DANACH...

 

Die Leipziger Buchmesse hat im Frühjahr 2018 als Gastland Rumänien begrüßt und damit eine der dynamischsten literarischen Szenerien Europas näher vorgestellt. Wir wollen dieses Ereignis zum Anlass nehmen, die Literatur, aber auch die Künste und die Geschichte sowohl Rumäniens als auch der Republik Moldau in ihren meist im Westen unbekannt gebliebenen Hintergründen als auch aktuellen Entwicklungen zu beleuchten. In Buchrezensionen, Interviews, Reportagen, Essays und Aufsätzen wollen Autorinnen und Autoren ihre eigenen Themen und ihre Perspektiven auf die Kultur Rumäniens und der Republik Moldau formulieren und damit beitragen zu einer immer noch notwendigen Aufklärung im deutschsprachigen Raum über die kulturellen Landschaften um den Karpatenbogen und zwischen Pruth und Dnjestr.

Dies soll nicht einseitig geschehen, sondern unter Einbeziehung rumänischer bzw. moldauischer AutorInnen.

 

(Kontakt unter: info@kultro.de.)

 


Was es noch zu tun gab/gibt...

Dass die rumänische Literaturszene eine dynamische und vielfältige Erscheinung innerhalb der europäischen Sprachen darstellt, hat sich bei unseren Nachbarn eher herumgesprochen als in deutschsprachigen Verlagen und Redaktionen. Ein Artikel hat vor einigen Jahren darauf aufmerksam gemacht. Vieles blieb unübersetzt, jetzt generierte erfreulicherweise der Buchmessen-Schwerpunkt mehr Interesse an Rumänien und der Moldau. Ein aktueller Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung listet zahlreiche der übersetzten AutorInnen auf, weist aber auch auf noch bestehende Defizite hin.


Heute vor 30 Jahren

 

Die Revolution in Rumänien in Tageschroniken

 

 30 Jahre nach dem Aufstand der rumänischen Bevölkerung gegen das diktatorische Regime von Nicolae Ceaușescu und der kommunistischen Partei lassen sich viele der Details des Geschehens genauer beschreiben als in den Jahren zuvor, als sie vielfach nicht präzise eingeordnet werden konnten.

 

Abb. CC BY-SA 2.5 pl, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1237708

 

Zahlreiche Fotos, Videos, Dokumente, Augenzeugenberichte, Gerichtsprotokolle lassen ein Bild entstehen, das die Vorgänge an der Oberfläche dokumentiert, während entscheidende Fragen nach den politischen Manövern innerhalb der Parteistrukturen, der Armee und der Securitate vor, während und nach der Revolution noch nicht offengelegt wurden. In einigen Fällen sind die Verantwortlichen klar benannt worden, allerdings haben sich daraus oft keine strafrechtlichen Konsequenzen ergeben.

 

An den Ablauf der Geschehnisse im Dezember soll die folgende Chronik erinnern.

 

Freitag, 15. Dezember 1989

 

Der bereits wegen seiner regimekritischen Aussagen (u.a. in ausländischen Radiosendern) aufgefallene Priester der Reformierten Kirche in Temeswar, László Tökés, hatte im Sonntagsgottesdienst am 10.12. seine Gemeinde aufgefordert, am 15. Zeuge bei seiner  gegen seinen Willen angeordneten Versetzung in ein isoliertes Dorf bei Sălaj zu sein. Es kommen am frühen Morgen einige Hundert meist ungarischsprachige Gläubige an das überwachte Gebäude der Reformierten Kirche in der strada Timotei Ciparu an der Piața Maria, nicht weit entfernt von der Innenstadt. Securitate-Mitarbeiter in Zivil versuchen, Verhaftungen unter der Menge vorzunehmen, wobei es zu Auseinandersetzungen kommt, die sich aber noch nicht ausbreiten. Nachmittags finden sich weitere Menschen ein, jetzt auch Rumänen aus der baptistischen Gemeinde. Tökés kritisiert das Regime von Parteichef Nicolae Ceaușescu, es wird erstmals das Lied "Deșteapte-te române!" (Erhebe dich, Rumäne) gesungen. Um 20.00 Uhr kommt der Bürgermeister von Temeswar, Petru Moț, um mit Tökés zu verhandeln. Einige Protestierer bleiben über Nacht beim Kirchenamt.

