DANACH...

 

Die Leipziger Buchmesse hat im Frühjahr 2018 als Gastland Rumänien begrüßt und damit eine der dynamischsten literarischen Szenerien Europas näher vorgestellt. Wir wollen dieses Ereignis zum Anlass nehmen, die Literatur, aber auch die Künste und die Geschichte sowohl Rumäniens als auch der Republik Moldau in ihren meist im Westen unbekannt gebliebenen Hintergründen als auch aktuellen Entwicklungen zu beleuchten. In Buchrezensionen, Interviews, Reportagen, Essays und Aufsätzen wollen Autorinnen und Autoren ihre eigenen Themen und ihre Perspektiven auf die Kultur Rumäniens und der Republik Moldau formulieren und damit beitragen zu einer immer noch notwendigen Aufklärung im deutschsprachigen Raum über die kulturellen Landschaften um den Karpatenbogen und zwischen Pruth und Dnjestr.

Dies soll nicht einseitig geschehen, sondern unter Einbeziehung rumänischer bzw. moldauischer AutorInnen.

 

(Kontakt unter: info@kultro.de.)

 


Was es noch zu tun gab/gibt...

Dass die rumänische Literaturszene eine dynamische und vielfältige Erscheinung innerhalb der europäischen Sprachen darstellt, hat sich bei unseren Nachbarn eher herumgesprochen als in deutschsprachigen Verlagen und Redaktionen. Ein Artikel hat vor einigen Jahren darauf aufmerksam gemacht. Vieles blieb unübersetzt, jetzt generierte erfreulicherweise der Buchmessen-Schwerpunkt mehr Interesse an Rumänien und der Moldau. Ein aktueller Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung listet zahlreiche der übersetzten AutorInnen auf, weist aber auch auf noch bestehende Defizite hin.


Katharina Biegger

 

 

New Europe College, Bukarest,

 

1994 bis 2019 und weiter!

 

 

Foto: NEC

 

Als Institute for Advanced Study in den Geistes- und Sozialwissenschaften unterstützt das New Europe College in Bukarest seit nun über 25 Jahren besonders talentierte Forscherinnen und Forscher, hauptsächlich aus Rumänien und den angrenzenden Ländern, aber auch weltweit: Sie können sich bewerben um Fellowships von ein oder zwei Semestern. Die Nachfrage ist groß, die Auswahl der jährlich rund 30 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler durch den internationalen Beirat streng. Das NEC unterstützt nicht allein finanziell, sondern bietet zugleich eine gute Infrastruktur und ermöglicht die Konzentration auf die Forschung. Es befördert zwanglos die Internationalisierung und setzt hohe Maßstäbe, da sich die Stipendiaten Seite an Seite mit ausgesuchten Kolleginnen und Kollegen aus anderen Ländern und anderen Disziplinen finden. So werden Denkroutinen gelöst und ein Ambiente geschaffen, von dem man sich eine kritische Infragestellung und Bereicherung der Arbeit der Einzelnen erhoffen kann. So die Kurzbeschreibung für den heutigen Zustand.

Als das New Europe College (NEC) in den frühen 90er Jahren erdacht und schließlich am 26. Januar 1994 als ‚Persönlichkeit‘ nach rumänischem Recht institutionalisiert wurde, nahm sich das alles bescheidener, vorläufiger aus – und doch war der Kerngedanke derselbe. Die Gründer, allen voran der Philosoph Andrei Pleşu, waren entschlossen, eine neuartige, im Bildungs- und Forschungssystem des Landes bisher unbekannte und förderliche Institution zu schaffen und zu gestalten: Der einzelne Forscher, die einzelne Forscherin sollten im Mittelpunkt stehen und frei entscheiden können, worüber sie arbeiten wollten. Zugleich sollten die für jeweils ein akademisches Jahr ausgewählten und unterstützten Stipendiaten (Fellows) aber auch miteinander ins Gespräch gebracht werden. Daher waren regelmäßige Treffen vorgesehen, die nicht wie (Partei-) Sitzungen straff geplant und geführt, sondern liebevoll als causeries de mercredi bezeichnet wurden: Sie dienten der Verständigung über die konkreten Forschungsvorhaben der Beteiligten, aber auch der Diskussion von Fragen der Erkenntnis, der Wissenschaft und Gesellschaft insgesamt. Im Laufe der Monate sollte Vertrauen entstehen zwischen den Fellows, Voraussetzung echter Gespräche, und ein Verständnis für das Vorgehen verschiedener Wissenschaftszweige. Derweil sorgte das Institut mit wenig Mitteln, aber großem persönlichen Einsatz für Unterstützung. Dazu zählte damals beispielsweise der Zugang zu Fax- und Kopiergerät sowie auch zu PCs – diese Umstände vergegenwärtigt man sich heute vielleicht nicht mehr, das konnte aber damals karriereentscheidend sein und war unter Umständen mit erheblichen Mühen verbunden. Besonders wertvoll waren auch die internationalen Verbindungen, in denen das NEC entstand, und die Zuwendung der westlichen Partner: Die persönlichen Kontakte zu hochrangigen Kolleginnen und Kollegen war für die ersten Fellows – kaum einer von ihnen hatte zuvor seine Forschungen nach eigenen Maßstäben verfolgen oder gar eine Konferenz im Ausland besuchen können – von großer Bedeutung. Die Fellowships enthielten auch immer die Mittel für einen Extra-Monat im Ausland, an einer Institution, die sich für die spezifischen Forschungen der Einzelnen besonders anbot. Durch die Einbindung des von Anfang an international und hochrangig besetzten wissenschaftlichen Beirats und die Einladung berühmter Gastprofessoren bot das NEC seinen Fellows zusätzliche Möglichkeiten der Vernetzung an.

Alle diese Elemente der Fördertätigkeit des Instituts waren sorgfältig bedacht und basierten auf der Diagnose, die Andrei Pleşu seinem Land und speziell dem Bereich der Geistes- und Gesellschaftswissenschaften gestellt hatte: weithin ideologisch verkrüppelt und obsolet, unterfinanziert und ideen-arm, beschränkt und parzelliert, unfähig zu Austausch und Kooperation. Dass es möglich wurde, ein solches Angebot für rumänische Forscherinnen und Forscher zu realisieren, ist aber auch der Auf-bruchsstimmung und Hilfsbereitschaft des Westens in der Nachwendezeit zu danken: Staaten und Stiftungen ließen sich von der Idee begeistern und trugen finanziell zu Aufbau und Betrieb des Instituts bei.

Ein Vierteljahrhundert später hat sich der Kontext gewaltig verändert. Rumänien gehört der EU an; Menschen reisen ohne Visa ein und aus, der durchschnittliche Lebensstandard ist gestiegen, die Wirtschaft wächst. Gelder für Forschung in Rumänien (und vieles andere mehr) fließt aus den Fördertöpfen der Union, sei es direkt, sei es über das eigene Bildungs- oder Forschungsministerium. In Bukarest boomen die Geschäfte, Neubauviertel entstehen rundum in der Hauptstadt, die Kommunikations- und Informationstechnologie ist auf modernem Stand. Zugleich freilich ist die politische Situation unerfreulich: echte Reformen gelähmt durch Querelen aller Art, durch Machtkämpfe, Korruption, Kurzsichtigkeit, Proteste und mangelnde Konstanz – in wenigen Jahren wurden die für Wissenschaft und Forschung zuständigen Regierungsressorts mehrfach umgestaltet, getrennt, anderen Ministerien zugeordnet, wieder neu verschmolzen, das zugehörige Spitzenpersonal ausgetauscht (ScienceǀBusiness zählte 2018 sechs ausgewechselte Forschungsminister für die vergangenen zwei Jahre!), was verlässliche Arbeitsbeziehungen nahezu unmöglich macht. Und die rumänischen Staatsausgaben für Forschung und Innovation befinden sich EU-weit auf einem der niedrigsten Plätze.

Eine dermaßen dynamische Periode wie die vergangenen Jahrzehnte stellt eine kleine, unabhängige Institution wie das NEC auf eine harte Probe. Wie viel an Konstanz ist zu halten, welche Maßnahmen sind den Anforderungen der Gegenwart noch angemessen? Wie ist auf die neuen Entwicklungen zu reagieren, welche neuen Aufgaben sind anzupacken?

Das New Europe College ist seit seiner Gründung deutlich gewachsen. Seit der Jahrtausendwende residiert es in einem gepflegten Gebäude, wo Veranstaltungsräume, Büros und Bibliothek untergebracht sind; in Studios können sogar einige Fellows unter dem eigenem Dach beherbergt werden. Es ist wahrlich ein Glücksfall, dass die Schweizerische Eidgenossenschaft die Nutzung dieser Immobilie an das Institut abgetreten hat: Dadurch wurden Aktionspotential und Sichtbarkeit des NEC deutlich erhöht. Zu Vorträgen, Diskussionsrunden oder auch Konzerten kann nun ein größeres Publikum eingeladen werden. Getreu den ursprünglichen Gedanken des Gründers und bestärkt durch Anregungen aus dem international besetzten Stiftungsrat nimmt das Institut neuerdings verstärkt die Aufgabe wahr, auch in die Öffentlichkeit hineinzuwirken. Es will nicht nur zur Innovation in der Wissenschaft beitragen, sondern auch zur Weiterentwicklung einer demokratischen, freiheitlichen Gesellschaft mit Debatten zu relevanten Fragen der Gegenwart. Gerne arbeitet das Institut dabei auch zusammen mit anderen Partnern (Wissenschafts- und Kulturinstituten, Botschaften, zivilgesell-schaftlichen Organisationen).

Das wichtigste Element im ‚Portfolio‘ des NEC sind jedoch Fellowships für herausragende Nachwuchsforscher geblieben. Gewiss, es gibt heute manche Angebote für junge, gute, ehrgeizige Wissenschaftler auch im Osten Europas, wenn nicht im Lande selbst, dann doch international. Kaum einer der Bewerber am NEC ist ohne Auslandserfahrung. Was Fellowships aber bieten können, das ist förderlich wie eh: finanzielle und administrative Unterstützung, intellektuelle Auffrischung und Anregung, Konzentration auf ein wichtiges Projekt, zugleich aber auch Einladung zum Dialog und zur Verständigung mit Anderen. Während zunächst nur rumänische Wissenschaftler berücksichtigt wurden, hat das NEC bald auch Programme mit unterschiedlichen Zielrichtungen aufgelegt. Dazu kamen Module für Rückkehrer aus dem Ausland, mit der Motivation, dem brain drain etwas entgegenzusetzen. Als sich das Institut im Lande gut etabliert hatte, öffnete es seine Pforten für wissenschaftliche Nachwuchskräfte aus den Nachbarländern Rumäniens, schließlich für Interessenten weltweit. Einen besonderen Fokus hat das NEC in den letzten Jahren, mit substantieller Unterstützung der VolkswagenStiftung, auf einen Ausbau der Angebote für begabte Akademiker und Intellektuelle aus den Ländern rings ums Schwarze Meer gelegt: ein gezielter Beitrag zur europäischen Nachbarschaftspolitik im Wissenschaftsbereich.

Eine neue Funktion hat das Institut angenommen, indem es auch als Plattform dient für Alumni und Alumnae, die bei anderen Stellen (Forschungsfonds, Stiftungen) erfolgreiche Projektanträge gestellt haben. Mit seiner Erfahrung, seiner effizienten, zuverlässigen und flexiblen Verwaltung ist es als Servicedienstleister im Vergleich mit den bürokratischen, schwerfälligen Staatsinstitutionen ideal aufgestellt. Das zeigt sich etwa bei den hoch renommierten (und hoch dotierten) grants des European Research Councils: Von den insgesamt sechs Projekten, die von rumänischen Forschern bisher ins Land geholt wurden, sind deren drei vom NEC aus gestellt worden – dieser kleinen, unabhängigen Struktur, einem Winzling gemessen an den großen Universitäten oder den Akademieinstituten! So ermutigt das Institut auch ehrgeizige junge, im Ausland ausgebildete Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, nach Rumänien zurückzukehren und von da aus ihre Projekte zu betreiben.

