DANACH...

 

Die Leipziger Buchmesse hat im Frühjahr 2018 als Gastland Rumänien begrüßt und damit eine der dynamischsten literarischen Szenerien Europas näher vorgestellt. Wir wollen dieses Ereignis zum Anlass nehmen, die Literatur, aber auch die Künste und die Geschichte sowohl Rumäniens als auch der Republik Moldau in ihren meist im Westen unbekannt gebliebenen Hintergründen als auch aktuellen Entwicklungen zu beleuchten. In Buchrezensionen, Interviews, Reportagen, Essays und Aufsätzen wollen Autorinnen und Autoren ihre eigenen Themen und ihre Perspektiven auf die Kultur Rumäniens und der Republik Moldau formulieren und damit beitragen zu einer immer noch notwendigen Aufklärung im deutschsprachigen Raum über die kulturellen Landschaften um den Karpatenbogen und zwischen Pruth und Dnjestr.

Dies soll nicht einseitig geschehen, sondern unter Einbeziehung rumänischer bzw. moldauischer AutorInnen.

 

(Kontakt unter: info@kultro.de.)

 


Was es noch zu tun gab/gibt...

Dass die rumänische Literaturszene eine dynamische und vielfältige Erscheinung innerhalb der europäischen Sprachen darstellt, hat sich bei unseren Nachbarn eher herumgesprochen als in deutschsprachigen Verlagen und Redaktionen. Ein Artikel hat vor einigen Jahren darauf aufmerksam gemacht. Vieles blieb unübersetzt, jetzt generierte erfreulicherweise der Buchmessen-Schwerpunkt mehr Interesse an Rumänien und der Moldau. Ein aktueller Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung listet zahlreiche der übersetzten AutorInnen auf, weist aber auch auf noch bestehende Defizite hin.


Reisen in Bessarabien

 

 

Russische Reiseberichte aus dem 19. Jahrhundert

 

 

 

 

Die Annexion eines Teils der Moldau als "Bessarabien" durch das russische Zarenreich während der napoleonischen Kriege  lag auf der Linie der Expansion der orthodoxen Dynastie nach Süden - Richtung Schwarzes Meer und Bosporus. Mehrere militärische Siege gegen das Osmanische Reich hatten zur Eroberung des Wolgagebiets bis zur Mündung geführt. Ergebnis war die Gründung von Odessa. Und während der Frieden von Kutschuk-Kainardschi das Habsburger-Imperium zur Annexion der kleinen Bukowina veranlasste, nahm sich das russländische Reich später den Teil der Moldau zwischen Prut und Dnjestr und übte bis in das 19. Jahrhundert auch politischen Einfluss auf das Donaufürstentum Moldau aus. Ist in der deutschen Geisteswissenschaft nur wenig bekannt über das Verhältnis von Russland zu seiner neuen Eroberung, so bietet die vorliegende Dissertation von Galina Corman nicht nur Einblick in die russische Reiseliteratur, sondern ebenso in die historischen Entwicklungen des Zarenreiches.

Es ist ein strikt deduktiver Ansatz, der das methodische Schema der Arbeit vorgibt: Zunächst werden die (kultur)historischen Vorgänge in Russland geschildert, bevor dann die Sehweisen in der Reiseliteratur zu Bessarabien in ihr Verhältnis zu diesen gesetzt werden. Umfangreich ist die Vorgeschichte der Landschaft geschildert, von der Antike über die Tataren bis zur Osmanischen Herrschaft. Dabei wird deutlich, dass dieser östliche Teil der Moldau durchaus etwas besonderes war, da hier die osmanischen Strukturen sich stärker artikulierten als in der Walachei und der (später rumänischen) Moldau: Seit 1457 bauten die Sultane die Grenzfestungen am Dnjestr (Hotin, Soroca, Chilia, Bender/Tighina, Cetatea Alba/Akkerman) und  an der Donau zu administrativen Einheiten (Reayas) aus  und besiedelten vor allem den Süden (Bugeac, Budschak) mit Nogai-Tataren. "Die Umwandlung der bessarabischen Festungen in Reayas sowie die Ansiedlung der Nogai-Tataren trug vom 16. Jahrhundert an viel zur Entfremdung des Territoriums zwischen Prut und Dnjestr vom Rest des Fürstentums Moldau und einer Verfestigung seines Charakters als Grenzregion bei." (S. 41-42) Die Tataren wurden als Grenztruppen gegen die Kosaken eingesetzt, gingen aber auch auf Raubzüge gegen die moldauischen Städte. Ihre Spuren waren im 19. Jahrhundert noch in Bessarabien zu finden.

Die als Einteilungskriterien der Arbeit dienenden drei Epochen teilen das Jahrhundert der russischen Herrschaft in Bessarabien aus der Sicht der Reiseliteratur in eine Anfangsphase bis etwa 1820, gefolgt von einer mittleren Epoche bis in die 1850er Jahre, um mit der Zeit bis zum Ersten Weltkrieg abzuschließen. Diesen drei Phasen sind die Merkmale des "halbasiatischen Bessarabien-Bildes", der "Unser-Bessarabien"-Phase und der abschließenden "moldauisch-jüdischen Okraina"-Phase zugeordnet.

Was ist damit gemeint? Das "halbasiatische Bessarabien-Bild" unmittelbar vor und nach der Annexion dieses östlichen Teils des unter osmanischer Hoheit stehenden Fürstentums Moldau resultiert aus einer komplexen Wahrnehmung Bessarabiens im Zusammenhang mit der Expansion des Zarenreichs nach Süden. In den vier Türkenkriegen zwischen 1736 und 18012 hatte Russland mehrfach die Moldau besetzt und wieder geräumt. In der Geschichte des Zarenreichs waren die Eroberungen der Dnjestr-Festungen vielfach besungene Höhepunkte militärischer Erfolge (Lomonosov, Deržavin), die Donaufürstentümer gerieten mehrfach unter die Hoheit Russlands, bevor dann während den napoleonischen Kriegen Bessarabien annektiert werden konnte und der Prut die westliche Grenze zum Donaufürstentum Moldau bildete. Corman verwebt diese Ereignisse gekonnt mit den Diskursen des allählich koloniale Züge aufweisenden Zarenreichs, in denen die neu erworbenen Gebiete beschrieben wurden. So ist es interessant zu lesen, wie Katharina II. die Expansion zum Schwarzen Meer mit einem "Griechen-Projekt" idealisierte, was die antiken Bilder mit der handfesten Unterstützung der griechischen Nationalbewegung gegen die Osmanen ergänzte. So zählten Griechen zu den Neusiedlern Bessarabiens. Weitere waren Bulgaren, Gagausen, Serben, Schweizer, Deutsche, die die einheimische Bevölkerung der Juden, Moldauer, Russen, Ukrainer, Lipowaner (raskolniki) zu einem multiethnischen Konglomerat erweiterten. In der ersten Phase der Reisebeschreibungen findet Corman denn auch positive wie negative Bemerkungen über dieses "bunte Gemisch" der Bevölkerung, wie es der Militär Aleksandr F. Veltmann in Chişinău (Kischinjow) schilderte (S. 168). Das Bild Bessarabiens war zu Beginn von einem "imperial-orientalischen Diskurs" bestimmt, der Bessarabien als "asiatisch" wahrnahm, um es von dem sich selbst als "europäisch" deklarierenden Zarenimperium abzusetzen. So fiel den reisenden Beamten, Militärs, Gouverneuren, Dichtern die "Wildheit" des Landes und seiner Bewohner von den Tataren über die Roma und die Moldauer bis hin zu den Bojaren auf. Zugleich wurde Bessarabien aber auch als "Garten" verklärt, als "Italien" mit einer antiken Vergangenheit (Traianswall, Ovidmythos), wo Russland seine heroische Kriegsgeschichte geschrieben hatte. Nicht nur der antike Hintergrund, sondern auch die genauere Wahrnehmung der landwirtschaftlichen Leistungen und Möglichkeiten (insbesondere der Weinanbau), der "südlichen" Atmosphäre, des gemeinsamen orthodoxen Glaubens ließ ein "europäisches" Bild von Bessarabien entstehen.

Zentral in dieser frühen Phase der Reisebeschreibungen und darüber hinaus sind natürlich die Bezugnahmen Alexander Puschkins auf seinen Versetzungsort Chişinău und die umgebende Landschaft, wo er von 1820-1823 lebte und ein Viertel seines Werks schrieb. Zwar gibt es einige wenig schmeichelnde Aussagen zur Stadt, aber zugleich widmete er den Roma eines seiner berühmtesten Gedichte (Cygany). Puschkins weitere Bezugnahmen in Schwarzer Schal, Kirdali, An Ovid u.a. weisen ebenso die widersprüchliche Wahrnehmung Bessarabiens in den unterschiedlichen, zunächst auf der Selbstdefinition Russlands als kolonialer, den europäischen Mächten ebenbürtiger Macht, reflektierenden Diskursen auf.

Diese "koloniale" Sicht wandelt sich in der Zeit bis in die 1850er Jahre, als vor dem Hintergrund des sich entwickelnden russischen Nationalismus über die ersten Fremdheitserfahrungen hinaus Bessarabien als "unser" beschrieben wird, als russländischer "Süden", der einer Zivilisierungsmission ausgesetzt werden müsse. Jetzt werden auch die einzelnen ethnischen Gruppen kritischer betrachtet, die Moldauer als "rumänisch", die Juden als gierig, aber auch geschäftstüchtig und fähig, die Deutschen als fordernd und kalt, die Bulgaren hingegen als "Brüder". Bessarabien erscheint als russische Provinz mit ihren Eigenheiten.

