DANACH...

 

Die Leipziger Buchmesse hat im Frühjahr 2018 als Gastland Rumänien begrüßt und damit eine der dynamischsten literarischen Szenerien Europas näher vorgestellt. Wir wollen dieses Ereignis zum Anlass nehmen, die Literatur, aber auch die Künste und die Geschichte sowohl Rumäniens als auch der Republik Moldau in ihren meist im Westen unbekannt gebliebenen Hintergründen als auch aktuellen Entwicklungen zu beleuchten. In Buchrezensionen, Interviews, Reportagen, Essays und Aufsätzen wollen Autorinnen und Autoren ihre eigenen Themen und ihre Perspektiven auf die Kultur Rumäniens und der Republik Moldau formulieren und damit beitragen zu einer immer noch notwendigen Aufklärung im deutschsprachigen Raum über die kulturellen Landschaften um den Karpatenbogen und zwischen Pruth und Dnjestr.

Dies soll nicht einseitig geschehen, sondern unter Einbeziehung rumänischer bzw. moldauischer AutorInnen.

 

(Kontakt unter: info@kultro.de.)

 


Was es noch zu tun gab/gibt...

Dass die rumänische Literaturszene eine dynamische und vielfältige Erscheinung innerhalb der europäischen Sprachen darstellt, hat sich bei unseren Nachbarn eher herumgesprochen als in deutschsprachigen Verlagen und Redaktionen. Ein Artikel hat vor einigen Jahren darauf aufmerksam gemacht. Vieles blieb unübersetzt, jetzt generierte erfreulicherweise der Buchmessen-Schwerpunkt mehr Interesse an Rumänien und der Moldau. Ein aktueller Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung listet zahlreiche der übersetzten AutorInnen auf, weist aber auch auf noch bestehende Defizite hin.


Juni 1941 - das pogrom von iaşi (3)

Reflexionen eines Massenverbrechens in Historiographie und Kunst

 

Was in den Tagen vom 28. Juni bis 6. Juli 1941 in Iaşi (Jassy), der moldauischen Metropole im Nordosten des 1919 erstandenen Groß-Rumäniens geschah, blieb in der Nachkriegszeit lange ein nebelhaftes Mysterium. Zwar gedachte das 1947 installierte kommunistische Regime jährlich offiziell dem Mord an den Juden der Stadt, aber detaillierte Forschung wurde in den vierzig Jahren kaum betrieben, so dass die ideologisch gefärbte und motivierte Interpretation des Regimes für eine Epoche lang das Bild bestimmte. Dies hielt auch noch nach 1989 an, bis eine jüngere Generation von Historikern begann, nachzufragen und erstaunliche Fakten und Quellen zu Tage fördern konnte.

Mittlerweile hat in Ergänzung oder auch anstelle von fehlenden Darstellungen auch die Kunst in unterschiedlichen Formen sich des Themas angenommen. Dies ist Anlass, um an dieser Stelle sowohl die historische Forschung als auch die kulturhistorische Erinnerungs- und Reflexionsarbeit in ihren Formen vorzustellen - auch, damit dieses Ereignis des "stillen Holocaust" nicht vergessen wird.

Fragmente von Leben und Erinnerung

 

Olga Stefans Projekt "The Future of Memory"

 

 

 

Foto: www.thefutureofmemory.ro

 

 

Das Pogrom von Iaşi blieb der europäischen Öffentlichkeit lange Zeit verborgen. In Rumänien während des kommunistischen Regimes zu einer ideologischen Gedenkroutine marginalisiert, wusste im Kalten Krieg kaum jemand außerhalb des Landes von dem historischen Geschehen - außer den Überlebenden und den Familien der Opfer. Aber auch in den Familien war ähnlich wie bei anderen Überlebenden der Shoa oft das erlebte Trauma kein Thema.

 

Dies erlebte auch die als Kind aus Rumänien nach Chicago ausgewanderte Künstlerin Olga Stefan, deren Großmutter Sorana ihren Vater in Iaşi verlor. Es brauchte viel Zeit, bis die Nachfahrin auf das Geschehen aufmerksam wurde und dieses zum Thema einer anhaltenden Recherche machte. "Fragments of a life" (Fragmente dintr-o viaţă) bildete 2016 ein erstes Ergebnis ihrer Auseinandersetzung mit den Folgen des Pogroms in mehreren Familien. In der Iaşier Galerie "tranzit.ro" und in der Züricher Galerie Reunion Art Space zeigte sie die mediale Umsetzung dieser Recherchen. Neben den Bildern des Iaşier Malers Samy Briss, die dieser kurz nach dem Zweiten Weltkrieg anlässlich der Prozesse gegen Täter malte, sind es zwei Videoinstallationen, die die familiäre Konstellation von Überlebenden und dem Fehlen der Opfer thematisieren. Olga Stefan befragt über eine Videoverbindung ihre Großmutter Sorana zu ihrer Erinnerung an die Zeit, als deren Vater in Iaşi ermordete wurde. Ebenso erstaunlich sind die Bilder, die Elianna Renner im Videogespräch mit ihrer Mutter und einer Tante in Buenos Aires zeigen. Hier werden erst allmählich die Teile zusammengefügt, die zusammen ein Bild von dem Verschwinden zweier Großonkel in Iaşi erahnen lassen. Beide Künstlerinnen legen besonderen Wert auch auf die familiären Folgen des Pogroms in den Jahren des Exils, denn irgendwann sind fast alle Überlebenden aus Rumänien emigriert. Ein weiterer Teil der Ausstellung ist das Video eines Gesprächs mit dem Künstler Daniel Spoerri, der zum ersten Mal über den Verlust seines Vaters - eines zum Protestantismus übergetretenen Juden - im Pogrom von Iaşi spricht.

