DANACH...

 

Die Leipziger Buchmesse hat im Frühjahr 2018 als Gastland Rumänien begrüßt und damit eine der dynamischsten literarischen Szenerien Europas näher vorgestellt. Wir wollen dieses Ereignis zum Anlass nehmen, die Literatur, aber auch die Künste und die Geschichte sowohl Rumäniens als auch der Republik Moldau in ihren meist im Westen unbekannt gebliebenen Hintergründen als auch aktuellen Entwicklungen zu beleuchten. In Buchrezensionen, Interviews, Reportagen, Essays und Aufsätzen wollen Autorinnen und Autoren ihre eigenen Themen und ihre Perspektiven auf die Kultur Rumäniens und der Republik Moldau formulieren und damit beitragen zu einer immer noch notwendigen Aufklärung im deutschsprachigen Raum über die kulturellen Landschaften um den Karpatenbogen und zwischen Pruth und Dnjestr.

Dies soll nicht einseitig geschehen, sondern unter Einbeziehung rumänischer bzw. moldauischer AutorInnen.

 

(Kontakt unter: info@kultro.de.)

 


Was es noch zu tun gab/gibt...

Dass die rumänische Literaturszene eine dynamische und vielfältige Erscheinung innerhalb der europäischen Sprachen darstellt, hat sich bei unseren Nachbarn eher herumgesprochen als in deutschsprachigen Verlagen und Redaktionen. Ein Artikel hat vor einigen Jahren darauf aufmerksam gemacht. Vieles blieb unübersetzt, jetzt generierte erfreulicherweise der Buchmessen-Schwerpunkt mehr Interesse an Rumänien und der Moldau. Ein aktueller Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung listet zahlreiche der übersetzten AutorInnen auf, weist aber auch auf noch bestehende Defizite hin.


Übersetzungskulturen

 

Von den Voraussetzungen und Untiefen der geisteswissenschaftlichen Kommunikation

 

 

 

 

 

 

 

Wer war Vlad Boțulescu von Mălăiești? Als Gefangener in der Burg der Sforza in Mailand übersetzte vor über 250 Jahren der rumänische Gelehrte eine deutsche Universalgeschichte ins Rumänische. Der Verfasser sollte sein Gefäng-nis nicht mehr verlassen, das Manuskript wurde erst vor fünf Jahren in Bukarest teil-veröffentlicht. Mit diesem alten und unbe-kannten Beispiel der Übertragung historiographischer und philosophischer Konzepte eröffnen Emanuela und Andrei Timotin in diesem Band das erste Kapitel von Reflexionen über den Transfer philosophischer Begriffsbildung in die rumänischen Sprach- und Denktraditionen. Solche Transfers implizieren – wie man den Beiträgen und auch den ausführlichen Rezensionen zur postkolonialen Theorie (Ana-Maria Pălimariu, Dragoș Carasevici, Alexanda Chirica) entnehmen kann – enorme Unwägbarkeiten, ja sie erscheinen eigentlich so unmöglich wie eine reine, völlig störungsfreie Kommunikation. Und dennoch zeichnet menschliche Geschichte der immer wieder gemachte Versuch aus, das Eigene zu überschreiten und „in Kontakt“ mit dem Nicht-Eigenen zu treten. Der von der Wiener Philosophin Mădălina Diaconu und dem Iașier Germanisten Andrei Corbea-Hoișie herausgegebene, mehrsprachige Sammelband geht intensiv diesen Schwierigkeiten wie auch den Erfahrungen des Übersetzens nach.

 

