DANACH...

 

Die Leipziger Buchmesse hat im Frühjahr 2018 als Gastland Rumänien begrüßt und damit eine der dynamischsten literarischen Szenerien Europas näher vorgestellt. Wir wollen dieses Ereignis zum Anlass nehmen, die Literatur, aber auch die Künste und die Geschichte sowohl Rumäniens als auch der Republik Moldau in ihren meist im Westen unbekannt gebliebenen Hintergründen als auch aktuellen Entwicklungen zu beleuchten. In Buchrezensionen, Interviews, Reportagen, Essays und Aufsätzen wollen Autorinnen und Autoren ihre eigenen Themen und ihre Perspektiven auf die Kultur Rumäniens und der Republik Moldau formulieren und damit beitragen zu einer immer noch notwendigen Aufklärung im deutschsprachigen Raum über die kulturellen Landschaften um den Karpatenbogen und zwischen Pruth und Dnjestr.

Dies soll nicht einseitig geschehen, sondern unter Einbeziehung rumänischer bzw. moldauischer AutorInnen.

 

(Kontakt unter: info@kultro.de.)

 


Was es noch zu tun gab/gibt...

Dass die rumänische Literaturszene eine dynamische und vielfältige Erscheinung innerhalb der europäischen Sprachen darstellt, hat sich bei unseren Nachbarn eher herumgesprochen als in deutschsprachigen Verlagen und Redaktionen. Ein Artikel hat vor einigen Jahren darauf aufmerksam gemacht. Vieles blieb unübersetzt, jetzt generierte erfreulicherweise der Buchmessen-Schwerpunkt mehr Interesse an Rumänien und der Moldau. Ein aktueller Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung listet zahlreiche der übersetzten AutorInnen auf, weist aber auch auf noch bestehende Defizite hin.


 Im Inneren eines Paradieses

 

 

Georgien in Text und Bild

 

 

 

 

Im Jahr 2018 war Georgien das Gastland der Frankfurter Buchmesse. Seitdem gibt es nur wenige Publikumsverlage, die nicht Bücher aus Georgien verlegt haben. Das Nachbarland Rumäniens jenseits des Schwarzen Meeres setzte große Mittel ein, um seine Literatur und Landschaft im deutschsprachigen Raum über den Status des "Geheimtipps" hinaus bekannt zu machen. Diesen Zweck erfüllen auch die beiden unterschiedlichen Fotobände von Gerald Hänel und Wolfgang Korall sowie ein Reisebuch mit Impressionen des Journalisten und Verlegers Volker Dittrich.

 

Für Dittrich fing alles mit einer Reportage über georgische aufständische Soldaten auf der niederlän-dischen Insel Texel am Ende des Zweiten Weltkriegs an. Diese seltsame Geschichte brachte ihn am Ende der Sowjetunion in das Kaukasusland, wo einer der Teilnehmer 1992 noch lebte. Er lernte die Familie kennen, hielt Kontakt über Jahre hinweg, besuchte dann 2002 und ab 2007 wiederholt den Kaukasus wieder. Durch das Anwachsen der Zahl der Freunde und Bekannten erhält die/der LeserIn einerseits Details über das Alltagsleben einer Reihe von Menschen, zugleich gilt Dittrichs journalistische Neugier den politischen und historischen Hintergründen, die er sich immer wieder von seinen Freunden erklären lässt. Im Laufe der Lektüre entwickelt sich eine ganz eigene Verbundenheit mit dem Personal von Dittrichs Reisen und seinem Blick auf Georgien. Auch gehen Gespräche und Interviews mit Diplomaten, PolitikerInnen und Wissenschaftlern wie dem Berliner Zaal Andronikashvili,  in die Darstellung ein. Dabei wechselt der Autor oft ohne Anführungszeichen in die Aussagen der Befragten, was die Unmittelbarkeit und Subjektivität des Gesagten erhöht. Im Gespräch mit der früheren Außenministerin Maia Pandschiditse erfährt man, dass diese die Einladung zur Frankfurter Buchmesse initiierte und auch gegen Unverständnis im Land durchsetzte.

So entsteht ein plastisches, facettenreiches Fresko des jungen Staates seit seiner Unabhängigkeit von der Sowjetunion im Jahre 1991. Nicht wenige der postsozialistischen Probleme (Korruption, Unterentwicklung, Instabilität, Demokratiedefizite, etc.)  scheinen den rumänischen dabei nicht sehr fremd zu sein. Der Band enthält zudem eine Reihe von Farbfotografien des Autors, die einige der erlebten Szenen und Begegnungen zeigen.

Die bildliche Repräsentation des Landes setzen auf unterschiedliche Weise die beiden anderen Bände in Szene. Sie können dabei durchaus auch als fotografische Umsetzung der Beschreibung betrachtet werden. Der weitgereiste Fotograf Gerald Hänel hat in dem zweisprachigen Band (deutsch-englisch) die Motive der grandiosen Landschaften ebenso wie die Gegenwart der Städte nebeneinander versammelt. So wirkt manches wie eine aktuelle Entdeckung, anderes wie eine zeitlose Perspektive auf eine unveränderte archaische Landschaft mit uralten Kirchen und Türmen, in denen Gläubige ihre Riten absolvieren. Wiederum anderes eher journalistisch, ereignishaft, wenn in der Stadt junge Leute feiern oder Schachspieler und Kinder mit Disney-Figuren im Park abgelichtet werden. Diese anschauliche Mischung ergänzt ein Beitrag des georgischen Autors Archil Kikodze, der in einem Nachwort die unterschiedlichen Regionen des kleinen Landes mit ihren z.T. wohl sehr unterschiedlichen Bewohnern skizziert. So vermischen sich Bilder und Text zu einer lebhaften Vorstellung von Georgien heute und in der Vergangenheit.

Wolfgang Koralls großformatiges Album ist im Unterschied zu Hänels Band Ergebnis  eines besonderen Projekts. Bereits in DDR-Zeiten reiste der damalige Jenenser Student auf abenteuerlichen Wegen durch das sowjetische Georgien, wo er viele Freundschaften knüpfte und über das er bereits 1991 einen Bildband ("Swanetien - Abschied von der Zeit") veröffentlichte. Seit 2008 bringen ihn mehrere Projekte zurück, 2011 geht es um die Nationalheilige Nino aus dem Mittelalter, auf deren Wegen und Spuren sich Korall durch Georgien bewegt. Der Titel des Bandes geht vor allem auf dieses spirituelle Unternehmen zurück, wobei sich wie Kaskaden die Fotos aus den Jahren davor dazugesellen. Natürlich wirken die grandiosen Landschaften des Kaukasus mit ihren schneebedeckten Gipfeln und den Wäldern und Wiesen in  diesem Format besonders eindringlich, jedes Bild hat seine eigene Seite. Aber auch die Städte mit ihren Kontrasten sind bei Korall eingefangen. Das Besondere dieses Bandes machen aber auch die rahmenden Umstände seiner Entstehung aus, die der Fotograf knapp schildert. So auch den schweren Unfall, der fast tödlich endete und nur durch einen Flug mit dem Helikopter nach Deutschland die Gesundung möglich machte. Daher blieb das Projekt "Nino" ein Torso - aber die bereits gemachten, den Blick tief einsaugenden Bilder sind jetzt in dem Band zu sehen.

