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Drohne explodiert im Hafen von Constanța
Die Drohne vor der Explosion
(Screenshot; https://adevarul.ro/stiri-interne/evenimente/o-drona-marina-a-explodat-in-portul-constanta-2534506.html)
Heute morgen, 5. Juni 2026, ist gegen 10:30 Uhr Ortszeit im Hafen der rumänischen Schwarzmeerstadt Constanța eine Drohne explodiert. Die Seedrohne war bereits frühmorgens entdeckt worden und explodierte während der angeordneten Evakuierungsmaßnahmen. Verletzt wurde niemand, es entstanden Schäden an dem Schiff Hercules und einer Halle der Seerettungsgesellschaft ARSVOM, die die Drohne entdeckt hatte. Die Explosion war außerordentlich stark und noch in Năvodari zu hören. Fenster gingen in Constanța zu Bruch. Der Hafen wurde gesperrt.
Durch das Warnsystem RO-Alert erhielten Bewohner*innen der Kreise Constanța und Tulcea die Mitteilung, sich mindestens 1 km von der Küste entfernt aufzuhalten. Der Rettungsdienst DSU teilte mit, dass die Evakuierung präventiv erfolge, da weitere 4 Marine-Drohnen entdeckt worden seien (von denen 2 im ukrainischen Teil explodierten und 2 weitere nahe des Hafens von Constanța).
Aufnahmen (s. Foto) eines Hafen- oder Sicherheitsbediensteten zeigen vor der Explosion ein etwa 2 m langes, an ein Modellbauboot erinnerndes graues Wasserfahrzeug, das durch angelegte Sperrschläuche am Ufer festgehalten wird, aber wohl noch Fahrgeräusche von sich gibt. Im Laufe der Woche war bereits eine Seemine vor Vama Veche entdeckt und kontrolliert gesprengt worden. Seit Beginn des Angriffkrieges Russlands auf die Ukraine tauchen öfter Seeminen auf, die von den Behörden beobachtet und unschädlich gemacht werden.
Staatspräsident Nicușor Dan verwies auf den Vorfall an der Küste und darauf, dass Rumänien als NATO-Land am Schwarzen Meer eine sensible Sicherheitslage erfahre und die Vorfälle eine direkte Konsequenz des Angriffs Russlands auf die Ukraine seien. Mittlerweile ist eine Diskussion aufgekommen, ob die Drohne ukrainischer Herkunft sei oder "unter falscher Flagge" Teil eines russischen Angriffs oder eine durch russische Technik gesteuerte ukrainische Drohne.
Als neueste Nachricht meldet rfi, dass ukrainische militärische Stellen sich in Kontakt mit rumänischen Behörden befanden und über die "außer Kontrolle geratene" Drohne informierten.
Quellen: adevarul.ro; libertatea.ro; rfi.fr/ro/
Eugen Tomac mit Regierungsbildung beauftragt
Staatspräsident Nicușor Dan hat am 4. Juni 2026 seinen ehrenamtlichen Berater für Fragen der Diaspora, den Europaparlamentarier Eugen Tomac mit der Bildung einer neuen Regierung beauftragt. Der Gefolgsmann des früheren Präsidenten Traian Băsescu ist Präsident von dessen aktuell nicht im Parlament vertretenen Parteigründung PMP (Partidul Mișcarea Populară) und hat sich seit seiner Jugend mit dem Thema der außerhalb Rumäniens lebenden Bürger*innen beschäftigt. Tomac wurde als moldauischer Staatsbürger 1981 in Babele (Raion Ismail, Oblast Odessa) in der Ukraine geboren und kam nach dem Schulbesuch in Moldova zum Studium nach Rumänien. Danach arbeitete der Historiker neben dem Engagement für Jugendliche in der Diaspora auch als Journalist für Zeitungen und war Redakteur der Zeitschrift magazin istoric. Für die Diaspora wurde Tomac 2012 ins Parlament gewählt. 2019 ging er in das Europaparlament.
Tomac hat 10 Tage Zeit, eine neue Regierungsmehrheit zu schaffen, nachdem PSD und die rechtsnationalistische AUR der Regierungskoalition von PNL, PSD und USR in einem Misstrauensvotum die Mehrheit entzogen haben. Tomacs erste Vorschläge gehen in Richtung eines Technokratenkabinetts.
Mircea Cărtărescu 70
© C.Stadler/Bwag; CC-BY-SA-4.0
Am 1. Juni 2026 feiert der rumänische Schriftsteller Mircea Cărtărescu seinen 70. Geburtstag. 1956 im Bukarester Viertel Colentina geboren profilierte sich bereits der Literaturstudent im legendären Montagsliteraturkreis des Kritikers Nicolae Manolescu als von der amerikanischen Beat-Generation beeinflusster Dichter, der sein Studium mit einer Dissertation über die postmoderne Literatur in Rumänien abschloss. Später arbeitete der Autor bis zur Emeritierung als Literaturprofessor an der Universität Bukarest. Nach dem Wechsel zur Prosa führten seine Erzählungen und Romane, insbesondere die großartigen Beschreibungen von Bukarest kombiniert mit rauschhaften Phantasien in der Trilogie Orbitor (1996-2007: Aripa stângă, Corpul, Aripa dreaptă; dt. von Gerhardt Csejka und Ferdinand Leopold: Die Wissenden, Der Körper, Die Flügel) zu seinem durch zahlreiche Übersetzungen beförderten Weltruhm.
Auch der in der Anlage vergleichbare Roman Solenoid (2014; dt. Übers. v. Ernest Wichner 2019) zeigt Cărtărescu als einen an allen Formen der Literatur geschulten Sprach- und Ideenverarbeiter, dessen eruptive Ausflüge in die Welt der Phantastik und Imagination die von der Kritik immer wieder herausgestellte ungewöhnliche, ja einzigartige Form der Ausstellung eines Ichs aus Bukarest im 20. und 21. Jahrhundert konturiert. Nicht zuletzt das gezielte Aufeinandertreffen von grausam/abstoßenden und schönen/phantastischen Elementen in postmoderner Gemengelage haben kontroverse Kritiken befördert, die aber an der ästhetischen Überzeugungskraft der Werke nicht rütteln konnten.
Cărtărescu gewann zahlreiche bedeutende internationale Literaturpreise - bis auf den medial sichtbarsten, zu dessen Aspiranten er seit Jahren zählt.
Im Sommer erscheinen im Zsolnay Verlag erstmals seine frühen Gedichte in der Übersetzung von Ernest Wichner unter dem Titel Du trägst meine Samstage, ich deine Oktober.
Russische Drohne
explodiert in
Galați
Am Freitagmorgen, 29.Mai 2026, gegen 02:00 Uhr Ortszeit ist in der Donaustadt Galați eine russische Drohne auf einen Wohnblock gestürzt und explodiert. Zwei Personen wurden verletzt ins Krankenhaus gebracht, zwei weitere erlitten Panikattacken; der Wohnblock wurde evakuiert. Im 10. Stock des Gebäudes brach ein Feuer aus.
Nachdem bereits am 25.05. eine Drohne in Galați abgestürzt war (die 47. in Rumänien seit Beginn des Krieges, die 12. in diesem Jahr), aber nicht explodierte, hat diesmal der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine zum ersten Mal im NATO-Land Rumänien größeren Sachschaden und Verletzte verursacht.
Rumänische Politiker*innen verurteilten den Vorgang scharf. Präsident Niușor Dan rief den Sicherheitsrat des Landes (CSAT) ein und beriet sich mit NATO-Generalsekretär Rutte. Mehrfach war von rumänischen Politiker*innen die Forderung nach speziellen Systemen zur Luftraumüberwachung und Drohnenabwehr zu hören. Auch die NATO reagierte – ein Sprecher verurteilte die Unvorsichtigkeit und Unverantwortlichkeit Russlands. Rumäniens Aussenministerin Oana Țoiu berief den russischen Botschafter ein; dies tat auch Frankreich. Am Nachmittag hat Präsident Dan den russischen Generalkonsul in Constanța zur persona non grata erklärt und angekündigt, das Generalkonsulat zu schliessen. Mittlerweile hat sich der Präsident mit Verteidigungsminister Radu Miruță nach Galați begeben, um die Verletzten zu besuchen und den Ort des Geschehens in Augenschein zu nehmen.
Währenddessen wird in der verunsicherten Bevölkerung die Frage nach der Möglichkeit des Abschusses von Drohnen laut. Militärs verweisen darauf, dass im Falle von Galați nur 4 Minuten vom Überqueren der Grenze bis zum Aufschlag vergingen. Zudem sei die Gefahr groß, dass Abwehrmunition über die Grenze fliegen könnte. Ein General widersprach der Aussage eines Abgeordneten, es handele sich um einen Angriff. Vielmehr sei die Drohne aus Versehen nach Rumänien geleitet worden. Dennoch wird vielfach vermutete, dass Russland möglicherweise neben dem Baltikum auch Rumänien in seinen Reaktionen auf einen Angriff testet. Zugleich hat der Vorfall die innenpolitischen Spannungen zwischen Populist*innen und anderen Parlamentsparteien wieder sichtbar werden lassen.
Matthias Buth 75
Der Lyriker und Jurist Matthias Buth, der sich vielfach in seinen Gedichten mit der rumänischen Welt auseinandersetzt, feiert am 25. Mai 2026 seinen 75. Geburtstag. Aus Wuppertal stammend und im Rheinland lebend hat der ausgebildete Jurist lange in Verwaltungsämtern auch die kulturelle Vertretung osteuropäischer Länder betreut.
Zuletzt erschien von ihm im Verlag PalmArtPress der Gedicht/Foto-Band im augenblick, mit herausragenden Aufnahmen von Wolf Birke. Auch als kritischer Essayist betätigt sich Buth, nachzulesen auf faust.de und textor.online. Besondere Aufmerksamkeit schenkte der Lyriker auch dem Schicksal und Werk der ihm persönlich bekannten Sintezza Philomena Franz (1922-2022).
"Selten habe ich in der Gegenwartslyrik für unendlich Verlassenheit poetische Bilder von solch tragischer Ironie gefunden", schrieb Walter Hinck seinerzeit über das Werk Buths.
La mulți ani!
(Ausführlich über das umfangreiche lyrische Werk Buths s. hier unter der Rubrik Literatur (downscroll).)
Cristian Mungiu
gewinnt wieder Palme d'Or in Cannes
John Sears / WikiPortraits
Der rumänische Regisseur Cristian Mungiu aus Iași hat am 23. Mai 2026 die Goldene Palme des 79. Filmfestivals von Cannes gewonnen. Diese höchste Auszeichnung der Jury erhielt Mungiu für seine internationale Produktion Fjord aus der Hand der Schauspielerin Tilda Swinton. Der Film erzählt eine Geschichte rumänischer Auswanderer nach Norwegen. Hauptrollen spielen der amerikanisch-rumänische Schauspieler Sebastian Stan und die norwegische Schauspielerin Renate Reinsve. Bei der Aufführung soll es eine 12-minütige Ovation des Publikums gegeben haben.
Nach 2007, als mit Mungius Abtreibungsdrama "4 luni, 3 sâptămâni și 2 zile" die Neue Welle des rumänischen Films mit der Palme d'Or gekrönt wurde, hat damit Munigu als einer von nur 11 Regisseuren zum zweiten Mal die weltweit beachtete Auszeichnung erhalten.
Skulptur und Fotografie bei Brâncuși
Friedrich Teja Bachs Vortrag in der Neuen Nationalgalerie
Dass der Bildhauer Constantin Brâncuși auch ein Fotograf war und zahlreiche Aufnahmen seiner Skulpturen machte, ist weitgehend Allgemeingut. Was aber diese Tatsache bedeutet, welche Absicht dahinter stand (falls es eine solche gab), ob die Fotos die Wahrnehmung der Skulpturen beeinflusste oder gar steuern sollte, welchen Status diese Aufnahmen fotografisch hatten und haben, sind einige Fragen, die sich in diesem Zusammenhang stellen und die der Kunsthistoriker Friedrich Teja Bach (Wien) in einem fulminanten Vortrag in der Neuen Nationalgalerie Berlin aufgriff und weiterführte. Bach hat bereits 1987 mit seiner mehrfach wieder aufgelegten voluminösen Dissertation den Standard im deutschsprachigen Raum für die Auseinandersetzung mit dem Werk des Bildhauers gesetzt und auch der Vortrag eröffnete so zahlreiche Perspektiven auf die nur scheinbar marginale Fragestellung zur Fotografie, dass sich zentrale Motive zur Betrachtung des Werks quasi von selbst einstellten.
