DANACH...

 

Die Leipziger Buchmesse hat im Frühjahr 2018 als Gastland Rumänien begrüßt und damit eine der dynamischsten literarischen Szenerien Europas näher vorgestellt. Wir wollen dieses Ereignis zum Anlass nehmen, die Literatur, aber auch die Künste und die Geschichte sowohl Rumäniens als auch der Republik Moldau in ihren meist im Westen unbekannt gebliebenen Hintergründen als auch aktuellen Entwicklungen zu beleuchten. In Buchrezensionen, Interviews, Reportagen, Essays und Aufsätzen wollen Autorinnen und Autoren ihre eigenen Themen und ihre Perspektiven auf die Kultur Rumäniens und der Republik Moldau formulieren und damit beitragen zu einer immer noch notwendigen Aufklärung im deutschsprachigen Raum über die kulturellen Landschaften um den Karpatenbogen und zwischen Pruth und Dnjestr.

Dies soll nicht einseitig geschehen, sondern unter Einbeziehung rumänischer bzw. moldauischer AutorInnen.

 

(Kontakt unter: info@kultro.de.)

 


Was es noch zu tun gab/gibt...

Dass die rumänische Literaturszene eine dynamische und vielfältige Erscheinung innerhalb der europäischen Sprachen darstellt, hat sich bei unseren Nachbarn eher herumgesprochen als in deutschsprachigen Verlagen und Redaktionen. Ein Artikel hat vor einigen Jahren darauf aufmerksam gemacht. Vieles blieb unübersetzt, jetzt generierte erfreulicherweise der Buchmessen-Schwerpunkt mehr Interesse an Rumänien und der Moldau. Ein aktueller Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung listet zahlreiche der übersetzten AutorInnen auf, weist aber auch auf noch bestehende Defizite hin.


Entre nous

 

 

Eröffnung der rumänischen Ratspräsidentschaft im Europaparlament vor leeren Rängen

 

 

Abb. Screenshot www.eu.de

 

Dass die Hauptarbeit von Parlamenten nicht im Plenarsaal stattfindet, ist allgemein bekannt: Ein leeres Haus heißt, dass die AbgeordnetInnen in Ausschüssen, Wahlkreisen, etc. aktiv sind und nur die SprecherInnen und wenige andere den Saal bevölkern. Dies ist auch im europäischen Parlament in Brüssel und Straßburg so, wenn auch der Riesensaal in Straßburg besonders leer wirkt, wenn er eben leer ist. Für den Nichteingeweihten ist es aber doch erstaunlich, dass auch die Präsentation des Programms der neuen Ratspräsidentschaft Mitte Januar nur vor wenigen Beteiligten statt findet. Dies war auch bei der vorherigen Präsidentschaft von Österreich so. Gibt es ein demonstratives Desinteresse des Parlaments an diesem Ereignis? (Die danach stattfindende Diskussion mit Eurobankchef Draghi findet deutlich mehr Publikum.)

Die rumänische Premierministerin Viorica Dăncilă liest brav ihr Konzept für die nächsten Monate vor, das die bereits von Österreich verfolgte Agenda wie Digitalwirtschaft, Kohäsion, soziale Fragen in den Mittelpunkt stellt. Zudem lässt sie erkennen, dass Rumänien schlecht behandelt werde, da es bestimmten "Konditionalitäten" unterworfen und nicht Mitglied des Schengen-Raums sei. Sie gibt zu bedenken, dass dies negative Folgen für die Ansicht der europäischen BürgerInnen von der Gerechtigkeit der EU und den europäischen Werten haben könne. Ansonsten gibt die Rede nur den Wunsch des Festhaltens an den Zielen der europäischen Politik zu erkennen.

Der estnische Stellvertreter von Kommissionspräsident Juncker, Andrus Ansip, verweist in seiner englischen Antwort zunächst auf die gemeinsame Vergangenheit mit der 100-jährigen Staatsgründung. Er betont die Verantwortung, das Zusammenarbeiten, die Einheit und Solidarität und setzt Dăncilă etwas unter Druck, wenn er ausruft: "We count on you!" Ebenso, wenn er die Einheit im eigenen Land als Basis der Präsidentschaft erklärt und hervorhebt, dass die EU nie ihre Werte kompromittieren werde. Und listet zudem die wichtigsten der über 200 Projekte auf, die in die Präsidentschaft fallen.

Der rumänische Politiker und frühere Präsidentschaftskandidat Teodor Stolojan fragt Dăncilă, ob sie auch wirklich erfahrene Minister in der Regierung habe und fordert sie auf, wegen der Schengen-Frage nach den Niederlanden zu fahren, um das dortige Parlament zu überzeugen, seinen Widerstand aufzugeben.

Erstaunlich ist die Stellungnahme von Udo Bullmann, Sprecher der sozialistischen Gruppe, der Dăncilă lobt für ihr Engagement und eine Basis für eine sehr gute Präsidentschaft sieht. Dann schwenkt er auf die Probleme im Justizsystem, Korruption, Geheimdienste und Gerichtsbarkeit ein; Der Sozialdemokrat glaubt, dass man in diesem Zusammenhang auch den Präsidenten Johannis ansprechen und die Dinge beim Namen nennen müsse. Dăncilă sei eine mutige Frau, ihr Reformwille (!) eine exzellente Voraussetzung für die Präsidentschaft! Polemisch verweist der Sozialdemokrat auf den Wettbewerber aus der Europäischen Volkspartei, die ein Land regierten, wo Universitäten geschlossen werden [Ungarn] und ruft: "Kehren Sie vor Ihrer eigenen Tür!" Diese Worte sind vor allem an Guy Verhofstadt von der liberalen Gruppe ALDE gerichtet.