Voraussetzung solcher Leistungen des NEC ist das Engagement seiner langjährigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Sie verkörpern das institutionelle Gedächtnis, kumulieren Erfahrung und Kompetenz und haben großes Vertrauen aufgebaut - ein ganz wesentliches institutionelles Kapital in solchen Umbruchszeiten. Einen Schatz besitzt das Institut auch in der großen Schar seiner Ehemaligen. Die meisten sind in Universitäten und Forschungsinstituten tätig geblieben und tragen dort zur Reform der Strukturen bei. So darf man konstatieren, dass das NEC eines seiner Gründungsziele erreicht hat: sich für die Erneuerung einer wissenschaftlichen, intellektuellen und politischen Funktionselite einzusetzen.

Für die Fellowships rumänischer Postdoktorandinnen und Postdoktoranden trägt seit nun mehr als zehn Jahren der eigene Staat als Geldgeber bei. Aber um den Grundbedarf des Instituts zu decken und die internationale Ausrichtung zu sichern, bedarf es wie seit 1994 der Unterstützung aus dem westlichen Ausland. Während es kurz nach dem Fall des Eisernen Vorhangs eine großzügige Spendebereitschaft gab, ist es dreißig Jahre später schwer geworden, Geld für die Arbeit dieses hervorragenden Instituts einzuwerben – obwohl seine Aktivität unter den heutigen Bedingungen so wertvoll ist wie früher, wenn auch mit anderen gesellschaftspolitischen Begründungen. Aber das NEC wird weiterhin versuchen, Stiftungen in Deutschland, Österreich, in der Schweiz und anderswo davon zu überzeugen, dass sich ein Einsatz hier „lohnt“, dass für vergleichsweise geringe Mittel große Wirkungen erreicht werden können. Zugleich hat das Institut auch energisch die Suche nach privaten Sponsoren innerhalb Rumäniens angepackt und kann stolz auf erste Erfolge verweisen.

Zum Geburtstag ist diesem initiativen und effektiven Zentrum für herausragende Forschung und intellektuellen Dialog zu wünschen, dass es noch viele Jahre bestehen und im Wandel seiner Mission treu bleiben möge. Zahlreiche Forscherinnen und Forscher, Bürger und Intellektuelle werden Gewinn davon haben, denn dies ist ein Ort, wo Europäer aus Ost und West, aus Nord und Süd sich treffen und ganz selbstverständlich in verschiedenen Sprachen vortragen, diskutieren und sich austauschen können.

 

30.09.2019

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Foto: NEC

 

25 Jahre New Europe College (NEC) in Bukarest
 

 Der Leuchtturm der Advanced Studies in Südosteuropa

 

 

Die Anfänge waren mehr als bescheiden: Die wenigen Stipendiaten wohnten in den Wohnungen des Direktors Andrei Pleșu und der Architektin Marina Hasnaș, die die administrativ-finanzielle Seite des Vorhabens betreute. Von dort wurde auch die Verwaltung gemacht, es gab kein eigenes Gebäude, keine Bibliothek und keine weiteren Angestellten. Treffen der Fellows fanden in den Gärten befreundeter Hausbesitzer statt. Heute ist das NEC in Bukarest in einem schönen eigenen Gebäude in der Strada Plantelor im malerischen Viertel Măntuleasă untergebracht mit Räumen für Fellows aus aller Welt, es gibt ein eingespieltes Team, das zahlreiche Programme und Aktivitäten anleitet und eine wohl ausgestattete geisteswissenschaftliche Bibliothek.

 

Dass dieses Zentrum für fortgeschrittene Studien seinen Anfang nehmen konnte, hat mit dem Berliner Wissenschaftskolleg zu tun, wo der frühere rumänische Kulturminister Andrei Pleșu als Fellow sich für die Idee dieser nach amerikanischem Vorbild eingerichteten Forschungseinrichtung begeisterte. Das Angebot von der damaligen Wiko-Leitung unter Wolfgang Lepenies, doch einen Antrag zu formulieren, den dann das Wiko bei Stiftungen oder Institutionen unterstütze, führte tatsächlich zum Erfolg und dem bescheidenen Beginn des heutigen, weit über Rumänien hinaus strahlenden Kollegs. Möglich wurde dies, weil eine Reihe von Institutes for Advanced Studies, Stiftungen und Ministerien in Europa und Amerika einen Preis an Pleșu verliehen, der die finanzielle Basis des neuen Kollegs werden sollte.

 

Direktorin des NEC ist mittlerweile die Pianistin und Musikwissenschaftlerin Valentina Sandu-Dediu, die 2014 Andrei Pleșu ablöste. Im Gespräch mit ihr und Lelia Ciobotariu, die im Kolleg als Nachfolgerin von Marina Hasnaș für die Geschäftsführung zuständig ist, sind die Anfänge des Instituts weiterhin Anlass für das Staunen, was sich aus dem Preis, den Pleșu seinerzeit erhielt, entwickelte. "Es haben etwa 1000 Stipendiaten bisher das NEC frequentiert, davon waren 75% rumänische WissenschaftlerInnen."

 

Seit den Anfängen gibt  das NEC keine Themenausrichtung vor, innerhalb derer sich die StipendiatInnen bewegen sollen, sondern ist offen für viele Bewerbungsthemen. "Bei ihrer Auswahl folgte es keinem allgemeinen jährlichen Programm, sondern das NEC wollte immer eine möglichst freie Auswahl der Themen vor allem aufgrund der Qualität der Stipendienanträge gewährleisten", erläutert Frau Sandu-Dediu. Eine Haltung, die bis heute das Institut prägt: "Die wissenschaftliche Unabhängigkeit ist für uns das wichtigste." So ist das Kolleg auch keine vom rumänischen Staat finanzierte Institution, sondern greift auf wechselnde und vielfältige Unterstützung zurück - vor allem internationale.

 

Dabei hat sich in den zweieinhalb Jahrzehnten in der Finanzierung einiges verändert. Seit dem Beginn hat etwa das deutsche Innenministerium über ein Programm die fixen Kosten für die Verwaltung getragen. Diese Förderung lief nach 15 Jahren aus, so dass das Colegiu auf diesem Gebiet sich immer wieder neu orientieren muss. Frau Ciobotariu erwähnt, dass diese Anstrengungen von großem Erfolg gekröntsind. So hat das NEC nicht zuletzt durch die Arbeit der wissenschaftlichen Direktorin Anca Oroveanu drei EU-Projekte an Land gezogen, eines davon forscht unter der Leitung von Constanța Vintilă-Ghițulescu zu Luxus, Mode und Sozialstatus im frühneuzeitlichen Südosteuropa. Ebenso wird das Projekt Pontica Magna von der deutschen VolkswagenStiftung gefördert, das auf das frühere Balkans-Black Sea-Project folgt und WissenschaftlerInnen von der Schwarzmeer-Region bis nach Zentralasien zusammenbringt. Hauptfinanzier ist zur Zeit aber die Schweiz: Die Schweizer Landis & Gyr Stiftung übernahm die Absicherung der Grundkosten für Gebäude, Personal u.a. Schon seit dem Beginn des Vorhabens engagierte sich die Schweiz. Als die Frage eines eigenen Gebäudes sich stellte, fand sich das fast verfallene Haus der Schweizer Kaufmannschaft, das der Botschafter sofort unterstützte. Die Architektin Marina Hasnaș konnte mit ihrem Lehrer Prof. Nicolae Vlădescu auch einen Fachmann animieren, sich des Projekts anzunehmen, so dass das NEC seit 2000 im eigenen schmucken Gebäude mit großem Garten residiert.

 

Über die Jahre hat Katharina Biegger für das Wiko die Arbeiten mit dem NEC koordiniert und vorangebracht. Sie konstatiert ebenfalls:  "Die Verhältnisse haben sich natürlich stark geändert, und in diesem Sinne hat auch die Arbeitsweise des NEC sich modifiziert, erweitert, dynamisiert, flexibilisiert. So erfordern es die modernen Bedingungen in der academia - und offenbar auch die Finanzierungsbedingungen der Förderinstitutionen, ob privat oder staatlich. Das bringt ein unabhängiges Institute for Advanced Study mit der Einladung von Geistes-/Sozialwissenschaftlern, die ihre Arbeitsthemen frei bestimmen können, in eine gewisse Zwangslage: Denn heute wird vermehrt nach output, outreach, policy relevance, Anwendbarkeit usw. verlangt. Trotzdem hat es das NEC bisher geschafft, die anspruchsvolle Balance zwischen Anpassung und Kontinuität in seiner Kernaufgabe zu halten."

 

Dass das NEC einen sichtbaren Einfluss auf die Kommunikation innerhalb der Wissenschaftslandschaft Südosteuropas hat, lässt sich allein schon an der Zahl und Karriere seiner Fellows ablesen. Nicht nur fast 1000 RumänInnen, denen der Aufenthalt den Austausch mit ausländischen WissenschaftlerInnen ermöglichte und oft einen  entscheidenden Sprung in ihrer Forscherkarriere bedeutete, sondern auch viele Gäste aus dem Ausland lernten die rumänische Hauptstadt als Forschungsschauplatz durch das NEC kennen. Unter den Fellows befanden sich u.a. der Philosoph Horia Patapievici, der Kulturwissenschaftler Andrei Oișteanu, der Leiter des Bukarester Germanistiklehrstuhls Gabriel Horațiu Decuble, die Schriftstellerin und Philologin Ioana Părvulescu, die Schriftstellerin Smaranda Vultur, der Kunsthistoriker Victor Stoichiță, der Temeswarer Soziologe Robert S. Reisz, der Historiker und Aussenminister Mihai-Răzvan Ungureanu.  Aus dem Ausland waren Gäste Wolfgang Kemp, Keith Hitchins, Jacques Derrida, Herta Müller, Adam Michnik, Timothy Garton Ash, Yehuda Elkana u.v.a.

 

Den 25. Geburtstag begeht das NEC mit diversen Veranstaltungen. Zum Auftakt erhielt es bereits im letzten Jahr Besuch von Staatspräsident Klaus Johannis, es folgten Debatten mit dem früheren Direktor des Wiko, dem Verfassungsrechtler Dieter Grimm und dem St. Galler Politologen Dirk Lehmkuhl; den Abschluss bildet im November ein Vortrag des Schriftstellers, Dissidenten und jetzigen Botschafters Rumäniens in Berlin, Emil Hurezeanu.

 

 

www.nec.ro

 

 

Die Zeitschrift Dilema veche (Gründer: Andrei Pleșu) brachte in ihrer Ausgabe vom 23-29. Mai 2019 (nr. 796) ein Dossier zum 25. Geburtstag des NEC heraus mit Interviews und Beiträgen von Pleșu, Sandu-Dediu, Lepenies, Joachim Nettelbeck (Wiko), Heinz Hertach (Landys & Gyr) u.a.

 


Herbst der Entscheidungen

 

 

 

Das politische Rumänien nach den Europawahlen

 

 

 

 

 

 

 Nachdem der PSD-Vorsitzende Liviu Dragnea im Mai seine Gefängnisstrafe wegen Wahlfälschung und Korruption

angetreten hat und seine Partei eine heftige Niederlage bei den EU-Wahlen erlitt, haben sich eine Reihe von merk-

 

 

Foto: www.kultro.de

 

lichen Veränderungen in der politischen Landschaft Rumäniens ergeben. Ihr Höhepunkt ist das Auseinanderbrechen der Regierungskoalition aus PSD und ALDE.

Die Regierungschefin Viorica Dăncilă versuchte zunächst, ihre Partei PSD von den Altlasten Dragneas zu befreien. Die zahlreiche Vorwürfe der Gängelung der Justiz hervorrufenden Gesetzesvorhaben wurden weitgehend eingestellt, die umstrittene Parlamentskommission zu diesen Gesetzesvorhaben unter der Leitung von Florin Iordache (PSD) jetzt aufgelöst. Entgegen diesen Anzeichen einer Anerkennung der Proteste gegen Dragneas Politik stimmte Rumänien allerdings zusammen mit 5 anderen Ländern gegen die Wahl der früheren "Korruptionsjägerin" Laura Kövesi für das Amt des Generalstaatsanwalts der EU. Die mög-licherweise größte Unruhe verursachen neben dem deutlichen Zeichen der Europawahlen die bevorstehenden Präsidentschaftswahlen. In der Koalition und den mit ihr verbundenen Parteien bedurfte es der Klärung, wer für das höchste Staatsamt  kandidiere. Dem Koalitionär Călin Popescu Tăriceanu (ALDE) schien eine eigene Kandidatur nicht aussichtslos, während Dăncilă sehr bald alle innerparteilichen Aspiranten düpierte und sich selbst als Kandidatin der PSD küren ließ und damit  Tăriceanu keine Hoffnung auf eine Kandidatur des PSD-ALDE-Lagers ließ.

