DANACH...

 

Die Leipziger Buchmesse hat im Frühjahr 2018 als Gastland Rumänien begrüßt und damit eine der dynamischsten literarischen Szenerien Europas näher vorgestellt. Wir wollen dieses Ereignis zum Anlass nehmen, die Literatur, aber auch die Künste und die Geschichte sowohl Rumäniens als auch der Republik Moldau in ihren meist im Westen unbekannt gebliebenen Hintergründen als auch aktuellen Entwicklungen zu beleuchten. In Buchrezensionen, Interviews, Reportagen, Essays und Aufsätzen wollen Autorinnen und Autoren ihre eigenen Themen und ihre Perspektiven auf die Kultur Rumäniens und der Republik Moldau formulieren und damit beitragen zu einer immer noch notwendigen Aufklärung im deutschsprachigen Raum über die kulturellen Landschaften um den Karpatenbogen und zwischen Pruth und Dnjestr.

Dies soll nicht einseitig geschehen, sondern unter Einbeziehung rumänischer bzw. moldauischer AutorInnen.

 

(Kontakt unter: info@kultro.de.)

 

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Was es noch zu tun gab/gibt...

Dass die rumänische Literaturszene eine dynamische und vielfältige Erscheinung innerhalb der europäischen Sprachen darstellt, hat sich bei unseren Nachbarn eher herumgesprochen als in deutschsprachigen Verlagen und Redaktionen. Ein Artikel hat vor einigen Jahren darauf aufmerksam gemacht. Vieles blieb unübersetzt, jetzt generierte erfreulicherweise der Buchmessen-Schwerpunkt mehr Interesse an Rumänien und der Moldau. Ein aktueller Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung listet zahlreiche der übersetzten AutorInnen auf, weist aber auch auf noch bestehende Defizite hin.


 

 

 

 

 

 

 

 

 

Foto: Deutscher Bundestag / Achim Melde

 

Politik und Schlachthaus

 

 

 

Die Corona-Infektionen der rumänischen Schlachter werden endlich in der Spitze der Politik wahrgenommen

 

 

 

Dass in der Schlachtindustrie seit Jahren sehr fragwürdige Arbeitsbedingungen vor allem für ausländische Arbeitskräfte herrschen, haben zwar immer wieder Gewerkschaften kritisiert - offensichtlich aber ohne größere Resonanz. Jetzt hat die Pandemie und die Infizierung zahlreicher rumänischer und bulgarischer Beschäftigter selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) veranlasst, in der Regierungsfragestunde des Bundestages am 13.5. 2020 die Nachrichten aus der Fleischindustrie als "erschreckend" zu bezeichnen und "erhebliche Mängel" in der Unterbringung festzustellen. Sie kündigte an, dass Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) am Montag, 18.5., im Corona-Kabinett ein Konzept für Veränderungen präsentieren wird, die in Kraft gesetzt werden sollen. Merkel verwies bei den Saisonarbeitern in der Landwirtschaft auf die lokalen Behörden und ihre Zuständigkeit bei den Kontrollen. Sie antwortete auf Fragen von SPD-Abgeordneten Rainer Spiering, der sich auf einen Spiegel-Artikel bezog und zudem auf die von 8 Bundesländern monierte schlechte Datenlage hinsichtlich der Beschäftigten und Infizierten hinwies.

 

Dass Aussicht auf Veränderungen besteht, zeigte die sich an die Befragung anschließende, von Bündnis 90/Die Grünen beantragte Aktuelle Stunde "Arbeitsbedingungen in der Fleischindustrie". Hier wurden die Defizite deutlich benannt.

 

Abgeordneter Friedrich Ostendorff (Bündnis 90/Die Grünen) kritisierte, die Bundesregierung unternehme "nichts gegen das Billigfleischsystem, das die Weltmärkte überschwemmt, nichts gegen die unwürdige Arbeits- und Wohnsituation, nichts gegen die unzureichende Entlohnung, nichts gegen oft 60 Wochenstunden harter Arbeit". Vor allem das "Werkvertragsunwesen mit oft sehr zwielichtigen Subunternehmern" sei die Ursache der schlechten Verhältnisse. Die Zeit des Wegsehens sei vorbei. Dem stimmte im Ganzen auch Bundesminister Heil zu und warb für ein konsequentes Angehen dieser Zustände. "Wir dürfen als Gesellschaft nicht weiter zugucken, wie Menschen aus Mittel- und Osteuropa in dieser Gesellschaft ausgebeutet werden." Das "Katz-und Maus-Spiel der Umgehungsmöglichkeiten" von gesetzlichen Vorschriften sei klar zu benennen, ebenso wie das Wirken von Interessengruppen im Parlament, das Gesetzesvorschläge verwässere. Als Kern des Übels machte Heil ebenfalls das "Sub-sub-sub-Unternehmertum" aus und versprach, damit aufzuräumen, wofür er um die Unterstützung (fast) aller Fraktionen bat. Zudem erwähnte er die Beschwerden der rumänischen und der bulgarischen Regierung in Berlin.

Der CDU-Abgeordnete Uwe Schummer stellte eindeutig fest: "Die Selbstverpflichtung der Fleischindustrie von 2017 [...] hat keine Wirkung gezeigt." Die Linke Jutta Krellmann wies auf die in den vergangenen Jahren aufgrund von Einsparungen stark zurückgegangene Aufsichts- und Prüftätigkeit der lokalen Gesundheits- und Gewerbebehörden hin und dass 85% der Beschäftigten in der Fleischindustrie mit Werkverträgen, als Leiharbeiter oder Scheinselbständige aus dem Ausland in die BRD kommen.

 

Die CDU-Abgeordnete Jana Schimke hingegen fragte, was denn Werkverträge oder Entlohnungsfragen mit Coronainfektionen zu tun hätten. Ihr Fraktionskollege Max Straubinger sah eher ein Vollzugsproblem vor Ort von bereits existierenden Gesetzen und fragte, ob das Verbot des  Werksvertragssystems hilfreich sei. In diesen beiden Beiträgen ließ sich gut erkennen, was Heil mit den Verwässerungen und Beschönigungen des Problems und dem Einfluss von Interessengruppen gemeint haben könnte.

 

Dass sich bei diesem Thema etwas zu tun scheint, geht auch auf die Gewerkschaft NGG zurück, die in einem Brief am 12.5. an Heil gefordert hatte, "diese Zustände in der deutschen Fleischbranche, die nicht nur beschämend und menschenverachtend sind, sondern im Falle der Coronainfektionen auch konkret Gesundheit und Leben von Menschen gefährden, jetzt und auf Dauer reguliert werden müssen." Sie verlangt als Sofortmaßnahmen "1. das Verbot von Werkverträgen im Kernbereich der unternehmerischen Tätigkeit, 2. Schwerpunktstaatsanwaltschaften für Arbeits- und Gesundheitsschutz, 3. das Unterstellen der Unterkünfte unter klare und bestenfalls bundeseinheitliche Regelungen, 4. eine Begrenzung der Unterkunftskosten nach Maßgabe der Sachbezugsverordnung, 5. einen brancheneinheitlichen Mindestlohntarifvertrag, der ein menschenwürdiges Leben und eine angemessene Unterkunft ermöglicht."

Am Ende seiner Rede forderte der Grünen-Abgeordnete Ostendorff auch die Beendigung der Vereinbarung zwischen Landwirtschafts- und Innenministerium über die Einreise von 80000 SaisonarbeiterInnen.

 

 

Das Corona-Kabinett hat am 18.4. die Beschäftigung mit der Situation in den Schlachthöfen verschoben. Zur gleichen Zeit befindet sich die rumänische Ministerin für Arbeit und Sozialfürsorge, Violeta Alexandru, in Berlin, wo sie mit der Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner sprach und um 15 Uhr der "Besuch der Spargelfarmen Syring und Jakob im Land Brandenburg" auf ihrem Programm stand.

 

UPDATE 21.5.2020

Nachdem am Montag die Behandlung der Schlachthaus-Thematik im Corona-Kabinett verschoben wurde (wie der Tagesspiegel meldete, auf Intervention von Verkehrsminister Scheuer), verabschiedete das reguläre Kabinett am Mittwoch die von Arbeitsminister Heil formulierten Neuerungen im Bundesarbeitsschutzgesetz, darunter ab 1.1.2021 ein Verbot der Beschäftigung von Schlachthausarbeitern durch Subunternehmen, eine Digitalisierung der Arbeitszeiterfassung, verbindliche häufigere Kontrollen, Verdoppelung der Bußgelder bei Verstößen.

Am Dienstag, 19.5., hatte Heil ein Treffen mit der rumänischen Arbeitsministerin Violeta Alexandru, nach dem eine Joint Declaration of Intent between the Ministry of Labour and Social Protection of Romania and the Federal Ministry of Labour and Social Affairs of the Federal Republic of Germany on intensifying their cooperation in the field of labour market and social policies unterzeichnet wurde. Heil soll in wenigen Monaten Rumänien besuchen.

Foto: BMAS


 

Rumänien im Ersten Weltkrieg

 

 

Die unbekannte Front

 

 

 

 

 

 

Lange war über die Teilnahme des Königreichs Rumänien am Ersten Weltkrieg im Westen nur wenig bekannt. Gesamtdarstellungen des grausigen Völkermordens konzentrierten sich oft auf die Stellungskämpfe von Verdun und an der Somme, die Ostfront wurde in Deutschland eher mit dem Sieg bei Tannenberg oder dem Friedensschluss mit den Sowjets bei Brest-Litowsk assoziiert. Dass durchaus Welthistorisches sich auf dem Balkan und um die Karpaten vollzog, wird erst allmählich von der historischen Forschung genauer untersucht. Rumäniens verzögerter Eintritt in das Geschehen wurde 100 Jahre später zum Anlass einer Tagung in Veliko Trnovo (Bulgarien) genommen, deren Ergebnisse jetzt als Buch erschienen sind.

 

In der Einleitung verweisen die HerausgeberInnen auf innovative Forschungsansätze wie  Raumerfahrungen der Kombattanten oder die Einbeziehung der zivilen Bevölkerung in den Krieg, die in der westlichen Perspektive allmählich aufgegriffen werden. Wichtig für den Band sei der polyperspektivische Zugang, um die Diversität des Geschehens in Südosteuropa zu verstehen.

 

Der Band ist in 3 Teile gegliedert, deren erster sich klassisch mit den koalitionspolitischen Entwicklungen insbesondere der Mittelmächte Österreich-Ungarn, Deutschland, Türkei, Bulgarien und den operationshistorischen Vorgängen vor und nach dem 27. August 1916 – der Kriegserklärung Rumäniens auf der Seite der Entente (Großbritannien, Russland, Frankreich, später Italien) – beschäftigt. Gerald Volkmer zeichnet konzise und detailliert die Konstellationen und Bewegungen nach, die in den rumänischen Eliten die Haltung zu dem 1914 ausgebrochenen Krieg bestimmten. In z.T. kritischer Auseinandersetzung mit Lucian Boias These vom Einfluss der germanofilii, deren Umriss Volkmer bei Boia als nicht immer trennscharf gezeichnet sieht, strukturiert der Historiker den Wechsel der Haltungen vor Ausbruch des Krieges, während der Neutralität und nach Eintritt in den Krieg gegenüber den Mittelmächten. Hier kommen die diversen Angebote an die rumänische Führung (vor allem an I.C. Brătianu, den Ministerpräsidenten, der fast ausschließlich die Entscheidungen traf) zur Sprache, wie etwa Großbritanniens Kauf von Getreide von Rumänien, das wegen der gesperrten Dardanellen und der Grenze zu Österreich-Ungarn von vorneherein nicht ausgeliefert werden konnte.

 

Dieses differenzierte Bild ergänzen die Ausführungen von Jan Vermeiren mit Ansichten der Mittelmächte auf Rumänien und Bulgarien vor deren Eintritt in das Geschehen. In beiden Aufsätzen geht es vor allem auch um die Rolle und geopolitische Lage des Landes, das wegen seiner Transportwege (etwa in die Türkei) oder der Bodenschätze und Landwirtschaftsprodukte eine nicht unerhebliche Rolle in den Planungen der beiden Lager einnahm. Entscheidend waren aber die rumänischen Vorstellungen von der Verwirklichung jener "nationalen Idee", die die Einverleibung Siebenbürgens und des Banats als Raum rumänischer Bevölkerung einschloss. Österreich-Ungarn konnte solchen territorialen Forderungen trotz Drängens des Bündnispartners kaum nachkommen, hatte es doch den Krieg gerade wegen der Beibehaltung der territorialen Integrität des Vielvölkerreiches begonnen.