Verhofstadt geht denn auch sofort zur Sache und sieht über die aktuellen EU-Probleme hinaus Rumänien in einer kritischen Zeit und nicht weit entfernt von der Haltung Polens und Ungarns. Insbesondere Liviu Dragnea und Tăriceanu hätten Versprechen nicht eingehalten, etwa die sogenannten Justizreformen an die Forderungen der Venedig-Kommission anzugleichen. Dies sei der Weg der schlechten Praxis.

Auch die Grüne Ska Keller stellt kritische Fragen nach Zivilrechten und der Gefahr der Legalisierung der Korruption. Rumänien stehe nun im Rampenlicht und müsse durch gutes Beispiel führen. Dafür sei bis zum Gipfel im Mai in Hermannstadt/Sibiu noch Gelegenheit.

In ihrer Antwort auf diese und weitere Fragen hebt Dăncilă vor allem auf Fehl- und Missinformation der Kritiker ab, die durch Kritiker aus Rumänien falsch informiert worden seien. Auf Ska Kellers Frage nach der guten Regierung verweist sie auf die ökonomischen Zahlen, die eine gute Regierung ausmachten - auf die eigentlichen Problembereiche geht sie kaum ein. Bullmann lieferte ihr eine Steilvorlage mit seinem Angriff auf Johannis und die Infragestellung der Justiz. Auch seine   Einschätzung der jeweiligen Kritik an Rumänien als Wahlkampfmanöver spielte Dăncilă in die Hände.

 


Panorama eines Bukarester Alltags

 

Gabriela Adameşteanus Meisterwerk Verlorener Morgen

 

 

 

 

 

Das können nur ganz wenige: Aus einem kurzen Tag ein ganzes Jahrhundert erstehen zu lassen, ohne dass der Leser die notwendigen Übergänge aufdringlich findet und schon gar nicht etwa in der Aufmerksamkeit für die Geschichte nachlässt. Und dies alles aus der Perspektive einer alten Frau erzählt, die sich während dieses scheinbar "verlorenen Morgens" an vieles erinnert.

Vica Delcă ist Anfang der 1980er Jahre eine nicht gerade zimperliche alte Frau, sie lebt mit ihrem wenig beweglichen Mann in einer kleinen Wohnung hinter ihrem längst geschlossenen Lebensmittelladen, den sie  in der Coriolan-Straße von Bukarest betrieben. Hin und wieder rafft sie sich auf, geht auf "Tour", um Verwandte und Bekannte zu besuchen, immer mit dem Hintergedanken, dass sie "nie mit leeren Händen zurück [kam]". An diesem sich hinziehenden Morgen sieht sie ihre Schwägerin mit Sohn und die Tochter jener verstorbenen Frau Ioaniu, einer Dame aus der feinen Gesellschaft, bei der Vica ihr Handwerk als Schneiderin lernte: Diese Figuren genügen, um ein ganzes Lebenspanorama mit seinen historischen Streiflichtern zu entwerfen. Es geht dabei weniger um die Gegenwart des kommunistischen Regimes, in dem die Alte nun lebt - sie scheint so wenig mit dieser politischen Realität zu tun zu haben, dass es nur kleiner Hinweise auf die überfüllte Straßenbahn, das Warten in einer Schlange vor einem Geschäft bedarf, um der inneren Gegenwart von Vica auch eine äußere historische Zeit hinzufügen. Vor allem aber geht es um die Reflexion der Vergangenheit, das Nachdenken darüber, wie die Dinge im Privaten wurden, was sie sind. Das Verhältnis zum Ehemann, die Verwandtschaft, die Eltern, der Verzicht auf eigene Kinder. Das Historische stellt sich dann von alleine ein.

Dieser permanente Strom der Gedanken und Wahrnehmungen führt auf die Familie Ioaniu und in die Zeit des Ersten Weltkriegs, als die an dem Morgen von Vica besuchte Tochter noch ein kleines Mädchen war und dessen Vater sich auf die Teilnahme am Krieg einstellen musste. Im Wechsel in die Ich-Form des Tagebuchs dieses Bukarester Bürgers, der von Eifersucht geplagt wird, wird einer der den Fluss des Erzählens kennzeichnenden Übergänge realisiert und dennoch der Zusammenhang des Romans gewahrt. Mit dem Rückgang bis vor den Ersten Weltkrieg gewinnt der Roman eine Tiefendimension, die den "verlorenen" Morgen zu einer Proustschen Suche nach dem Spezifischen von Geschichte und Lebenszeit machen. Ein Roman von europäischer Perspektive und Relevanz. Gabriela Adameşteanus Roman erschien bereits 1983 in Rumänien  und gehört dort zu den Klassikern des 20. Jahrhunderts. Für die flüssige Übersetzung kam Eva Ruth Wemme auf die Shortlist des Preises der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Übersetzung.

 

Gabriela Adameşteanu: Verlorener Morgen (Dimineaţă pierdută). Roman. Aus dem Rumänischen von Eva Ruth Wemme. Berlin: AB - Die Andere Bibliothek 2018, 561 Seiten, ISBN 978-3-8477-0404-1

 

 

UPDATE

Für ihre Übertragung von Gabriela Adameşteanus Dimineaţă pierdută ist am 21.3.2019 Eva Ruth Wemme mit dem Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Übersetzung ausgezeichnet worden.