 

Samstag, 16. Dezember 1989

 

An der Piața Maria in Temeswar versammeln sich anfangs etwa 300-500 Menschen, um gegen die Evakuierung des Priesters Tökes, aber auch bereits gegen das System von Partei und Staat zu protestieren. Ein Teil der Menge hält Straßenbahnen der Linie Nr. 2  in der Nähe des Gemeindeamtes der Reformierten Kirche an, um mit ihnen unter dem Rufen von Losungen wie "Jos Ceaușescu!", "Libertate" oder "Vrem paine!" (Wir wollen Brot!) in die Innenstadt zu gelangen. In größeren Gruppen marschieren Demonstranten in das Stadtzentrum. Eine Buchhandlung mit Büchern Ceaușescus wird zerstört, auch zahlreiche Schaufenster an der Einkaufsstraße im Zentrum gehen zu Bruch. Die Plakate mit Parteilosungen und Fotos von Ceaușescu werden zerstört. Auf einem ungarischen Radiosender wird über die Demonstrationen berichtet. Tökés bittet die Menge vom Pfarramt aus, die Demonstration aufzulösen und nach Hause zu gehen. In der Innenstadt auf dem Platz  zwischen Oper und Kathedrale kommt es zu Konfrontationen mit der Miliz und den Wasserwerfern der Feuerwehr  und zu zahlreichen Verhaftungen. Hunderte werden in Gefängnisse eingeliefert. Gruppen von Demonstranten gehen in andere Viertel der Stadt, vor allem solche mit Studentenheimen, um weitere Demonstranten zu animieren, auf die Straße zu gehen.

Nach Mitternacht sperrt Miliz die Straße zur Reformierten Kirche ab und räumt die Piața Maria. Tökés flüchtet sich mit seiner hochschwangeren Ehefrau, einem Schwager und  dem Studenten Gazda Arpad in die Kirche, wo sie nachts von der Securitate verhaftet und ins Gefängnis gebracht werden. Der Aufstand scheint niedergeschlagen worden zu sein.

 

Sonntag, 17. Dezember 1989

 

Die Auseinandersetzungen in Temeswar zwischen Demonstranten gegen das Regime Ceaușescu und den Ordnungskräften verschärft sich  in mehreren Stadtteilen. Panzer und gepanzerte Fahrzeuge sind auf Seiten der Miliz und der Armee im Einsatz. Barrikaden werden gebaut. Unbekannte zerstören systematisch Geschäfte, zünden sie an, ohne dass die Ordnungskräfte einschreiten. Auf Befehl Ceaușecus, den General  Vasile Milea umsetzt, wird vor allem als die Dunkelheit nach 16 Uhr einbricht, scharf in die immer größer werdende Menge geschossen und die ersten Verletzten und Toten unter den Demonstranten sind zu verzeichnen. Auch in die Häuser wird geschossen. Die Einheiten von Securitate, Armee, Miliz, Innenministerium, die an den Schießereien beteiligt sind, sind nicht genau zu verifizieren.

 

Montag, 18. Dezember 1989

 

Angehörige begeben sich in der gespannten Atmosphäre der Stadt in die Spitäler, um ihre Toten zu finden und zu beerdigen. Jede Gruppenbildung auf den Straßen ist verboten, auf Ansammlungen werde sofort geschossen. In den Firmen und Fabriken werden die Fehlenden gezählt. In einzelnen Vierteln wie dem Arbeiterviertel Girocului sind die Straßen übersät mit Gewehrpatronen und weisen auf eine kriegsähnliche Situation hin.

