DANACH...

 

Die Leipziger Buchmesse hat im Frühjahr 2018 als Gastland Rumänien begrüßt und damit eine der dynamischsten literarischen Szenerien Europas näher vorgestellt. Wir wollen dieses Ereignis zum Anlass nehmen, die Literatur, aber auch die Künste und die Geschichte sowohl Rumäniens als auch der Republik Moldau in ihren meist im Westen unbekannt gebliebenen Hintergründen als auch aktuellen Entwicklungen zu beleuchten. In Buchrezensionen, Interviews, Reportagen, Essays und Aufsätzen wollen Autorinnen und Autoren ihre eigenen Themen und ihre Perspektiven auf die Kultur Rumäniens und der Republik Moldau formulieren und damit beitragen zu einer immer noch notwendigen Aufklärung im deutschsprachigen Raum über die kulturellen Landschaften um den Karpatenbogen und zwischen Pruth und Dnjestr.

Dies soll nicht einseitig geschehen, sondern unter Einbeziehung rumänischer bzw. moldauischer AutorInnen.

 

(Kontakt unter: info@kultro.de.)

 


Was es noch zu tun gab/gibt...

Dass die rumänische Literaturszene eine dynamische und vielfältige Erscheinung innerhalb der europäischen Sprachen darstellt, hat sich bei unseren Nachbarn eher herumgesprochen als in deutschsprachigen Verlagen und Redaktionen. Ein Artikel hat vor einigen Jahren darauf aufmerksam gemacht. Vieles blieb unübersetzt, jetzt generierte erfreulicherweise der Buchmessen-Schwerpunkt mehr Interesse an Rumänien und der Moldau. Ein aktueller Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung listet zahlreiche der übersetzten AutorInnen auf, weist aber auch auf noch bestehende Defizite hin.


Rumänien kaleidoskopisch

 

4 Anthologien

 

 

 

Die vergangene Leipziger Buchmesse mit ihrem Schwerpunktland Rumänien brachte zahlreiche Übersetzungen rumänischer Litera-tur. Erhöht wurde die Zahl durch unterschiedliche Anthologien, die erzählende, lyrische, essayistische Splitter boten, um so möglichst viele AutorInnen und Texte - wenn auch oft gekürzt - der interes-sierten Leserschaft verfügbar zu machen. Hier seien vier neuere Anthologien vorgestellt.

 

 Als vor zwei Jahren Elsa Lüder die Anthologie Einladung nach Rumänien zusammenstellte, scheint dies noch aus der vorherrschenden Überlegung geschehen zu sein, wie einem offensichtlich rumänische Literatur kaum wahrnehmenden Lesepublikum eben diese "schmackhaft" gemacht werden könne. Das Konzept, das sie zeitweise mit Studierenden der Universität Freiburg umsetzte, versuchte möglichst viele Aspekte zu berücksichtigen. So wurden junge AutorInnen übersetzt und  am Schwarzen Meer Sommercamps mit einigen Autoren abgehalten. Ergänzt wurde die Auswahl zudem durch einige klassische Texte der rumänischen Literatur (Caragiale, Hogaş, Jean Bart, Filimon, Macedonski, Cella Serghi) und im Anhang durch eine bildliche und bio-bibliographische Vorstellung. Ein fast schon enzyklopädischer Ansatz.

Es sind dabei durchaus Entdeckungen zu machen: Etwa der Moldauerin Nicoleta Esinencus "Moldauisches Rap-Mosaik" aus Sowjetzeiten, oder Luminiţa Cioabăs Gedicht "Der Zigeunerengel". Gabriel Horaţiu Decuble stellt die Atmosphäre des verregneten Bukarester Ausgehviertels Lipscani vor - und eine dementsprechende Gefühlslage bei seinen Protagonisten. Adrian Schiop erzählt vielschichtig eine grasgeschwängerte Geschichte von rumänischen "Losern" in Neuseeland - mit einer Rumänien als Zentralfigur.

Einige der bei Lüder gebotenen Ausschnitte sind mittlerweile in voller Übersetzung vorhanden, wie etwa Varujan Vosganians "Buch des Flüsterns" oder Florin Lăzărescus "Sonderberichterstatter".

 

Zwei Jahre nach Lüders Anthologie ist die Situation ganz verän-dert, als das Gastland der Leipziger Buchmesse Rumänien heißt: Jetzt sind in einer Übersetzungs'flut' von über 40 Titeln drei Anthologien auf dem Lesemarkt sichbar - und diese Textsamm-lungen haben durchaus Aufmerksamkeit gefunden.