In der ersten Abteilung folgen auf die Eröffnung mit Boțulescu die Klassiker: Kant, Hegel, Kritische Theorie. Ioan Oprea (englisch) zeichnet die Linien der Entwicklung in den Donaufürstentümern nach, wo in Iași und Bukarest Kant und später Hegel durch Lehre und Übersetzung von deren Schülern Terrain gewannen; dies aber war nur möglich durch die rationalistische Aufklärung, die die „Școala Ardeleană” von Siebenbürgen über die Karpaten brachte (Barnuțiu, Murgu, Laurian, Pumnul). Mădălina und Marin Diaconu exponieren in ihrer Übersicht der Kant-Rezeption in Rumänien den Politiker und Juristen Titu Maiorescu als bedeutendsten Kantianer Ende des 19. Jahrhunderts. Für das 20. Jahrhundert bündelt George Bondor (französisch) die philosophisch-konzeptuellen Linien in vier Modellen: rationalistisch (Vasile Conta), romantisch (Constantin Noica), exis-tenzialistisch (Nae Ionescu, Nicolae Steinhardt, Mircea Vulcanescu). Nur dem im Westen ja durchaus vorhandenen marxistischen Modell schreibt Bondor keine Vertreter zu, sondern sieht für jeden ernsthaften Denker im rumänischen Kontext der kommu-nistischen Zensur das Problem der verdeckten Schreibweise. (Bondor übergeht damit die sozialistische Theoriebildung, etwa durch Dobrogeanu-Gherea am Ende des 19. Jahrhunderts.). Dem jüngeren Kritiker und Autor Alex Cistelecan (englisch) fehlen in den rumänischen Philosophiedebatten die Vertreter der Kritischen Theorie, wie er nicht zuletzt an den entsprechenden Sektionen der Buchhandlungen beobachtet, und weist zugleich auf Ausnahmen hin, etwa den Verlag „Idea” in Cluj.

 

Spiel(t)en in diesen Rezeptionen und Anschlüssen an deutsche Philosophen deren Übersetzungen neben der Universitätslehre die zentrale Rolle, so fokussiert das nächste Kapitel des Bandes näher auf einige Beispiele rumänisch-deutscher Übersetzungen im diachronischen Schnitt von Meister Eckhart bis Tudor Vianu. Wie werden anderssprachige Theorien und Schulen Rumänischlesenden präsentiert? Hier werden einige der generellen Probleme der Übersetzung deutlich. In einem erfreulich ausführlichen und in elegantem Französisch verfassten Beitrag zu den Übersetzungen Siegmund Freuds ins Französische und Rumänische hebt Magda Jeanrenaud einige der zentralen Probleme hervor: Anders als in Frankreich gibt es in Rumänien keine lebhaften Debatten, wie man Freud übersetzen solle (Freuds Lehre hat vor dem Hintergrund einer religiösen Orthodoxie keine große Anängerschaft in Rumänien ausgebildet). Zudem entwerfen die ÜbersetzerInnen selbst keine theoretischen Modelle hinsichtlich ihrer Herangehensweise, die ihre Übersetzung einheitlicher und überzeugender machen könnten.

 

Auch Gabriel Horațiu Decuble vermerkt in rumänischen Übersetzungen Meister Eckharts wenig Bewusstsein für ontologische Konzepte, die bestimmte Übersetzerentscheidungen motivieren könnten. Ion Tănăsescu geht in seinem kurzen, aber prägnanten Beitrag dem Verständnis des für die Phänomenologie zentralen Begriffs der „Intention(alität)“ bei Franz von Brentano nach – ein Begriff, der seine untergründige Rolle durch den gesamten Band spielt. Welche Problematik in umgekehrter Richtung vom Rumänischen ins Deutsche Übersetzungen bieten, diskutiert Elisabeth Berger am Beispiel der Metapherntheorie des Klassikers Tudor Vianu und deren kongenialen Übersetzung durch den Siebenbürger Sachsen Dieter Roth. In einem spannenden, bisweilen sprachlich aber etwas ungenauen Dokumentationsbeitrag von Larissa Schippel und Julia Richter zum "Übersetzungsdienst Wien" während des Zweiten Weltkriegs findet sich die (bibliographische) Gleichstellung von Autor und Übersetzerin – auch ein Beitrag zum philosophischen Problem, was eine Übersetzung und welche die Rolle der ÜbersetzerInnen als Textproduzent sei.

 

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Juni 1941 - das pogrom von iaşi (1)

Reflexionen eines Massenverbrechens in Historiographie und Kunst

 

Was in den Tagen vom 28. Juni bis 6. Juli 1941 in Iaşi (Jassy), der moldauischen Metropole im Nordosten des 1919 erstandenen Groß-Rumäniens geschah, blieb in der Nachkriegszeit lange ein nebelhaftes Mysterium. Zwar gedachte das 1947 installierte kommunistische Regime jährlich offiziell dem Mord an den Juden der Stadt, aber detaillierte Forschung wurde in den vierzig Jahren kaum betrieben, so dass die ideologisch gefärbte und motivierte Interpretation des Regimes für eine Epoche lang das Bild bestimmte. Dies hielt auch noch nach 1989 an, bis eine jüngere Generation von Historikern begann, nachzufragen und erstaunliche Fakten und Quellen zu Tage fördern konnte.