Vor der verschlossenen Kathedrale werden Kinder und Jugendliche, die dort Kerzen aufstellen wollen und Anti-Ceaușescu-Parolen rufen, von der Armee erschossen. 60 Tote und hunderte Verletzte sind das Ergebnis dieses Tages.

In dem Dorf Sanpetru Mare veranlassen Berichte von den Vorgängen in Temeswar eine Menschenmenge zum Marsch auf die Primaria, wo sie Bilder und Bücher von Ceaușescu zerstören.

In der Nacht zum Dienstag wird die "Operațiunea Trandafirul" (Operation Rose) durchgeführt: 40 Leichen werden von der Miliz aus den Krankenhäusern entwendet (einige noch Lebende werden ermordet), in einem Kühlwagen nach Bukarest gebracht, dort in einem Krematorium verbrannt und ihre Asche in einem Graben bei Bukarest verteilt.

Der Staatspräsident Ceaușescu begibt sich ohne Ehefrau Elena zu einem Staatsbesuch in den Iran.

 

Dienstag, 19. Dezember 1989

 

Es werden zahlreiche weitere Verhaftungen vorgenommen. Die Arbeiter der Firma ELBA (Electrobanat) erklären den Generalstreik. In den Betrieben wird über das weitere Vorgehen diskutiert. Viele Fabriken sind von Ordnungskräften umstellt, um die Arbeiter an Demonstrationen zu hindern. Um 11 Uhr versuchen der erste Sekretär der Partei im Kreis, Radu Bălan, und Bürgermeister Moț, die Arbeiter zum Einstellen der Arbeitsniederlegungen und Demonstrationen zu bewegen. Bălan scheint bereit, in das Lager der Revolutionäre zu wechseln. General Gușă, ebenfalls in der Fabrik ELBA, ordnet einen Teilrückzug der Armee an. Auf den Straßen dominieren die Ordnungskräfte von Armee, Miliz, Securitate, bei Zusammenstößen sterben 8 Menschen.

 

Mittwoch, 20. Dezember 1989

 

Zehntausende, vor allem aus den Betrieben und Fabriken, demonstrieren in Temeswar gegen die Diktatur. Der Platz zwischen der Oper und Kathedrale füllt sich ab 14 Uhr mit Menschen, die aus den Nationalfahnen die Parteizeichen herausgeschnitten haben. Vom Balkon der Oper werden Reden gehalten (die installierten Mikrofone und Lautsprecher waren für eine prokommunistische Kundgebung vorgesehen). Der erste Redner, Ioan Chiș, prägt den Spruch: Endlich ist die Mămăligă explodiert. Die Menge ruft enthusiasmiert: "Libertate", „Azi în Timişoara, mâine-n toată ţara!” (Heute in Temeswar, morgen im ganzen Land),

Eine große Zahl begibt sich zum Consiliul Județean, wo der Premierminister Constantin Dăscălescu  sich aufhält. Eine Abordnung von Revolutionären (Ioan Savu, Corneliu Vaida, Sorin Oprea, Marcu, Boloșoiu, Hanus Sandu, Petrișor u.a.) führt einen Dialog mit dem Premierminister in dem Gebäude und fordert Rückzug der Armee, genaue Aufklärung über die Schießbefehle und die Zahl der Toten, Freilassung der Verhafteten, freie Wahlen, privates Unternehmertum, freie Presse. Die Befreiung der 980 Verhafteten und der Rückzug der Armee in die Kasernen wird erreicht. Vereinzelt werden Verbrüderungen mit der Armee beobachtet.

In der Stadt Lugoj im Banat finden ebenfalls Demonstrationen statt. Es ist die erste Stadt, die dem Beispiel von Temeswar folgt. Zwei junge Protestierer werden gegen 20.00 Uhr aus einer Armeekaserne heraus erschossen, die Parteizentrale geht in Flammen auf, zahlreiche Fensterscheiben von Geschäften werden eingeschlagen.

