DANACH...

 

Die Leipziger Buchmesse hat im Frühjahr 2018 als Gastland Rumänien begrüßt und damit eine der dynamischsten literarischen Szenerien Europas näher vorgestellt. Wir wollen dieses Ereignis zum Anlass nehmen, die Literatur, aber auch die Künste und die Geschichte sowohl Rumäniens als auch der Republik Moldau in ihren meist im Westen unbekannt gebliebenen Hintergründen als auch aktuellen Entwicklungen zu beleuchten. In Buchrezensionen, Interviews, Reportagen, Essays und Aufsätzen wollen Autorinnen und Autoren ihre eigenen Themen und ihre Perspektiven auf die Kultur Rumäniens und der Republik Moldau formulieren und damit beitragen zu einer immer noch notwendigen Aufklärung im deutschsprachigen Raum über die kulturellen Landschaften um den Karpatenbogen und zwischen Pruth und Dnjestr.

Dies soll nicht einseitig geschehen, sondern unter Einbeziehung rumänischer bzw. moldauischer AutorInnen.

 

(Kontakt unter: info@kultro.de.)

 


Was es noch zu tun gab/gibt...

Dass die rumänische Literaturszene eine dynamische und vielfältige Erscheinung innerhalb der europäischen Sprachen darstellt, hat sich bei unseren Nachbarn eher herumgesprochen als in deutschsprachigen Verlagen und Redaktionen. Ein Artikel hat vor einigen Jahren darauf aufmerksam gemacht. Vieles blieb unübersetzt, jetzt generierte erfreulicherweise der Buchmessen-Schwerpunkt mehr Interesse an Rumänien und der Moldau. Ein aktueller Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung listet zahlreiche der übersetzten AutorInnen auf, weist aber auch auf noch bestehende Defizite hin.


Es tut sich etwas -

PSD-Politiker verlangen Rücktritt Liviu Dragneas

 

 

Was vor wenigen Wochen noch kaum vorstellbar schien, obwohl es sich in der Logik der Entwicklung abzeichnete, wird nun Realität: Nicht ein politisches Leichtgewicht, sondern die Bukarester Bürgermeisterin und Vize-Parteichefin Gabriela Firea hat einen Brief zusammen mit Vizepremierminister Paul Stănescu und Vizepräsident des Senats Adrian Ţuţuianu lanciert, in dem der sofortige Rücktritt des PSD-Vorsitzenden und Präsidenten der Abgeordnetenkammer, Liviu Dragnea, gefordert wird. Begründet wird der Schritt mit der schwachen Leistung Dragneas als Parteichef, der der umstrittenste Politiker Rumäniens (fiind de altfel cel mai contestat lider politic din Romania ultimilor ani) und wegen seiner juristischen Abgreifbarkeit ein Hindernis für die Reformen sei. Weitere Punkte sind die Polarisierung der Gesellschaft, die durch die Vorgänge bei der Demonstration am 10. August, bei der über 400 Protestierer verletzt wurden, nur vertieft werde; ebenso die Situation der PSD, die sich im Konflikt mit fast allen wichtigen Institutionen des Staates befinde (Präsident, Opposition, Geheimdienst, Zivilgesellschaft u.a.) und ihre defizitäre Kommunikationssituation, in der nur Themen wie Korruption, Justizreformen, "Parallelstaat" vorkämen, statt wirtschaftliche Erfolge in den Mittelpunkt zu stellen.

Der Brief fordert die Premierministerin Viorica Dăncilă auf, Interimspräsidentin der Partei bis zu einem außerordentlichen Parteitag im kommenden Jahr zu sein und die Regierungskoalition mit dem Bündnis ALDE fortzuführen. Als Aufgabe wird neben den "Reformen" auch die Vorbereitung auf die Übernahme der EU-Ratspräsidentschaft im Januar 2019 genannt. Ein Gesetz zur Amnestie und Begnadigung, das zuletzt als Mittel der Wiederherstellung der Politikfähigkeit von verurteilten Politikern wie Dragnea genannt wurde, sollte im Dialog mit den Parteien, den Justizorganisationen der Richter, Staatsanwälte, Verteidiger und der Zivilgesellschaft vorbereitet werden. Ebenso sollten Verfassungsänderungen diskutiert werden.

Bisher hat sich die Premierministerin Dăncilă, die vielfach als Marionette Dragneas beschrieben wurde, noch nicht erklärt. Ob auf einer Sondersitzung des Exekutivrates der Partei am 21.9.2018 die Kritiker eine Mehrheit erringen werden, steht noch nicht fest. Währenddessen gehen Kommentatoren davon aus, dass unabhängig davon Dragnea politisch am Ende sei.

