DANACH...

 

Die Leipziger Buchmesse hat im Frühjahr 2018 als Gastland Rumänien begrüßt und damit eine der dynamischsten literarischen Szenerien Europas näher vorgestellt. Wir wollen dieses Ereignis zum Anlass nehmen, die Literatur, aber auch die Künste und die Geschichte sowohl Rumäniens als auch der Republik Moldau in ihren meist im Westen unbekannt gebliebenen Hintergründen als auch aktuellen Entwicklungen zu beleuchten. In Buchrezensionen, Interviews, Reportagen, Essays und Aufsätzen wollen Autorinnen und Autoren ihre eigenen Themen und ihre Perspektiven auf die Kultur Rumäniens und der Republik Moldau formulieren und damit beitragen zu einer immer noch notwendigen Aufklärung im deutschsprachigen Raum über die kulturellen Landschaften um den Karpatenbogen und zwischen Pruth und Dnjestr.

Dies soll nicht einseitig geschehen, sondern unter Einbeziehung rumänischer bzw. moldauischer AutorInnen.

 

(Kontakt unter: info@kultro.de.)

 


Was es noch zu tun gab/gibt...

Dass die rumänische Literaturszene eine dynamische und vielfältige Erscheinung innerhalb der europäischen Sprachen darstellt, hat sich bei unseren Nachbarn eher herumgesprochen als in deutschsprachigen Verlagen und Redaktionen. Ein Artikel hat vor einigen Jahren darauf aufmerksam gemacht. Vieles blieb unübersetzt, jetzt generierte erfreulicherweise der Buchmessen-Schwerpunkt mehr Interesse an Rumänien und der Moldau. Ein aktueller Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung listet zahlreiche der übersetzten AutorInnen auf, weist aber auch auf noch bestehende Defizite hin.


Zwei Roadies im Jahr 1807

 

Ştefan Agopians "Manualul întîmplărilor" in deutscher Übersetzung

 

Es sind schon zwei seltsame Gestalten: Marin Ioan, der  Lehrer und Zadic, der Armenier, machen sich auf einen so phantastischen Trip, dass er nur schwer zu beschreiben ist. Es scheint, als seien sie im April 1807 an Ostern in Bukarest und unterhalten sich über merkwürdige Gegenstände wie mavroghenische Archondologie, die Konsistenz von Nahrungsmitteln oder Doktoren-Engel. Die Handlung hält weitere Seltsamkeiten bereit: Es tauchen Molossus-Riesenhunde auf, Stymphaliden, Kakodämonen und anderes mehr, es gibt  das Bankett der Pandidaktiker,ein  Treffen mit dem Bischof von Argeş, Kriegsaktivitäten und Osterfestlichkeiten. Auch das Jahr 1801 wird erinnert, der Hintergrund sind die russischen Angriffe auf die noch osmanische Walachei. Was aber alles erzählt wird, entwickelt unter Einfluss von reichlich Wein oder aber auch anderen pflanzlichen Anregern eine mit jedem Satz sich wandelnde kaleidoskopische Erzählung, deren Reichhaltigkeit das schmale Buch zu einer üppigen Lektüre  werden lässt, als ob es hunderte von Seiten enthielte. Kein Wunder, dass hier viele Kritiker einen Ansatzpunkt der Post-Moderne in Rumänien sahen. Mitten in der düstersten Zeit des Ceauşescu-Regimes erschienen, errang der phantastisch-satirische "Manualul întâmplărilor" einen Kult-Status, nicht zuletzt, weil auf einigen Seiten eine Figur von seiner Überwachungstätigkeit berichtet, was als unverhohlene Anspielung auf die Securitate gelesen wurde. (Das Manuskript passierte die Zensur angeblich durch den Hinweis, dass die Handlung zur Zeit der Phanarioten spiele und damit alle Konflikte mit der Gegenwart ausgeschlossen schienen.)

Die Übersetzung von Eva Ruth Wemme ist angemessen frisch und macht das rauschhafte Buch auch in deutscher Sprache nachvollziehbar.

 

Ştefan Agopian: Handbuch der Zeiten. (Manualul întîmplărilor). Roman. Aus dem Rumänischen von Eva Ruth Wemme. Verbrecher Verlag, Berlin 2018, 100 Seiten. ISBN 978-3-95732-309-5

 


Wie sie wurden, was sie sind

 

Radu Ţuculescus Roman um Kindheit und Gegenwart

 