Um 19 Uhr hält der aus dem Iran zurückgekehrte Ceaușescu eine Rede im Fernsehen, in der er die Vorgänge und die "reaktionären, hooliganistischen, terroristischen Elemente" verurteilt. Der Ausnahmezustand wird über Temeswar verhängt. Aus seiner Heimatregion Oltenien (Craiova) sendet Ceaușescu Arbeiter als Nationalmilizen nach Temeswar, um gegen die Demonstranten vorzugehen. Sie solidarisieren sich aber mit den Aufständischen und verbreiten nach ihrer Rückkehr die Nachrichten über den Aufstand.

Auf dem Platz vor der Oper in Temeswar bleiben etwa 60 Menschen über Nacht.

 

Donnerstag, 21. Dezember 1989

 

 

 

Auf dem Balkon der Oper in Temeswar verliest Lorin Fortuna morgens eine Proklamation, die einen neu konstituierten Frontul Democratic Român vorstellt und Temeswar zur ersten kommunismusfreien Stadt (oraș liber de comunism) Rumäniens erklärt. 

 

In Arad gehen ab 8.30 Uhr die ArbeiterInnen zahlreicher Betriebe auf die Straße und marschieren in Richtung des zentralen Platzes, wo sich das Parteibüro befindet. Um 12.30 Uhr verspricht die Kreissekretärin der Partei, Elena Pugna, ähnlich wie Ceaușescu in Bukarest, eine Erhöhung der Löhne und der Kinderzulagen, wird aber ausgepfiffen. Am Abend wird unter den Demonstranten nach dem Temeswarer Vorbild ein Komitee mit der Bezeichnung Frontul Democratic Român gebildet mit dem Schauspieler Valentin Voicilă als führendem Mitglied. Der um das Parteigebäude postierte, mit Kriegsmunition bewaffnete Kordon aus Miliz und Militär findet keinen Anlass zum Eingreifen.

In Cluj wird hingegen auf dem zentralen Platz ohne Anlass von der Armee auf Befehl lokaler Offiziere in die Menge geschossen, 26 Menschen sterben, 79 werden verletzt.

In Târgu Mureș/Marosvásárhely wehren sich Arbeiter in den Fabriken gegen die von Ceaușescu vorgeschriebene Interpretation der Ereignisse in Temeswar. Der Parteisekretär der Stadt  wird in der Firma IMATEX  gezwungen, ein Protestschreiben an den Staatschef abzusenden. Nach konfrontationsreichen, vor allem von Arbeitern aus den Fabriken begonnenen Demonstrationen werden am Abend gegen 21.20 Uhr auf dem zentralen Platz 6 Menschen erschossen, 21 durch Kugeln verletzt, zahlreiche verhaftet und misshandelt.

In Sibiu/Hermannstadt/Nagyvaros wird eine kleine Demonstration von Arbeitern aus der Firma Balana gegen 8.30 Uhr aufgelöst. Kurze Zeit später finden sich zahlreiche Protestierer auf den Straßen, marschieren ins Zentrum, wo sie Bilder und Bücher von Ceaușescu aus Buchhandlungen verbrennen. Ab 10.00 Uhr beginnen auf Anordnung von Kreisparteisekretär Nicu Ceaușescu, Sohn von Nicolae Ceaușescu, Armeeschüler gegen die Protestierer vorzugehen.  Sie eröffnen das Feuer und töten 1 Demonstranten, 4 werden verletzt. Daraufhin strömen Tausende in verschiedenen Teilen der Stadt auf die Straßen.