 

Bis es am 26. August 2019 zum Rückzug der ALDE aus der Regierung und dem Rücktritt ihres Vorsitzenden Tăriceanu vom Amt des Senatspräsidenten kam, machten in den Medien zahl-reiche politische Planspiele und Taktiken die Runde. Eine offensichtliche Rolle spielte der frühere Dragnea-Gefährte Victor Ponta mit seiner PSD-Abspaltung PRO România, die mit 30  Abgeordneten im Parlament vertreten ist. Es gelang  Ponta, Tăriceanu zu beeinflussen, einen gemeinsamen Präsidentenkandidaten zu benennen (den früheren Schauspieler und Euro-Abgeordneten Mircea Diaconu). Verhandlungen mit seiner früheren Partei PSD waren für Ponta erfolglos geblieben.

 

Nach dem Bruch der Koalition warf Tăriceanu dem bisherigen Koalitionspartner vor, keine gründliche personelle Neustrukturierung der Regierung in Angriff zu nehmen. Dăncilă hatte mehrere Minister entlassen, unter ihnen die Bildungsministerin Ecaterina Andronescu,  nachdem diese im Zusammenhang mit den Mordfällen in Caracal geäußert hatte, dass sie nicht als Anhalterin in ein Auto zu Fremden steigen würde. Auch der zuständige Innenminister musste gehen. (Präsident Johannis warf der PSD vor, in zweieinhalb Jahren 3 Ministerpräsidenten und mehr als 70! MinisterInnen verbraucht zu haben - mehr als alle Regierungen seit 1919 zusammen!) Tăriceanu unterstellte Dăncilă auch, sie habe mit ihrem härtesten Gegner, Präsident Johannis, Abmachungen getroffen hinsichtlich von Ministervorschlägen, aber nicht mit ihm -Tăriceanu- als Koalitionspartner.

 

Dăncilă versuchte nach dem Bruch der Koalition und dem Verlust der Mehrheit im Parlament die Minister der ALDE in der Regierung zu halten, was zu Verwerfungen in der  neuen Opposi-tionspartei führte, da Außenministerin Ramona Mănescu und das umstrittene Urgestein Teodor Meleșcanu ihre Posten beibehielten und daraufhin von Tăriceanu aus der Partei ausgeschlossen wurden bzw. austraten. Auch die UDMR (Partei der ungarischen Minderheit) kündigte ihre Unterstützung für die Regierung. Als Regierung ohne Mehrheit stützt sich Dăncilă jetzt auf ihre Partei und die ethnischen Minderheiten, die mit jeweils 1 Stimme im Parlament vertreten sind und als Fraktion üblicherweise mit der Regierung stimmen. Ovidiu Ganţ, Vertreter des DFDR (Demokratisches Forum der Deutschen in Rumänien), machte allerdings klar, dass er nicht mit der Regierung stimmen werde, solange die PSD nicht von ihren nationalistischen und xenofoben Angriffen auf Präsident Johannis ablasse.

 

Die größte Oppositionspartei PNL unter Führung von Ludovic Orban, kündigte ein baldiges Misstrauensvotum im Parlament gegen die Minderheitsregierung von Dăncilă an. Es soll  am  1. Oktober stattfinden. [Mittlerweile wurde der Termin auf den 10. Oktober gelegt.] Orban erwartet, dass er danach Premierminister werde, obwohl die Spekulationen über mögliche traseiști (Fraktionswechsler) jetzt ins Kraut schießen. Pontas Partei könnte bei dem Misstrauensantrag eine wichtige Rolle spielen.

 

Präsident Johannis verweigerte im Konflikt mit der PSD-ALDE-Koalition mehrfach Dăncilăs Ministervorschlägen die Zustimmung und ließ mehrere KandidatInnen für Ministerposten warten oder lehnte sie definitiv ab. Allerdings zieht er sich dadurch den Vorwurf zu, die Politik zu blockieren, was insbesondere im Falle der Verbrechen im Juni und September an Kindern und Minderjährigen die interimistische Verwaltung des Innenministeriums ins Rampenlicht brachte. Auf der anderen Seite machen viele nun der Regierung Vorwürfe, sie hätte mit ihrer Freilassung von mehreren Hundert Gefängnisinsassen aufgrund eines neuen Gesetzes 2018 die Unsicherheit im Lande erhöht.

 

Für die bevorstehende Präsidentenwahl sind von der Wahlbehörde BEC  (Biroul electoral central) 14 KandidatInnen akzeptiert worden. Unter ihnen Johannis, Dăncilă, Dan Barna (USR), Diaconu (ALDE u. Pro România), Kelemen Humor (UDMR). Welche Funktion im politischen Feld die gesellschaftlichen Proteste um das Behördenversagen in den Mordfällen von Caracal oder einem weiteren in Dâmboviţa spielen, ist unklar, aber unübersehbar: Hatte das noch offene Drama von Caracal bereits zu Ministerentlassungen geführt, so nahm ein Verwandter die Ermordung seiner Nichte Alexandra Măceșanu zum Anlass, sich als Kandidat aufstellen zu lassen. Alexandru Cumpănașu erhielt von den Eltern des Mädchens die Vertretungsrechte für alle Pressekontakte und Verlautbarungen. Der Vorsitzende der AIPD (Asociaţia Pentru Implementarea Democraţiei - Verein für die Einführung der Demokratie) kam allerdings bereits ins Gerede wegen seines ungewöhnlich hohen Salärs aus verschiedenen Anstellungen.

 

Wären jetzt Parlamentswahlen, so lägen nach der Zeitung Adevărul laut Umfragen in der Bevölkerung PNL (28 %) deutlich vor PSD (25%) und USR+ (22%). ProRomânia erreichte demnach um die 8 %, ALDE nur 4%. Es ist allerdings nicht davon auszugehen, dass diese Zahlen sich auch in den Präsidentenwahlen spiegeln werden. Besonderes Augenmerk liegt auf dem Abschneiden von Dan Barna für die junge Partei USR (Uniunea Salvaţi România - Union Rettet Rumänien), die sich mit der Gruppe PLUS des früheren Premierministers und EU-Kommissars Daniel Cioloș verbunden hat. USR entstand aus Bukarester Protestgruppen und alternativen Milieus und schaffte es in kurzer Zeit, im ganzen Land eine Parteistruktur aufzubauen und 2016 mit insgesamt 40 Sitzen in beide Häuser des Parlaments einzuziehen. Bei den Europawahlen erreichten sie mit 21 % den dritten Platz hinter PNL und PSD. Nach dem Absturz der PSD sehen viele Kommentatoren in Barna den eigentlichen Konkurrenten in der Präsidentenwahl. Indessen nutzt Präsident Klaus Johannis die Wirkung seiner internationalen Präsenz, um alle Konkurrenten um das Amt und auch die Kritik an seiner Politik, er erscheine  wenig initiativ angesichts der strukturellen Probleme des Landes zu überstrahlen. In der Hauptstadt Bukarest ist sein Slogan auf Transparenten an Häuserwänden zu sehen: Pentru o Românie normală - 'Für ein normales Rumänien'.

 

UPDATE 10.10.2019:

 

Die Regierung von Viorică Dăncilă (PSD) wurde durch ein Misstrauensvotum der Opposition gestürzt. Es stimmten Abgeordnete 238 für die Abwahl, 5 mehr als notwendig. Unter diesen Stimmen sollen sich 3 Abgeordnete der PSD befunden haben. Neuer Premierminister soll Ludovic Orban (PNL) werden.


Rumänien im Sommer (III)

 

Medien und Behörden

 

 

 

 

 

Craiova

Foto: www.kultro.de

 

In diesem Sommer kannte die rumänische Presse kein "Sommerloch" - dafür sorgte nicht nur die Politik, sondern auch aufsehenerregende Vorfälle beschäftigten die Öffentlichkeit. Zunächst war es ein Fall von Adoption, der die Gemüter landesweit in Aufwallung brachte. Im Fall von Sorina , einem 8-jährigen Mädchen, begann alles am 21. Juni, als Bilder einer das schreiende und weinende Kind am Arm zerrenden Frau auftauchten, während im Hintergrund die "mascați", die üblicherweise maskiert auftretenden Polizisten der Brigada de intervenție dabei zusahen. Das Kind wurde von seinen Pflegeeltern in Baia de Aramă (Kreis Mehedinți) in Oltenien abgeholt, um zu seinen Adoptiveltern in Craiova gebracht zu werden. Die Frau auf den Bildern mit dem schreienden und sich wehrenden Kind war eine Staatsanwältin. Freunde der Pflegeeltern hatten die Szene mit dem Smartphone gefilmt und über soziale Netze verbreitet, so dass sie in kürzester Zeit auch die Redaktionen der Presse und vor allem der privaten Sender wie antena 3, B1tv, realitatea erreichten. Von dort wurden wie üblich umgehend "meinungsstarke", d.h. in diesem Fall Vorurteile bekräftigende und Emotionen aufrührende Berichte gesendet, die den Adoptiveltern alles vorwarfen, was die Bilder scheinbar belegten: Herzlosigkeit, Unmenschlichkeit, Verachtung der Pflegeeltern, bei denen das Kind 7 Jahre gelebt hatte. Hinzu kam, dass die Adoptiveltern in den USA wohnen und somit sich mehr oder minder unterschwellig noch ein Affekt gegen die ausgewanderten Rumänen einschlich, während die Pflegeeltern als de la noi (von uns) positioniert wurden. Einen Tag später demonstrierten bereits etwa 100 Menschen vor dem Haus der Pflegeeltern "für Sorina" und später vor dem Berufungsgericht in Craiova gegen ihre Adoption. Sie trugen Schilder mit den Losungen "Zerstört nicht das Glück eines Kindes", "Vereint euch für Sorina", "Lasst Sorina entscheiden" ( das rumänische Gesetz sieht eine Mitwirkung des Kindes erst ab 10 Jahren vor). PolitikerInnen wurden zum Eingreifen aufgerufen, Premierministerin Dăncilă - selbst Adoptivmutter eines Jungen, wie sie in einem Interview mit antena 3 im Januar des Jahres offengelegt hatte - sprach sich für eine Berücksichtigung des Kindeswohls und die Bestrafung der falsch handlenden Institutionen aus. Auch die Justiz wurde aktiv, Generalstaatsanwalt Bogdan Licu verlangte, die Ausreise der minderjährigen Adoptierten zu unterbinden, da sie keinen Pass habe und verhinderte so für zwei Wochen die Ausreise, bis das Gericht in Craiova entschied, dass die Adoption rechtens sei. So konnte die Familie Mitte Juli in die USA ausreisen.

Die Vorgeschichte dieser Adoption ist kompliziert und zog sich über 2 Jahre hin. Die Zeitung Adevărul  listete auf, welche juristischen und Verwaltungsschritte seit ihrer Ankunft in der Pflegefamilie 2012 mit anderthalb Jahren unternommen worden waren. Nachdem Sorina für adoptibilă (adoptionsfähig) erklärt worden war, hatten über 100 Familien sie abgelehnt (wohl vor allem, weil sie ursprünglich aus einer Roma-Familie kommt). Dadurch wurde sie als "schwer vermittelbar" auch für im Ausland lebende rumänische Familien adoptierbar. (Das Gesetz sieht für internationale Adoptionen nur Rumänen mit doppelter Staatsbürgerschaft vor!) Anfang 2018 beantragte die Familie aus den USA die Adoption, während die Pflegefamilie in Baia de Aramă, die noch andere Pflegekinder aufzieht, dies nicht tat und  zu einem bestimmten Zeitpunkt ausdrücklich auf die Adoption verzichtete. Sie hatte bei der DIICOT (Direcția de Investigare a Infracțiunilor de Criminalitate Organizată și Terorism - Sonderstaatsanwaltschaft für die Untersuchung von Verbrechen der organisierten Kriminalität und Terrorismus) geklagt, dass die Adoptivfamilie das Kind lediglich zur Organentnahme haben wolle. Im April 2019 entschied das Berufungsgericht in Craiova endgültig, dass die Adoption durch das rumänische Ehepaar in den USA rechtens sei. Die Behörden zeigten eher weniger  Entschlusskraft, bis im Juni die Staatsanwältin das Kind zu einer Untersuchung abholte.