 

Dem Nicht-Wissen der jüngeren Generation in den Familien entspricht oft auch ein Nicht-Wissen-(Wollen) in den Ländern des Geschehens. Stefan ging nach "Fragment dintr-o viaţa" einen Schritt weiter und machte die Präsentation der Ausstellung in Rumänien und der Republik Moldova selbst zum Gegenstand des Projekts "Viitorul Memoriei" ("The Future of Memory"). In einer Karawane der Ausstellung wurden in verschiedenen Städte jeweils neue Recherchen initiiert und präsentiert, die das Interesse an der lokalen Situation in der Shoah und eigene Recherchen der BetrachterInnen anregen sollten. Weitere KünstlerInnen der Zeit kamen in den Blickpunkt, wie etwa in Bukarest der Maler Leon Misosniky oder die Avantgarde-Malerin Edda Sterne (1910-2007), die mit Victor Brauner und Marcel Iancu zusammenarbeitete, bevor sie nach New York emigrierte. In Oradea sind es mehrere ermordete Maler wie Ernö Grünbaum, Tibor Ernö, Leon Alex u.a. In Chişinău (Moldova) wird die kaum bekannte Deportation der bessarabischen Roma nach Transnistrien durch Ion Duminică, Direktor der Secţia minorităţi etnice la Academia de Ştiinţe a Moldovei, thematisiert.

 

Einer der Überlebenden der Shoa ist der emeritierte Germanistikprofessor (University of Sussex) Ladislaus Löb, der in Cluj geboren wurde und dessen Familie großteils mit den 450000 ungarisch-nordsiebenbürgischen Opfern des ungarischen Holocausts verschwand. Er selbst wurde als Siebenjähriger mit dem Vater mit einem Kasztner-Transport zunächst nach Bergen-Belsen und dann in die Schweiz gebracht. In einem Beitrag in dem das Projekt begleitenden rumänisch-englischen illustrierten Album beschreibt Löb seinen Weg durch das KZ nach Zürich und England.

 

Der Ansatz weitet sich und vor allem Nachkommen der KünstlerInnen berichten über ihre Wahrnehmung der familiären Vergangenheit nach dem Holocaust. Was Olga Stefan mit ihren innovativen Projekten entdeckt und an das Licht der Öffentlichkeit bringt, ist eine eigene Form der Geschichtsschreibung, die von der akademischen Historiographie vielfach vernachlässigt worden ist. Ihre intensiven und vielfältigen Recherchen und sozial-künstlerischen Initiativen entdecken nicht nur eine Vergangenheit, sondern gehen ihren familiären, ästhetischen und sozialen Verästelungen bis in die Gegenwart nach.

 

www.thefutureofmemory.ro

(Besonders die Archiv-Seiten der jeweiligen Stationen bieten weiteres Material.)


ИНТЕРКОСМОС

 

 

Zwei Legenden der Raumfahrt im Berliner Planetarium

 

 

 

 

 

 

 

 

Fotos: www.kultro.de

 

 

Die pilotierte Raumfahrt hat bereits eine Geschichte von mehr als 50 Jahren aufzuweisen und mehr als 520 Menschen gehören mittlerweile zu dem exklusiven Club jener Auserwählten, die die Erde verlassen haben und den Planeten vom Kosmos aus betrachten konnten. Zwei dieser außergewöhnlichen Menschen standen im Mittelpunkt eines seltenen Zusammentreffens im Berliner Planetarium, wo Sigmund Jähn und Dumitru Prunariu erstaunliche Einsichten in dem allgemeinen Publikum kaum zugängliche Aspekte der menschlichen Raumfahrt eröffneten.

In seinem Vortrag bezog sich der erste deutsche Kosmonaut Sigmund Jähn vor allem auf die Umstände seiner Auswahl zum sowjetischen Programm "Interkosmos", das erstmals Angehörige anderer Staaten aus dem sowjetischen Einflussbereich an der Raumfahrt teilhaben lassen sollte. Jähn war Jagdflieger in der DDR und als solcher eines Tages mit zwanzig anderen Piloten zu einer Auswahl beordert worden. Er zeigte Interesse und erfüllte die geforderten gesundheitlichen Kriterien, so dass er in die "Sternenstadt" bei Moskau eingeladen wurde, wo weitere Auswahltests stattfanden. Kritisch wurde es für ihn, als ein Arzt glaubte festzustellen, dass Jähn der Geruchssinn fehle, was aber sein sowjetischer  Kollege schnell mit einer stark riechenden Flasche als unzutreffend qualifizierte. So gelangte der DDR-Pilot in die engere Auswahl und schließlich ins All in das Saljut-6 Raumlabor.