Journalismus - zwischen Ost und West

 

 

Adrian Sitarus Parabel auf den Optimierungswahn: Fixeur

 

 

 

Abb. 4 Proof Film/ Zeughauskino

 

Der Journalist Radu arbeitet für AFP in Bukarest, spricht fließend Französisch, sitzt im neuen Büro in einem Glaskasten - und will als stromlinienförmiger "young urban professional" den Sohn der Freundin zu Höchstleistungen beim Schwimmen antreiben. Das gelingt nicht ganz, zeigt aber die Optimierungsideen einer jungen städtischen, gut bezahlten Bevölkerungsschicht.

Für einen Auftrag lässt er aus Paris einen Kollegen samt Kameramann kommen, um eine junge Prostituierte, die aus Paris ausgewiesen wurde, in Bistriţa (Bistritz) zu interviewen. Ein Scoop, wie er dem Franzosen klarmacht. Einige Telefonate, ein Besuch bei einem Verwandten im Ministerium, der der Leiterin des Mädchenheims klarmachen soll, dass die Journalisten Zugang zu dem Mädchen erhalten, die Sache scheint eingefädelt. Radu fährt seine Kollegen nach Bistriţa, er ist jetzt der Fixeur, der Stringer, der orts- und kulturunkundige Reporter aus dem Ausland vor Ort den Weg zur Story ebnen soll. Radu nimmt diese Rolle ernst, aber es wird der Moment kommen, wo ihm der Franzose klar macht, dass er nicht der Journalist, sondern der "Fixer" ist und keine Verantwortung für die Story habe. Denn irgendwann erkennt Radu, dass der Wunsch, eine Story zu gerieren, über der emotionalen Unversehrtheit des Mädchens steht. Er rät, die Sache abzubrechen, um das Mädchen nicht zu gefährden und nicht ihre weitere Traumatisierung zu befördern. Letztlich findet das Interview statt, "business as usual" - wenn auch möglicherweise kleine "Unebenheiten" im Gedächtnis bleiben.

Sitaru geht seine Geschichte leicht an, der Alltag ist zwar hin und wieder stressig für Radu und verlangt nach Kompromissen, aber Radu hofft immer, dass dieser Job erfolgreich abläuft. So bleibt es auf einer Ebene der Alltagsbeschreibung mit kleinen Dramen und Problemen, aber scheinbar ohne große Fallhöhe. Nur am Schluss wird etwas sehr durchsichtig die Haltung Radus hinsichtlich seines Erfolgsdenkens hinterfragt. Wie meist im rumänischen Film sind die SchauspielerInnen von besonderer Klasse (etwa Diana Spătărescu als Mädchen oder Adrian Titieni als einheimischer Polizist [Titieni wurde in Bistriţa geboren]).  Sitaru weiß überzeugend, ein Stück rumänischer Gegenwart zu entwerfen.

 

Fixeur

 

(RO/FR 2016, R: Adrian Sitaru, B: Claudia Silisteanu, Adrian Silisteanu, K: Adrian Silisteanu, D: Tudor Aaron Istodor, Mehdi Nebbou, Adrian Titieni, 100')


Sieranevada ist überall

 

Puius Meisterwerk über den rumänischen "lieu de mémoire" 'Wohnblockapartment'

 

 

 

 

Abb. Mandragora SRL / Zeughauskino

 

 

Nicht erst seit Ingmar Bergmans Fanny und Alexander, Thomas Vinterbergs Das Fest oder Martin Scorceses Der Pate ist das familiäre Fest, das Zusammenkommen nach langer Zeit, die Intensität eines kurzen Zeitabschnitts von miteinander verbundenen Menschen ein häufig thematisiertes Motiv der Filmkunst. Lässt es doch präzise Erkundungen menschlicher Psyche, mikrosoziale Prozesse ebenso wie historische Brüche abbilden. Auch im rumänischen jungen Film ist dieses Motiv häufiger zu finden (etwa in Cătălin Peter Netzers Eröffnungsszene seines Berlinale-Siegers "Poziţia copilului). Selten wurde es aber so ausführlich und zugleich virtuos in Szene gesetzt wie von Cristi Puiu in Sieranevada. In dem Dreistundenfilm spielt der größte Teil der Handlung in einer gar nicht geräumigen Wohnung im 7. Stock eines Wohnblocks irgendwo in Bukarest. Dort treffen zusammen die Mutter, zwei Söhne, einer mit Ehefrau, eine Tochter, deren Ehemann und ihr Kleinkind, eine alte Kommunistin, eine Tante mit Sohn und Tochter und (später) Ehemann, ein Priester mit drei Assistenten, eine im Familienzusammenhang nicht definierbare junge Frau, die im Haushalt mithilft aufeinander. Und eine serbische Drogenabhängige. Und eine Nachbarin, die die Pomană im Haus verteilen hilft.