 


"L'atelier, c'est moi-me"

 

Geta Brătescu gestorben

 

Wer frühere Jahrgänge der Zeitschrift "Secolul 20" liest, wird ihre künstlerische Gestaltung kaum übersehen können: In den 1970er Jahren machten Fotos mit zeitgenössischer provokativer Kunst die Bände auffällig, der Name der Designerin ("Prezentarea artistică") blieb vielen im Gedächtnis haften: Geta Brătescu. (2016 widmete ihr zum 90. Geburtstag die Zeitschrift, die jetzt "Secolul 21"heißt,

 

Foto: Mihai Brătescu, courtesy Ivan Gallery, Bucharest

 

Heft mit Beiträgen von Alina Ledeneanu, Ion Vianu, Ştefan August Doinaş, Swantje Karich, Dan Perjovschi u.a.).

Buchgestaltung war eine der Aktivitäten der Konzeptkünstlerin, die in der Industriestadt Ploieşti geboren wurde und Philologie und Kunst in Bukarest studierte. Sie selbst hielt ihre Illustrationen zu Doinaş' "Faust"-Übersetzung für eine ihrer wichtigen Arbeiten. 1970 erregte der Film "Atelierul" - von ihrem Kollegen Ion Grigorescu aufgenommen - Aufsehen, in dem die Arbeitsumstände der Künstlerin zum Thema einer radikalen Selbstanalyse wurden.

Der spielerisch-kreative Umgang mit Papier, Collagen, Grafik, Radierung prägte ihr Werk, zu dem auch Textilkunst, Fotografie, Installationen und Objektkunst gehörten. Das Spielerische erinnerte vielfach an die Formen des Surrealismus und der Avantgarde. Zunächst nur innerhalb der rumänischen Szene wahrgenommen, stellten ihre Ausstellungen im Westen eher die Ausnahme dar. Erst in den Jahren nach der Wende wurde Geta Brătescu von der globalen Kunstwelt entdeckt, Ausstellungen in den USA, Deutschland, Österreich mehrten sich. 2017 kuratierte sie mit großem Erfolg den rumänischen Auftritt bei der Biennale in Venedig und nahm an der documenta in Kassel teil. Zuletzt widmete die Hamburger Kunsthalle Brătescu eine Retrospektive, die Berliner Galerie Barbara Weiss stellte ihre Werke ebenfalls mehrfach aus. Wenige Tage vor Eröffnung einer ihr gewidmeten Ausstellung in der Berliner n.b.k. (s. Aktuelles) verstarb Geta Brătescu am 19. September in Bukarest im Alter von 92 Jahren.


Florian und Mihuleac beim ilb

- und Ernest Wichner

 

 

 

 

 

 

 

(v.l.: Ernest Wichner, Filip Florian, Roland Schäfer) Foto: www.kultro.de)

 

Einiges zu tun hatte Ernest Wichner beim Internationalen Literaturfestival in Berlin (5.-15.9.2018). Nicht nur las er eigene Lyrik, sondern moderierte vier Veranstaltungen mit rumänischer Beteiligung. An seiner früheren Wirkungsstätte Literaturhaus stellte er Filip Florian mit seinen übersetzten Büchern "Kleine Finger" (Degete mici) und "Alle Eulen" (Toate bufniţele) vor.

Gleich zu Beginn hatte Wichner die erfreuliche Neuigkeit, dass das neue Buch Florians, "Zilele regelui" (Tage des Königs), sich in Übersetzung  befinde. An den beiden vorgestellten Büchern fällt das Interesse des Autors an der Geschichte auf: In "Kleine Finger" ist es die Entdeckung eines Massengrabs, das Spekulationen auslöst, in "Alle Eulen" befreundet sich ein Junge mit einem älteren Mann und lernt von diesem einiges über das Jahr 1944 und den Zweiten Weltkrieg. Florian bemängelte, dass in Rumänien junge Menschen über die bedeutendsten Ereignisse der Geschichte des Staates oft nur geschönte Kenntnisse besäßen, die in den Schulbüchern stehen. So sei die Eroberung von Odessa zu Beginn des Überfalls auf die Sowjetunion für viele immer noch der größte Sieg der rumänischen Armee, wobei die Massaker an den Juden geflissentlich verschwiegen werden. Die den Text markant vergegenwärtigende Lesung durch den ehemaligen Schaubühnen-Schauspieler Roland Schäfer (der seit der ersten Ausgabe des Festivals als Vorleser aktiv ist!) zeigte auf, dass Florian weniger Handlungsstränge verfolgt, als unnachahmlich intensiv Beobachtungen und Reflexionen zu verbinden weiß.