 

 

 

"Rumänien neu erzählen" hat sich die Anthologie Wohnblockblues mit Hirtenflöte, hg. v. Michaela Nowotnick und Florian Kührer-Wielach, vorgenommen. In ihr sind sowohl aus Rumänien kommende wie auch das Land von außen bzw. durch mehr oder weniger intensive Reiseeindrücke kennende AutorInnen vertreten. Bis auf Dana Grigorcea aus Bukarest, die in Zürich lebend auf Deutsch schreibt, haben die aus Rumänien Kommenden alle Siebenbürgen oder das Banat als Herkunftsregion. Eine der intensiveren Stimmen lässt die Lyrikerin Elke Erb verlauten mit ihren Gedichten, Beobach-tungsfragmenten, Erinnerungen, etc. an und in Siebenbürgen. Zugleich evoziert die Lyrikerin in ihren Lektüre- und Reflexionssplittern auf ganz eigene Weise auch eine DDR-Perspektive auf Siebenbürgen und Rumänien.Ergänzend die genauen und zugleich phantastischen Beobachtungen von Uwe Tellkamp bei einer Fahrt von Sofia über Rumänien nach Dresden mit Besuchen bei Mircea Cărtărescu und Eginald Schlattner. Auch ein Interview der Herausgeberin mit Ingo Schulze hebt auf diese besondere Beziehung der DDR-Bewohner zu Rumänien ab. William Totok erinnert in zwei Gedichten an historische und mentale Kontinuitäten, Jan Koneffke ehrt Nora Iuga und Bukarest, während Alexandru Bulucz rumänische Moral und Landschaften durcheinander wirbelt und Dana Grigorcea rumänische Frauen erinnert. Vier der BeiträgerInnen sind Gewinner des von Frieder Schuller initiierten Katzendorfer Dorfschreiberpreises.

 

Die beiden anderen Anthologien sind solche, die konsequent rumänische AutorInnen in deutscher Übersetzung zu Wort kommen lassen. Hier tauchen vor allem jüngere VertreterInnen der rumänischen Literatur auf, es wird hingewiesen auf neue Talente und zahlreiche unübersetzt und hierzulande leider bisher unbekannt gebliebene AutorInnen, die in anderen Sprachen zwar häufig präsent und bekannt sind, von denen das Literaturland Deutschland aber bisher kaum Notiz genommen hat.

 

 

 

Bei Das Leben wie ein Tortenboden haben mit den HerausgeberInnen Daniela Duca, Anke Pfeifer und Valeriu Stancu zahlreiche Studierende durchweg überzeugende Übersetzungen von viel versprechenden Romanfragmenten und einer Erzählung geliefert. Hervorragend etwa die  Geschichte von Ovidiu Nimigean aus seinem Roman Rădăcina din bucsau über das Sterben der Mutter und die Wiederbegegnung mit der getrennten Freundin. (Letzteres ein häufiges Motiv in den Anthologien). Sehr kunstvoll und eindringlich die Erzählung von Petru Cimpoeşu über eine Mutter, die einen Geldschein verliert oder Marta Petreu über eine Kindheit mit einem Vater, der zu den Zeugen Jehova übertritt und einer Mutter, die dies hartnäckig ablehnt. Nora Iuga entwirft in ihrem Roman Harald şi luna verde Biographien von jüdischen Ballettänzern zwischen Rumänien und Deutschland vor und nach dem Zweiten Weltkrieg. Adina Rosetti schlüpft in die Rolle eines Computerfreaks, Corina Sabău beobachtet das konfliktreiche Familienleben in einem Wohnblock. Ein Kabinettstück von Erzählkunst ist Ioana Părvulescus Viaţa începe vineri, von dem der gebotene Ausschnitt eine vielseitige Erzählung aus dem Leben am Ende des 19. Jahrhunderts in Bukarest bietet.

 

Eine gewisse Tradition weist die verdienstvolle Zeitschrift "die horen" auf, die bereits mehrere Hefte der rumänischen Literatur widmete. Zur Messe erschien das schöne, von Bogdan-Alexandru Stănescu, Georg Aescht und Ernest Wichner herausgegebene Heft Nr. 249 Die Entführung aus dem Serail, das "Rumänische Erzählungen aus dem letzten Jahrzehnt" und einen farbigen Kunstteil "Black Dreams" von Răzvan Luscov bietet. Der überraschende Hefttitel geht auf eine Erzählung von T.O. Bobe zurück, in der das heimatliche Constanţa die Kulisse für eine phantastisch orienthafte Atmosphäre einer tragischen verbotenen Liebesgeschichte abgibt - eine große Entdeckung ist dieser Autor! Von Radu Pavel Gheo gibt es ein ebenso lustiges wie bezeichnendes Capriccio aus der banater Kindheit, die von der Grenzlage zu Jugoslawien profitierte (es ging später in Gheos großen - immer noch unübersetzten! - Roman "Noapte bună, copii!" ein). Die Mehrzahl der etwas männerlastig ausgewählten Erzählungen handelt von dem heutigen Leben junger Menschen in Rumänien, Lavinia Branişte ebenso wie Ana Maria Sandu entwerfen kleine Einblicke in die Beziehungsnöte junger Frauen, Veronica D. Nicolescu fügt ihnen noch eine bezeichnende historische Facette aus den Studentinnenheimen der Ceauşescu-Zeit hinzu. Aber auch in Bogdan Răileanus "Kochen für Lesbierinnen" ist die Perspektive die vom speziellen Stress einer erfolgreichen jungen Mutter, während Răzvan Petrescu gegenläufig die eines alt gewordenen Vaters meisterhaft in eine kleine Form fasst.  Weitere Themen und Motive sind genügend in dem Heft zu entdecken.