Es geht also um ein Totenritual, das die Mutter für den seit Jahren verstorbenen Ehemann und Vater zu dessen Gedächtnis veranstaltet. Da scheint der Pope unentbehrlich, aber er verspätet sich und alle müssen auf das Essen warten. Außerdem möchte die Mutter, dass ein Totenritual aus der Heimat des Verstorbenen beachtet wird, wonach ein vom Popen gesegneter Anzug von einem der Erwachsenen getragen werden muss - was für einige Komik sorgt. Ironie strahlt auch der Hauptprotagonist Lary aus, ein gemütlich wirkender bärtiger früherer Arzt, der mit Medizintechnik erfolgreich ist. Er steht dem Vorgang distanziert gegenüber, macht ihn aber mit und verfolgt die größeren und kleineren Dramen, die Puiu in einer Tour de force in dieser kleinen Wohnung mit den vielen Türen  zu inszenieren weiß. Je länger man diesem Treiben zuschaut, desto mehr wird man subtil mit hineingezogen in diese familiären Konstellationen aus Liebe, Hass, Unfähigkeit, Schwächen, Unverständnis, diese Gleichzeitigkeit des Ungleichen, wie sie jede/r in der ein oder anderen Form selbst einmal erlebt hat. Puiu geht es dabei nicht um billige Parteinahme auf Kosten der offensichtlich Altmodischen, moralisch Diskreditierten, irgendwie Verpeilten: Selbst die alte Kommunistin erhält ihr Mitspracherecht, wenn sie dem Protagonisten klar macht, dass sie noch vor seiner Geburt in dieser Wohnung seine Eltern besucht hat, diese also länger kennt als er selbst. Oder jener Sebi, der permanent ins Internet starrt und jeder Verschwörungstheorie zu 9/11 hinterherläuft. Keiner kann sich moralisch aufspielen, Puiu scheint auf eine Ethik des Alltagslebens abzuzielen, in der alles im Rahmen bleibt und dieser Rahmen doch permanent diskutiert wird - bis man vergisst, worum es 'eigentlich' geht. Seine virtuose Regie und vor allem Schauspielerführung geben dem Film eine Präsenz der Figuren, die so nahe an dieser Situation ist, wie sie nur sein könnte.

 

Sieranevada

 

(RO/FR/BA/HR/MK 2016, R/B: Cristi Puiu, K: Barbu Balasoiu, D: Mimi Branescu, Bogdan Dumitrache, Dana Dogaru, Ana Ciontea, 173')


"Rekonstruktion"

 

Radu Judes camouflierte Neuaufnahme von "Reconstituirea"

 

 

 

 

 

 

Abb: Hi Film Productions, Bukarest / Zeughauskino

 

 

Vor genau 10 Jahren begann im Berliner Zeughaus-Kino die erste Ausgabe einer  Retrospektive der jungen rumänischen Filmkunst. Sie hieß nicht von ungefähr "Rekonstruktion" und zeigte neben den neuen Preziosen der jungen Rumänen wie "Moartea domnului Lăzărescu", "Poliţist, adjectiv", "4 luni, 3 săptămăni şi 2 zile" auch den Namen gebenden Klassiker der rumänischen Filmgeschichte: Lucian Pintilies "Reconstituirea" von 1969/70, der nach kurzem Start vom Regime verboten worden war. Er zeigt die staatsanwaltliche Rekonstruktion der Gewalttat zweier junger Männer, die gefilmt wird, um zur Abschreckung Jugendlicher vorgeführt zu werden.

Der Eröffnungsfilm der vierten Ausgabe 10 Jahre später, die insbesondere auch Filme von Radu Jude zeigt (s. Programm unter "Aktuelles"), greift auf Pintilies Rekonstruktion in vielfacher Weise zurück. Radu Jude erzählt in "Îmi este indiferent dacă vom intra în istorie ca barbari" (Es ist mir gleichgültig, ob wir als Barbaren in die Geschichte eingehen) ebenfalls die Geschichte eines "reenactements", wie sie in England oder den USA als Nachstellung eines Schlachtengeschehens sehr verbreitet sind. Was hier in Bukarest nachgestellt werden soll, ist die Eroberung Odessas 1941 mit den Massakern an der jüdischen Bevölkerung. Die Regisseurin Mariana Marin (so heißt auch eine rumänische Dichterin) soll für das Bürgermeisteramt eine solche Rekonstruktion inszenieren, gerät aber zunehmend mit der Behörde in Konflikt, da diese ein volkstümlich militaristisches Spektakel erwartet, während die Regisseurin auf der Darstellung der Ermordung der Juden insistiert. Der lange Titel ist das Zitat des seinerzeitigen Außenministers Mihai Antonescu (aus der Regierung des Diktators Ion Antonescu), der dieses vor der Ermordung von über 20000 Juden in Odessa äußerte. Überhaupt stößt die hartnäckige Regisseurin auf viele Zeichen des Unwissens und Wegsehens, wenn es um die Verbrechen der Antonescu-Diktatur im Zweiten Weltkrieg geht. Sie werden in langen Dialogen mit Schauspielern, Geliebtem, Freunden etc. fast  lexikonhaft in Frage gestellt und entlarvt. So steht die Recherche in Büchern und mit alten Filmaufnahmen im Mittelpunkt, es fallen die Namen realer Historiker und ein solcher ist sogar in einer Szene bei der Betrachtung von Wochenschauen zu sehen. Im Gegensatz zu der kennzeichnenden intensiven Schauspielerführung der neuen rumänischen Welle, scheint Jude hier zusammen mit dem Drehbuchautor Florin Lăzărescu einen eher distanzierten Weg zu gehen: Seine DarstellerInnen wirken eher von ihrer Rolle fern, es wird wenig Wert auf präzise Intensivität gelegt, sondern fast schon brechtisch verfremdend das Schauspielerhafte hervorgehoben.

Interessant ist das Wortgefecht mit dem Vertreter des Bürgermeisteramtes (gespielt von Theaterregisseur Alexandru Dabija), wenn es um die Rekonstruktion und ihren Sinn geht. Die Regisseurin muss sich fragen lassen, warum sie dieses Massaker zeigen will und nicht etwa eines an den Herero von 1904 oder andere? Was sie eigentlich heute davon habe, ein historisches Geschehen ausführlich zu zeigen? Ob ihre moralische Befriedigung nur der Vergangenheit zugewandt sei, während auch in der Gegenwart Massaker und Terror geschehen?

Jude scheint bewusst einen eher didaktisch-pamphletistischen Stil gewählt zu haben - für ein Thema, das auf jeden Fall in Rumänien auf der Tagesordnung steht.