 

Volker Dittrich: Paradies am Rande Europas. Impressionen aus Georgien von 1992 bis 2017. Halle (Saale): Mitteldeutscher Verlag 2018, 319 Seiten, ISBN 978-3-96311-008-5, zahlr. Farbfotos des Autors

 

Gerald Hänel: Auf dem Balkon Europas On the Balcony of Europe. Fotografien aus Georgien Photographs from Georgia. Mit einem Textbeitrag von Archil Kikodze With a text by Archil Kikodze. Halle (Saale): Mitteldeutscher Verlag 2017, 159 Seiten, ISBN978-3-95462-888-9, zahlr. Farbfotos des Autors

 

Wolfgang Korall: Die Seele Georgiens. Halle (Saale): Mitteldeutscher Verlag 2018, 127 Seiten, ISBN 978-3-95462-305-1, zahlr. Farb- und 1 S/W-Foto des Autors


Ratspräsidentschaft - Historie!

 

 

Finnland übernimmt

 

 

 

Schon sind sie vorbei – die 6 Monate rumänischer Ratspräsidentschaft der EU. Am 12. Juli wurde im Ateneu in Bukarest der Abschluss mit einem Konzert des Rumänischen Jugendorchesters feierlich begangen, an gleicher Stelle, wo im Januar die Eröffnung stattfand. Diesmal bildeten zumeist DiplomatInnen das Publikum in dem alten Saal, nach den Wahlen zum Europäischen Parlament sind die neuen Spitzen zwar nominiert, aber noch nicht installiert.

 

Eine Bilanz dieser Ratspräsidentschaft zu ziehen, fällt von außen schwer, was auch mit dem seit dem Vertrag von Lissabon (2010) verminderten Status der Ratspräsidentschaft gegenüber dem Ständigen Präsidenten des Europäischen Rates (bisher Donald Tusk) und der Hohen Repräsentation der Union (bisher Federica Mogherini) zusammenhängt. Zumindest lässt sich sagen, dass die vor Beginn geäußerte Befürchtung, Rumänien sei wegen der Turbulenzen um die Politik der Regierungspartei PSD unter ihrem damaligen Chef Liviu Dragnea nicht in der Lage, dieses Amt auszuführen, nicht zutraf. Unter anderem, weil dieser mittlerweile im Gefängnis sitzt und seine Partei die Europawahlen krachend verlor. s Nachfolgerin, Premierministerin Viorica Dăncilă, ließ früh erkennen, dass sie Wert darauf legte, die Ratspräsidentschaft aus diesen Turbulenzen heraus zu halten und das Bild eines zuverlässigen EU-Mitglieds zu bieten. Keine leichte Aufgabe, da aus der EU selbst scharfe Kritik an der rumänischen PSD-ALDE-Koalitionsregierung hinsichtlich ihrer Rechtspolitik und dem Umgang mit der entlassenen Korruptionsjägerin Laura Kövesi kam.

Solchermaßen gehandicapt setzte die rumänische Regierung unter Dăncilă auf die in jeder Ratspräsidentschaft unumgängliche, aber nach außen eher unauffällige bürokratische Dimension der Aufgabe: Weiterführung begonnener Projekte, Benennung einiger bereits identifizierter allgemeiner Problemkreise, etc. Politisch schien, solange Dragnea noch im Hintergrund zunehmend europafeindlich agierte, kaum noch etwas zu gewinnen zu sein. Auch machte der Wahlkampf für die Europawahlen es schwer, medialen Zuspitzungen zu entgehen.

Das generelle Spektrum der Einschätzungen geben die von der konservativen Zeitschrift 22 publizierten Stimmen zur Ratspräsidentschaft wider: Im Interview mit dem Politologen Armand Goșu spricht der delegierte Europaminister George Ciamba zwar von einer „președinție de succes, care a depășit ideea unei simple supraviețiuiri” (erfolgreichen Präsidentschaft die die Vorstellung eines bloßen Überlebens übertroffen ha), aber vier ExpertInnen teilen eher nur den letzten Teil der Ansicht des Ministers . So schreibt Gabriela Drăgan vom Institutul European din România, dass „aus technischer Hinsicht die Dinge ohne Blockade verliefen, geplante Treffen nach dem Zeitplan organisiert wurden und eine wichtige Zahl der Kapitel geschlossen wurde“, während Oana Popescu (Global Focus) dem technischen Apparat bescheinigt, „pünktlich, prompt, mit gutem Verständnis und Kenntnis der Dossiers und dem wirklichen Wunsch, die Arbeit der Institutionen zu fördern“, gehandelt habe. Paul Ivan vom European Policy Centre hebt besonders die Arbeit der Ständigen Repräsentanz Rumäniens in Brüssel hervor und sieht ähnlich wie der Politikwissenschaftler Șerban Cioculescu von der Universität Bukarest auf technischem Gebiet im allgemeinen gute Resultate. Cioculescu: „Wir haben uns nicht lächerlich gemacht, aber auch nicht geglänzt.“ 

Weniger ansprechend sieht das Bild auf der politischen Ebene aus. Paul Ivan stellt angesichts der nur alle 14 Jahre wiederkehrenden Gelegenheit, das Land darzustellen, ein eindeutiges Scheitern fest: „Eine Regierung, deren Hauptbeschäftigung das Verhindern der Gefängnishaft ihres Chefs war, die eine anti-westliche Rhetorik gebrauchte und die in Konflikt mit den europäischen Institutionen geriet, kann keine positive Message nach Europa senden, die das Vertrauen in Rumänien vergrößern würde.“

Auch einige der von der rumänischen Regierung genannten besonderen allgemeinen Ziele kamen trotz 90 geschlossener Dossiers einer Lösung nicht unbedingt näher. Die gerne genannte Zuständigkeit für die Europapolitik auf dem Westbalkan konnte die Aufnahmeperspektive von Serbien, Albanien, Montenegro, Mazedonien kaum erhöhen. Auch die besondere Beachtung des Mehrjährigen Finanzrahmens (Multiannual Financial Framework; MFF) führte zu keiner Lösung der Probleme bei der Finanzierung der EU. Vielleicht hat daher trotz ihrer Vagheit die Lenkung der Aufmerksamkeit auf das Schwarze Meer und auf die Energietrassen Rumänien dennoch europapolitisch für die Zukunft spezifische Optionen eröffnet.