Mit der Verschärfung des Nationalismus und den sozialen Krisen und Auseinandersetzungen im Zarenreich bis zum Ersten Weltkrieg wird auch der Diskurs der Reiseberichte pauschaler. Bessarabien hat scheinbar nicht den Erwartungen entsprochen, der Ton wird antisemitischer, nationalistischer und nostalgischer bezogen auf die Heldentaten der Armeen Katharinas II. oder den Aufenthalt Puschkins. Zudem erscheint Bessarabien im Lichte des gewachsenen Antisemitismus und der Peripherie-Diskurses. Alles, was nicht positiv erscheint, wird als "jüdisch" deklariert und Bessarabien zu einer Okraina, einem Grenzstreifen, einer marginalen Provinz. "Die Einwohner Bessarabiens wurden von den Reisenden zum Ende des 19. Jahrhunderts hin pauschal als moldauisch-jüdisch bezeichnet und mit ethnischen Flüchtlingen, Sträflingen und Aufständischen in Verbindung gebracht." (S. 303)

Durch den methodischen Ansatz kann die Arbeit klare Linien ziehen und den Konnex zu russischen Diskursen der Nation herstellen. Andererseits werden so die spezifischen Besonderheiten jeder einzelnen Beschreibung und ihres Autors weniger stark gewichtet. Es wäre also noch Potenzial vorhanden, das Thema in vielen Details mit Gewinn komplexer darzustellen. Dennoch bleibt Cormanns Buch ein gut zu lesender, die Forschung vielfach bereichender und im deutschen Sprachraum inaugurierender Beitrag. Vom Verlag exzellent gestaltet (vielleicht hätten die Anmerkungen einen Punkt größer gesetzt werden können), wären lediglich eine Reihe von Setzfehlern zu monieren. Ansonsten gilt: Ein spannendes Thema in gewinnbringender, opulenter Ausführlichkeit abgehandelt!

 

Galina Cormann: Das Bessarabien-Bild in der zeitgenössischen russischen Reiseliteratur 1812-1918. Leipziger Universitätsverlag 2015 (Veröffentlichungen des Moldova-Instituts Leipzig, 6), 1 Abb, 373 Seiten, ISBN 978-3-86583-987-9


 

Salată de vinete graphisch

 

 

 

Oskars Pastiors Lieblingsspeise und die Wiederentdeckung seiner ingeniösen Zeichnungen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

"Im Oktober 1969 gründeten fünf fast dreißigjährige Studenten und Berufsanfänger in der ersten Etage des Vorderhauses Clausewitzstraße 2 in Berlin-Charlottenburg eine Wohngemeinschaft. Anfang des Jahres 1973 wurde eines der drei zur Straße gelegenen Zimmer frei. [...] Der Zufall spielte Vermittler, und wir konnten Oskar Pastior, ein uns damals unbekannter Schriftsteller aus dem deutschsprachigen Siebenbürgen (Rumänien), im März des Jahres als neues Wohngemeinschaftsmitglied willkommen heißen."

 

Diese historische Reminiszenz steht am Beginn einer veritablen (Wieder) Entdeckung: Oskar Pastior als Zeichner. Die Sätze erklären, weshalb Heidede Becker (in ihrem Berufsleben Mitherausgeberin der Zeitschrift "Stadtbauwelt" des Deutschen Instituts für Urbanistik) in freundschaftlichen Kontakt mit dem Dichter aus dem fernen Rumänien kam und nun mit der Veröffentlichung der Zeichnungen eine wichtige Dimension der künstlerischen Welterfahrung und -verarbeitung Pastiors wieder zugänglich macht. Mehr als 650 Zeichnungen liegen in Pastiors Nachlass im Literaturarchiv Marbach. Sie sind allmählich aus dem Fokus des Interesses und der Beschäftigung mit dem Werk Pastiors verschwunden, obwohl zwei Drittel davon durchaus zu Lebzeiten des Dichterzeichners publiziert worden waren. Nicht nur als Buchcover seiner Gedichtbände und der Werkausgabe, sondern in der Welt der gerade in den 1970er Jahren so aktiven experimentellen Kleinverlagsszene in Berlin und anderen Städten hat Pastior immer wieder diese meist mit schwarzem Kugelschreiber produzierten Zeichnungen in Zusammenhang mit seiner Dichtung  sichtbar werden lassen. Wie die Publikation zeigt, ergeben sich äußerst spannende und aufschlussreiche Beziehungen zwischen Wort und Bild bei Pastior - etwa wenn er seine Sonettexplorationen auch bildlich umsetzen will. Das  Ausdrucksverlangen bei der Erforschung der Worte und Bedeutungen macht auch vor dem Zeichnen nicht Halt. Einige der Zeichnungen gehören in das weite Feld der visuellen Poesie, andere entwerfen Formen und unwirkliche Gegenstände, wiederum andere illustrieren Pastiors Leibfrucht - die Aubergine - aus der seine Lieblingsspeise Salată de vinete hergestellt wird. So verspielt die wortschöpferischen Zugänge zur  Lyrik erscheinen, so präzise hat sich Pastior um die Veröffentlichungen seiner Zeichnungen und ihrer Kontexte gekümmert. Das Zeichnen, so macht das fein gestaltete Buch evident, ist von Pastiors Dichten und Denken in vielen Fällen kaum zu trennen. Beckers genaue Beschreibung der Bildträger und ihres werkbiographischen Zusammenhangs gibt zahlreiche Aufschlüsse über die in Marbach verwahrten Konvolute. Im zweiten Teil des Buches sind dann die Zeichnungen verkleinert komplett veröffentlicht. Dort lassen sich auch die frühen Anfänge in Hermannstadt/Sibiu nachvollziehen, als der Schüler ein eigenes Modeheft entwirft - angeregt von einer in Südtirol lebenden Verwandten, die als Modezeichnerin arbeitete. Es sind in der Wiederentdeckung der Zeichnungen Oskar Pastiors eine große Zahl von neuen oder bisher wenig beachteten Aspekten seines Werkes sichtbar, die zur weiteren Beschäftigung mit den Gedichten und Zeichnungen des Siebenbürgers animieren.

 

 

 

In der Berliner Akademie der Künste findet vom 8. Juni bis 20. Juni 2019 anlässlich des Poesiefestivals eine Ausstellung der Pastiorschen Zeichnungen statt.

 

 

Heidede Becker: Aubergine mit Scheibenwischer - die Zeichnungen von Oskar Pastior.
Heidelberg: Verlag Das Wunderhorn 2018, 229 Seiten, ISBN 978-3-88423-594-2

 


Rumänische Literatur als Weltliteratur (I)

 

Globalisierung und Identität - ein Sammelband spürt den Anteilen der rumänischen an der "Weltliteratur" nach

 

 

 

 

 

 

 

 

Dass die rumänische Literatur aus deutscher Perspektive prominenten Anteil an der "Weltliteratur" habe, würden wohl nur wenige zugestehen wollen. Zuwenig ist (auch hierzulande) die Literatur in rumänischer Sprache und ihre Geschichte einem größeren Publikum präsent, um ihre Stellung im Vergleich etwa mit der englischen, französischen, russischen oder japanischen zu bestimmen. Zudem wäre bei dieser Operation erst einmal zu klären, was denn "Weltliteratur" sein solle - gerade im Lande Goethes, von dem ja der Begriff stammt. Aber auch in Rumänien selbst wäre angesichts eines vielfach beschriebenen tief verwurzelten Minderwertigkeitskomplexes - als Bruder des nationalen Größenwahns - die Perspektive, die eigene Literatur als Teil der weltweiten Literaturbewegungen mit all ihren Implikationen zu sehen, wenig verbreitet. Vielmehr halten viele die eigene Literatur für so extrem bedeutend und für die "nationale Identität" so unumgänglich, dass ihnen deren Studium genügt, um den Stellenwert der rumänischen Literatur zu beweisen. Der Kontakt mit anderer Literatur gilt da oft nur als eine marginale Perspektive.  Nicht zuletzt das 40 Jahre währende Regime der kommunistischen Partei hat Offenheit und Welthaltigkeit der Literatur nur selten wirklich befördert.

Aus dieser Situation heraus bedurfte es fast 30 Jahre nach dem Umbruch der "Revolution" von 1989 eines neuen literaturwissenschaftlichen turns, um die eigentlich ja gar nicht so abwegige Frage nach der Welthaltigkeit der rumänischen Literatur auch in Rumänien zu stellen. Dieser vor allem in den USA formulierte methodologische turn stellt nach dem spatial turn und postcolonial turn die Hinwendung zu den planetary studies in der Literatur dar, die Überwindung der  nationalsprachlichen Betrachtung von Literatur, der Verzicht auf den Konnex von Literatur und Nation, die Hinwendung zu den Interaktionen zwischen unterschiedlichen Sprachen und Literaturen, den crossroads und Intersektionen - mithin ein Wechsel, der weit reichende Folgen und Voraussetzungen hat.

Diese neue Perspektive auf die rumänische Literatur in zahlreichen Beiträgen genauer zu exemplifizieren und im Detail an einzelnen Autoren und Epochen zu erproben, hat sich der hier vorzustellende voluminöse Sammelband - herausgegeben von den Literaturwissenschaftlern Mircea Martin (Bukarest), Christian Moraru (University of North Carolina) und Andrei Terian (Hermannstadt/Sibiu) - zur Aufgabe gemacht. Wegen seiner Bedeutung und zahlreichen faktischen Untersuchungen sei etwas ausführlicher zunächst das in der Einleitung zu dem Band dargelegte Konzept der world literature näher erörtert, bevor in einem weiteren Beitrag die Aufsätze vorgestellt werden und eine abschließende Einschätzung einfließt.