 

So machen die vier Anthologien bei genauerem Hinsehen eine sehr unterschiedliche Figur, erweisen sich je nach Anlage als Füllhörner für rumänische Literatur, siebenbürgisch-banater und deutsche Perspektiven oder suchen auch die Klassiker in ein Gesamtbild der rumänischen Literatur zu integrieren. Lesenswert und unterhaltsam sind sie allemal!

 

 

Einladung nach Rumänien. Klassische und moderne Erzählungen aus dem Rumänischen übersetzt und herausgegeben von Elsa Lüder. Edition Noack&Block in der Frank&Timme GmbH Berlin 2016, 355 Seiten, br., ISBN 978-3-86813-032-4, m. Autorenfotos

 

Wohnblockblues mit Hirtenflöte. Rumänien neu erzählen. Hg. v. Michaela Nowotnick u. Florian Kührer-Wielach. Wagenbach Verlag Berlin 2018 (Wagenbachs Taschenbuch 794), 239 Seiten, br., ISBN 978-3-8031-2794-5

 

Das Leben wie ein Tortenboden. Neue Rumänische Prosa. Hg. v. Daniela Duca, Anke Pfeifer, Valeriu Stancu. Transit Verlag Berlin 2018, geb. m. Schutzumschlag, 240 Seiten, ISBN 978-3-88747-363-1

 

Die Entführung aus dem Serail. Rumänische Erzählungen aus dem letzten Jahrzehnt. Zusammengestellt von Bogdan-Alexandru Stănescu, Georg Aescht und Ernest Wichner. die horen. Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik. Nr. 269, Wallstein Verlag Göttingen 2018, br., 219 Seiten, ISSN 0018-4942 ISBN 978-3-8353-3194-5, m. einem Kunstteil von Răzvan Luscov


Essad Bey - Öl und Blut

 

 

Kolportagegeschichte des Orients

 

 

 

 

 

Die "Wiederentdeckung" durch die Biographie von Tom Reiss des seinerzeit ungemein erfolgreichen Autors mit dem exotischen Namen Essad Bey  hat auf eine Gestalt aufmerksam gemacht, deren Lebenslauf ebenso Teil seiner Legende wurde, wie die Art, dieses Leben in Literatur zu verwandeln. Selbst ein "Sachbuch" über die Erdölförderung in Aserbaidschan musste da zur Folie für eigene Erlebnisschilderungen werden. Dies ist aber verständlich, denn Essad Bey wuchs in Baku auf, sein Vater war einer der im Buch beschriebenen reichen Erdölbarone. Nur trug die Familie den Namen Noussimbaum, war jüdischer Religion und nach dem frühen Tod der Mutter 1911 mussten Vater und Sohn nach Ausbruch der Russischen Revolution Baku verlassen, um verarmt in Berlin zu landen. Hier gelang es Lev Noussimbaum nach Besuch der Russischen Schule und Übertritt zum Islam mit entsprechendem Namenwechsel zu Essad Bey seine Herkunft und Kenntnisse gewinnbringend in zahlreichen Zeitungs-und Zeitschriftenartikeln (über 150 in der Literarischen Welt) umzusetzen - das Publikum lechzte förmlich nach kaum verifizierbaren Geschichten und Nachrichten aus dem "Orient". Essad Bey besaß das Talent einer orientalisch anmutenden Erzähllust und es gelang ihm Aufsehen zu erregen. Auch durch seinen Bucherstling "Öl und Blut im Orient" 1929, da er darin die Gefühle zahlreicher Bewohner der Region ziemlich strapaziert hatte, wie das informative Nachwort von Sebastian Januszewski hervorhebt.

 

"Öl und Blut im Orient" ist also kein "Sachbuch", wie es in den 1920er Jahren in Berlin von rumänischen Autoren wie Valeriu Marcu oder René Fülöp Miller (dessen besondere Bekanntschaft Essad Bey machte) 'erfunden' wurde, sondern vermischt eigene Erlebnisse des Autors und subjektive Darstellungen mit dem Transport von Informationen über eine Industrie, deren Realität kaum einem deutschen Leser bekannt war. Den zahlreichen russischen, aserbaidschanischen, iranischen, georgischen Flüchtlingen aber umso mehr: Entsprechendes Aufsehen erregte der Autor mit seiner fabulierenden Darstellung, in der unverblümt über Völker und Gebräuche des Kaukasus geurteilt wurde. Diese wird man heute kaum noch unreflektiert lesen, aber die Adelung des Textes durch die Aufnahme in die Andere Bibliothek ist durchaus gerechtfertigt, handelt es sich doch um ein wesentliches Zeugnis der Rezeption des Orients im Westen vor dem Zweiten Weltkrieg. Und es macht auf die Geschichten aufmerksam, hinter denen sich der Siegeszug einer heute in ihren desaströsen Folgen zu überblickenden Ölindustrie verbirgt. Dies war aber kaum das eigentliche Thema Essad Beys, sondern neben seinen eigenen Erlebnissen, die vor allem die russische Revolution und Kämpfe um Baku aufrufen, präsentiert das Buch auch die Szenerie der Länder um das Kaspische Meer und den Kaukasus. So kommen auch ein Kapitel "Deutschland in Aserbaidshan" vor oder Reisen nach Buchara und Samarkand oder die Flucht über Georgien in die Türkei. Bis heute noch in Aserbaidschan gegenwärtig - wie der Schriftsteller Marko Marin in einem dem Band zugefügten Text über einen Aufenthalt in Baku feststellt - ist Essad Bey durch seinen unter dem Pseudonym Kurban Said veröffentlichten Roman Ali und Nino.