In Bukarest hält Ceaușescu um 12 Uhr eine von TV România übertragene Rede vom Balkon des ZK vor etwa 100000 eilig herbei transportierten Unterstützern der Partei. Während der Rede entsteht Unruhe in der Masse, es sind Knallgeräusche zu hören, es entsteht Bewegung in der Menge. Die TV-Übertragung wird mehrmals unterbrochen, als die Rufe "Timioșara" für kurze Zeit deutlicher durchdringen. Der Conducător reagiert zunächst verunsichert und fahrig, seine Ehefrau Elena neben ihm gibt Anweisungen - die Übertragung wird bald abgebrochen. Ceaușescu kann die Rede allerdings beenden, in der er vor allem finanzielle Versprechungen für Arbeiter, Mütter und Pensionäre macht. Die Ereignisse von Temeswar nennt er einen Angriff auf Unabhängigkeit, Integrität und Souveränität Rumäniens und erinnert an die Situation von 1968, als Rumänien nicht am Einmarsch in die CSSR teilnahm. In der Stadt finden Kämpfe zwischen Ordnungskräften und Demonstranten statt, vor allem an der nahe gelegenen Piaţa Universităţii, die ein erstes Todesopfer fordern. Abends wird dort vor dem Hotel Intercontinental eine Barrikade errichtet. Scharfschützen schießen von den Dächern auf die Demonstranten. In der Nacht sterben hier 49 Aufständische, 500 werden verletzt, Tausende verhaftet.


Cluj                                                                                                                   

Foto: Răzvan Rotta (https://ro.wikibooks.org/wiki/Revolu%C

8%9Bia_Rom%C3%A2n%C4%83_de_la_Cluj_%C3%AEn_imagini)

Freitag, 22. Dezember 1989

 

In Bukarest findet im Gebäude des Zentralkomitees dessen letzte Sitzung statt.

 

9.55 Uhr Nachrichtensprecher George Marinescu verliest im TVR die Verkündigung des Ausnahmezustandes (starea de necesitate) über das ganze Land. Jede öffentliche Gruppenbildung von mehr als 5 Personen ist verboten.

In der gleichen Nachrichtensendung teilt der Sprecher mit, dass Verteidigungsminister General Vasile Milea Selbstmord begangen habe. Milea hatte den Schießbefehl Ceaușescus weitergegeben, blieb aber nicht konsequent bei dieser Haltung. In den Nachrichten wird Milea als "Verräter" bezeichnet, der Gerüchte und Lügen in die Welt gesetzt und mit den "imperialistischen Kreisen" die Aufstände verursacht habe. Während der Nachrichten bewegen sich wie am Vortag große Demonstrationszüge in Bukarest von der Piața Universității Richtung Boulevard Brătianu und Magheru. Hier ist auch Maschinengewehrfeuer zu hören.

 

11.00 Nach einiger Zeit gelingt es, den DemonstrantInnen, den Platz vor dem ZK zu erreichen und in das Gebäude einzudringen.

 

11.50 Das TV-Gebäude ist von Protestierern besetzt, das Fernsehen in Televiziunea Română Liberă (TVRL, Freies rumänisches Fernsehen) umbenannt.

 

12.09 Uhr Nicolae und Elena Ceaușescu fliehen mit einem Hubschrauber vom Dach des ZK-Gebäudes, während sich der Platz mit einer unübersehbaren und enthusiastischen Menschenmenge füllt.

 

Petre Roman spricht vom Balkon des ZK-Gebäudes zur Menge und erklärt den Sieg der Revolution.

 

12.55 Im TVRL verkündet Mircea Dinescu aus einer Gruppe von Aktivisten  - darunter der Regisseur Sergei Nicolaescu und der Schauspieler Ion Caramitru - in die Live-Kameras: "Am invins! Am invins!" (Wir haben gesiegt.)

General Chițac ruft aus dem Studio die Armee zur Unterstützung der Aufständischen auf.


 

9.00 In Sibiu beginnen Demonstrationen in Richtung Piața Mare und zur Casa de cultură a sindecatelor (Gewerkschaftskulturhaus), wo sich etwa 30000 Menschen versammeln. Unter ihnen konstituiert sich das Demokratische Forum des Kreises Sibiu.