 

I.

Die Herausgeber stützen sich in ihrem Ansatz vor allem auf eine neue Forschungsrichtung innerhalb der literarischen Studien, in der die früheren Konzepte von der Verbindung von Sprache, Literatur und Nation, wie sie seit Herder im 19. und 20. Jahrhundert vielfach postuliert wurden, in Frage gestellt werden und auf die Interaktion zwischen den und innerhalb der Sprachen und Literaturen abgehoben wird. Herder habe in seiner Abhandlung Auch eine Philosophie der Geschichte zur Bildung der Menschheit 1774 auf einen "unauflöslichen" Zusammenhang von Sprache, Literatur und Nation hingewiesen, wobei Kultur und insbesondere die Literatur der Ausdruck eines "Geistes" jeder Nation sei. Literaturgeschichte - so die Herausgeber - trage so entscheidend zur ethno-cultural formation der Nationen bei- eine Idee, die im 19. Jahrhundert große Tragweite in der Phase der Nationalstaatsbildung erreichen sollte. Entsprechend halten die Autoren fest:

 

...] all nineteenth-century European literary histories had a clearly marked, political and identitarian agenda. They strove, accordingly, to set up or reinforce the one language-one-nation-one-literature 'organic' correspondence as described above, to legitimate claims to national territory, to prove, also by way of literary analysis, this existence and significance, inside that space, of a specificity 'typical' of the national spirit and, more generally, to argue, from the latter, for the greatness of their nations. (S.9)

 

Diese enge Bindung von Literatur(geschichtsschreibung) und Nation(alstaat) hielt sich lange und die Autoren führen als rumänisches Beispiel die große Darstellung der rumänischen Literaturgeschichte durch George Călinescu an, die, als sie 1941 erschien, die gerade Tatsache gewordenen Gebietsabtrennungen an Ungarn, Bulgarien und die Sowjetunion zum Anlass nahm, die Geschichte der rumänischen Literatur als Beleg der Idee von der Einheit der rumänischen Nation zu operationalisieren - bis hin zu zeittypischen antiungarischen und antisemitischen Anwandlungen, wie die Herausgeber betonen. Auch das kommunistische Regime trug wenig zur "worldedness", der Welthaltigkeit der rumänischen Literatur bei.

Wie wird in dem Band world literature verstanden? Gegen die angedeutete direkte Beziehung von Nation und Literatur(geschichtsschreibung), also gegen den methodological nationalism (Ulrich Beck) betonen die Herausgeber mit einem Set von theoretischen Vorschlägen, die in den letzten zehn Jahren etwa diesen turn zur postnationalen, transnationalen Betrachtungsweise vorangetrieben haben, das Weltsystem (Wallerstein) als epistemological framework of literary and cultural analysis (S. 2). Die rumänischen Beispiele werden "als Welt" und "mit der Welt" gelesen, was sich aus deren Welthaltigkeit und ihrer intersektionalen Position in der Welt der Netzwerke ergebe:

 

The latter consists in a whole panoply of literary, cultural, and material geophenomena that render what is commonly designate as "Romanian literature" and its historical, national-territorial perimeter sectors of larger systems of sites and junction points where and through which such macrounits (zones, spheres, trans- and intercontinental corridors, global passageways) overlap, link up, run, and mark their presence. This means that this worldedness sometimes plays out as this literature's affiliations - plural, shifting, litigious - with bigger geoaesthetic flows, aggregates, and mentalities: regional systems and "subsystems" such as Eastern Europe and the Balkans, sub- and supranational cosmopolitan movements like the Enlightenment and the avant-garde, ethnolinguistic communalities and communities such as the Romance world, then wider, "Western", or even worldwide circulation genres, themes, styles, fashions, epistemes. (S. 3)

 

Was diese Kaskade an Begriffen der Bewegung und Verbindung zeigen möchte, ist offensichtlich, dass nun, wo vorher die strikte Abgrenzung von Nationen und Literatur herrschte, jetzt die fast schon flüssig erscheinende Fluktuation der literarischen Beziehungen zu beobachten sei. Als ihr bevorzugtes Modell dieser Beziehungen schweben denn auch den Herausgebern die "vases communiquants" der Surrealisten vor. Es ist ein fluides System, in dem alles mit allem zu tun haben kann. Dabei wird die Realität der nationalen Begrenzung aber keineswegs geleugnet oder einer völligen Irrelevanz des Nationalstaates gehuldigt, sondern es ist die Perspektive auf viele miteinander verbundene Netzwerke, so dass die "nodale" oder interkommunikative Geschichte die nationalen Geschichten neu konzeptualisiert. Gegen den "Tunnelblick" (Greenblatt) von individuellen und kollektiven Identitäten wollen die AutorInnen die vielen in das Muster der rumänischen Literatur gewebten Welten aufzeigen. Dabei ist eben die nationale Literatur ein besonderer nodaler Punkt in einer größeren Einheit, in der nicht mehr die simplizistische Sicht auf kulturelle Mechanismen vorherrscht, wonach es eine "erste" und "zweite" und eine "dritte" Welt gebe. Vielmehr sei der nodale Blick ein ethisch und politisch aufbauender, in dem sich zwar die Zentren nicht in Luft auflösen, aber mehr Kerne (nuclei), Umschlagplätze (hubs) und weichere Zentren wahrnehmbar seien. "Marginozentrisch" kann ein Knoten (node) sein, und gewinne dann - wie etwa das Banat innerhalb Rumäniens - im neuen Rahmen gegen das Klischee vom "Provinzialismus" eine unvorhergesehene und unorthodoxe Zentralität. Was das Buchprojekt vorschlägt, ist eine geographische Neuvermessung jenseits der nationalen Diskurse: "Tracing all these relations entails painting a world, doing a geographer's job, uncovering the fluid, supra- and para-statal continuum in which literature aggregates. It is topo-poetic; it projects - makes - a space." (18)

Hinzu kommen Bewegungen, Wanderungen von Themen, Genres, Diskursen, -ismen durch die Zeit und den Raum. Ihre Routen zu verfolgen, macht die spatiale Prägung des Konzepts der AutorInnen aus. Sie berufen sich dabei auf einen Set von GeisteswissenschaftlerInnen, die in den letzten Jahren die theoretische Klärung der Reterritorialisierung der Literatur, die Spatialisierung, den "methodologischen Kosmopolitismus" voran getrieben haben. Unter ihnen sind Casanova, Moretti, Gosh, Damrosh, Wesphal, Cornis-Pope, Dimock, Greenblatt, u.v.a. zu nennen, die auch von den BuchbeiträgerInnen immer wieder zitiert werden.

Wiewohl der Moderne als Referenz ihrer Theorie verpflichtet weisen die Autoren vor ihrer Einführung in die Ausätze darauf hin, dass gerade die Vor- und Frühmoderne der Renaissance und des Barock dem komparatistischen Modell dieser planetarischen Literaturwissenschaft entgegenkomme, da sich in jenen Epochen der Nationalstaat erst im Embryonalstadium befunden habe. Entsprechend blicken die ersten Beiträge auch in die literarischen Verhältnisse vor  der Vereinigung von Moldau und Ţara Românească (Walachei).

 

Romanian Literature as World Literature. Edited by Mircea Martin, Christian Moraru and Andrei Terian. New York, London, Oxford: Bloomsbury Academic 2018 (Literatures as World Literature), 357 Seiten, ISBN 978-1-5013-2791-9

 


Die EU-Wahlen in Rumänien

 

 

26,23 PNL (Partidul Naţional Liberal)

 

23,68 PSD (Partidul Social-Democrat)

 

20,51 USR+ (Uniunea Salvaţi România mit PLUS)

 

7,01 PRO RO (Pro România)

 

6,07 UDMR (Uniunea Democrată Maghiară din România)

 

5,55 PMP (Partidul Mişcarea Populară)

 

4,24 ALDE ( Partidul Alianţa Liberalilor şi Democraţilor)

 

Wahlbeteiligung: 49%

 

Die Wahlen am 26. Mai 2019 zum Europäischen Parlament haben in Rumänien eine Veränderung der politischen Kräfteverhältnisse erkennen lassen. Die Regierungspartei PSD mit ihrem umstrittenen Parteivorsitzenden Liviu Dragnea verlor ihre Spitzenstellung an die Nationalliberalen unter Ludovic Orban. Großer Gewinner ist zudem die Alternativpartei USR, die aus einer Protestgruppe zu Lokalwahlen in Bukarest 2015 sich mittlerweile landesweit organisiert und im Parlament vertreten ist. Sie stützt sich insbesondere auch auf die zivilgesellschaftlichen Gruppen gegen Korruption, für die Erhaltung des Rechtsstaats und eine proeuropäische Politik. Ihr Vorsitzender ist Dan Barna. Bei den Wahlen war sie verbunden mit der neugegründeten Partei PLUS des früheren Premierministers Dacian Cioloş.

 

Die Partei von Ex-PSD-Chef Victor Ponta PRO RO erhielt 6,61 Prozent, die PMP von Ex-Präsident Traian Băsescu 5,66 % der Stimmen. Abgeschlagen auch die in Koalition mit der PSD regierende ALDE unter Senatspräsident Călin Popescu-Tăriceanu.

 

Neben den EU-Wahlen fand zugleich ein von Präsident Klaus Johannis initiiertes Referendum über den Rechtsstaat statt. Dabei stimmten von 2.000.000 WählerInnen über 1.600.000 (80%) für die vorgeschlagenen Formulierungen gegen Korruption und Amnestievorhaben.