In der zweiten Gruppe des Interkosmos-Programm wurden 1981 auch zwei Rumänen ausgewählt - Dumitru Prunariu und als Ersatzmann Dumitru Dediu. Prunariu war 26 Jahre alt und hatte Ingenieurwissenschaften studiert. In seinem umfassenden Vortrag schilderte er nicht nur seine eigene Teilnahme, sondern gab eine umfassende Übersicht über die Entwicklung der Raumfahrt. Dies ergab sich auch vor dem Hintergrund, dass Prunariu nach seiner Reise ins All mit der Sojuz-40-Rakete zur Saljut-6 sich insbesondere nach dem Fall des Eisernen Vorhangs weiterhin in den Gremien der Raumfahrt wie etwa der ESA (European Space Agency) engagierte und hohe Posten in internationalen Organisationen zur Raumfahrt innehatte, wie etwa den Vorsitz im UN-Ausschusses für die friedliche Nutzung des Weltraums (COPOUS) oder der rumänischen Weltraumbehörde. So kam das Publikum in den Genuss einer Darstellung von meist wenig bekannten Details der Raumfahrt"szene", deren ProtagonistInnen Prunariu alle persönlich zu kennen schien. Besonders hob Prunariu hervor, dass er nicht nur die erste Frau im All Valentina Terkova oder den ersten das Raumschiff verlassenden Kosmonauten Alexei Leonov häufig spricht, sondern noch mehrfach Hermann Oberth, den aus Siebenbürgen stammenden Begründer der neueren Raketenforschung in Nürnberg besucht hat. Der hoch dekorierte Prunariu war für ein Jahr Botschafter in Moskau und ist Träger der Jurij-Gagarin-Medaille der Internationalen Astronautischen Föderation und wie Jähn der Goldmedaille der Hermann-Oberth-Werner-von-Braun-Gesellschaft.

Seine eigene Landung nach dem siebentägigen Aufenthalt im All beschrieb er als nicht ganz einfach, da sich der Landefallschirm etwas spät geöffnet hatte und durch den harten Aufprall die Kapsel umstürzte.

Prunariu machte deutlich, dass die Raumfahrt mittlerweile keine ohne konkreten Zweck betriebene Spielerei ist, sondern durch die weltweite Kooperation ein Beispiel für zukünftige Problemlösungen darstelle. Mittlerweile haben bereits zahlende Touristen das All besucht und es fand ein 500 Tage dauerndes Experiment zum Test der psychologischen Belastungen bei einem Mars-Flug statt. Die Zukunft schien an diesem Abend sehr nahe gerückt.


Die Republik Moldau im EU-Assozierungsabkommen

 

Eine Tagung des IEP (Berlin) (16.10.2018)

 

 

 

Foto: www.kultro.de

 

Es sind optimistische Zahlen, die Adrian Lupuşor von der Expert-Grup (Chişinău) in Grafiken und Tabellen verkündet: Die Republik Moldau habe durch die DCFTA (Vertiefte und umfassende Freihandelszone) viele der Verluste durch die russischen Sanktionen auf ökonomischem Gebiet wieder wett gemacht, auch der befürchtete Einbruch in der Agroökonomie sei ausgeblieben.

Bei der Konferenz im Institut für Europäische Politik (Berlin)  thematisierten nur wenige  Wochen nach einem Vortrag des moldauischen Außenministers Tudor Ulianovschi im September im IeP Experten aus dem Land an der EU-Grenze zu Rumänien einige der Probleme im Zusammenhang mit dem Assoziationsabkommen (AA), das 2014 zwischen Moldova und der EU abgeschlossen wurde. Lupuşor sagte, es sei die vorsichtige Einführung von Liberalisierungen  mit mehreren Vorkehrungen zur Milderung der Risiken für bestimmte Sektoren des moldauischen Marktes gewesen, die nach vier Jahren eine positive Bilanz des DCFTA zuließen. Gerade auf dem Sektor der Agronomie, wo die größten Befürchtungen bestanden, seien die Nahrungsmittelhersteller die größten Nutznießer des DCFTA.

Ein Problem stellt die Geldwäsche in dem Land dar. Sergiu Gaibu und Andres Knobel (Expert-Grup) verwiesen auf die Tatsache, dass Moldau keineswegs das einzige Land mit dieser Fragestellung sei und erinnerten an die gerade aufgedeckte Rolle der Danske Bank im "Waschen" von Geld aus Estland. Für die EU sei allerdings Moldau wichtig, da durch dortige Geldwäschemanöver auch die Maßnahmen in Brüssel konterkariert werden könnten: Geldwäsche sei ein internationales Geschehen. Deshalb gab es im vergangenen Jahr auch eine 100 Mio.€- Finanzspritze der EU, um Moldova die Fortentwicklung der bisherigen Anti-Geldwäsche-Politik zu ermöglichen. Gaibu kritisierte, dass das neue Gesetz vom Dezember 2017  in Chişinău nicht die notwendige Einbeziehung möglicherweise korrupter staatlicher oder juristischer Institutionen vollziehe. Dies sei das Neue an der Entwicklung, dass im Falle von Moldova Richter Teil von Geldwäscheplänen waren, was bisher in den AntiMoneyLaundering-Maßnahmen (AML) wenig berücksichtigt worden sei. So habe der berüchtigte russische "Laundromat" (Waschmaschine), mit dem 20 Mrd. $ in das legale europäische Finanzsystem gebracht wurden, sich auf moldauische Gerichtsurteile gestützt, die von den westlichen Banken nicht hinterfragt wurden. Ebenfalls waren staatliche Institutionen 2014 in den Diebstahl von 1 Mrd. $ aus dem staatlichen moldauischen Bankensystem verwickelt, der bis dato nicht aufgeklärt wurde. (Die Summe macht 12%  des  moldauischen Bruttoinlandsprodukt aus.) Angesichts dieser Situation plädierten beide Referenten für eine holistische Betrachtung des Problems Geldwäsche mit Einbeziehung aller an den Finanzströmen beteiligten Institutionen und für die bessere nationale und internationale Umsetzung der bestehenden Instrumentarien zur Überwachung von Geldkanälen.