 

Präzisiert wird die Vorgeschichte des Eintritts Rumäniens in den Krieg durch drei Beiträge, die sich mit dem vermeintlichen "soft belly" (weichen Unterleib) der europäischen Frontstellungen beschäftigen. Daniel Marc Segesser macht deutlich, dass sowohl die Landung im türkischen Gallipoli und das Selbstbewusstsein Italiens gegenüber Österreich-Ungarn sowie der neue Bündnispartner Rumänien keineswegs die unmittelbar erhoffte Erleichterung für die an der Westfront im Stellungskrieg verharrenden Kriegsstrategien der Entente brachten. Ergänzend schildert Bernhard Bachinger die Entwicklungen an der Mazedonien-Front, die für Bulgarien und Rumänien von großer Bedeutung war. Es gehörte zu den Bedingungen Rumäniens für den Eintritt auf Seiten der Entente, dass die Entente an der Salonika-Front die bulgarischen Positionen angreift, um den Gegner auch im Süden militärisch zu beschäftigen. Diese Forderung wurde allerdings nur halbherzig erfüllt, so dass Bulgarien im Norden die Dobrudscha erobern konnte. Dass die Beziehungen zwischen den Kriegspartnern Deutschland und Bulgarien keineswegs die besten waren, zeichnet Mitherausgeberin Deniza Petrova nach und verweist auf die kulturelle Diversität, die offensichtliche machtpolitische Asymmetrie und das daraus resultierende dysfunktionale Vorgehen in den militärischen Operationen. Diese reichten soweit, dass es an der Dobrudscha-Front zu Verbrüderungen zwischen bulgarischen und russischen Soldaten kam, die Oliver Schulz in ihren Motivationen und ideologischen Instrumentalisierungen skizziert. Russland galt als befreundete Schutzmacht Bulgariens, dessen Unabhängigkeitsbestreben vom Osmanischen Reich es entscheidend unterstützte. Ebenso befand sich das Osmanische Reich in einer eher bedauerten Situation gegenüber Rumänien, zu dem es durchaus gute Beziehungen vor dem Krieg besaß und das jetzt Gegner geworden war, was Mesut Uyar in seinen vor allem militärpolitischen Implikationen nachzeichnet.

 

Einen intensiveren Fokus auf die deutsche und rumänische Armee bieten Axel Bader und Lucian Topor. Bader untersucht detailliert anhand von Regimentstagebüchern, Egodokumenten und archivalischen Quellen das Württembergische Gebirgsbataillon, eine neue Einheit für den Gebirgskampf, deren Ethos und Mentalität der Autor im pietistisch-bürgerlichen Leben der Vorkriegszeit verwurzelt sieht. Topor, Herausgeber des Sammelbandes "The Unknown War", geht den Erfahrungen der rumänischen Soldaten vom Angriff auf Siebenbürgen bis zur Flucht in die Moldau nach, wobei auch die Typhus-Epidemie dort und die Frage der Kriegsgefangenschaft thematisiert werden. Von 43000 rumänischen Kriegsgefangenen in Deutschland starben 15500  in den Lagern, eine sehr hohe Sterberate von 30%, was das negative Bild der deutschen Kriegsgegner weiterhin vertiefte. Dieser Aspekt wird in dem Beitrag von Groza im 3. Teil des Buches ergänzt.

Einer der vielen unbekannten Aspekte der Dobrudscha-Front kommt in Danilo Šarenacs Beitrag zu den Serben auf Entente-Seite zur Sprache. In russischen Kriegsgefangenenlagern bildeten sich ähnlich zur Tschechischen Legion aus vorher habsburgisch-serbischen Mannschaften eine First Serbian Volunteer Division, die von Odessa aus an der Dobrudscha-Front mit hohen Verlusten gegen die Mittelmächte eingesetzt wurde. Šarenac reflektiert an diesem Beispiel die Globalisierung durch den Krieg, da die Freiwilligen lange Reisen durch Europa absolvieren mussten, um nach Odessa zu gelangen. Zugleich sieht der Autor in den spezifischen Konflikten der Division bereits Probleme des kommenden Nachkriegsjugoslawien aufscheinen.

Vorgreifend auf das nächste Kapitel sei der Beitrag von Stefan Minkov erwähnt, in dem detailliert die Dobrudscha-Front als Ort des Einsatzes von Bulgarien und Osmanischem Reich befragt wird. Beide Länder befanden sich eher überraschend im Bündnis mit den Mittelmächten, beide hatten gegeneinander Territorialinteressen auf dem Balkan, unterschiedlich war ihr Verhältnis zu Rumänien bei Kriegseintritt: die Türkei eher freundschaftlich, aber jetzt auf Dreibund-Seite, Bulgarien eher feindlich wegen den Balkan-Kriegen. So ergaben sich vor allem wegen der Besitzansprüche auf dem Balkan Differenzen zwischen den beiden Verbündeten, zudem betrachtete Bulgarien im Laufe der Kriegsentwicklung die Dobrudscha als ein Kriegsziel, was aber nicht zuletzt von den deutschen Militärs in Frage gestellt wurde

 

 

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Vor 50 Jahren: Paul Celan gestorben

 

Am 1. Mai 1970 wird in Paris die Leiche des Dichters Paul Celan aus der Seine geborgen. Es wird angenommen, dass er in der Nacht vom 19. auf den 20. oder 20. auf den 21. April den Tod  in dem Fluss gesucht hat. Zuvor war der in Czernowitz 1920 geborene Paul Antschel (Ancel) längere Zeit in einer psychiatrischen Klinik behandelt worden, drei Jahre vorher hatte er bereits einen Suizidversuch unternommen.

Celans Herkunft aus der österreichisch geprägten Bukowina, als diese nach dem Ersten Weltkrieg an  Groß-Rumänien gefallen war, hat, nach diesem tragischen Tod und nachdem die Dichtungsweise Celans in der deutschen Literatur als eine einzigartig aktuelle und moderne entdeckt worden war, ein beispielloses Interesse an der deutschsprachigen Kultur dieses kleinen Kronlandes an der Grenze zu Russland und Rumänien freigesetzt. Der Untergang dieser Kultur im von Deutschen und Rumänen verursachten "vergessenen" Holocaust, während dem auch die Eltern Celans ermordet wurden, fand seine einzigartige Sprache in der Auseinandersetzung Celans mit der deutschen Sprache, die auch in der rumänischen Zeit noch die Sprache der jüdischen Bevölkerung der Bukowina geblieben war und in der Celan nach dem Krieg und der Flucht aus Rumänien über Wien nach Paris weiter festhielt. Seine opak erscheinenden Verse brachen jedes semantische Kontinuum auf, um es neu zu verwenden zur Sichtbarmachung der geschehenen Gewalt - aber auch zur lyrischen Evokation von Schönheit, die bis heute Celan zu einem der wenigen von einem großen Lesepublikum rezipierten aktuellen Lyriker hat werden lassen. War es zunächst die in rumänischer Übersetzung erschienene "Todesfuge" (Tangoul morţii), die das Bild des mörderischen Geschehens im Gedicht fasste, so beinhalteten die späteren Lyrikbände Mohn und Gedächtnis (1952), Von Schwelle zu Schwelle (1955), Sprachgitter (1959), Die Niemandsrose (1963) Atemwende (1967), Fadensonnen (1968) mitunter rätselhaften Chiffren der Traumatisierung und des Suchens nach einer "neuen" Sprache.

 

 

Paris spielte in dieser Biographie eine besondere Rolle. In der Einleitung zu seiner Studie zu Celans Pariser Zeit ruft der Iaşier Germanist Andrei Corbea-Hoişie in gedrängter Folge die wesentlichen Stimmen auf, die Celan in seiner Herkunft und Gebrochenheit beschreiben: von des Dichters eigener Aussage in einem Brief an Max Rychner 1946 "Mein Schicksal ist dieses: deutsche Gedichte schreiben zu müssen" bis zur dekonstruktiven psychoanalytischen Theorie der in Bulgarien geborenen Julia Kristeva von der Verdrängung und Hervorhebung des Jüdischen zwischen Vatergebot und Muttersprache. Der Bewältigung des Traumas gesellt sich der Versuch bei, sich ein "Hier" zu schaffen, das Paris hieß. Hoişies reich dokumentierte Arbeit zum "unbequemen Zuhause" interessiert sich für 3 biographische Schwellen in Frankreich: "das Germanistik-Studium an der Sorbonne, das Bestreben, die französische Staatsbürgerschaft zu erhalten und die Anstellung als Deutsch-Lektor an der Pariser École Normale Supérieure". In Gesprächen mit Serge Moscovici, Virgil Ierunca u.a. aus Rumänien stammenden Freunden und Bekannten und durch akribisch erschlossene Archivquellen erfährt der Autor viel über die Lebenswelt des Flüchtlings, der in einer intellektuell faszinierenden Welt des Nachkriegs sich als deutscher Dichter durchzusetzen bemüht (und dies auch erreicht). Es zeigt sich der Alltag eines jungen Autors jenseits der mittlerweile vielfach thematisierten emotionalen Beziehungen im Umgang mit beruflichen und bürokratischen Prozeduren, die für sein Überleben in der anfangs fremden Umgebung entscheidend sind.

 

Dass Hoişie die theoretischen Probleme des biographischen Zugangs zu Celan ernst nimmt, zeigt seine Diskussion dieser Wende in der Celan-Forschung - bei einem Autor, der immerhin erklärte, "kein Freund der Vergesellschaftung des Innenlebens" zu sein, aber zugleich auch offenbarte, "Ich habe nie eine Zeile geschrieben, die nicht mit meiner Existenz zu tun gehabt hätte." Es sollte u.a. der Celan befreundete und ebenfalls als Flüchtling nach Westen gelangte Philologe Peter Szondi sein, der eine Vermittlung dieser beiden diametralen Positionen versuchte. Abgeschlossen wird der äußerst informative Band durch die Rezension zweier "Ego-Dokumente": Edith Silbermanns Erinnerungen an die gemeinsame Kindheit und Jugend in Czernowitz und Brigitta Eisenreichs Schilderung ihrer Liebesbeziehung zu Celan.

 

Andrei Corbea-Hoisie: Paul Celans "unbequemes Zuhause". Sein erstes Jahrzehnt in Paris. Aachen: Rimbaud 2017 (Celan Studien. Neue Folge 5), 127 S., ISBN 978-3-89086-379-5

 

Bereits um die Jahrtausendwende hatte Hoişie einen Sammelband in einer Zusammenarbeit dreier Verlage aus Rumänien, Deutschland und Frankreich vorgelegt:

 

Andrei Corbea-Hoisie (Hg. / éd.): Paul Celan. Biographie und Interpretation / Biographie et interprétation. Konstanz: Hartung-Gorre, Paris: Éditions Suger, Iaşi: Polirom 2000, 235 Seiten, ISBN (Hartung-Gorre) 3-89649-578-X, 2-912590-15-9 (Éditions Suger), 973-683-537-5 (Polirom)

 


Loyalität der Minderheiten in der Republik Moldova

 

 

Rosanna Doms Dissertation über die Stimmung der ukrainischen und russischen Minderheit

 

 

 

 

 

 

Die besondere geopolitische und historische Lage der Republik Moldau erregt immer wieder erneutes Inter-esse an ihrer politischen Struktur und Entwicklung und den Handlungsmotiven ihrer politischen Eliten. Eines der dabei aufscheinenden Themen ist die Frage nach dem Anteil der russischen und ukrainischen Minderheit und ihren Orientierungen in einem sich nach innen und außen oft als "rumänisches" Land darstellenden Staat. Dieser Problematik geht die Dissertation von Rosanna Dom nach, die 2015 an der Universität Regensburg angenommen wurde.

Am Beginn der umfangreichen Einleitung steht ein Interview mit einer Bewohnerin Moldaus, das die Diskrepanzen deutlich aufzeigt. Die Frau sagt:

"wir sind in Moldawien geboren, wir sind der Nationalität nach Ukrainer, aber unsere eigene Heimat - wir haben - //äh// zumindest gegenwärtig keine. [...] ich bin eine Russischsprachige, aber eine Moldawierin. Aber jetzt bin ich keine Moldawierin mehr, weil es Moldawier nicht mehr gibt. Bei uns sagen alle, dass wir Rumänen sind, Rumänisch //äh// alles Rumänische ist, obwohl das gemein ist, sehr gemein, sehr gemein. Mich schmerzt das sehr." (19)

 

Die Interviewte gibt dann noch ein Beispiel, wonach ein ('rumänischer') Verwandter ihres Ehemannes sich sehr überheblich gegenüber Ukrainern zeigte. Die Autorin hat zahlreiche solcher Interviews mit Angehörigen der ukrainischen und russischen Minderheit in der Republik Moldau geführt, um deren Ansichten und Gefühlslagen genauer kennenzulernen.

Dom beginnt allerdings ihre Darstellung mit einer umfangreichen Einführung (19-91) in die politische und historische Situation der Moldau seit den späten 1980er Jahren, in der insbesondere die Veränderung der Position von Russen und Nicht-Russen in dem entstehenden neuen Staat skizziert wird. Zentrale These ist dabei, dass mit dem Prozess der Auflösung der Sowjetunion und dem Aufkommen der Unabhängigkeitsbewegung in der Moldau eine "Statusinversion" einherging, die aus den bisher dominierenden Russen eine Minderheit machte und die bis dahin eher marginalisierten Moldauer ("Rumänen") in den Vorgrund schob. Letztere organisierten sich als "Volksfront" (Frontul Popular) und erreichten noch vor der Unabhängigkeit die Mehrheit im regionalen Parlament. Dort erließen sie weitreichende Sprachengesetze, die Rumänisch zur Staatssprache und die lateinische Schrift für verbindlich erklärten. Damit waren für nur Russischsprechende erhebliche Nachteile auf dem Arbeitsmarkt verbunden. Die Autorin weist zudem auf langwährende Debatten über das Eigen-verständnis des neuen Staates in Beziehung zur russischen Politik und vor allem in Abgrenzung von der früheren Autonomie im sowjetischen Imperium hin. So gibt es eine "rumänistische" Position, wonach die Republik Moldau überwiegend aus der Nähe zum EU-Staat Rumänien sich definiere, während eine "moldovanistische" mehr auf die Eigenständigkeit und/oder auf die sowjetische Vergangenheit abhebt und den neuen Staat als zur Einflusssphäre Russlands gehörig sieht.