 

Proteste gab es aus der Diaspora gegen die Form der Ausrichtung der Wahlen. An 411 Wahllokalen wählten über 360.000 RumänInen und mussten dabei zum Teil stundenlange Wartezeiten ertragen. Wegen seiner Verantwortlichkeit wurde deshalb Außenminister Teodor Meleşcanu hart kritisiert. Ein Politiker erhob gegen Meleşcanu gerichtliche Anklage wegen seiner Versäumnisse bei der Einrichtung der Wahllokale. In der Diaspora war das vorläufige Ergebnis der EU-Wahlen überraschend: 41,3 % für USR-PLUS; 31,35 % für die PNL, 5,66 für Băsescus PMP, nur 3,3 % für die PSD! Für das Referendum stimmten insgesamt 92 %.

 

Im Zusammenhang mit dem heute ergangenen Urteil gegen PSD-Chef Dragnea sehen die rumänischen Kommentatoren das Ergebnis als Ende der politischen Karriere Dragneas. Bereits gestern waren aus der PSD Forderungen nach dem Rücktritt Dragneas laut geworden. Wie sich das Wahlergebnis und die Lage in der PSD nach Dragneas Urteil auf die Parlamentspolitik auswirkt, scheint noch offen. Premierministerin Viorica Dăncilă sah keinen Grund zum Rücktritt von ihrem Amt. Bereits gestern erklärte allerdings die UDMR, dass sie die Regierung nicht mehr unterstützen werde. Möglicherweise hat Dăncilă eine Schlüsselposition bei der Nachfolge Dragneas, die sich in diesen Tagen entscheiden wird.

 


Höchster Gerichtshof berät über Dragnea-Urteil

 

Am 27. Mai - einen Tag nach den Europawahlen - haben gegen 12 Uhr in Bukarest die fünf Richterinnen des Obersten Gerichts- und Kassationshofs (ÎCCJ), die über die Revision des PSD-Vorsitzenden Liviu Dragnea befinden, mit ihren Beratungen begonnen. Wie die Zeitung Adevărul berichtet, geht es um die Verurteilung zu drei Jahren und sechs Monaten Gefängnis im Falle der betrügerischen Anstellung von Personen bei der DGASPC (Direcţia Generală de Asistenţă Socială si Protecţia Copilului; Kinderwohlfahrtspflege) in Dragneas Herkunftsregion Kreis Teleorman, die in Wirklichkeit für die PSD arbeiteten. In dieses Strafmaß fließt bereits die frühere endgültige Verurteilung wegen Wahlfälschung mit ein. Da am 1. Juni eine der Richterinnen in Pension geht, sei die Entscheidung nur noch bis dahin möglich. Eine spätere Befindung des Verfassungsgerichtshofs (CCR) über die Zusammensetzung von Gerichten könne keine Auswirkung mehr auf das Urteil haben.

 

 

 

UPDATE 27. Mai 2019:

 

LIviu Dragnea wurde vom ÎCCJ endgültig zu einer Gefängnisstrafe von 3 Jahren und 6 Monaten verurteilt. Die Entscheidung der Richterinnen fiel mit 4:1 der Stimmen aus. Eine Richterin sprach sich für eine Wiederholung des Prozesses aus. Das Urteil gilt als endgültig.


Juni 1941 - Das Pogrom von Iaşi (5)

Reflexionen eines Massenverbrechens in Historiographie und Kunst

 

Was in den Tagen vom 28. Juni bis 6. Juli 1941 in Iaşi (Jassy), der moldauischen Metropole im Nordosten des 1919 erstandenen Groß-Rumäniens geschah, blieb in der Nachkriegszeit lange ein nebelhaftes Mysterium. Zwar gedachte das 1947 installierte kommunistische Regime jährlich offiziell dem Mord an den Juden der Stadt, aber detaillierte Forschung wurde in den vierzig Jahren kaum betrieben, so dass die ideologisch gefärbte und motivierte Interpretation des Regimes für eine Epoche lang das Bild bestimmte. Dies hielt auch noch nach 1989 an, bis eine jüngere Generation von Historikern begann, nachzufragen und erstaunliche Fakten und Quellen zu Tage fördern konnte.

Mittlerweile hat in Ergänzung oder auch anstelle von fehlenden Darstellungen auch die Kunst in unterschiedlichen Formen sich des Themas angenommen. Dies ist Anlass, um an dieser Stelle sowohl die historische Forschung als auch die kulturhistorische Erinnerungs- und Reflexionsarbeit in ihren Formen vorzustellen - auch, damit dieses Ereignis des "stillen Holocaust" nicht vergessen wird.

Individualität und Geschichte

 

Elana Katz und ihre Performances

 

 

 

 

Abb. © Elana Katz

 

Das Videostill zeigt unter wolkenlosem Himmel die Landschaft der nördlichen Moldau. Zwei Schienenstränge weisen zum Horizont, auf einem steht mit dem Rücken zum Betrachter auf den Schwellen eine junge Frau, zierlich, den Kopf rasiert, in einem schwarzen Kleid. Es sind die Schienen der "Todeszüge" des Pogroms von Iaşi.

Elana Katz geht in ihren Performances, die in Videos festgehalten werden, weit in die Erfahrung ihrer Persönlichkeit hinein. Es sind traumatische Landschaften, die sie erkundet - inner- und außerhalb ihrer selbst. Nicht etwa eine womöglich intendierte Versetzung in die Sterbenden der Todeszüge ist das Konzept von Katz, sondern eine ganz persönliche Auseinandersetzung und Erfahrung. Sie wird optisch in der Grenzerfahrung der Performance vielfältig sichtbar. Im Video sieht man die Protagonistin schwitzend durch die Sommerhitze auf den Gleisen laufend, manchmal scheint sie zu taumeln vor Anstrengung. Es ist eine besondere Anstrengung, in der wie ein Schock die Vorbeifahrt eines Zuges auf dem parallelen Gleis wirkt. Dies alles lässt die Grenze der Erinnerung und Vorstellungskraft gegenüber dem historischen Geschehen deutlich werden - aber sie setzt zugleich die Erinnerung in Gang und lässt im Betrachter  das Rätsel der Bedeutung dieser Performance wirken. Ihre Bilder sind gegenwärtig, aber nur ein Aiming for hopelessness, wie der Titel der Performance 2016 lautete. Er spielt auf die zirkuläre Zeitfalle an, die die endlosen Fahrten der Züge ohne reales Ziel auch in der Performance aufrief.

Die Performance war Teil des Langzeitprojekts Spaced Memory, in dem an früheren jüdischen Orten in Osteuropa, deren einstige Funktion längst vergessen (gemacht) wurde, an die untergegangene Geschichte erinnert wird. In diesem Zusammenhang entstand das Video Running on empty in Belgrad. Darin läuft Katz mehrere Kilometer in einer industriellen Vorstadt Belgrads. Die Umwelt wirkt eher bedrohlich, Autos, kein Trottoir, Industriebrachen. Ihr Atem ist laut zu hören, erinnert an Luftknappheit, an Ersticken fast. Die Strecke markiert jene 15 km, die mobile Vergasungswagen 1942 abfuhren, um ihre Insassen zu ermorden.

Dass  Katz komplexe Sachverhalte in einzelnen Kunstperformances auf den Punkt bringen kann, zeigt ihre fast satirisch wirkende Veranstaltung (Action Boxing Club) im Jahr 2014 in Pristina/Kosovo. Sie lud die komplette NGO-UN-EU-Community des Ortes ein zu einer Kunsteröffnung in einem früheren Boxclub, der einst ein Ort jüdischer Aktivität war. Am Eingang zu dem Raum stand Katz neben einem Fass mit weißem Pulver, in das sie ihre Hand tauchte, mit der sie jeden einzelnen Gast begrüßte. Wie jede/r mit dieser Pulverbeschmutzung umging, trug fast schon entlarvende Züge. Vor allem ging es Katz hierbei aber um die Topographie der Kommunikation, die sich durch die weißen Flecken zeichnen ließ. Einen weißen Fleck stellt die Location selbst dar, deren genau Nutzung durch die jüdische Gemeinde wegen der Auslagerung der Archive im Kosovo-Krieg 1999 nicht mehr rekonstruierbar ist.

In der Berliner Galerie Kwadrat, wo sowohl eine Performance entstand ((F)acts of violence) als auch weitere im Video zu sehen waren, antwortete Elena Katz sehr reflektiert und vielschichtig auf die Beiträge der Mitdiskutanten Chiara Mazzara und Marek Claassen und des Galeristen Martin Kwade. Sie machte deutlich, dass es ihr um sie selbst gehe und um die Wirkung von Traumata. Dazu gehöre, sie erst einmal sichtbar zu machen in der Umwelt. Es ist eine eindringliche Differenzierungskraft, die Katz' Performances abschirmt von den großen Ansprüchen der Vergangenheitsbewältigung und hinführt zu individuell-psychologischen Beobachtungsstudien, die dennoch einen wesentlichen Teil  an der Erinnerung haben.

 

Elana Katz: Spaced Memory.

Videos unter:    http://www.elanakatz.eu


Rumäniens europäisches Doppelgesicht

 

Ratspräsidentschaft und drohendes Verfahren

 

 

 

 

 

Die rumänische Politik  brachte in den vergangenen Wochen eine weitere Intensivierung der politischen Spaltung, aber auch Bewegung in der Regierung. Gleichzeitig erfuhr das Verhältnis des Landes, das die EU-Ratspräsidentschaft innehat, zu den EU-Institutionen weitere Spannung.