Im dritten Teil der Tagung war die Haltung der ethnischen Minoritäten zur EU das Thema. In einer Übersicht gab Iulian Groza, Direktor des Think-Tanks IPRE (Chişinău), eine generelle Einschätzung zur Situation vor den Wahlen im Februar 2019 und nach der Annullierung der Bürgermeisterwahlen in Chişinău im Frühjahr 2018. Das Bild stimmte weniger optimistisch. So sei eine Verschlechterung des demokratischen Umfelds zu beobachten, der politische Wille zur Annäherung an die EU kaum zu erkennen. Nachdem die EU die Unterstützung wegen der Annullierung der Bürgermeisterwahl ausgesetzt hat, habe der Einfluss abgenommen und auch die Möglichkeit einzugreifen. Auch der Raum der Zivilgesellschaft sei eingeschränkt.

Stanislav Ghileţchi wies dann auf die Polarisierungen innerhalb der moldauischen Gesellschaft hin, die er als großteils von der politischen Elite angefacht sieht. Bedenklich sei, dass dabei zunehmend auch die Minoritäten positioniert werden. Diese sind mehrheitlich pro-russisch, dabei aber - wie etwa die Gagausen - die größten Empfänger von EU-Subventionen! Der EU-Diskurs sei in Moldova mittlerweile selbst Teil der gesellschaftlichen Kluft, die geopolitischen Polarisierungen verursachen hitzige Debatten in der moldauischen Gesellschaft. Ghileţchi empfahl die Verstärkung von den Dialog und die Interaktion auf lokaler Ebene fördernden Maßnahmen (wenn diese auch von den WählerInnen meist nicht gewürdigt würden).

Den geopolitischen Blick vertiefte Sarah Pagung von der DGAP (Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik, Berlin). Sie brachte die Diskussionen über die Rolle der EU, ihre zukünftige Verfassung und Entwicklung zur Sprache. Insbesondere die Frage des Nationalstaates und der Gemeinschaft als Idee wurden in ihrer Übertragbarkeit auf Moldova diskutiert: Die moldauische Gesellschaft erscheint eher als gespalten und wenig an einer einheitlichen Ideologie interessiert. Da ist es wenig günstig, wenn die EU als parteiisch erscheine und nicht als neutraler Makler.

In der angeregten Diskussion skizzierte Groza auf Nachfrage das Association Agreement als in der jetzigen Situation ideales Instrument, da es der Moldau erlaube, ihre politischen und gesellschaftlichen Defizite aufzuarbeiten, ohne sich für eine Seite im geopolitischen Spannungszustand entscheiden zu müssen.


FILIT Iaşi - zum 6. Mal

 

Bereits zum sechsten Mal findet in Iaşi/Jassy das Internationale Literatur- und Übersetzungsfestival FILIT (Festivalul Internațional de Literatură și Traducere Iași) statt. Es hat sich als eines der, wenn nicht das wichtigste literarische Festival in Rumänien etabliert und in wenigen Jahren eine große Zahl von AutorInnen, ÜbersetzerInnen und JournalistInnen in die Kulturmetropole im Nordosten Rumäniens an der Grenze zur Republik Moldau geführt. Herta Müller, Norman Manea, Mircea Cărtărescu, Gao Xingjian, Andrzej Stasiuk, Jonathan Coe, David Lodge, Sadie Jones, Aris Fioretos, u.a. sind nur die international bekannten Namen des für die rumänische Gegenwartsliteratur unverzichtbar gewordenen Unternehmens.  In diesem Jahr werden Jonathan Franzen, Goncourt-Gewinner Éric Vuillard, Gabriela Adameşteanu, Juri Andruchowytsch, Veronika Roth, Ioan Es. Pop, Nichita Danilov, Mariana Codruţ, Robert Şerban, Florina Ilis, Marin Mălaicu-Hondrari, Sylvie Germain u.v.a. teilnehmen, aus Deutschland u.a. die Übersetzerinnen Eva Ruth Wemme und Ingrid Baltag.

 

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FILIT Iaşi

 

Die sechste Ausgabe des größten Literaturfestivals Osteuropas

 

 

 

 

 

 

Iaşi im Oktober 2018: FILIT, das poppige Hinweisschild auf die Casa Pogor (das Literaturmuseum) und der allgegen-wärtige Schatten Eminescus Foto:www.kultro.de

 

 

 

Die Veranstalter hatten fürsorglich die Wettervorhersage bemüht und die Gäste auf Regen und Kälte vorbereitet – Windjacken und feste Schuhe seien mitzubringen. Wer Iaşi im Herbst kennt, weiß, dass in dieser Jahreszeit meteorologisch alles möglich ist – aber letztlich war es dieser nicht endend wollende unheimliche Sommer, der strahlenden Sonnenschein und angenehme Temperaturen während FILIT, dem „Internationalen Festival für Literatur und Übersetzung Iaşi“, brachte. Das Event begeisterte viele Besucher durch seinen harmonischen Ablauf und die gleichermaßen lässige wie auch intensive Atmosphäre.

Auf dem zentralen Platz der osteuropäischen Kulturmetropole – der Piaţa Unirii (Vereinigungsplatz) – stand um das Denkmal des Alexandru Ioan Cuza die „Casa FILIT“, eine kleine Zeltstadt, die temporär Anlaufstelle für die AutorInnen, JournalistInnen, BesucherInnen und Neugierige war. Es  bewährte sich trotz weniger Windstöße, die an den Zelten rüttelten, dennoch wieder einmal das Vertrauen der Veranstalter, ohne viel Aufwand eine Location zu schaffen, von der aus das Festival sich für vier mit über 100 Veranstaltungen voll gepackte Tage in die Stadt und über das Internet – gewissermaßen – „world wide“ verbreiten werde.