 

 

Îmi este indiferent dacă în istorie vom intra ca barbari

(I Do Not Care if We Go Down in History as Barbarians)

 

(RO/D/BG/FR/CZ 2018, R: Radu Jude, B: Radu Jude, Florin Lăzărescu, K: Marius
Panduru, D: Ioana Iacob, Alexandru Dabija, Alex Bogdan, 139')


Wahlen und Referendum in der Republik Moldau

 

 

 

 

 

 

Foto: www.kultro.de

 

Am Sonntag, 24.2.2019, wurden in der Republik Moldau die Parlamentswahlen und ein Referendum über die Begrenzung der Abgeordnetenzahl im Parlament abgehalten. Erstmals wurde bei den Wahlen ein gemischtes Wahlverfahren angewendet, wonach neben den nationalen Parteilisten auch aus den Wahlkreisen ein/e KandidatIn direkt gewählt wurde (circumscripţiile uninominale).

 

Nach vorläufigen Zählungen der Zentralen Wahlkommission (CEC) verteilten sich die 1.453013 Stimmen (49,22% Wahlbeteiligung) wie folgt:

 

Partei PSRM (Partidul Socialiştilor din Republica Moldova) 31,32 %, [Partei des Präsidenten Igor Dodon]

Wahlblock "ACUM Platforma DA şi PAS" 26,41 %, [Wahlblock zweier Pro-NATO- und -EU-Parteien]

Partei PDM (Partidul Democrat Moldova) 23,86 %, [Partei des Oligarchen Vlad Plahotniuc]

Partei Şor 8,40 %, [ Ilan Şor, Bürgermeister von Orheiu, gilt als in den Diebstahl von 2 Mrd. € aus der Nationalbank involviert]

PCMR (Partidul Comuniştilor din Republica Moldova)  3,76 %,

Partidul Nostru 2,92%,

Partidul Liberal 1,24%,

Partidul Mişcarea Populară Antimafie 0,59%,

die Partei Democraţia Acasa 0,31%

Partidul Regiunilor din Moldova  0,26%,

Partidul Naţional Liberal  0,24%,

Pаrtidul politic Partidul Verde Ecologist   0,23%.

 

Es gilt eine 6%-Hürde für Parteien, so dass erstmals seit 20 Jahren die Kommunisten unter dem früheren Präsidenten Vladimir Voronin nicht im Parlament vertreten sind.

 

In den 51 Wahlkreisen (1 auch für USA und Kanada; 2Wahlkreise waren für WählerInnen aus Transnistrien zugänglich) gewannen vorläufig 18 KandidatInnen der PDM, 16 der PSDMR, 12 der ACUM, 2 Şor, 3 Unabhängige (aus Transnistrien).

 

Die Verteilung der Mandate im Parlament in Chişinău könnte so aussehen:

PSRM 35

PDM 30

ACUM 26

Partidul Şor 7

Unabhängige 3.

 

Hinsichtlich des Referendums über die Abgeordnetenzahl wurden noch keine Ergebnisse verkündet.

 

Laut MOLDPRES teilte die Beobachterkommission der OSZE mit, dass die Wahlen korrekt und ohne größere Zwischenfälle abliefen. Es wurden einige Bustransporte aus "Transnistrien" zu den Wahllokalen beobachtet. Der Wahlblock ACUM will die Wahl in zwei Wahlkreisen wegen dieser Transporte und möglichem Stimmenkauf anfechten.

 


Literatur und historische Kritik

 

Zu den neuesten Arbeiten von William Totok

 

 

 

 

 

 

In den 1920er Jahren machte ein junger Lyriker aus dem Banat Furore: Der größte Dichter der Zeit, Rainer Maria Rilke, hatte ihn für wert befunden auf seine Fragen und Gedichtsendungen hin über Jahre ein poetologisches Statement in Briefen abzugeben. Als Briefe an einen jungen Dichter (1929) nach Rilkes Tod mit einer Einleitung des jungen Banater Autors Franz Xaver Kappus erschienen, sind Rilkes Briefe bis heute ein Text geblieben, der Literaturinteressierte fasziniert. Den Hintergründen des Banater Autors ist William Totok nachgegangen, indem er Kappus' (1883-1966) Roman Die Peitsche im Antlitz. Geschichte eines Gezeichneten (Temeswar 1921)  auf Deutsch und in rumänischer Übersetzung durch Werner Kremm mit einer ausführlichen Einführung im Verlag des Nationalen Literaturmuseums Bukarest herausgegeben hat. In dieser literarhistorischen Einführung wird Kappus als wegen ihres Pazifismus und Eigensinns außergewöhnliche Figur in der sich oft nationalistisch und in der Zwischenkriegszeit gar nationalsozialistisch gebärdenden Heimat- und Volkstumsliteratur in Rumänien sichtbar. Im Ersten Weltkrieg als Berichterstatter und Nachrichtenoffizier eingesetzt kehrte er nach einem Aufenthalt im Budapest der Räteregierung vor 100 Jahren in seine Heimatstadt Temeswar zurück, um bei der traditionsreichen Temeswarer Zeitung aktiv zu werden. Neben einer oft konventionellen Lyrik entstanden auch zahlreiche Unterhaltungsromane, bevor die Publikation von Rilkes Briefen den Autor überregional berühmt machten. Sehr zustimmende Kritiken bis hin zu Roda Roda erhielt Kappus für seinen pazifistisch-expressionistische Roman-Dystopie Die lebenden Vierzehn (Berlin: Ullstein 1918). Im in Rumänien eher selten zu findenden expressionistischen Stil ist auch der jetzt herausgegebene kleine Roman Die Peitsche im Antlitz gehalten über einen Menschen, der durch eine Missgestaltung immer ein abwertend wirkendes Lächeln im Gesicht trägt und dadurch im Leben scheitert. Wie in einem Stummfilm der Zeit mit übertriebenen Gebärden und Empfindungen, einer Entwicklung vom kalten Einzelgänger zum ekstatischen Gefühlsmenschen, dem Scheitern der Liebe nach dem Krieg nimmt Kappus eine Reihe von expressionistischen Motiven auf.