Mit der Auswechslung von drei MinisterInnen, hat die in einer Koalition regierende PSD für Veränderung gesorgt. Am auffallendsten ist der Rücktritt von Tudorel Toader als Justizminister. Er schien in Konflikt mit Liviu Dragnea geraten zu sein, der eine eindeutigere Haltung gegenüber  weiteren Notordonnanzen in der Justizgesetzgebung  forderte. Der parteilose Jurist und Rektor der Universität Iaşi (Jassy) hat eine Reihe der politischen Absichten Dragneas umgesetzt und damit seinen Ruf als Juristen nachhaltig beschädigt: So sorgte er als Minister mit fadenscheinigen Gründen für die Ablösung der Korruptionsstaatsanwältin Laura Kövesi, versuchte den Generalstaatsanwalt Augustin Lazăr ebenfalls zu entlassen (dieser zog es vor, in Rente zu gehen - nicht ohne das Ministerium auf Rücknahme der Behauptung der Unfähigkeit zu verklagen), Toader hatte zudem entscheidenden Teil an den umstrittenen neuen Gesetzen, mit denen vor allem auch Dragneas Verurteilung wegen Korruption verhindert werden soll. Am 24. April entschied das Parlament, Toaders Gesetzesänderungen anzunehmen.

Der Verfassungsgerichtshof und der Gerichtshof für Kassation und Justiz (ICCJ) haben im April Entscheidungen gefällt, die bereits zum wiederholten Mal das Urteil vom vergangenen Jahr gegen Dragnea verschieben - diesmal bis zum 20. Mai. Die Opposition fürchtet, dass jetzt mit den neuen Regularien im Justizwesen Dragnea endgültig das Urteil abgewendet hat. Der Verfassungsjurist Ioan Stanomir von der Bukarester Universität glaubt, dass es jetzt eine einmalige Situation der Blockierung des Justizsystems gebe - wegen des Falles von Liviu Dragnea: "Dem Führer der PSD ist es durch seine Position gelungen, das Funktionieren des Rechtsstaats aufzuheben. Diese Reihe von ungerechtfertigten Verschiebungen ist die Folge eines nicht funktionierenden Rechtsstaates. Wenn die Richter des Höchsten Gerichts zu verweigern scheinen, die schwere Aufgabe einer Antwort auf die strafrechtlichen Probleme von Liviu Dragnea zu tragen, dann muss diese Antwort vom Wahlvolk gegeben werden", sagte der Jurist der Zeitung Adevărul.

Liderul PSD a reuşit, prin poziţia pe care o ocupă, să deregleze funcţionarea statului de drept. Această serie de amânări nejustificate este doar unul dintre efectele unui stat de drept nefuncţional. Dacă judecătorii Curţii Supreme par a refuza povara unui răspuns la problemele penale ale lui Liviu Dragnea, atunci acest răspuns trebuie dat de către electorat

Citeste mai mult: adev.ro/pq7kyb
Liderul PSD a reuşit, prin poziţia pe care o ocupă, să deregleze funcţionarea statului de drept. Această serie de amânări nejustificate este doar unul dintre efectele unui stat de drept nefuncţional. Dacă judecătorii Curţii Supreme par a refuza povara unui răspuns la problemele penale ale lui Liviu Dragnea, atunci acest răspuns trebuie dat de către electorat

Citeste mai mult: adev.ro/pq7kyb
Liderul PSD a reuşit, prin poziţia pe care o ocupă, să deregleze funcţionarea statului de drept. Această serie de amânări nejustificate este doar unul dintre efectele unui stat de drept nefuncţional. Dacă judecătorii Curţii Supreme par a refuza povara unui răspuns la problemele penale ale lui Liviu Dragnea, atunci acest răspuns trebuie dat de către electorat

Citeste mai mult: adev.ro/pq7k"

Staatspräsident Klaus Johannis lässt derweil ein Referendum organisieren, das den Willen der BürgerInnen ausdrücken soll, Korruption zu bekämpfen und das Justizwesen unabhängig und effektiv zu machen. Es soll mit den Europawahlen am 26. Mai abgehalten werden, wogegen sich eine Zeit lang die Regierung unter Premierministerin Viorica Dăncilă wehrte.

Dăncilă ist mittlerweile zu einer zentralen Figur geworden. Nicht nur, dass sie die Politik während der Ratspräsidentschaft der EU leitet. Auch führt sie unangefochten die Strategie Dragneas durch und attackiert den Staatspräsidenten. Dabei hat sie allerdings entschieden, dass sie nicht an der großen Versammlung der PSD mit 500 Sonderbussen in Iaşi teilnimmt, die Dragnea veranstaltet, nachdem er vor einigen Wochen dort lautstark ausgepfiffen worden war. Der Termin liegt auf dem des  informellen EU-Gipfels in Hermannstadt/Sibiu und des Europatages. Die Premierministerin wartete noch auf eine offizielle Einladung des Präsidenten, am Gipfel teilzunehmen, wozu es allerdings nicht kam.

Die Verabschiedung der Gesetzesänderungen durch das Parlament mit den Stimmen von PSD/ALDE, UMDR und  7 Minderheitenabgeordneten und gegen die gesamte Opposition haben bei der EU noch einmal für eine Verschärfung des Tons gegenüber Rumänien gesorgt. Die Justizkommissarin Vera Jourova zeigte sich sehr besorgt, was die Einhaltung der Unabhängigkeit der Justiz in Rumänien angehe. Wieder wurde der Vergleich zu Polen und Ungarn bemüht und gedroht, ein Verfahren nach § 7 einzuleiten. Auch der Gipfel bekräftigte noch einmal die Bedeutung des Rechtsstaates in der EU. Die bevorstehenden Europawahlen und das Referendum in Rumänien werden die Brisanz der Beziehungen zwischen Rumänien und der EU weiter sichtbar machen.

 


Der unbekannte Krieg

 

 

Rumänien zwischen Entente und Dreibund

 

 

 

 

 

 

Der Eintritt Rumäniens 1916 in den Ersten Weltkrieg war lange in der Forschung marginalisiert worden. Kaum sind größere Arbeiten zu diesem Thema entstanden, geschweige denn, dass es einen breiten Forschungszusammenhang gegeben hätte. Zum 100. Jahrestag erschienen nun mehrere Publikationen, die wir hier vorstellen wollen. Zunächst eine in Rumänien entstandene in englischer Sprache.

Der von den Iaşier Historikern Claudiu-Lucian Topor und Alexander Rubel herausgegebene Band mit 17 Beiträgen ist nach der Chronologie unterteilt: Beginnend mit der Zeit der Neutralität über den Kriegseintritt 1916 und die Kämpfe in den Karpaten und der Dobrudscha hin zur Erinnerung in den Schulbüchern.

Gleich der erste Beitrag von Michael Jonas zur Neutralität Rumäniens im Vergleich zu der Schwedens ist ein herausragendes Beispiel einer historischen Analyse der Unterschiede in der politischen, juristischen und militärischen Haltung der beiden Regierungen gegenüber dem Ausbruch des Krieges. In erfreulicher Breite geht der Autor auf die geo- und außenpolitischen Lagen wie auf die innenpolitischen, das Selbstbild formenden Kräfte ein, die an der Entscheidung für die Neutralität wirkten und die Haltung zu den Krieg führenden Parteien bestimmten. Der größte Gewinn der Studie stellt aber die weit gefächerte Verhandlung der beiden Länder im Neutralitätsdiskurs und der Neutralitätspolitik in jener Zeit dar. Für den historischen Teil stützt sich Jonas auf Lucian Boias (wie Jonas es nennt: 'revisionistische') Darstellung in seinem bekannten Buch über die  "Germanofilii", um Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu dem skandinavischen Land herauszuarbeiten. Eine solche komparative Analyse wirke der Provinzialisierung der jeweiligen Nationalgeschichten entgegen und zeige zudem die Komplexität von "Neutralität". Nach einer präzisen historischen Darlegung der politischen Situation, die für Schweden und Skandinavien interessante Zusammenhänge eröffnet, kann Jonas dann die rechtlichen Grundlagen der Neutralität seit den Haager Abkommen in Verbindung zu den jeweiligen Praktiken in Schweden und Rumänien näher darlegen. Eine äußerst informative und interessante Lektüre! Verweist Jonas auf den Rumänien ähnlichen Fall von Italien, so kann man bei Emanuela Constantini genauer nachlesen, wie die beiden lateinischen Nationen zunächst Verhandlungen über ein gemeinsames Verhalten gegenüber den Krieg führenden Parteien starteten, Italien dann aber schon 1915 auf Seiten der Entente in den Krieg eintrat. Die Gründe lagen in der ebenfalls expansiv ausgerichteten italienischen Politik, die auf dem Balkan und in den Alpen Gebietsgewinne sich versprach.

 

Nicht abwartend verhielt sich das Osmanische Reich, das 1914 auf der Seite der Mittelmächte in den Krieg eintrat, wobei allerdings Silvana Rachieru als Effekt der unterschiedlichen Politik auf beiden Seiten "Überraschung" ausmacht, als man sich 1916 als Gegner in feindlichen Lagern wiederfand. Rumänien und das Osmanische Reich hätten seit der Unabhängigkeit des Karpatenstaates intensive diplomatische und ökonomische Beziehungen gepflegt, die eher unerwartet durch den Krieg abgebrochen wurden. Rachieru weist auf einige Aspekte der Diplomatie hin, erwähnt die Bedeutung der Dardanellen und des Öls für den Krieg, die allerdings weiterer Erforschung bedürften, und hebt die Tatsache hervor, dass das Osmanische Reich zu den Besatzern Bukarests gehörte und 1918 den Friedensvertrag mit Rumänien unterzeichnete.

 

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Midterm - Die rumänische Ratspräsidentschaft hat Halbzeit

 

Eine Tagung der Südosteuropa-Gesellschaft zieht Zwischenbilanz

 

 

 

Foto: Südosteuropa-Gesellschaft e.V.

 

 

Schon sind 100 Tage der rumänischen Ratspräsidentschaft vergangen - Anlass genug, um nach der Bewertung ihrer politischen Gestaltung in der EU zu fragen. Die Südosteuropa-Gesellschaft in Berlin tat dies am 11. April mit rumänischen Expertinnen und einem Experten unter dem doppelten Titel Between Domestic Power Struggles and European Leadership - Romania's first Presidency of the Council of the European Union

Im ersten Teil ging es eher offiziös und formal zu: Mihaela Diculescu-Blebea von der Botschaft Rumäniens in Berlin stellte als zentrales Schlagwort der Ratspräsidentschaft Kohäsion vor: politische, ökonomische, soziale, mit dem Ziel, die Entwicklungslücken zwischen Ost und West zu verringern. Diesen Ansatz unterteilt die Ratspräsidentschaft in vier weitere Aktionssäulen: die Arbeitstreffen, den Gipfel in Sibiu/Hermannstadt am 9. Mai, die Europawahlen vom 23.-26. Mai und das MFF-Paket (Multiannual Financial Framework) für nach 2020. Zudem nannte sie als weitere Schwerpunkte der nächsten drei Monate die Zutrittsperspektiven der Länder auf dem Westbalkan.

Dem gegenüber legte Valentina Ivan von der NGO Expert Forum einen Schwerpunkt auf die zivilgesellschaftliche Kritik und verwies auf das Beispiel des Energiemarktes, wo die Regierung durch Notverordnungen gegen rumänische Interessen handele. An den Darlegungen der Politikwissenschaftlerin Maria Popescu kristallisierte sich dann in der Diskussion der zentrale Begriff heraus, unter dem die zunächst von verschiedenen Seiten in Frage gestellte Fähigkeit der rumänischen Regierung zur Ratspräsidentschaft diese zu meistern vermag: "technische Ratspräsidentschaft". Unter Verweis auf die Schulung der hohen BeamtInnen vor Beginn, die technokratische Leitung begonnener Projekte, die Tätigkeit permanenter Arbeitsgruppen, etc. wurde deutlich, dass die politische Kritik an der Regierung aus der EU relativ wenig Einfluss hat auf die "technische" Bewältigung der Ratspräsidentschaft auf der Ebene der Ministerialbürokratie. Dabei fiel nebenbei der Hinweis auf den positiven Effekt, den diese Ausbildung von EU-erfahrenem Personal auf Rumänien rückwirkend haben kann.

Im zweiten Panel wurde es dann sehr viel lebhafter und kontrastreicher. Dafür sorgte eingangs die Politologin Alina Mungiu-Pippidi, die in einem dicht gedrängten freien Vortrag ungewohnte Perspektiven aus ihrer reichen wissenschaftlichen wie demokratiepraktischen Erfahrung entwickelte. Sie stellte insbesondere die realpolitischen Folgen vieler Forderungen nach Bekämpfung der Korruption, Reinigung der politischen Klasse, Rolle der Geheimdienste u.a.m. im Ablauf der politischen Entwicklung seit der Wende in den Vordergrund. Daraus ergibt sich für die an der Berliner Hertie School of Governance lehrende Professorin ein ganz eigenes Bild der Prioritäten. Mungiu-Pippidi legte zunächst dar, dass die Frage, was juristisch Korruption bedeute, in der EU keineswegs einheitlich zu beurteilen sei und daher auch ein Generalstaatsanwalt wenig Sinn mache. Rumäniens Justiz sei in den letzten Jahren schärfer vorgegangen als viele andere Länder. Mehr sei eigentlich nicht zu erreichen, wenn man den bisherigen Gang der Demokratie im Land nicht gefährden wolle. Man müsse sich also fragen, was man eigentlich darüber hinaus noch erreichen wolle. Zudem seien eben die postkommunistischen Strukturen so stark, dass bisher sich nie mehr als ca. 39% der WählerInnen gegen sie ausgesprochen hätten. Dies auch, weil es keine "Entkommunisierung" gegeben habe. Sie verwies zudem auf die offensichtlich große Rolle der Geheimdienste hin, die mit ihrem Material Politik machen - auch für Präsident Johannis und die Justiz. Die Politologin sieht Rumänien in einer Lage, wie sie etwa in Ungarn zwei Jahre vor Orban bestanden habe.

Elena Calistru von der NGO Funky Citizens nannte Rumänien einen der besten Orte, an denen man sein könne. Es habe Optimismus gegeben, der der Forderung nach Gerechtigkeit entsprochen habe. Die politische Klasse sei diesem an Werten orientierten Wunsch allerdings nie gerecht geworden. Calistru hob auch die "furchtbare Wirkung" des massiven brain drains hervor.

Die Journalistin Ana Maria Luca vom Balkan Investigative Reportin Network zeichnete noch einmal das Funktionsgeflecht des Klientilismus und seiner Entstehung im Kommunismus in Rumänien nach. Sie verwies darauf, dass gerade wegen dieser Struktur viele jüngere Leute das Land verlassen hätten.

Der Politikwissenschaftler George Jiglău von der Universität Cluj/Klausenburg nannte als Mittel der Erneuerung die Schaffung wirklicher Parteien. Mittlerweile gäbe es in Rumänien das liberalste Parteiengesetz, was allerdings auch einem gewissen Populismus Vorschub leisten könne. Wenige Parteien hätten wirkliche Veränderungen vor und es stelle sich die Frage, was mit dem Enthusiasmus der WählerInnen geschehe, wenn diese Parteien scheitern. Auch die Proteste hätten an der schlechten Praxis wenig verändert. Rumänien stehe allerdings in der EU nicht schlecht da: Es gebe keinen Brexit, kein Flüchtlingsproblem, keine schlechte Ökonomie und keine antieuropäischen Bewegungen. Die Rhetorik der Kritik sei daher zu überdenken. Wie Mungiu-Pippidi verwies er auf die Gefahr von Radikalisierungen.

In der Diskussion konstatierte Calistru die allmähliche Ermüdung nach zwei Jahren des Protests. Zwar gebe es keine rechtsradikale Partei, aber in den Parteien mache sich Populismus breit. Zwar zeige sich kein wirklicher Herausforderer für Präsident Klaus Johannis in der nächsten Präsidentschaftswahl, aber die Müdigkeit der Zivilgesellschaft habe bereits einmal zu unerfreulichen Ergebnissen geführt.

So zeigte die von Hansjörg Brey und Christian Hagemann moderierte Veranstaltung einen differenzierten und präzisen Blick auf die aktuellen Entwicklungen in Rumänien und die Ratspräsidentschaft und ließ die mittelfristigen Optionen plastisch erkennen. Die Europa-Wahlen, der Brexit und die neue Kommission werden Rumänien mindestens ebenso intensiv beschäftigen wie die rumänischen Wahlen im Herbst und im nächsten Jahr.

 


 Das Cymbal lockt

 

 

 

Mercedes Echerer und ihre sensationelle(n) MusikerIn

 

 

 

 

 

 

Foto: ufaFabrik

 

 

 

Für viele ist Rumänien ein Sehnsuchtsland geworden oder geblieben, sei es wegen familiärer Bindung, sei es wegen der dort verbrachten Kindheit, sei es aus späterer Bekanntschaft mit der Landschaft. Diese oft nicht eingestandene Nostalgie, die Auseinandersetzung mit der Erinnerung, die Wahrnehmung von Unterschieden und Gemeinsamkeiten ist das Thema von Mercedes Echerers ebenso unterhaltsamen wie reflektierenden Programm Rumänisches Roulette, das 2 Stunden lang das Publikum der Berliner ufaFabrik in den Bann schlägt.

 

Es beginnt alles mit einer Schachtel und einem Brief, der an eine Nacht in einer rumänischen Polizeizelle in Fleck (Feleacu; Erdöfelek) kurz vor Weihnachten erinnert. Die Protagonistin - es soll sich dabei um autobiographische Erlebnisse von Echerer selbst handeln - hat nach einem Überfall auf ihr Taxi eben dort in der Zelle eine Nacht verbringen müssen, da wegen Verlust von Pass, Handy, Kreditkarte ihre Identität nicht feststellbar ist. Und der Inhalt der Schachtel erinnert sie an diese Nacht und an ihren "Aurel bácsi", den Onkel Aurel, der ein berühmter Sportreporter in Siebenbürgen war. Und an all die Kindheitserlebnisse, wenn die emigrierte Familie wie jedes Jahr aus Wien zurück nach Siebenbürgen fuhr. Die Schauspielerin und Autorin Echerer bringt mit ihrem angenehmen und sehr passenden österreichischen Akzent all die Nuancen dieser Geschichten hervor, wie sie sich zugetragen haben mögen. Ihr Thema ist dabei, die Menschen aus unterschiedlichen Gruppen als solche zu zeigen und in ihrem siebenbürgischen Zusammenleben mit den vielen Sprachen, Religionen, Ethnien lebendig werden zu lassen. Wenn sie vielsprachig eine Romni oder einen jüdischen Musiker darstellt, geht es ihr um das Verbindende der Umgangsformen selbst in Zeiten der Diktatur.