 


Reisen in Bessarabien

 

 

Russische Reiseberichte aus dem 19. Jahrhundert

 

 

 

 

Die Annexion eines Teils der Moldau als "Bessarabien" durch das russische Zarenreich während der napoleonischen Kriege  lag auf der Linie der Expansion der orthodoxen Dynastie nach Süden - Richtung Schwarzes Meer und Bosporus. Mehrere militärische Siege gegen das Osmanische Reich hatten zur Eroberung des Wolgagebiets bis zur Mündung geführt. Ergebnis war die Gründung von Odessa. Und während der Frieden von Kutschuk-Kainardschi das Habsburger-Imperium zur Annexion der kleinen Bukowina veranlasste, nahm sich das russländische Reich später den Teil der Moldau zwischen Prut und Dnjestr und übte bis in das 19. Jahrhundert auch politischen Einfluss auf das Donaufürstentum Moldau aus. Ist in der deutschen Geisteswissenschaft nur wenig bekannt über das Verhältnis von Russland zu seiner neuen Eroberung, so bietet die vorliegende Dissertation von Galina Corman nicht nur Einblick in die russische Reiseliteratur, sondern ebenso in die historischen Entwicklungen des Zarenreiches.

Es ist ein strikt deduktiver Ansatz, der das methodische Schema der Arbeit vorgibt: Zunächst werden die (kultur)historischen Vorgänge in Russland geschildert, bevor dann die Sehweisen in der Reiseliteratur zu Bessarabien in ihr Verhältnis zu diesen gesetzt werden. Umfangreich ist die Vorgeschichte der Landschaft geschildert, von der Antike über die Tataren bis zur Osmanischen Herrschaft. Dabei wird deutlich, dass dieser östliche Teil der Moldau durchaus etwas besonderes war, da hier die osmanischen Strukturen sich stärker artikulierten als in der Walachei und der (später rumänischen) Moldau: Seit 1457 bauten die Sultane die Grenzfestungen am Dnjestr (Hotin, Soroca, Chilia, Bender/Tighina, Cetatea Alba/Akkerman) und  an der Donau zu administrativen Einheiten (Reayas) aus  und besiedelten vor allem den Süden (Bugeac, Budschak) mit Nogai-Tataren. "Die Umwandlung der bessarabischen Festungen in Reayas sowie die Ansiedlung der Nogai-Tataren trug vom 16. Jahrhundert an viel zur Entfremdung des Territoriums zwischen Prut und Dnjestr vom Rest des Fürstentums Moldau und einer Verfestigung seines Charakters als Grenzregion bei." (S. 41-42) Die Tataren wurden als Grenztruppen gegen die Kosaken eingesetzt, gingen aber auch auf Raubzüge gegen die moldauischen Städte. Ihre Spuren waren im 19. Jahrhundert noch in Bessarabien zu finden.

Die als Einteilungskriterien der Arbeit dienenden drei Epochen teilen das Jahrhundert der russischen Herrschaft in Bessarabien aus der Sicht der Reiseliteratur in eine Anfangsphase bis etwa 1820, gefolgt von einer mittleren Epoche bis in die 1850er Jahre, um mit der Zeit bis zum Ersten Weltkrieg abzuschließen. Diesen drei Phasen sind die Merkmale des "halbasiatischen Bessarabien-Bildes", der "Unser-Bessarabien"-Phase und der abschließenden "moldauisch-jüdischen Okraina"-Phase zugeordnet.

Was ist damit gemeint? Das "halbasiatische Bessarabien-Bild" unmittelbar vor und nach der Annexion dieses östlichen Teils des unter osmanischer Hoheit stehenden Fürstentums Moldau resultiert aus einer komplexen Wahrnehmung Bessarabiens im Zusammenhang mit der Expansion des Zarenreichs nach Süden. In den vier Türkenkriegen zwischen 1736 und 18012 hatte Russland mehrfach die Moldau besetzt und wieder geräumt. In der Geschichte des Zarenreichs waren die Eroberungen der Dnjestr-Festungen vielfach besungene Höhepunkte militärischer Erfolge (Lomonosov, Deržavin), die Donaufürstentümer gerieten mehrfach unter die Hoheit Russlands, bevor dann während den napoleonischen Kriegen Bessarabien annektiert werden konnte und der Prut die westliche Grenze zum Donaufürstentum Moldau bildete. Corman verwebt diese Ereignisse gekonnt mit den Diskursen des allählich koloniale Züge aufweisenden Zarenreichs, in denen die neu erworbenen Gebiete beschrieben wurden. So ist es interessant zu lesen, wie Katharina II. die Expansion zum Schwarzen Meer mit einem "Griechen-Projekt" idealisierte, was die antiken Bilder mit der handfesten Unterstützung der griechischen Nationalbewegung gegen die Osmanen ergänzte. So zählten Griechen zu den Neusiedlern Bessarabiens. Weitere waren Bulgaren, Gagausen, Serben, Schweizer, Deutsche, die die einheimische Bevölkerung der Juden, Moldauer, Russen, Ukrainer, Lipowaner (raskolniki) zu einem multiethnischen Konglomerat erweiterten. In der ersten Phase der Reisebeschreibungen findet Corman denn auch positive wie negative Bemerkungen über dieses "bunte Gemisch" der Bevölkerung, wie es der Militär Aleksandr F. Veltmann in Chişinău (Kischinjow) schilderte (S. 168). Das Bild Bessarabiens war zu Beginn von einem "imperial-orientalischen Diskurs" bestimmt, der Bessarabien als "asiatisch" wahrnahm, um es von dem sich selbst als "europäisch" deklarierenden Zarenimperium abzusetzen. So fiel den reisenden Beamten, Militärs, Gouverneuren, Dichtern die "Wildheit" des Landes und seiner Bewohner von den Tataren über die Roma und die Moldauer bis hin zu den Bojaren auf. Zugleich wurde Bessarabien aber auch als "Garten" verklärt, als "Italien" mit einer antiken Vergangenheit (Traianswall, Ovidmythos), wo Russland seine heroische Kriegsgeschichte geschrieben hatte. Nicht nur der antike Hintergrund, sondern auch die genauere Wahrnehmung der landwirtschaftlichen Leistungen und Möglichkeiten (insbesondere der Weinanbau), der "südlichen" Atmosphäre, des gemeinsamen orthodoxen Glaubens ließ ein "europäisches" Bild von Bessarabien entstehen.

Zentral in dieser frühen Phase der Reisebeschreibungen und darüber hinaus sind natürlich die Bezugnahmen Alexander Puschkins auf seinen Versetzungsort Chişinău und die umgebende Landschaft, wo er von 1820-1823 lebte und ein Viertel seines Werks schrieb. Zwar gibt es einige wenig schmeichelnde Aussagen zur Stadt, aber zugleich widmete er den Roma eines seiner berühmtesten Gedichte (Cygany). Puschkins weitere Bezugnahmen in Schwarzer Schal, Kirdali, An Ovid u.a. weisen ebenso die widersprüchliche Wahrnehmung Bessarabiens in den unterschiedlichen, zunächst auf der Selbstdefinition Russlands als kolonialer, den europäischen Mächten ebenbürtiger Macht, reflektierenden Diskursen auf.