Aus ihren 32 Interviews generiert Dom 3 zentrale Typen von Trägern bestimmter Haltungen in den russischen und ukrainischen Minderheit hinsichtlich der Loyalität gegenüber dem neuen Staat:

 

"Anhänger einer sowjetischen Ordnung",

"Verfechter einer russischen Welt"

und "Integrierer" (80-94).

 

Letztere sind in der Lage, die Moldauer ("Rumänen") als Teil der veränderten Gesellschaft ohne Ängste oder Vorurteile wahrzunehmen und mit ihnen zu kommunizieren, d.h. sie sprechen auch Rumänisch. Erstere erinnern sich gern an "die Ordnung" der Sowjetzeit, an die "Völkerfreundschaft" als Gegenentwurf zur Ethnisierung, die sie gern auch im neuen Staat verwirklicht sehen würden. Der Typus "Verfechter einer russischen Welt" wird von Interviewten repräsentiert, die eine mögliche Vereinigung der Republik Moldau mit Rumänien fürchten, da ihrer Vorstellung nach daraus die Vertreibung der Vertreter der russischen und ukrainischen Minderheit resultieren würde. Die "Verfechter einer russischen Welt" rekurrieren vor allem auf historische Situationen wie die Zwischenkriegszeit oder den Zweiten Weltkrieg und sehen in dem abtrünnigen "Transnistrien" eine interessante Alternative zur Republik Moldau. Ebenso resultieren aus den unterschiedlichen Typen unterschiedliche Haltungen gegenüber der EU, Russland und Transnistrien (Pridnestrowskaja Moldavskaja Respublika; PMR).

 

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Paul Goma gestorben

 

Ein Opfer der Corona-Pandemie wurde in Paris der rumänische Schriftsteller und Dissident Paul Goma. Goma verstarb in der Nacht auf den 25.3. in einem Pariser Krankenhaus.

Goma wurde 1935 in Mana (Bessarabien) geboren, seine Eltern waren Lehrer. 1971 machte er als Schriftsteller mit dem Roman Ostinato, der in Deutschland übersetzt bei Suhrkamp erschien, auf sich aufmerksam. Seine literarische Karriere in Rumänien war mit dieser unerlaubten Publikation im Ausland bereits gefährdet. Die Verfolgung seiner Familie durch die Securitate geht allerdings bereits auf die Deportation des Vaters 1940 durch sowjetische Truppen nach Sibirien zurück. Verwirrenderweise befand sich der Vater aber 1942 in einem Kriegsgefangenenlager im rumänischen Slobozia, wo er als "bolschewistischer Gefangener" geführt wurde und 1943 zur Familie zurückkehrte. 

1944 flüchteten die Gomas nach Siebenbürgen und versteckten sich nach dem 23. August 1944 eine Zeit lang vor den Repatriierungskommissionen in den Wäldern. Mit gefälschten Papieren konnte die Familie in Siebenbürgen bleiben, Goma besucht die Schule in Hermannstadt/Sibiu. 1953 beendete er nach mehreren Relegationen das Lyzeum, ein Studium der Cinematographie wird aber verwehrt. Statt dessen wird Goma Erzieher in Pionierschulen, besteht aber die Aufnahmeprüfung zum Literaturstudium und beginnt an der Fakultät in Bukarest zu studieren. Nach mehrfachen ideologischen  Auseinandersetzungen mit Parteigremien an der Universität findet Ende 1956 seine Verhaftung im Zusammenhang mit der ungarischen Revolution statt. Er wird nach zwei Jahren Haft in den Hausarrest in Fetești, dann nach Constanța entlassen; ab 1963 befindet er sich für zwei Jahre in Freiheit und schlägt sich mit Hilfsarbeiten durch.

Mit dem Antritt Ceaușescus als Parteichef kann Goma 1965 noch einmal sein Studium beginnen. Nach Jahren gelingt ihm auch das Debut als Autor in der Zeitschrift Luceafarul, was die Möglichkeit zu weiteren Publikationen eröffnet. Der fertiggestellte Roman Ostinato wird jedoch von den staatlichen Verlagen mit immer neuen Änderungswünschen verzögert. Statt dessen erscheint 1967 ein Fragment daraus in der Zeitschrift Neue Literatur in der Übersetzung von Anemone Latzina und Dieter Schlesak sowie in der österreichischen Zeitschrift Literatur und Kritik mit Bemerkungen von Marie Thérèse Kerschbaumer. Ein Jahr später heiratet Goma Ana Maria Năvodaru, der Sohn Filip-Ieronim wird 1975 geboren. Im gleichen Jahr 1968 erscheint als einziges Buch Gomas im kommunistischen Rumänien ein Band mit Kurzgeschichten (Camera de alături). Goma tritt nach der Nichtteilnahme Rumäniens an der Zerschlagung des Prager Frühlings zusammen mit Paul Schuster, Adrian Păunescu, Nichita Stănescu in die Kommunistische Partei ein, wird Redakteur an der Zeitschrift România Literară für den Musikteil. Wegen der Querelen um die Veröffentlichung von Ostinato wird über ihn später Publikationsverbot verhängt, auch dürfen keine Übersetzungen mehr von ihm erscheinen. 1971 ist zur Frankfurter Buchmesse Ostinato in deutscher Übersetzung von Marie Thérèse Kerschbaumer im Verlag Suhrkamp präsent, zugleich erscheinen die französische Ausgabe bei Gallimard und die italienische bei Rizzoli. Im Klappentext wird Goma als "rumänischer Solschenizyn" bezeichnet.

1972 kann Goma für drei Monate nach Österreich, Frankreich und in die BRD reisen. Er trifft Schlesak, der entscheidend bei der Publikation von Ostinato mitwirkte, in Paris Cioran, Virgil Ierunca, Monica Lovinescu, in Wien Kerschbaumer. Es erscheint bei Suhrkamp ein weiterer Erzählband, Die Tür. In Rumänien wird weiter Druck auf Goma ausgeübt. Er verliert den Posten bei România Literară, wird aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen, verhaftet und muss das Land mit seiner Familie verlassen. Hauptgrund sind seine öffentliche Unterstützung der tschechischen Charta 77 und Berichte in Radio Europa Liberă, vor allem aber sein berühmter offener Brief an Ceaușescu, in dem auf die Unterdrückung der verfassungsgemäßen Rechte der Rumänen hingewiesen wird.

Im Pariser Exil tritt er für die rumänische unabhängige Gewerkschaft SLOMR (Sindicatului Liber al Oamenilor Muncii din România) ein. Er wird mehrfach Ziel von durch die Securitate organisierten Attentaten.

Nach der Wende ist sein Ruf als Dissident der Grund für zahlreiche Ehrungen. Spätestens mit der Veröffentlichung des Buchs Sâptămănă roșie. 28 iunie-3 iulie sau Basarabia și evreii (2002) aber wendet sich die Perspektive auf den Autor: In der Abscheu gegenüber der Sowjetunion, die Bessarabien durch gezielte Hungersnöte und Deportationen zerstört habe, beginnt Goma die Beteiligung jüdischer Kommunisten in den Vordergrund zu stellen - bis hin zur paranoiden Ausweitung der Schuld auf deren Nachkommen und die Leugnung des rumänischen Holocaust. Die Massaker an den Juden seien lediglich Reaktionen auf jüdische Feindschaft gegenüber der rumänischen Armee gewesen. Zunehmend gewinnen rassistische Theorien in seinem Denken die Überhand, auf Widerspruch von den neuen intellektuellen Eliten aus Rumänien reagiert er ausfallend. Isoliert greift er das neue "Establishment" wie den GDS (Grupul de Dialog Social) oder Ana Blandiana, Gabriel Liiceanu, den Schriftstellerverband so ätzend an wie einst die Securitate.

So ist die Auseinandersetzung mit seinem frühen Werk und Engagement in den letzten Lebensjahren überschattet von der nicht mehr nachvollziehbaren antisemitischen Idiosynkrasie, mit der Goma die (allerdings im Westen nicht zur Kenntnis genommenen) Geschichte Bessarabiens als einem von "Judäobolschewisten" verursachten Genozid ("holocaustul roșie") verdunkelt, der Antisemitismus und Holocaust nur als leichte Verfehlung erscheinen lässt.

Weiterhin auf Rumänisch schreibend wurden seine Bücher in immer kleineren und z.T. obskuren Verlagen publiziert, zuletzt war das Internet das Fenster, um seine kruden Theorien und Geschichtsdarstellungen unter Leugnung des rumänischen Holocaust zu verbreiten. Er bezeichnete sich nun als scriitor internetizat.

Goma blieb gleichzeitig mit seiner einzigartigen Dissidentenvita der wandelnde Vorwurf, dass die Intellektuellen in Rumänien in der Diktatur nicht gemeinsam handeln konnten/wollten. Das Echo auf seinen Tod ist in Rumänien eher verhalten.


Juni 1941 - Das Pogrom von Iaşi (7)

Reflexionen eines Massenverbrechens in Historiographie und Kunst

 

Was in den Tagen vom 28. Juni bis 6. Juli 1941 in Iaşi (Jassy), der moldauischen Metropole im Nordosten des 1919 erstandenen Groß-Rumäniens geschah, blieb in der Nachkriegszeit lange ein nebelhaftes Mysterium. Zwar gedachte das 1947 installierte kommunistische Regime jährlich offiziell dem Mord an den Juden der Stadt, aber detaillierte Forschung wurde in den vierzig Jahren kaum betrieben, so dass die ideologisch gefärbte und motivierte Interpretation des Regimes für eine Epoche lang das Bild bestimmte. Dies hielt auch noch nach 1989 an, bis eine jüngere Generation von Historikern begann, nachzufragen und erstaunliche Fakten und Quellen zu Tage fördern konnte.

Mittlerweile hat in Ergänzung oder auch anstelle von fehlenden Darstellungen auch die Kunst in unterschiedlichen Formen sich des Themas angenommen. Dies ist Anlass, um an dieser Stelle sowohl die historische Forschung als auch die kulturhistorische Erinnerungs- und Reflexionsarbeit in ihren Formen vorzustellen - auch, damit dieses Ereignis des "stillen Holocaust" nicht vergessen wird.

 

 

Die Opfer des Pogroms von Iași

 

Ein außergewöhnlicher Dokumentarfilm

 

 

 

 

Die Klassiker des Dokumentarfilms zum Holocaust haben Überlänge: Claude LanzmannsShoa 9 Stunden, Marcel Ophüls' Hôtel Terminus 4,5 Stunden, während hingegen Nuit et Brouillard von Alain Resnais gerade durch seine Kürze und Intensität heraussticht. Auch der Film von Radu Jude und Adrian Cioflâncă fordert die Geduld der ZuschauerInnen heraus. Zwar sind 3 Stunden 20 Minuten zu bewältigen, aber der radikale Bruch des Films mit der Erwaltungshaltung auf eine runde Erzählung erfordert eine besondere Einstellung zu dem Film: Statt ungeduldigem Warten auf  die "Geschichte" oder "Geschichten" aus dem Pogrom bietet der erste Teil des Films scheinbar eine Serienstruktur. Nach genauem Schema werden Fotos von Opfern gezeigt, unterlegt mit einem kurzen gesprochenen Text. Nicht mehr.

Wir sehen ein Gesicht, erfahren durch die Stimme, dass er/sie zur Quästur gebracht und dort ermordet wurde, oder zum Bahnhof, oder in einen Todeszug verfrachtet wurde. Wer spricht? Es sind unterschiedliche Stimmen und Textquellen. Im Laufe der etwa 200 vorgestellten Opfer beginnt man zu unterscheiden: Einige Texte sind kurz und stereotyp: "Zu den Umständen der Ermordung meines Ehemannes xy erkläre ich folgendes:..." Andere sind erzählend, chronistisch knapp. Andere klingen nach Zeugenaussagen. Wie man im Laufe dieses Teils des Films über die Textquellen nachzudenken beginnt, ihre Auswahl, ihre Reduktion, etc., werden solche Gedanken auch auf die Fotos gelenkt: Woher stammen sie, wie zeigen sie den betreffenden Menschen? Die meisten wurden nach Kriegsausbruch gemacht, als Juden zu Zwangsarbeiten genötigt  und entsprechende Ausweisdokumente produziert wurden. Andere zeigen Familien- oder Passfotos aus früheren Zeiten. Wir erkennen deutlich die unterschiedlichen Bildträger: Akten, Ausweisdokumente, Familienalben, Einzelfotos mit dem zeittypischen gezackten Büttenrand. Junge, Alte, Reiche, Arme, Frauen, Männer,  Angestellte, Arbeiter, die ganze Vielfalt der jüdischen Bevölkerung von Iași. Wir lernen sie in ihrer fundamentalen Repräsentation kennen: als Porträtfoto mit Angabe über Namen, Berufstätigkeit und ihr meist tödliches Schicksal im Pogrom. Wer sich darauf einlässt, wird die Zeit vergessen, weil sie/er in Anspruch genommen wird von Menschen und der Frage nach ihrer Darstellung. Allein über die Namen lässt sich vieles sagen. Und je länger sich die alphabetisch (!) angeordnete Vorstellung dieser Menschen hinzieht, desto intensiver und dringlicher wird diese Fragestellung zum Verhältnis von Text, Bild, Name, Schicksal, die eine ganz elementare des Dokumentarfilms gerade zu der Shoa darstellt.