Zunächst schied Bach Museumsaufnahmen (auch solche von Brâncuși selbst) als "professionelle" aus, die gerade wegen ihrer Glätte, Unpersönlichkeit, Perfektion nichts mit Brâncușis eigentlicher Fotografie zu tun hätten. An einigen Selbstporträts erläuterte der Vortrag vielmehr, wie das Spezifische an der Fotografie des Bildhauers u.a. in dessen Verfahren der Überblendung z.B. mit einem Baum als "wirkliches" Selbstporträt zu erkennen ist. Diese etwa 50 Aufnahmen mit Bäumen eröffneten Fragen zum Verhältnis von Technik und Natur, die auf eine Emphase des "Zurücknehmens" gegenüber der Natur bei Brâncuși hinweisen.
Eine "vorbereitende" Funktion sah Bach hingegen bei Aufnahmen der "Unendlichen Säule", die er im Garten des ihn unterstützenden amerikanischen Fotoklassikers Edward Steichen bei Paris hatte aufstellen lassen. Hier kamen ganz andere Fragen der Materialität der Skulptur und ihrer Darstellung im Freien ins Spiel. Bach wies bereits in diesem Zusammenhang auf eine Aufnahme hin, in der die Säule durch leichte Unschärfe bzw. Verdopplung den Eindruck von Vibration erzeugte, was Bach dann an Fotos vom "Großen Vogel im Raum" intensiv diskutierte. Ohne eine Antwort selbst bei Fotospezialisten zu finden, wie eine durch Beleuchtung erzeugte Verdopplung der Spitze technisch hervorgerufen wurde, sah der Vortragende in der Aufnahme mit einem scheinbar von Flecken durchzogenen Hintergrundvorhang (wegen fehlerhafter Belichtung) jenes von Brâncuși gewünschte Unprofessionelle, aber der Skulptur (oder nur ihrer Darstellung?) entsprechende fotografische Element. Während die professionelle Fotografie perfekt ausgeleuchtet in maximaler Schärfe eine zentrale Darstellung biete, damit aber in der Zeit verbleibe, gehe es Brâncuși in seinen Fotos darum, das Leben der Skulptur zu spiegeln. Der spätere Hinweis auf Walter Benjamins Theorie der Aura als "Gespinst von Zeit und Raum" hätte an dieser Stelle in die nicht unerhebliche Problematik von Auratisierung der Skulpturen und Entauratisierung durch Fotografie und vice versa führen können. Differenzierend führte Bach aber die (Benjamin nicht fernliegenden) zeitgenössischen Theorien von Vibration, Kombinatorik, Bewegtheit ein, die auf naturwissenschaftliche Basis zurückgehend (Poincaré, Bergson, aber auch esoterische Konzepte) seinerzeit theoretische Gründe für die Abstraktion lieferten. Für Brâncuși öffneten diese Theorien von der Natur als Geist in der Bewegtheit des Lebens auch den Weg zur Dynamik der Skulpturen, der gerade der Film als neues Medium entsprach (einige der gezeigten Fotos waren Filmstills). Noch einmal betonte Bach, dass Brâncușis Skulpturen in ihrer Hochpolitur nicht als Reduktion zu verstehen seien, sondern Asymmetrie und Abweichung beinhalten.
Dies entspricht auch der Bedeutung der Sockelvariationen, deren narrativen Möglichkeiten im Vortrag als spezifische Inszenierung von Raum durch die Fotoaufnahmen sichtbar gemacht wurden. Faszinierend sind die Fotos, die das Atelier des Künstlers wie eine architektonische Anordnung von Raum zeigen, was der Vortrag noch einmal steigerte in Überlegungen zur Dialogfähigkeit der Anordnungen, in denen Form und Leere in Ensembles zur Formung von Orten beitragen. An der Gegenüberstellung von New York-Fotos (Berenice Abbott) und Atelieraufnahmen dachte Bach Brâncușis Diktum, dass Architektur Skulptur sei und New York sein Atelier, verblüffend weiter zur Auffassung, dass das Atelier eine "Anschauung" (Ezra Pound) sei, der die Fotografie entspreche. Nur in Fotos "diskurierten" die Skulpturen und Sockel miteinander, da die Bilder die Enge wiedergeben können. Atelier und Fotografie seien Formen der Anschauung eines Raums als generatives Erzeugnis der Skulptur.
Bachs Augen öffnender Vortrag implizierte weitere Fragen etwa an die Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie, an "professionelle" fotografische Darstellung von Skulpturen bis hin zur schwierigen Persönlichkeit des Künstlers aus dem Schill-Tal. In einer kurzen Fragerunde wies der Vortragende, der vor 50 Jahren noch zahlreiche Bekannte und Freunde Brâncușis ausführlich befragen konnte, in einer Anekdote darauf hin, dass der Rumäne und Franzose sich als moderner Künstler verstand und von Französ*innen nicht in der rumänischen Namensform angesprochen werden wollte! (Von Rumän*innen natürlich durchaus.)
In der vom RKI Berlin organisierten Veranstaltungsreihe findet der nächste Vortrag
in englischer Sprache mit Prof. Dr. Megan R. Luke
Regierung Bolojan gestürzt
Früherer Koalitionspartner PSD verbündet sich mit extremer Rechten
Die seit Juni 2025 amtierende Koalitionsregierung von Ilie Bolojan aus PNL, PSD, USR und UDMR wurde am 5. Mai 2026 durch ein Misstrauensvotum gestürzt. Zuvor hatte sich am 20. April die PSD aus der Regierung zurückgezogen und mit der extremen rechtspopulistischen AUR ein Bündnis gesucht, um ein Misstrauensvotum im Parlament einzubringen. Dieses wurde mit der Rekordzahl von 281 Stimmen bewilligt. PNL und USR nahmen an der Abstimmung nicht teil.
Die Regierung wird geschäftsführend im Amt bleiben, bis Staatspräsident Nicușor Dan einen neuen Ministerpräsidenten ernennt und dieser vereidigt wird. Die PNL kündigte an, dass sie nur mit Bolojan in eventuelle Verhandlungen gehen wird. Ihr Generalsekretär Dan Motreanu forderte die PSD auf, nun mit AUR eine Regierungsbildung zu versuchen: "Man kann nicht eine Regierung stürzen und dann vor der Verantwortung flüchten." USR-Chef Dominic Fritz sieht das Verhalten der PSD darin motiviert, dass sie notwendige und wirksame Reformen gegen Korruption verhindern wolle. USR werde keine neuen Koalitionsverhandlungen mit der PSD führen.
Allgemein wird der Sturz der Regierung Bolojan als Schlag für die Konsolidierung des Haushalts wie auch für die geostrategische Ausrichtung Rumäniens in der Krise der europäischen Ordnung angesehen.
Nach Orbán
Rumänische Reaktionen
Die Zeitung Libertatea meldet am 13. April 2026, dass Dominic Fritz, Bürgermeister von Temeswar, als "erster rumänischer Politiker Ungarn zum Sieg von Péter Magyar gratuliert". Fritz schrieb in den sozialen Medien: "Ungarn ist Europa. Die Teilnahme von fast 80% an den Urnen sagt alles. Die Ungarn haben sich die Demokratie zurückgeholt." Staatspräsident Nicuor Dan gratulierte ebenfalls: "Glückwünsche an Péter Magyar und Tisza für euren historischen Sieg! Das ungarische Volk hat mit einer klaren und mächtigen Stimme gesprochen. Rumänien und Ungarn sind Nachbarn, Partner und Mitglieder der EU und NATO. Ich warte mit Ungeduld darauf, ein neues Kapitel in den rumänisch-ungarischen Beziehungen zu öffnen, basiert auf gegenseitigem Respekt, offenem Dialog und unserem gemeinsamen Engagement für die europäischen und euroatlantischen Werte." Weiterhin schrieb er in den Medien: „Es existieren außergewöhnliche Gelegenheiten, im Bereich regionaler Sicherheit, wirtschaftlicher Zusammenarbeit und zum Wohlstand unserer Völker zusammenzuarbeiten. Glückwunsch! Gratulalok!"
Ein Großteil der ungarischen Diaspora (300 000) hat wie häufiger mehrheitlich für den jetzigen Verlierer der Wahl gestimmt. Es wird geschätzt, dass auch die in Rumänien lebenden und zur Wahl zugelassenen Ungarn und Szekler meist für Orbán stimmten, allerdings der Prozentsatz etwas gesunken sei. Allerdings ist der Anteil der Diaspora am Wahlausgang sehr gering (max. 2 Parlamentssitze).
Wahlsieger Péter warf Orbán vor, die Ungarn in Siebenbürgen "verraten" zu haben mit seiner Unterstützung von AUR und George Simion, der auf den Gräbern von Ungarn getanzt habe. "Eine solche Person, egal ob sie Präsident werde oder nicht, kann von keinem Premierminister Ungarns unterstützt werden." Kritik übte der Wahlsieger an der Rolle der UDMR, die mit ihrem Vorsitzenden Kelemen Hunor wie seine Vorgänger auf seiten Orbáns gestanden habe und teilhatte an der Desinformation der Ungarn in Rumänien. Er wolle aber mit Hunor sprechen und trage nichts nach. Der Wahlsieger stellte eine Fortführung des Kontakts mit den Organisationen in Siebenbürgen und ihre weitere Unterstützung in Aussicht.
Goldschatz (weitgehend) zurück
Foto: Drents Museum
Der im vergangenen Jahr aus dem niederländischen Museum Drents in Assen geraubte Schatz von Coțofenești ist wieder zurück. Auf einer Pressekonferenz im Museum am 2. April 2026 präsentierte Robert van Langh, Direktor des Museums mit beteiligten niederländischen und rumänischen Staatsanwält*innen den Helm und zwei Armreife, ein drittes Armband konnte bisher nicht aufgefunden werden, nach ihm wird weiter gesucht. Der Zustand der Armreife sei perfekt, der Helm könne durch kleine Restaurierungen ebenfalls komplett wiederhergestellt werden. Hinter der Rückkehr steht offensichtlich eine Übereinkunft mit den drei verhafteten mutmaßlichen Tätern aus der Region.
Der Schatz aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. gilt als eines der bedeutendsten Zeugnisse der dakischen Kultur. Er war Teil einer großen Ausstellung im Museum Drents mit zahlreichen Objekten aus Rumänien, die erstmals im Ausland gezeigt wurden. Die gestohlenen Artefakte bestehen aus purem Gold und sind üblicherweise im Nationalen Historischen Museum in Bukarest ausgestellt. Dessen Direktor war seinerzeit wegen des Verlustes des Schatzes von der damaligen Kulturministerin entlassen worden.
Buchmesse in Leipzig
Noch 2 Jahre bis Frankfurt
Am rumänischen Stand summt und brummt es: Immer wieder bleiben Besucher*innen stehen, bilden sich Menschentrauben, wenn Autor*innen lesen und diskutieren. Eine in Prag ansässige rumänische Internet-Buchhandlung (diasporaciteste.eu) bietet an einem Verkaufsstand Gelegenheit, aktuelle rumänische Bücher zu kaufen, was sichtbar Interesse findet. Offensichtlich zeigt die Anfang des Monats verkündete Nachricht, dass Rumänien 2028 Ehrengast der größeren und international global ausgreifenden Frankfurter Buchmesse sein wird, ihre Wirkung. Und das von Ioana Gruenwald (freie Kuratorin) und Alexandru Popescu vom Kulturministerium verantwortete Programm ist breit gestreut auf andere Veranstaltungsbühnen, eine Diversifizierung, die die diesjährige Gastregion "Donau" noch befördert. So wird im Echoraum "Donau" über neue Literatur gesprochen, im Café Europa über das Verhältnis von Rumänien und der Ukraine, ins Rumänische übersetzt wurde die äußerst lesenswerte Donau-Anthologie von Olivia Spiridon und Edit Kiraly, Dana Grigorcea stellt auf der "Literaturbühne" ihr neues Buch "Tanzende Frau, blauer Hahn" vor, Gabriela Adameșteanu mit ihrem Übersetzer Jan Koneffke den autobiographischen Roman "Stimmen auf Abstand", auf vielen Bühnen liest der aktuelle shooting-star Andras Visky aus Cluj mit seiner Übersetzerin Timea Tankó, etc.