Mittlerweile hat in Ergänzung oder auch anstelle von fehlenden Darstellungen auch die Kunst in unterschiedlichen Formen sich des Themas angenommen. Dies ist Anlass, um an dieser Stelle sowohl die historische Forschung als auch die kulturhistorische Erinnerungs- und Reflexionsarbeit in ihren Formen vorzustellen - auch, damit dieses Ereignis des "stillen Holocaust" nicht vergessen wird.

 

 

Abbilder des Grauens

Ein Fotoband über das Pogrom von Iaşi

 

Der graubärtige Mann im Zentrum des nebenstehenden Fotos steigt als einer der letzten in einen Güterwaggon am Bahnhof von Iaşi.  Er blickt zurück, weil offensichtlich jemand unter den Uniformierten mit

 

Abb.: Indiana University Press, Bloomington

 

 ausgestrecktem Arm und Zeigefinger auf ihn zeigt und etwas sagt. Es sind fast nur noch Uniformierte zu sehen - mit Tellermützen, Käppis, Gürteln, Waffen, Umhängetaschen, Epauletten.

Im unscharfen Hintergrund könnte noch ein Zivilist zu identifizieren sein. Es scheint nur ein sehr enger schlauchartiger Korridor neben dem Zug zu sein, der die Uniformierten aufnimmt. Hinter dem Graubärtigen mit der Mütze, der sich von der höheren Stufe des Güter/Viehwaggons umdreht, sind ein junger Mann erkennbar, der versucht, in den vollen Waggon zu gelangen, sowie ein weiterer Mann, der bereits in der Waggontür mit dem Blick nach innen steht.

Das Foto ist auf dem Einband des Bandes zu sehen, der zahlreiche der mittlerweile bekannt gewordenen Aufnahmen jenes unmenschlichen Geschehens in Iaşi versammelt, das Ende Juni bis Anfang Juli 1941 sich abspielte. Es sind verstörende Bilder der Gewalt, die aus unterschiedlichen Archiven zusammengetragen wurden.

Als Einführung gibt ein Text des als Herausgeber genannten Radu Ioanid, Direktor beim US Holocaust Museum in Washington, eine knappe Darstellung des Geschehens aufgrund von Archivdokumenten und Publikationen wie Cartea Neagră  von Matatias Carp, das 1948 in zwei Bänden erschien, Marius Mircu Pogromul de la Iaşi unmittelbar nach Kriegsende 1945 publiziert oder der sechsbändigen Quellenedition von Jean Ancel Documents concerning the Fate of Romanian Jewry during the Holocaust, New York 1986. Allerdings zieht Ioanid auch die einzige größere Publikation in kommunistischer Zeit heran, die stark ideologisch gefärbt ist: Aurel Kareţki, Maria Covaci, Zile însîngerate la Iaşi, 1941. Bucureşţi 1978, in der das Bild eines von der Bestialtität der Deutschen angestifteter gesellschaftlicher "Abschaum" sich habe zu Mordtaten hinreißen lassen.

 

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DNA-Chefin Laura Kövesi von Staatspräsident Johannis entlassen

 

Am 9.7.2018 hat in Bukarest Staatspräsident Klaus Johannis die Leiterin der Anti-Korruptionsstaatsanwaltschaft DNA, Laura Kövesi entlassen. Er folgte damit einer Aufforderung des Verfassungsgerichts (CCR). Dieses wiederum hatte die Weigerung Johannis', einer entsprechenden Anordnung des Justizministers Tudorel Toader Folge zu leisten, für nicht legal erklärt.

Kövesi hatte das Amt über fünf Jahre inne, während der eine Reihe von Ministern und hohen Funktionsträgern wegen Korruption verurteilt wurden. Die Ablösung Kövesis und die Beschneidung der justiziellen Unabhängigkeit im Kampf gegen die Korruption war ein wichtiges Ziel der regierenden Koalition aus PSD und ALDE. Kövesis reguläre Amtszeit hätte 2019 geendet. Vor Journalisten betonte Kövesi, dass sie weiterhin Staatsanwältin bleiben werde und rief ihre DNA-Kollegen auf, wie bisher mit Hartnäckigkeit ihre Aufgabe zu verfolgen.

 


Zuspitzung.