 

Diese Textebene der Erzählung wird getragen von den ergänzenden Interventionen und Illustrationen durch eine wahrhaft berauschende Musik. In dem passenden Interieur des alten Art Nouveau-Saals der ufaFabrik in Berlin entfachen diese Virtuosen ein Feuerwerk der Stimmungen, der Begeisterung und Intensität. Wie passend diese Location für das Programm ist, zeigt sich, wenn die Musiker eine jazzige Kaffehausszene aufrufen oder wenn an die multikulturelle k.u.k.-Welt erinnert wird. Es gelingt ihnen im Handumdrehen, jeden realen Ort (selbst wenn es sich um eine Mehrzweckhalle in Castrop-Rauxel handeln sollte) vergessen zu lassen und eine laute rumänische Hochzeit oder einen Klezmerabend oder ein Zigeunertreffen zu inszenieren. Was etwa Alexander Wladigeroff mit der Trompete macht (manchmal auch mit zwei Instrumenten gleichzeitig!), ist einfach sensationell. Oder L'ubomir Gaspar am Cymbal. Oder der Gitarrist Branko „Bako“ Jovanovic, oder der Geiger Aljosha Biz, oder die Nai-Spielerin Andreea Chira, oder... Überhaupt das Cymbal: mit der Klarinette des Wladigeroff-Bruders und den Trompeten bzw. Posaunen und dem Kontrabass macht dieses Instrument den wirklichen Sound jener Landschaft aus - treibend, akzentuierend, melodiös zugleich.

 

Im Zusammenspiel mit dieser Musik erreichen Echerers Geschichten noch einmal eine besondere Tiefe und Realität. Es gelingt der früheren Europaabgeordneten ganz intuitiv ihre zunächst eher individuelle Erzählung und Darbietung in die große Geschichte der Wende münden zu lassen. Unscheinbare Übergänge liegen in ihren Liedern und Tänzen. Und plötzlich geht es um mehr als nur private Erinnerungen. Das Publikum ist begeistert.

 

Sollte diese Truppe mal in Ihrer Nähe auftreten - nicht verpassen!

 

Mercedes Echerer: Rumänisches Roulette (Theater und Konzert)

Begleitet von den Musiker*innen: Aliosha Biz (Geige), Andreea Chira (Nai), Adrian Gaspar (Klavier), Ľubomír„Lubo“ Gašpar (Zymbal), Imre Lichtenberger-Bozoki (Trompete/Posaune), Branko „Bako“ Jovanovic (Gitarre), Vuk Vasilic (Kontrabass), Alexander Wladigeroff (Trompete/Flügelhorn) und Konstantin Wladigeroff (Klarinette)

 


Gesang des Meeres

 

Czernowitz im Frühjahr 1944

 

 

Dass Schriftsteller und Künstler im lateinischen Europa häufiger als Diplomaten eingesetzt werden als etwa im Diplomatie als Beamtenlaufbahn verstehenden Auswärtigen Amt ist an Rumänien und seinen Botschaftern, Gesandten und Legationssekretären Lucian Blaga, Mircea Eliade oder Oskar Walter Cisek zu belegen. Und aktuell im Falle von Emil Hurezeanu in Berlin. Dass auch die Republik Moldova dieses Muster  anwenden kann, ist dem Historiker und Schriftsteller Oleg Serebrian geschuldet, der sein Land seit 2016 in Deutschland vertritt. Hervorgetreten durch Arbeiten zur Geopolitik hat er mittlerweile auch zwei Romane vorgelegt.

In Cântecul mării (Gesang des Meeres) wird eine Geschichte verhandelt, die in der bukowinischen Metropole Czernowitz (Cernăuţi) im Frühjahr 1944 spielt. Die sowjetischen Truppen nähern sich allmählich der Stadt, der junge Priester Filip Skawronski und seine Frau Marta, die der adeligen deutschen Familie Randa entstammt, erleben die um sich greifende Verunsicherung und die Fluchtgedanken in der Bevölkerung. Mit der Familie seiner Frau kam es zum Bruch wegen der dieser nicht standesgemäß erscheinenden Heirat mit dem Sohn eines alten ruthenischen Forstangestellten. Die ländliche Welt von Crasna in den Karpatenwäldern mit den althergebracht lebenden Eltern bildet den Kontrast zu dieser Ehe in der bukowinischen Hauptstadt.

Aber es sind die multikulturellen Hintergründe der Stadt und der Familien, die keine einseitige rumänische oder ukrainische Perspektive auf die Geschehnisse entfalten lassen und die herannahende Front  für alle Bewohner zur Bewährungsprobe machen. Serebrian zeichnet ein intensives Bild der Figuren und der Geschehnisse, das auch von des Autors historischen Kenntnissen profitiert. Subtil zeichnet der Moldauer die Wirkungen des Krieges in einer für längere Zeit von Zerstörungen verschont gebliebenen Stadt. Bis sich mit der Herankunft der Roten Armee die Verhältnisse wiederum dramatisch verändern. Ein ungewöhnlicher Blick auf Czernowitz vor und nach der Sowjetisierung der Stadt!

 

Oleg Serebrian. Cântecul Mării [2011]. Roman. Chişinău: Cartier 2018, 335 Seiten, ISBN 978-9975-86-303-2

 


Europa weben

 

Kunst von Roma-Frauen aus aller Welt

 

 

 

 

 

 

Foto: Nino Pusija/ERIAC

 

Das ERIAC in der Berliner Reinhardtstraße ist noch relativ jung: 2017 eröffnete dieses European Roma Institute for Arts and Culture seine Räumlichkeiten. Zusammen mit dem Rumänischen Kulturinstitut an der gleichen Straße veranstaltet es bis zum 3.Mai 2019 die von Anna Mirga-Kruszelnicka kuratierte Ausstellung mehrerer KünstlerInnen, die aus dem Zusammenhang der Roma Art kommen. Dem Titel der Ausstellung entsprechend gibt es zahlreiche Beispiele textiler Kunstwerke, die beziehungsreich und farbenfroh das Leben von Roma-Frauen zum Thema machen. Im RKI etwa steht von Małgorzata Mirga-Tas ein bunter Paravent aus textilen Darstellungen, die Mitglieder ihrer Familie (nicht nur) beim Nähen oder Weben zeigen. Andere ebenso farblich lebendige Bilder der Künstlerin zeigen bei näherer Betrachtung, dass sie z.T. gemalt sind. Bestimmte Teile der Darstellung sind allerdings durch Stoff in das Gemälde collagiert. So etwa in ihrer Darstellung einer Frau, die auf einer Fensterbank lehnt, neben der bunte Tücher hängen. Am harmonischsten zeigt sich ein Bild, das die Lebensweise vieler Romni thematisiert: ein aufgeräumter Hof mit einer Frau an der Schwelle. Der Inhalt einer umgestürzten Mülltonne wird gekonnt spielerisch aus diversen Papierschnitzeln und Stoffresten dargestellt. Ebenso bunt die Bilder von Kiba Lumberg, die als Installation beide Locations bespielen. Im RKI hat Emilia Rigova einen langen Teppichläufer am Boden ausgelegt, der hinführt zu zwei Fotos einer Romnia als Schwarze Göttin - eine anspielungsreiche Dekonstruktion herkömmlicher Bilder von den gypsy women, wie sie die europäische Kulturgeschichte bis heute bevölkern. Dies ist eines der zentralen Anliegen der Ausstellung: Zu zeigen, dass die Roma-Frauen aus unterschiedlichen Ländern keinen Stereotypen entsprechen, dass sie trotz patriarchalischer Gesellschaft ihre Eigenständigkeit und Weltzugewandtheit demonstrieren, dass sie sich einsetzen für die Wahrnehmung der Roma in Europa. Entsprechend kann die Video-Installation von Emilia Rigova gelesen werden, die raffiniert auf einem Split-Screen zwei Gesichter zeigt, die zugenäht sind und von einer wie ein Wunder (oder de[a] ex machina) auftauchenden (weiblichen!) Hand von diesen Fesseln befreit werden. Oder die Installation  der vielbeachteten Künstlerin Delaine Le Bas, die Fotos einer Performance mit einem aus mehreren Traditionen zusammengesetzten Kleid kombiniert.

Bei der Vernissage trugen Mihaela Drăgan und Ioanida Costache in englischer Sprache Gedichte von Roma mit Violinbegleitung vor - eine ebenso gekonnte wie beeindruckende Performance umgeben von der Kunst der Roma-Frauen (und einem Rom).

 

[Zur Ausstellung siehe den Hinweis unter "Aktuelles"!]

 

 

Abb. Małgorzata Mirga-Tas "Romani Kali Das, 2016"; Foto: Nino Pusija/ERIAC


Juni 1941 - Das Pogrom von Iaşi (4)

Reflexionen eines Massenverbrechens in Historiographie und Kunst

 

Was in den Tagen vom 28. Juni bis 6. Juli 1941 in Iaşi (Jassy), der moldauischen Metropole im Nordosten des 1919 erstandenen Groß-Rumäniens geschah, blieb in der Nachkriegszeit lange ein nebelhaftes Mysterium. Zwar gedachte das 1947 installierte kommunistische Regime jährlich offiziell dem Mord an den Juden der Stadt, aber detaillierte Forschung wurde in den vierzig Jahren kaum betrieben, so dass die ideologisch gefärbte und motivierte Interpretation des Regimes für eine Epoche lang das Bild bestimmte. Dies hielt auch noch nach 1989 an, bis eine jüngere Generation von Historikern begann, nachzufragen und erstaunliche Fakten und Quellen zu Tage fördern konnte.

Mittlerweile hat in Ergänzung oder auch anstelle von fehlenden Darstellungen auch die Kunst in unterschiedlichen Formen sich des Themas angenommen. Dies ist Anlass, um an dieser Stelle sowohl die historische Forschung als auch die kulturhistorische Erinnerungs- und Reflexionsarbeit in ihren Formen vorzustellen - auch, damit dieses Ereignis des "stillen Holocaust" nicht vergessen wird.