FILIT zeichnet sich durch vier bemerkenswerte Features aus: Es hat die absolut größten Namen, es geht in die Stadt und in die Schulen und Universitäten, es animiert SchülerInnen und StudentInnen sich als „volunteers“ mit dem Festival zu identifizieren und es hat die Arbeit der ÜbersetzerInnen perma-nent zum Thema gemacht, d.h. es fördert auf diese Weise die Übersetzung rumänischer Literatur. Dies sind der „Alleinstellungsmerkmale“ genug, aber ebenso wichtig ist die wohl überlegte Organisation der Abläufe und Betreuung der Gäste. So wird es vielfach nicht zu Unrecht von SchriftstellerInnen als das größte und beste Literaturfestival Osteuropas bezeichnet.

Am kleinen Flughafen finden sich schnell einige angereiste Teilnehmer, der norwegische Schriftsteller Carl Frode Tiller, die deutschen Übersetzerinnen Ingrid Baltag und Eva Ruth Wemme, die schwedische Übersetzerin Inger Johansson. Ein Fahrer bringt sie in das Hotel Unirea, das direkt am Platz des Festivals gelegen ist, ein Betonblock aus früheren Zeiten, jetzt geschickt renoviert und ideal für die Unterbringung der FILIT-Gäste geeignet. Vom Restaurant im 13. Stock hat man nicht nur einen tollen Blick auf das wie eine Miniatur aussehende Zeltensemble mit einem Zelt der Verlage, sondern weit über die Stadt.

Am Abend offizielle Eröffnung im Nationaltheater. Seit einigen Jahren endlich renoviert strahlt es in Blattgold und Stuck, ein historischer Rahmen für die großen Events, geeignet für Sylvie Germain und Gabriela Adameşteanu. Zuvor spricht der Schriftsteller Lucian Dan Teodorovici, der Direktor des Literaturmuseums und des Festivals, und erhält von dem Vorsitzenden des Kreisrats eine Medaille für seine Arbeit und das Festival; ein bemerkenswerter Vorgang, weil er zeigt, dass sich FILIT in der Stadt durchgesetzt hatauch gegen engstirnige und am Eigenwohl orientierte Politiker. Der Kreisrat (Consiliul Judeţean) finanziert einen Großteil der Kosten, so dass das Festival gesichert ist für die nächsten Jahre. Zudem es Unterstützung durch die EU gibt. Im Saal auch der Polirom-Verleger Silviu Lupescu, die Chefredakteurin des "Observator Cultural" Carmen Muşat, der Schriftsteller und Parlamentarier Dan Lungu aus Iaşi, der 90-jährige Ion Vianu, Sozialpsychologe und Essayist, seit Jahren aus dem Schweizer Exil zurückgekehrt und eine vielbeachtete intellektuelle Gestalt in Rumänien, der in gewisser Weise das Erbe seines Vaters, des Literaturprofessors Tudor Vianu fortsetzt. Wegen der akribischen Fragen gerät das Gespräch zwischen den Schriftstellerinnen etwas akademisch, die Reaktionen des Publikums und manche Antwort lassen dies bemerken. Am nächsten Abend wird Robert Şerban aus Temeswar daraus gelernt haben und mit einer Flasche Whiskey und Begeisterung für das Werk seines Gastes Jón Kalman Stefánnson aus Island eine lebendige und publikumswirksame Präsentation hinlegen. Ebenso auf andere Weise auch Marius Chivu mit Jonathan Franzen am Abend darauf, der den Gast mit schrägen Fragen zu provozieren sucht und ihm ebenfalls ein Geschenk macht, das dieser nicht ausschlagen kann.

Aber nicht nur am Abend wird über Literatur gesprochen, die Tage sind komplett gefüllt im Kulturpalast, in der Uni, in Schulen, Museen, dem "Palatul copiilor" (Palast der Kinder), wo unterschiedlichstes Publikum auf rumänische und anderssprachige Schreibende trifft. Das Interesse ist immer gegeben, wenn etwa Jurij Andruchowytsch und Roland Orcsik vor Schulklassen, die ihre Bücher gelesen haben, über ihre Erfahrungen mit Sprachen und der Vergangenheit sprechen. Im aufwendig restau-rierten riesigen Kulturpalast, der wie ein Loire-Schloss wirkt, ist der Ukrainer wegen seines ins Rumä-nische übersetzten frühen Buches „Moscoviada“ über seinen Aufenthalt in der russischen Hauptstadt um 1990 gefragt, während der in Jugoslawien geborene Ungar Roland Orcsik über seinen Weggang aus der Voivodina wegen des Jugoslawienkriegs nach Ungarn spricht.

Im Pressezelt findet der tschechische Autor Tomáš Žmeškal großes Interesse mit seinem auto-biographischen Roman über seinen kongolesischen Vater und das Leben im oppressiven kommunis-tischen Regime der CSSR. Žmeškal ist Träger des Europäischen Buchpreises und ein viel gefragter Interviewpartner – hat man von ihm in Deutschland je gehört?

Das ist das Erfreuliche an einem solchen Festival: Man lernt nicht nur rumänische AutorInnen und ihre Bücher und Themen kennen, sondern der Blick weitet sich auf benachbarte, ähnliche Fragestellungen und Themen. Rumänischsprachig ist Iulian Ciocan aus Chişinău, der bereits drei Romane über seine Heimatstadt im Iaşier Verlag Polirom und einen weiteren bei Tracus Arte publiziert hat. Er benennt einige der Probleme der Literatur in der Republik Moldau, wo es kein wirklich organisiertes literarisches Leben außerhalb der Hauptstadt gebe. Es fehle am bürgerschaftlichen Engagement, an der Einsicht in die Bedeutung der Kultur. Seine kurzen Romane mit absurd-kafkaesken Zügen behandeln Chişinău in verschiedenen Stadien seiner jüngeren Geschichte und der Zukunft – von Breschnews Tod über die Abspaltung Transnistriens bis in die endlose „Transition“ der Republik Moldova.