Bei der Uraufführung während der Berlinale erklärten die anwesenden Regisseure, dass aus ihrer Sicht sich das Problem stellte, wen man auswählen solle, um sie/ihn als Opfer des Pogroms darzustellen. Wer ist 'repräsentativer' als andere? Gibt es einen eindeutigen Kern des Pogroms, den man filmisch 'repräsentieren' könne? Und entschlossen sich nicht zuletzt aus diesem Dilemma heraus für die Darstellung von etwa 200 Opfern nach dem Schema von Porträtfoto, Name, Beruf, Text aus dem Off zu den Umständen der Ermordung (seltener des Überlebens). (In der an die Uraufführung bei der Berlinale anschließenden erfreulich lebendigen Diskussion mit den Regisseuren erklärte Cioflâncă sehr differenziert, weshalb die meisten Opfer Männer in einem bestimmten Alter sind, seltener Frauen: Das Raster der rumänischen Militärs sah in den Männern eher ihr Feindbild vom sog. "judäobolschewistischen" Kriegsgegner bestätigt. Wenn es um Massaker in Bessarabien ging, spielte diese Unterscheidung keine Rolle mehr - hier wurden auch die Frauen und Kinder ermordet.)

Die Zuspitzung des dokumentarischen Serienprinzips steigert insgeheim  die Aufmerksamkeit für den fast nicht mehr erwarteten kurzen zweiten Teil, der wie ein Schock auf die ZuschauerInnen einbricht: Es werden zahlreiche Fotoaufnahmen des schrecklichen Massakers gezeigt, ohne Kommentar; sie wirken wie eine Bestätigung der vorher gemachten Aussagen zu den einzelnen Opfern. Plötzlich erkennen wir die in den Texten vorher so häufig erwähnte Quästura, den Bahnhof, die Todeszüge, sehen Situationen aus den Zeugenschilderungen im Bild festgehalten, es generiert sich eine brutale Evidenz von vorhergegangenem Text und nun gezeigten Bildern des Ereignisses. Die Bilder entfalten ihre Wirkung in dem Bewusstsein der FilmbetrachterInnen, dass dies alles real geschehen ist, dass wir im Kinosaal eine Spur des Horrors des Pogroms wahrnehmen können. Die Bilder scheinen über das Exerzitium des ersten Teils mit seinen Opferfallbeispielen zu dominieren. Aber gerade durch dessen Monotonie erhalten die brutalen Bilder ihre außerordentliche Wirkung. Dem Film gelingt, indem er die Ermordeten benennt, individuell vorstellt, ihnen Zeit und Aufmerksamkeit widmet, ganz neu und zentral fundamentale Fragen der Darstellbarkeit und Angemessenheit aufzuwerfen - was nach den bisherigen Zugängen zu diesem Thema eine außerordentliche Innovation darstellt.

 

 

Ieșirea trenurilor din gară (The Exit of the Trains). Rumänien 2020. Regie: Radu Jude, Adrian Cioflâncă. microFilm Bukarest, 175 min.


Rassistisches Attentat in Hanau - ein Rumäne unter den Todesopfern

 

Mehrere rumänische Medien berichten im Internet, dass zu den 10 Opfern des rechtsextremen Täters in Hanau in der Nacht vom 19. auf den 20. Februar auch ein Rumäne gehört.

Bevor die Polizei die Identifikation der Opfer abgeschlossen hat, heißt es da, dass der 23-jährige Vili Viorel P. aus einer Gemeinde bei Giurgiu an der Donau von dem Täter erschossen wurde, als er nach seiner Arbeit als Kurierfahrer an einem Kiosk etwas zu Essen holen wollte. P. wurde in seinem Auto erschossen. Nach rumänischen Medienberichten haben die ebenfalls in der BRD lebenden Eltern des Opfers den Tod ihres einzigen Kindes bestätigt.

Das rumänische Außenministerium wollte zunächst die Meldungen noch nicht bestätigen, da erst 6 Opfer von der deutschen Polizei identifiziert seien. Auch der in Berlin anlässlich des 140. Jahrestages der Aufnahme diplomatischer Beziehungen als Gast von Außenminister Heiko Maas anwesende amtierende rumänische Außenminister Bogdan Aurescu äußerte sich nicht hierzu.

Erst um 00.00 Uhr hat laut Nachrichtenportal adevarul.ro das Außenministerium den Tod von Viorel P. bestätigt.

Nach den rumänischen Medien befinden sich unter den Toten von Hanau neben den Deutschen ein Bulgare, ein Bosnier und Viorel P.


Heute vor 30 Jahren

 

Die Revolution in Rumänien in Tageschroniken

 

 30 Jahre nach dem Aufstand der rumänischen Bevölkerung gegen das diktatorische Regime von Nicolae Ceaușescu und der kommunistischen Partei lassen sich viele der Details des Geschehens genauer beschreiben als in den Jahren zuvor, als sie vielfach nicht präzise eingeordnet werden konnten.

 

Abb. CC BY-SA 2.5 pl, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1237708

 

Zahlreiche Fotos, Videos, Dokumente, Augenzeugenberichte, Gerichtsprotokolle lassen ein Bild entstehen, das die Vorgänge an der Oberfläche dokumentiert, während entscheidende Fragen nach den politischen Manövern innerhalb der Parteistrukturen, der Armee und der Securitate vor, während und nach der Revolution noch nicht offengelegt wurden. In einigen Fällen sind die Verantwortlichen klar benannt worden, allerdings haben sich daraus oft keine strafrechtlichen Konsequenzen ergeben.

 

An den Ablauf der Geschehnisse im Dezember soll die folgende Chronik erinnern.

 

Freitag, 15. Dezember 1989

 

Der bereits wegen seiner regimekritischen Aussagen (u.a. in ausländischen Radiosendern) aufgefallene Priester der Reformierten Kirche in Temeswar, László Tökés, hatte im Sonntagsgottesdienst am 10.12. seine Gemeinde aufgefordert, am 15. Zeuge bei seiner  gegen seinen Willen angeordneten Versetzung in ein isoliertes Dorf bei Sălaj zu sein. Es kommen am frühen Morgen einige Hundert meist ungarischsprachige Gläubige an das überwachte Gebäude der Reformierten Kirche in der strada Timotei Ciparu an der Piața Maria, nicht weit entfernt von der Innenstadt. Securitate-Mitarbeiter in Zivil versuchen, Verhaftungen unter der Menge vorzunehmen, wobei es zu Auseinandersetzungen kommt, die sich aber noch nicht ausbreiten. Nachmittags finden sich weitere Menschen ein, jetzt auch Rumänen aus der baptistischen Gemeinde. Tökés kritisiert das Regime von Parteichef Nicolae Ceaușescu, es wird erstmals das Lied "Deșteapte-te române!" (Erhebe dich, Rumäne) gesungen. Um 20.00 Uhr kommt der Bürgermeister von Temeswar, Petru Moț, um mit Tökés zu verhandeln. Einige Protestierer bleiben über Nacht beim Kirchenamt.

 

Samstag, 16. Dezember 1989

 

An der Piața Maria in Temeswar versammeln sich anfangs etwa 300-500 Menschen, um gegen die Evakuierung des Priesters Tökes, aber auch bereits gegen das System von Partei und Staat zu protestieren. Ein Teil der Menge hält Straßenbahnen der Linie Nr. 2  in der Nähe des Gemeindeamtes der Reformierten Kirche an, um mit ihnen unter dem Rufen von Losungen wie "Jos Ceaușescu!", "Libertate" oder "Vrem paine!" (Wir wollen Brot!) in die Innenstadt zu gelangen. In größeren Gruppen marschieren Demonstranten in das Stadtzentrum. Eine Buchhandlung mit Büchern Ceaușescus wird zerstört, auch zahlreiche Schaufenster an der Einkaufsstraße im Zentrum gehen zu Bruch. Die Plakate mit Parteilosungen und Fotos von Ceaușescu werden zerstört. Auf einem ungarischen Radiosender wird über die Demonstrationen berichtet. Tökés bittet die Menge vom Pfarramt aus, die Demonstration aufzulösen und nach Hause zu gehen. In der Innenstadt auf dem Platz  zwischen Oper und Kathedrale kommt es zu Konfrontationen mit der Miliz und den Wasserwerfern der Feuerwehr  und zu zahlreichen Verhaftungen. Hunderte werden in Gefängnisse eingeliefert. Gruppen von Demonstranten gehen in andere Viertel der Stadt, vor allem solche mit Studentenheimen, um weitere Demonstranten zu animieren, auf die Straße zu gehen.

Nach Mitternacht sperrt Miliz die Straße zur Reformierten Kirche ab und räumt die Piața Maria. Tökés flüchtet sich mit seiner hochschwangeren Ehefrau, einem Schwager und  dem Studenten Gazda Arpad in die Kirche, wo sie nachts von der Securitate verhaftet und ins Gefängnis gebracht werden. Der Aufstand scheint niedergeschlagen worden zu sein.

 

Sonntag, 17. Dezember 1989

 

Die Auseinandersetzungen in Temeswar zwischen Demonstranten gegen das Regime Ceaușescu und den Ordnungskräften verschärft sich  in mehreren Stadtteilen. Panzer und gepanzerte Fahrzeuge sind auf Seiten der Miliz und der Armee im Einsatz. Barrikaden werden gebaut. Unbekannte zerstören systematisch Geschäfte, zünden sie an, ohne dass die Ordnungskräfte einschreiten. Auf Befehl Ceaușecus, den General  Vasile Milea umsetzt, wird vor allem als die Dunkelheit nach 16 Uhr einbricht, scharf in die immer größer werdende Menge geschossen und die ersten Verletzten und Toten unter den Demonstranten sind zu verzeichnen. Auch in die Häuser wird geschossen. Die Einheiten von Securitate, Armee, Miliz, Innenministerium, die an den Schießereien beteiligt sind, sind nicht genau zu verifizieren.

 

Montag, 18. Dezember 1989

 

Angehörige begeben sich in der gespannten Atmosphäre der Stadt in die Spitäler, um ihre Toten zu finden und zu beerdigen. Jede Gruppenbildung auf den Straßen ist verboten, auf Ansammlungen werde sofort geschossen. In den Firmen und Fabriken werden die Fehlenden gezählt. In einzelnen Vierteln wie dem Arbeiterviertel Girocului sind die Straßen übersät mit Gewehrpatronen und weisen auf eine kriegsähnliche Situation hin.

Vor der verschlossenen Kathedrale werden Kinder und Jugendliche, die dort Kerzen aufstellen wollen und Anti-Ceaușescu-Parolen rufen, von der Armee erschossen. 60 Tote und hunderte Verletzte sind das Ergebnis dieses Tages.

In dem Dorf Sanpetru Mare veranlassen Berichte von den Vorgängen in Temeswar eine Menschenmenge zum Marsch auf die Primaria, wo sie Bilder und Bücher von Ceaușescu zerstören.

In der Nacht zum Dienstag wird die "Operațiunea Trandafirul" (Operation Rose) durchgeführt: 40 Leichen werden von der Miliz aus den Krankenhäusern entwendet (einige noch Lebende werden ermordet), in einem Kühlwagen nach Bukarest gebracht, dort in einem Krematorium verbrannt und ihre Asche in einem Graben bei Bukarest verteilt.

Der Staatspräsident Ceaușescu begibt sich ohne Ehefrau Elena zu einem Staatsbesuch in den Iran.

 

Dienstag, 19. Dezember 1989

 

Es werden zahlreiche weitere Verhaftungen vorgenommen. Die Arbeiter der Firma ELBA (Electrobanat) erklären den Generalstreik. In den Betrieben wird über das weitere Vorgehen diskutiert. Viele Fabriken sind von Ordnungskräften umstellt, um die Arbeiter an Demonstrationen zu hindern. Um 11 Uhr versuchen der erste Sekretär der Partei im Kreis, Radu Bălan, und Bürgermeister Moț, die Arbeiter zum Einstellen der Arbeitsniederlegungen und Demonstrationen zu bewegen. Bălan scheint bereit, in das Lager der Revolutionäre zu wechseln. General Gușă, ebenfalls in der Fabrik ELBA, ordnet einen Teilrückzug der Armee an. Auf den Straßen dominieren die Ordnungskräfte von Armee, Miliz, Securitate, bei Zusammenstößen sterben 8 Menschen.