Szenenwechsel: Vom Literaturhaus ging es die Fasanenstraße entlang in das nahe gelegene Haus der Berliner Festspiele, wo Wichner einem interessierten Publikum den Autor Cătălin Mihuleac mit "Oxenberg & Bernstein" (America de peste Pogrom) vorstellte. Mihuleac erklärte neben den Schwierigkeiten, diesen Roman über das Pogrom in Iaşi 1941 in der rumänischen literarischen Landschaft durchzusetzen, seinen Ansatz einer "Rock-Oper" mit einem drastisch-frechen Register, das die Jugend anziehen könne. Die adäquate Lesung einer geschickt gewählten Textpassage durch den Schauspieler Matthias Scherwenikas machte diese Absicht unmittelbar  plastisch und überzeugend. 

 

Wichner, Cătălin Mihuleac, Matthias Scherwenikas

Foto: www.kultro.de

 

Filip Florian: Kleine Finger (Degete mici). Roman. Aus dem Rumänischen von Georg Aescht. Suhrkamp Verlag Berlin 2008, 269 Seiten, ISBN 978-3-51840-014-0

Alle Eulen (Toate bufniţele). Roman. Aus dem Rumänischen von Georg Aescht. Verlag Matthes & Seitz Berlin 2016, 213 Seiten, ISBN 978-3-95757-221-9

Cătălin Mihuleac: Oxenberg & Bernstein (America de peste pogrom). Roman. Aus dem Rumänischen von Ernest Wichner. Paul Zsolnay Verlag Wien 2018, 366 Seiten, ISBN 978-3-552-05883-5


Gabriela Adameşteanu beim ilb

 

Das Internationale Literaturfestival Berlin findet dieser Tage zum 18. Mal statt und zählt unter den rumänischen Gästen auch Gabriela Adameşteanu. Bei der Präsentation durch den Übersetzer und Lyriker Ernest Wichner auf der Bühne im gut besuchten Haus der Berliner Festspiele wird über ihr neues

Foto:www.kultro.de

 

Buch, d.h. den in Deutschland gerade erstmals in Übersetzung publizierten Roman "Verlorener Morgen" (Dimineaţă pierdută) gesprochen, der bereits 1984 (!) in Rumänien erschien. Wichner wies darauf hin, dass der Roman als ihr Hauptwerk verstanden werden könne, das im Laufe der Zeit in Rumänien einen gewissen Kultstatus gewonnen habe. Nach den Entstehungsumständen befragt, erwähnt Adameşteanu die Zensur, die ein Kapitel über den Krieg und einzelne Äußerungen  beanstandete, so dass der integrale Roman erst nach der Wende vollständig erscheinen konnte.

Er schildert in einer Art Mosaiknarration unterschiedliche Szenen aus der Erinnerung einer älteren Frau an ihre Familie, vom Ersten Weltkrieg über das ganze Jahrhundert verteilt bis in die Gegenwart der 1980er Jahre. Wichner erkennt in dieser Form des Romans auch Allusionen zu Adameşteanus Uni-Abschlussarbeit über Marcel Proust, was die Autorin nicht verneint. In der lebendigen Lektüre durch die Schauspielerin Naomi Krauss wurde die Stimme der Erzählerin präsent, es entstand jener Sog in die Geschichte hinein, die in einer Art Gedächtnisstrom die Bukarester Familie in zahlreichen ihrer Erlebnissen aufruft. Auf Nachfrage aus dem Publikum erklärte Adameşteanu, dass sie zwar in Târgu Ocna geboren sei, aber durch die Versetzung ihrer Eltern als Lehrer u.a. auch in Piteşti länger gewohnt habe und erst mit 18 Jahren nach Bukarest gekommen sei. Dort spielen allerdings dann alle ihre Romane, von denen jetzt drei auf Deutsch vorliegen. Ernest Wichner lobte die Übersetzerin Eva Ruth Wemme, die "Dimineaţă pierdută" hervorragend übertragen habe.

Gabriela Adameşteanu war nach der Wende von 1989 lange Chefredakteurin der Zeitschrift "22", bevor sie wieder zur Literatur zurückkehrte. Auf diesen Wechsel angesprochen erklärte sie, dass auch in demokratischen Zeiten eine Chefredakteurin unterschiedlichen Pressionen ausgesetzt sei und ihr daher die Rückkehr zur Literatur eine nahe liegende Option erschien. Die Stimme der rumänischen Literatur in deutschsprachigen Raum ist mit den Übersetzungen der Werke Adameşteanus jetzt eine deutlicher erkennbare geworden.