Das wie üblich für die Andere Bibliothek aufwendig und äußerst lesbar produzierte Buch macht einen Autor zugänglich, dessen abenteuerliche Biographie wie ein eigenes Kunstwerk immer noch Faszination auslösen kann. Und dessen Thema gegenwärtig von großer Aktualität ist - wie etwa die gerade fertiggestellte Pipeline des Erdgasprojekts "Turk Stream" durch das Schwarze Meer zwischen Russland und der Türkei zeigt.

 

Essad Bey: Öl und Blut im Orient. Ein autobiographischer Bericht (1929). Mit einem Nachwort zum Leben von Essad Bey von Sebastian Januszewski und einem Essay von Marko Martin auf Spurensuche im heutigen Baku. Die Andere Bibliothek Berlin 2018 (Die Andere Bibliothek 402), 357 Seiten, ISBN 978-3-8477-0402-7

 


Lyrik bei Pop:

Hurezeanu und Christi

 

 

 

 

 

Das größte Verlagshaus für rumänische Literatur in deutschen Übersetzungen hat  einen Schwerpunkt auf Dichtung

 

 

Emil Hurezeanu aus Hermannstadt verließ das kommunistische Rumänien 1982 mit einem Stipendium des Herder-Preises für Ana Blandiana. In Deutschland wurde er ein aus Rumänien vielfach bewunderter und hoch angesehener Redakteur bei Radio Free Europe, mittlerweile ist er seit einigen Jahren bereits Botschafter Rumäniens in Berlin. Jenseits des Journalistischen war Hurezeanu aber auch ein wichtiger Lyriker. Sein erster Gedichtband Lecţia de anatomie (Die Anatomiestunde) erhielt 1979 den Preis des Schriftstellerverbandes für das Debut. Gedichte begleiteten seinen Werdegang, jetzt hat der Pop Verlag zwei Bände der Gedichte Hurezeanus in der Übersetzung Georg Aeschts veröffentlicht: einmal den frühen Band Die Anatomiestunde von 1979 und eine Sammlung weiterer Lyrik (die Die Anatomiestunde noch einmal enthält).

 

Hurezeanus Lyrik ist vielseitig: formal, thematisch, perspektivisch. In der Einteilung in "Abendwache", "Nachtwache" und "Morgenwache" reflektiert Die Anatomiestunde über die großen Themen des Lebens und des Todes, die Liebe, aber auch persönliche Erfahrungen wie das Eintauchen in die Atmosphäre der Kleinstadt. Unter der Oberfläche der Themen aber zeigt sich in den Wortgefügen eine komplexe Denkweise, ein rumänisches Denken der Wörter, das ungewöhnliche Gedanken und Blüten der Sprache zur Welt bringt.

 

Kommunion

 

Wie auf dem weißen Antlitz des Mannes

Der Zweig jungen Blutes gesprossen ist und

Den Schnee des Rasierschaums

Wie ein mineralischer Quellbach durchfließt.

 

So ist in den frischen Bäumen

Der Frühling Leben und Gift.

 

Die Gedichte des zweiten Bandes  Ultimele, primele (Bukarest 1994; in der deutschen Übersetzung umgekehrt: Die Ersten, die Letzten) sind näher an den Anlässen ihrer Entstehung, welthaltiger, Namen aus der Öffentlichkeit treten auf. Fast schon episch in seiner panoramatischen Perspektive das großartige Gedicht "Die Abwesenheitserklärung", in dem die postrevolutionären Zweifel zum Rückblick auf die Diktatur führen: 

 

"[...]

 

Aber erinnert ihr euch noch, Mädels und Jungs meiner Generation, an

Echinox, dreisprachig, Montagsliteraturkreis, Dialog,

Amfiteatru, Forum, Izvorul Mureşului, Festival Eminescu,

Ars Amatoria, Podul, Jazzfestival Hermannstadt, Club A,

Begegnungen von Hermannstadt, Abende in Costineşti, 15.

September in Klausenburg, 24. Januar in Jassy, 25. Dezember in Bukarest

[...] "

 

Die Erinnerungen werden aufgehoben von einem abgeklärten Blick in die Zukunft, von dem, was sich nach der Wende abzeichnete:

 

"[...]

Die kleinen und großen Schrecken werden nur noch den Hauch

Einer wohl erhaltenen Mumie verströmen

In irgendeinem Museum der Verheerungen, das die Schüler lieben

Und die Widerstandskämpfer meiden.

[...]"

 

Aber Hurezeanu ist nicht auf dieses vermeintlich nur politische Thema zu reduzieren, vielmehr finden sich hier wie auch in anderen Gedichten persönliche Reflexionen, intime Situationen, genaue Beobachtungen von Befindlichkeitenm ein Gedicht an den noch ungeborenen Sohn - ein weites Panorama rumänischer Nachwende-Aktualität!