 

Mittwoch, 20. Dezember 1989

 

Zehntausende, vor allem aus den Betrieben und Fabriken, demonstrieren in Temeswar gegen die Diktatur. Der Platz zwischen der Oper und Kathedrale füllt sich ab 14 Uhr mit Menschen, die aus den Nationalfahnen die Parteizeichen herausgeschnitten haben. Vom Balkon der Oper werden Reden gehalten (die installierten Mikrofone und Lautsprecher waren für eine prokommunistische Kundgebung vorgesehen). Der erste Redner, Ioan Chiș, prägt den Spruch: Endlich ist die Mămăligă explodiert. Die Menge ruft enthusiasmiert: "Libertate", „Azi în Timişoara, mâine-n toată ţara!” (Heute in Temeswar, morgen im ganzen Land),

Eine große Zahl begibt sich zum Consiliul Județean, wo der Premierminister Constantin Dăscălescu  sich aufhält. Eine Abordnung von Revolutionären (Ioan Savu, Corneliu Vaida, Sorin Oprea, Marcu, Boloșoiu, Hanus Sandu, Petrișor u.a.) führt einen Dialog mit dem Premierminister in dem Gebäude und fordert Rückzug der Armee, genaue Aufklärung über die Schießbefehle und die Zahl der Toten, Freilassung der Verhafteten, freie Wahlen, privates Unternehmertum, freie Presse. Die Befreiung der 980 Verhafteten und der Rückzug der Armee in die Kasernen wird erreicht. Vereinzelt werden Verbrüderungen mit der Armee beobachtet.

In der Stadt Lugoj im Banat finden ebenfalls Demonstrationen statt. Es ist die erste Stadt, die dem Beispiel von Temeswar folgt. Zwei junge Protestierer werden gegen 20.00 Uhr aus einer Armeekaserne heraus erschossen, die Parteizentrale geht in Flammen auf, zahlreiche Fensterscheiben von Geschäften werden eingeschlagen.

Um 19 Uhr hält der aus dem Iran zurückgekehrte Ceaușescu eine Rede im Fernsehen, in der er die Vorgänge und die "reaktionären, hooliganistischen, terroristischen Elemente" verurteilt. Der Ausnahmezustand wird über Temeswar verhängt. Aus seiner Heimatregion Oltenien (Craiova) sendet Ceaușescu Arbeiter als Nationalmilizen nach Temeswar, um gegen die Demonstranten vorzugehen. Sie solidarisieren sich aber mit den Aufständischen und verbreiten nach ihrer Rückkehr die Nachrichten über den Aufstand.

Auf dem Platz vor der Oper in Temeswar bleiben etwa 60 Menschen über Nacht.

 

Donnerstag, 21. Dezember 1989

 

 

 

Auf dem Balkon der Oper in Temeswar verliest Lorin Fortuna morgens eine Proklamation, die einen neu konstituierten Frontul Democratic Român vorstellt und Temeswar zur ersten kommunismusfreien Stadt (oraș liber de comunism) Rumäniens erklärt. 

 

In Arad gehen ab 8.30 Uhr die ArbeiterInnen zahlreicher Betriebe auf die Straße und marschieren in Richtung des zentralen Platzes, wo sich das Parteibüro befindet. Um 12.30 Uhr verspricht die Kreissekretärin der Partei, Elena Pugna, ähnlich wie Ceaușescu in Bukarest, eine Erhöhung der Löhne und der Kinderzulagen, wird aber ausgepfiffen. Am Abend wird unter den Demonstranten nach dem Temeswarer Vorbild ein Komitee mit der Bezeichnung Frontul Democratic Român gebildet mit dem Schauspieler Valentin Voicilă als führendem Mitglied. Der um das Parteigebäude postierte, mit Kriegsmunition bewaffnete Kordon aus Miliz und Militär findet keinen Anlass zum Eingreifen.

In Cluj wird hingegen auf dem zentralen Platz ohne Anlass von der Armee auf Befehl lokaler Offiziere in die Menge geschossen, 26 Menschen sterben, 79 werden verletzt.

In Târgu Mureș/Marosvásárhely wehren sich Arbeiter in den Fabriken gegen die von Ceaușescu vorgeschriebene Interpretation der Ereignisse in Temeswar. Der Parteisekretär der Stadt  wird in der Firma IMATEX  gezwungen, ein Protestschreiben an den Staatschef abzusenden. Nach konfrontationsreichen, vor allem von Arbeitern aus den Fabriken begonnenen Demonstrationen werden am Abend gegen 21.20 Uhr auf dem zentralen Platz 6 Menschen erschossen, 21 durch Kugeln verletzt, zahlreiche verhaftet und misshandelt.

In Sibiu/Hermannstadt/Nagyvaros wird eine kleine Demonstration von Arbeitern aus der Firma Balana gegen 8.30 Uhr aufgelöst. Kurze Zeit später finden sich zahlreiche Protestierer auf den Straßen, marschieren ins Zentrum, wo sie Bilder und Bücher von Ceaușescu aus Buchhandlungen verbrennen. Ab 10.00 Uhr beginnen auf Anordnung von Kreisparteisekretär Nicu Ceaușescu, Sohn von Nicolae Ceaușescu, Armeeschüler gegen die Protestierer vorzugehen.  Sie eröffnen das Feuer und töten 1 Demonstranten, 4 werden verletzt. Daraufhin strömen Tausende in verschiedenen Teilen der Stadt auf die Straßen.

In Bukarest hält Ceaușescu um 12 Uhr eine von TV România übertragene Rede vom Balkon des ZK vor etwa 100000 eilig herbei transportierten Unterstützern der Partei. Während der Rede entsteht Unruhe in der Masse, es sind Knallgeräusche zu hören, es entsteht Bewegung in der Menge. Die TV-Übertragung wird mehrmals unterbrochen, als die Rufe "Timioșara" für kurze Zeit deutlicher durchdringen. Der Conducător reagiert zunächst verunsichert und fahrig, seine Ehefrau Elena neben ihm gibt Anweisungen - die Übertragung wird bald abgebrochen. Ceaușescu kann die Rede allerdings beenden, in der er vor allem finanzielle Versprechungen für Arbeiter, Mütter und Pensionäre macht. Die Ereignisse von Temeswar nennt er einen Angriff auf Unabhängigkeit, Integrität und Souveränität Rumäniens und erinnert an die Situation von 1968, als Rumänien nicht am Einmarsch in die CSSR teilnahm. In der Stadt finden Kämpfe zwischen Ordnungskräften und Demonstranten statt, vor allem an der nahe gelegenen Piaţa Universităţii, die ein erstes Todesopfer fordern. Abends wird dort vor dem Hotel Intercontinental eine Barrikade errichtet. Scharfschützen schießen von den Dächern auf die Demonstranten. In der Nacht sterben hier 49 Aufständische, 500 werden verletzt, Tausende verhaftet.


Cluj                                                                                                                   

Foto: Răzvan Rotta (https://ro.wikibooks.org/wiki/Revolu%C

8%9Bia_Rom%C3%A2n%C4%83_de_la_Cluj_%C3%AEn_imagini)

Freitag, 22. Dezember 1989

 

In Bukarest findet im Gebäude des Zentralkomitees dessen letzte Sitzung statt.

 

9.55 Uhr Nachrichtensprecher George Marinescu verliest im TVR die Verkündigung des Ausnahmezustandes (starea de necesitate) über das ganze Land. Jede öffentliche Gruppenbildung von mehr als 5 Personen ist verboten.

In der gleichen Nachrichtensendung teilt der Sprecher mit, dass Verteidigungsminister General Vasile Milea Selbstmord begangen habe. Milea hatte den Schießbefehl Ceaușescus weitergegeben, blieb aber nicht konsequent bei dieser Haltung. In den Nachrichten wird Milea als "Verräter" bezeichnet, der Gerüchte und Lügen in die Welt gesetzt und mit den "imperialistischen Kreisen" die Aufstände verursacht habe. Während der Nachrichten bewegen sich wie am Vortag große Demonstrationszüge in Bukarest von der Piața Universității Richtung Boulevard Brătianu und Magheru. Hier ist auch Maschinengewehrfeuer zu hören.

 

11.00 Nach einiger Zeit gelingt es, den DemonstrantInnen, den Platz vor dem ZK zu erreichen und in das Gebäude einzudringen.

 

11.50 Das TV-Gebäude ist von Protestierern besetzt, das Fernsehen in Televiziunea Română Liberă (TVRL, Freies rumänisches Fernsehen) umbenannt.

 

12.09 Uhr Nicolae und Elena Ceaușescu fliehen mit einem Hubschrauber vom Dach des ZK-Gebäudes, während sich der Platz mit einer unübersehbaren und enthusiastischen Menschenmenge füllt.

 

Petre Roman spricht vom Balkon des ZK-Gebäudes zur Menge und erklärt den Sieg der Revolution.

 

12.55 Im TVRL verkündet Mircea Dinescu aus einer Gruppe von Aktivisten  - darunter der Regisseur Sergei Nicolaescu und der Schauspieler Ion Caramitru - in die Live-Kameras: "Am invins! Am invins!" (Wir haben gesiegt.)

General Chițac ruft aus dem Studio die Armee zur Unterstützung der Aufständischen auf.


 

9.00 In Sibiu beginnen Demonstrationen in Richtung Piața Mare und zur Casa de cultură a sindecatelor (Gewerkschaftskulturhaus), wo sich etwa 30000 Menschen versammeln. Unter ihnen konstituiert sich das Demokratische Forum des Kreises Sibiu.

 

12.00 Aufständische belagern den Sitz der Miliz auf der strada Armata Roșie, Ecke strada Moscovei. Diese hängt ein Transparent an das Gebäude, mit dem Text: "Noi, miliţia, slujim interesele poporului. Suntem cu voi! Fără violenţă! Organizaţi-vă pentru dialog!" (Wir, die Miliz, arbeiten im Interesse das Volkes. Wir sind mit euch. Ohne Gewalt! Organisiert euch für den Dialog.) Die Demonstranten gelangen in das Gebäude, die Miliz flieht zur auf der gleichen Straße benachbarten Armee, von wo aus auf die Milizionäre geschossen wird und 19 sterben. Auf die Menge vor der Casa de Cultură wird ebenfalls geschossen, die in Panik flieht.

 

12.30 Nach der Flucht der Ceaușescus kommt es in Sibiu zu weiteren Schießereien zwischen Armee, Securitate und "Terroristen", die über 43 Tote fordern, unter ihnen auch Zivilisten und Demonstranten. Der Sitz der Securitate in Sibiu in unmittelbarer Nachbarschaft zur Armee wird 4 Stunden lang mit unterschiedlichen Waffen angegriffen, bis das Gebäude weitgehend zerstört ist. Hauptverantwortlicher für das Verhalten der Armee ist Leutnant Aurel Dragomir, der dem Kreisparteivorsitzenden Nicu  Ceaușescu, Sohn des geflohenen Diktators, nahesteht.

Unentdeckte Scharfschützen belegen immer wieder Straßen mit Gewehrfeuer. Die Armee setzt auch Panzer und Geschütze gegen bestimmte Gebäude ein, die völlig zerstört werden.

Zudem hält sie mehr als 500 Personen in einer Sporthalle und einem leeren Schwimmbad fest, die als "Terroristen" bezeichnet werden. Es kommt bei dieser bis in den Januar dauernden Freiheitsberaubung zu Mißhandlungen  und Verletzungen.

Zum blutigen Chaos in Sibiu tragen auch die während der Dauersendung des TVRL in Bukarest verbreiteten Gerüchte wie, dass das Wasser in Sibiu vergiftet sei, ebenso bei, wie die Suggestion einer von der Securitate angegriffenen Armee, die es zu verteidigen gelte. Mehrere Generäle fordern im TV ihre Kollegen auf, das "Gemetzel" zu beenden.

 

Sibiu, Casa de Cultură a Sindecatelor

 

12.00 In Temeswar werden auf dem Armenfriedhof die Gräber von vorgeblichen Opfern der Ceaușescu-Herrschaft und der Niederschlagung der Revolution geöffnet. Durch die wieder geöffneten Grenzen kann im Ausland der Eindruck erweckt werden, dass die Kämpfe in Temeswar mehrere Tausend Tote forderten. Falschnachrichten, die ihren Weg wieder zurück nach Rumänien finden.

Im besetzten TVRL in Bukarest treten aufgeregte Redner mit Appellen, Informationen, politischen Statements, praktischen Vorschlägen auf. Petre Roman, Silviu Brucan, Mircea Dinescu, Ion Caramitru, mehrere Generäle, Priester, u.a. wirken bis in den Abend auf die Zuschauer ein, der Nachrichtensprecher Marinescu liest nun die Kommuniqués der Revolutionäre in die Kameras.

 

17.00 Nach einem Treffen mit den wichtigsten Militärs hält der frühere Minister für Jugend, Ion Iliescu, eine Rede vom Balkon des früheren ZK-Gebäudes in der er die Armee zur einzigen Ordnungskraft erklärt. Einige Zeit danach beginnen auf dem Platz Schüsse zu fallen.

 

Es bestätigen sich Nachrichten, dass das Ehepaar Ceaușescu in einer Dacia bei Târgoviște gefasst worden sei und in einer Armeeeinheit gefangen gehalten werde.

 

22.00 Im TVRL in Bukarest wird der gefangengenommene Sohn Nicu Ceaușescu, Parteichef von Sibiu, präsentiert.

 

23.00  Iliescu verliest im TVRL das Manifest des Frontul Național de Salvare, der von der Armee unterstützt werde und alle "gesunden Kräfte" des Landes umfasse. Alle Organisationen der Regierung des Ceaușescu-Clans seien aufgelöst, freie Wahlen für den April 1990 vorgesehen.

 

Am Abend und in der Nacht auf den 23. Dezember lassen die Attacken auf die Universitätsibliothek und den nun als Nationalmuseum funktionierenden früheren Königspalast nicht nach. Beide Gebäude geraten nach Beschuss durch Panzer in Brand, eine große Zahl wertvoller Gemälde, Tapisserien, Bücher, Handschriften, wird zerstört.