 

Gabriela Adameşteanu: Verlorener Morgen (Dimineaţă pierdută) Roman. Aus dem Rumänischen von Eva Ruth Wemme. Die andere Bibliothek Berlin 2018, 561 Seiten, ISBN 978-3-8477-0404-1

Der gleiche Weg an jedem Tag. (Drumul egal al fiecărei zile). Roman.  Aus dem Rumänischen von Georg Aescht. Schöffling Verlag Frankfurt  a.M. 2013, Seiten, ISBN 978-3-89561-297-8

Begegnung. (Întâlnirea), Roman. Aus dem Rumänischen von Georg Aescht. Wieser Verlag Klagenfurt 2018, Seiten, ISBN 978-3-99029-287-7

 


Juni 1941 - das pogrom von iaşi (2)

Reflexionen eines Massenverbrechens in Historiographie und Kunst

 

Was in den Tagen vom 28. Juni bis 6. Juli 1941 in Iaşi (Jassy), der moldauischen Metropole im Nordosten des 1919 erstandenen Groß-Rumäniens geschah, blieb in der Nachkriegszeit lange ein nebelhaftes Mysterium. Zwar gedachte das 1947 installierte kommunistische Regime jährlich offiziell dem Mord an den Juden der Stadt, aber detaillierte Forschung wurde in den vierzig Jahren kaum betrieben, so dass die ideologisch gefärbte und motivierte Interpretation des Regimes für eine Epoche lang das Bild bestimmte. Dies hielt auch noch nach 1989 an, bis eine jüngere Generation von Historikern begann, nachzufragen und erstaunliche Fakten und Quellen zu Tage fördern konnte.

Mittlerweile hat in Ergänzung oder auch anstelle von fehlenden Darstellungen auch die Kunst in unterschiedlichen Formen sich des Themas angenommen. Dies ist Anlass, um an dieser Stelle sowohl die historische Forschung als auch die kulturhistorische Erinnerungs- und Reflexionsarbeit in ihren Formen vorzustellen - auch, damit dieses Ereignis des "stillen Holocaust" nicht vergessen wird.

 

 

Gebrauchte Kleider - Eine Familie im Holocaust

 

Der Roman von Cătălin Mihuleac über das Pogrom von Iaşi

 

Es hat nicht nur Jahrzehnte gedauert, bis in Iaşi und darüber hinaus sich eine breitere Forschung der grausamen Geschehnisse in der alten Kulturmetropole im Nordosten Rumäniens zu Beginn des Überfalls auf die Sowjetunion angenommen hat. Auch als Thema der Literatur kam das Pogrom von Iaşi  erst mit dem Roman des Iaşier Autors Cătălin Mihuleac beim rumänischen Lesepublikum an. Und nicht nur dort; zahlreiche Übersetzungen - darunter jetzt eine deutsche - verbreiten die romanhafte Darstellung einer Familiengeschichte, die durch das Pogrom geprägt wird.

Die Kaufhausangestellte Sânziana, aus deren Ich-Perspektive zunächst erzählt wird, erhält von ihrem Chef den Auftrag, ein amerikanisches Paar, Mutter und Sohn, durch Iaşi zu führen. In den USA hat die Familie ihr Geld durch Secondhand-Kleiderhandel gemacht und der Sohn bietet Suzy, wie der rumänische Namen sofort vereinfacht wird, an, dort mitzuarbeiten. Es folgt die Heirat der beiden und Suzy taucht nicht nur in die Geheimnisse der einst aus Rumänien emigrierten Familie ein, sondern lernt selbst viel über die Geschichte ihrer Stadt. Parallel zu dieser Exploration der Heldin in den USA schildert ein Erzähler das Geschehen des Pogroms und seiner langen Vorgeschichte in der rumänischen Zwischenkriegszeit in drastischer Realistik. Hier ist es das Schicksal des Gynäkologen Jacques Oxenberg und seiner Familie in Iaşi, das wie ein Panorama die Gesellschaft und  Geschichte der Stadt zwischen den Kriegen aufscheinen lässt. Mit zahlreichen Details und vielen Klarnamen (wie Traian Bratu, A.C. Cuza, Ion Zelea Codreanu) wird in einer zwar auktorialen Form, aber subjektiven Perspektive die Lebenswelt der jüdischen Bevölkerung in Zeiten des ansteigenden Antisemitismus satirisch, drastisch, kolportagehaft geschildert. Der Erzähler bewegt sich dabei nahe an den Klischees und Vorurteilen, Stereotypen und Judenbildern, die seinerzeit im Schwange waren und historisch in Iaşi die Entstehung des organisierten gewalttätigen Antisemitismus von Codreanu und A.C. Cuza begünstigten. In die Schilderung gehen genaue Beobachtungen historischer Fakten ein. So wird anhand der zugänglichen Fotoaufnahmen die Ermordung des kleinen Mädchens mit seinen Eltern auf der Straße Vasile Conta in die Geschichte eingewoben. Auch die Figur eines Historikers bietet im Roman Gelegenheit, zahlreiche Details in ihrer Entdeckung zu präsentieren.