 

 

Aura Christi ist das Pseudonym der in Chişinău geborenen Lyrikerin Aurelia Potlog. Schon diese Namenswahl lässt auf eine besondere Verbindung zu einer religiös-metaphysischen Sphäre erwarten, was ihre Lyrik auch teilweise einlöst. Das Pseudonym kann aber auch im Zusammenhang mit in den Biographien berichteten Schicksalsschlägen zu tun haben, die die Autorin trafen: zeitweilige Blindheit durch eine Erkrankung, mehrere Operationen hierzu, Überwindung  der Tuberkulose, Depressionen. Die Übersetzerin Edith Konradt schreibt im Nachwort zu den Elegien aus der Kälte, dass Potlog "ihre Künstlerexistenz von Anfang an dem sich weigernden Körper abtrotzen musste." Dabei entstand aber ein durchaus monumentales, mehrfach preisgekröntes Werk der Vielleserin: eine Tetralogie von Romanen, zahlreiche Gedichtbücher, Essaysammlungen. Zudem war Christi stellvertretende Chefredakteurin der Zeitschrift "Contemporanul" in Bukarest.

 

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Juni 1941 - das pogrom von iaşi (3)

Reflexionen eines Massenverbrechens in Historiographie und Kunst

 

Was in den Tagen vom 28. Juni bis 6. Juli 1941 in Iaşi (Jassy), der moldauischen Metropole im Nordosten des 1919 erstandenen Groß-Rumäniens geschah, blieb in der Nachkriegszeit lange ein nebelhaftes Mysterium. Zwar gedachte das 1947 installierte kommunistische Regime jährlich offiziell dem Mord an den Juden der Stadt, aber detaillierte Forschung wurde in den vierzig Jahren kaum betrieben, so dass die ideologisch gefärbte und motivierte Interpretation des Regimes für eine Epoche lang das Bild bestimmte. Dies hielt auch noch nach 1989 an, bis eine jüngere Generation von Historikern begann, nachzufragen und erstaunliche Fakten und Quellen zu Tage fördern konnte.

Mittlerweile hat in Ergänzung oder auch anstelle von fehlenden Darstellungen auch die Kunst in unterschiedlichen Formen sich des Themas angenommen. Dies ist Anlass, um an dieser Stelle sowohl die historische Forschung als auch die kulturhistorische Erinnerungs- und Reflexionsarbeit in ihren Formen vorzustellen - auch, damit dieses Ereignis des "stillen Holocaust" nicht vergessen wird.

Fragmente von Leben und Erinnerung

 

Olga Stefans Projekt "The Future of Memory"

 

 

 

Foto: www.thefutureofmemory.ro

 

 

Das Pogrom von Iaşi blieb der europäischen Öffentlichkeit lange Zeit verborgen. In Rumänien während des kommunistischen Regimes zu einer ideologischen Gedenkroutine marginalisiert, wusste im Kalten Krieg kaum jemand außerhalb des Landes von dem historischen Geschehen - außer den Überlebenden und den Familien der Opfer. Aber auch in den Familien war ähnlich wie bei anderen Überlebenden der Shoa oft das erlebte Trauma kein Thema.

 

Dies erlebte auch die als Kind aus Rumänien nach Chicago ausgewanderte Künstlerin Olga Stefan, deren Großmutter Sorana ihren Vater in Iaşi verlor. Es brauchte viel Zeit, bis die Nachfahrin auf das Geschehen aufmerksam wurde und dieses zum Thema einer anhaltenden Recherche machte. "Fragments of a life" (Fragmente dintr-o viaţă) bildete 2016 ein erstes Ergebnis ihrer Auseinandersetzung mit den Folgen des Pogroms in mehreren Familien. In der Iaşier Galerie "tranzit.ro" und in der Züricher Galerie Reunion Art Space zeigte sie die mediale Umsetzung dieser Recherchen. Neben den Bildern des Iaşier Malers Samy Briss, die dieser kurz nach dem Zweiten Weltkrieg anlässlich der Prozesse gegen Täter malte, sind es zwei Videoinstallationen, die die familiäre Konstellation von Überlebenden und dem Fehlen der Opfer thematisieren. Olga Stefan befragt über eine Videoverbindung ihre Großmutter Sorana zu ihrer Erinnerung an die Zeit, als deren Vater in Iaşi ermordete wurde. Ebenso erstaunlich sind die Bilder, die Elianna Renner im Videogespräch mit ihrer Mutter und einer Tante in Buenos Aires zeigen. Hier werden erst allmählich die Teile zusammengefügt, die zusammen ein Bild von dem Verschwinden zweier Großonkel in Iaşi erahnen lassen. Beide Künstlerinnen legen besonderen Wert auch auf die familiären Folgen des Pogroms in den Jahren des Exils, denn irgendwann sind fast alle Überlebenden aus Rumänien emigriert. Ein weiterer Teil der Ausstellung ist das Video eines Gesprächs mit dem Künstler Daniel Spoerri, der zum ersten Mal über den Verlust seines Vaters - eines zum Protestantismus übergetretenen Juden - im Pogrom von Iaşi spricht.