Diese "koloniale" Sicht wandelt sich in der Zeit bis in die 1850er Jahre, als vor dem Hintergrund des sich entwickelnden russischen Nationalismus über die ersten Fremdheitserfahrungen hinaus Bessarabien als "unser" beschrieben wird, als russländischer "Süden", der einer Zivilisierungsmission ausgesetzt werden müsse. Jetzt werden auch die einzelnen ethnischen Gruppen kritischer betrachtet, die Moldauer als "rumänisch", die Juden als gierig, aber auch geschäftstüchtig und fähig, die Deutschen als fordernd und kalt, die Bulgaren hingegen als "Brüder". Bessarabien erscheint als russische Provinz mit ihren Eigenheiten.

Mit der Verschärfung des Nationalismus und den sozialen Krisen und Auseinandersetzungen im Zarenreich bis zum Ersten Weltkrieg wird auch der Diskurs der Reiseberichte pauschaler. Bessarabien hat scheinbar nicht den Erwartungen entsprochen, der Ton wird antisemitischer, nationalistischer und nostalgischer bezogen auf die Heldentaten der Armeen Katharinas II. oder den Aufenthalt Puschkins. Zudem erscheint Bessarabien im Lichte des gewachsenen Antisemitismus und der Peripherie-Diskurses. Alles, was nicht positiv erscheint, wird als "jüdisch" deklariert und Bessarabien zu einer Okraina, einem Grenzstreifen, einer marginalen Provinz. "Die Einwohner Bessarabiens wurden von den Reisenden zum Ende des 19. Jahrhunderts hin pauschal als moldauisch-jüdisch bezeichnet und mit ethnischen Flüchtlingen, Sträflingen und Aufständischen in Verbindung gebracht." (S. 303)

Durch den methodischen Ansatz kann die Arbeit klare Linien ziehen und den Konnex zu russischen Diskursen der Nation herstellen. Andererseits werden so die spezifischen Besonderheiten jeder einzelnen Beschreibung und ihres Autors weniger stark gewichtet. Es wäre also noch Potenzial vorhanden, das Thema in vielen Details mit Gewinn komplexer darzustellen. Dennoch bleibt Cormanns Buch ein gut zu lesender, die Forschung vielfach bereichender und im deutschen Sprachraum inaugurierender Beitrag. Vom Verlag exzellent gestaltet (vielleicht hätten die Anmerkungen einen Punkt größer gesetzt werden können), wären lediglich eine Reihe von Setzfehlern zu monieren. Ansonsten gilt: Ein spannendes Thema in gewinnbringender, opulenter Ausführlichkeit abgehandelt!

 

Galina Cormann: Das Bessarabien-Bild in der zeitgenössischen russischen Reiseliteratur 1812-1918. Leipziger Universitätsverlag 2015 (Veröffentlichungen des Moldova-Instituts Leipzig, 6), 1 Abb, 373 Seiten, ISBN 978-3-86583-987-9


 

Salată de vinete graphisch

 

 

 

Oskars Pastiors Lieblingsspeise und die Wiederentdeckung seiner ingeniösen Zeichnungen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

"Im Oktober 1969 gründeten fünf fast dreißigjährige Studenten und Berufsanfänger in der ersten Etage des Vorderhauses Clausewitzstraße 2 in Berlin-Charlottenburg eine Wohngemeinschaft. Anfang des Jahres 1973 wurde eines der drei zur Straße gelegenen Zimmer frei. [...] Der Zufall spielte Vermittler, und wir konnten Oskar Pastior, ein uns damals unbekannter Schriftsteller aus dem deutschsprachigen Siebenbürgen (Rumänien), im März des Jahres als neues Wohngemeinschaftsmitglied willkommen heißen."

 

Diese historische Reminiszenz steht am Beginn einer veritablen (Wieder) Entdeckung: Oskar Pastior als Zeichner. Die Sätze erklären, weshalb Heidede Becker (in ihrem Berufsleben Mitherausgeberin der Zeitschrift "Stadtbauwelt" des Deutschen Instituts für Urbanistik) in freundschaftlichen Kontakt mit dem Dichter aus dem fernen Rumänien kam und nun mit der Veröffentlichung der Zeichnungen eine wichtige Dimension der künstlerischen Welterfahrung und -verarbeitung Pastiors wieder zugänglich macht. Mehr als 650 Zeichnungen liegen in Pastiors Nachlass im Literaturarchiv Marbach. Sie sind allmählich aus dem Fokus des Interesses und der Beschäftigung mit dem Werk Pastiors verschwunden, obwohl zwei Drittel davon durchaus zu Lebzeiten des Dichterzeichners publiziert worden waren. Nicht nur als Buchcover seiner Gedichtbände und der Werkausgabe, sondern in der Welt der gerade in den 1970er Jahren so aktiven experimentellen Kleinverlagsszene in Berlin und anderen Städten hat Pastior immer wieder diese meist mit schwarzem Kugelschreiber produzierten Zeichnungen in Zusammenhang mit seiner Dichtung  sichtbar werden lassen. Wie die Publikation zeigt, ergeben sich äußerst spannende und aufschlussreiche Beziehungen zwischen Wort und Bild bei Pastior - etwa wenn er seine Sonettexplorationen auch bildlich umsetzen will. Das  Ausdrucksverlangen bei der Erforschung der Worte und Bedeutungen macht auch vor dem Zeichnen nicht Halt. Einige der Zeichnungen gehören in das weite Feld der visuellen Poesie, andere entwerfen Formen und unwirkliche Gegenstände, wiederum andere illustrieren Pastiors Leibfrucht - die Aubergine - aus der seine Lieblingsspeise Salată de vinete hergestellt wird. So verspielt die wortschöpferischen Zugänge zur  Lyrik erscheinen, so präzise hat sich Pastior um die Veröffentlichungen seiner Zeichnungen und ihrer Kontexte gekümmert. Das Zeichnen, so macht das fein gestaltete Buch evident, ist von Pastiors Dichten und Denken in vielen Fällen kaum zu trennen. Beckers genaue Beschreibung der Bildträger und ihres werkbiographischen Zusammenhangs gibt zahlreiche Aufschlüsse über die in Marbach verwahrten Konvolute. Im zweiten Teil des Buches sind dann die Zeichnungen verkleinert komplett veröffentlicht. Dort lassen sich auch die frühen Anfänge in Hermannstadt/Sibiu nachvollziehen, als der Schüler ein eigenes Modeheft entwirft - angeregt von einer in Südtirol lebenden Verwandten, die als Modezeichnerin arbeitete. Es sind in der Wiederentdeckung der Zeichnungen Oskar Pastiors eine große Zahl von neuen oder bisher wenig beachteten Aspekten seines Werkes sichtbar, die zur weiteren Beschäftigung mit den Gedichten und Zeichnungen des Siebenbürgers animieren.