 

12.00 Aufständische belagern den Sitz der Miliz auf der strada Armata Roșie, Ecke strada Moscovei. Diese hängt ein Transparent an das Gebäude, mit dem Text: "Noi, miliţia, slujim interesele poporului. Suntem cu voi! Fără violenţă! Organizaţi-vă pentru dialog!" (Wir, die Miliz, arbeiten im Interesse das Volkes. Wir sind mit euch. Ohne Gewalt! Organisiert euch für den Dialog.) Die Demonstranten gelangen in das Gebäude, die Miliz flieht zur auf der gleichen Straße benachbarten Armee, von wo aus auf die Milizionäre geschossen wird und 19 sterben. Auf die Menge vor der Casa de Cultură wird ebenfalls geschossen, die in Panik flieht.

 

12.30 Nach der Flucht der Ceaușescus kommt es in Sibiu zu weiteren Schießereien zwischen Armee, Securitate und "Terroristen", die über 43 Tote fordern, unter ihnen auch Zivilisten und Demonstranten. Der Sitz der Securitate in Sibiu in unmittelbarer Nachbarschaft zur Armee wird 4 Stunden lang mit unterschiedlichen Waffen angegriffen, bis das Gebäude weitgehend zerstört ist. Hauptverantwortlicher für das Verhalten der Armee ist Leutnant Aurel Dragomir, der dem Kreisparteivorsitzenden Nicu  Ceaușescu, Sohn des geflohenen Diktators, nahesteht.

Unentdeckte Scharfschützen belegen immer wieder Straßen mit Gewehrfeuer. Die Armee setzt auch Panzer und Geschütze gegen bestimmte Gebäude ein, die völlig zerstört werden.

Zudem hält sie mehr als 500 Personen in einer Sporthalle und einem leeren Schwimmbad fest, die als "Terroristen" bezeichnet werden. Es kommt bei dieser bis in den Januar dauernden Freiheitsberaubung zu Mißhandlungen  und Verletzungen.

Zum blutigen Chaos in Sibiu tragen auch die während der Dauersendung des TVRL in Bukarest verbreiteten Gerüchte wie, dass das Wasser in Sibiu vergiftet sei, ebenso bei, wie die Suggestion einer von der Securitate angegriffenen Armee, die es zu verteidigen gelte. Mehrere Generäle fordern im TV ihre Kollegen auf, das "Gemetzel" zu beenden.

 

Sibiu, Casa de Cultură a Sindecatelor

 

12.00 In Temeswar werden auf dem Armenfriedhof die Gräber von vorgeblichen Opfern der Ceaușescu-Herrschaft und der Niederschlagung der Revolution geöffnet. Durch die wieder geöffneten Grenzen kann im Ausland der Eindruck erweckt werden, dass die Kämpfe in Temeswar mehrere Tausend Tote forderten. Falschnachrichten, die ihren Weg wieder zurück nach Rumänien finden.

Im besetzten TVRL in Bukarest treten aufgeregte Redner mit Appellen, Informationen, politischen Statements, praktischen Vorschlägen auf. Petre Roman, Silviu Brucan, Mircea Dinescu, Ion Caramitru, mehrere Generäle, Priester, u.a. wirken bis in den Abend auf die Zuschauer ein, der Nachrichtensprecher Marinescu liest nun die Kommuniqués der Revolutionäre in die Kameras.

 

17.00 Nach einem Treffen mit den wichtigsten Militärs hält der frühere Minister für Jugend, Ion Iliescu, eine Rede vom Balkon des früheren ZK-Gebäudes in der er die Armee zur einzigen Ordnungskraft erklärt. Einige Zeit danach beginnen auf dem Platz Schüsse zu fallen.

 

Es bestätigen sich Nachrichten, dass das Ehepaar Ceaușescu in einer Dacia bei Târgoviște gefasst worden sei und in einer Armeeeinheit gefangen gehalten werde.