1941 im Kontext

 

 

Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden -

Das Beispiel Rumänien in Quellen

 

 

 

 

 

 

Mit dem Beitritt Rumäniens unter General Ion Antonescu zur Hitlerkoalition im Jahr 1940/41 bahnte sich in den Vorbereitungen zum Überfall auf die Sowjetunion auch das Pogrom in Iaşi an. Welche längere Entwicklung zum Krieg Rumänien nahm, lässt sich den Zeugnissen und Dokumenten entnehmen, die der Band Slowakei, Rumänien und Bulgarien des Editionsprojekts Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945 bereitstellt. Dieser umfangreiche und sorgfältig redigierte Band bietet zahlreiche Texte unterschiedlicher Art (Behördenverkehr, Tagebücher, Briefe, Zeitungsartikel, Gesetze und Dekrete, etc.) , an denen sich ablesen lässt, wie allmählich und oft durch die expansive Hitler-Politik angestoßen, in den drei südosteuropäischen Staaten der Antisemitismus teilweise staatliche Doktrin wurde und sich bis zum dahin unvorstellbaren Grauen steigerte. Der rumänische Teil der Edition beginnt mit einem Interview der englischen Zeitung Daily Herald mit dem Premierminister Octavian Goga Anfang 1938. Goga hat bis heute in Rumänien einen großen Ruf als Dichter - seine nationalistische bis proto-faschistische Politik wird von diesem guten Image abgespalten, so dass man oft den Eindruck hat, es handele sich um zwei verschiedene Personen. In dem Interview plädiert der Dichter für einen "ständischen Staat" aus Korporationen und sagt, dass 500000 Juden das Land verlassen müssten. Gogas Regierung mit dem antisemitischen Parteipartner A.C. Cuza endete nur wenige Wochen später, als König Carol II. den Metropoliten Cristea als Premierminister einsetzte und dann eine Königsdiktatur proklamierte. Goga und Cuza hatten in ihrer kurzen Regierungszeit zahlreiche antisemitische Gesetze eingeführt, die in dieser Weise in Europa noch nicht vorhanden waren. In einem Interview mit der Berliner Börsen Zeitung 1938 sagte Cuza: "Unser Programm ist mit einem einzigen Wort gekennzeichnet und dieses Wort lautet: ausscheiden. Wir wollen die Juden aus Rumänien entfernen."

 

Nachdem Carol II. für die Gebietsabtretungen von Bessarabien (Sowjetunion), Nordsiebenbürgen (Ungarn), Süddobrudscha (Bulgarien) verantwortlich gemacht wurde, wurde er von General Ion Antonescu abgesetzt und ging ins Exil. Antonescu setzte auf das Bündnis mit Hitler und entwickelte auch eigene antisemitische Initiativen. Als Rumänien mit Deutschland die Sowjetunion angriff, fand in Iaşi das Pogrom vom Juni 1941 statt. In dem Band ist hierzu eine spätere Zeugenaussage eines Überlebenden der das Pogrom begleitenden "Todeszüge" zu lesen. Ebenso ein Bericht des deutschen Konsuls  Fritz Schellhorn. Dieser war nicht nur eine der hilfreichen Figuren, die in Czernowitz dem Bürgermeister Traian Popovici halfen, im Herbst 1941 20000 im Ghetto konzentrierte jüdische Menschen von Deportationen vorläufig zu bewahren, sondern wird in der Forschung mittlerweile als regelrechter aktiver Gegner der Nazis im Amt beschrieben. Weiterhin stellt ein nach der Befreiung 1944 entstandener Zeitungsartikel die Tat der Rotkreuz-Vorsitzenden der Stadt Roman, Viorica Agarici, vor, die gegen alle Drohungen sich für das Überleben der in den Todeszügen Gefangenen einsetzte.

 

Der Leser wird mit dieser Fülle von Dokumenten aus unterschiedlichen Kontexten, die die Zeitspanne bis 1944 umfassen, nicht allein gelassen. Für Rumänien hat die Historikerin Mariana Hausleitner eine 30 Seiten umfassende Einführung verfasst, die eine gute Übersicht über das Gesamtgeschehen gibt. In ihr wird die Zahl der Ermordeten im Pogrom von Iaşi mit 14850 angegeben.

 

In gleichem Aufbau bieten die Beiträge zur Slowakei und Bulgarien ebenfalls einleitende Überblicks-darstellungen sowie zahlreiche Dokumente und Quellen, die die jeweiligen Besonderheiten dieser Länder im Zweiten Weltkrieg und ihrer Teilnahme am Holocaust herausstellen. Besonders im Falle von Bulgarien werden viele Quellen genannt, die belegen, dass das Land nicht - wie oft angenommen - völlig frei von antisemitischer Verfolgung geblieben sei. Wenn auch keine so große Vernichtung der jüdischen Bevölkerung, wie etwa im Satellitenstaat Slowakei des Priesters Jozef Tiso, stattfand.

 

(Die Quellen zu den Vorgängen in Bessarabien und Transnistrien finden sich in VEJ, Bd. 7, "Sowjetunion mit annektierten Gebieten I (Besetzte sowjetische Gebiete unter deutscher Militärverwaltung, Baltikum und Transnistrien)"

 

Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945. Bd. 13: Slowakei, Rumänien und Bulgarien. Bearbeitet von Mariana Hausleitner, Souzana Hazan und Barbara Hutzelmann. Bandkoordination: Ingo Loose. Berlin: de Gruyter Oldenbourg 2018, ISBN 978-3-11-036500-9, 800 Seiten, mehrere Karten

 


Dieter Schlesak gestorben

 

 

 

 

Der aus Siebenbürgen stammende und in Italien lebende Schriftsteller Dieter Schlesak ist am 29. März 2019 gestorben, wie sein Verlag in Ludwigsburg mitteilt. Schlesak wurde am 7. August 1934 in Sighişoara/Schäßburg geboren. Er erregte Aufsehen durch seinen Dokumentarroman Capesius, der Auschwitz-Apotheker (2006; in zahlreiche Sprachen übersetzt) sowie den Roman Vaterlandstage und die Kunst des Verschwindens (1986). Zu seinen Gedichtbänden gehören Grenzstreifen (Bukarest 1969), Weiße Gegend (1981) Herbst Zeit Lose (2006), Grenzen Los (2006), Namen Los (2007). Begonnen hatte der Siebenbürger als Redakteur der Zeitschrift Neue Literatur in Bukarest. 1969 wanderte er in die Bundesrepublik aus und ließ sich später in Italien nieder. Als Übersetzer trug er Nichita Stănescus Elf Elegien ins Deutsche.

Er erhielt für sein umfangreiches lyrisches, essayistisches und erzählerisches Werk zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Andreas-Gryphius-Preis (1980), den Nikolaus-Lenau-Preis (1993), die Ehrengabe der Deutschen Schillerstiftung Weimar (2001), den Umberto-Saba-Preis (2006), den Maria-Ensle-Preis der Kunststiftung Baden-Württemberg (2007). Der Pop Verlag plant eine umfangreiche Werkausgabe Schlesaks.


Das eigene Leben der Kranken

 

Radu Judes gelungenes M. Blecher-Portrait

 

 

 

Abb. HiFilms Prod./ Zeughauskino

 

Die Krankheit des jungen Mannes wird gleich benannt: Morbus Pott, die die Wirbel auffrisst. Und einen Abszess im Bauch diagnostiziert der joviale Arzt auch noch, um ihn bald zu punktieren. Die Schreie des Patienten hallen durch die Gänge. Jude entwickelt wie auch in seinem früheren Film Aferim für das 19. Jahrhundert eine präzise Vorstellung, wie es in den 1930er Jahren in einem rumänischen Sanatorium am Schwarzen Meer zuging und ausgesehen hat, um den Raum zu schaffen, in dem sein Personal agiert. Und dieses Personal ist exzellent besetzt, um jene eigentümliche Atmosphäre jugendlicher Kranker in der geschlossenen Welt ihrer Krankheit zu gerieren, die Blecher in seinem Roman Inimi cicatrizate (1937) entworfen hatte. Eine Welt der Diskussionen, Partys, Hoffnungen und ihres Verlusts, des Todes und der Liebe... Die biographischen Zusammenhänge mit Blechers Krankheit und Sterben reduziert Jude geschickt und gewinnbringend nur auf das rumänische Sanatorium, der französische Kurort Berck-sur-Mer wird nur erwähnt, aber nicht Handlungsort. Genau so wenig die Stadt Roman, in der Blecher seine letzten Jahre unter grauenhaften Schmerzen schreibend verbrachte. Auch stürzt sich der Regisseur nicht in die qualvollen Ekstasen eines Dichters, der mit seiner Kunst ringt, um etwa somit der Krankheit einen Spiegel zu liefern. Vielmehr ist die Krankheit und ihre soziale Umgebung in dem Film das Thema, das, was die Krankheit an Institutionen, Verhaltensweisen, Denkmustern auslöst. Blecher ist, wie einst beim Stummfilm, vor allem in Zwischentiteln präsent, die  hier aber als literarische Kommentare dienen. Ein thematisch klug reduzierter, optisch überzeugender Film!

 

 

Inimi cicatrizate

 

RO/D/FR/BE 2016, R: Radu Jude, B: Radu Jude, frei nach dem Roman von M. Blecher, K: Marius Panduru, D: Lucian Teodor Rus, Ivana Mladenovic, Marius Damian, 147'