 

 

 

In der Berliner Akademie der Künste findet vom 8. Juni bis 20. Juni 2019 anlässlich des Poesiefestivals eine Ausstellung der Pastiorschen Zeichnungen statt.

 

 

Heidede Becker: Aubergine mit Scheibenwischer - die Zeichnungen von Oskar Pastior.
Heidelberg: Verlag Das Wunderhorn 2018, 229 Seiten, ISBN 978-3-88423-594-2

 


Rumänische Literatur als Weltliteratur (I)

 

Globalisierung und Identität - ein Sammelband spürt den Anteilen der rumänischen an der "Weltliteratur" nach

 

 

 

 

 

 

 

 

Dass die rumänische Literatur aus deutscher Perspektive prominenten Anteil an der "Weltliteratur" habe, würden wohl nur wenige zugestehen wollen. Zuwenig ist (auch hierzulande) die Literatur in rumänischer Sprache und ihre Geschichte einem größeren Publikum präsent, um ihre Stellung im Vergleich etwa mit der englischen, französischen, russischen oder japanischen zu bestimmen. Zudem wäre bei dieser Operation erst einmal zu klären, was denn "Weltliteratur" sein solle - gerade im Lande Goethes, von dem ja der Begriff stammt. Aber auch in Rumänien selbst wäre angesichts eines vielfach beschriebenen tief verwurzelten Minderwertigkeitskomplexes - als Bruder des nationalen Größenwahns - die Perspektive, die eigene Literatur als Teil der weltweiten Literaturbewegungen mit all ihren Implikationen zu sehen, wenig verbreitet. Vielmehr halten viele die eigene Literatur für so extrem bedeutend und für die "nationale Identität" so unumgänglich, dass ihnen deren Studium genügt, um den Stellenwert der rumänischen Literatur zu beweisen. Der Kontakt mit anderer Literatur gilt da oft nur als eine marginale Perspektive.  Nicht zuletzt das 40 Jahre währende Regime der kommunistischen Partei hat Offenheit und Welthaltigkeit der Literatur nur selten wirklich befördert.

Aus dieser Situation heraus bedurfte es fast 30 Jahre nach dem Umbruch der "Revolution" von 1989 eines neuen literaturwissenschaftlichen turns, um die eigentlich ja gar nicht so abwegige Frage nach der Welthaltigkeit der rumänischen Literatur auch in Rumänien zu stellen. Dieser vor allem in den USA formulierte methodologische turn stellt nach dem spatial turn und postcolonial turn die Hinwendung zu den planetary studies in der Literatur dar, die Überwindung der  nationalsprachlichen Betrachtung von Literatur, der Verzicht auf den Konnex von Literatur und Nation, die Hinwendung zu den Interaktionen zwischen unterschiedlichen Sprachen und Literaturen, den crossroads und Intersektionen - mithin ein Wechsel, der weit reichende Folgen und Voraussetzungen hat.

Diese neue Perspektive auf die rumänische Literatur in zahlreichen Beiträgen genauer zu exemplifizieren und im Detail an einzelnen Autoren und Epochen zu erproben, hat sich der hier vorzustellende voluminöse Sammelband - herausgegeben von den Literaturwissenschaftlern Mircea Martin (Bukarest), Christian Moraru (University of North Carolina) und Andrei Terian (Hermannstadt/Sibiu) - zur Aufgabe gemacht. Wegen seiner Bedeutung und zahlreichen faktischen Untersuchungen sei etwas ausführlicher zunächst das in der Einleitung zu dem Band dargelegte Konzept der world literature näher erörtert, bevor in einem weiteren Beitrag die Aufsätze vorgestellt werden und eine abschließende Einschätzung einfließt.

 

I.

Die Herausgeber stützen sich in ihrem Ansatz vor allem auf eine neue Forschungsrichtung innerhalb der literarischen Studien, in der die früheren Konzepte von der Verbindung von Sprache, Literatur und Nation, wie sie seit Herder im 19. und 20. Jahrhundert vielfach postuliert wurden, in Frage gestellt werden und auf die Interaktion zwischen den und innerhalb der Sprachen und Literaturen abgehoben wird. Herder habe in seiner Abhandlung Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit 1774 auf einen "unauflöslichen" Zusammenhang von Sprache, Literatur und Nation hingewiesen, wobei Kultur und insbesondere die Literatur der Ausdruck eines "Geistes" jeder Nation sei. Literaturgeschichte - so die Herausgeber - trage so entscheidend zur ethno-cultural formation der Nationen bei- eine Idee, die im 19. Jahrhundert große Tragweite in der Phase der Nationalstaatsbildung erreichen sollte. Entsprechend halten die Autoren fest:

 

...] all nineteenth-century European literary histories had a clearly marked, political and identitarian agenda. They strove, accordingly, to set up or reinforce the one language-one-nation-one-literature 'organic' correspondence as described above, to legitimate claims to national territory, to prove, also by way of literary analysis, this existence and significance, inside that space, of a specificity 'typical' of the national spirit and, more generally, to argue, from the latter, for the greatness of their nations. (S.9)

 

Diese enge Bindung von Literatur(geschichtsschreibung) und Nation(alstaat) hielt sich lange und die Autoren führen als rumänisches Beispiel die große Darstellung der rumänischen Literaturgeschichte durch George Călinescu an, die, als sie 1941 erschien, die gerade Tatsache gewordenen Gebietsabtrennungen an Ungarn, Bulgarien und die Sowjetunion zum Anlass nahm, die Geschichte der rumänischen Literatur als Beleg der Idee von der Einheit der rumänischen Nation zu operationalisieren - bis hin zu zeittypischen antiungarischen und antisemitischen Anwandlungen, wie die Herausgeber betonen. Auch das kommunistische Regime trug wenig zur "worldedness", der Welthaltigkeit der rumänischen Literatur bei.