 

Dem Nicht-Wissen der jüngeren Generation in den Familien entspricht oft auch ein Nicht-Wissen-(Wollen) in den Ländern des Geschehens. Stefan ging nach "Fragment dintr-o viaţa" einen Schritt weiter und machte die Präsentation der Ausstellung in Rumänien und der Republik Moldova selbst zum Gegenstand des Projekts "Viitorul Memoriei" ("The Future of Memory"). In einer Karawane der Ausstellung wurden in verschiedenen Städte jeweils neue Recherchen initiiert und präsentiert, die das Interesse an der lokalen Situation in der Shoah und eigene Recherchen der BetrachterInnen anregen sollten. Weitere KünstlerInnen der Zeit kamen in den Blickpunkt, wie etwa in Bukarest der Maler Leon Misosniky oder die Avantgarde-Malerin Edda Sterne (1910-2007), die mit Victor Brauner und Marcel Iancu zusammenarbeitete, bevor sie nach New York emigrierte. In Oradea sind es mehrere ermordete Maler wie Ernö Grünbaum, Tibor Ernö, Leon Alex u.a. In Chişinău (Moldova) wird die kaum bekannte Deportation der bessarabischen Roma nach Transnistrien durch Ion Duminică, Direktor der Secţia minorităţi etnice la Academia de Ştiinţe a Moldovei, thematisiert.

 

Einer der Überlebenden der Shoa ist der emeritierte Germanistikprofessor (University of Sussex) Ladislaus Löb, der in Cluj geboren wurde und dessen Familie großteils mit den 450000 ungarisch-nordsiebenbürgischen Opfern des ungarischen Holocausts verschwand. Er selbst wurde als Siebenjähriger mit dem Vater mit einem Kasztner-Transport zunächst nach Bergen-Belsen und dann in die Schweiz gebracht. In einem Beitrag in dem das Projekt begleitenden rumänisch-englischen illustrierten Album beschreibt Löb seinen Weg durch das KZ nach Zürich und England.

 

Der Ansatz weitet sich und vor allem Nachkommen der KünstlerInnen berichten über ihre Wahrnehmung der familiären Vergangenheit nach dem Holocaust. Was Olga Stefan mit ihren innovativen Projekten entdeckt und an das Licht der Öffentlichkeit bringt, ist eine eigene Form der Geschichtsschreibung, die von der akademischen Historiographie vielfach vernachlässigt worden ist. Ihre intensiven und vielfältigen Recherchen und sozial-künstlerischen Initiativen entdecken nicht nur eine Vergangenheit, sondern gehen ihren familiären, ästhetischen und sozialen Verästelungen bis in die Gegenwart nach.

 

www.thefutureofmemory.ro

(Besonders die Archiv-Seiten der jeweiligen Stationen bieten weiteres Material.)


ИНТЕРКОСМОС

 

 

Zwei Legenden der Raumfahrt im Berliner Planetarium

 

 

 

 

 

 

 

 

Fotos: www.kultro.de

 

 

Die pilotierte Raumfahrt hat bereits eine Geschichte von mehr als 50 Jahren aufzuweisen und mehr als 520 Menschen gehören mittlerweile zu dem exklusiven Club jener Auserwählten, die die Erde verlassen haben und den Planeten vom Kosmos aus betrachten konnten. Zwei dieser außergewöhnlichen Menschen standen im Mittelpunkt eines seltenen Zusammentreffens im Berliner Planetarium, wo Sigmund Jähn und Dumitru Prunariu erstaunliche Einsichten in dem allgemeinen Publikum kaum zugängliche Aspekte der menschlichen Raumfahrt eröffneten.

In seinem Vortrag bezog sich der erste deutsche Kosmonaut Sigmund Jähn vor allem auf die Umstände seiner Auswahl zum sowjetischen Programm "Interkosmos", das erstmals Angehörige anderer Staaten aus dem sowjetischen Einflussbereich an der Raumfahrt teilhaben lassen sollte. Jähn war Jagdflieger in der DDR und als solcher eines Tages mit zwanzig anderen Piloten zu einer Auswahl beordert worden. Er zeigte Interesse und erfüllte die geforderten gesundheitlichen Kriterien, so dass er in die "Sternenstadt" bei Moskau eingeladen wurde, wo weitere Auswahltests stattfanden. Kritisch wurde es für ihn, als ein Arzt glaubte festzustellen, dass Jähn der Geruchssinn fehle, was aber sein sowjetischer  Kollege schnell mit einer stark riechenden Flasche als unzutreffend qualifizierte. So gelangte der DDR-Pilot in die engere Auswahl und schließlich ins All in das Saljut-6 Raumlabor.