 

22.00 Im TVRL in Bukarest wird der gefangengenommene Sohn Nicu Ceaușescu, Parteichef von Sibiu, präsentiert.

 

23.00  Iliescu verliest im TVRL das Manifest des Frontul Național de Salvare, der von der Armee unterstützt werde und alle "gesunden Kräfte" des Landes umfasse. Alle Organisationen der Regierung des Ceaușescu-Clans seien aufgelöst, freie Wahlen für den April 1990 vorgesehen.

 

Am Abend und in der Nacht auf den 23. Dezember lassen die Attacken auf die Universitätsibliothek und den nun als Nationalmuseum funktionierenden früheren Königspalast nicht nach. Beide Gebäude geraten nach Beschuss durch Panzer in Brand, eine große Zahl wertvoller Gemälde, Tapisserien, Bücher, Handschriften, wird zerstört.

 

Samstag, 23. Dezember 1989

 

0.00 In Târgoviște wird die Militäreinheit 01714 angegriffen, in der Nicolae und Elena Ceaușescu gefangen gehalten werden.

 

In der Nacht brechen in den größeren Städten wie Temeswar, Cluj, Sibiu, Brașov und Bukarest Schießereien aus, deren Ursachen nicht genau auszumachen sind. Allgemein wird von "Terroristen" als Angreifern gesprochen, die skrupellos und ohne erkennbares Motiv auf Zivilisten, Soldaten Securitate, Miliz, in Häuser, Wohnblocks, Krankenhäuser schießen. Bewaffnete und wenig  informierte Zivilisten beteiligen sich an den Kämpfen. In Brașov sterben in dieser Nacht 39 Menschen, nachdem die Armee - wie in Sibiu - gegen Vorlage des Personalausweises Waffen an Zivilisten ausgegeben hat. In der Banater Industriestadt Reșița, in der bis dahin die Demonstrationen keine Auseinandersetzungen mit den Ordnungskräften verursacht hatten, beginnen in der Nacht ebenfalls tagelange Gefechte, in deren Verlauf 25 Menschen sterben.

 

6.30 Bukarest: In 3 Autobussen werden Gendarmen, Armeeschüler und Wehrdienstleistende zum Flughafen Otopeni transportiert, um eventuelle Terrorattacken abzuwehren. Bei ihrer Ankunft werden sie noch in den Bussen aus verschiedenen Richtungen beschossen. In 10 Minuten sterben 22 Insassen, weitere Gefechte  fordern am Flughafen das Leben von 15 Menschen. Zunächst wird als Ursache eine mangelhafte Kommunikation zwischen Armee und den Gendarmen vermutet, später eine gezielt geschürte Hysterie wegen möglicher "Terroristen".

 

Die Kämpfe um das Nationalmuseum und die Bibliothek halten an. Beide Gebäude stehen in Flammen, während sich auf den Straßen die Menschen hinter Panzern verschanzen.

 

In Sibiu wird weiterhin geschossen: Es herrscht Verwirrung, Chaos, Gerüchte unterschiedlichster Art machen die Runde. Aus den Dachfenstern (den "Augen von Hermannstadt") schießen Unbekannte, es wird wahllos zurückgeschossen, Panzer zerstören Gebäude, in denen "Terroristen" vermutet werden, Helikopter jagen Menschen, Zivilisten werden von Scharfschützen auf der Straße erschossen, die mit Geschosshülsen übersät sind (nach  einer plausiblen Schätzung wurden in den Tagen der Revolution in Sibiu über 2 Millionen Patronen benutzt).

 

In weiteren Städten kommt es zu weniger gewalttätigen Demonstrationen und Versammlungen.