 

Aus der Wiederpublikation dieses literarischen Fundstücks lässt sich ein allgemeines Prinzip der Arbeiten William Totoks ableiten: die Vermittlung zwischen deutscher und rumänischer Kultur in der Verzahnung von Literatur und politischer Analyse. Dieses Prinzip ist auch bei den beiden anderen neueren Publikationen Totoks zu erkennen. Im Jahr 2016 erschien im Ludwigsburger Pop Verlag in einem Band eine Auswahl seiner Gedichte ergänzt durch einen Rückblick auf seine jahrzehntelange Beschäftigung mit der eigenen Securitate-Akte. Im gleichen Jahr brachte der angesehene rumänische Verlag Polirom eine umfangreiche Studie über die Mythisierung des antikommunistischen Widerstands in der Figur des früheren Legionärs Ion Gavrilă Ogoranu heraus, die Totok mit der Soziologin Elena-Irina Macovei erstellte.

 

Anfang

 

Im anderen Land

wächst  nur noch blindes Gras,

verletzt durch lange Jahre

der Geduld, des dumpfen Schweigens.

Langsam kehren alle Sätze heim

und an den Fahnenstangen fault die Wut.

Der Lyrik-Band verweist auf Totoks literarische Herkunft aus der Aktionsgruppe Banat der frühen 1970er Jahre. Zusammen mit Richard Wagner, Werner Kremm, Ernest Wichner, Anton Sterbling und fünf weiteren Dichtern hat diese Gruppe, an deren Rand auch Herta Müller erstmals publizierte, ein einzigartiges Projekt im kommunistischen Rumänien realisiert, bevor es von der Securitate zerschlagen wurde. Die Gedichte stellen eine Auswahl von diesen Anfängen bis in die Gegenwart dar. In ihnen wird ein Dichter erkennbar, der sprachlich präzise und zugleich politisch engagiert auf  die Zumutungen der Welt reagiert. Es ist eine Entwicklung erkennbar, wenn es heißt "Ich halt sie noch / Die Fahne und denk' / Sie nützt mir / Wenns mich friert.//" und in einem anderen Gedicht "... an den Fahnenstangen fault die Wut". Aber diese Extreme sind durch zahlreiche Zwischentöne verbunden, in denen Totok sensibel und aufmerksam die Beziehungen von Politik und Ich erkundet. So lassen sich diese mitunter elegischen Gedichte nach 1973 auch als eine Gefühlslage der kritischen rumänischen Jugend lesen, die erstaunlicherweise nicht sehr unterschieden von ihren bundesdeutschen Pendants sich darstellt - obwohl doch die äußeren Umstände extrem unterschiedlich waren.

 

Das Ende der Aktionsgruppe Banat markierte in Totoks Vita einen großen Einschnitt: Er wurde nach bereits jahrelanger Observation durch die Securitate mit anderen verhaftet, blieb aber als einziger mehrere Monate in Haft. Wie die minuziöse Rekonstruktion der Akten der Securitate ergibt, trieb diese einen enormen Aufwand, um nicht nur den Dichter, sondern auch seinen Bruder Gunter Totok und die Familie zu bespitzeln und in ein schlechtes Licht zu stellen. "Außer physischen Misshandlungen habe ich im Laufe der Jahre sämtliche Varianten der Securitaterepression kennengelernt, die darauf abzielten, einen als Regimegegner eingestuften Menschen zum Schweigen zu bringen, ihn zu kompromittieren und seine kritische Stimme verstummen zu lassen," konstatiert Totok. Bereits seit den '60er Jahren wurde wegen des im Westen als bedeutender Bibliothekar arbeitenden Onkels Wilhelm Totok die Familie beobachtet. Mit fabrizierten Umständen wird der als Schüler sich freimütig äußernde und aufbegehrende Bruder zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Seit seinem Buch Die Zwänge der Erinnerung (1988) hat Totok konsequent die Akten der Securitate studiert, um Klarheit über die Vorgehensweise der Geheimpolizei zu erhalten und diese öffentlich zu machen. Dass dies nicht ohne anzuecken zu erreichen ist, bezeugen allein schon die späteren Karrieren der Securisten: Einer der ihn bespitzelnden Informanten ist heute einer der reichsten Oligarchen Rumäniens, andere sind als Banater Schwaben nach Deutschland ausgewandert.