Während des Gesprächs im Zelt interviewt im Hintergrund Mirko Schwanitz vom Deutschlandfunk die erst zehnjährige Delia Calancia, die wie selbstverständlich zu FILIT eingeladen wurde, da sie ein selbst geschriebenes und gezeichnetes Buch im großen Humanitas-Verlag vorzuweisen hat. Klar, dass Kinder zur Lesung mit ihren Lehrerinnen kommen und so eine weitere Tür zum Lesenachwuchs geöffnet wird.

Florina Ilis diskutiert mit dem Lyriker Radu Vancu im Eminescu-Museum am Copou über die brillante Idee des Literaturmuseums, zeitgenössische AutorInnen zu bitten, eine kurze Romanbiographie eines der in den elf Literaturmuseen der Stadt ("case memoriale") vertretenen Schriftstellers zu schreiben. Da ihr mit vielen Preisen ausgezeichneter Roman "Vieţile paralele (Parallele Leben)" das Nachleben Eminescus thematisiert, war sie die ideale Autorin, um die Iaşier Liebesgeschichte zwischen dem 'Nationalpoeten' und der Dichterin Veronica Micle in der Reihe der "Scriitori de poveste" (Geschichtenerzähler) zu schreiben.

Am Abend gibt es bei der Weinprobe angeregte Gespräche mit dem rumänisch-französischen Übersetzerpaar Courriol und der schweizer Schriftstellerin Catherine Lovey, Jean-Louis Courriol war 1975-77 Lektor an der Universität in Iaşi. Und mit Dan Lungu, spiritus rector der neueren Iaşier Literaturszene, die die literarische Gruppe „Club 8“ und FILIT hervorbrachte, der aus seiner Perspektive als Senator für die junge Partei USR im Parlament über die Wirren der rumänischen Politik erzählt, was insbesondere auch den japanischen Journalisten Nagayo Taniguchi interessiert, der aus Brüssel angereist ist und sonst meist über militärstrategische Fragen schreibt, von dem Festival aber wie alle sehr begeistert ist...

Beim Abschied spricht Florin Lăzărescu, Organisator des Festivals, Schriftsteller und Drehbuchautor, über die Wahrnehmung der Stadt und von FILIT durch AutorInnen, die nicht nur zum ersten Mal teilnehmen. Es sei für die meisten eine große Entdeckung gewesen in der kommunikativen Atmosphäre des Festivals diese Stadt und die rumänische Literatur zu erleben. Dies lässt auf weitere Ausgaben gespannt bleiben.

 


Jetzt auch mit Deutschland?

 

 

Konferenz der "Iniţiativă-Trei-Mări" in Bukarest

 

 

Foto: http://three-seas.eu

 

 

In der internationalen Politik hat Energieversorgung  für die Gegenwart eine entscheidende Rolle gewonnen. Zahlreiche der aktuellen militärischen Konflikte lassen sich auf die Beherrschung von Zugängen zu Energiequellen zurückführen - insbesondere zu dem den Klimawandel verursachenden Erdöl. Dieses zu ersetzen, hat einen gewichtigen Anteil an den internationalen diplomatischen Bemühungen und löst international tief greifende Verwerfungen aus.

 

Rumänien liegt geopolitisch in einer für diese Energieleitungen nach Europa nicht unwichtigen Lage, was dazu beitrug, dass interessierte Politiker und Manager sich an zwei Tagen (17.-18.9.) in Bukarest zu der 3. Konferenz der "Iniţiativă Trei mări" (Drei Meere) einfanden, um u.a. auch über die Ökonomie der Ost-West-Energieströme zu debattieren. Diese Initiative hat sich zum Ziel gesetzt, als offene Plattform innerhalb der EU ökonomische Verbindungen zwischen den Staaten Osteuropas (präziser: zwischen Ostsee, Adria und Schwarzem Meer) zu intensivieren. Teilnehmer sind Polen, die baltischen Staaten, Österreich, Tschechien, Slowenien, Slowakei, Bulgarien, Rumänien, Ungarn, Kroatien. Neben EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, dem deutschen Außenminister Heiko Maas ließ es sich selbst der US-amerikanische Energieminister Rick Perry nicht nehmen, an die Dâmboviţa zu eilen.

 

Präsident Klaus Johannis sah die Bedeutung des Treffens in der Konzentration auf den Dreiklang von Transport, Digitalisierung und Energie. Bereits zu Beginn wurde die Tagung konfrontiert mit einer Begrüßungsnachricht des US-Präsidenten Donald Trump, der einigen Ländern - darunter Rumänien - zum Ausbau ihrer Pipeline-Infrastruktur gratulierte und auf die Lieferung von amerikanischem Flüssiggas in die strategisch wichtige Region verwies sowie die Beteiligung amerikanischer Firmen (Exxon) am Business Forum der Tagung.

 

Für die formulierte Absicht der Konferenz, in der Gemengelage zwischen EU, USA, Rumänien, Russland und Schwarzmeeranrainern neue Impulse zum Ausbau der digitalen und Transport-Infrastruktur auch der Energieversorgung zu geben, war der Hinweis Trumps auf das eigene amerikanische Flüssiggas (unterschwellig gemeint: statt von Russland abhängig zu bleiben) ein Stein im Getriebe. Es sollten noch andere hinzu kommen.