Bei allem Lob, das das Buch erfuhr - auch weil es gegen Widerstände in Rumänien geschrieben und publiziert wurde -, stellt ein Diskussionspunkt in der Rezeption die drastische und sexualisierte Sprache dar. Ilma Rakusa fragte in der NZZ: "Zutiefst verstörend, was Mihuleac berichtet, aber auch, wie er es tut. Ist saloppe Übertreibung nicht fehl am Platz? Wem will er auf diese Weise etwas einbleuen, etwa jenen unbelehrbaren rumänischen Nationalisten, die heute noch leugnen, dass Rumänen an jenen Greueltaten massgeblich beteiligt waren, zumal deren Verbrechen kaum geahndet wurden?". Hiergegen kann erwogen werden, dass der Antisemitismus der Zwischenkriegszeit insbesondere auch aus Sexualphantasien sich nährte. Mihuleac differenziert zwischen beiden Reden des Romans: Die sexualisierte Sprache taucht in Suzys Monolog weniger drastisch auf als in der Erzählung des Pogroms und seiner Vorgeschichte.

Der Reichtum der Details zum historischen Geschehen trägt zur Bedeutung des Buches für rumänische Leser bei: Die wenigsten werden den vielfach wegen seiner "Medeleni"-Geschichten nostalgisch verklärten Autor Ionel Teodoreanu als einen aktiven Antisemiten kennen, der den Ausschluss der Juden aus der Rechtsanwaltskammer in Iaşi forderte und durchsetzte. Es wird der italienische Konsul erwähnt, der später dann in Curzio Malapartes eher fiktivem Kapitel über das Pogrom in seinem Roman "Kaputt" erscheint.

Mihuleacs Roman hat erstmals die Vorgänge von 1941 in seiner Heimatstadt und in Rumänien einem größeren Publikum in einer Romanstruktur erzählt. Es besteht damit die Gelegenheit, dass  das Geschehen auch durch Literatur zum Gegenstand von Debatten und Nachfragen wird.

 

Cătălin Mihuleac: Oxenberg & Bernstein (America de peste pogrom). Roman. Aus dem Rumänischen von Ernest Wichner. Paul Zsolnay Verlag Wien 2018, 366 Seiten, ISBN 978-3-552-05883-5

 


Das Leben des Schriftstellers als Alltagsmensch

 

Florin Lăzărescus Roman "Seelenstarre"

 

Jewgenij ist Schriftsteller, jedenfalls so eine Art. Denn er gibt seinen prekären Antiquariatshandel auf, nachdem die Bücher durch Wasserrohrbruch im Keller zu einem riesigen Eisklumpen gefroren sind und annonciert als zukünftige Beschäftigung das Fabrizieren von Texten an. Diese und ähnlich mehr oder weniger epochale Ereignisse begegnen dem Helden dieses Romans permanent, so dass jeder Nimbus und jede literaturbetriebliche Hype um das Image des Autors von Beginn an keine Chance hat in diesem sehr geerdeten Roman des Iaşier Autors Florin Lăzărescu.

Es ist ein Alltag, wie er fast schon ethnographisch in manchen kleinen Hinweisen auf Gegenstände, Denkweisen, Beschreibungen aufscheint, der  das Leben der meisten RumänInnen bestimmt. Jewegenij, geplagt von Panikattacken und wechselnden Interessen, wohnt zur Untermiete bei Frau Valeria Stoican, einer Witwe mit labiler Gesundheit, die allmählich merkwürdige Ansichten und Verhaltensweisen zeigt, bis sie zur Tat schreitet und sich die Haare abschneidet und den Kopf rasiert.