Diese kritische Auseinandersetzung mit den Akten der Geheimpolizei in der Diktatur ist Totok über die eigene Biographie hinaus immer wieder Anlass zur Recherche von wenig beachteten oder verschwiegenen politischen Zusammenhängen. Sein Augenmerk gilt dabei insbesondere auch den rechtsradikalen und neolegionären Strömungen, deren Bild in Rumänien oft verharmlost wird. So bildet das Studium der Securitate-Akten, in die auch das Archiv der Siguranţa, der Vorkriegsgeheimpolizei integriert worden war, die Basis für ein weiteres Buch, das sich mit der rumänischen Vergangenheit und ihrer Mystifikation beschäftigt. Zusammen mit der Soziologin Elena-Irina Macovei geht Totok den Biographien einzelner späterer Securitate-Informanten der deutschen Minderheiten nach, die vor dem kommunistischen Regime Aktivisten des Nationalsozialismus waren (Mokka, Cloos) und von der Securitate benutzt wurden, um die Geschichtsschreibung zu manipulieren. Auch die Legende des Legionärs und später in den Bergen Untergetauchten Ion Gavrilă Ogoranu war eine von ihm selbst gestrickte, indem er durch seine Autobiographie das Bild eines geläuterten antikommunistischen Freischärlers im romantischen Widerstandskampf gegen die Securitate verbreiten konnte (das in einem ansprechend gemachten Film von Constantin Popescu noch zementiert wurde). Dieser Mythos und die gleichzeitige Bagatellisierung der legionären Vergangenheit werden von Totok/Macovei minuziös enttarnt, um zugleich ein Licht auf die Funktion jener "sfinţi inchisorilor" (Gefängnisheiligen) zu werfen, die sich meist von der faschistischen Eisernen Garde kommend in kommunistischen Gefängnissen zur orthodoxen Religion bekannten und bis heute ein verklärtes, irreales Bild der Vergangenheit und ihrer eigenen legionären Taten konstruieren.

In dem Gedichtband ...an den Fahnenstangen findet sich eine ausführliche, wenn auch nicht vollständige Bibliographie der Arbeiten Totoks, der als Journalist bei Radio France International, Radio Free Europe, der Tageszeitung u.a. über Rumänien berichtet. Weiterhin betreibt er die Website der eingestellten Zeitschrift "Halbjahresschrift für südosteuropäische Geschichte, Literatur und Politik", wo aktualisiert Texte zu seinen Forschungsgebieten erscheinen. Totok war Mitglied der internationalen Kommission zur Erforschung des Holocaust in Rumänien und wurde 2009 mit dem kulturellen Verdienstordens im Rang eines Offiziers vom rumänischen Präsidenten ausgezeichnet.

 

 

Franz Xaver Kappus: Biciul dispreţului. Povestea unui stigmatizat. Die Peitsche im Antlitz. Geschichte eines Gezeichneten. Prefaţa, tabel cronologic şi ediţie bilingvă îngrijită de William Totok. Traducere din limba germanăşi note de Werner Kremm. Bucureşţi: Editura Muzeul Literaturii Române 2018, 247 S. ISBN 978-973-167-473-5

 

William Totok: ... an den Fahnenstangen fault die Wut. Gedichte und "Statt eines Nachworts. 'Es werden andere Zeiten kommen.' Zwanzig Jahre lang im Visier der Securitate". Ludwigsburg: Pop Verlag 2016, 222 S., ISBN 978-3-86356-135-2

 

William Totok, Elena-Irina Macovei: Între mit şi bagatelizare. Despre reconsiderarea critică a trecutului, Ion Gavrilă Ogoranu şi rezistenţa armată anticomunistă din România. Iaşi, Bucureşţi: Editura Polirom 2016, 366 S., ISBN 978-973-46-6127-5

 


Der Nerv

 

 

 

Vor 100 Jahren hielt die literarische Moderne Einzug in die Bukowina

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Krieg war beendet, die mehrfachen russischen Invasionen der Bukowina und ihrer Hauptstadt Czernowitz Vergangenheit, das frühere Kronland war gerade dem sich vergrößernden Kriegsverlierer Rumänien beigetreten, in den Pariser Vororten begannen die Friedensverhandlungen (auch über die Bukowina), rumänische Truppen besetzten Siebenbürgen und machten sich auf den Weg Richtung Ungarn, im Banat entstand eine sozialistische Republik, in der Ukraine und Rußland tobte der Bürgerkrieg zwischen der Revolution und den Antirevolutionären - vieles war Anfang 1919 in Bewegung und im Fluß. In Czernowitz sah der Literat Albert Maurüber die Gelegenheit für eine literarische Zeitschrift, die mit der Vergangenheit brach und sich den kritischen politischen Bewegungen annäherte, wie dies in Deutschland die Expressionisten bereits während des Krieges getan hatten. Es erschien am 1. Jänner 1919 die Nr. 1 von Der Nerv. Eine Halbmonatsschrift für Kultur mit seinem ersten Satz: "Spiel ist aus."

Maurüber, ein Sozialdemokrat, formulierte ähnlich seinen literarischen Gesinnungsgenossen in Berlin, Wien oder Prag in dem eröffnenden Manifest:

 

"Sturm des großen Sterbens ist zusammengebrochen und die durch Jahre in der Tat für den Mord standen sind umgekehrt vom Blutschnitte.

Krieg war. Mit feige verkniffenen Lippen standen die Menschen - Brüder! - gegeneinander. Und der Wurm des Hasses grub immer tiefer in ihren Augen. Aufflatterten Schreie der Verzweiflung aus angstverkrüppelten Mündern und fielen erkaltend übereinander zu Haufen: Unendliches Leiden... Erlösung ward."