In der zweiten Gruppe des Interkosmos-Programm wurden 1981 auch zwei Rumänen ausgewählt - Dumitru Prunariu und als Ersatzmann Dumitru Dediu. Prunariu war 26 Jahre alt und hatte Ingenieurwissenschaften studiert. In seinem umfassenden Vortrag schilderte er nicht nur seine eigene Teilnahme, sondern gab eine umfassende Übersicht über die Entwicklung der Raumfahrt. Dies ergab sich auch vor dem Hintergrund, dass Prunariu nach seiner Reise ins All mit der Sojuz-40-Rakete zur Saljut-6 sich insbesondere nach dem Fall des Eisernen Vorhangs weiterhin in den Gremien der Raumfahrt wie etwa der ESA (European Space Agency) engagierte und hohe Posten in internationalen Organisationen zur Raumfahrt innehatte, wie etwa den Vorsitz im UN-Ausschusses für die friedliche Nutzung des Weltraums (COPOUS) oder der rumänischen Weltraumbehörde. So kam das Publikum in den Genuss einer Darstellung von meist wenig bekannten Details der Raumfahrt"szene", deren ProtagonistInnen Prunariu alle persönlich zu kennen schien. Besonders hob Prunariu hervor, dass er nicht nur die erste Frau im All Valentina Terkova oder den ersten das Raumschiff verlassenden Kosmonauten Alexei Leonov häufig spricht, sondern noch mehrfach Hermann Oberth, den aus Siebenbürgen stammenden Begründer der neueren Raketenforschung in Nürnberg besucht hat. Der hoch dekorierte Prunariu war für ein Jahr Botschafter in Moskau und ist Träger der Jurij-Gagarin-Medaille der Internationalen Astronautischen Föderation und wie Jähn der Goldmedaille der Hermann-Oberth-Werner-von-Braun-Gesellschaft.

Seine eigene Landung nach dem siebentägigen Aufenthalt im All beschrieb er als nicht ganz einfach, da sich der Landefallschirm etwas spät geöffnet hatte und durch den harten Aufprall die Kapsel umstürzte.

Prunariu machte deutlich, dass die Raumfahrt mittlerweile keine ohne konkreten Zweck betriebene Spielerei ist, sondern durch die weltweite Kooperation ein Beispiel für zukünftige Problemlösungen darstelle. Mittlerweile haben bereits zahlende Touristen das All besucht und es fand ein 500 Tage dauerndes Experiment zum Test der psychologischen Belastungen bei einem Mars-Flug statt. Die Zukunft schien an diesem Abend sehr nahe gerückt.


Die Republik Moldau im EU-Assozierungsabkommen

 

Eine Tagung des IEP (Berlin) (16.10.2018)

 

 

 

Foto: www.kultro.de

 

Es sind optimistische Zahlen, die Adrian Lupuşor von der Expert-Grup (Chişinău) in Grafiken und Tabellen verkündet: Die Republik Moldau habe durch die DCFTA (Vertiefte und umfassende Freihandelszone) viele der Verluste durch die russischen Sanktionen auf ökonomischem Gebiet wieder wett gemacht, auch der befürchtete Einbruch in der Agroökonomie sei ausgeblieben.

Bei der Konferenz im Institut für Europäische Politik (Berlin)  thematisierten nur wenige  Wochen nach einem Vortrag des moldauischen Außenministers Tudor Ulianovschi im September im IeP Experten aus dem Land an der EU-Grenze zu Rumänien einige der Probleme im Zusammenhang mit dem Assoziationsabkommen (AA), das 2014 zwischen Moldova und der EU abgeschlossen wurde. Lupuşor sagte, es sei die vorsichtige Einführung von Liberalisierungen  mit mehreren Vorkehrungen zur Milderung der Risiken für bestimmte Sektoren des moldauischen Marktes gewesen, die nach vier Jahren eine positive Bilanz des DCFTA zuließen. Gerade auf dem Sektor der Agronomie, wo die größten Befürchtungen bestanden, seien die Nahrungsmittelhersteller die größten Nutznießer des DCFTA.

Ein Problem stellt die Geldwäsche in dem Land dar. Sergiu Gaibu und Andres Knobel (Expert-Grup) verwiesen auf die Tatsache, dass Moldau keineswegs das einzige Land mit dieser Fragestellung sei und erinnerten an die gerade aufgedeckte Rolle der Danske Bank im "Waschen" von Geld aus Estland. Für die EU sei allerdings Moldau wichtig, da durch dortige Geldwäschemanöver auch die Maßnahmen in Brüssel konterkariert werden könnten: Geldwäsche sei ein internationales Geschehen. Deshalb gab es im vergangenen Jahr auch eine 100 Mio.€- Finanzspritze der EU, um Moldova die Fortentwicklung der bisherigen Anti-Geldwäsche-Politik zu ermöglichen. Gaibu kritisierte, dass das neue Gesetz vom Dezember 2017  in Chişinău nicht die notwendige Einbeziehung möglicherweise korrupter staatlicher oder juristischer Institutionen vollziehe. Dies sei das Neue an der Entwicklung, dass im Falle von Moldova Richter Teil von Geldwäscheplänen waren, was bisher in den AntiMoneyLaundering-Maßnahmen (AML) wenig berücksichtigt worden sei. So habe der berüchtigte russische "Laundromat" (Waschmaschine), mit dem 20 Mrd. $ in das legale europäische Finanzsystem gebracht wurden, sich auf moldauische Gerichtsurteile gestützt, die von den westlichen Banken nicht hinterfragt wurden. Ebenfalls waren staatliche Institutionen 2014 in den Diebstahl von 1 Mrd. $ aus dem staatlichen moldauischen Bankensystem verwickelt, der bis dato nicht aufgeklärt wurde. (Die Summe macht 12%  des  moldauischen Bruttoinlandsprodukt aus.) Angesichts dieser Situation plädierten beide Referenten für eine holistische Betrachtung des Problems Geldwäsche mit Einbeziehung aller an den Finanzströmen beteiligten Institutionen und für die bessere nationale und internationale Umsetzung der bestehenden Instrumentarien zur Überwachung von Geldkanälen.