Präsent sind auch moldauische rumänischsprachige Autor*innen. Wie in Berlin, wo sie auf Einladung der moldauischen Botschaft und des RKI auftraten, sind Dumitru Crudu, Emilian Galaicu-Păun und Iulian Ciocan mehrfach am rumänischen Stand oder an dem des auf Osteuropa fokussierten Übersetzungsnetzwerks Traduki mit ihren Übersetzer*innen Peter Groth, Ingrid Baltag, Julia Richter, Edith Konradt zu erleben. Aus Paris ist die Autorin und frisch nominierte Botschafterin der Republik Moldau in Frankreich, Lorina Bălteanu angereist, die ihren ersten Roman Dieses Seil, das mich an die Erde bindet mit der Übersetzerin Gundel Große vorstellt.
Im Gespräch verweist ein Verlagsleiter auf seine Erfahrung, dass für die Wirkung von Büchern das Lektorat besonders wichtig sei und erzählt von mehrmaligen Durchgängen durch Originaltexte und Übersetzungen bis wirklich gute Ergebnisse vorliegen. Übersetzer*innen in ihren multifunktionalen Positionen als Literaturscouts, Entdecker*innen, Marketingmenschen, Präsentator*innen werden in den nächsten beiden Jahren sehr gefragt sein, wenn Rumänien – wie zu hören ist - möglichst über 100 Übersetzungen aus dem Rumänischen vorlegen will. Dass dieser Anspruch bereits für Dynamik sorgt, ließ sich auch in Leipzig nicht übersehen.
Wapniarka und Kunst – Eine Ausstellung über frühe Ausstellungen zur Lagerkunst in Rumänien
Die Häftlinge/Insassen des Lagers Wapniarka in "Transnistrien" – dem von Rumänien besetzten Gebiet zwischen Dnjestr und Bug nach dem gemeinsamen Überfall mit Hitler-Deutschland auf die Sowjetunion – erlebten Schreckliches, als ihnen giftige Futtererbsen zu essen gegeben wurden, die tödliche Lähmungen verursachten. Prägte dieses Geschehen vielfach die Erinnerung an das Lager, so hat die Künstlerin und Forscherin Olga Stefan nun für ihre soziologische Dissertation an der Universität Iași überraschende Funde gemacht, die zeigen, wie auch die Produktion künstlerischer und kunsthandwerklicher Objekte Teil des Lageralltags wurden. Die Autorin entdeckte Bilder, Alben, Anhänger, Ketten u.a.m. in rumänischen Archiven und erzählt die Geschichten hinter dieser einzigartigen und bisher unbekannten Facette Wapniarkas und des Lagers Tîrgu Jiu, von wo aus viele Gefangene nach Wapniarka deportiert worden waren.
Am Donnerstag, 26.März 2026, präsentiert die Autorin in einer Ausstellung in Zürich in englischer Sprache ihre Funde und Interpretation der Funktion und Zusammenhänge dieser Artefakte im Lagerleben, die sogar in den Lagern und nach der Befreiung öffentlich in Ausstellungen gezeigt wurden.
The Concentration Camp Exhibition
Curated by Olga Stefan
Vernissage 26. März 2026, 19:00 Uhr,
1 Woche geöffnet
Material, Klingenstrasse 23
CH-8005 Zürich
Am 28. März, 16:00 Uhr MEZ gibt es eine Zoom-Präsentation unter:
Stromnotstand im Süden
Foto: Ministerul de energie
Wie zur Bestätigung der zunehmenden Implikation Moldaus in den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine wird jetzt die Zerstörung einer Stromleitung gemeldet, die Moldau mit Rumänien verbindet. Gestern, 23.3.2026 um 19:15 Uhr, ging die Stromversorgung der Linie zwischen dem rumänischen Isaccea und dem moldauischen Vulcănești, die durch den ukrainischen Budschak (Bugeac) verläuft, auf Null. Die Ursache stellte sich bald als durch einen russischen Drohnengriff beschädigte Teile der oberirdischen Leitung in der Ukraine heraus. Diese Hauptlinie versorgt 60-70% der Moldau mit Elektrizität. Nachdem Energieminister Dorin Junghietu noch das Funktionieren von 4 weiteren Leitungen betonte und die Versorgungssicherheit bekräftigte, aber zu "rationalem Energieverbrauch" aufrief, um das Ersatzsystem in den Spitzen nicht zu überlasten, berief Premierminister Alexandru Munteanu eine Sondersitzung der Regierung zur Verkündigung des Energienotstandes ein, der dann einstimmig beschlossen wurde. Er kündigte an, noch heute das Parlament einzuberufen, um den Notstand bestätigen zu lassen: "Das, was heute im energetischen Sektor geschieht, ist kein Unfall. Die Attacken Russlands auf die zivile Energieinfrastruktur der Ukraine sind ein Kriegsverbrechen, aber auch eine Attacke auf uns, hier in der Republik Moldau." Staatspräsidentin Maia Sandu sagte, die Stabilität des Energiesystems des Landes sei "fragil".
Bisher unklar bleibt, wieviele Regionen und Bewohner*innen vom Ausfall der Linie Isaccea-Vulcănești in der Republik Moldau betroffen sind und ob die Ersatzlinien für ausreichend Strom sorgen können.
Wassernotstand am Dnjestr
Dass der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine das Nachbarland Moldau stärker betrifft als nur durch gelegentliche Fehlabstürze von Drohnen, (wie gerade wieder geschehen im Süden des Landes mit einer iranischen Shahed-Drohne), zeigt die umfassende Verschmutzung des Djnestr vor einigen Tagen. Am 7. März 2026 zerstörte eine russische Rakete Teile der am Dnjestr (Nistru) in der Ukraine gelegenen Kraftwerkzentrale in Novodnijestrovsk und verschmutzte den Fluss mit Ölresten, die am 10. März in dem moldauischen Grenzdorf Naslavcea gesichtet wurden. Den flussab liegenden Orten und Raionen in Moldau rieten die Behörden, kein Wasser aus dem Fluss zu benutzen. In den darauffolgenden Tagen zeigte sich jedoch, dass offensichtlich die Verschmutzung größer als angenommen ist. Umweltminister Gheorghe Hajder sprach von über 1,5 Tonnen Ölderivaten, die in den Fluss geraten seien und die Regierung von Premierminister Alexandru Munteanu rief den Umweltnotstand aus. Die flussabwärts gelegenen Orte wurden aufgefordert, Reserven und alternative Formen der Wasserversorgung zu nutzen. Dies galt auch für die Bewohner*innen der zweitgrößten Stadt des Landes, Bălți. Nicht nur dort mussten die Menschen Schlange vor den Ziehbrunnen stehen, um sich mit Wasser zu versorgen. Die Regierung setzte den europäischen Mechanismus für Zivilschutz in Kraft und bat Rumänien um Hilfe bei der Bekämpfung der Folgen des Umweltschadens, worauf das Nachbarland mit der Sendung von Personal und Material zur Absorbierung und Blockade der Ölpest reagierte. Die rumänische Stadt Iași schickte zudem 100 t Trinkwasser nach Bălți. Die Sorge richtete sich auf die mögliche Gefährdung der Hauptstadt Chișinău mit ihren 600000 Einwohnern, deren Versorgung zu 80% vom Dnjestr abhängt.
Sowohl die moldauische als auch die ukrainische Regierung verurteilten die durch Russland verursachte grenzüberschreitende ökologische Katastrophe. In russisch orientierten Medien und Milieus wurde die Ursache der Ölverschmutzung nicht genannt bzw. zu Manipulationen und Diffamierung der Regierung genutzt. Obwohl die Ölsperren noch an einzelnen Stellen installiert bleiben, konnte die Wassernutzung in allen betroffenen Raionen am 19.3. wieder freigegeben werden.
Auf der 3. Sicherheitskonferenz Schwarzes Meer der "International Crimea Platform" in Chișinău am 23.März 2026 erwähnte Moldaus Außenminister Mihai Popșoi die Verschmutzung des Dnjestr durch Russland als Beispiel für dessen neben den militärischen, energetischen und Nahrungsrisiken verursachten "bedeutenden Schäden für die Umwelt mit Impakt auf die angrenzenden Länder."
Brancusi (Brâncuși) ist (nicht) da
Die große Brancusi/Brâncuși-Ausstellung in Berlin
Fotos: www.kultro.de
Das Unangenehme gleich vorweg: Zwar ist im wohl üblichen internationalen Jargon der Spitzenkulturereignisse viel von den Anlässen zur Veranstaltung dieser Ausstellung, den FreundInnen in Partnerinstitutionen und den glücklichen Fügungen zur Realisierung des großen Wunsches etc. die Rede und im gegebenen Fall von "Bronküsi" und "Brangkusi" allerorten – aber das Wort Brâncuși (spr.: brəngku:sch; IPA: brɨŋˈkuʃʲ) fällt bei der Pressekonferenz in der Neuen Nationalgalerie nicht ein einziges Mal. Damit ist klar, dass diese Kooperation des Centre Pompidou in Paris mit der Neuen Nationalgalerie in Berlin anlässlich des 150. Geburtstages von Constantin Brâncuși weitgehend ohne rumänische Beteiligung stattfindet. Leihgaben betreffen wohl nur einige Dokumente der Jugend des Künstlers in Rumänien. Natürlich ist Brâncuși auch ein französischer (aber – wie die Kontakte in alle Welt zeigen – ein internationaler) Künstler, aber dennoch stellt sich die Frage, was es bedeutet, dass unter dem Namen Brancusi die rumänische Phase und die Beziehungen zu Rumänien und rumänischen Künstler*innen fast komplett draußen vor bleiben. Können Institutionen wie das Centre Pompidou oder die Neue Nationalgalerie mit ihren hegemonialen Vernetzungen in die global dominierenden Zentren des Kunstbetriebes nicht mit den nicht so stark im Mittelpunkt stehenden, aber künstlerisch ebenbürtigen oder sie gar überflügelnden Szenerien nicht zusammenarbeiten? Oder reproduzieren sie bewusst Abhängigkeiten, die sie gerne wortreich überspielen?
Immerhin gestaltet das Rumänische Kulturinstitut in Berlin das Veranstaltungsprogramm der Ausstellung z.B. mit Vorträgen der maßgeblichen Brâncuși-Expert*innen Friedrich Teja Bach und Doina Lemny (die die Temeswarer Ausstellung kuratierte).
Aber dies sind äußerliche (wenn auch nicht unwichtige) Probleme/Beobachtungen. Die ausgestellten Werke des Bauernsohnes aus Hobița im Kreis Gorj stellen einen absoluten Höhepunkt der Bildhauerkunst dar und die Begegnung mit diesen Gebilden ist auch in Berlin ein Geschenk, das nicht zu übertreffen ist. Anders als die Ausstellung in Temeswar 2023 anlässlich des Kulturhauptstadtjahres, als zum ersten Mal seit Jahrzehnten in Rumänien wieder eine größere Auswahl von Brâncușis Werken in einem komplett verdunkelten Innenraum mit diskreter Scheinwerferbestrahlung auratisch jedes Werk aus der Nähe hervorhob, setzt sich die Ausstellung in Berlin naturgemäß mit der großzügigen rationalistisch-geometrischen Architektur von Mies van der Rohe auseinander. Durchaus mit Gewinn. Zwar ist kaum ein Objekt für sich ohne Perspektive auf im Hintergrund Befindliches zu sehen, aber so entstehen Ensembles und Kombinationen, die ihre eigenen Reiz besitzen können. Ein Vorteil der Berliner Ausstellung besteht durchaus darin, dass durch die großzügige Raumsituation es möglich ist, die Werke in ihrer Dreidimensionalität wahrzunehmen. Es dominiert nicht eine Perspektive, sondern im Umgang eröffnen sich weitere Ansichten. Und die hohen Vorhänge an den Glasfenstern geben mitunter eine einzigartig passende Bühne für die Inszenierung einzelner Werke ab. Der mit Sockel fast 4 m hohe Vogel im Raum hingegen wurde vor eine Marmorwand platziert im vollen Sonnenlicht der großen Glasfassade, was der Intention des Künstlers durchaus entgegenkommt, wenn das explosiv Glänzende im spiegelnden Licht der Bronze der Vorstellung vom Flug entspricht.