Eine "typische" rumänische Kindheit im Siebenbürgen der 1950er Jahre? Jedenfalls keine idyllische oder überbehütete. Mutter und Vater langen schon mal zu, wenn das Kind den "Abwegen" seiner kindlichen Phantasie folgt. Sozial zwar gut gestellt - der Vater ist Arzt am Krankenhaus - aber eben deshalb auch im neuen Regime nicht unbedingt wohl gelitten, erlebt das Kind in der Kleinstadt einen nicht ungewöhnlichen Mix aus Freuden und Härten. Der Schulalltag ist von der Auseinandersetzung mit den LehrerInnen geprägt, sein Freund Răzvan unterstützt den Musik begeisterten Adrian bei allen möglichen (oder phantasierten?) wilden Streichen. Die Mädchenwelt entdeckt er zuerst als  glücklicher Ausreißer bei Zigeunern, die Stadt ist bevölkert von mitunter skurrilen Typen und bietet allerlei entsprechende Erlebnisse. Das ist subjektiv ausführlich und drastisch geschildert, mitunter in an den amerikanischen Pulp-Film erinnernden insistierend-ausufernden Dialogen. Gewalt gehört ebenso in diesen Rahmen, wie auch politische Aspekte, wenn etwa eine Attacke auf eine Synagoge geschildert wird und Adrians Freundin mit ihrer Familie nach Israel emigriert.

Der Autor Radu Ţuculescu, dessen Biographie als Musiker, Theater- und Fernsehautor einige der im Roman auftauchenden Motive erkennen lässt, kreuzt diese Erinnerungen mit einer durch Kursivschrift kenntlich gemachten Erzählung des nun erwachsenen, frustriert wirkenden Adrian in Bukarest. Dieser wartet zu Hause auf seine Tochter  und erhält dabei unerwartet Besuch einer anderen jungen Frau. Das unter eigenartiger Spannung stehende Gespräch führt bald ins Sexuelle und zum Schluss in eine Katastrophe. Es bleiben wenige Bezugspunkte zur Kindheit erkennbar, am ehesten noch die Musik.

Wenn am Ende des Buches in der Schrift der Erinnerung das aktuelle Geschehen geschildert wird, scheint typographisch die Verbindung zu den Kindheitserlebnissen hergestellt zu sein. Ob es allerdings derselbe Adrian ist, bleibt eine offene Frage. Ein komplexer und rauher Roman, von Peter Groth flüssig und präzise übersetzt.

 

Radu Ţuculescu: Stalin, mit dem Spaten voran! (Stalin, cu sapa-nainte). Roman. Aus dem Rumänischen von Peter Groth. Mitteldeutscher Verlag Halle (Saale) 2018. 255 Seiten, ISBN 978-3-95462-992-7


Vater-Staat Rumänien 

 

 

 

Carmen-Francesca Bancius packende Auseinandersetzung mit der Vaterfigur

 

 

Dieser 'Roman' ist in vielfacher Hinsicht bemerkenswert: Rein äußerlich fällt er durch seine Form auf, denn es handelt sich um ein langes Prosagedicht, keine durch komplette Sätze gebildete Erzählung im Blocksatz. Und um es gleich zu sagen: Diese 'Form-Sache' beeinträchtigt in keiner Weise den Zugang zu dieser eindringlichen Geschichte einer Auseinandersetzung einer Tochter mit ihrem Vater. Im Gegenteil: Durch die kurzen Satzfragmente, ihre Wiederholungen und Variationen kristallisiert sich sehr viel intensiver die Obsession dieser Tochter mit ihrer Vergangenheit und der Rolle des nach einem Unfall im Sterben liegenden Vatergestalt heraus als es eine abschweifende und erläuternde Beschreibung je könnte. Es vereinen sich die Vorteile lyrischer Intensität mit dem breiten epischen Verfolgen einer sich über ein Leben erstreckenden Geschichte.

 Worum geht es? Es geht um die Rückkehr der Tochter nach Rumänien, als der Vater nach einem Unfall im Krankenhaus liegt. Diese Konfrontation mit dem Sterbenden löst noch einmal die ganze Wut und das Unverständnis der Tochter aus, die sich an die Zeit der Kindheit erinnert, in der der Vater als Funktionär und Bürgermeister der Partei angehörte und das neue System verteidigte. Dieser politischen Ebene, gegen die die Tochter später rebellieren sollte, ist die persönliche Perspektive auf das Liebesleben des Vaters zugesellt, der die mittlerweile verstorbene Mutter offen betrog und von dessen Geliebten nun zwei um den Status der Hinterbliebenen kämpfen. Banciu erzählt diese fast schon archetypische Konstellation in einem packenden und in seinem Zorn nicht nachlassenden Monolog der Tochter, der künstlerisch überzeugend ein ganzes Panorama sowohl des Staates, seiner Ideologie, der moralischen Fragwürdigkeit des Vaters, des Unverständnisses der Tochter als auch dem Verhalten der Geliebten ausbreitet. Auf der Suche nach den Gründen der Vorgänge ist die Erzählerin ebenso auf der Suche nach den Wörtern, der adäquaten Sprache für ihre Perspektive auf die Dinge und Verhältnisse und dem Vergangenen, das noch so präsent ist. Gerade diese Vielfalt der Themen und der poetischen Mittel machen das Langgedicht zu einer der wichtigsten Neuerscheinungen auf der Leipziger Buchmesse.