Im dritten Teil der Tagung war die Haltung der ethnischen Minoritäten zur EU das Thema. In einer Übersicht gab Iulian Groza, Direktor des Think-Tanks IPRE (Chişinău), eine generelle Einschätzung zur Situation vor den Wahlen im Februar 2019 und nach der Annullierung der Bürgermeisterwahlen in Chişinău im Frühjahr 2018. Das Bild stimmte weniger optimistisch. So sei eine Verschlechterung des demokratischen Umfelds zu beobachten, der politische Wille zur Annäherung an die EU kaum zu erkennen. Nachdem die EU die Unterstützung wegen der Annullierung der Bürgermeisterwahl ausgesetzt hat, habe der Einfluss abgenommen und auch die Möglichkeit einzugreifen. Auch der Raum der Zivilgesellschaft sei eingeschränkt.

Stanislav Ghileţchi wies dann auf die Polarisierungen innerhalb der moldauischen Gesellschaft hin, die er als großteils von der politischen Elite angefacht sieht. Bedenklich sei, dass dabei zunehmend auch die Minoritäten positioniert werden. Diese sind mehrheitlich pro-russisch, dabei aber - wie etwa die Gagausen - die größten Empfänger von EU-Subventionen! Der EU-Diskurs sei in Moldova mittlerweile selbst Teil der gesellschaftlichen Kluft, die geopolitischen Polarisierungen verursachen hitzige Debatten in der moldauischen Gesellschaft. Ghileţchi empfahl die Verstärkung von den Dialog und die Interaktion auf lokaler Ebene fördernden Maßnahmen (wenn diese auch von den WählerInnen meist nicht gewürdigt würden).

Den geopolitischen Blick vertiefte Sarah Pagung von der DGAP (Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik, Berlin). Sie brachte die Diskussionen über die Rolle der EU, ihre zukünftige Verfassung und Entwicklung zur Sprache. Insbesondere die Frage des Nationalstaates und der Gemeinschaft als Idee wurden in ihrer Übertragbarkeit auf Moldova diskutiert: Die moldauische Gesellschaft erscheint eher als gespalten und wenig an einer einheitlichen Ideologie interessiert. Da ist es wenig günstig, wenn die EU als parteiisch erscheine und nicht als neutraler Makler.

In der angeregten Diskussion skizzierte Groza auf Nachfrage das Association Agreement als in der jetzigen Situation ideales Instrument, da es der Moldau erlaube, ihre politischen und gesellschaftlichen Defizite aufzuarbeiten, ohne sich für eine Seite im geopolitischen Spannungszustand entscheiden zu müssen.


"L'atelier, c'est moi-me"

 

Geta Brătescu gestorben

 

Wer frühere Jahrgänge der Zeitschrift "Secolul 20" liest, wird ihre künstlerische Gestaltung kaum übersehen können: In den 1970er Jahren machten Fotos mit zeitgenössischer provokativer Kunst die Bände auffällig, der Name der Designerin ("Prezentarea artistică") blieb vielen im Gedächtnis haften: Geta Brătescu. (2016 widmete ihr zum 90. Geburtstag die Zeitschrift, die jetzt "Secolul 21"heißt,

 

Foto: Mihai Brătescu, courtesy Ivan Gallery, Bucharest

 

Heft mit Beiträgen von Alina Ledeneanu, Ion Vianu, Ştefan August Doinaş, Swantje Karich, Dan Perjovschi u.a.).

Buchgestaltung war eine der Aktivitäten der Konzeptkünstlerin, die in der Industriestadt Ploieşti geboren wurde und Philologie und Kunst in Bukarest studierte. Sie selbst hielt ihre Illustrationen zu Doinaş' "Faust"-Übersetzung für eine ihrer wichtigen Arbeiten. 1970 erregte der Film "Atelierul" - von ihrem Kollegen Ion Grigorescu aufgenommen - Aufsehen, in dem die Arbeitsumstände der Künstlerin zum Thema einer radikalen Selbstanalyse wurden.

Der spielerisch-kreative Umgang mit Papier, Collagen, Grafik, Radierung prägte ihr Werk, zu dem auch Textilkunst, Fotografie, Installationen und Objektkunst gehörten. Das Spielerische erinnerte vielfach an die Formen des Surrealismus und der Avantgarde. Zunächst nur innerhalb der rumänischen Szene wahrgenommen, stellten ihre Ausstellungen im Westen eher die Ausnahme dar. Erst in den Jahren nach der Wende wurde Geta Brătescu von der globalen Kunstwelt entdeckt, Ausstellungen in den USA, Deutschland, Österreich mehrten sich. 2017 kuratierte sie mit großem Erfolg den rumänischen Auftritt bei der Biennale in Venedig und nahm an der documenta in Kassel teil. Zuletzt widmete die Hamburger Kunsthalle Brătescu eine Retrospektive, die Berliner Galerie Barbara Weiss stellte ihre Werke ebenfalls mehrfach aus. Wenige Tage vor Eröffnung einer ihr gewidmeten Ausstellung in der Berliner n.b.k. (s. Aktuelles) verstarb Geta Brătescu am 19. September in Bukarest im Alter von 92 Jahren.