Wie in Temeswar gibt es auch 2 dunkle Räume, in denen einmal die Bronzeplastik Leda auf einer sich drehenden Scheibe ihr blitzendes Licht ausstrahlt, und zum anderen eine etwas kümmerlich wirkende Wiederholung jenes Ateliers, dessen Nachbau im Centre Pompidou längst zur Pilgerstätte aller Brâncuși-Fans geworden ist. Die Schließung des Pariser Zentrums ermöglichte jetzt die Reise einiger Teile diese Studios nach Berlin. Hier ist auch ein Filmausschnitt zu sehen, der den Meister bei der Arbeit zeigt.
Zu den herausragenden Werken Brâncușis gehören die Versionen der Schlafenden Muse – reine Verkörperungen einer Bewegung und eines Zustandes. In Berlin sind ihre Vorstufen und die Realisierungen in Marmor und Bronze zu sehen. Zwar ist die Präsentation in einer Plastikvitrine nicht sehr angemessen, ermöglicht aber eine große Nähe zu diesen in ihrer Schönheit an die Nofretete erinnernden Köpfe. Ihre Wahrnehmung in unterschiedlichen Materialien zeigt, wie sehr neben den für die Präsentation so wichtigen Sockeln den Bildhauer die Frage der Politur beschäftigte.
Der in Rumänien (und Frankreich) kultisch verehrte Künstler sei in Deutschland noch nicht so bekannt, hieß es von den Aussteller*innen. Die seltene Gelegenheit, das einzigartige Werk des unübertroffenen Begründers der modernen Bildhauerkunst in den zentralen Objekten wie Der Kuss, Mademoiselle Pogany, Leda, Schlafende Muse, Vogel im Raum, Fisch, Măiastră u.a. mit eigenen Augen zu sehen, dürfte jetzt dieses Manko beseitigen helfen.
Die Ausstellung unter der gemeinsamen Schirmherrschaft von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, von Emmanuel Macron, Präsident der Französischen Republik sowie Nicușor Dan, Präsident von Rumänien, läuft bis zum 9. August 2026.
Brancusi
Eine Sonderausstellung der Neuen Nationalgalerie – Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Kooperation mit dem Centre Pompidou, Paris, ermöglicht durch die FREUNDE der Nationalgalerie
Potsdamer Straße 50, 10785 Berlin
Vernissage am 19.3.2026, 19 Uhr
Öffnungszeiten
Dienstag – Mittwoch 10 – 18 Uhr
Donnerstag 10 – 20 Uhr
Freitag – Sonntag 10 – 18 Uhr
Öffnungszeiten an Feiertagen
Ostern
Freitag, 3. April – Montag, 6. April 2026 10 – 18 Uhr
Mai-Feiertag / Tag der Arbeit
Freitag, 1. Mai 2026 10 – 18 Uhr
Christi Himmelfahrt
Donnerstag, 14. Mai 2026 10 – 18 Uhr
Pfingsten
Pfingstmontag, 25. Mai 2026 10 – 18 Uhr
Rumänien wird
2028
Ehrengast
der Frankfurter
Buchmesse
Wie die Pressestelle der Frankfurter Buchmesse mitteilt, wird Rumänien Ehrengast der Messe 2028. Ein entsprechender Vertrag wurde heute, 20.2.2026, zwischen dem aktuellen rumänischen Kulturminister Demeter und Buchmesse-Direktor Boos unterzeichnet.
In der Pressemitteilung heißt es:
"Der Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2028 steht fest: Rumänien wird das Gastland der 80. Buchmesse (11.-15. Oktober 2028). Heute unterzeichneten der rumänische Kulturminister András Demeter und der Direktor der Frankfurter Buchmesse, Juergen Boos, in Bukarest den offiziellen Ehrengast-Vertrag.
Buchmesse-Direktor Juergen Boos sagte: ‚Ich freue mich sehr, dass Rumänien Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2028 sein wird. Rumänische Literatur ist in Europa längst präsent – getragen von einer starken Gegenwartsliteratur. Autor*innen wie Mircea Cărtărescu und Gabriela Adameșteanu werden weltweit gelesen und übersetzt. Ihre Bücher erzählen von einem Land, das politische Umwälzungen, Zensur und Neuanfänge erlebt hat. Wir freuen uns darauf, die Vielfalt der mehrsprachigen Literaturlandschaft Rumäniens in Frankfurt zu erleben.‘ Rumäniens Kulturminister Andras Demeter sagte: ‚Die Unterzeichnung dieses Vertrags stellt einen wichtigen Moment dar und würdigt die Präsenz der rumänischen Literatur auf der internationalen Kulturbühne. Die Ernennung unseres Landes zum Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2028 bestätigt die Anerkennung der Werte unserer Kultur, bringt aber auch eine große Verantwortung mit sich. Wir wollen den Ehrengastauftritt mit Sorgfalt, Professionalität und einer nachhaltigen Vision angehen und dabei den Tiefgang und die Lebendigkeit der aktuellen Kulturlandschaft Rumäniens aufzeigen.‘
Über das Format des Ehrengastlands heißt es:
“Ein Kernziel des Ehrengastprogramms ist es, die Anzahl der Übersetzungen aus dem Gastland ins Deutsche zu steigern. Das große öffentliche Interesse, das dem Ehrengast der Frankfurter Buchmesse jedes Jahr entgegengebracht wird, ist ebenfalls ein Anreiz für Verlage weltweit, Titel aus dem jeweiligen Gastland zu veröffentlichen. So fördert das Ehrengastprogramm der Frankfurter Buchmesse den internationalen Lizenzhandel und den Literaturtransfer.“
November- und Januar-Pogrom
Aufarbeitung des antisemitischen Terrors in Deutschland und Rumänien
Es war eine Ausgabe der rumänischen Wochenschau Jurnal sonor von 1941, die Adrian Cioflâncă und Teodora Drăgoi zur Basis eines 40-minütigen Films Rebeliunea și pogrom nahmen, um eine trotz der Kürze umfassende und aspektreiche Darstellung dessen zu geben, was als Rebellion der Legionäre von 1941 in die Geschichtsbücher einging. Die Bilder der Wochenschau zeigten zerstörte Synagogen, Aufmärsche, Militär – aber boten im Originalkommentar keinen Hinweis auf die realen Opfer: die jüdische Bevölkerung. Über 160 Menschen wurden ermordet, allein im Wald von Jilava bei Bukarest über 60. Die staatliche Wochenschau des Antonescu-Regime nannte sie nur als Opfer von Hooligans, Asozialen und betonte, dass Militär und Polizei die Ordnung wieder herstellten. Dagegen bietet das von Drăgoi und Cioflâncă hinzugefügte neue Material zahlreiche Fotos und einen erklärenden Kommentar, der die historischen Geschehnisse im Zusammenhang mit dem Terror der Eisernen Garde und den antisemitischen institutionellen Denkweisen und Strukturen im Rumänien der Zwischenkriegszeit kontextualisiert. Es bleibt zu wünschen, dass dieser Film ein großes Publikum findet.
Nach der Vorführung am 3. Februar 2026 in der Neuen Synagoge in Berlin Centrum Judaicum begrüßte Cristian Niculescu vom RKI Berlin den Historiker und Filmemacher Adrian Cioflâncă, Direktor des Bukarester Instituts "Wilhelm Filderman", Ottmar Trașcă, Historiker am Institut für Geschichte "George Barițiu" der Filiale der Akademie der Wissenschaften in Cluj und die Berliner Historikerin Mariana Hausleitner sowie den aus Rumänien stammenden Musiker Andrei Kovacs, Generalsekretär des Vereins JEWLIF. Jüdisches Leben in Europa – allesamt ausgewiesene ExpertInnen zur rumänischen Variante des europäischen Faschismus und seiner Verantwortung im Holocaust. Dass der Film Reaktionen auslöst, machten die bald artikulierten Fragen aus dem Publikum sehr deutlich, die davon zeugten, dass die Beschäftigung mit Antisemitismus und dem Holocaust gerade auch in Rumänien ein noch vielfach unbekanntes und zugleich auch europäisches Problem bleibt. Die differenzierte Diskussion führte auf die Besonderheiten der rumänischen Entwicklung. Trașcă machte die schwierige Geschichte der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Thema während der kommunistischen Diktatur deutlich, als die Schuld am Geschehen den Deutschen, deklassierten Individuen und den Legionären zugeschrieben wurden. Cioflâncă wies hin auf die Straßengewalt als "letztes Phantasma einer 'Lösung' der 'Judenfrage'", bevor dann das Regime systematischer vorging, was Hausleitner mit dem Hinweis auf die Vergleichbarkeit zum Novemberpogrom 1938 als "staatlich inszeniertem Volkszorn" ergänzte. Cioflâncă ging es auch um die Frage des Widerstands der Zivilgesellschaft, die Frage, wann die Lage kippt, um daraus zu lernen, wann Widerstand notwendig wird. Hausleitner wies auf den von ihr erforschten Widerstand auch in Rumänien hin, während Kovacs vertiefte, dass in den jüdischen Familien die Täter durchaus bekannt waren, aber in der Dikatur das Thema mit einen Tabu belegt war. Dies bestätigte eine Zuhörerin, die in ihrer Schulzeit und danach in Rumänien nie von dem Thema erfahren hatte.
Rumänien auf der Grünen Woche
oder
Wie "grün" ist die Berliner Landwirtschaftsmesse?
Vor Jahren war die Grüne Woche eine von Demonstrationen begleitete, nicht unumstrittene, aber für sich gesehen meist unterhaltsame, informative und vor allem auch kulinarisch ergiebige Veranstaltung, auf der frisch zubereitetes Essen und Trinken aus diversesten Regionen des Erdballs gekostet werden konnte. Im Idealfall nahm das Ganze die Ansicht eines orientalischen Basars mit unerschöpflichen interessanten Angeboten an, garniert mit Musik aus diesen Regionen und Ländern. Die Ukraine z.B. hatte mehrmals eine zweistöckige Gasthauslandschaft aufgebaut, auf der laute Musik und deftige pirogi und andere Köstlichkeiten zu haben waren. Ähnlich österreichische oder bayerische Biergärten, marokkanische Couscous-Tajine-Lokale, Getränkeangebote aus Armenien, Azerbaidjan, Weine aus Georgien, aber auch Teigtaschen, Fische, Kaviar aus Finnland, Schweden, Norwegen, etc. etc. Der rumänische Stand hielt da mit, offerierte salam de Sibiu, mici cu muștar și pâine, brânză de burduf, Wein aus Jidvei, Cotnari, Honig aus der Moldau oder Siebenbürgen und vieles mehr. Dort waren immer RumänInnen anzutreffen und solche, die das Land gut kannten, mit denen leicht ins Gespräch zu kommen war. Anregende Kommunikation, wie sie Messen vor allem ermöglichen sollen.
Wie anders sieht die Grüne Woche im 100. Jahr ihres Bestehens aus. Der rumänische Stand ist zwar relativ geräumig, aber echtes Essen nicht zu finden außer Salamistückchen für Vorbeigehende. Ansonsten hat das Landwirtschaftsministerium eine Theke aufgebaut und daneben noch ein wohl an lauschige, weinumrankte Terrassen erinnern sollendes Separee, an dessen Stirnseite aber Videos abgespielt werden, die lebende Schweine und ihre Zubereitung als Fleisch zeigen. Ansonsten kein Kochen und Brutzeln, kein Smalltalk mit ProduzentInnen über Zubereitung, Besonderheiten, Tipps. Stattdessen nur medial vermittelte Hinweise auf eine sterile ideale Welt der "Ernährungswirtschaft", in der die natürlichen Grundlagen und bäuerlichen Tätigkeiten nicht mehr vorkommen.
Das alles wäre vielleicht im Falle des rumänischen Standes lediglich zu bedauern, würde sich nicht auf der gesamten Messe dieser abschreckende Trend zu schönen Bildern, Videos und Plastikverpackungen ausbreiten. Kaum noch reales Essen, frisch zubereitet, als Aushängeschild für Regionen aus der ganzen Welt, begleitet von nebenbei transportierten Einsichten in Besonderheiten, Probleme, Traditionen weit entfernter Gegenden und Landschaften. Partnerland der Messe ist 2026 Marokko, an dessen Stand vor Jahren sich die Menschen drängten, um Couscous, Fleisch aus Tajine-Keramik, Minztee zu genießen. Einheimische MusikerInnen spielten Musik aus Atlasgebirge und Wüste und irgendwann tanzten ungezwungen ganze Gruppen von BesucherInnen zu den verlockenden Tönen... Wie anders heute: Auf großer Fläche präsentiert das Land kein Essen mehr, sondern nur noch Hinweise darauf in Vitrinen und auf großen Bildern. "Wie eine Apotheke" sagt die Begleiterin und trifft den Nagel auf den Kopf.
Dies scheint mittlerweile das unhinterfragte Credo der Messe überhaupt zu werden. Plastik-, Papp- und Papierverpackungen, Nahrungsmittel am liebsten nur als Nüsse, Körner, Teigwaren und ihre Derivate in ihren müllverursachenden Behältnissen. Zu diesen leicht handhabbaren Produkten gehören auch die animierenden Alkoholika, die ebenfalls handlich anzubieten sind. Natürlich gab es immer Wein, Likör, Schnaps etc. in exotischsten Variationen auf der Grünen Messe, aber mittlerweile besteht z.B. der Stand von Armenien nur aus Alkoholika-Angeboten (von hoher Qualität). Auch die deutschen WeinherstellerInnen sind immer mit großen Angeboten präsent, aber diesmal hat zudem ein Kreuznacher Großproduzent gefühlt in jeder Halle aufwendige Stände aufgebaut, so dass die Länder- und Regionenzuordnung der Messe nicht mehr erkennbar ist. Dies gilt auch für die AnbieterInnen, die massenweise in unterschiedlichen Hallen z.B. Pastel de Nata aus Portugal oder Körteszkolács aus Ungarn offerieren, wobei aber unklar bleibt, in welchem Verhältnis diese AnbieterInnen zu den Ländern stehen. Beliebigkeit der Herkunft und Produktion scheint das neue Konzept darzustellen, dürfte aber das letzte sein, was BesucherInnen der Grünen Woche erleben wollen.
Verirrt man/frau sich in eine mit Bauernhof bezeichnete Halle und erwartet vielleicht dort etwas mehr Aufklärung über die Realität und Probleme der Nahrungsmittelproduktion, wird der mögliche Hintergrund der Veränderung der Messe deutlich: Unerwartet finden sich zum Thema Bauernhof nicht nur die gleichen schönfärbenden Fotos und Videos, sondern auch Stände der allseits bekannten "Großen 4", jener bundesdeutschen Discounter,die mittlerweile die gesamte Lebensmittelwirtschaft von der Produktion bis zu den „EndverbraucherInnen“ mit ihrer Milliardenmacht kontrollieren und prägen. Schon ziemlich zynisch, dass diese sich als Interpreten der Landwirtschaft gerieren können, wo doch seit Jahren die Bäuerinnen und Bauern lauthals unter dem Joch der Gewinnerwartungen dieser Großen 4 sich winden. Gerade hat Ramona Pop, die aus Temeswar stammende oberste deutsche Verbraucherschützerin, darauf hingewiesen, dass die inflationsbefeuernden unerklärlichen Preissteigerungen durch die Großen 4 in "einer Black Box" stattfinden, die es unmöglich macht, zu erkennen, wodurch diese Verteuerung verursacht wird und wohin die Übergewinne fließen. Sie fordert daher von den Großen 4 deutlich größere Preistransparenz.
Unter diesen Voraussetzungen wundert auch nicht, dass diese Nahrungsmittelmesse nicht zulässt, dass das Wort "Bio" außer versteckt im Kleingeschriebenen mancher Inhaltsangabe überhaupt noch auftaucht. Wenn die Discounter übernehmen, geht es nur noch um verkaufsgerechte Präsentation industriell gefertigter, nicht immer sehr gesunder "Produkte". Auch die Tatsache, dass zum Profit der Großen 4 und anderer AnbieterInnen vor allem im Gemüse- und Obstsektor jene Flüchtlingssklaven beitragen, die in Spanien und Italien in selbstgebastelten Unterständen unter menschenunwürdigen Umständen auf riesigen, mit Plastikplanen überzogenen Äckern für unzureichenden Minimallohn schuften, soll dabei möglichst nicht thematisiert werden - die Mitmachstände des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit oder von Fair-Trade-Organisationen ändern an diesem blinden Fleck naturgemäß nur wenig.
Eine "Grüne" Woche mit schönen sterilen Fotos und Videos als nur noch zum profitablen Verkauf geeignete Verpackungsschau und Werbung für die eigentlichen Profiteure ohne in Echtzeit vollzogenem Kochen und Backen wäre mittelfristig auch ihr Ende. Dann hätte ein Besuch kaum mehr zu bieten als ein ermüdender Gang zwischen den Verkaufsregalen der Discounter. Und dann wäre es an der Zeit, eine neue Messe aufzuziehen, auf der gekocht, gebacken, gedünstet, gekeltert, verkauft und informiert wird.
VORHER (2014) HEUTE (2026)
Sandu wäre für Vereinigung mit Rumänien
Screenshot: youtube:The rest is politics
Für große Überraschung sorgte die moldauische Präsidentin Maia Sandu am 11. Januar 2026, als sie im Interview mit zwei britischen Journalisten auf die Frage, wie sie bei einem Referendum zur Vereinigung mit Rumänien abstimmen würde, antwortete: "If we have a referendum I would vote for the unification with Romania." Sie beschrieb zuvor im Gespräch die historische Bewegung nach der Unabhängigkeit, kam dann auf die Hunderttausenden Demonstrant*innen für die Vereinigung zu sprechen und reagierte auf die Zwischenfrage eindeutig. Auf die Gegenfrage "And why?" verwies sie auf die gegenwärtige Lage und darauf, dass es für ein kleines Land wie Moldova zunehmend schwieriger werde als Demokratie und souveräner Staat zu überleben. Allerdings verwies Sandu auch auf die gegenwärtige mehrheitliche Ablehnung einer Vereinigung in Moldova.
Ihre ungewöhnliche Aussage wirft auch ein Licht auf das Statement von Rumäniens Präsident Nicușor Dan im Dezember 2025 vor seinem Besuch in Berlin, als er ausdrückte, dass er "persönlich eine Vereinigung mit der Republik Moldova wünsche", aber Rumänien nichts in dieser Richtung vornehmen werde, so lange die Bürger Moldaus die aktuelle Form ihres Staates unterstützen. Aktuell hob Dan aber die Aufnahme Moldaus in die EU als besten Weg zur Gemeinsamkeit hervor. Betonen beide Staatsoberhäupter die Nicht-Aktualität der Vereinigung, so werten dennoch ihre Aussagen die bisher politisch möglichst unter der Aufmerksamkeitsschwelle gehaltene Option enorm auf: in den Unwägbarkeiten der globalen und europäischen Politik ein weiterer Faktor der politischen Handlungsmöglichkeiten aber zugleich auch möglicherweise der Verunsicherung. Die Reaktionen jedenfalls sind sehr unterschiedlich. Der frühere moskautreue Präsident Moldaus, Igor Dodon, forderte die Absetzung Sandus wegen Hochverrats. Der frühere rumänische Präsident Băsescu, der verwandtschaftliche Beziehungen nach Moldova pflegt und sich wiederholt für eine Vereinigung aussprach, nannte Sandus Aussage "unvorsichtig" angesichts der starken Opposition im Land.
Dietmar Müller
Wehrhafte Demokratie in Rumänien und der Republik Moldau
Einleitung
Seit dem europäischen Superwahljahr 2024 hat das Konzept der wehrhaften Demokratie verstärkte Beachtung erfahren. Darunter wird in Deutschland, aber auch in vielen Staaten Ostmittel- und Südosteuropas der Einsatz rechtlicher Beschränkungen der politischen Meinungsäußerung und Beteiligung verstanden, die dazu geeignet sind, extremistischen Akteuren in demokratischen Regimen Einhalt zu gebieten, um die Erosion von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu stoppen. Dabei stellen sich grundsätzliche Fragen: Welche verfassungsrechtlichen Mittel stehen dafür zur Verfügung? Welche Institutionen und Personen können aktiv werden und wie sollen sie agieren? Und schließlich, sind solche Maßnahmen politisch opportun, dienen sie dem beabsichtigten Zweck oder sind sie kontraproduktiv? In den letzten Jahren und insbesondere im Vorfeld und im Gefolge der Präsidentschaftswahlen in Rumänien und der Republik Moldau im Herbst 2024 sowie anlässlich des Referendums in der Republik Moldau im Oktober 2024 (bei dem abgestimmt wurde, ob der Beitritt Republik Moldaus zur Europäischen Union in der Verfassung verankert werden soll) sind in diesen Staaten einige Elemente der wehrhaften Demokratie angewendet worden.1 Sie werden im Folgenden vorgestellt und einer ersten Analyse hinsichtlich der aufgeworfenen Fragen unterzogen. Zunächst wird die „wehrhafte Demokratie“ jedoch als transatlantisches und transeuropäisches Travelling Concept vorgestellt.
Konzept und Geschichte der „wehrhaften Demokratie“ – „Militant Democracy“
Das in Deutschland auch einer breiteren Öffentlichkeit vertraute Konzept der wehrhaften oder auch streitbaren Demokratie ist in Rumänien und der Republik Moldau mutmaßlich nur einer Handvoll Verfassungsjurist:innen und Politikwissenschaftler:innen vertraut. Darauf lässt unter anderem schließen, dass der sehr produktive und einflussreiche Bukarester Rechtswissenschaftler Bogdan Iancu in seinen Analysen der jüngsten Entwicklungen in Rumänien das Konzept, um es unter „democraţie militantă“ einzuführen, mit den deutschen respektive englischen Begriffen benennt.2 Wie das Konzept in die Verfassungen und das rechtliche und politische Gefüge Rumäniens und der Republik Moldau Eingang gefunden hat, stellt eine interessante Ausprägung des Phänomens eines Travelling Concepts dar.
Der Begriff „Militant Democracy“ wurde in den späten 1930er Jahren von dem deutschen Juristen und Politikwissenschaftler Karl Loewenstein im amerikanischen Exil ersonnen, wohin er vor den Nationalsozialisten geflohen war.3 In Auseinandersetzung mit der Krise und letztlich der Zerstörung demokratischer Regierungssysteme im Europa der Zwischenkriegszeit – insbesondere dem der Weimarer Republik und Italiens – vertrat er die Meinung, die Demokratie müsse sich vor ihren inneren und äußeren Feinden schützen.4 Loewenstein war nicht der einzige liberale Denker, der für eine demokratische Wehrhaftigkeit eintrat, aber sicher der konsequenteste.5 Zum einen basierte seine Analyse auf einer breiten empirischen Erfassung von bereits bestehenden rechtlich-politischen Mitteln des demokratischen Selbstschutzes in europäischen Verfassungen und Rechtsordnungen der Zwischenkriegszeit. Als besonders umfangreich und erfolgreich hob Loewenstein die Gesetzgebung der Tschechoslowakei hervor, vor allem das „Gesetz zum Schutz der Republik“ von 1923 sowie das „Gesetz zum Schutz des Staates“ von 1936.6
1 Für die Analyse der Ergebnisse im rumänischen Superwahljahr 2024 siehe Daniela-Maria Mariş, Four and a Half Elections – How the Super Election Year in Romania was Extended, in: SOM 65 (1) 2024, S. 9-23 und für eine historische Perspektive auf die Präsidentschaftswahl Hans-Christian Maner in diesem Heft, S. X-X.
2 Bogdan Iancu, Autoritarism – Liberal-Constituţional, iliberal şi structural (notă asupra Hotărării Curţii Constituţionale nr. 32 din 6 decembrie 2024) [Autoritarismus – Liberal-konstitutionell, illiberal und strukturell (Notiz zur Entscheidung des Verfassungsgerichts nr. 32 vom 6. Dezember 2024)], in: Dreptul 36 (1) 2025, S. 9-15, hier: S. 9.
3 Markus Lang, Karl Loewenstein – Transatlantischer Denker der Politik, Stuttgart 2007.
4 Karl Loewenstein, Militant Democracy and Fundamental Rights (I+II), in The American Political Science Review 31 (3) 1937, S. 417-432 sowie 31 (4) 1937, S. 638-658.
5 Jens Hacke, Existenzkrise der Demokratie – Zur politischen Theorie des Liberalismus in der Zwischenkriegszeit, Berlin 2018, S. 245-255.
6 Jan Vondráček, Die Selbstbehauptung der tschechoslowakischen Demokratie in der Zwischenkriegszeit als Vorbild und Impulsgeber für Karl Loewensteins Modell der Militant Democracy, in: Heidi Hein-Kircher / Steffen Kailitz (Hg.), Verflochtene Herausforderungen politischer und gesellschaftlicher Demokratisierung Ostmitteleuropas – Demokratien zwischen den Kriegen, Marburg 2022, S. 221-237.