 

 

Zur aktuellen politischen Lage in Rumänien

 

 

 

 

Foto: www.kultro.de

 

In den vergangenen Tagen und Wochen hat sich die innenpolitische Situation in Rumänien deutlich verändert. Dies machte auch der Besuch des Präsidenten der Abgeordnetenkammer, Liviu Dragnea (PSD) in der Schweiz am 29.-31 Mai offensichtlich. Schweizer Medien berichteten, dass der Termin unpassend gewählt sei, da am 30. Mai Dragnea das Urteil in einem seiner beiden noch ausstehenden Prozesse erfahren sollte. Kein guter Zeitpunkt für eine Auslandsreise also, worauf auch die Schweizer Filiale der rumänischen Protestbewegung #Rezist aufmerksam machte. Größere Weiterungen hatte diese Koinzidenz zunächst allerdings nicht, da das Gericht mit Hinweis auf die Reise die Urteilsverkündigung verschob, aus anderen Gründen mittlerweile auf den 21. Juni 2018. In den damit gewonnenen Tagen spielt sich allerdings eine Verschiebung der Macht auf der Bukarester Politbühne ab, die entscheidend für die Zukunft des Landes werden könnte. Denn während Dragnea in die Schweiz reiste, entschied der CCR (Curtea Constituţională României, Verfassungsgerichtshof) mit Mehrheit, dass der Präsident Klaus Iohannis nicht ermächtigt sei, die von Justizminister Tudorel Toader geforderte Entlassung der Präsidentin der DNA, Laura Kövesi, länger zu verhindern.

 

Die DNA entwickelte sich unter Kövesi zu einer konsequenten Verfolgerin der Gesetzesverstöße von Politikern aller Couleur ob in hohen oder niedrigen Ämtern. So mussten bereits mehrere Minister den Gang in das Gefängnis antreten. Zuletzt hat sich die frühere Ministerin für Tourismus unter Präsident Traian Băsescu, Elena Udrea, nach Costa Rica begeben, bevor ein Gericht in Rumänien sie zu sechs Jahren Haft verurteilt hat. Die DNA unter Kövesi wurde von durch Strafverfolgung bedrohten korrupten Politiker zur Hauptgegnerin erkoren, unter ihnen eben auch Parteichef und Präsident der Abgeord-netenkammer Liviu Dragnea, der bereits verurteilt ist und daher nicht das wichtige Amt des Premier-ministers einnehmen kann und dessen politische Karriere mit einer weiteren Verurteilung beendet wäre.

 

Die Entscheidung des CCR bedeutet einen schweren Schlag für die Antikorruptionsstrategie des Präsidenten. Der frühere Premierminister Daniel Cioloş sprach von einer "Umwandlung des Ver-fassungsgerichts in einen politischen Akteur". Auch der Politiker Cristian Ghinea von der neu ins Parlament gewählten alternativen Partei USR (Uniunea Salvaţi România; Union Rettet Rumänien) sprach von einer "absurden Entscheidung, durch die de facto die Autorität des Präsidenten aufgelöst werde". Noch weitergehend sah der Chef der größten Oppositionspartei PNL (Partidul Naţional-Liberal), Ludovic Orban, einen in einen Gerichtsentscheid gewandeten Staatsstreich, der die Demokratie in Gefahr bringe.

 

Dem aus Teleorman stammenden PSD-Politiker Dragnea gelang es mit der auf nur 20% der Stimmen (44% der an der Wahl Teilnehmenden; Wahlbeteiligung: 39,42%) und einer Koalition mit der ALDE beruhenden Parlamentsmehrheit in den letzten Jahren immer wieder, Gesetze auf den Weg zu bringen, die die Institutionen in die von Dragneas Partei gewünschte Richtung lenkten. So geht es ihm vor allem um die Zähmung der Justiz in Korruptionssachen. Bislang scheiterten alle Versuche, Korruptionsdelikte lediglich ab einer bestimmten Summe verfolgen zu lassen, am Veto des Präsidenten Johannis. Ein weiteres Vorhaben zielt auf die Veränderung der Justiz im Gesamten: Die Staatsanwälte sollen dem Justizminister unterstellt werden, statt bisher dem Präsidenten. Bei der politischen Polarisierung und dem bei Politikern in Rumänien wenig ausgeprägten Verantwortungsbewusstsein für die demokratischen Strukturen ein heikles Thema, das zudem offensichtlich den ganz konkreten Zweck verfolgt, die Aktivitäten der Staatsanwälte und Richter gegen korrupte Politiker zu bremsen. Auch der jetzige parteilose Justizminister Tudorel Toader, Professor für Jura und Rektor der Universität in Iaşi (Jassy) trägt diese waghalsige Strategie der PSD-ALDE-Koalition. Die Selbstverwaltung der Richter (CSM; Consiliul Superior al Magistraturii) hat mit großer Mehrheit dieses Ansinnen scharf verurteilt. Ebenso der Generalstaatsanwalt.

 

Ist die Absicht Dragneas und anderer PolitikerInnen nur allzu offensichtlich, so sucht er sie zudem mit einer Ideologie der "Rettung vor bösen Mächten" zu bemänteln. Seine Parteigänger sprechen von einem "stat paralel", von einer Justizdiktatur der DNA mit Bespitzelung der Gesellschaft wie zu Zeiten der Securitate. Um gegen die europaweit wahrgenommenen massenhaften Proteste der Zivilgesellschaft gegen Dragneas Justizpolitik eigene Bilder zu setzen, hatte die PSD am Samstag, 9. Juni, zu einer großen Demonstration nach Bukarest geladen. Organisiert von den PSD-Parteibüros in den Kreisen brachten Busse und Züge etwa 200000 Menschen auf den Platz vor dem Regierungsgebäude, auf dem sonst die Oppositionellen gegen die Regierung demonstrieren. Nach der Bukarester Oberbürgermeisterin Gabriela Firea, dem Koalitionspartner Călin Popescu Tăriceanu (ALDE) und der Premierministerin Viorica Dăncilă sprach Dragnea selbst und versuchte, das Bild eines Überwachungsstaates zu zeichnen, der jeden verhören und denunzieren wolle: „Ein System, das die staatlichen Institutionen nicht legitim gebraucht, außerhalb und parallel zur Demokratie, zum durch Wahlen ausgedrückten Willen des Volkes. Alle diese Dinge können mit einem Wort umfasst werden: Securitate.“ Erstaunlich für einen Politiker, der bereits wegen Wahlfälschung verurteilt wurde und auf zwei weitere Urteile wartet. Dragnea schließt mit den die Dimensionen seines Denkens entlarvenden Worten zur in weißen T-Shirts einheitlich gekleideten Menge: "Ich habe die weiße Farbe gewählt, weil Weiß die Sauberkeit symbolisiert! Das ist, was wir machen! Wir säubern das Land von dem Dreck, den diese Ratten verbreiten!" Die komplette Verdrehung der Sachlage scheint die Hauptagenda des starken Mannes in der rumänischen Politik darzustellen. Ob ihm diese vor der Menge gelingt, ist fraglich: Zahlreiche der Protestierer (gegen wen oder was? Einige trugen Schilder "Jos labele de pe salarii şi pensii" - Finger weg von den Löhnen und Renten) schienen kaum den Anlass ihres Ausfluges in die Hauptstadt verstanden zu haben, zu dem sie wohl von Arbeitgebern, Familienvätern, Freunden animiert wurden. Bei der Rede Dragneas leerte sich der Platz bereits für die Rückreise. Zeitweise erschien auf dem Regierungsgebäude das Motto der Opposition: #Rezist.

 

Dennoch: Der größere politische Zusammenhang und die Breite der Angriffe lässt Beobachter vermuten, dass Dragnea ein noch umfassenderes Ziel ins Auge genommen hat – die Umwandlung des rumänischen Präsidialsystems in ein Parlamentssystem. Darauf hin weisen etwa die am Präsidenten vorbei be-schlossene Verlegung der rumänischen Botschaft in Israel von Tel Aviv nach Jerusalem. Oder die immer schärfere Kritik am Agieren des Präsidenten.

 

Weitergehend überlegen einige PSD-Politiker, ob man Johannis nicht im Falle einer weiteren Ablehnung der Entlassung Kövesis einem Suspendierungsverfahren unterziehen solle, wie es die PSD seinerzeit unter Victor Ponta im Falle Traian Băsescus versuchte. Noch in dieser Woche soll eine weitere Veränderung der Justizgesetze das Parlament im Schnelldurchgang passieren und möglicherweise sogar ein Amtsenthebungsverfahren gegen Johannis eingeleitet werden. Das Urteil gegen Dragnea im Prozess mit seiner Ex-Ehefrau wegen Anstiftung zum Mißbrauch im Amt und Anstiftung zur Fälschung ist ebenfalls diese Woche für den 21. Juni vorgesehen.