 

Die aktivistische Zeitschrift gab sich anti-bürgerlich, ironisierte die Lokalpolitik, kritisierte das Theaterprogramm in Invektiven gegen den Direktor Guttmann, sah sich durchaus in Nähe zu Karl Kraus' in Czernowitz besonders erfolgreichem Zeitschriftenunternehmen der Fackel mit ihrer Pressekritik. Im ersten Heft schrieb Ernst Maria Flinker an den "Kamerad" Ludwig Rubiner, einen der bekanntesten Protagonisten des Berliner Expressionismus um die Zeitschrift Die Aktion, von dem später auch ein Text im Nerv abgedruckt wurde. Maurüber selbst schrieb über den Rat der Geistigen, den Kurt Hiller in Berlin gegründet hatte. Es entsprach nach dem Horror des Völkerkrieges einem brückenbauenden Impetus, dass auch Übersetzungen aus anderen Sprachen gebracht wurden, wie etwa von Lotar Wurzer zu Mihai Eminescu oder eine des jungen bosnischen Autors Ivo Andric, später auch des ukrainischen Nationaldichters Taras Schewtschenko. Interessant ist, dass Lotar Wurzer (dabei handelt es sich um den späteren Angehörigen des ZK der rumänischen KP, Lotar Rădăceanu) im dritten Heft das das habsburgische Imperium und seine übernationale Sozialdemokratie umtreibende Thema des Verhältnisses von Klasse und Nation aufgreift, auf dessen Beitrag dann auch Maurüber mehrfach reagiert.

 

Mit den Brüdern Flinker, Alfred Sperber, Artur Kraft tauchen auch Namen jener Schriftsteller auf, die nach ihrer expressionistischen Phase teil hatten an der Blüte der Gedichtkunst, die in den nächsten 20 Jahren die Stadt in der Bukowina mit den Gedichbänden von Alfred Margul-Sperber, Rose Ausländer, Moses Rosenkranz, Alfred Kittner, David Goldfeld erleben sollte. Sperber publizierte im Nerv sowohl Gedichte als auch Prosa.

Das Ende dieser Zeitschrift kam bereits im Herbst 1919 überraschenderweise wegen Auseinandersetzungen mit der sozialdemokratischen Druckergewerkschaft. Lange verschollen brachte vor 22 Jahren das Berliner Literaturhaus einen Neudruck der Zeitschrift mit einem ausführlichen, die Hintergründe beleuchtenden Nachwort des Iaşier Germanisten Andrei Corbea-Hoişie. (Der Band ist noch erhältlich!)

 

 

Der Nerv. Nachdruck einer expressionistischen Czernowitzer Kultur- und Literaturzeitschrift des Jahres 1919. Mit einem Nachwort von Andrei Corbea-Hoişie herausgegeben von Ernest Wichner und Herbert Wieser. Berlin 1997 (Texte aus dem Literaturhaus Berlin, 12), 276 S., ISBN 3-926433-11-6

 


Wiegenlied in Zeiten des Krieges

 

Michal Kalik und die sowjetische Republik Moldova

 

 

 

 

Die Retrospektive des Berliner Kinos Arsenal setzte auf die sowjetische Republik Moldau - der Filmklassiker Michal Kalik drehte mehrere Filme dort, bevor er nach Israel ausreiste. In Kolybelnaja - uraufgeführt 1960- ist es der eindringliche Rückblick auf den Überfall durch deutsche und rumänische Truppen 1941, der die Landschaft in Szene setzt. Ein Pilot sucht nach Kriegsende seine Tochter, die nahe der Grenze am Pruth bei Kriegsbeginn verschollen wurde - wie viele Kinder in der Sowjetunion. Eine geschickt inszenierte, an Wendungen reiche Geschichte mit Blick auf unterschiedliche Menschen und ihre Gefühlslagen. Die in Berlin arbeitende moldauische Filmemacherin Ana-Felicia Scutelnicu (Panihida [2010]; Anişoara [2016]) wies in ihrer, die historischen Hintergründe des Studios Moldova-Film skizzierenden Einführung auf den katastrophischen Bruch hin, der nach Untergang der Sowjetunion die Erinnerung an den Regisseur Kalik in der heutigen Republik Moldova verstellt wie auch jenen Bruch, den Kalik selbst nach der Auswanderung nach Israel erlebte, wo er nur noch einen wenig erfolgreichen Film machte. Der 1958 gedrehte Film binde auch Kaliks Biographie zusammen, da er 17 Jahre nach dem Erlebnis der Bombenangriffe auf Moskau, die er als 17-Jähriger überlebte, diese Intensität des Grauens in den Film 'einbaute' und spürbar machte. Wiewohl die Moldau als Landschaft erkennbar ist und der Film einen kurzen Anflug auf Chişinău zeigt, sind die Schauspieler nicht aus der Region, sondern dem riesigen Reservoir, das die Sowjetunion der gerade entstehenden Moldova-Film bot, entnommen. Gregor Vanisian, der Kurator der Retrospektive, wies darauf hin, dass die gezeigte Kopie aus der Jerusalem Cinemathèque komme und möglicherweise die Arbeitskopie Kaliks darstelle. Darauf sind alle Angaben in kyrillischer Schrift, während das titelgebende "cântec de leagan" im Film auf Rumänisch gesungen wird. Es ist ein kompliziertes Verhältnis, das die beiden Sprachen offiziell und inoffiziell in den Anfangsjahren der sowjetischen Nachkriegsrepublik SSR Moldova miteinander verband, in der ja das Rumänische als 'andere' Sprache "Moldauisch" bezeichnet wurde. Wie Scutelnicu hervorhob, lasse die pure Bildersprache Kaliks eine einmalige Atmosphäre entstehen, die einen gebrochenen Traum in der Sehnsucht der Menschen nach seelischer Harmonie zeige. In weiteren Filmen Kaliks, wie etwa Ataman Kodr (1958) oder dem Episodenfilm Ljubit... (1968) spielt die moldauische Landschaft ebenfalls eine wichtige Rolle für diesen Klassiker der Filmgeschichte.

 

Die Retrospektive läuft vom 10.02.2019 - 21.02.2019 auch im Deutschen Filmmuseum in Frankfurt/Main (s. Aktuelles!)