 

Samstag, 23. Dezember 1989

 

0.00 In Târgoviște wird die Militäreinheit 01714 angegriffen, in der Nicolae und Elena Ceaușescu gefangen gehalten werden.

 

In der Nacht brechen in den größeren Städten wie Temeswar, Cluj, Sibiu, Brașov und Bukarest Schießereien aus, deren Ursachen nicht genau auszumachen sind. Allgemein wird von "Terroristen" als Angreifern gesprochen, die skrupellos und ohne erkennbares Motiv auf Zivilisten, Soldaten Securitate, Miliz, in Häuser, Wohnblocks, Krankenhäuser schießen. Bewaffnete und wenig  informierte Zivilisten beteiligen sich an den Kämpfen. In Brașov sterben in dieser Nacht 39 Menschen, nachdem die Armee - wie in Sibiu - gegen Vorlage des Personalausweises Waffen an Zivilisten ausgegeben hat. In der Banater Industriestadt Reșița, in der bis dahin die Demonstrationen keine Auseinandersetzungen mit den Ordnungskräften verursacht hatten, beginnen in der Nacht ebenfalls tagelange Gefechte, in deren Verlauf 25 Menschen sterben.

 

6.30 Bukarest: In 3 Autobussen werden Gendarmen, Armeeschüler und Wehrdienstleistende zum Flughafen Otopeni transportiert, um eventuelle Terrorattacken abzuwehren. Bei ihrer Ankunft werden sie noch in den Bussen aus verschiedenen Richtungen beschossen. In 10 Minuten sterben 22 Insassen, weitere Gefechte  fordern am Flughafen das Leben von 15 Menschen. Zunächst wird als Ursache eine mangelhafte Kommunikation zwischen Armee und den Gendarmen vermutet, später eine gezielt geschürte Hysterie wegen möglicher "Terroristen".

 

Die Kämpfe um das Nationalmuseum und die Bibliothek halten an. Beide Gebäude stehen in Flammen, während sich auf den Straßen die Menschen hinter Panzern verschanzen.

 

In Sibiu wird weiterhin geschossen: Es herrscht Verwirrung, Chaos, Gerüchte unterschiedlichster Art machen die Runde. Aus den Dachfenstern (den "Augen von Hermannstadt") schießen Unbekannte, es wird wahllos zurückgeschossen, Panzer zerstören Gebäude, in denen "Terroristen" vermutet werden, Helikopter jagen Menschen, Zivilisten werden von Scharfschützen auf der Straße erschossen, die mit Geschosshülsen übersät sind (nach  einer plausiblen Schätzung wurden in den Tagen der Revolution in Sibiu über 2 Millionen Patronen benutzt).

 

In weiteren Städten kommt es zu weniger gewalttätigen Demonstrationen und Versammlungen.

 

23.30 Uhr  Gegenüber dem Sitz des Verteidigungsministeriums in Bukarest an der Straße Drumul Taberei sind Panzer zur Verteidigung aufgestellt. Auf Befehl des reaktivierten Generals Nicolai Militaru herbeigerufene leicht gepanzerte Fahrzeuge der U.S.L.A (Unitatea Specială de Luptă Antiteroristă) werden zu "Terroristen" erklärt und zusammengeschossen. Die 8 Toten (unter ihnen lt. col. Gheorghe Trosca, von dem es heißt, er sei an der Enttarnung von Militaru als Agent des KGB beteiligt gewesen) bleiben tagelang auf der Straße liegen, der abgetrennte Kopf von Trosca auf der Motorhaube eines Fahrzeugs ausgestellt. Die Zeitung România Liberă erklärt die Toten zu "Söldnern". Militaru wird zwei Tage später von Iliescu in der von Petre Roman geleiteten ersten postrevolutionären Regierung zum Verteidigungsminister erklärt.

 

Sonntag, 24. Dezember 1989

 

Der Consiliul Frontului Salvării Naționale und ein Comandamentul Militar Unic  teilen über TVRL und Radio mit, dass "aus militärischer Sicht die Situation in der Hauptstadt und den Kreisen des Landes sich unter Kontrolle befindet. Zu dieser Stunde führen unsere Armee, Einheiten der Miliz und des Inneren Operationen zur raschen Lösung der Probleme, die noch bestehen aus, um die Nester der Terroristen zu neutralisieren."

An einzelnen Punkten in den großen Städten wird noch geschossen, zugleich finden bereits Aufräumarbeiten statt.

 

                                                                                        Foto: www.kultro.de

 

Montag, 25. Dezember 1989

 

13.20 In der Garnison Târgoviște findet ein außerordentlicher Militärprozess gegen das Ehepaar Ceaușescu statt. Aus Bukarest sind auf Betreiben des Frontul Salvării Naționale (FSN) in mehreren Helikoptern ein Militärstaatsanwalt, Richter, Verteidiger, Schriftführer, Schöffen angereist. Die Anklage gegen Nicolae und Elena Ceaușescu lautet auf Genozid, gewaltsame Zerstörung kommunaler Einrichtungen und Gebäude während der Revolution, Zerstörung der Ökonomie, Deponierung von mehreren Hundert Millionen Dollar auf ausländischen Konten zur Fluchtvorbereitung. Ceaușescu erkennt das "tribunal poporului" (Volksgericht) nicht an.

Das Urteil lautet auf die Todesstrafe durch Erschießen und wird um 14.50 Uhr vollstreckt.

 

In den nächsten Stunden und Tagen lassen die Kämpfe in den Städten allmählich nach.

 

Vom 15. Dezember 1989 bis zum 22. Dezember wurden durch die Repression in Rumänien 271 Menschen getötet, vom Nachmittag des 22. Dezember (Flucht Ceaușescus) bis zum 25. Dezember (Hinrichtung) 715, nach dem 25. Dezember 113 (bei 67 Opfern konnte das genaue Todesdatum nicht festgestellt werden). Insgesamt 1166 Tote.

 

 

*

29 Jahre nach den Ereignissen erhob auf Basis eines Urteils des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte das höchste rumänische Gericht Anklage gegen den früheren Staatspräsidenten Ion Iliescu und 3 weitere Beschuldigte wegen ihrer Rolle bei den Kämpfen gegen "Terroristen" nach dem 22. Dezember 1989.


Karlspreis an rumänischen Präsidenten

 

Der rumänische Staatspräsident Klaus Johannis erhält den Internationalen Karlspreis zu Aachen für das Jahr 2020. Wie das Direktorium bekannt gab, werde Johannis der Preis als herausragendem Streiter "für die europäischen Werte, für Freiheit und Demokratie, den Schutz von Minderheiten und kulturelle Vielfalt“ und für seinen Einsatz für Rechtstaatlichkeit und die Unabhängigkeit der Justiz verliehen. Diesjähriger Preisträger ist UN-Generalsekretär Guterres, zu den bisher Ausgezeichneten gehören u.a. Konrad Adenauer, Winston Churchill, Papst Johannes Paul II., Angela Merkel, Bill Clinton, Jean-Claude Juncker, Simone Veil, Königin Beatrix, Javier Solana, Timothy Garton Ash, Juan Carlos v. Spanien, Václav Havel. Die Preisübergabe findet am 21. Mai 2020 im Krönungssaal des Aachener Rathauses statt.



Rumänien im Sommer (III)

 

Medien und Behörden

 

 

 

 

 

Craiova

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In diesem Sommer kannte die rumänische Presse kein "Sommerloch" - dafür sorgte nicht nur die Politik, sondern auch aufsehenerregende Vorfälle beschäftigten die Öffentlichkeit. Zunächst war es ein Fall von Adoption, der die Gemüter landesweit in Aufwallung brachte. Im Fall von Sorina , einem 8-jährigen Mädchen, begann alles am 21. Juni, als Bilder einer das schreiende und weinende Kind am Arm zerrenden Frau auftauchten, während im Hintergrund die "mascați", die üblicherweise maskiert auftretenden Polizisten der Brigada de intervenție dabei zusahen. Das Kind wurde von seinen Pflegeeltern in Baia de Aramă (Kreis Mehedinți) in Oltenien abgeholt, um zu seinen Adoptiveltern in Craiova gebracht zu werden. Die Frau auf den Bildern mit dem schreienden und sich wehrenden Kind war eine Staatsanwältin. Freunde der Pflegeeltern hatten die Szene mit dem Smartphone gefilmt und über soziale Netze verbreitet, so dass sie in kürzester Zeit auch die Redaktionen der Presse und vor allem der privaten Sender wie antena 3, B1tv, realitatea erreichten. Von dort wurden wie üblich umgehend "meinungsstarke", d.h. in diesem Fall Vorurteile bekräftigende und Emotionen aufrührende Berichte gesendet, die den Adoptiveltern alles vorwarfen, was die Bilder scheinbar belegten: Herzlosigkeit, Unmenschlichkeit, Verachtung der Pflegeeltern, bei denen das Kind 7 Jahre gelebt hatte. Hinzu kam, dass die Adoptiveltern in den USA wohnen und somit sich mehr oder minder unterschwellig noch ein Affekt gegen die ausgewanderten Rumänen einschlich, während die Pflegeeltern als de la noi (von uns) positioniert wurden. Einen Tag später demonstrierten bereits etwa 100 Menschen vor dem Haus der Pflegeeltern "für Sorina" und später vor dem Berufungsgericht in Craiova gegen ihre Adoption. Sie trugen Schilder mit den Losungen "Zerstört nicht das Glück eines Kindes", "Vereint euch für Sorina", "Lasst Sorina entscheiden" ( das rumänische Gesetz sieht eine Mitwirkung des Kindes erst ab 10 Jahren vor). PolitikerInnen wurden zum Eingreifen aufgerufen, Premierministerin Dăncilă - selbst Adoptivmutter eines Jungen, wie sie in einem Interview mit antena 3 im Januar des Jahres offengelegt hatte - sprach sich für eine Berücksichtigung des Kindeswohls und die Bestrafung der falsch handelnden Institutionen aus. Auch die Justiz wurde aktiv, Generalstaatsanwalt Bogdan Licu verlangte, die Ausreise der minderjährigen Adoptierten zu unterbinden, da sie keinen Pass habe und verhinderte so für zwei Wochen die Ausreise, bis das Gericht in Craiova entschied, dass die Adoption rechtens sei. So konnte die Familie Mitte Juli in die USA ausreisen.

Die Vorgeschichte dieser Adoption ist kompliziert und zog sich über 2 Jahre hin. Die Zeitung Adevărul  listete auf, welche juristischen und Verwaltungsschritte seit Sorinas Ankunft 2012 mit anderthalb Jahren in der Pflegefamilie unternommen worden waren. Nachdem sie für adoptibilă (adoptionsfähig) erklärt worden war, hatten über 100 Familien Sorinas abgelehnt (wohl vor allem, weil sie ursprünglich aus einer Roma-Familie kommt). Dadurch wurde sie als "schwer vermittelbar" auch für im Ausland lebende rumänische Familien adoptierbar. (Das Gesetz sieht für internationale Adoptionen nur Rumänen mit doppelter Staatsbürgerschaft vor!) Anfang 2018 beantragte die Familie aus den USA die Adoption, während die Pflegefamilie in Baia de Aramă, die noch andere Pflegekinder aufzieht, dies nicht tat und  zu einem bestimmten Zeitpunkt ausdrücklich auf die Adoption verzichtete. Sie hatte bei der DIICOT (Direcția de Investigare a Infracțiunilor de Criminalitate Organizată și Terorism - Sonderstaatsanwaltschaft für die Untersuchung von Verbrechen der organisierten Kriminalität und Terrorismus) geklagt, dass die Adoptivfamilie das Kind lediglich zur Organentnahme haben wolle. Im April 2019 entschied das Berufungsgericht in Craiova endgültig, dass die Adoption durch das rumänische Ehepaar in den USA rechtens sei. Die Behörden zeigten eher weniger  Entschlusskraft, bis im Juni die Staatsanwältin das Kind zu einer Untersuchung abholte.

Im Nachhinein gesehen warf der Fall ein Schlaglicht auf die nicht wenigen Kinder, die nach der Geburt in das System staatlicher Obhut geraten. Die katholische Theologin Gabriela Blebea Nicolae verwies in der Zeitschrift Dilema veche auf die noch viel schlechtere Lage der Kinder, die nicht wie Sorina adoptiert werden und mit der Volljährigkeit kaum Chancen auf ein selbstbestimmtes Leben außerhalb des staatlichen Betreuungssystems haben.

Advărul berichtete im September noch einmal über Sorina, als der Vater aus den USA verlauten ließ, dass es dem Mädchen gut gehe, es sich mit seinen Geschwistern gut vertrage, Klavier lerne und zum Ballett gehe.

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Begann sich Mitte Juli die Öffentlichkeit nach der Abreise des adoptierten Kindes in die USA von dem Fall allmählich abzuwenden, so sollte das Verschwinden zweier Jugendlicher ebenfalls in Oltenien für eine bis heute anhaltende Aufregung in der Öffentlichkeit sorgen und viele an den Brand in dem Club Colectiv erinnern, in dessen Folge eine ganze politische Protestbewegung gegen die Korruption entstanden war.