 

Die energiepolitischen Themen finden sich eingerahmt durch die Diskussion um die geplanten Pipelines Nord Stream 2, TurkStream und mögliche weitere Alternativen. Sie sollen in einigen Jahren Erdgas aus Russland und Azerbaidshan und anderen Ländern (Mittelasien, Iran) nach Westen bringen: Im viel diskutierten "Nordkorridor" durch die Ostsee, im Süden über die Türkei. Trump hatte bereits vorher seine Abneigung gegen die deutsche Vorliebe für Nord Stream 2 mit dem Hinweis auf die Widersprüchlichkeit der Abhängigkeit von Russland und gleichzeitigen Sanktionen gegen das Land deutlich gemacht. In Osteuropa findet er dabei Gehör, wie auch Perry in diese Kerbe hieb - und auch ein Revival der Atomkraft an die Wand zu malen versuchte.

 

Im Bau befindliche Pipelines sind im "Südkorridor" die TANAP, die Gas aus Azerbaidshan in die Türkei und später über Griechenland in die Trans-Adria-Pipeline TAP in die EU leitet. Turkstream soll Gas aus Russland durch das Schwarze Meer in die Türkei bringen. Für die russische Gesellschaft Gazprom ist dies interessant, da so die Ukraine umgangen wird, während die EU und Deutschland ihre Abhängigkeit von Erdgas aus Russland durch TANAP mindern wollen. Vor dem "3Sea"-Gipfel machte der russische Präsident Putin dem ungarischen Premier Victor Orban Avancen, dass Ungarn auch an TurkStream angeschlossen werden könne. Für das Teilstück Trans-Adria-Pipeline (TAP) hat im Januar die Europäische Investitionsbank ihr bisher größtes Kreditvolumen in Höhe von 1,5 Milliarden € bewilligt. Die TAP soll von Albanien durch die Adria nach Süditalien das Gas der TANAP leiten. Beides sind Überreste des 2013 gescheiterten Nabucco-Projekts der EU mit ähnlicher Ausrichtung.

 

Rumänien hingegen baut mittlerweile, um eigene Gasvorkommen im Schwarzen Meer auszubeuten, eine Pipeline BRUA von Giurgiu nach Ungarn. Es sollen 350 Millionen Euro durch die staatseigene Transgaz eingesetzt werden. Von Ungarn war eigentlich geplant, dass die Rohre bis Österreich weitergebaut werden sollen. Jetzt hat aber verlautet aus Ungarn von der Betreibergesellschaft, dass das Gas eher nach Kroatien, der Slowakei oder in die Ukraine gelangen solle - aus BRUA wird BRU

 

Wenn auch die Hochglanzbroschüren der involvierten Firmen wie selbstverständlich erwähnen, dass die Verlegung der Pipelines allen Standards des Umweltschutzes entsprechen, verweisen Experten auf mögliche Gefahren. Die Vergabe des Kredits zum Bau von TAP wurde kritisiert mit dem Hinweis darauf, dass der Ausstoß von Methan sich dem kritischen Faktor 3 nähere, ab dem ein Umweltvorteil gegenüber der Kohle nicht mehr realisiert werde. Ebenso in Betracht zu ziehen sind mögliche Pipeline-Unfälle, die auf dem Meeresboden und auf Land große Schäden verursachen können.

 

Auch intern verläuft die Strategie Rumäniens nicht völlig rund: Das Gesetz zur Ausbeutung der Off-Shore-Gasvorkommen im Schwarzen Meer hatte Präsident Johannis an das Parlament zurück verwiesen, während PSD-Chef Liviu Dragnea bekräftigte, dass es noch dieses Jahr in Kraft treten werde. Streitpunkt war die von Johannis bemängelte Intransparenz der Aufteilung der Einkünfte zwischen Staat und beteiligten Firmen (OMV und EXXON). Auf der Konferenz war Dragnea nur mit einem halbstündigen Gespräch mit Perry präsent, die Premierministerin Viorica Dăncilă verpasste einen Termin mit Juncker, holte dies aber am Flughafen noch für 15 Minuten nach. Auch hier also sind die die rumänische Politik durchziehenden Gegensätze bemerkbar. Ein Kommentator der Zeitung România liberă warf Johannis vor, die Konferenz sei von ihm "sabotată cu rafinament" hinsichtlich ihrer transatlantischen Ausrichtung.

 

Hier werden internationale Interessen an der rumänischen Position wirksam. Nicht nur die Botschaft Donald Trumps, sondern auch die Teilnahme von Außenminister Heiko Maas, Jean-Claude Juncker oder Perry spricht dafür. Denn jenseits der Energiefrage tritt mit "3Seas" ein weiterer regionaler EU-Zusammenschluss auf, der auf "Visegrád" antwortet - die lose Kooperation von Polen, Ungarn, Slowakei und Tschechien, die ihre Anti-EU-Tendenzen immer wieder dementieren muss. "3Seas" ist größer und hat auch ausgesprochene EU-Anhänger als Mitglieder. Die Wirkung dieser Initiative auf die Entwicklung der EU bleibt noch abzuwarten. Dass sie nicht völlig unbeachtet bleibt, zeigt das auf der Konferenz bekannt gewordene Interesse Deutschlands an einem Beitritt zu "3Seas" - ganz auf der Linie einer "neuen Ostpolitik", wie Heiko Maas formulierte.