Wie wird in dem Band world literature verstanden? Gegen die angedeutete direkte Beziehung von Nation und Literatur(geschichtsschreibung), also gegen den methodological nationalism (Ulrich Beck) betonen die Herausgeber mit einem Set von theoretischen Vorschlägen, die in den letzten zehn Jahren etwa diesen turn zur postnationalen, transnationalen Betrachtungsweise vorangetrieben haben, das Weltsystem (Wallerstein) als epistemological framework of literary and cultural analysis (S. 2). Die rumänischen Beispiele werden "als Welt" und "mit der Welt" gelesen, was sich aus deren Welthaltigkeit und ihrer intersektionalen Position in der Welt der Netzwerke ergebe:

 

The latter consists in a whole panoply of literary, cultural, and material geophenomena that render what is commonly designate as "Romanian literature" and its historical, national-territorial perimeter sectors of larger systems of sites and junction points where and through which such macrounits (zones, spheres, trans- and intercontinental corridors, global passageways) overlap, link up, run, and mark their presence. This means that this worldedness sometimes plays out as this literature's affiliations - plural, shifting, litigious - with bigger geoaesthetic flows, aggregates, and mentalities: regional systems and "subsystems" such as Eastern Europe and the Balkans, sub- and supranational cosmopolitan movements like the Enlightenment and the avant-garde, ethnolinguistic communalities and communities such as the Romance world, then wider, "Western", or even worldwide circulation genres, themes, styles, fashions, epistemes. (S. 3)

 

Was diese Kaskade an Begriffen der Bewegung und Verbindung zeigen möchte, ist offensichtlich, dass nun, wo vorher die strikte Abgrenzung von Nationen und Literatur herrschte, jetzt die fast schon flüssig erscheinende Fluktuation der literarischen Beziehungen zu beobachten sei. Als ihr bevorzugtes Modell dieser Beziehungen schweben denn auch den Herausgebern die "vases communiquants" der Surrealisten vor. Es ist ein fluides System, in dem alles mit allem zu tun haben kann. Dabei wird die Realität der nationalen Begrenzung aber keineswegs geleugnet oder einer völligen Irrelevanz des Nationalstaates gehuldigt, sondern es ist die Perspektive auf viele miteinander verbundene Netzwerke, so dass die "nodale" oder interkommunikative Geschichte die nationalen Geschichten neu konzeptualisiert. Gegen den "Tunnelblick" (Greenblatt) von individuellen und kollektiven Identitäten wollen die AutorInnen die vielen in das Muster der rumänischen Literatur gewebten Welten aufzeigen. Dabei ist eben die nationale Literatur ein besonderer nodaler Punkt in einer größeren Einheit, in der nicht mehr die simplizistische Sicht auf kulturelle Mechanismen vorherrscht, wonach es eine "erste" und "zweite" und eine "dritte" Welt gebe. Vielmehr sei der nodale Blick ein ethisch und politisch aufbauender, in dem sich zwar die Zentren nicht in Luft auflösen, aber mehr Kerne (nuclei), Umschlagplätze (hubs) und weichere Zentren wahrnehmbar seien. "Marginozentrisch" kann ein Knoten (node) sein, und gewinne dann - wie etwa das Banat innerhalb Rumäniens - im neuen Rahmen gegen das Klischee vom "Provinzialismus" eine unvorhergesehene und unorthodoxe Zentralität. Was das Buchprojekt vorschlägt, ist eine geographische Neuvermessung jenseits der nationalen Diskurse: "Tracing all these relations entails painting a world, doing a geographer's job, uncovering the fluid, supra- and para-statal continuum in which literature aggregates. It is topo-poetic; it projects - makes - a space." (18)

Hinzu kommen Bewegungen, Wanderungen von Themen, Genres, Diskursen, -ismen durch die Zeit und den Raum. Ihre Routen zu verfolgen, macht die spatiale Prägung des Konzepts der AutorInnen aus. Sie berufen sich dabei auf einen Set von GeisteswissenschaftlerInnen, die in den letzten Jahren die theoretische Klärung der Reterritorialisierung der Literatur, die Spatialisierung, den "methodologischen Kosmopolitismus" voran getrieben haben. Unter ihnen sind Casanova, Moretti, Gosh, Damrosh, Wesphal, Cornis-Pope, Dimock, Greenblatt, u.v.a. zu nennen, die auch von den BuchbeiträgerInnen immer wieder zitiert werden.

Wiewohl der Moderne als Referenz ihrer Theorie verpflichtet weisen die Autoren vor ihrer Einführung in die Ausätze darauf hin, dass gerade die Vor- und Frühmoderne der Renaissance und des Barock dem komparatistischen Modell dieser planetarischen Literaturwissenschaft entgegenkomme, da sich in jenen Epochen der Nationalstaat erst im Embryonalstadium befunden habe. Entsprechend blicken die ersten Beiträge auch in die literarischen Verhältnisse vor  der Vereinigung von Moldau und Ţara Românească (Walachei).

 

Romanian Literature as World Literature. Edited by Mircea Martin, Christian Moraru and Andrei Terian. New York, London, Oxford: Bloomsbury Academic 2018 (Literatures as World Literature), 357 Seiten, ISBN 978-1-5013-2791-9

 

Rumänische Literatur als Weltliteratur (II)

 

Globalisierung und Identität - ein Sammelband spürt den Anteilen der rumänischen an der "Welt"literatur nach

 

 

Ist das Programm einer "planetarischen" Literaturwissenschaft in der Einleitung methodisch entworfen, so kann der erste der 15 Beiträge doch überraschen. Denn gegen die in der Beitragsabfolge waltende Chronologie von den Texten Nicolae Milescus und Dimitrie Cantemirs aus dem 17. Jahrhundert bis zu Herta Müller und Norman Manea steht als erster Aufsatz eine Betrachtung über Mihai Eminescu als "Nationalpoet" und seine indischen Interessen. Mitherausgeber Andrei Terian ist sich der besonderen Vorgehensweise durchaus bewusst ("[...] do not national poets come about and establish themselves - nationally - by turning their backs to the wide and divers world of others, to the very domain of worldedness?"), aber weitet das Feld aus auf eine globale Liste der "Nationalpoeten", um dann - überraschend genug - bei Eminescu insbesondere dessen von Schopenhauer inspiriertes Interesse an der indischen Mythologie und Literatur als Basis eines gescheiterten Nationalepos zu entdecken. Eminescu sei sich der Nichtübertragbarkeit der ästhetischen Leistungen etwa Shakespeares oder Goethes in die rumänische Literatur bewusst gewesen und habe erst über den Umweg zur indischen Literatur das Selbstbewusstsein erlangt, rumänische Themen eigenständig zu bearbeiten - Indisch sei ihm wie ein Teil des Rumänischen vorgekommen!

Diese Welthaltigkeit bei Eminescu entdeckt Bogdan Crețu im 17. Jahrhundert bereits in den transitionalen Biographien und Werken zwischen Ost und West von Nicola Milescu Spătarul und Dimitrie Cantemir. Ausgehend von einer Kritik der auf die Nation bezogenen Literaturgeschichtsschreibung seit dem späten 19. Jahrhundert, der Crețu eine Vernachlässigung und

Verschweigung der transnationalen und multilingualen Verhältnisse des Spätmittelalters zugunsten einer "rumänischen" Literaturgenese unterstellt, finden sich in den beiden adeligen Autoren Formen einer anderen "Originalität". Denn im 17. Jahrhundert hieß schreiben, auf der Basis von Gelehrtheit Wissen zu sammeln, übersetzen, kompilieren, exzerpieren, etc. Auch dies eine gute Ausgangsbasis für "transnationale" Literatur. Milescu, der als Reisender nach Russland und gar bis China kam, folgte den Gepflogenheiten der Zeit und integrierte in seinen Reisebericht Übersetzungen westlicher Reisetexte. Cantemir hingegen schuf mit Historia Hieroglyphica (1705) eine byzantinische Weltanschauung mit neuer Sprachästhetik und weitem Blick nach Ost und West, ein einzigartig verschmelzendes Werk und eigentlicher Ursprung rumänischer Literatur.