Solche Details des Romans tragen zur allgemeinen Absurdität bei und werfen ironisches Licht auf die Alltagsszenerie, deren Oberfläche gepflastert ist mit trivialen Welterklärungen, Wikipedia- und Discovery-Halbwissen, merkwürdigen Philosophemen, dem Rätsel der Beatles in Oneşti und was der Tag und die bunte Medienwelt sonst noch hergeben. Dass Lăzărescu bei dieser Beobachtung des rumänischen Alltags in seinem Element ist, zeigen nicht nur seine weiteren Bücher wie etwa "Unser Sonderberichterstatter" (Wieser Verlag), sondern auch erfolgreiche Drehbücher, etwa für den Kurzfilm "Lampa cu căciula" (Regie: Radu Jude; Preis für besten Kurzfilm des Festivals des osteuropäischen Films Cottbus 2007). Aber er kann auch ganz anders: Der Spielfilm "Aferim" von Radu Jude nach dem Drehbuch Lăzărescus über einen Roma-Sklaven im frühen 19. Jahrhundert gewann 2015 den Silbernen Bären der Berlinale. In der FAZ nannte Andreas Rossmann "Seelenstarre" "große Literatur".

 

Florin Lăzărescu: Seelenstarre (Amorţire). Roman. Aus dem Rumänischen von Jan Cornelius. Wieser Verlag Klagenfurt 2018. 231 Seiten, ISBN 978-3-99029-286-0

 


Die Unentrinnbarkeit der Biographie

 

Eine wissenschaftliche Arbeit über Eginald Schlattner

 

 

 

 

Mit seinen Büchern "Der geköpfte Hahn" (1998) "Rote Handschuhe" (2001) und "Das Klavier im Nebel" (2005) hat Eginald Schlattner aus dem rumänischen Siebenbürgen großen Erfolg beim Lesepublikum in den deutschsprachigen Ländern. Kein Autor vor und aus seiner Generation (mit der Ausnahme von Oskar Pastior vielleicht ) konnte ähnliches Interesse über die Siebenbürger Gemeinschaft hinaus erwecken und wurde daher von außen als eine Art Stimme der jüngeren Geschichte dieser rumänischen Landschaft wahrgenommen. Dass dies nicht ohne Differenzierung zu betrachten war, zeigten die Romane Schlattners selbst wie aber auch die Auseinandersetzungen um ihren Wahrheitsgehalt: Denn wo die Romane sich auf historische Gegebenheiten bezogen, meldeten ebenso an dieser Realität teilhabende Personen scharfen Protest an. Schlattner wurde als Schuldiger an der Verurteilung von fünf Schriftstellerkollegen bezeichnet und als solcher in seiner Wahrhaftigkeit und gewissermaßen sein moralisches 'Recht' auf seinen Erfolg bezweifelt.

 

Liegen die in "Rote Handschuhe" geschilderten Vorgänge auch bereits mehr als fünf Jahrzehnte zurück, so entfalteten sie nach der politischen Wende von 1989 erst ihre explosive Kraft und historische Dimension. Plötzlich standen die Umstände der im stalinistischen Rumänien der 1950er Jahre statt gefundenen Verhaftung, des Prozesses und der Verurteilung in einem Schauprozess mitsamt seiner Instrumentalisierung von literarischen Texten wieder im Mittelpunkt hitziger Debatten und führten zur Wiederholung von alten oder zur Entstehung von neuen Lagerbildungen. Es hatte den Anschein, als würden hier noch einmal die tiefen Spaltungen der Siebenbürger Sachsen - etwa in den oft miteinander verbundenen Fragen: dem Regime widerstehen oder mitmachen, da bleiben oder gehen? - stellvertretend ausgefochten. Diese schwerwiegenden Probleme waren für die Geschichte der Siebenbürger im 20. Jahrhundert von entscheidender Bedeutung und fanden in Rumänien vielfach nur in mündlichen Diskussionen Raum, wenn die offene schriftliche und literarische Auseinandersetzung durch die Zensur behindert war. Vieles blieb ungesagt, unerforscht, unbelegt und machte die Vermittlung von klaren, differenzierten, aufklärenden  Haltungen schwierig.

 

Um so mehr ist die vorliegende Dissertation von Michaela Nowotnick zu Schlattners Roman "Rote Handschuhe" und seiner Thematik zu begrüßen, die vor allem die Quellen sprechen lässt. Sich an eine größere akademische Öffentlichkeit wendend, die das Spezifische der Umstände kaum kennen dürfte, nähert sie sich ihrem Gegenstand von weit her. Nach einer methodischen und begrifflichen Umgrenzung ihrer Herangehensweise ist es ein klug gewählter historischer Abriss, der bereits deutlich macht, wie die Aktivitäten des jungen Studenten Schlattner als Begründer eines Lesekreises der deutschen Studenten an der Universität Klausenburg (Cluj) und Autor von Erzählungen  sich in eine politische Situation hineinmanövrierte, die im stalinistischen kommunistischen Regime sowohl von dem ungarischen Aufstand von 1956, besonders aber auch der "sächsischen" Vergangenheit geprägt war. So kommen auch die Umstände des Zweiten Weltkriegs zur Sprache, in dem die Siebenbürger Sachsen als rumänische Staatsbürger in der verbündeten deutschen Waffen-SS, der Reichswehr oder der rumänischen Armee aktiv waren. Dies musste mit Rumäniens Kehrtwende auf die Seiten der Alliierten am 23. August 1944 ein besonderes Licht auf die nunmehrigen deutschen Gegner werfen. Enteignungen und Deportationen waren nach Machtübernahme der Kommunisten die Folge.