Balkan Crew
Rumänische Roma auf dem Balkanmarkt
Der Blick ist gleich gefangen von diesen Porträts: außergewöhnliche Präzision der Formen und ungewöhnliche Variationen. Frauengesichter und ein schreiender Manneskopf, aber auch Tiere – alle in der visuellen Präzision ihrer Bewegung mit wenigen Strichen hervorgezaubert. Auf dem Spreemarkt am Holzmarkt 25, einem kleinen Alternativgelände zu den umgebenden Betonmonstern der immer noch boomenden Berliner Touristikindustrie, hat Emanuel Barica mit wenigen, etwas nervös wirkenden, aber präzisen Bewegungen schon ein neues Bild begonnen. Der Zeichner kommt aus Botoșani im Norden der rumänischen Moldau und hat nach einiger Leidenszeit aufgrund von gesundheitlichen Problemen, in denen er erst wieder lernen musste, den Arm zu bewegen, sein enormes Talent zum Zeichnen mit Erfolg entfalten können. Diese schwierigen Zeiten liegen längst hinter ihm und er gestaltet nun in Berlin sein Leben erfolgreich durch seine Kunst. Er hat auf Straßen gemalt und in Galerien ausgestellt und bedient die verständlich große Nachfrage nach seinen Zeichenarbeiten auch auf solchen Märkten. Vor 2 Jahren nahm er in Marseille – u.a. neben Małgorzata Mirga Tas und Delaine Le Bas – mit seinen Zeichnungen teil an der großen Roma-Ausstellung "Barvalo" des Mucem (Musée des Civilisations de l'Europe et de la Méditerranée), über die die New York Times mit einer Abbildung seiner großen Wandgestaltung berichtete. Emanuel Barica hat seine Berufung gefunden und erfreut sich am direkten Kontakt mit seinen KäuferInnen an den Gesprächen über seine Kunst.
Zur Balkan Musik der DJanes wird getanzt, am Stand des Tuka Creative Club winkt unmissverständlich rumänisch eine Ie, also eine bestickte weiße Bluse, die als Wahrzeichen rumänischer Kultur in den letzten Jahren enorme Aufmerksamkeit gewann – hier können Interessierte eigene Textilien bedrucken und sticken. Evelyn Cseh erklärt die Bedeutung der Stempel aus Linoleum, mit denen die Leinentaschen (traista de acasă) dekorativ bedruckt werden. Es sind für den Balkan universelle Symbole wie Fisch, Blume, Kirsche, Wasser, die im Roma-Kosmos situiert sind oder besser: in den Kulturen floaten. Beim Sticken kommen die traditionellen Muster mit ihren ebenfalls spezifischen Bedeutungen zum Tragen. Hier sind es Stern, Diamant, Auge u.a. mit ihren Farben, die den Mustern ihre Möglichkeit zu unterschiedlichen Aussagen eröffnen. Offensichtlich sehr angetan sind die Teilnehmer*innen des kreativen Clubs bei der Arbeit an ihren eigenhändig bedruckten
Taschen, bei Schlüsselanhängern oder Lesezeichen – konkreter Kontakt zur Roma-Kultur des Balkans.
36 Jahre danach
Die rumänische Wende ist kein eindeutiges Geschehen geworden
Auch an diesen Weihnachtstagen hat in Rumänien wieder die Präsenz der Vergangenheit sich ereignet, die vor allem das Nichterfüllte, Unausgegorene, Fragwürdige der Ereignisse im Dezember 1989 in den Vordergrund stellte. Die Frage war einmal mehr, wofür und weshalb die über 2000 Opfer der blutigen Auseinandersetzungen gestorben sind. Und weshalb diese Revolution gegen das Ceaușescu-Regime, die Partei und die Geheimpolizei Securitate nicht zu klaren demokratischen Verältnissen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft führte.
Bei Premierminister Ilie Bolojan sind hierzu differenziert-skeptische Töne zu hören: "Nicht alles wurde korrekt gemacht und nicht alle Probleme wurden gelöst, aber die Richtung geht auf ein demokratisches Land. Nach 36 Jahren Freiheit, haben wir noch viel zu korrigieren." Er warnt vor gefährlicher Nostalgie und Versuchen, die Verbrechen des Kommunismus zu relativieren. Merkwürdigerweise glaubt Bolojan aber die Vergangenheit mit der Gegenwart damit verknüpfen zu können, dass bereits ein stärkeres Vertrauen in den Staat, eine dringend notwendige Verbesserung der aktuellen prekären öffentlichen Finanzen und ausgeglichenes ökonomisches Wachstum festzustellen erlaube, dass die Opfer von 1989 nicht umsonst gewesen seien.
Was 1989 geschah, ruft die unten aufgeführte Chronik in Erinnerung [downscroll].
Heute vor 36 Jahren
Die Revolution in Rumänien in Tageschroniken
36 Jahre nach dem Aufstand der rumänischen Bevölkerung gegen das diktatorische Regime von Nicolae Ceaușescu und der kommunistischen Partei lassen sich viele der Details des Geschehens genauer beschreiben als in den Jahren zuvor, als
Abb. CC BY-SA 2.5 pl, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1237708
sie vielfach noch nicht präzise eingeordnet werden konnten. Zahlreiche Fotos, Videos, Dokumente, Augenzeugenberichte, Gerichtsprotokolle lassen ein Bild entstehen, das die Vorgänge an der Oberfläche dokumentiert, während entscheidende Fragen nach den politischen Manövern innerhalb der Parteistrukturen, der Armee und der Securitate vor, während und nach der Revolution noch nicht offengelegt wurden. In einigen Fällen sind die Verantwortlichen klar benannt worden, allerdings haben sich daraus oft keine strafrechtlichen Konsequenzen ergeben.
An den Ablauf der Geschehnisse im Dezember soll die folgende Chronik erinnern.
Freitag, 15. Dezember 1989
Der bereits wegen seiner regimekritischen Aussagen (u.a. in ausländischen Radiosendern) aufgefallene Priester der Reformierten Kirche in Temeswar, László Tökés, hatte im Sonntagsgottesdienst am 10.12. seine Gemeinde aufgefordert, am 15. Zeuge bei seiner gegen seinen Willen angeordneten Versetzung in ein isoliertes Dorf bei Sălaj zu sein. Es kommen am frühen Morgen einige Hundert meist ungarischsprachige Gläubige an das überwachte Gebäude der Reformierten Kirche in der strada Timotei Ciparu an der Piața Maria, nicht weit entfernt von der Innenstadt. Securitate-Mitarbeiter in Zivil versuchen, Verhaftungen unter der Menge vorzunehmen, wobei es zu Auseinandersetzungen kommt, die sich aber noch nicht ausbreiten. Nachmittags finden sich weitere Menschen ein, jetzt auch Rumänen aus der baptistischen Gemeinde. Tökés kritisiert das Regime von Parteichef Nicolae Ceaușescu, es wird erstmals das Lied "Deșteapte-te române!" (Erhebe dich, Rumäne) gesungen. Um 20.00 Uhr kommt der Bürgermeister von Temeswar, Petru Moț, um mit Tökés zu verhandeln. Einige Protestierer bleiben über Nacht beim Kirchenamt.
Samstag, 16. Dezember 1989
An der Piața Maria in Temeswar versammeln sich anfangs etwa 300-500 Menschen, um gegen die Evakuierung des Priesters Tökes, aber auch bereits gegen das System von Partei und Staat zu protestieren. Ein Teil der Menge hält Straßenbahnen der Linie Nr. 2 in der Nähe des Gemeindeamtes der Reformierten Kirche an, um mit ihnen unter dem Rufen von Losungen wie "Jos Ceaușescu!", "Libertate" oder "Vrem paine!" (Wir wollen Brot!) in die Innenstadt zu gelangen. In größeren Gruppen marschieren Demonstranten in das Stadtzentrum. Eine Buchhandlung mit Büchern Ceaușescus wird zerstört, auch zahlreiche Schaufenster an der Einkaufsstraße im Zentrum gehen zu Bruch. Die Plakate mit Parteilosungen und Fotos von Ceaușescu werden zerstört. Auf einem ungarischen Radiosender wird über die Demonstrationen berichtet. Tökés bittet die Menge vom Pfarramt aus, die Demonstration aufzulösen und nach Hause zu gehen. In der Innenstadt auf dem Platz zwischen Oper und Kathedrale kommt es zu Konfrontationen mit der Miliz und den Wasserwerfern der Feuerwehr und zu zahlreichen Verhaftungen. Hunderte werden in Gefängnisse eingeliefert. Gruppen von Demonstranten gehen in andere Viertel der Stadt, vor allem solche mit Studentenheimen, um weitere Demonstranten zu animieren, auf die Straße zu gehen.
Nach Mitternacht sperrt Miliz die Straße zur Reformierten Kirche ab und räumt die Piața Maria. Tökés flüchtet sich mit seiner hochschwangeren Ehefrau, einem Schwager und dem Studenten Gazda Arpad in die Kirche, wo sie nachts von der Securitate verhaftet und ins Gefängnis gebracht werden. Der Aufstand scheint niedergeschlagen worden zu sein.
Sonntag, 17. Dezember 1989
Die Auseinandersetzungen in Temeswar zwischen Demonstranten gegen das Regime Ceaușescu und den Ordnungskräften verschärft sich in mehreren Stadtteilen. Panzer und gepanzerte Fahrzeuge sind auf Seiten der Miliz und der Armee im Einsatz. Barrikaden werden gebaut. Unbekannte zerstören systematisch Geschäfte, zünden sie an, ohne dass die Ordnungskräfte einschreiten. Auf Befehl Ceaușecus, den General Vasile Milea umsetzt, wird, vor allem als die Dunkelheit nach 16 Uhr einbricht, scharf in die immer größer werdende Menge geschossen und die ersten Verletzten und Toten unter den Demonstranten sind zu verzeichnen. Auch in die Häuser wird geschossen. Die Einheiten von Securitate, Armee, Miliz, Innenministerium, die an den Schießereien beteiligt sind, sind nicht genau zu verifizieren.
Montag, 18. Dezember 1989
Sânpetru Mare
Foto: Dobrivoie Kerpenisan
/aus Rebels With A Cause, 2019/
Angehörige begeben sich in der gespannten Atmosphäre der Stadt Timișoara in die Spitäler, um ihre Toten zu finden und zu beerdigen. Jede Gruppenbildung auf den Straßen ist verboten, auf Ansammlungen werde sofort geschossen. In den Firmen und Fabriken werden die Fehlenden gezählt. In einzelnen Vierteln wie dem Arbeiterviertel Girocului sind die Straßen übersät mit Gewehrpatronen und weisen auf eine kriegsähnliche Situation hin.
Vor der verschlossenen Kathedrale werden Kinder und Jugendliche, die dort Kerzen aufstellen wollen und Anti-Ceaușescu-Parolen rufen, von der Armee erschossen. 60 Tote und hunderte Verletzte sind das Ergebnis dieses Tages.
In dem Dorf Sânpetru Mare veranlassen Berichte von den Vorgängen in Temeswar eine Menschenmenge zum Marsch auf die Primaria, wo sie Bilder und Bücher von Ceaușescu zerstören.
In der Nacht zum Dienstag wird die "Operațiunea Trandafirul" (Operation Rose) durchgeführt: 40 Leichen werden von der Miliz aus den Krankenhäusern entwendet (einige noch Lebende werden ermordet), in einem Kühlwagen nach Bukarest gebracht, dort in einem Krematorium verbrannt und ihre Asche in einem Graben bei Bukarest verteilt.
Der Staatspräsident Ceaușescu begibt sich ohne Ehefrau Elena zu einem Staatsbesuch in den Iran.
Dienstag, 19. Dezember 1989
Sânpetru Mare
Foto: Dobrivoie Kerpenisan
/aus Rebels With A Cause, 2019/
Es werden zahlreiche weitere Verhaftungen vorgenommen. Die Arbeiter der Firma ELBA (Electrobanat) erklären den Generalstreik. In den Betrieben wird über das weitere Vorgehen diskutiert. Viele Fabriken sind von Ordnungskräften umstellt, um die Arbeiter an Demonstrationen zu hindern. Um 11 Uhr versuchen der erste Sekretär der Partei im Kreis, Radu Bălan, und Bürgermeister Moț, die Arbeiter zum Einstellen der Arbeitsniederlegungen und Demonstrationen zu bewegen. Bălan scheint bereit, in das Lager der Revolutionäre zu wechseln. General Gușă, ebenfalls in der Fabrik ELBA, ordnet einen Teilrückzug der Armee an. Auf den Straßen dominieren die Ordnungskräfte von Armee, Miliz, Securitate, bei Zusammenstößen sterben 8 Menschen.
Mittwoch, 20. Dezember 1989
Zehntausende, vor allem aus den Betrieben und Fabriken, demonstrieren in Temeswar gegen die Diktatur. Der Platz zwischen der Oper und Kathedrale füllt sich ab 14 Uhr mit Menschen, die aus den Nationalfahnen die Parteizeichen herausgeschnitten haben. Vom Balkon der Oper werden Reden gehalten (die installierten Mikrofone und Lautsprecher waren für eine prokommunistische Kundgebung vorgesehen). Der erste Redner, Ioan Chiș, prägt den Spruch: "Endlich ist die Mămăligă explodiert." Die Menge ruft enthusiasmiert: "Libertate", „Azi în Timişoara, mâine-n toată ţara!” (Heute in Temeswar, morgen im ganzen Land),
Eine große Zahl begibt sich zum Consiliul Județean, wo der Premierminister Constantin Dăscălescu sich aufhält. Eine Abordnung von Revolutionären (Ioan Savu, Corneliu Vaida, Sorin Oprea, Marcu, Boloșoiu, Hanus Sandu, Petrișor u.a.) führt einen Dialog mit dem Premierminister in dem Gebäude und fordert Rückzug der Armee, genaue Aufklärung über die Schießbefehle und die Zahl der Toten, Freilassung der Verhafteten, freie Wahlen, privates Unternehmertum, freie Presse. Die Befreiung der 980 Verhafteten und der Rückzug der Armee in die Kasernen wird erreicht. Vereinzelt werden Verbrüderungen mit der Armee beobachtet.
In der Stadt Lugoj im Banat finden ebenfalls Demonstrationen statt. Es ist die erste Stadt, die dem Beispiel von Temeswar folgt. Zwei junge Protestierer werden gegen 20.00 Uhr aus einer Armeekaserne heraus erschossen, die Parteizentrale geht in Flammen auf, zahlreiche Fensterscheiben von Geschäften werden eingeschlagen.
Um 19 Uhr hält der aus dem Iran zurückgekehrte Ceaușescu eine Rede im Fernsehen, in der er die Vorgänge und die "reaktionären, hooliganistischen, terroristischen Elemente" verurteilt. Der Ausnahmezustand wird über Temeswar verhängt. Aus seiner Heimatregion Oltenien (Craiova) sendet Ceaușescu Arbeiter als Nationalmilizen nach Temeswar, um gegen die Demonstranten vorzugehen. Sie solidarisieren sich aber mit den Aufständischen und verbreiten nach ihrer Rückkehr die Nachrichten über den Aufstand.
Auf dem Platz vor der Oper in Temeswar bleiben etwa 60 Menschen über Nacht.
Donnerstag, 21. Dezember 1989
Auf dem Balkon der Oper in Temeswar verliest Lorin Fortuna morgens eine Proklamation, die einen neu konstituierten Frontul Democratic Român vorstellt und Temeswar zur ersten kommunismusfreien Stadt (oraș liber de comunism) Rumäniens erklärt.
In Arad gehen ab 8.30 Uhr die ArbeiterInnen zahlreicher Betriebe auf die Straße und marschieren in Richtung des zentralen Platzes, wo sich das Parteibüro befindet. Um 12.30 Uhr verspricht die Kreissekretärin der Partei, Elena Pugna, ähnlich wie Ceaușescu in Bukarest, eine Erhöhung der Löhne und der Kinderzulagen, wird aber ausgepfiffen. Am Abend wird unter den Demonstranten nach dem Temeswarer Vorbild ein Komitee mit der Bezeichnung Frontul Democratic Român gebildet mit dem Schauspieler Valentin Voicilă als führendem Mitglied. Der um das Parteigebäude postierte, mit Kriegsmunition bewaffnete Kordon aus Miliz und Militär findet keinen Anlass zum Eingreifen.
In Cluj wird hingegen auf dem zentralen Platz ohne Anlass von der Armee auf Befehl lokaler Offiziere in die Menge geschossen, 26 Menschen sterben, 79 werden verletzt.
In Târgu Mureș/Marosvásárhely wehren sich Arbeiter in den Fabriken gegen die von Ceaușescu vorgeschriebene Interpretation der Ereignisse in Temeswar. Der Parteisekretär der Stadt wird in der Firma IMATEX gezwungen, ein Protestschreiben an den Staatschef abzusenden. Nach konfrontationsreichen, vor allem von Arbeitern aus den Fabriken begonnenen Demonstrationen werden am Abend gegen 21.20 Uhr auf dem zentralen Platz 6 Menschen erschossen, 21 durch Kugeln verletzt, zahlreiche verhaftet und misshandelt.
In Sibiu/Hermannstadt/Nagyvaros wird eine kleine Demonstration von Arbeitern aus der Firma Balana gegen 8.30 Uhr aufgelöst. Kurze Zeit später finden sich zahlreiche Protestierer auf den Straßen, marschieren ins Zentrum, wo sie Bilder und Bücher von Ceaușescu aus Buchhandlungen verbrennen. Ab 10.00 Uhr beginnen auf Anordnung von Kreisparteisekretär Nicu Ceaușescu, Sohn von Nicolae Ceaușescu, Armeeschüler gegen die Protestierer vorzugehen. Sie eröffnen das Feuer und töten 1 Demonstranten, 4 werden verletzt. Daraufhin strömen Tausende in verschiedenen Teilen der Stadt auf die Straßen.
In Bukarest hält Ceaușescu um 12 Uhr eine von TV România übertragene Rede vom Balkon des ZK vor etwa 100000 eilig herbei transportierten Unterstützern der Partei. Während der Rede entsteht Unruhe in der Masse, es sind Knallgeräusche zu hören, es entsteht Bewegung in der Menge. Die TV-Übertragung wird mehrmals unterbrochen, als die Rufe "Timioșara" für kurze Zeit deutlicher durchdringen. Der Conducător reagiert zunächst verunsichert und fahrig, seine Ehefrau Elena neben ihm gibt Anweisungen - die Übertragung wird bald abgebrochen. Ceaușescu kann die Rede allerdings beenden, in der er vor allem finanzielle Versprechungen für Arbeiter, Mütter und Pensionäre macht. Die Ereignisse von Temeswar nennt er einen Angriff auf Unabhängigkeit, Integrität und Souveränität Rumäniens und erinnert an die Situation von 1968, als Rumänien nicht am Einmarsch in die CSSR teilnahm. In der Stadt finden Kämpfe zwischen Ordnungskräften und Demonstranten statt, vor allem an der nahe gelegenen Piaţa Universităţii, die ein erstes Todesopfer fordern. Abends wird dort vor dem Hotel Intercontinental eine Barrikade errichtet. Scharfschützen schießen von den Dächern auf die Demonstranten. In der Nacht sterben hier 49 Aufständische, 500 werden verletzt, Tausende verhaftet.
Cluj 21.12. 1989
Foto: Răzvan Rotta (https://ro.wikibooks.org/wiki/Revolu%C
8%9Bia_Rom%C3%A2n%C4%83_de_la_Cluj_%C3%AEn_imagini)
Sibiu, Casa de Cultură a Sindecatelor
Freitag, 22. Dezember 1989
In Bukarest findet im Gebäude des Zentralkomitees dessen letzte Sitzung statt.
9.00 In Sibiu beginnen Demonstrationen in Richtung Piața Mare und zur Casa de cultură a sindecatelor (Gewerkschaftskultur-haus), wo sich etwa 30000 Menschen versammeln. Unter ihnen konstituiert sich das Demokratische Forum des Kreises Sibiu.
9.55 Uhr Bukarest: Nachrichtensprecher George Marinescu verliest im TVR die Verkündung des Ausnahmezustandes (starea de necesitate) über das ganze Land. Jede öffentliche Gruppenbildung von mehr als 5 Personen ist verboten.
In der gleichen Nachrichtensendung teilt der Sprecher mit, dass Verteidigungsminister General Vasile Milea Selbstmord begangen habe. Milea hatte den Schießbefehl Ceaușescus weitergegeben, blieb aber nicht konsequent bei dieser Haltung. In den Nachrichten wird Milea als "Verräter" bezeichnet, der Gerüchte und Lügen in die Welt gesetzt und mit den "imperialistischen Kreisen" die Aufstände verursacht habe. Während der Nachrichten bewegen sich wie am Vortag große Demonstrationszüge in Bukarest von der Piața Universității Richtung Boulevard Brătianu und Magheru. Hier ist auch Maschinengewehrfeuer zu hören.
11.00 Nach einiger Zeit gelingt es, den DemonstrantInnen, den Platz vor dem ZK zu erreichen und in das Gebäude einzudringen.
11.50 Das TV-Gebäude ist von Protestierern besetzt, das Fernsehen in Televiziunea Română Liberă (TVRL, Freies rumänisches Fernsehen) umbenannt.
12.09 Uhr Nicolae und Elena Ceaușescu fliehen mit einem Hubschrauber vom Dach des ZK-Gebäudes, während sich der Platz mit einer unübersehbaren und enthusiastischen Menschenmenge füllt.
Petre Roman spricht vom Balkon des ZK-Gebäudes zur Menge und erklärt den Sieg der Revolution.
12.55 Im TVRL verkündet Mircea Dinescu aus einer Gruppe von Aktivisten - darunter der Regisseur Sergei Nicolaescu und der Schauspieler Ion Caramitru - in die Live-Kameras: "Am invins! Am invins!" (Wir haben gesiegt.)
General Chițac ruft aus dem Studio die Armee zur Unterstützung der Aufständischen auf.
12.00 In Temeswar werden auf dem Armenfriedhof die Gräber von vorgeblichen Opfern der Ceaușescu-Herrschaft und der Niederschlagung der Revolution geöffnet. Durch die wieder geöffneten Grenzen kann im Ausland der Eindruck erweckt werden, dass die Kämpfe in Temeswar mehrere Tausend Tote forderten. Falschnachrichten, die ihren Weg wieder zurück nach Rumänien finden.
12.00 Sibiu: Aufständische belagern den Sitz der Miliz auf der strada Armata Roșie, Ecke strada Moscovei. Diese hängt ein Transparent an das Gebäude, mit dem Text: "Noi, miliţia, slujim interesele poporului. Suntem cu voi! Fără violenţă! Organizaţi-vă pentru dialog!" (Wir, die Miliz, arbeiten im Interesse das Volkes. Wir sind mit euch. Ohne Gewalt! Organisiert euch für den Dialog.) Die Demonstranten gelangen in das Gebäude, die Miliz flieht zur auf der gleichen Straße benachbarten Armee, von wo aus auf die Milizionäre geschossen wird und 19 sterben. Auf die Menge vor der Casa de Cultură wird ebenfalls geschossen, sie flieht in Panik.
12.30 Nach der Flucht der Ceaușescus kommt es in Sibiu zu weiteren Schießereien zwischen Armee, Securitate und "Terroristen", die über 43 Tote fordern, unter ihnen auch Zivilisten und Demonstranten. Der Sitz der Securitate in Sibiu in unmittelbarer Nachbarschaft zur Armee wird 4 Stunden lang mit unterschiedlichen Waffen angegriffen, bis das Gebäude weitgehend zerstört ist. Hauptverantwortlicher für das Verhalten der Armee ist Leutnant Aurel Dragomir, der dem Kreisparteivorsitzenden Nicu Ceaușescu, Sohn des geflohenen Diktators, nahesteht.
Unentdeckte Scharfschützen belegen immer wieder Straßen mit Gewehrfeuer. Die Armee setzt auch Panzer und Geschütze gegen bestimmte Gebäude ein, die völlig zerstört werden.
Zudem hält sie mehr als 500 Personen in einer Sporthalle und einem leeren Schwimmbad fest, die als "Terroristen" bezeichnet werden. Es kommt bei dieser bis in den Januar dauernden Freiheitsberaubung zu Mißhandlungen und Verletzungen.