 

 


Es tut sich etwas -

PSD-Politiker verlangen Rücktritt Liviu Dragneas

 

 

Was vor wenigen Wochen noch kaum vorstellbar schien, obwohl es sich in der Logik der Entwicklung abzeichnete, wird nun Realität: Nicht ein politisches Leichtgewicht, sondern die Bukarester Bürgermeisterin und Vize-Parteichefin Gabriela Firea hat einen Brief zusammen mit Vizepremierminister Paul Stănescu und Vizepräsident des Senats Adrian Ţuţuianu lanciert, in dem der sofortige Rücktritt des PSD-Vorsitzenden und Präsidenten der Abgeordnetenkammer, Liviu Dragnea, gefordert wird. Begründet wird der Schritt mit der schwachen Leistung Dragneas als Parteichef, der der umstrittenste Politiker Rumäniens (fiind de altfel cel mai contestat lider politic din Romania ultimilor ani) und wegen seiner juristischen Abgreifbarkeit ein Hindernis für die Reformen sei. Weitere Punkte sind die Polarisierung der Gesellschaft, die durch die Vorgänge bei der Demonstration am 10. August, bei der über 400 Protestierer verletzt wurden, nur vertieft werde; ebenso die Situation der PSD, die sich im Konflikt mit fast allen wichtigen Institutionen des Staates befinde (Präsident, Opposition, Geheimdienst, Zivilgesellschaft u.a.) und ihre defizitäre Kommunikationssituation, in der nur Themen wie Korruption, Justizreformen, "Parallelstaat" vorkämen, statt wirtschaftliche Erfolge in den Mittelpunkt zu stellen.

Der Brief fordert die Premierministerin Viorica Dăncilă auf, Interimspräsidentin der Partei bis zu einem außerordentlichen Parteitag im kommenden Jahr zu sein und die Regierungskoalition mit dem Bündnis ALDE fortzuführen. Als Aufgabe wird neben den "Reformen" auch die Vorbereitung auf die Übernahme der EU-Ratspräsidentschaft im Januar 2019 genannt. Ein Gesetz zur Amnestie und Begnadigung, das zuletzt als Mittel der Wiederherstellung der Politikfähigkeit von verurteilten Politikern wie Dragnea genannt wurde, sollte im Dialog mit den Parteien, den Justizorganisationen der Richter, Staatsanwälte, Verteidiger und der Zivilgesellschaft vorbereitet werden. Ebenso sollten Verfassungsänderungen diskutiert werden.

Bisher hat sich die Premierministerin Dăncilă, die vielfach als Marionette Dragneas beschrieben wurde, noch nicht erklärt. Ob auf einer Sondersitzung des Exekutivrates der Partei am 21.9.2018 die Kritiker eine Mehrheit erringen werden, steht noch nicht fest. Währenddessen gehen Kommentatoren davon aus, dass unabhängig davon Dragnea politisch am Ende sei.

 

Update 22.9.2018

Nach einer neunstündigen Sitzung des Comitetul Executiv Naţional (CExN) der PSD mit 64 Teilnehmern aus den Landkreisen und der Parteispitze, wurde mitgeteilt, dass Liviu Dragnea nicht abgewählt wurde. Unterschiedlich fiel die Aussage über das Abstimmungsverhalten aus: Dragnea  sprach von 56 Stimmen für und 8 gegen ihn; Gabriela Firea, die durch einen offenen Brief die Sitzung veranlasst  hatte, gab als Ergebnis 39 Stimmen pro Dragnea und 10 Gegenstimmen an.


"L'atelier, c'est moi-me"

 

Geta Brătescu gestorben

 

Wer frühere Jahrgänge der Zeitschrift "Secolul 20" liest, wird ihre künstlerische Gestaltung kaum übersehen können: In den 1970er Jahren machten Fotos mit zeitgenössischer provokativer Kunst die Bände auffällig, der Name der Designerin ("Prezentarea artistică") blieb vielen im Gedächtnis haften: Geta Brătescu. (2016 widmete ihr zum 90. Geburtstag die Zeitschrift, die jetzt "Secolul 21"heißt,

 

Foto: Mihai Brătescu, courtesy Ivan Gallery, Bucharest

 

Heft mit Beiträgen von Alina Ledeneanu, Ion Vianu, Ştefan August Doinaş, Swantje Karich, Dan Perjovschi u.a.).

Buchgestaltung war eine der Aktivitäten der Konzeptkünstlerin, die in der Industriestadt Ploieşti geboren wurde und Philologie und Kunst in Bukarest studierte. Sie selbst hielt ihre Illustrationen zu Doinaş' "Faust"-Übersetzung für eine ihrer wichtigen Arbeiten. 1970 erregte der Film "Atelierul" - von ihrem Kollegen Ion Grigorescu aufgenommen - Aufsehen, in dem die Arbeitsumstände der Künstlerin zum Thema einer radikalen Selbstanalyse wurden.

Der spielerisch-kreative Umgang mit Papier, Collagen, Grafik, Radierung prägte ihr Werk, zu dem auch Textilkunst, Fotografie, Installationen und Objektkunst gehörten. Das Spielerische erinnerte vielfach an die Formen des Surrealismus und der Avantgarde. Zunächst nur innerhalb der rumänischen Szene wahrgenommen, stellten ihre Ausstellungen im Westen eher die Ausnahme dar. Erst in den Jahren nach der Wende wurde Geta Brătescu von der globalen Kunstwelt entdeckt, Ausstellungen in den USA, Deutschland, Österreich mehrten sich. 2017 kuratierte sie mit großem Erfolg den rumänischen Auftritt bei der Biennale in Venedig und nahm an der documenta in Kassel teil. Zuletzt widmete die Hamburger Kunsthalle Brătescu eine Retrospektive, die Berliner Galerie Barbara Weiss stellte ihre Werke ebenfalls mehrfach aus. Wenige Tage vor Eröffnung einer ihr gewidmeten Ausstellung in der Berliner n.b.k. (s. Aktuelles) verstarb Geta Brătescu am 19. September in Bukarest im Alter von 92 Jahren.