 

Nowotnicks stupende Quellenkenntnis inklusive des Zugangs zu Vorlass und Privatarchiv Schlattners lässt sie plausibel die Situation der jungen Sachsen in den Städten und an der Universität skizzieren, in der Schlattner sich literarisch und organisatorisch bemerkbar machte. Junge Intellektuelle wie Schlattner waren aufgefordert, sich zum Regime zu verhalten. Seine Möglichkeiten der Entscheidung wurden ihm aber durch die Verhaftung am 28.12. 1957 abrupt genommen. Zwei Jahre saß er in Securitate-Haft, nach mehreren Monaten hielt der bereits früher wegen psychischer Probleme medizinisch behandelte Student die Situation nicht mehr aus, und machte die gewünschten Angaben. In das Visier der Securitate waren sowohl der Literaturkreis als auch die Aktivitäten von deutschen Autoren geraten. Schlattner musste in einem politischen Schauprozess aussagen, der für fünf Angeklagte mit hohen Gefängnis- und Lagerstrafen endete (sie wurden nach ca. 5 Jahren begnadigt). Ihm selbst wurde ebenso der Prozess gemacht und die zwei Jahre Haft angerechnet, so dass er fast auf den Tag genau nach zwei Jahren in die Freiheit entlassen wurde.

 

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Übersetzungskulturen

 

Von den Voraussetzungen und Untiefen der geisteswissenschaftlichen Kommunikation

 

 

 

 

 

 

 

Wer war Vlad Boțulescu von Mălăiești? Als Gefangener in der Burg der Sforza in Mailand übersetzte vor über 250 Jahren der rumänische Gelehrte eine deutsche Universalgeschichte ins Rumänische. Der Verfasser sollte sein Gefäng-nis nicht mehr verlassen, das Manuskript wurde erst vor fünf Jahren in Bukarest teil-veröffentlicht. Mit diesem alten und unbe-kannten Beispiel der Übertragung historiographischer und philosophischer Konzepte eröffnen Emanuela und Andrei Timotin in diesem Band das erste Kapitel von Reflexionen über den Transfer philosophischer Begriffsbildung in die rumänischen Sprach- und Denktraditionen. Solche Transfers implizieren – wie man den Beiträgen und auch den ausführlichen Rezensionen zur postkolonialen Theorie (Ana-Maria Pălimariu, Dragoș Carasevici, Alexanda Chirica) entnehmen kann – enorme Unwägbarkeiten, ja sie erscheinen eigentlich so unmöglich wie eine reine, völlig störungsfreie Kommunikation. Und dennoch zeichnet menschliche Geschichte der immer wieder gemachte Versuch aus, das Eigene zu überschreiten und „in Kontakt“ mit dem Nicht-Eigenen zu treten. Der von der Wiener Philosophin Mădălina Diaconu und dem Iașier Germanisten Andrei Corbea-Hoișie herausgegebene, mehrsprachige Sammelband geht intensiv diesen Schwierigkeiten wie auch den Erfahrungen des Übersetzens nach.

 