Von einer stärker durch den Blick auf die Einwirkung von Imperien geprägten Perspektive macht Caius Dobrescu die 'rumänische' Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts als eine zwangsläufig welthaltige aus. Insbesondere Cantemir und der habsburgische Beamte Ion Budai-Deleanu mit seinem allegorischen Werk Țiganiadă lassen inter-, para- und metaimperiale Merkmale erkennen, die Dobrescu um transmetropolitane Aspekte etwa der rumänischen '48er und der Junimea-Generation ergänzt. Präziser erscheint Alex Goldiș in seiner Wiederaufnahme des Themas der nationalen Literaturgeschichtsschreibung, indem er Călinescus topographische Abgrenzung mit Emil Lovinescus temporalem Entwicklungsansatz konfrontiert. Letzterem ging es um eine zeitliche Diskrepanz zwischen westlicher und rumänischer Literatur, die aber nicht ausschließe, dass auch die scheinbar 'imitierende' Kultur eigenständige, „organische“ und „natürliche“ Werke hervorbringe. Eine „interaktionale“ Geschichtsschreibung der Literatur mache deutlich, „that even if cultural trade among nations has often been conducted on unequal terms, literary modernity has brought about a world space of knotty intersections wherein the East has also helped construct the West.“ (S. 106) Goldiș weist explizit auf die Funktion der Übersetzungen seit der Renaissance hin, die entscheidenden Anteil auch an der Entstehung der westlichen Literatur hatten und bereitet Thesen von Mihaela Ursu vor, die im letzten Beitrag des Bandes die Geschichte der Translationen ins Rumänische Revue passieren lässt. Die Frage der Originalität und Beeinflussung geht Carmen Mușat, Herausgeberin der Zeitschrift Observator Cultural, noch einmal mit Lovinescu und seinem eminenten Schüler Tudor Vianu an, um auch die vergangene Literatur als Teil jenes nodalen Systems zu profilieren, das die globale Literatur bilde. Wie Goldiș nennt Mușat unter den Beispielen des Einflusses das überraschende der Beat Generation, die auf die optzeciști („80er“) wie etwa Mircea Cărtărescu seinerzeit Einfluss ausübte. Teodora Dumitru führt diese Beispiel ausführlicher in ihrem Beitrag aus.

 

 

Weiterlesen

 


Die EU-Wahlen in Rumänien

 

 

26,23 PNL (Partidul Naţional Liberal)

 

23,68 PSD (Partidul Social-Democrat)

 

20,51 USR+ (Uniunea Salvaţi România mit PLUS)

 

7,01 PRO RO (Pro România)

 

6,07 UDMR (Uniunea Democrată Maghiară din România)

 

5,55 PMP (Partidul Mişcarea Populară)

 

4,24 ALDE ( Partidul Alianţa Liberalilor şi Democraţilor)

 

Wahlbeteiligung: 49%

 

Die Wahlen am 26. Mai 2019 zum Europäischen Parlament haben in Rumänien eine Veränderung der politischen Kräfteverhältnisse erkennen lassen. Die Regierungspartei PSD mit ihrem umstrittenen Parteivorsitzenden Liviu Dragnea verlor ihre Spitzenstellung an die Nationalliberalen unter Ludovic Orban. Großer Gewinner ist zudem die Alternativpartei USR, die aus einer Protestgruppe zu Lokalwahlen in Bukarest 2015 sich mittlerweile landesweit organisiert und im Parlament vertreten ist. Sie stützt sich insbesondere auch auf die zivilgesellschaftlichen Gruppen gegen Korruption, für die Erhaltung des Rechtsstaats und eine proeuropäische Politik. Ihr Vorsitzender ist Dan Barna. Bei den Wahlen war sie verbunden mit der neugegründeten Partei PLUS des früheren Premierministers Dacian Cioloş.

 

Die Partei von Ex-PSD-Chef Victor Ponta PRO RO erhielt 6,61 Prozent, die PMP von Ex-Präsident Traian Băsescu 5,66 % der Stimmen. Abgeschlagen auch die in Koalition mit der PSD regierende ALDE unter Senatspräsident Călin Popescu-Tăriceanu.

 

Neben den EU-Wahlen fand zugleich ein von Präsident Klaus Johannis initiiertes Referendum über den Rechtsstaat statt. Dabei stimmten von 2.000.000 WählerInnen über 1.600.000 (80%) für die vorgeschlagenen Formulierungen gegen Korruption und Amnestievorhaben.

 

Proteste gab es aus der Diaspora gegen die Form der Ausrichtung der Wahlen. An 411 Wahllokalen wählten über 360.000 RumänInen und mussten dabei zum Teil stundenlange Wartezeiten ertragen. Wegen seiner Verantwortlichkeit wurde deshalb Außenminister Teodor Meleşcanu hart kritisiert. Ein Politiker erhob gegen Meleşcanu gerichtliche Anklage wegen seiner Versäumnisse bei der Einrichtung der Wahllokale. In der Diaspora war das vorläufige Ergebnis der EU-Wahlen überraschend: 41,3 % für USR-PLUS; 31,35 % für die PNL, 5,66 für Băsescus PMP, nur 3,3 % für die PSD! Für das Referendum stimmten insgesamt 92 %.

 

Im Zusammenhang mit dem heute ergangenen Urteil gegen PSD-Chef Dragnea sehen die rumänischen Kommentatoren das Ergebnis als Ende der politischen Karriere Dragneas. Bereits gestern waren aus der PSD Forderungen nach dem Rücktritt Dragneas laut geworden. Wie sich das Wahlergebnis und die Lage in der PSD nach Dragneas Urteil auf die Parlamentspolitik auswirkt, scheint noch offen. Premierministerin Viorica Dăncilă sah keinen Grund zum Rücktritt von ihrem Amt. Bereits gestern erklärte allerdings die UDMR, dass sie die Regierung nicht mehr unterstützen werde. Möglicherweise hat Dăncilă eine Schlüsselposition bei der Nachfolge Dragneas, die sich in diesen Tagen entscheiden wird.

 


Höchster Gerichtshof berät über Dragnea-Urteil

 

Am 27. Mai - einen Tag nach den Europawahlen - haben gegen 12 Uhr in Bukarest die fünf Richterinnen des Obersten Gerichts- und Kassationshofs (ÎCCJ), die über die Revision des PSD-Vorsitzenden Liviu Dragnea befinden, mit ihren Beratungen begonnen. Wie die Zeitung Adevărul berichtet, geht es um die Verurteilung zu drei Jahren und sechs Monaten Gefängnis im Falle der betrügerischen Anstellung von Personen bei der DGASPC (Direcţia Generală de Asistenţă Socială si Protecţia Copilului; Kinderwohlfahrtspflege) in Dragneas Herkunftsregion Kreis Teleorman, die in Wirklichkeit für die PSD arbeiteten. In dieses Strafmaß fließt bereits die frühere endgültige Verurteilung wegen Wahlfälschung mit ein. Da am 1. Juni eine der Richterinnen in Pension geht, sei die Entscheidung nur noch bis dahin möglich. Eine spätere Befindung des Verfassungsgerichtshofs (CCR) über die Zusammensetzung von Gerichten könne keine Auswirkung mehr auf das Urteil haben.