Der Band bildet den Schluss einer thematischen Trilogie, die in den vorherigen Prosabänden "Das Lied der traurigen Mutter" und "Vaterflucht" die Geschichte(n) dieser Familie, des Staates und der Rebellion als zentrales Thema behandelt.

 

 Carmen-Francesca Banciu: Lebt wohl, Ihr Genossen und Geliebten! Tod eines Patrioten. Berlin: PalmArtPress 2018, 373 Seiten, ISBN: 978-3-96258-003-2


Lavinia Branişte - ein Romandebut

 

 

Die "Realität" ist oft auch nur, was in Büchern steht. Und in Büchern die Realität zu erkennen, erfordert oft, sich literarisch auf Details, Kleinigkeiten, Alltägliches einzulassen. Dies hat die junge Schriftstellerin Lavinia Branişte getan - die Lakonie ihrer Protagonistin Cristina wird nur durch kleine Beobachtungen und Vergleiche durchbrochen. Indem sie sich auf dieses Schreibverfahren konsequent stützt, macht die Autorin deutlich, wie reduziert, scheinbar hoffnungslos, funktionell das Leben dieser Büroangestellten in Bukarest sich darstellt.

Cristina arbeitet in einer Baufirma, ungelernt, ohne eigentliche Aufgabe ist sie für den Empfang, die Kopien und sonstiges zuständig, wie es gerade ihrer impulsiven Chefin in den Sinn kommt. Die KollegInnen sind umgänglich, aber nicht alle nett. Das Leben hat außer einer wenig zukunftsverheißenden Fernbeziehung wenig zu bieten als gelegentliche Tanzabende in einem Club, Bekanntschaften, Festivalbesuche, Gedanken über das Leben, Besuche der Mutter aus Spanien, wo sie als Campingplatzaufseherin arbeitet. Trotz einiger eingreifender Veränderungen bleibt am Ende nur die Verbundenheit mit der Mutter - die Familie als Anker in einer ansonsten wenig attraktiven Welt.

Was hier so abgeklärt und lakonisch daherkommt, hat dennoch seine literarischen und menschlichen Facetten, die in die Erzählung hineinziehen und zum Nachdenken animieren. Nicht umsonst wurde das Buch bei Erscheinen mit dem Preis des Clujer (Klausenburger) Leseclubs "Thoreaus  Enkel" für ein Debut ausgezeichnet. Manuela Klenkes Übersetzung kommt dieser scheinbar abgeklärten Prosa mit ihren Untiefen und emotionalen Klippen sehr nahe, so dass ein gut lesbarer, anziehender Text entstanden ist.

 

Lavinia Branişte: Null Komma Irgendwas (Interior Zero). Roman. Aus dem Rumänischen von Manuela Klenke. Mikrotext Verlag Berlin 2018, 281 S., ISBN 978-3-944543-60-4



 

Securitate und Literatur

 

Mit Gabriela Adameşteanus "Begegnung" (Wieser Verlag Klagenfurt) und Doina Ruştis "Das Phantom in der Mühle" (KLAK Verlag) findet sich in zwei Neuübersetzungen aus dem Rumänischen das Thema der früheren Geheimpolizei Securitate wieder als ein aktuelles. Dass diese keine Novitäten darstellen, behandelte die "Lesart" von Deutschlandradio Kultur in einem Gespräch.

 

"Lesart" vom 5. März 2018

 


Literatur und Protest - Rumänische Schriftsteller und die aktuelle Politik

 

Die jüngsten Ereignisse in der politischen Szenerie Rumäniens haben Tausende auf die Straße getrieben. Umfassende "Justizreformen"verbergen kaum die Absicht, die Staatsanwälte und Richter dem politischen Amt des Justizministers zu unterstellen und ihre Unabhängigkeit zu gefährden. Viele - darunter z.B. 4000 "magistraţi" und auch der Generalstaatsanwalt - haben sich gegen diese Absicht ausgesprochen. Nach dem zweiten Rücktritt des Ministerpräsidenten in einem halben Jahr und der erstmaligen Benennung einer Frau in dieses zentrale politische Amt scheint sich an der Oberfläche die Konstellation kaum verändert zu haben.

In Deutschlandfunk Kultur (früher Deutschlandradio Kultur) gab es zu diesem Thema ein Gespräch mit dem Fokus auf der Rolle von Schriftstellern in den Protesten gegen das Regierungsvorhaben.

 

 

"Lesart"-Beitrag von Deutschlandfunk Kultur am 18.1.2018