In der ersten Abteilung folgen auf die Eröffnung mit Boțulescu die Klassiker: Kant, Hegel, Kritische Theorie. Ioan Oprea (englisch) zeichnet die Linien der Entwicklung in den Donaufürstentümern nach, wo in Iași und Bukarest Kant und später Hegel durch Lehre und Übersetzung von deren Schülern Terrain gewannen; dies aber war nur möglich durch die rationalistische Aufklärung, die die „Școala Ardeleană” von Siebenbürgen über die Karpaten brachte (Barnuțiu, Murgu, Laurian, Pumnul). Mădălina und Marin Diaconu exponieren in ihrer Übersicht der Kant-Rezeption in Rumänien den Politiker und Juristen Titu Maiorescu als bedeutendsten Kantianer Ende des 19. Jahrhunderts. Für das 20. Jahrhundert bündelt George Bondor (französisch) die philosophisch-konzeptuellen Linien in vier Modellen: rationalistisch (Vasile Conta), romantisch (Constantin Noica), exis-tenzialistisch (Nae Ionescu, Nicolae Steinhardt, Mircea Vulcanescu). Nur dem im Westen ja durchaus vorhandenen marxistischen Modell schreibt Bondor keine Vertreter zu, sondern sieht für jeden ernsthaften Denker im rumänischen Kontext der kommu-nistischen Zensur das Problem der verdeckten Schreibweise. (Bondor übergeht damit die sozialistische Theoriebildung, etwa durch Dobrogeanu-Gherea am Ende des 19. Jahrhunderts.). Dem jüngeren Kritiker und Autor Alex Cistelecan (englisch) fehlen in den rumänischen Philosophiedebatten die Vertreter der Kritischen Theorie, wie er nicht zuletzt an den entsprechenden Sektionen der Buchhandlungen beobachtet, und weist zugleich auf Ausnahmen hin, etwa den Verlag „Idea” in Cluj.

 

Spiel(t)en in diesen Rezeptionen und Anschlüssen an deutsche Philosophen deren Übersetzungen neben der Universitätslehre die zentrale Rolle, so fokussiert das nächste Kapitel des Bandes näher auf einige Beispiele rumänisch-deutscher Übersetzungen im diachronischen Schnitt von Meister Eckhart bis Tudor Vianu. Wie werden anderssprachige Theorien und Schulen Rumänischlesenden präsentiert? Hier werden einige der generellen Probleme der Übersetzung deutlich. In einem erfreulich ausführlichen und in elegantem Französisch verfassten Beitrag zu den Übersetzungen Siegmund Freuds ins Französische und Rumänische hebt Magda Jeanrenaud einige der zentralen Probleme hervor: Anders als in Frankreich gibt es in Rumänien keine lebhaften Debatten, wie man Freud übersetzen solle (Freuds Lehre hat vor dem Hintergrund einer religiösen Orthodoxie keine große Anängerschaft in Rumänien ausgebildet). Zudem entwerfen die ÜbersetzerInnen selbst keine theoretischen Modelle hinsichtlich ihrer Herangehensweise, die ihre Übersetzung einheitlicher und überzeugender machen könnten.

 

Auch Gabriel Horațiu Decuble vermerkt in rumänischen Übersetzungen Meister Eckharts wenig Bewusstsein für ontologische Konzepte, die bestimmte Übersetzerentscheidungen motivieren könnten. Ion Tănăsescu geht in seinem kurzen, aber prägnanten Beitrag dem Verständnis des für die Phänomenologie zentralen Begriffs der „Intention(alität)“ bei Franz von Brentano nach – ein Begriff, der seine untergründige Rolle durch den gesamten Band spielt. Welche Problematik in umgekehrter Richtung vom Rumänischen ins Deutsche Übersetzungen bieten, diskutiert Elisabeth Berger am Beispiel der Metapherntheorie des Klassikers Tudor Vianu und deren kongenialen Übersetzung durch den Siebenbürger Sachsen Dieter Roth. In einem spannenden, bisweilen sprachlich aber etwas ungenauen Dokumentationsbeitrag von Larissa Schippel und Julia Richter zum "Übersetzungsdienst Wien" während des Zweiten Weltkriegs findet sich die (bibliographische) Gleichstellung von Autor und Übersetzerin – auch ein Beitrag zum philosophischen Problem, was eine Übersetzung und welche die Rolle der ÜbersetzerInnen als Textproduzent sei.

 

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Literatur und Protest - Rumänische Schriftsteller und die aktuelle Politik

 

Die jüngsten Ereignisse in der politischen Szenerie Rumäniens haben Tausende auf die Straße getrieben. Umfassende "Justizreformen"verbergen kaum die Absicht, die Staatsanwälte und Richter dem politischen Amt des Justizministers zu unterstellen und ihre Unabhängigkeit zu gefährden. Viele - darunter z.B. 4000 "magistraţi" und auch der Generalstaatsanwalt - haben sich gegen diese Absicht ausgesprochen. Nach dem zweiten Rücktritt des Ministerpräsidenten in einem halben Jahr und der erstmaligen Benennung einer Frau in dieses zentrale politische Amt scheint sich an der Oberfläche die Konstellation kaum verändert zu haben.

In Deutschlandfunk Kultur (früher Deutschlandradio Kultur) gab es zu diesem Thema ein Gespräch mit dem Fokus auf der Rolle von Schriftstellern in den Protesten gegen das Regierungsvorhaben.

 

 

"Lesart"-Beitrag von Deutschlandfunk Kultur am 18.1.2018