 

 

 

UPDATE 27. Mai 2019:

 

LIviu Dragnea wurde vom ÎCCJ endgültig zu einer Gefängnisstrafe von 3 Jahren und 6 Monaten verurteilt. Die Entscheidung der Richterinnen fiel mit 4:1 der Stimmen aus. Eine Richterin sprach sich für eine Wiederholung des Prozesses aus. Das Urteil gilt als endgültig.


Juni 1941 - Das Pogrom von Iaşi (5)

Reflexionen eines Massenverbrechens in Historiographie und Kunst

 

Was in den Tagen vom 28. Juni bis 6. Juli 1941 in Iaşi (Jassy), der moldauischen Metropole im Nordosten des 1919 erstandenen Groß-Rumäniens geschah, blieb in der Nachkriegszeit lange ein nebelhaftes Mysterium. Zwar gedachte das 1947 installierte kommunistische Regime jährlich offiziell dem Mord an den Juden der Stadt, aber detaillierte Forschung wurde in den vierzig Jahren kaum betrieben, so dass die ideologisch gefärbte und motivierte Interpretation des Regimes für eine Epoche lang das Bild bestimmte. Dies hielt auch noch nach 1989 an, bis eine jüngere Generation von Historikern begann, nachzufragen und erstaunliche Fakten und Quellen zu Tage fördern konnte.

Mittlerweile hat in Ergänzung oder auch anstelle von fehlenden Darstellungen auch die Kunst in unterschiedlichen Formen sich des Themas angenommen. Dies ist Anlass, um an dieser Stelle sowohl die historische Forschung als auch die kulturhistorische Erinnerungs- und Reflexionsarbeit in ihren Formen vorzustellen - auch, damit dieses Ereignis des "stillen Holocaust" nicht vergessen wird.

Individualität und Geschichte

 

Elana Katz und ihre Performances

 

 

 

 

Abb. © Elana Katz

 

Das Videostill zeigt unter wolkenlosem Himmel die Landschaft der nördlichen Moldau. Zwei Schienenstränge weisen zum Horizont, auf einem steht mit dem Rücken zum Betrachter auf den Schwellen eine junge Frau, zierlich, den Kopf rasiert, in einem schwarzen Kleid. Es sind die Schienen der "Todeszüge" des Pogroms von Iaşi.

Elana Katz geht in ihren Performances, die in Videos festgehalten werden, weit in die Erfahrung ihrer Persönlichkeit hinein. Es sind traumatische Landschaften, die sie erkundet - inner- und außerhalb ihrer selbst. Nicht etwa eine womöglich intendierte Versetzung in die Sterbenden der Todeszüge ist das Konzept von Katz, sondern eine ganz persönliche Auseinandersetzung und Erfahrung. Sie wird optisch in der Grenzerfahrung der Performance vielfältig sichtbar. Im Video sieht man die Protagonistin schwitzend durch die Sommerhitze auf den Gleisen laufend, manchmal scheint sie zu taumeln vor Anstrengung. Es ist eine besondere Anstrengung, in der wie ein Schock die Vorbeifahrt eines Zuges auf dem parallelen Gleis wirkt. Dies alles lässt die Grenze der Erinnerung und Vorstellungskraft gegenüber dem historischen Geschehen deutlich werden - aber sie setzt zugleich die Erinnerung in Gang und lässt im Betrachter  das Rätsel der Bedeutung dieser Performance wirken. Ihre Bilder sind gegenwärtig, aber nur ein Aiming for hopelessness, wie der Titel der Performance 2016 lautete. Er spielt auf die zirkuläre Zeitfalle an, die die endlosen Fahrten der Züge ohne reales Ziel auch in der Performance aufrief.

Die Performance war Teil des Langzeitprojekts Spaced Memory, in dem an früheren jüdischen Orten in Osteuropa, deren einstige Funktion längst vergessen (gemacht) wurde, an die untergegangene Geschichte erinnert wird. In diesem Zusammenhang entstand das Video Running on empty in Belgrad. Darin läuft Katz mehrere Kilometer in einer industriellen Vorstadt Belgrads. Die Umwelt wirkt eher bedrohlich, Autos, kein Trottoir, Industriebrachen. Ihr Atem ist laut zu hören, erinnert an Luftknappheit, an Ersticken fast. Die Strecke markiert jene 15 km, die mobile Vergasungswagen 1942 abfuhren, um ihre Insassen zu ermorden.

Dass  Katz komplexe Sachverhalte in einzelnen Kunstperformances auf den Punkt bringen kann, zeigt ihre fast satirisch wirkende Veranstaltung (Action Boxing Club) im Jahr 2014 in Pristina/Kosovo. Sie lud die komplette NGO-UN-EU-Community des Ortes ein zu einer Kunsteröffnung in einem früheren Boxclub, der einst ein Ort jüdischer Aktivität war. Am Eingang zu dem Raum stand Katz neben einem Fass mit weißem Pulver, in das sie ihre Hand tauchte, mit der sie jeden einzelnen Gast begrüßte. Wie jede/r mit dieser Pulverbeschmutzung umging, trug fast schon entlarvende Züge. Vor allem ging es Katz hierbei aber um die Topographie der Kommunikation, die sich durch die weißen Flecken zeichnen ließ. Einen weißen Fleck stellt die Location selbst dar, deren genau Nutzung durch die jüdische Gemeinde wegen der Auslagerung der Archive im Kosovo-Krieg 1999 nicht mehr rekonstruierbar ist.

In der Berliner Galerie Kwadrat, wo sowohl eine Performance entstand ((F)acts of violence) als auch weitere im Video zu sehen waren, antwortete Elena Katz sehr reflektiert und vielschichtig auf die Beiträge der Mitdiskutanten Chiara Mazzara und Marek Claassen und des Galeristen Martin Kwade. Sie machte deutlich, dass es ihr um sie selbst gehe und um die Wirkung von Traumata. Dazu gehöre, sie erst einmal sichtbar zu machen in der Umwelt. Es ist eine eindringliche Differenzierungskraft, die Katz' Performances abschirmt von den großen Ansprüchen der Vergangenheitsbewältigung und hinführt zu individuell-psychologischen Beobachtungsstudien, die dennoch einen wesentlichen Teil  an der Erinnerung haben.

 

Elana Katz: Spaced Memory.

Videos unter:    http://www.elanakatz.eu