 

 

UPDATE  19.6.2018

 

Am späten Montagabend, 18.6. hat die Mehrheit aus PSD, ALDE, UDMR (Uniunea Democrată Maghiară din România; "Ungarnpartei") der Abgeordnetenkammer des rumänischen Parlaments die Veränderung des Prozessrechts (Codul de procedură penală) beschlossen. Die Oppositionspartei PNL kündigte an, das Verfassungsgericht CCR gegen das Gesetz anzurufen. Zudem monierte die Opposition, dass das Gesetz erst um 18.45 Uhr aus dem entsprechenden Ausschuss kam und dann nur kurze Zeit debattiert wurde, bevor die Abstimmung begann. Sie endete mit 175 Stimmen pro, 78 contra und 1 Enthaltung.

Nach dem jetzt beschlossenen Gesetz kann eine endgültige Entscheidung in einer Sache rückgängig gemacht werden, wenn der Fall nicht von den Richtern der ersten Instanz unterschrieben wurde (genau dies trifft bei Dragneas Verurteilung zu zwei Jahren Haft mit Bewährung zu). Weitere Veränderungen des Prozessrechts betreffen u.a. die Möglichkeit zur Anklageerhebung, der staatsanwaltlichen Mitteilungen an die Öffentlichkeit, der Begrenzung der Ermittlungszeit auf 1 Jahr, Strafminderung für Kronzeugen nur innerhalb von 6 Monaten nach der Tat.

 

UPDATE 21.6.2018

 

In mehreren Städten Rumäniens kam es am Mittwoch zu spontanen Demonstrationen und Protesten gegen die Verabschiedung des neuen Codul de procedură penală. Auf dem Piaţa Victoriei in Bukarest versammelten sich ca. 4000 Protestierer, in Cluj ebenso viele, in Iaşi, Hermannstadt (Sibiu) ebenfalls mehrere Tausend. In Bukarest kam es zu Auseinandersetzungen mit der Jandarmeria (Gendarmerie). Der deutsche Journalist Paul Arne Wagner wurde von den Gendarmen festgenommen. Er ist Autor einer kritischen Reportage über die Bereicherung des Präsidenten der Abgeordnetenkammer und Vorsitzenden der PSD, Liviu Dragnea im Kreis Teleorman, wo Dragneas Aufstieg begann. Auch im Parlament gab es Proteste während einer Rede der Premierministerin Viorica Dăncilă über die Ratspräsidentschaft Rumäniens im ersten Halbjahr 2019.

 

17:33

PSD-Chef Liviu Dragnea ist wegen Anstiftung zum Betrug zu 3,5 Jahren Gefängnis ohne Bewährung verurteilt worden. In das Strafmaß geht seine Verurteilung zu einer Bewährungsstrafe ein, die jetzt als Gefängnisstrafe abzusitzen ist. Zu dem Urteil ist Revision möglich.

 

UPDATE 26.6.2018

Am Mittwoch, 27.6.2018 stimmt das Parlament in Bukarest über den Misstrauensantrag der Oppositionspartei PNL gegen die Regierung von Viorica Dăncilă ab. Der Präsident der PNL, Ludovic  Orban, appellierte an die UDMR (Vertretung der Ungarn) nicht länger die Koalition aus PSD und ALDE zu unterstützen.

 

Mittlerweile scheint der PSD-Vorsitzende Liviu Dragnea von der Absicht, weitere Veränderungen in der Struktur der Justizgesetze durch Notverordnungen einzuführen, abgekommen zu sein.

 

 

UPDATE 27.6.2018

 

Das Misstrauensvotum gegen die Regierung Dăncilă (PSD) ist gescheitert: Von notwendigen 233 Stimmen erhielt der Antrag nur 166.

 



Lyrische Positionen

 

Claudiu Komartin und Alexandru Bulucz

 

 

Das Baumhaus im Berliner Bezirk Wedding ist eine Initiative von Bewohnern des Gebäudes, die sich vor zwei Jahren entschlossen,

Claudiu Komartin (links), Alexandru Bulucz Foto: www.kultro.de

 

einen Raum zu schaffen für Aktivitäten, Diskussionen, Lesungen, Ausstellungen. Von dem Wunsch nach gesellschaftlicher Veränderung angetrieben, insbesondere was die Verhinderung der Zerstörung menschlicher Lebensgrundlagen angeht, haben sie einen großen Raum im Parterre umgebaut, so dass er in der Tat aussieht wie ein Baumhaus, mit Holzverschlägen, Astgewirr und einem "Baum" mitten im Raum. Vielleicht war es dieses Ambiente, das das Literarische Colloquium Berlin (lcb) vom fernen Wannsee animierte, am 22. Juni 2018 eine Lesung des rumänischen Gastes hier im Norden der Stadt im Baumhaus zu organisieren.