Am 25. Juli gab die Familie von Alexandra Măceșanu über soziale Netzwerke ihre Suche nach der Jugendlichen bekannt, die am Tag zuvor morgens von ihrer Heimatgemeinde Dobrosloveni die wenigen Kilometer in die Kreisstadt Caracal per Anhalter gefahren war. Seither hatte sie niemand mehr gesehen oder kontaktieren können. Auch die Lokalpolizei suchte bereits nach der Jugendlichen und teilte dies in den sozialen Netzwerken mit. Was aber wenige Stunden später bekannt wurde, sollte den Fall zu einem weiteren Beweis für die fatalen Folgen rumänischen Behördenversagens machen. Denn während die lokale Polizei erst allmählich tätig wurde, erhielt die Mutter der Jugendlichen einen Anruf, in dem eine männliche Stimme mitteilte, dass Alexandra mit einem Freund nach England gefahren sei, um Geld zu verdienen und es ihr gut gehe. Dass dies nicht zutraf, wurde im Nachhinein klar, weil es am gleichen 25. Juli von 11:05 Uhr an drei Anrufe von Alexandra bei der Polizei unter der Notfallnummer 112 gab, in denen sie sagte, dass sie von einem Mann entführt und vergewaltigt wurde und in einem Haus gefangen sei. Der veröffentlichte Mitschnitt der Telefonate macht deutlich, dass die Jugendliche verzweifelt und voller Angst auf die Gefahr aufmerksam machen wollte, in der sie schwebt, während die jeweiligen Polizisten ihr nicht zu glauben schienen bzw. nicht in der Lage waren, von Alexandra die nötigen Informationen zu erhalten, um sie zu finden oder die Anrufe an die Stelle weiterzuleiten, die mit dem Verschwinden eines Mädchens aus Dobrosloveni sich befassten. Auch dem STS (Serviciul de Telecomunicaţii Speciale) gelang es nicht, anhand der Anrufdaten genau den Aufenthaltsort zu bestimmen. Die letzten Worte des Mädchens sind "vine, vine, criminalul" (er kommt, er kommt, der Verbrecher). Diese sprach sie, als sie von der Polizei auf dem Telefon zurückgerufen wurde. Mittlerweile wird davon ausgegangen, dass der Täter wenig später die Jugendliche tötete und in einer Metalltonne verbrannte.

Der Polizei gelang es erst gegen 2:30 Uhr am nächsten Morgen, den Aufenthaltsort von Alexandra herauszufinden, allerdings wartete sie bis 6:00 Uhr, um das Gelände des Gheorghe Dincă zu betreten, da dann erst ein Staatsanwalt die Erlaubnis erteilte. Dincă wurde auf dem Gelände angetroffen und stundenlang vernommen (offensichtlich unter Gebrauch von körperlicher Gewalt), wobei er zunächst die Tat leugnete.

Mittlerweile hatte ein Beamter der DIICOT im Zusammenhang mit dem Geschehen auch den Fall der bereits im April aus dem nahe bei Caracal liegenden Dorf Radomir, Gemeinde Dioști im Nachbarkreis Dolj verschwundenen 18-jährigen Mihaela Luiza Melencu aufgebracht und Dincă hierzu befragt. Die Schülerin war ebenfalls auf dem Weg nach Caracal verschwunden, wo sie Geld an einem Bankautomaten abheben wollte, das ihre in England arbeitende Mutter geschickt hatte. Melencu lebte bei ihren Großeltern und ging in Craiova auf die Schule. Nachdem sie nicht von ihrer Fahrt per Anhalter zurückkehrte, wandten sich die Großeltern an die Polizei, die diesen Fall sehr zögerlich behandelte. Auch in diesem Fall gab es einen Anruf, bei dem ein Mann erklärte, dass die junge Frau mit einem Freund in die Schweiz gegangen sei und es ihr gut gehe.

Als am 26. Juni diese Nachrichten bekannt werden, geht eine Welle der Empörung nicht nur durch die lokale Bevölkerung des Kreises Olt. Über das Internet und das Fernsehen verbreiten sich die aktuellen Informationen, es kommt nicht nur in Caracal zu spontanen Demonstrationen mit Hunderten von Beteiligten. Alexandra victimă voastră eroina noastră (A. euer Opfer, unsere Heldin), Alexandra a sunat, nimeni nu a acționat (A. hat angerufen, niemand hat gehandelt), Vrem dreptate (Wir wollen Gerechtigkeit), Iartă-ne Alexandra (Verzeihe uns, A.), Corupția ucide (Korruption tötet), Rușine (Schande) lässt sich auf den selbst gebastelten Plakaten und Bannern lesen. Vor dem Anwesen des vermutlichen Täters versammelt sich eine Menge, die Polizei und Justiz ausbuht und Lärm macht, als der Verdächtige abtransportiert wird.

In Fahrt gekommen, setzt der Skandal nicht nur ungehemmte Verdächtigungen, Spekulationen, Vorwürfe frei, sondern veranlasst die Entlassung sowohl des höchsten Polizisten des Landes wie auch einiger weiterer unmittelbar Beteiligter Polizisten wie auch aus der STS. Ohne Unterlass beschäftigen die Hintergründe und Versäumnisse der Institutionen sowohl Presse als auch das Internet. Befördert wird dies durch die weitreichende Untersuchung des Geländes, auf dem der Verhaftete die beiden Frauen nach eigener Aussage ermordet hat und möglicherweise noch weitere grausige Funde gemacht werden. In jahrelanger Tätigkeit hatte der 66-jährige Dincă ein unübersichtliches Labyrinth von Aufbauten, Kellern, Zimmern mit einem überwucherten Hof an einer Ausfallstraße von Caracal geschaffen. Dincă lebte von Klempnerarbeiten, illegalen Taxifahrten, Kleinhandel. Aufnahmen von Überwachungskameras zeigen ihn an jenem Morgen, als er die Jugendliche Alexandra gekidnappt hatte. Auf dem Gelände gefundene Knochen erwiesen sich als die Alexandras, andere außerhalb in einem Wald gefundene sind die einer 15-20-Jährigen, vermutlich die Luizas.

Die Ermittlungen finden statt in einer Atmosphäre des Misstrauens, da viele jetzt von einer bisher tabuisierten Existenz von kriminellen Clans mit sehr guten Verbindungen zu Polizei und Politik in den vernachlässigten Städten Südrumäniens sprechen. Caracal sei eines der Zentren des Menschenhandels in Südrumänien, in dem junge Frauen zur Prostitution in Europa gezwungen werden.


Rumänien im Sommer (II)

 

China ist da

 

 

 

 

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In der Stadt Piatra-Neamț am östlichen Karpatenrand hat die Neuzeit der Transition durchaus Einzug gehalten. Davon künden äußerlich eine riesige Carrefour-Mall, zwei große renovierte Hotelhochhäuser, eine Reihe von Einkaufsmöglichkeiten, ein zu aufdringlicher Autoverkehr mit fast nur neuen ausländischen Wagen, erneuerte Trottoirs, renovierte oder neu erbaute Villen in blühenden Vorgärten, ein blinkendes neues Fußballstadion, zahlreiche neu gebaute große Kirchen und manch anderes mehr.

Jenseits dieser ins Auge fallenden Neuerungen sind allerdings die Überbleibsel der Vergangenheit ebenso nicht zu übersehen. Im Stadtteil Dărmănești steht noch, was früher Orion hieß, eine nicht übermäßig große Betonburg als Einkaufscenter mit unterschiedlichen Geschäften und Dienstleistungen. Es führt uns die Suche nach einer Lego-Transformers-Figur in das Gebäude, das auch einen chinesischen Laden beherbergen soll. Es zeigt sich, dass das komplette Obergeschoss Verkaufslokal chinesischer Waren ist - günstige (oder billige) Jacken, Kleider, Spielzeug, Haushaltswaren, die zumeist aus Plastikkunststoff hergestellt sind. Geleitet wird der Laden offensichtlich von einem Asiaten und auch eine Verkäuferin scheint asiatischer Herkunft. Bei der Präsenz chinesischer Billigwaren weltweit ist daran sicher nichts Ungewöhnliches festzustellen. Überraschend wird es aber, wenn man dann an der gleichen Straße etwas stadteinwärts ein noch größeres Geschäft in einem neuen Betongebäude neben dem großen Kaufland-Einkaufszentrum findet. In dem ungelüfteten riesigen Raum riecht es penetrant nach Plastik, das Angebot ist von gehobenerer Qualität mit viel Kinderspielzeug. Und wirklich überrascht ist man dann beim Besuch eines weiteren Betonkomplexes gegenüber des alten Historischen Museums im Zentrum der Stadt, der ebenfalls bessere Tage gesehen zu haben scheint. Im obersten Stock neben einem Club findet sich ein chinesisches Geschäft, vor allem mit Sommerkleidung und Sportgeräten. Aber hatten wir nicht noch an einer zentralen Straße neben dem zentralsten Einkaufszentrum am Hotel Plaza  ein chinesisches Geschäft gesehen? Auch in diesem am sichtbarsten plazierten Magazin chinezesc finden sich all die Dinge, von denen man bisher nur vermutete, dass sie in China hergestellt wurden. Jetzt macht ein Blick im Geschäft klar, dass dies auch der Fall ist. Und die Krönung stellt die Verwunderung über einen kleinen Laden im Orion dar, dessen gehobene Ausstattung mit Kleidung und Spielzeug ihn erst auf den zweiten Blick als chinesische Verkaufsstelle entpuppt. Ganz anders ist hier die Präsentation der Einzelstücke, qualitativ heben sich die Kleidungsstücke von den bisher gesehenen chinesischen Waren ab und fallen gegenüber denen in nichtchinesischen Läden kaum auf. Die gesuchte Transformers-Figur findet sich leider nirgends.

Alle diese chinesischen Läden haben wegen ihrer unterschiedlichen Präsentation und Niveaus ihre Kundschaft, günstige Produkte finden für eine bestimmte Käuferschicht immer Kaufwillige. Dass diese Nachfrage in der rumänischen Provinz fast ausschließlich aus chinesischer Herkunft gedeckt wird, macht deutlich, wie sehr das Modell des fernöstlichen kommunistischen Staates mit der ultrakapitalistischen Wirtschaft bereits die ausufernden Basare der Nachwendezeit Osteuropas (von denen es auch einen am Rande der Stadt gibt) verlassen und sich nun auf die nicht nur unteren Preissegmente fast aller Waren des täglichen Bedarfs ausgebreitet hat. Piatra-Neamț hat jedenfalls mindestens 5 große solcher chinesischer Verkaufsstellen vorzuweisen - und man braucht nicht viel Phantasie für die Annahme, dass es in zahlreichen rumänischen Städten auf dem Land nicht sehr viel anders aussieht. Und auf dem Markt der Stadt mit seinen zahlreichen Ständen und Geschäften erwecken jetzt auch billige Plastikwaren unsere besondere Aufmerksamkeit.

 

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Neversea, Untold, Afterhills, Electric Castle - Markennamen im trendigen Englisch? In gewisser Weise schon. Aber nicht Gegenstände als Waren sind hier gemeint, sondern Dienstleistungen oder genauer künstlerische Darbietungen - es handelt sich um die Namen von Megamusikfestivals in Rumänien. Spätestens fünfzig Jahre nach Woodstock, der Mutter aller Rockfestivals, hat der internationale Markt für solche Veranstaltungen auch Rumänien entdeckt. Landesweit werben die Medien für UNTOLD und Electric Castle in Cluj (Klausenburg), die große Besucherzahlen in die Universitätsstadt im Norden Siebenbürgens anlocken. Electric Castle findet beim Banffy Schloss in Bonțida statt und hat seinen Namen wegen der eher an elektronischer Musik orientierten Ausrichtung. Hauptact waren Mitte Juli neben dem DJ Nils Frahm und rumänischen Musikern wie Subcarpați, der Heldin älterer Generationen Loredana, den Berlinern Zmei3 auf der zentralen Bühne Florence and the Machine und Thirty seconds to Mars, aber auch die Rockband Limp Bizkit aus den USA. Ihr Konzert war mit 50000 Fans ausverkauft, an den 5 Tagen waren etwa 200000 auf das Gelände mit 10 Bühnen einige Kilometer von Cluj entfernt gekommen, was natürlich ein riesiges Transportchaos verursachte. Ansonsten versucht dieses wie die anderen Festivals als "grün" rüberzukommen - von Lidl (!!) gesponsert wurde eine Eco-Bühne und ein Mülltrennungsverfahren.  Der Discounter festigt damit in Rumänien sein Image als Mittelklassesupermarkt. Ansonsten bot das Festival zahlreiche Möglichkeiten zu kreativen Aktivitäten.

Noch mehr Besucher zieht UNTOLD in Cluj an: Die Festivalorganisatoren nannten dieses Jahr 372000 Besucher an 4 Tagen zu dem im Zentrum der Stadt und vor allem im Fußballstadion auf 10 Abspielstätten (darunter ein Tramwaggon!) angesiedelten Musikereignis. Headliner waren in diesem fünften Jahr der Veranstaltung der Sänger Robbie Williams und die Star-DJs Paul Kalkbrenner, David GuettaArmin van Buuren, aber auch Alt-Rapper Busta Rhymes oder der rumänische Star Smiley. Eine spektakuläre Lightshow zum Finale ließ das Stadion aufblitzen und erglühen.