Zum blutigen Chaos in Sibiu tragen auch die während der Dauersendung des TVRL in Bukarest verbreiteten Gerüchte wie, dass das Wasser in Sibiu vergiftet sei, ebenso bei, wie die Suggestion einer von der Securitate angegriffenen Armee, die es zu verteidigen gelte. Mehrere Generäle fordern im TV ihre Kollegen auf, das "Gemetzel" zu beenden.
Im besetzten TVRL in Bukarest treten aufgeregte Redner mit Appellen, Informationen, politischen Statements, praktischen Vorschlägen auf. Petre Roman, Silviu Brucan, Mircea Dinescu, Ion Caramitru, mehrere Generäle, Priester, u.a. wirken bis in den Abend auf die Zuschauer ein, der Nachrichtensprecher Marinescu liest nun die Kommuniqués der Revolutionäre in die Kameras.
17.00 Nach einem Treffen mit den wichtigsten Militärs hält der frühere Minister für Jugend, Ion Iliescu, eine Rede vom Balkon des früheren ZK-Gebäudes in der er die Armee zur einzigen Ordnungskraft erklärt. Einige Zeit danach beginnen auf dem Platz Schüsse zu fallen.
Es bestätigen sich Nachrichten, dass das Ehepaar Ceaușescu in einer Dacia bei Târgoviște gefasst worden sei und in einer Armeeeinheit gefangen gehalten werde.
22.00 Im TVRL in Bukarest wird der gefangengenommene Sohn Nicu Ceaușescu, Parteichef von Sibiu, präsentiert.
23.00 Iliescu verliest im TVRL das Manifest des Frontul Național de Salvare, der von der Armee unterstützt werde und alle "gesunden Kräfte" des Landes umfasse. Alle Organisationen der Regierung des Ceaușescu-Clans seien aufgelöst, freie Wahlen für den April 1990 vorgesehen.
Am Abend und in der Nacht auf den 23. Dezember lassen die Attacken auf die Universitätsibliothek und den nun als Nationalmuseum funktionierenden früheren Königspalast nicht nach. Beide Gebäude geraten nach Beschuss durch Panzer in Brand, eine große Zahl wertvoller Gemälde, Tapisserien, Bücher, Handschriften, wird zerstört.
Samstag, 23. Dezember 1989
0.00 In Târgoviște wird die Militäreinheit 01714 angegriffen, in der Nicolae und Elena Ceaușescu gefangen gehalten werden.
In der Nacht brechen in den größeren Städten wie Temeswar, Cluj, Sibiu, Brașov und Bukarest Schießereien aus, deren Ursachen nicht genau auszumachen sind. Allgemein wird von "Terroristen" als Angreifern gesprochen, die skrupellos und ohne erkennbares Motiv auf Zivilisten, Soldaten Securitate, Miliz, in Häuser, Wohnblocks, Krankenhäuser schießen. Bewaffnete und wenig informierte Zivilisten beteiligen sich an den Kämpfen. In Brașov sterben in dieser Nacht 39 Menschen, nachdem die Armee - wie in Sibiu - gegen Vorlage des Personalausweises Waffen an Zivilisten ausgegeben hat. In der Banater Industriestadt Reșița, in der bis dahin die Demonstrationen keine Auseinandersetzungen mit den Ordnungskräften verursacht hatten, beginnen in der Nacht ebenfalls tagelange Gefechte, in deren Verlauf 25 Menschen sterben.
6.30 Bukarest: In 3 Autobussen werden Gendarmen, Armeeschüler und Wehrdienstleistende zum Flughafen Otopeni transportiert, um eventuelle Terrorattacken abzuwehren. Bei ihrer Ankunft werden sie noch in den Bussen aus verschiedenen Richtungen beschossen. In 10 Minuten sterben 22 Insassen, weitere Gefechte fordern am Flughafen das Leben von 15 Menschen. Zunächst wird als Ursache eine mangelhafte Kommunikation zwischen Armee und den Gendarmen vermutet, später eine gezielt geschürte Hysterie wegen möglicher "Terroristen".
Die Kämpfe um das Nationalmuseum und die Bibliothek halten an. Beide Gebäude stehen in Flammen, während sich auf den Straßen die Menschen hinter Panzern verschanzen.
In Sibiu wird weiterhin geschossen: Es herrscht Verwirrung, Chaos, Gerüchte unterschiedlichster Art machen die Runde. Aus den Dachfenstern (den "Augen von Hermannstadt") schießen Unbekannte, es wird wahllos zurückgeschossen, Panzer zerstören Gebäude, in denen "Terroristen" vermutet werden, Helikopter jagen Menschen, Zivilisten werden von Scharfschützen auf den Straßen erschossen, die mit Geschosshülsen übersät sind (nach einer plausiblen Schätzung wurden in den Tagen der Revolution in Sibiu über 2 Millionen Patronen benutzt).
In weiteren Städten kommt es zu weniger gewalttätigen Demonstrationen und Versammlungen.
23.30 Uhr Gegenüber dem Sitz des Verteidigungsministeriums in Bukarest an der Straße Drumul Taberei sind Panzer zur Verteidigung aufgestellt. Die Insassen von auf Befehl des reaktivierten Generals Nicolai Militaru herbeigerufenen leicht gepanzerten Fahrzeugen der U.S.L.A (Unitatea Specială de Luptă Antiteroristă) werden zu "Terroristen" erklärt und zusammengeschossen. Die 8 Toten (unter ihnen lt. col. Gheorghe Trosca, von dem es heißt, er sei an der Enttarnung von Militaru als Agent des KGB beteiligt gewesen) bleiben tagelang auf der Straße liegen, der abgetrennte Kopf von Trosca auf der Motorhaube eines Fahrzeugs ausgestellt. Die Zeitung România Liberă erklärt die Toten zu "Söldnern". Militaru wird zwei Tage später von Iliescu in der von Petre Roman geleiteten ersten postrevolutionären Regierung zum Verteidigungsminister erklärt.
Sonntag, 24. Dezember 1989
Der Consiliul Frontului Salvării Naționale und ein Comandamentul Militar Unic teilen über TVRL und Radio mit, dass "aus militärischer Sicht die Situation in der Hauptstadt und den Kreisen des Landes sich unter Kontrolle befindet. Zu dieser Stunde führen unsere Armee, Einheiten der Miliz und des Inneren Operationen zur raschen Lösung der Probleme, die noch bestehen, aus, um die Nester der Terroristen zu neutralisieren."
An einzelnen Punkten in den großen Städten wird noch geschossen, zugleich finden bereits Aufräumarbeiten statt.
Foto: www.kultro.de
Montag, 25. Dezember 1989
13.20 In der Garnison Târgoviște findet ein außerordentlicher Militärprozess gegen das Ehepaar Ceaușescu statt. Aus Bukarest sind auf Betreiben des Frontul Salvării Naționale (FSN) in mehreren Helikoptern ein Militärstaatsanwalt, Richter, Verteidiger, Schriftführer, Schöffen angereist. Die Anklage gegen Nicolae und Elena Ceaușescu lautet auf Genozid, gewaltsame Zerstörung kommunaler Einrichtungen und Gebäude während der Revolution, Zerstörung der Ökonomie, Deponierung von mehreren Hundert Millionen Dollar auf ausländischen Konten zur Fluchtvorbereitung. Ceaușescu erkennt das "tribunal poporului" (Volksgericht) nicht an.
Das Urteil lautet auf die Todesstrafe durch Erschießen und wird um 14.50 Uhr vollstreckt.
In den nächsten Stunden und Tagen lassen die Kämpfe in den Städten allmählich nach.
Vom 15. Dezember 1989 bis zum 22. Dezember wurden durch die Repression in Rumänien 271 Menschen getötet, vom Nachmittag des 22. Dezember (Flucht Ceaușescus) bis zum 25. Dezember (Hinrichtung) 715, nach dem 25. Dezember 113 (bei 67 Opfern konnte das genaue Todesdatum nicht festgestellt werden). Insgesamt 1166 Tote.
*
29 Jahre nach den Ereignissen erhob auf Basis eines Urteils des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte das höchste rumänische Gericht Anklage gegen den früheren Staatspräsidenten Ion Iliescu und 3 weitere Beschuldigte wegen ihrer Rolle bei den Kämpfen gegen "Terroristen" nach dem 22. Dezember 1989.
"We love football and
we miss important games"
Fußball in Rumänien
von
Volkmar Hoffmann
Abb: FC Voluntari/©Volkmar Hoffmann
Es war Anfang Oktober 2019, ein Samstag um 11 Uhr in Colentina, einem von chinesischen und arabischen Einwanderern geprägten Stadtteil am Ostrand von Bukarest. Zweitligaspiel zwischen ACS Daco–Getica Bucureşti und FC Dunărea Călăraşi im Stadionul Colentina, das versteckt zwischen in den 1970-ern und '80-er Jahren gebauten acht- bis zehnstöckigen Wohnblöcken liegt. Ein großer, meine siebenbürgische Stiefmutter würde sagen stattlicher Mann um die Fünfzig, mit einer nach allen Seiten ausufernden, weinroten Strickmütze, in dickem Anorak, Schal und Polyestertrainingshose. Vor Spielbeginn hatte er sich einen mitgebrachten Pappkarton auf einen der Hartplastikschalensitze gelegt, seinen Regenschirm und eine Unmenge von gut gefüllten Plastiktüten daneben gelagert, aber gesessen war er kaum. Die meiste Zeit stand er ganz oben, auf einem Sitz in der letzten Reihe, auf Höhe der Mittellinie, in seinen Händen zwei Fahnenstangen mit der rumänischen Flagge, die er aus Halterungen im Stadion gezogen hatte. Er sang lautstark die rumänische Hymne mit und schwenkte dabei ausgiebig die Fahnen. Nach der Einspielung steckte er sie wieder zurück. Einmal, als seine Mannschaft augenscheinlich nicht in die Gänge kam, griff er in eine seiner Tüten und bot einem Daco-Stürmer zur Stärkung eine überreife Banane an. Trotz seiner Lautstärke hatte er nichts Aggressives, er schien vieles eher scherzhaft zu meinen, zumindest amüsierte sich eine jüngere Frau in seiner Nähe köstlich.
Aber warum war sein Anfeuerungsruf Juventus, Juventus, wo der Verein doch Daco–Getica hieß? Einige Tage später, eine Sportsbar im Zentrum von Bukarest. An den Wänden ein paar Fotos und Wimpel der erfolgreichsten rumänischen Clubs, vor allem aber Devotionalien der beiden Mailänder Fußballvereine und von Juventus Turin. Ich hatte mich mit meinem Fußballfreund Radu und seinem Vater getroffen um mehr über den rumänischen Fußball zu erfahren. Die EM – mit vier Spielen in Bukarest – stand vor der Tür, die Chancen, dass Rumänien sich doch noch dafür qualifizieren könnte, gingen gegen Null. Ich wollte wissen, wie das so ist, mit der Begeisterung für so ein Event, wenn das eigene Team nicht beteiligt ist. Aber zuerst mussten sich beide meine Begeisterung über den einsamen, unermüdlichen und witzigen Fahnenschwinger anhören. Did you hear the national anthem at the beginning? Ähm, ja schon – aber das machen die Amis auch. But thats not usual in second league games! Do you know, that this club is known for their use of xenophobic symbols and songs, and that the owner, who is known in Bucharest as the trash king, has spent some time in jail? Nein, hatte ich nicht. Aber dass in Rumänien bereits etliche Manager und Besitzer von Profiklubs wegen Steuerhinter-ziehung, Geldwäsche oder Korruption verurteilt worden waren, wusste ich natürlich.
Drei Spieltage später wurden die bisherigen Ergebnisse von Daco annulliert. Der Präsident – oder war's der Manager, oder der Eigentümer, oder alle drei in Personalunion? – war während eines Spieles in der Halbzeitpause verhaftet worden. Die Spielergehälter konnten nicht mehr gezahlt werden, der Spielbetrieb wurde eingestellt.
Daco–Getica Bucureşti. Im Jahr zuvor erst aus den
Überbleibseln von Juventus Colentina Bukarest gegründet, nachdem diesem Verein nach jahrzehntelanger Duldung von Juventus Turin untersagt worden war, den Namen
sowie Trikotdesign und Vereinslogo weiterhin zu nutzen. Ein Name übrigens, der in Colentina überhaupt keine Geschichte hatte, sondern auf zwei italienische Einwanderer zurückgeht, die in 1924 den
Verein Juventus Bukarest gegründet hatten, der 1952 nach Ploieşti weiterzog und seitdem dort als Petrolul Ploieşti spielt. Ein Einzelfall?