Der Lyriker Claudiu Komartin hat sich in Rumänien bereits einen Namen gemacht als Dichter, Organisator des Lesekreises "Institutul Blecher", Verleger der Casa de Editură "Max Blecher" und der Zeitschrift "Poesis internaţional". Ihm zur Seite war als Moderator, aber auch mit seinen Gedichten der Lyriker, Übersetzer und Philosoph Alexandru Bulucz, der seit längerem in Berlin lebt.

Bei der Vorstellung Komartins hob Bulucz dessen politisches Interesse hervor, das ihn zu einem der seltenen explizit 'engagierten' Dichter seiner Generation in Rumänien mache. (Das Blog Komartins trägt als Motto die Zeile: Poezia e forma de rezistență a unui koala față în față cu buldozerele trimise de Corporație. [Poesie ist die Form des Widerstands eines Koala gegenüber den von der Firma geschickten Bulldozern.])

Komartin verwies auf  die etwa bis ins Jahr 2000 dauernde Nachwende-Abneigung gegen die sich einmischende Literatur, was auf den "proletcultism" der kommunistischen Ära zurückgehe. Danach sei aber die Präsenz des Dichters, das in die Wirklichkeit Eintreten (împlicare în real)  -Komartin verweist auf den frühen Enzensberger -  sichtbarer geworden. Im Idealfall sei Literatur per se widerständig, der Dichter leiste ein Bekenntnis - er sei Zeuge.

Komartins Gedicht "Marvin Pontiac" macht das Politische evident, indem es - poetisch verwebt in einen Maschinenrhythmus, der in Komartins Lesung expressiv präsent ist - von einem US-Schwarzen in der früheren Autostadt Detroit 'erzählt'. Auch in "fericiţi cei" (Selig sind; Übersetzung Georg Aescht) betont der Lyriker stark wie ein einfallender Schlag in den Ablauf der Wörter das Wort "pace". Ebenso sensibel in ihrer Wortmächtigkeit geben die Gedichte "Ceaun" (Kessel) und "2091 A.D." ein dichtes Panorama heutiger und zukünftiger politischer Zustände. In "Kessel" wird einem diffusen Gefühl des Verdachts, der Unzufriedenheit, des Zweifels Wort und Raum gegeben:

 

 

să vorbim despre corali
despre delfini și balene

 

și despre oceane peste care se întind
dârele rachetelor

 

ultima șansă a lăcustei bipede în urma ei doar

 

solul otrăvit, doar vegetația pipernicită,

 

litania progresului permanent

 

roboți sfioși & ecrane hipnotice

 

 

"reden wir über Korallen

über Delfine und Wale

und über die Ozeane darüber sich die Streifen

der Raketen strecken

die letzte Chance der zweifüßigen Heuschrecke hinter ihr nur

die vergiftete Erde, nur die verkümmerte Vegetation

die Litanei vom permanenten Fortschritt

schüchterne Roboter & hypnotische Bildschirme".

 

In "2091 A.D." ist diese kritische Haltung eines Alten kontrastiert mit dem jugendlichen revolutionären Glauben an die neue Welt:

 

Pe cer ardeau câteva supernove, sateliții bâiguiau

 

pe frecvențe demult istovite, metal

 

sfârâind la intrarea în atmosferă, amintiri glorioase sub

 

păturile rărite, piele descuamată, timp-glod.

 

 

"Am Himmel brannten einige Supernovae, die Satelliten brabbelten

auf längst erschöpften Frequenzen, Metall

zischend beim Eintritt in die Atmosphäre, ruhmreiche Erinnerungen

unter den dünnen Decken, Hautabschilferung, Zeit-Schlamm."

 

(beide Übersetzungen: Alexandru Bulucz, erschienen in der Grazer Literaturzeitschrift "Lichtungen" No. 154).

 

Komartins sensibles Sprachgefühl reichert seine Gedichte mit Realität, Welt und Energie an. Ihre dystopischen Qualitäten sind dabei nicht nur als politische, sondern auch poetische zu verstehen. Die  Kraft der melancholischen Weltsicht lässt jeweils neue Bilder entstehen, die über das Sichtbare hinaus in neue Sprachwelten weiterführen.

 

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Bukarest - Berlin.

David Wagners erinnertes Tagebuch

 

"Vielleicht habe ich das alles ja nur geträumt: Eine Wohnung in einer unbekannten Stadt, viel Zeit und genug Plastikfoliengeld, um jeden Tag Strudel cu mere kaufen zu können." David Wagners Melancholie und Präzision haben ihn zu einem der bekanntesten und aktuellsten Schriftsteller unserer Befindlichkeiten im 21. Jahrhundert werden lassen. Unnachahmlich seine Beobachtungen auf  langen Berlin-Wanderungen, seine lakonisch-treffenden Wahrnehmungen, sein Pathos des Alltäglichen. In der Nachbemerkung des Buches erwähnt der Erzähler "eine Datei, die Bukarester Tagebuch heißt. Ich öffnete sie, begann zu lesen, las, las mich fest, und wunderte mich: Hatte ich das geschrieben?"

Solchermaßen verklausuliert geht der Autor an die Publikation eines Tagebuches, das großenteils mit Klarnamen versehen ist. Der 'Erzähler' kommt am Flughafen Otopeni an, wird von Simona und Bogdan abgeholt und in einer Wohnung untergebracht. Er ist Schriftsteller und hat einen Aufenthalt im ihm unbekannten Bukarest erhalten (im Austausch mit Simona, die nach Berlin kommt). Die Stadt ist neu und unbekannt - also ein idealer Gegenstand für das permanente Beobachten, Vergleichen, in Worte Fassen der fremd erscheinenden Welt. Der schmale aber vielseitig reflektierende Band lässt sich aus dieser Perspektive als ein rares Stück der Erinnerung an Bukarest um die Jahrtausendwende lesen. Es fällt das Plastikgeld auf, die Alarmanlagen der Autos, der Parlamentspalast und vieles andere. Alles gibt dem Melancholiker Anlass für grundsätzliche Überlegungen: "Man solle nur über das schreiben, was man kenne, sagt Naipaul. Womöglich hat er recht. Wann aber, ab wann, kenne ich etwas? Wie lange dauert das? Und wenn ich etwas ganz genau kenne, ist es dann nicht zu spät?"

'Handlung' ergibt sich durch die kurze, aber einschneidende Rückreise nach München, die im Hintergrund zu erahnende familiäre Konfliktsituation, auch durch die Insights in den Betrieb der wichtigen Kulturzeitschrift "Observator Cultural", vor allem aber durch einen Besuch bei Gellu Naums Witwe in Bukarest und deren Ferienhaus in Comana. Hier erhält der Erzähler einen Sommermantel des Surrealisten, den er nach Berlin bringen soll, um ihn Oskar Pastior zu überreichen. Ein abwechslungsreiches Spiel um Realität und Fiktion eines Schriftstellerlebens vor Bukarester Hintergrund.

 

David Wagner: Romania. Verbrecher Verlag, Berlin 2018, 143 Seiten, ISBN 978-3-95732-306-4

 


Literatur und Protest - Rumänische Schriftsteller und die aktuelle Politik

 

Die jüngsten Ereignisse in der politischen Szenerie Rumäniens haben Tausende auf die Straße getrieben. Umfassende "Justizreformen"verbergen kaum die Absicht, die Staatsanwälte und Richter dem politischen Amt des Justizministers zu unterstellen und ihre Unabhängigkeit zu gefährden. Viele - darunter z.B. 4000 "magistraţi" und auch der Generalstaatsanwalt - haben sich gegen diese Absicht ausgesprochen. Nach dem zweiten Rücktritt des Ministerpräsidenten in einem halben Jahr und der erstmaligen Benennung einer Frau in dieses zentrale politische Amt scheint sich an der Oberfläche die Konstellation kaum verändert zu haben.

In Deutschlandfunk Kultur (früher Deutschlandradio Kultur) gab es zu diesem Thema ein Gespräch mit dem Fokus auf der Rolle von Schriftstellern in den Protesten gegen das Regierungsvorhaben.

 

 

"Lesart"-Beitrag von Deutschlandfunk Kultur am 18.1.2018