Im Nachhinein gesehen warf der Fall ein Schlaglicht auf die nicht wenigen Kinder, die nach der Geburt in das System staatlicher Obhut geraten. Die katholische Theologin Gabriela Blebea Nicolae verwies in der Zeitschrift Dilema veche auf die noch viel schlechtere Lage der Kinder, die nicht wie Sorina adoptiert werden und mit der Volljährigkeit kaum Chancen auf ein selbstbestimmtes Leben außerhalb des staatlichen Betreuungssystems haben.

Advărul berichtete im September noch einmal über Sorina, als der Vater aus den USA verlauten ließ, dass es dem Mädchen gut gehe, es sich mit seinen Geschwistern gut vertrage, Klavier lerne und zum Ballett gehe.

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Begann sich Mitte Juli die Öffentlichkeit nach der Abreise des adoptierten Kindes in die USA von dem Fall allmählich abzuwenden, so sollte das Verschwinden zweier Jugendlicher ebenfalls in Oltenien für eine bis heute anhaltende Aufregung in der Öffentlichkeit sorgen und viele an den Brand in dem Club Colectiv erinnern, in dessen Folge eine ganze politische Protestbewegung gegen die Korruption entstanden war.

Am 25. Juli gab die Familie von Alexandra Măceșanu über soziale Netzwerke ihre Suche nach der Jugendlichen bekannt, die am Tag zuvor morgens von ihrer Heimatgemeinde Dobrosloveni die wenigen Kilometer in die Kreisstadt Caracal per Anhalter gefahren war. Seither hatte sie niemand mehr gesehen oder kontaktieren können. Auch die Lokalpolizei suchte bereits nach der Jugendlichen und teilte dies in den sozialen Netzwerken mit. Was aber wenige Stunden später bekannt wurde, sollte den Fall zu einem weiteren Beweis für die fatalen Folgen rumänischen Behördenversagens machen. Denn während die lokale Polizei erst allmählich tätig wurde, erhielt die Mutter der Jugendlichen einen Anruf, in dem eine männliche Stimme mitteilte, dass Alexandra mit einem Freund nach England gefahren sei, um Geld zu verdienen und es ihr gut gehe. Dass dies nicht zutraf, wurde im Nachhinein klar, weil es am gleichen 25. Juli von 11:05 Uhr an drei Anrufe von Alexandra bei der Polizei unter der Notfallnummer 112 gab, in denen sie sagte, dass sie von einem Mann entführt und vergewaltigt wurde und in einem Haus gefangen sei. Der veröffentlichte Mitschnitt der Telefonate macht deutlich, dass die Jugendliche verzweifelt und voller Angst auf die Gefahr aufmerksam machen wollte, in der sie schwebt, während die jeweiligen Polizisten ihr nicht zu glauben schienen bzw. nicht in der Lage waren, von Alexandra die nötigen Informationen zu erhalten, um sie zu finden oder die Anrufe an die Stelle weiterzuleiten, die mit dem Verschwinden eines Mädchens aus Dobrosloveni sich befassen. Auch dem STS (Serviciul de Telecomunicaţii Speciale) gelang es nicht, anhand der Anrufdaten genau den Aufenthaltsort zu bestimmen. Die letzten Worte des Mädchens sind "vine, vine, criminalul" (er kommt, er kommt, der Verbrecher).Diese sprach sie, als sie von der Polizei auf dem Telefon zurückgerufen wurde. Mittlerweile wird davon ausgegangen, dass der Täter wenig später die Jugendliche tötete und in einer Metalltonne verbrannte.

Der Polizei gelang es erst gegen 2:30 Uhr am nächsten Morgen, den Aufenthaltsort von Alexandra herauszufinden, allerdings wartete sie bis 6:00 Uhr, um das Gelände des Gheorghe Dincă zu betreten, da dann erst ein Staatsanwalt die Erlaubnis erteilte. Dincă wurde auf dem Gelände angetroffen und stundenlang vernommen (offensichtlich unter Gebrauch von körperlicher Gewalt), wobei er zunächst die Tat leugnete.

Mittlerweile hatte ein Beamter der DIICOT im Zusammenhang mit dem Geschehen auch den Fall der bereits im April aus dem nahe bei Caracal liegenden Dorf Radomir, Gemeinde Dioști im Nachbarkreis Dolj verschwundenen 18-jährigen Mihaela Luiza Melencu aufgebracht und Dincă hierzu befragt. Die Schülerin war ebenfalls auf dem Weg nach Caracal verschwunden, wo sie Geld an einem Bankautomat abheben wollte, das ihre in England arbeitende Mutter geschickt hatte. Melencu lebte bei ihren Großeltern und ging in Craiova auf die Schule. Nachdem sie nicht von ihrer Fahrt per Anhalter zurückkehrte, wandten sich die Großeltern an die Polizei, die diesen Fall sehr zögerlich behandelte. Auch in diesem Fall gab es einen Anruf, bei dem ein Mann erklärte, dass die junge Frau mit einem Freund in die Schweiz gegangen sei und es ihr gut gehe.

Als am 26. Juni diese Nachrichten bekannt werden, geht eine Welle der Empörung nicht durch die lokale Bevölkerung des Kreises Olt. Über das Internet und das Fernsehen verbreiten sich die aktuellen Informationen, es kommt nicht nur in Caracal zu spontanen Demonstrationen mit Hunderten von Beteiligten. Alexandra victimă voastră eroina noastră (A. euer Opfer, unsere Heldin), Alexandra a sunat, nimeni nu a acționat (A. hat angerufen, niemand hat gehandelt), Vrem dreptate (Wir wollen Gerechtigkeit), Iartă-ne Alexandra (Verzeihe uns, A.), Corupția ucide (Korruption tötet), Rușine (Schande) lässt sich auf den selbst gebastelten Plakaten und Bannern lesen. Vor dem Anwesen des vermutlichen Täters versammelt sich eine Menge, die Polizei und Justiz ausbuht und Lärm macht, als der Verdächtige abtransportiert wird.

In Fahrt gekommen, setzt der Skandal nicht nur ungehemmte Verdächtigungen, Spekulationen, Vorwürfe frei, sondern veranlasst die Entlassung sowohl des höchsten Polizisten des Landes wie auch einiger weiterer unmittelbar Beteiligter Polizisten wie aus der STS. Ohne Unterlass beschäftigen die Hintergründe und Versäumnisse der Institutionen sowohl Presse als auch das Internet. Befördert wird dies durch die weitreichende Untersuchung des Geländes, auf dem der Verhaftete die beiden Frauen nach eigener Aussage ermordet hat und möglicherweise noch weitere grausige Funde gemacht werden. In jahrelanger Tätigkeit hatte der 66-jährige Dincă ein unübersichtliches Labyrinth von Aufbauten, Kellern, Zimmern mit einem überwucherten Hof an einer Ausfallstraße von Caracal geschaffen. Dincă lebte von Klempnerarbeiten, illegalen Taxifahrten, Kleinhandel. Aufnahmen von Überwachungskameras zeigen ihn an jenem Morgen, als er die Jugendliche Alexandra gekidnappt hatte. Auf dem Gelände gefundene Knochen erwiesen sich als die Alexandras, andere außerhalb in einem Wald gefundene sind die einer 15-20-Jährigen, vermutlich die Luizas.

Die Ermittlungen finden statt in einer Atmosphäre des Misstrauens, da viele jetzt von einer bisher tabuisierten Existenz von kriminellen Clans mit sehr guten Verbindungen zu Polizei und Politik in den vernachlässigten Städten Südrumäniens sprechen. Caracal sei eines der Zentren des Menschenhandels in Südrumänien, in dem junge Frauen zur Prostitution in Europa gezwungen werden.


Mehr Enescu!

 

 

 

Das Festival in Bukarest mit den großen Orchestern und den Spitzenstars

 

 

 

Fotos: www.kultro.de

 

 

In der ersten Woche des Dirigats von Kirill Petrenko mit den Berliner Philharmonikern führt die Reise das Spitzenorchester nach Salzburg, Luzern und - Bukarest! Hier eröffnen sie das 24. George Enescu-Festival mit zwei aufeinanderfolgenden Abenden, die nach den Berliner Auftritten in der Philharmonie und am Brandenburger Tor (vor 30000 HörerInnen) große Erwartungen erweckten.

 

Dem Schauplatz und dem Anlass entsprach der Auftakt mit Enescus Rapsodia română, deren Präzision unleugbar war, deren Esprit von dem hochkarätigen Orchester aber eher nur angedeutet wurde. Wo Enescu rumänische Geigen im Tanz erklingen lässt, hört man eine Art Abstraktum davon. Dabei hatte noch der künstlerische Leiter des Festivals, Vladimir Jurowski vor Beginn des Konzerts in einer Videobegrüßung darauf hingewiesen, dass es gelte, Enescu als einen der großen Komponisten des 20. Jahrhunderts wahrzunehmen. (In einem Beitrag zum Programmkatalog hat die Musikwissenschaftlerin Valentina Sandu-Dediu einige der Gründe für die nachhaltige Marginalisierung der osteuropäischen Musik zusammengestellt.) 

 

Es folgte Beethovens 9. Symphonie mit der Berliner Besetzung vom Wochenende zuvor (Marlis Petersen, Elisabeth Kulman, Benjamin Bruns, Kwangchul Youn) und dem Philharmonischen Chor „George Enescu“ einstudiert von Iosif Ion Prunner. Hier war die Akribie der Auseinandersetzung mit dem Werk deutlich bemerkbar, Petrenko schöpfte aus dem Vollen seiner Fähigkeiten, wurde jedem der unterschiedlichen Teile gerecht. Der von Beethoven intendierte, zunächst fast kakophonisch wirkende Einsatz menschlicher Einzelstimmen in die Instrumentation wird von Petrenko in eine kontrollierte ausdrucksmächtige Harmonie der Chorstimmen überführt, die noch einmal die Sequenzen der Symphonie in sich aufnimmt. Die Chorführung gelingt dem früheren Orchesterleiter der Komischen Oper Berlin ebenso bewundernswert wie seine Abstimmung der Klangkörper ein überzeugendes Bild der emblematischen 9. Symphonie liefert. Das Publikum zeigt sich begeistert.

Der zweite Abend bietet Schönberg und Tschaikowsky – im Ergebnis mag die Präferenz aus mehreren Gründen auf Schönberg liegen. Den Hauptgrund dafür aber liefert Patricia Kopatchinskaja aus der Republik Moldau. Ihr Spiel in Schönbergs Konzert für Violine, op. 36 ist von einer Lebendigkeit und Darstellungskraft, die wunderbar der Präzision des Orchesters entspricht. Im Programmheft als eines der schwersten – wenn nicht gar das schwerste – Violinkonzert genannt, weicht jede Wahrnehmung von Anstrengung vor der Perfektion von Orchester und Solistin zurück. Es tritt eine Selbstverständlichkeit und moderne Schönheit dieser Musik hervor, die ihren Rang erhöht. (Zu seinem Orchesterjubiläum rief Kopatschinskaja Laurențiu Dincu, den langjährigen rumänischen ersten Geiger der Berliner Philharmoniker hervor, um mit ihm ein Ligeti-Stück zu intonieren.)

Hatte Petrenko bereits bei Beethoven seine lyrische wie auch brachiale Seite erkennen lassen, so kam letztere insbesondere in der Schlussphase von Tschaikowskys 5. Symphonie in e-Moll zum Tragen. Die Organisation dieser rasenden und komplexen Tempi und Wechsel gelingt triumphal in einer ansonsten eher weniger aussagekräftigen Symphonie. Zugespitzt gesagt: Die Überraschung des Abends bleibt Petrenkos Schönberg.

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Wie ein musikalisches Kontrastprogramm gegen die sinfonischen Großunternehmen wirken die Aufführungen im auch architektonisch mit dem Betonbau aus kommunistischer Epoche kontrastierenden ornament- und bilderreichen Baujuwel des Ateneu. So entführte spät abends Michael Keustermans' La Cetra d'Orfeo „Ay Amor“ in die renaissancistische und vorbarocke Musik lateinischer Länder Europas und Südamerikas. Frescobaldi, Juan del Encina, Andres Flores, Falconière, Henry Le Bailly, Juan Garcia de Zéspedes oder Santiago de Murcia waren einige der zahlreichen Komponisten (oder Sammler) der Liebeslieder, die hier aufwendig mit Gewinn präsentiert wurden. Der melancholische Sopran von Marie de Roy trug dazu ebenso bei wie der brillant aufgelegte Bukarester „Madrigal“-Chor in der Einstudierung von Anna Ungureanu (in Kostümen der Epoche) wie auch die illustrativen Tanzeinlagen der ebenfalls in der Kleidung der Zeit auftretenden Tänzer und Tänzerin(Lieven Baert, Jaime Puente, Marie Hurtado). Die Begeisterung des Flötisten Keustermans' und seiner MitspielerInnen Philippe Malfeyt (Theorbe, Charango), Ariane de Bièvre (Perkussion, Flöte, Charango), Johan van Aken (Geige), Hannelore Devaere (Harfe),  Martin Bauer (Viola da Gamba) übertrug sich schnell auf ein auch bei diesen Concertele de miezul nopții immer noch aufnahmewilliges und dankbares Publikum.


Am Sonntagnachmittag begann der Auftritt der Sopranistin Diana Damrau mit dem Harfenisten Xavier de Maistre zunächst mit einigen kleinen Unaufmerksamkeiten im Publikum: Flüstern,  Applaus zwischen den Stücken, Geräusche der Kamerleute. Aber Damrau machte rasch deutlich, dass ihr Part ein geschlossener sei, der unterschiedliche Texte und Stücke umfasste, so dass sich bald eine Aufmerksamkeit bildete, die den Nachmittag zu einem fulminanten Erfolg für beide Künstler machte. Damraus unprätentiöse, aber kraftvolle und modulationsreiche Stimme offenbarte sich im Laufe des Auftritts als ein Instrument, dessen technische Beherrschung die Sängerin zur Entfaltung einer außergewöhnlichen Ausdruckskraft befähigt. Lieder von Mendelssohn, Reynaldo Hahn und Francis Poulencs Zyklus La courte paille boten Damrau unterschiedlichste Gelegenheiten, ihre große technische Variationsbreite und stimmliche Meisterschaft einem zunehmend in ihren Bann geschlagenen Publikum darzubringen. Dass dieser Nachmittag mit standing ovations, mehreren Zugaben und frenetischem Beifall endete, ist gleichermaßen dem Ausnahmekünstler de Maistre zu danken, der die Harfe als ein ideal erscheinendes Pendant zur Stimme der Sopranistin und im Solo als adäquates Instrument der vorgestellten Werke erscheinen ließ. Seine variationsreiche Interpretation der für die Harfe geschriebenen oder arrangierten Stücke begeisterte das Publikum ebenso wie das genaue Eingehen auf Damraus Gesang.

Die Alternativen zum sinfonischen Kanon reizen selbst einige der Berliner Symphoniker. Da es nur wenige Stücke für mehrere Celli gibt, beruht das Repertoire der 12 Cellisten der Berliner Sym-phoniker vor allem auf eigenen Bearbeitungen. Mag man einem monoinstrumentalen Ensemble nicht unbedingt große Variationsbreite zutrauen und auch nichts mehr von der 'zigsten „Classic goes Pop“-Adaption hören – hier geht es um etwas völlig anderes. Die 10 Männer und 2 Frauen befreien förmlich das Instrument von seiner historischen sinfonischen Zwangsjacke und zeigen das Cello als multifunktionales, multimediales und aufregend aktuelles Werkzeug musikalischer Ausdruckskraft. Von der Violine bis zum Bass, von der Trompete bis zur Gitarre und Perkussion, nichts scheint mit den Celli nicht darstellbar zu sein. Und hier erlaubt die spielerische Perfektion  dieses Ensembles Ausflüge in fast jede musikalische Richtung. Da klingt bei einer Duke Ellington-Adaption plötzlich der Sound der deutschen Radio-Big-Bands durch, da wird aus James Horners Titanic-Filmmusik ein ernstzunehmendes individuelles Stück, da machen die Variationen zu Astor Piazolla eine Ikone moderner Musik neu erkennbar. Es ist die musikalische Intelligenz des Ensembles, die erstaunliche innovative Wege eröffnet und Musik zu einer  intellektuellen Aussage in Zeiten der medialen Diversifizierung befähigt. Nicht zuletzt dieser unter Ovationen und Zugaben endende späte Abend zeigt ein lebendiges, aktuelles und auf höchstem Niveau reflektierendes Festival.

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Ein anderes Bild boten die Auftritte des Nationalen Polnischen Radiosymphoniorchesters unter Lawrence Foster im Ateneu und des Symphonieorchesters London unter Gianandrea Noseda im Sala Palatului. In Anwesenheit des Komponisten eröffnete Foster mit Adrian Pops Solstițiu, einer auf alten Volksliedern aufbauenden Komposition, die im stetigen Anschwellen eine eigene suggestive Dynamik entwickelt und Raum für überraschende Brüche und Wechsel gab. Dem Ausflug in die Gegenwartsmusik stand Chopin entgegen mit dem Konzert Nr. 1 in e-Moll für Piano und Orchester. Das romantische Fließen fand in Szymon Nehrings Klavierspiel ein adäquates Spiegelbild. Foster dirigierte engagiert und nuanciert Chopins frühe Symphonie. Polnisch blieb es mit dem Sprung in die Moderne von Witold Lutoslawskis. Dessen vielfach als Radio- oder TV-Erkennungszeichen benutzte Sequenz aus dem Konzert für Orchester konzentrierte eine rebellisch-laute, schnelle Musik, die mitreißt und im Kontrast zu Chopin einen anderen Zugang zur Welt eröffnet - den der Empörung. 1950-54 entstanden dürften die Zeitläufte hier ihre Spuren hinterlassen haben, wiewohl musikalisch auch hier traditionelle Melodien der Folklore im Hintergrund stehen. Ein packendes und mitreißendes Konzert, das großen Beifall hervorrief.

Am Abend standen Enescu, Bell, Britten, Strauss im großen Saal des Sala Palatului auf dem Programm. Thematisch waren der rumänische und der englische Klassiker durch das Thema des Meeres miteinander verbunden: Enescus außergewöhnliche symphonische Dichtung Vox Maris (op. 31) traf auf Brittens Vier See-Interludien und die Passacaglia aus seiner Oper Peter Grimes. Beide Stücke schienen das Publikum zu überfordern. Während Vox Maris durch Telefongeklingel, Entrüstung und vorzeitige Applausversuche um seine Schlusstakte betrogen wurde, wirkte die Auswahl der Interludien und der Passacaglia so wenig ausstrahlend, dass der eher verhaltene Applaus die durchaus brillante und engagierte Aufführung unter Wert beurteilte. Aber der Auftritt der Damrau mit der Weltpremiere der eigens für sie von dem anwesenden englischen Komponisten Iain Bell geschriebenen Liederzyklus für Sopran und Orchester The Hidden Place machte diese Talsohle wieder wett. Damraus Gesang schmiegt sich den leicht romantisch-elegischen Klängen der vier Stücke zu den Jahreszeiten mit dem Thema der Vergänglichkeit der Liebe perfekt an. Und erobert das Publikum auch mit den Schlussliedern aus der Strauss'schen Oper Capriccio von 1942. So bot dieser Tag von Lutoslawski über Britten bis zu Strauss eine unübersehbare Hinwendung zu den Realien des 20. Jahrhunderts - und ihrem Aufscheinen in der Musik.

 

 

Das Festivalul Internațional "George Enescu" läuft noch bis zum 22.09.2019 in Bukarest und weiteren rumänischen Städten.

 

(Programm hier)


Rumänien im Sommer (II)

 

China ist da

 

 

 

 

Foto: www.kultro.de

 

In der Stadt Piatra-Neamț am östlichen Karpatenrand hat die Neuzeit der Transition durchaus Einzug gehalten. Davon künden äußerlich eine riesige Carrefour-Mall, zwei große renovierte Hotelhochhäuser, eine Reihe von Einkaufsmöglichkeiten, ein zu aufdringlicher Autoverkehr mit fast nur neuen ausländischen Wagen, erneuerte Trottoirs, renovierte oder neu erbaute Villen in blühenden Vorgärten, ein blinkendes neues Fußballstadion, zahlreiche neu gebaute große Kirchen und manch anderes mehr.

Jenseits dieser ins Auge fallenden Neuerungen sind allerdings die Überbleibsel der Vergangenheit ebenso nicht zu übersehen. Im Stadtteil Dărmănești steht noch, was früher Orion hieß, eine nicht übermäßig große Betonburg als Einkaufscenter mit unterschiedlichen Geschäften und Dienstleistungen. Es führt uns die Suche nach einer Lego-Transformers-Figur in das Gebäude, das auch einen chinesischen Laden beherbergen soll. Es zeigt sich, dass das komplette Obergeschoss Verkaufslokal chinesischer Waren ist - günstige (oder billige) Jacken, Kleider, Spielzeug, Haushaltswaren, die zumeist aus Plastikkunststoff hergestellt sind. Geleitet wird der Laden offensichtlich von einem Asiaten und auch eine Verkäuferin scheint asiatischer Herkunft. Bei der Präsenz chinesischer Billigwaren weltweit ist daran sicher nichts Ungewöhnliches festzustellen. Überraschend wird es aber, wenn man dann an der gleichen Straße etwas stadteinwärts ein noch größeres Geschäft in einem neuen Betongebäude neben dem großen Kaufland-Einkaufszentrum findet. In dem ungelüfteten riesigen Raum riecht es penetrant nach Plastik, das Angebot ist von gehobenerer Qualität mit viel Kinderspielzeug. Und wirklich überrascht ist man dann beim Besuch eines weiteren Betonkomplexes gegenüber des alten Historischen Museums im Zentrum der Stadt, der ebenfalls bessere Tage gesehen zu haben scheint. Im obersten Stock neben einem Club findet sich ein chinesisches Geschäft, vor allem mit Sommerkleidung und Sportgeräten. Aber hatten wir nicht noch an einer zentralen Straße neben dem zentralsten Einkaufszentrum am Hotel Plaza  ein chinesisches Geschäft gesehen? Auch in diesem am sichtbarsten plazierten Magazin chinezesc finden sich all die Dinge, von denen man bisher nur vermutete, dass sie in China hergestellt wurden. Jetzt macht ein Blick im Geschäft klar, dass dies auch der Fall ist. Und die Krönung stellt die Verwunderung über einen kleinen Laden im Orion dar, dessen gehobene Ausstattung mit Kleidung und Spielzeug ihn erst auf den zweiten Blick als chinesische Verkaufsstelle entpuppt. Ganz anders ist hier die Präsentation der Einzelstücke, qualitativ heben sich die Kleidungsstücke von den bisher gesehenen chinesischen Waren ab und fallen gegenüber denen in nichtchinesischen Läden kaum auf. Die gesuchte Transformers-Figur fand sich leider nirgends.

Alle diese chinesischen Läden haben wegen ihrer unterschiedlichen Präsentation und Niveau ihre Kundschaft, günstige Produkte finden für eine bestimmte Käuferschicht immer Kaufwillige. Dass dies in der rumänischen Provinz mit fast flächendeckender Präsenz allein aus chinesischer Herkunft gedeckt wird, macht deutlich, wie sehr das Modell des fernöstlichen kommunistischen Staates mit der ultrakapitalistischen Wirtschaft bereits die ausufernden Basare der Nachwendezeit Osteuropas (von denen es auch einen am Rande der Stadt gibt) verlassen und sich nun auf die nicht nur unteren Preissegmente fast aller Waren des täglichen Bedarfs ausgebreitet hat. Piatra-Neamț hat jedenfalls mindestens 5 große solcher chinesischer Verkaufsstellen vorzuweisen - und man braucht nicht viel Phantasie für die Annahme, dass es in zahlreichen rumänischen Städten auf dem Land nicht sehr viel anders aussieht. Und auf dem Markt der Stadt mit seinen zahlreichen Ständen und Geschäften erwecken jetzt auch billige Plastikwaren unsere besondere Aufmerksamkeit.

 

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Neversea, Untold, Afterhills, Electric Castle - Markennamen im trendigen Englisch? In gewisser Weise schon. Aber nicht Gegenstände als Waren sind hier gemeint, sondern Dienstleistungen oder genauer künstlerische Darbietungen - es handelt sich um die Namen von Megamusikfestivals in Rumänien. Spätestens fünfzig Jahre nach Woodstock, der Mutter aller Rockfestivals, hat der internationale Markt für solche Veranstaltungen auch Rumänien entdeckt. Landesweit werben die Medien für UNTOLD und Electric Castle in Cluj (Klausenburg), die große Besucherzahlen in die Universitätsstadt im Norden Siebenbürgens anlocken. Electric Castle findet beim Banffy Schloss in Bonțida statt und hat seinen Namen wegen der eher an elektronischer Musik orientierten Ausrichtung. Hauptact waren Mitte Juli neben dem DJ Nils Frahm und rumänischen Musikern wie Subcarpați, der Heldin älterer Generationen Loredana, den Berlinern Zmei3 auf der zentralen Bühne Florence and the Machine und Thirty seconds to Mars, aber auch die Rockband Limp Bizkit aus den USA. Ihr Konzert war mit 50000 Fans ausverkauft, an den 5 Tagen waren etwa 200000 auf das Gelände mit 10 Bühnen einige Kilometer von Cluj entfernt gekommen, was natürlich ein riesiges Transportchaos verursachte. Ansonsten versucht dieses wie die anderen Festivals als "grün" rüberzukommen, von Lidl (!!) gesponsert wurde eine Eco-Bühne und ein Mülltrennungsverfahren.  Der Discounter festigt damit in Rumänien sein Image als Mittelklassesupermarkt. Ansonsten bot das Festival zahlreiche Möglichkeiten zu kreativen Aktivitäten.

Noch mehr Besucher zieht UNTOLD in Cluj an: Die Festivalorganisatoren nannten dieses Jahr 372000 Besucher an 4 Tagen zu dem im Zentrum der Stadt und vor allem im Fußballstadion auf 10 Abspielstätten (darunter ein Tramwaggon!) angesiedelten Musikereignis. Headliner waren in diesem fünften Jahr der Veranstaltung der Sänger Robbie Williams und die Star-DJs Paul Kalkbrenner, David GuettaArmin van Buuren, aber auch Alt-Rapper Busta Rhymes oder der rumänische Star Smiley. Eine spektakuläre Lightshow zum Finale ließ das Stadion aufblitzen und erglühen.

UNTOLD setzt bei seinem Vermarktungskonzept vor allem auch auf die Wirkung in die Stadt hinein, indem es aus dem Erlös sowohl den benutzten Park neu bepflanzt als auch Kinderspitäler und andere soziale Einrichtungen mit neuer Ausstattung versieht. 20% der BesucherInnen kommen aus Cluj, 20% aus dem Ausland, der Rest aus Rumänien, teilen die Veranstalter mit. Und lassen in der Stadt eine durchaus meßbare ökonomische Spur hinter sich. Im Ansturm der Massen von Zuschauern können luxuriöse Studentenwohnungen schon einmal für über 1000 Euro vermietet werden. Allerdings sieht sich das Festival wegen seiner Größe und der mitten in der Stadt in einem Park aufgebauten Bühnen auch kritischen Kommentaren gegenüber.

Am Meer in Constanța findet Neversea statt, nach eigener Einschätzung das "größte Strandfestival Europas". Hier dominieren am Stadtstrand unterhalb der Uferklippe Constanțas elektrische DJ-Musik bis in den späten Vormittag, sportliche Aktivitäten, Wasser, Sonne. Einige Bühnen sind auf dem Wasser installiert. Die Reihe der DJs ist endlos für die 4 Tage Unterhaltung, deren musikalische Darbietungen vor allem nachts durch permanente Light-und Lasershows sich ins Gedächtnis einschreiben. Unter den Acts sind Sean Paul, die junge rumänische Band The Motans, das Hip-Hop Urgestein Paraziții.

Noch nicht beendet ist das Afterhills Festival in Iași, das vor allem am Wochenende stattfindet. Es startete am 23. August auf 5 Bühnen und wird am 1. September enden. Am ersten Wochenende zog es 67000 Besucher an, als der Topact auf der Bühne stand - die englische Pop-Sängerin Rita Ora. In Dobrovăț bei Iași auf einem Wiesengelände zwischen den Hügeln finden unter der Woche vor allem  familienfreundlichere Formen der Unterhaltung statt, Kino, Comedy, Graffiti-Painting, Klettern, Tanzen und einige DJ-Acts. Das Festival im dritten Jahr ist das größte der Moldau. Am letzten Wochenende sind u.a. Morcheeba und Les Elephants Bizarres oder auch Subcarpați die Highlights.

Aber nicht nur diese Festivals fanden ihr zahlreiches Publikum: In Bukarest traten im neuen Nationalstadium die Alt-Rocker von Metallica und vor dem Parlamentspalast Bon Jovi vor jeweils mehreren Zehntausenden Fans auf - Open-Air allerorten.


Rumänien im Sommer (I)

 

 

Impressionen und Splitter

 

 

 

 

Fotos: www.kultro.de

 

Der globale Klimawandel hat (natürlich) auch Rumänien erfasst: Dauerregen, Überschwemmungen, Unwetter, Orkane, Temperaturrekorde und abrupte -stürze prägen das Wetter seit Wochen. Das frühere Kontinentalklima mit ziemlich  stabilem heißem Sommerwetter von Mai bis Oktober - höchstens unterbrochen von kurzen Unwettern - gehört der Vergangenheit an. Unberechenbar sind die Vorhersagen, dauernder Wechsel wo früher Stabilität den Sommer zu einer  unendlich wirkenden Jahreszeit machte. Immerhin lässt der Regen das Land grün erscheinen. Eine ganz neue Erfahrung: Die stundenlange Eisenbahnfahrt von Bukarest ins nur 350 Kilometer entfernte Piatra-Neamț am östlichen Karpatenrand führt nicht wie üblich durch eine verbrannte braun-schwarze Landschaft, sondern durch grüne Hügel und Ebenen.

Diese Veränderung ist natürlich auch im Land nicht unbemerkt geblieben. Ein Taxifahrer in Bukarest stellt fest: "Die Jahreszeiten sind zerstört!" Ein Fahrer in Piatra-Neamț glaubt, dass dies durch "die Raketen" verursacht worden sei. Auf die Entgegnung, dass vor allem die Industrie und der Autoverkehr die Atmosphäre zerstören, meint er sarkastisch: "Industrie haben wir nicht, da sind wir aus dem Schneider."

Das immer wieder wechselnde Wetter und der immer wieder auftretende Starkregen begleiten den Aufenthalt über Wochen hinweg.

Dass das Autofahren mit diesem Klimawandel direkt zu tun hat, setzt sich allmählich als Bewusstsein durch. Ganz erstaunt ist man, wenn man vom Taxifahrer in Bukarest hört: "Es gibt zu viele Autos in der Stadt!" Das ist nicht unbedingt auf die Umweltzerstörung gemünzt, aber dennoch ein vorher nie gehörtes Statement. In der Tageszeitung Adevărul weist ein Kolumnist auf die Situation in Bukarest hin, dessen Luft nach einer von der Stadt veröffentlichten Studie seit Jahren hoch verschmutzt und krebserregend sei. Als Konsequenz müssten eigentlich alle Autos mit Diesel Euro 3 und 4 verboten werden, wenn man die Hauptursache der Verschmutzung beseitigen möchte, wie es die EU verlangt.

Keine leichte Aufgabe, denn Autofahren (vor allem mit großen Protzautos) gilt schließlich in Rumänien weitgehend als sakrosankt. Entsprechend haben FahrradfahrerInnen und FußgängerInnen einen schweren Stand, wenn etwa die Trottoirs quer bis zur Hauswand zugeparkt werden. In den Dörfern wird das Tempolimit nur selten eingehalten, ausgebaute Straßen, die für FußgängerInnen nur schwer zu überqueren sind, teilen die Ortschaften in zwei Hälften. Das Rasen  mit den PS-starken ausländischen Wagen ist ein Volkssport vor allem jüngerer Männer, der immer wieder hohe "Opfer" produziert. Deren genaue Zahlen blieben bisher weitgehend im Dunkeln, jetzt schreibt die Zeitung Evenimentul zilei, dass Rumänien nach einer EU-Studie die höchsten Todeszahlen im Straßenverkehr habe: 96 Tote auf 1 Million Einwohner, während es in Großbritannien "nur" 28 sind. (Deutschland liegt auf dem 21. Platz (bzw. 8. Platz mit den wenigsten "Opfern")). Die Zeitung nennt als Ursache die schlechten Straßen (und wirbt so für den Bau von Autobahnen) und die Überschreitung der angemessenenen Geschwindigkeit. Letztere ist immer wieder zu beobachten, gepaart mit  unvorstellbaren Fahrmanövern. So bremst in einer Ortschaft in einer scharfen Rechtskurve der Fahrer eines regulär verkehrenden Minibusses nicht  hinter einem Pferdewagen, sondern überholt als gerade ein großer Lkw entgegenkommt - Verantwortungsbewusstsein à la roumaine. Ein anderer Minibusfahrer fängt irgendwann an, auf dem Handy zu tippen - nicht um zu telefonieren, sondern um Textnachrichten zu schreiben. Zu diesen selbst erlebten Fällen addieren die Medien die drastischen Nachrichten von Unfällen mit vielen Toten.

Lieblingsthema der Lokalpolitiker in der Moldau und Siebenbürgen hingegen ist der Bau von  Autobahnen. Während nach einigen schlechten Erfahrungen mit ausländischen Firmen viele Rumänen glauben, es gäbe überhaupt keine Autobahnen im Land und jede Verzögerung oder Schwierigkeit beim Bau in den Zeitungen als Bestätigung hierfür gilt, sind dennoch bereits nicht wenige Kilometer in die Landschaft gefräst worden. Allerdings nicht in der Moldau, deren Wirtschaft von der Politik in Bukarest dringend eine Verbindung über die Karpaten nach Târgu Mureș in Siebenbürgen verlangt. Das bisherige Scheitern dieser Forderung ist für die Moldauer ein weiterer Baustein für das Bild der Vernachlässigung der Moldau durch die Regierung in Bukarest, für die Rückständigkeit der Region, Anlass für die Verachtung der Politiker, etc. Bei dieser ökonomisch an steigender Produktivität und wachsendem Gewinn orientierten Forderung wird die daraus folgende Zerstörung der bisher weitgehend intakten Landschaft der Karpaten meist mit keinem Wort erwähnt.

Welche Folgen der motorisierte Individualverkehr haben kann, zeigt die Straße zwischen Târgu Neamț und Iași. Die Metropole der Moldau zieht unweigerlich große Verkehrsströme an und wächst entlang der E 58 nach Westen. Hier haben sich im Laufe der letzten 15 Jahre nicht nur Metro oder Carrefour auf der flachen Wiese des breiten Tals Richtung Târgu Neamț angesiedelt, es sind zahlreiche Autohäuser, Verkaufslager, Supermärkte, hinzugekommen. Und entsprechend steigt der Verkehr auf der teilweise zweispurigen Straße an. Welche Folgen Unachtsamkeit, Verantwortungslosigkeit, Hektik und Stress der FahrerInnen dabei entfalten können, zeigen die bereits verwitternden Kreuze an beiden Fahrbahnrändern - es vergeht kaum ein Monat, an dem auf dieser Strecke nicht ein Mensch stirbt. Oft sind es Fußgänger, die in dem Iașier Ortsteil Valea Lupului die Straße überqueren wollen. Auf den 50 Kilometern von Târgu Frumos bis Iași ließen sich vor einigen Jahren allein 16 Kreuze aum rechten Straßenrand zählen, die Zahl der "Opfer" dieser "Todesstrecke" liegt natürlich weit höher.

Vom wachsenden Autoverkehr nicht verschont bleiben auch die touristisch interessanten Ziele. Das so idyllisch am Rande der Berge in der Bukowina gelegene Gura Humorului verzeichnet im Zentrum während der Arbeitswoche einen solchen Verkehr von Besuchern in Bussen, von Einheimischen, Wirtschaftsfahrzeugen, etc., dass von einem "Luftkurort" kaum noch die Rede sein dürfte. Vor allem ist es der Schwerlastverkehr von Lkws und Transportern, der den Aufenthalt im Zentrum eher als lautes Spektakel in Abgaswolken denn als Erholung erleben lässt. Einer der Gründe dieser Ballung liegt in der Tatsache, dass es keine Straßenalternative aus dem Tal von Câmpulung Moldovenesc nach Osten Richtung Iași gibt.

So bleibt der Autoverkehr eines der Probleme in einer Region, deren landschaftliche Schönheit nur bewahrt werden kann, wenn nicht versucht wird, diese der bequemen Erreichbarkeit und Zugänglichkeit zu opfern - während zugleich die wachsenden Chancen des EU-Staates auf ökonomischem Gebiet den Ausbau des Straßennetzes unausweichlich zu machen scheinen.

In diesem Zusammenhang wurde bisher das Eisenbahnnetz kaum genannt. So überrascht es, in der Tageszeitung Adevărul eine Meldung zu finden, die den Niedergang der CFR (Câile Ferate Române - Rumänische Eisenbahnen) konstatiert. Anlass ist eine neue Studie des Transportministeriums, nach der in den vergangenen 20 Jahren die Infrastruktur der staatlichen Bahngesellschaft kontinuierlich vernachlässigt worden sei und diese daher erheblich an Kunden verloren habe. Die geringe Geschwindigkeit aufgrund der schlechten Schienenverhältnisse und die ebenfalls aus der schlechten Infrastruktur resultierende Unpünktlichkeit seien die Hauptgründe für das geringe Nutzeraufkommen. Die Misere gehe aber letztlich vor allem auf die chronische Unterfinanzierung seit 1990 zurück.

In der Tat stellt die rumänische Bahn ein spezielles Vergnügen dar: War vor 20 Jahren die Fahrt von Bukarest bis Iași (400 km) eine 6-stündiges Dahinkriechen, so bestand doch die Hoffnung, dass in der Zukunft diese Fahrzeit auf vielleicht 5 oder gar 4 1/2 Stunden reduziert werden könnte. Mittlerweile dauert diese Fahrt aber fast 7 Stunden! Und die jetzt häufigen und gut gefüllten Flüge brauchen dafür nur 1 Stunde. Wie sehr das Zugfahren ins Hintertreffen geraten ist, zeigt die Tatsache, dass die CFR es für nötig hält, Plakate in den Zügen anzubringen, auf denen klargestellt wird, dass man für die Zugfahrt eine Fahrkarte braucht und dass bestimmte Regeln zu befolgen sind. Dennoch gelingt es immer wieder, mit dem Schaffner "Deals" zu beiderseitigem Vorteil (und Nachteil der CFR) zu vereinbaren. Im Zug von  Câmpulung Moldovenesc nach Gura Humorului fängt eine Reisende eine lautstarke Diskussion mit dem Schaffner an, weshalb so wenige Wagen für die zahlreichen Reisenden bereit gestellt werde, während auf anderen Strecken die Züge nicht so überfüllt seien. Sie fordert bessere Versorgung durch die Bahn, worauf der Schaffner nur wenig zu antworten weiss. Ein deutliches Zeichen für die beginnende Veränderung des Denkens könnte das Wiederaufkommen des Fahrrads im Nahbereich darstellen. Überall sind jüngere Menschen mit neuen Fahrrädern unterwegs. Selbst die zunächst eher wie ein Feigenblatt für eine verfehlte Verkehrspolitik wirkenden grünen Radstreifen in Bukarest machen mittlerweile Sinn, da sie von zahlreichen "bicicletiști" benutzt - und vielfach auch von den AutofahrerInnen respektiert werden.


 Im Inneren eines Paradieses

 

 

Georgien in Text und Bild

 

 

 

 

Im Jahr 2018 war Georgien das Gastland der Frankfurter Buchmesse. Seitdem gibt es nur wenige Publikumsverlage, die nicht Bücher aus Georgien verlegt haben. Das Nachbarland Rumäniens jenseits des Schwarzen Meeres setzte große Mittel ein, um seine Literatur und Landschaft im deutschsprachigen Raum über den Status des "Geheimtipps" hinaus bekannt zu machen. Diesen Zweck erfüllen auch die beiden unterschiedlichen Fotobände von Gerald Hänel und Wolfgang Korall sowie ein Reisebuch mit Impressionen des Journalisten und Verlegers Volker Dittrich.

 

Für Dittrich fing alles mit einer Reportage über georgische aufständische Soldaten auf der niederlän-dischen Insel Texel am Ende des Zweiten Weltkriegs an. Diese seltsame Geschichte brachte ihn am Ende der Sowjetunion in das Kaukasusland, wo einer der Teilnehmer 1992 noch lebte. Er lernte die Familie kennen, hielt Kontakt über Jahre hinweg, besuchte dann 2002 und ab 2007 wiederholt den Kaukasus wieder. Durch das Anwachsen der Zahl der Freunde und Bekannten erhält die/der LeserIn einerseits Details über das Alltagsleben einer Reihe von Menschen, zugleich gilt Dittrichs journalistische Neugier den politischen und historischen Hintergründen, die er sich immer wieder von seinen Freunden erklären lässt. Im Laufe der Lektüre entwickelt sich eine ganz eigene Verbundenheit mit dem Personal von Dittrichs Reisen und seinem Blick auf Georgien. Auch gehen Gespräche und Interviews mit Diplomaten, PolitikerInnen und Wissenschaftlern wie dem Berliner Zaal Andronikashvili,  in die Darstellung ein. Dabei wechselt der Autor oft ohne Anführungszeichen in die Aussagen der Befragten, was die Unmittelbarkeit und Subjektivität des Gesagten erhöht. Im Gespräch mit der früheren Außenministerin Maia Pandschiditse erfährt man, dass diese die Einladung zur Frankfurter Buchmesse initiierte und auch gegen Unverständnis im Land durchsetzte.

So entsteht ein plastisches, facettenreiches Fresko des jungen Staates seit seiner Unabhängigkeit von der Sowjetunion im Jahre 1991. Nicht wenige der postsozialistischen Probleme (Korruption, Unterentwicklung, Instabilität, Demokratiedefizite, etc.)  scheinen den rumänischen dabei nicht sehr fremd zu sein. Der Band enthält zudem eine Reihe von Farbfotografien des Autors, die einige der erlebten Szenen und Begegnungen zeigen.

Die bildliche Repräsentation des Landes setzen auf unterschiedliche Weise die beiden anderen Bände in Szene. Sie können dabei durchaus auch als fotografische Umsetzung der Beschreibung betrachtet werden. Der weitgereiste Fotograf Gerald Hänel hat in dem zweisprachigen Band (deutsch-englisch) die Motive der grandiosen Landschaften ebenso wie die Gegenwart der Städte nebeneinander versammelt. So wirkt manches wie eine aktuelle Entdeckung, anderes wie eine zeitlose Perspektive auf eine unveränderte archaische Landschaft mit uralten Kirchen und Türmen, in denen Gläubige ihre Riten absolvieren. Wiederum anderes eher journalistisch, ereignishaft, wenn in der Stadt junge Leute feiern oder Schachspieler und Kinder mit Disney-Figuren im Park abgelichtet werden. Diese anschauliche Mischung ergänzt ein Beitrag des georgischen Autors Archil Kikodze, der in einem Nachwort die unterschiedlichen Regionen des kleinen Landes mit ihren z.T. wohl sehr unterschiedlichen Bewohnern skizziert. So vermischen sich Bilder und Text zu einer lebhaften Vorstellung von Georgien heute und in der Vergangenheit.

Wolfgang Koralls großformatiges Album ist im Unterschied zu Hänels Band Ergebnis  eines besonderen Projekts. Bereits in DDR-Zeiten reiste der damalige Jenenser Student auf abenteuerlichen Wegen durch das sowjetische Georgien, wo er viele Freundschaften knüpfte und über das er bereits 1991 einen Bildband ("Swanetien - Abschied von der Zeit") veröffentlichte. Seit 2008 bringen ihn mehrere Projekte zurück, 2011 geht es um die Nationalheilige Nino aus dem Mittelalter, auf deren Wegen und Spuren sich Korall durch Georgien bewegt. Der Titel des Bandes geht vor allem auf dieses spirituelle Unternehmen zurück, wobei sich wie Kaskaden die Fotos aus den Jahren davor dazugesellen. Natürlich wirken die grandiosen Landschaften des Kaukasus mit ihren schneebedeckten Gipfeln und den Wäldern und Wiesen in  diesem Format besonders eindringlich, jedes Bild hat seine eigene Seite. Aber auch die Städte mit ihren Kontrasten sind bei Korall eingefangen. Das Besondere dieses Bandes machen aber auch die rahmenden Umstände seiner Entstehung aus, die der Fotograf knapp schildert. So auch den schweren Unfall, der fast tödlich endete und nur durch einen Flug mit dem Helikopter nach Deutschland die Gesundung möglich machte. Daher blieb das Projekt "Nino" ein Torso - aber die bereits gemachten, den Blick tief einsaugenden Bilder sind jetzt in dem Band zu sehen.

 

Volker Dittrich: Paradies am Rande Europas. Impressionen aus Georgien von 1992 bis 2017. Halle (Saale): Mitteldeutscher Verlag 2018, 319 Seiten, ISBN 978-3-96311-008-5, zahlr. Farbfotos des Autors

 

Gerald Hänel: Auf dem Balkon Europas On the Balcony of Europe. Fotografien aus Georgien Photographs from Georgia. Mit einem Textbeitrag von Archil Kikodze With a text by Archil Kikodze. Halle (Saale): Mitteldeutscher Verlag 2017, 159 Seiten, ISBN978-3-95462-888-9, zahlr. Farbfotos des Autors

 

Wolfgang Korall: Die Seele Georgiens. Halle (Saale): Mitteldeutscher Verlag 2018, 127 Seiten, ISBN 978-3-95462-305-1, zahlr. Farb- und 1 S/W-Foto des Autors


Ratspräsidentschaft - Historie!

 

 

Finnland übernimmt

 

 

 

Schon sind sie vorbei – die 6 Monate rumänischer Ratspräsidentschaft der EU. Am 12. Juli wurde im Ateneu in Bukarest der Abschluss mit einem Konzert des Rumänischen Jugendorchesters feierlich begangen, an gleicher Stelle, wo im Januar die Eröffnung stattfand. Diesmal bildeten zumeist DiplomatInnen das Publikum in dem alten Saal, nach den Wahlen zum Europäischen Parlament sind die neuen Spitzen zwar nominiert, aber noch nicht installiert.

 

Eine Bilanz dieser Ratspräsidentschaft zu ziehen, fällt von außen schwer, was auch mit dem seit dem Vertrag von Lissabon (2010) verminderten Status der Ratspräsidentschaft gegenüber dem Ständigen Präsidenten des Europäischen Rates (bisher Donald Tusk) und der Hohen Repräsentation der Union (bisher Federica Mogherini) zusammenhängt. Zumindest lässt sich sagen, dass die vor Beginn geäußerte Befürchtung, Rumänien sei wegen der Turbulenzen um die Politik der Regierungspartei PSD unter ihrem damaligen Chef Liviu Dragnea nicht in der Lage, dieses Amt auszuführen, nicht zutraf. Unter anderem, weil dieser mittlerweile im Gefängnis sitzt und seine Partei die Europawahlen krachend verlor. s Nachfolgerin, Premierministerin Viorica Dăncilă, ließ früh erkennen, dass sie Wert darauf legte, die Ratspräsidentschaft aus diesen Turbulenzen heraus zu halten und das Bild eines zuverlässigen EU-Mitglieds zu bieten. Keine leichte Aufgabe, da aus der EU selbst scharfe Kritik an der rumänischen PSD-ALDE-Koalitionsregierung hinsichtlich ihrer Rechtspolitik und dem Umgang mit der entlassenen Korruptionsjägerin Laura Kövesi kam.

Solchermaßen gehandicapt setzte die rumänische Regierung unter Dăncilă auf die in jeder Ratspräsidentschaft unumgängliche, aber nach außen eher unauffällige bürokratische Dimension der Aufgabe: Weiterführung begonnener Projekte, Benennung einiger bereits identifizierter allgemeiner Problemkreise, etc. Politisch schien, solange Dragnea noch im Hintergrund zunehmend europafeindlich agierte, kaum noch etwas zu gewinnen zu sein. Auch machte der Wahlkampf für die Europawahlen es schwer, medialen Zuspitzungen zu entgehen.

Das generelle Spektrum der Einschätzungen geben die von der konservativen Zeitschrift 22 publizierten Stimmen zur Ratspräsidentschaft wider: Im Interview mit dem Politologen Armand Goșu spricht der delegierte Europaminister George Ciamba zwar von einer „președinție de succes, care a depășit ideea unei simple supraviețiuiri” (erfolgreichen Präsidentschaft die die Vorstellung eines bloßen Überlebens übertroffen ha), aber vier ExpertInnen teilen eher nur den letzten Teil der Ansicht des Ministers . So schreibt Gabriela Drăgan vom Institutul European din România, dass „aus technischer Hinsicht die Dinge ohne Blockade verliefen, geplante Treffen nach dem Zeitplan organisiert wurden und eine wichtige Zahl der Kapitel geschlossen wurde“, während Oana Popescu (Global Focus) dem technischen Apparat bescheinigt, „pünktlich, prompt, mit gutem Verständnis und Kenntnis der Dossiers und dem wirklichen Wunsch, die Arbeit der Institutionen zu fördern“, gehandelt habe. Paul Ivan vom European Policy Centre hebt besonders die Arbeit der Ständigen Repräsentanz Rumäniens in Brüssel hervor und sieht ähnlich wie der Politikwissenschaftler Șerban Cioculescu von der Universität Bukarest auf technischem Gebiet im allgemeinen gute Resultate. Cioculescu: „Wir haben uns nicht lächerlich gemacht, aber auch nicht geglänzt.“ 

Weniger ansprechend sieht das Bild auf der politischen Ebene aus. Paul Ivan stellt angesichts der nur alle 14 Jahre wiederkehrenden Gelegenheit, das Land darzustellen, ein eindeutiges Scheitern fest: „Eine Regierung, deren Hauptbeschäftigung das Verhindern der Gefängnishaft ihres Chefs war, die eine anti-westliche Rhetorik gebrauchte und die in Konflikt mit den europäischen Institutionen geriet, kann keine positive Message nach Europa senden, die das Vertrauen in Rumänien vergrößern würde.“

Auch einige der von der rumänischen Regierung genannten besonderen allgemeinen Ziele kamen trotz 90 geschlossener Dossiers einer Lösung nicht unbedingt näher. Die gerne genannte Zuständigkeit für die Europapolitik auf dem Westbalkan konnte die Aufnahmeperspektive von Serbien, Albanien, Montenegro, Mazedonien kaum erhöhen. Auch die besondere Beachtung des Mehrjährigen Finanzrahmens (Multiannual Financial Framework; MFF) führte zu keiner Lösung der Probleme bei der Finanzierung der EU. Vielleicht hat daher trotz ihrer Vagheit die Lenkung der Aufmerksamkeit auf das Schwarze Meer und auf die Energietrassen Rumänien dennoch europapolitisch für die Zukunft spezifische Optionen eröffnet.

 


Reisen in Bessarabien

 

 

Russische Reiseberichte aus dem 19. Jahrhundert

 

 

 

 

Die Annexion eines Teils der Moldau als "Bessarabien" durch das russische Zarenreich während der napoleonischen Kriege  lag auf der Linie der Expansion der orthodoxen Dynastie nach Süden - Richtung Schwarzes Meer und Bosporus. Mehrere militärische Siege gegen das Osmanische Reich hatten zur Eroberung des Wolgagebiets bis zur Mündung geführt. Ergebnis war die Gründung von Odessa. Und während der Frieden von Kutschuk-Kainardschi das Habsburger-Imperium zur Annexion der kleinen Bukowina veranlasste, nahm sich das russländische Reich später den Teil der Moldau zwischen Prut und Dnjestr und übte bis in das 19. Jahrhundert auch politischen Einfluss auf das Donaufürstentum Moldau aus. Ist in der deutschen Geisteswissenschaft nur wenig bekannt über das Verhältnis von Russland zu seiner neuen Eroberung, so bietet die vorliegende Dissertation von Galina Corman nicht nur Einblick in die russische Reiseliteratur, sondern ebenso in die historischen Entwicklungen des Zarenreiches.

Es ist ein strikt deduktiver Ansatz, der das methodische Schema der Arbeit vorgibt: Zunächst werden die (kultur)historischen Vorgänge in Russland geschildert, bevor dann die Sehweisen in der Reiseliteratur zu Bessarabien in ihr Verhältnis zu diesen gesetzt werden. Umfangreich ist die Vorgeschichte der Landschaft geschildert, von der Antike über die Tataren bis zur Osmanischen Herrschaft. Dabei wird deutlich, dass dieser östliche Teil der Moldau durchaus etwas besonderes war, da hier die osmanischen Strukturen sich stärker artikulierten als in der Walachei und der (später rumänischen) Moldau: Seit 1457 bauten die Sultane die Grenzfestungen am Dnjestr (Hotin, Soroca, Chilia, Bender/Tighina, Cetatea Alba/Akkerman) und  an der Donau zu administrativen Einheiten (Reayas) aus  und besiedelten vor allem den Süden (Bugeac, Budschak) mit Nogai-Tataren. "Die Umwandlung der bessarabischen Festungen in Reayas sowie die Ansiedlung der Nogai-Tataren trug vom 16. Jahrhundert an viel zur Entfremdung des Territoriums zwischen Prut und Dnjestr vom Rest des Fürstentums Moldau und einer Verfestigung seines Charakters als Grenzregion bei." (S. 41-42) Die Tataren wurden als Grenztruppen gegen die Kosaken eingesetzt, gingen aber auch auf Raubzüge gegen die moldauischen Städte. Ihre Spuren waren im 19. Jahrhundert noch in Bessarabien zu finden.

Die als Einteilungskriterien der Arbeit dienenden drei Epochen teilen das Jahrhundert der russischen Herrschaft in Bessarabien aus der Sicht der Reiseliteratur in eine Anfangsphase bis etwa 1820, gefolgt von einer mittleren Epoche bis in die 1850er Jahre, um mit der Zeit bis zum Ersten Weltkrieg abzuschließen. Diesen drei Phasen sind die Merkmale des "halbasiatischen Bessarabien-Bildes", der "Unser-Bessarabien"-Phase und der abschließenden "moldauisch-jüdischen Okraina"-Phase zugeordnet.

Was ist damit gemeint? Das "halbasiatische Bessarabien-Bild" unmittelbar vor und nach der Annexion dieses östlichen Teils des unter osmanischer Hoheit stehenden Fürstentums Moldau resultiert aus einer komplexen Wahrnehmung Bessarabiens im Zusammenhang mit der Expansion des Zarenreichs nach Süden. In den vier Türkenkriegen zwischen 1736 und 18012 hatte Russland mehrfach die Moldau besetzt und wieder geräumt. In der Geschichte des Zarenreichs waren die Eroberungen der Dnjestr-Festungen vielfach besungene Höhepunkte militärischer Erfolge (Lomonosov, Deržavin), die Donaufürstentümer gerieten mehrfach unter die Hoheit Russlands, bevor dann während den napoleonischen Kriegen Bessarabien annektiert werden konnte und der Prut die westliche Grenze zum Donaufürstentum Moldau bildete. Corman verwebt diese Ereignisse gekonnt mit den Diskursen des allählich koloniale Züge aufweisenden Zarenreichs, in denen die neu erworbenen Gebiete beschrieben wurden. So ist es interessant zu lesen, wie Katharina II. die Expansion zum Schwarzen Meer mit einem "Griechen-Projekt" idealisierte, was die antiken Bilder mit der handfesten Unterstützung der griechischen Nationalbewegung gegen die Osmanen ergänzte. So zählten Griechen zu den Neusiedlern Bessarabiens. Weitere waren Bulgaren, Gagausen, Serben, Schweizer, Deutsche, die die einheimische Bevölkerung der Juden, Moldauer, Russen, Ukrainer, Lipowaner (raskolniki) zu einem multiethnischen Konglomerat erweiterten. In der ersten Phase der Reisebeschreibungen findet Corman denn auch positive wie negative Bemerkungen über dieses "bunte Gemisch" der Bevölkerung, wie es der Militär Aleksandr F. Veltmann in Chişinău (Kischinjow) schilderte (S. 168). Das Bild Bessarabiens war zu Beginn von einem "imperial-orientalischen Diskurs" bestimmt, der Bessarabien als "asiatisch" wahrnahm, um es von dem sich selbst als "europäisch" deklarierenden Zarenimperium abzusetzen. So fiel den reisenden Beamten, Militärs, Gouverneuren, Dichtern die "Wildheit" des Landes und seiner Bewohner von den Tataren über die Roma und die Moldauer bis hin zu den Bojaren auf. Zugleich wurde Bessarabien aber auch als "Garten" verklärt, als "Italien" mit einer antiken Vergangenheit (Traianswall, Ovidmythos), wo Russland seine heroische Kriegsgeschichte geschrieben hatte. Nicht nur der antike Hintergrund, sondern auch die genauere Wahrnehmung der landwirtschaftlichen Leistungen und Möglichkeiten (insbesondere der Weinanbau), der "südlichen" Atmosphäre, des gemeinsamen orthodoxen Glaubens ließ ein "europäisches" Bild von Bessarabien entstehen.

Zentral in dieser frühen Phase der Reisebeschreibungen und darüber hinaus sind natürlich die Bezugnahmen Alexander Puschkins auf seinen Versetzungsort Chişinău und die umgebende Landschaft, wo er von 1820-1823 lebte und ein Viertel seines Werks schrieb. Zwar gibt es einige wenig schmeichelnde Aussagen zur Stadt, aber zugleich widmete er den Roma eines seiner berühmtesten Gedichte (Cygany). Puschkins weitere Bezugnahmen in Schwarzer Schal, Kirdali, An Ovid u.a. weisen ebenso die widersprüchliche Wahrnehmung Bessarabiens in den unterschiedlichen, zunächst auf die Selbstdefinition Russlands als kolonialer, den europäischen Mächten ebenbürtiger Macht, reflektierenden Diskursen auf.

Diese "koloniale" Sicht wandelt sich in der Zeit bis in die 1850er Jahre, als vor dem Hintergrund des sich entwickelnden russischen Nationalismus über die ersten Fremdheitserfahrungen hinaus Bessarabien als "unser" beschrieben wird, als russländischer "Süden", der einer Zivilisierungsmission ausgesetzt werden müsse. Jetzt werden auch die einzelnen ethnischen Gruppen kritischer betrachtet, die Moldauer als "rumänisch", die Juden als gierig, aber auch geschäftstüchtig und fähig, die Deutschen als fordernd und kalt, die Bulgaren hingegen als "Brüder". Bessarabien erscheint als russische Provinz mit ihren Eigenheiten.

Mit der Verschärfung des Nationalismus und den sozialen Krisen und Auseinandersetzungen im Zarenreich bis zum Ersten Weltkrieg wird auch der Diskurs der Reiseberichte pauschaler. Bessarabien hat scheinbar nicht den Erwartungen entsprochen, der Ton wird antisemitischer, nationalistischer und nostalgischer bezogen auf die Heldentaten der Armeen Katharinas II. oder den Aufenthalt Puschkins. Zudem erscheint Bessarabien im Lichte des gewachsenen Antisemitismus und der Peripherie-Diskurses. Alles, was nicht positiv erscheint, wird als "jüdisch" deklariert und Bessarabien zu einer Okraina, einem Grenzstreifen, einer marginalen Provinz. "Die Einwohner Bessarabiens wurden von den Reisenden zum Ende des 19. Jahrhunderts hin pauschal als moldauisch-jüdisch bezeichnet und mit ethnischen Flüchtlingen, Sträflingen und Aufständischen in Verbindung gebracht." (S. 303)

Durch den methodischen Ansatz kann die Arbeit klare Linien ziehen und den Konnex zu russischen Diskursen der Nation herstellen. Andererseits werden so die spezifischen Besonderheiten jeder einzelnen Beschreibung und ihres Autors weniger stark gewichtet. Es wäre also noch Potenzial vorhanden, das Thema in vielen Details mit Gewinn komplexer darzustellen. Dennoch bleibt Cormanns Buch ein gut zu lesender, die Forschung vielfach bereichender und im deutschen Sprachraum inaugurierender Beitrag. Vom Verlag exzellent gestaltet (vielleicht hätten die Anmerkungen einen Punkt größer gesetzt werden können), wären lediglich eine Reihe von Setzfehlern zu monieren. Ansonsten gilt: Ein spannendes Thema in gewinnbringender, opulenter Ausführlichkeit abgehandelt!

 

Galina Cormann: Das Bessarabien-Bild in der zeitgenössischen russischen Reiseliteratur 1812-1918. Leipziger Universitätsverlag 2015 (Veröffentlichungen des Moldova-Instituts Leipzig, 6), 1 Abb, 373 Seiten, ISBN 978-3-86583-987-9