 

23.30 Uhr  Gegenüber dem Sitz des Verteidigungsministeriums in Bukarest an der Straße Drumul Taberei sind Panzer zur Verteidigung aufgestellt. Auf Befehl des reaktivierten Generals Nicolai Militaru herbeigerufene leicht gepanzerte Fahrzeuge der U.S.L.A (Unitatea Specială de Luptă Antiteroristă) werden zu "Terroristen" erklärt und zusammengeschossen. Die 8 Toten (unter ihnen lt. col. Gheorghe Trosca, von dem es heißt, er sei an der Enttarnung von Militaru als Agent des KGB beteiligt gewesen) bleiben tagelang auf der Straße liegen, der abgetrennte Kopf von Trosca auf der Motorhaube eines Fahrzeugs ausgestellt. Die Zeitung România Liberă erklärt die Toten zu "Söldnern". Militaru wird zwei Tage später von Iliescu in der von Petre Roman geleiteten ersten postrevolutionären Regierung zum Verteidigungsminister erklärt.

 

Sonntag, 24. Dezember 1989

 

Der Consiliul Frontului Salvării Naționale und ein Comandamentul Militar Unic  teilen über TVRL und Radio mit, dass "aus militärischer Sicht die Situation in der Hauptstadt und den Kreisen des Landes sich unter Kontrolle befindet. Zu dieser Stunde führen unsere Armee, Einheiten der Miliz und des Inneren Operationen zur raschen Lösung der Probleme, die noch bestehen aus, um die Nester der Terroristen zu neutralisieren."

An einzelnen Punkten in den großen Städten wird noch geschossen, zugleich finden bereits Aufräumarbeiten statt.

 

                                                                                        Foto: www.kultro.de

 

Montag, 25. Dezember 1989

 

13.20 In der Garnison Târgoviște findet ein außerordentlicher Militärprozess gegen das Ehepaar Ceaușescu statt. Aus Bukarest sind auf Betreiben des Frontul Salvării Naționale (FSN) in mehreren Helikoptern ein Militärstaatsanwalt, Richter, Verteidiger, Schriftführer, Schöffen angereist. Die Anklage gegen Nicolae und Elena Ceaușescu lautet auf Genozid, gewaltsame Zerstörung kommunaler Einrichtungen und Gebäude während der Revolution, Zerstörung der Ökonomie, Deponierung von mehreren Hundert Millionen Dollar auf ausländischen Konten zur Fluchtvorbereitung. Ceaușescu erkennt das "tribunal poporului" (Volksgericht) nicht an.

Das Urteil lautet auf die Todesstrafe durch Erschießen und wird um 14.50 Uhr vollstreckt.

 

In den nächsten Stunden und Tagen lassen die Kämpfe in den Städten allmählich nach.

 

Vom 15. Dezember 1989 bis zum 22. Dezember wurden durch die Repression in Rumänien 271 Menschen getötet, vom Nachmittag des 22. Dezember (Flucht Ceaușescus) bis zum 25. Dezember (Hinrichtung) 715, nach dem 25. Dezember 113 (bei 67 Opfern konnte das genaue Todesdatum nicht festgestellt werden). Insgesamt 1166 Tote.

 

 

*

29 Jahre nach den Ereignissen erhob auf Basis eines Urteils des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte das höchste rumänische Gericht Anklage gegen den früheren Staatspräsidenten Ion Iliescu und 3 weitere Beschuldigte wegen ihrer Rolle bei den Kämpfen gegen "Terroristen" nach dem 22. Dezember 1989.


Karlspreis an rumänischen Präsidenten

 

Der rumänische Staatspräsident Klaus Johannis erhält den Internationalen Karlspreis zu Aachen für das Jahr 2020. Wie das Direktorium bekannt gab, werde Johannis der Preis als herausragendem Streiter "für die europäischen Werte, für Freiheit und Demokratie, den Schutz von Minderheiten und kulturelle Vielfalt“ und für seinen Einsatz für Rechtstaatlichkeit und die Unabhängigkeit der Justiz verliehen. Diesjähriger Preisträger ist UN-Generalsekretär Guterres, zu den bisher Ausgezeichneten gehören u.a. Konrad Adenauer, Winston Churchill, Papst Johannes Paul II., Angela Merkel, Bill Clinton, Jean-Claude Juncker, Simone Veil, