist es die Entdeckung eines Massengrabs, das Spekulationen auslöst, in "Alle Eulen" befreundet sich ein Junge mit einem älteren Mann und lernt von diesem einiges über das Jahr 1944 und den Zweiten Weltkrieg. Florian bemängelte, dass in Rumänien junge Menschen über die bedeutendsten Ereignisse der Geschichte des Staates oft nur geschönte Kenntnisse besäßen, die in den Schulbüchern stehen. So sei die Eroberung von Odessa zu Beginn des Überfalls auf die Sowjetunion für viele immer noch der größte Sieg der rumänischen Armee, wobei die Massaker an den Juden geflissentlich verschwiegen werden. Die den Text markant vergegenwärtigende Lesung durch den ehemaligen Schaubühnen-Schauspieler Roland Schäfer (der seit der ersten Ausgabe des Festivals als Vorleser aktiv ist!) zeigte auf, dass Florian weniger Handlungsstränge verfolgt, als unnachahmlich intensiv Beobachtungen und Reflexionen zu verbinden weiß.

Szenenwechsel: Vom Literaturhaus ging es die Fasanenstraße entlang in das nahe gelegene Haus der Berliner Festspiele, wo Wichner einem interessierten Publikum den Autor Cătălin Mihuleac mit "Oxenberg & Bernstein" (America de peste Pogrom; s. Politik/Geschichte) vorstellte. Mihuleac erklärte neben den Schwierigkeiten, diesen Roman über das Pogrom in Iaşi 1941 in der rumänischen literarischen Landschaft durchzusetzen, seinen Ansatz einer "Rock-Oper" mit einem drastisch-frechen Register, das die Jugend anziehen könne. Die adäquate Lesung einer geschickt gewählten Textpassage durch den Schauspieler Matthias Scherwenikas machte diese Absicht unmittelbar  plastisch und überzeugend. 

 

Wichner, Cătălin Mihuleac, Matthias Scherwenikas

Foto: www.kultro.de

 

Filip Florian: Kleine Finger (Degete mici). Roman. Aus dem Rumänischen von Georg Aescht. Suhrkamp Verlag Berlin 2008, 269 Seiten, ISBN 978-3-51840-014-0

Alle Eulen (Toate bufniţele). Roman. Aus dem Rumänischen von Georg Aescht. Verlag Matthes & Seitz Berlin 2016, 213 Seiten, ISBN 978-3-95757-221-9

Cătălin Mihuleac: Oxenberg & Bernstein (America de peste pogrom). Roman. Aus dem Rumänischen von Ernest Wichner. Paul Zsolnay Verlag Wien 2018, 366 Seiten, ISBN 978-3-552-05883-5


Gabriela Adameşteanu beim ilb

 

Das Internationale Literaturfestival Berlin findet dieser Tage zum 18. Mal statt und zählt unter den rumänischen Gästen auch Gabriela Adameşteanu. Bei der Präsentation durch den Übersetzer und Lyriker Ernest Wichner auf der Bühne im gut besuchten Haus der Berliner Festspiele wird über ihr neues

Foto:www.kultro.de

 

Buch, d.h. den in Deutschland gerade erstmals in Übersetzung publizierten Roman "Verlorener Morgen" (Dimineaţă pierdută) gesprochen, der bereits 1984 (!) in Rumänien erschien. Wichner wies darauf hin, dass der Roman als ihr Hauptwerk verstanden werden könne, das im Laufe der Zeit in Rumänien einen gewissen Kultstatus gewonnen habe. Nach den Entstehungsumständen befragt, erwähnt Adameşteanu die Zensur, die ein Kapitel über den Krieg und einzelne Äußerungen  beanstandete, so dass der integrale Roman erst nach der Wende vollständig erscheinen konnte.

Er schildert in einer Art Mosaiknarration unterschiedliche Szenen aus der Erinnerung einer älteren Frau an ihre Familie, vom Ersten Weltkrieg über das ganze Jahrhundert verteilt bis in die Gegenwart der 1980er Jahre. Wichner erkennt in dieser Form des Romans auch Allusionen zu Adameşteanus Uni-Abschlussarbeit über Marcel Proust, was die Autorin nicht verneint. In der lebendigen Lektüre durch die Schauspielerin Naomi Krauss wurde die Stimme der Erzählerin präsent, es entstand jener Sog in die Geschichte hinein, die in einer Art Gedächtnisstrom die Bukarester Familie in zahlreichen ihrer Erlebnissen aufruft. Auf Nachfrage aus dem Publikum erklärte Adameşteanu, dass sie zwar in Târgu Ocna geboren sei, aber durch die Versetzung ihrer Eltern als Lehrer u.a. auch in Piteşti länger gewohnt habe und erst mit 18 Jahren nach Bukarest gekommen sei. Dort spielen allerdings dann alle ihre Romane, von denen jetzt drei auf Deutsch vorliegen. Ernest Wichner lobte die Übersetzerin Eva Ruth Wemme, die "Dimineaţă pierdută" hervorragend übertragen habe.

Gabriela Adameşteanu war nach der Wende von 1989 lange Chefredakteurin der Zeitschrift "22", bevor sie wieder zur Literatur zurückkehrte. Auf diesen Wechsel angesprochen erklärte sie, dass auch in demokratischen Zeiten eine Chefredakteurin unterschiedlichen Pressionen ausgesetzt sei und ihr daher die Rückkehr zur Literatur eine nahe liegende Option erschien. Die Stimme der rumänischen Literatur in deutschsprachigen Raum ist mit den Übersetzungen der Werke Adameşteanus jetzt eine deutlicher erkennbare geworden.

 

Gabriela Adameşteanu: Verlorener Morgen (Dimineaţă pierdută) Roman. Aus dem Rumänischen von Eva Ruth Wemme. Die andere Bibliothek Berlin 2018, 561 Seiten, ISBN 978-3-8477-0404-1

Der gleiche Weg an jedem Tag. (Drumul egal al fiecărei zile). Roman.  Aus dem Rumänischen von Georg Aescht. Schöffling Verlag Frankfurt  a.M. 2013, Seiten, ISBN 978-3-89561-297-8

Begegnung. (Întâlnirea), Roman. Aus dem Rumänischen von Georg Aescht. Wieser Verlag Klagenfurt 2018, Seiten, ISBN 978-3-99029-287-7

 


Das Leben des Schriftstellers als Alltagsmensch

 

Florin Lăzărescus Roman "Seelenstarre"

 

Jewgenij ist Schriftsteller, jedenfalls so eine Art. Denn er gibt seinen prekären Antiquariatshandel auf, nachdem die Bücher durch Wasserrohrbruch im Keller zu einem riesigen Eisklumpen gefroren sind und annonciert als zukünftige Beschäftigung das Fabrizieren von Texten an. Diese und ähnlich mehr oder weniger epochale Ereignisse begegnen dem Helden dieses Romans permanent, so dass jeder Nimbus und jede literaturbetriebliche Hype um das Image des Autors von Beginn an keine Chance hat in diesem sehr geerdeten Roman des Iaşier Autors Florin Lăzărescu.

Es ist ein Alltag, wie er fast schon ethnographisch in manchen kleinen Hinweisen auf Gegenstände, Denkweisen, Beschreibungen aufscheint, der  das Leben der meisten RumänInnen bestimmt. Jewgenij, geplagt von Panikattacken und wechselnden Interessen, wohnt zur Untermiete bei Frau Valeria Stoican, einer Witwe mit labiler Gesundheit, die allmählich merkwürdige Ansichten und Verhaltensweisen zeigt, bis sie zur Tat schreitet und sich die Haare abschneidet und den Kopf rasiert.

Solche Details des Romans tragen zur allgemeinen Absurdität bei und werfen ironisches Licht auf die Alltagsszenerie, deren Oberfläche gepflastert ist mit trivialen Welterklärungen, Wikipedia- und Discovery-Halbwissen, merkwürdigen Philosophemen, dem Rätsel der Beatles in Oneşti und was der Tag und die bunte Medienwelt sonst noch hergeben. Dass Lăzărescu bei dieser Beobachtung des rumänischen Alltags in seinem Element ist, zeigen nicht nur seine weiteren Bücher wie etwa "Unser Sonderberichterstatter" (Wieser Verlag), sondern auch erfolgreiche Drehbücher, etwa für den Kurzfilm "Lampa cu căciula" (Regie: Radu Jude; Preis für besten Kurzfilm des Festivals des osteuropäischen Films Cottbus 2007). Aber er kann auch ganz anders: Der Spielfilm "Aferim" von Radu Jude nach dem Drehbuch Lăzărescus über einen Roma-Sklaven im frühen 19. Jahrhundert gewann 2015 den Silbernen Bären der Berlinale. In der FAZ nannte Andreas Rossmann "Seelenstarre" "große Literatur".

 

Florin Lăzărescu: Seelenstarre (Amorţire). Roman. Aus dem Rumänischen von Jan Cornelius. Wieser Verlag Klagenfurt 2018. 231 Seiten, ISBN 978-3-99029-286-0