UNTOLD setzt bei seinem Vermarktungskonzept vor allem auch auf die Wirkung in die Stadt hinein, indem es aus dem Erlös sowohl den benutzten Park neu bepflanzt als auch Kinderspitäler und andere soziale Einrichtungen mit neuer Ausstattung versieht. 20% der BesucherInnen kommen aus Cluj, 20% aus dem Ausland, der Rest aus Rumänien, teilen die Veranstalter mit. Und lassen in der Stadt eine durchaus meßbare ökonomische Spur hinter sich. Im Ansturm der Massen von Zuschauern können luxuriöse Studentenwohnungen schon einmal für über 1000 Euro vermietet werden. Allerdings sieht sich das Festival wegen seiner Größe und der mitten in der Stadt in einem Park aufgebauten Bühnen auch kritischen Kommentaren gegenüber.

Am Meer in Constanța findet Neversea statt, nach eigener Einschätzung das "größte Strandfestival Europas". Hier dominieren am Stadtstrand unterhalb der Uferklippe Constanțas elektrische DJ-Musik bis in den späten Vormittag, sportliche Aktivitäten, Wasser, Sonne. Einige Bühnen sind auf dem Wasser installiert. Die Reihe der DJs ist endlos für die 4 Tage Unterhaltung, deren musikalische Darbietungen vor allem nachts durch permanente Light-und Lasershows sich ins Gedächtnis einschreiben. Unter den Acts sind Sean Paul, die junge rumänische Band The Motans, das Hip-Hop Urgestein Paraziții.

Noch nicht beendet ist das Afterhills Festival in Iași, das vor allem am Wochenende stattfindet. Es startete am 23. August auf 5 Bühnen und wird am 1. September enden. Am ersten Wochenende zog es 67000 Besucher an, als der Topact auf der Bühne stand - die englische Pop-Sängerin Rita Ora. In Dobrovăț bei Iași auf einem Wiesengelände zwischen den Hügeln finden unter der Woche vor allem  familienfreundlichere Formen der Unterhaltung statt, Kino, Comedy, Graffiti-Painting, Klettern, Tanzen und einige DJ-Acts. Das Festival im dritten Jahr ist das größte der Moldau. Am letzten Wochenende sind u.a. Morcheeba und Les Elephants Bizarres oder auch Subcarpați die Highlights.

Aber nicht nur diese Festivals fanden ihr zahlreiches Publikum: In Bukarest traten im neuen Nationalstadium die Alt-Rocker von Metallica und vor dem Parlamentspalast Bon Jovi vor jeweils mehreren Zehntausenden Fans auf - Open-Air allerorten.


Rumänien im Sommer (I)

 

 

Impressionen und Splitter

 

 

 

 

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Der globale Klimawandel hat (natürlich) auch Rumänien erfasst: Dauerregen, Überschwemmungen, Unwetter, Orkane, Temperaturrekorde und abrupte -stürze prägen das Wetter seit Wochen. Das frühere Kontinentalklima mit ziemlich  stabilem heißem Sommerwetter von Mai bis Oktober - höchstens unterbrochen von kurzen Unwettern - gehört der Vergangenheit an. Unberechenbar sind die Vorhersagen, dauernder Wechsel wo früher Stabilität den Sommer zu einer  unendlich wirkenden Jahreszeit machte. Immerhin lässt der Regen das Land grün erscheinen. Eine ganz neue Erfahrung: Die stundenlange Eisenbahnfahrt von Bukarest ins nur 350 Kilometer entfernte Piatra-Neamț am östlichen Karpatenrand führt nicht wie üblich durch eine verbrannte braun-schwarze Landschaft, sondern durch grüne Hügel und Ebenen.

Diese Veränderung ist natürlich auch im Land nicht unbemerkt geblieben. Ein Taxifahrer in Bukarest stellt fest: "Die Jahreszeiten sind zerstört!" Ein Fahrer in Piatra-Neamț glaubt, dass dies durch "die Raketen" verursacht worden sei. Auf die Entgegnung, dass vor allem die Industrie und der Autoverkehr die Atmosphäre zerstören, meint er sarkastisch: "Industrie haben wir nicht, da sind wir aus dem Schneider."

Das immer wieder wechselnde Wetter und der immer wieder auftretende Starkregen begleiten den Aufenthalt über Wochen hinweg.

Dass das Autofahren mit diesem Klimawandel direkt zu tun hat, setzt sich allmählich als Bewusstsein durch. Ganz erstaunt ist man, wenn man vom Taxifahrer in Bukarest hört: "Es gibt zu viele Autos in der Stadt!" Das ist nicht unbedingt auf die Umweltzerstörung gemünzt, aber dennoch ein vorher nie gehörtes Statement. In der Tageszeitung Adevărul weist ein Kolumnist auf die Situation in Bukarest hin, dessen Luft nach einer von der Stadt veröffentlichten Studie seit Jahren hoch verschmutzt und krebserregend sei. Als Konsequenz müssten eigentlich alle Autos mit Diesel Euro 3 und 4 verboten werden, wenn man die Hauptursache der Verschmutzung beseitigen möchte, wie es die EU verlangt.

Keine leichte Aufgabe, denn Autofahren (vor allem mit großen Protzautos) gilt schließlich in Rumänien weitgehend als sakrosankt. Entsprechend haben FahrradfahrerInnen und FußgängerInnen einen schweren Stand, wenn etwa die Trottoirs quer bis zur Hauswand zugeparkt werden. In den Dörfern wird das Tempolimit nur selten eingehalten, ausgebaute Straßen, die für FußgängerInnen nur schwer zu überqueren sind, teilen die Ortschaften in zwei Hälften. Das Rasen  mit den PS-starken ausländischen Wagen ist ein Volkssport vor allem jüngerer Männer, der immer wieder hohe "Opfer" produziert. Deren genaue Zahlen blieben bisher weitgehend im Dunkeln, jetzt schreibt die Zeitung Evenimentul zilei, dass Rumänien nach einer EU-Studie die höchsten Todeszahlen im Straßenverkehr habe: 96 Tote auf 1 Million Einwohner, während es in Großbritannien "nur" 28 sind. (Deutschland liegt auf dem 21. Platz (bzw. 8. Platz mit den wenigsten "Opfern")). Die Zeitung nennt als Ursache die schlechten Straßen (und wirbt so für den Bau von Autobahnen) und die Überschreitung der angemessenenen Geschwindigkeit. Letztere ist immer wieder zu beobachten, gepaart mit  unvorstellbaren Fahrmanövern. So bremst in einer Ortschaft in einer scharfen Rechtskurve der Fahrer eines regulär verkehrenden Minibusses nicht  hinter einem Pferdewagen, sondern überholt als gerade ein großer Lkw entgegenkommt - Verantwortungsbewusstsein à la roumaine. Ein anderer Minibusfahrer fängt irgendwann an, auf dem Handy zu tippen - nicht um zu telefonieren, sondern um Textnachrichten zu schreiben. Zu diesen selbst erlebten Fällen addieren die Medien die drastischen Nachrichten von Unfällen mit vielen Toten.

Lieblingsthema der Lokalpolitiker in der Moldau und Siebenbürgen hingegen ist der Bau von  Autobahnen. Während nach einigen schlechten Erfahrungen mit ausländischen Firmen viele Rumänen glauben, es gäbe überhaupt keine Autobahnen im Land und jede Verzögerung oder Schwierigkeit beim Bau in den Zeitungen als Bestätigung hierfür gilt, sind dennoch bereits nicht wenige Kilometer in die Landschaft gefräst worden. Allerdings nicht in der Moldau, deren Wirtschaft von der Politik in Bukarest dringend eine Verbindung über die Karpaten nach Târgu Mureș in Siebenbürgen verlangt. Das bisherige Scheitern dieser Forderung ist für die Moldauer ein weiterer Baustein für das Bild der Vernachlässigung der Moldau durch die Regierung in Bukarest, für die Rückständigkeit der Region, Anlass für die Verachtung der Politiker, etc. Bei dieser ökonomisch an steigender Produktivität und wachsendem Gewinn orientierten Forderung wird die daraus folgende Zerstörung der bisher weitgehend intakten Landschaft der Karpaten meist mit keinem Wort erwähnt.

Welche Folgen der motorisierte Individualverkehr haben kann, zeigt die Straße zwischen Târgu Neamț und Iași. Die Metropole der Moldau zieht unweigerlich große Verkehrsströme an und wächst entlang der E 58 nach Westen. Hier haben sich im Laufe der letzten 15 Jahre nicht nur Metro oder Carrefour auf der flachen Wiese des breiten Tals Richtung Târgu Neamț angesiedelt, es sind zahlreiche Autohäuser, Verkaufslager, Supermärkte, hinzugekommen. Und entsprechend steigt der Verkehr auf der teilweise zweispurigen Straße an. Welche Folgen Unachtsamkeit, Verantwortungslosigkeit, Hektik und Stress der FahrerInnen dabei entfalten können, zeigen die bereits verwitternden Kreuze an beiden Fahrbahnrändern - es vergeht kaum ein Monat, an dem auf dieser Strecke nicht ein Mensch stirbt. Oft sind es Fußgänger, die in dem Iașier Ortsteil Valea Lupului die Straße überqueren wollen. Auf den 50 Kilometern von Târgu Frumos bis Iași ließen sich vor einigen Jahren allein 16 Kreuze aum rechten Straßenrand zählen, die Zahl der "Opfer" dieser "Todesstrecke" liegt natürlich weit höher.

Vom wachsenden Autoverkehr nicht verschont bleiben auch die touristisch interessanten Ziele. Das so idyllisch am Rande der Berge in der Bukowina gelegene Gura Humorului verzeichnet im Zentrum während der Arbeitswoche einen solchen Verkehr von Besuchern in Bussen, von Einheimischen, Wirtschaftsfahrzeugen, etc., dass von einem "Luftkurort" kaum noch die Rede sein dürfte. Vor allem ist es der Schwerlastverkehr von Lkws und Transportern, der den Aufenthalt im Zentrum eher als lautes Spektakel in Abgaswolken denn als Erholung erleben lässt. Einer der Gründe dieser Ballung liegt in der Tatsache, dass es keine Straßenalternative aus dem Tal von Câmpulung Moldovenesc nach Osten Richtung Iași gibt.

So bleibt der Autoverkehr eines der Probleme in einer Region, deren landschaftliche Schönheit nur bewahrt werden kann, wenn nicht versucht wird, diese der bequemen Erreichbarkeit und Zugänglichkeit zu opfern - während zugleich die wachsenden Chancen des EU-Staates auf ökonomischem Gebiet den Ausbau des Straßennetzes unausweichlich zu machen scheinen.

In diesem Zusammenhang wurde bisher das Eisenbahnnetz kaum genannt. So überrascht es, in der Tageszeitung Adevărul eine Meldung zu finden, die den Niedergang der CFR (Câile Ferate Române - Rumänische Eisenbahnen) konstatiert. Anlass ist eine neue Studie des Transportministeriums, nach der in den vergangenen 20 Jahren die Infrastruktur der staatlichen Bahngesellschaft kontinuierlich vernachlässigt worden sei und diese daher erheblich an Kunden verloren habe. Die geringe Geschwindigkeit aufgrund der schlechten Schienenverhältnisse und die ebenfalls aus der schlechten Infrastruktur resultierende Unpünktlichkeit seien die Hauptgründe für das geringe Nutzeraufkommen. Die Misere gehe aber letztlich vor allem auf die chronische Unterfinanzierung seit 1990 zurück.

In der Tat stellt die rumänische Bahn ein spezielles Vergnügen dar: War vor 20 Jahren die Fahrt von Bukarest bis Iași (400 km) eine 6-stündiges Dahinkriechen, so bestand doch die Hoffnung, dass in der Zukunft diese Fahrzeit auf vielleicht 5 oder gar 4 1/2 Stunden reduziert werden könnte. Mittlerweile dauert diese Fahrt aber fast 7 Stunden! Und die jetzt häufigen und gut gefüllten Flüge brauchen dafür nur 1 Stunde. Wie sehr das Zugfahren ins Hintertreffen geraten ist, zeigt die Tatsache, dass die CFR es für nötig hält, Plakate in den Zügen anzubringen, auf denen klargestellt wird, dass man für die Zugfahrt eine Fahrkarte braucht und dass bestimmte Regeln zu befolgen sind. Dennoch gelingt es immer wieder, mit dem Schaffner "Deals" zu beiderseitigem Vorteil (und Nachteil der CFR) zu vereinbaren. Im Zug von  Câmpulung Moldovenesc nach Gura Humorului fängt eine Reisende eine lautstarke Diskussion mit dem Schaffner an, weshalb so wenige Wagen für die zahlreichen Reisenden bereit gestellt werde, während auf anderen Strecken die Züge nicht so überfüllt seien. Sie fordert bessere Versorgung durch die Bahn, worauf der Schaffner nur wenig zu antworten weiss. Ein deutliches Zeichen für die beginnende Veränderung des Denkens könnte das Wiederaufkommen des Fahrrads im Nahbereich darstellen. Überall sind jüngere Menschen mit neuen Fahrrädern unterwegs. Selbst die zunächst eher wie ein Feigenblatt für eine verfehlte Verkehrspolitik wirkenden grünen Radstreifen in Bukarest machen mittlerweile Sinn, da sie von zahlreichen "bicicletiști" benutzt - und vielfach auch von den AutofahrerInnen respektiert werden.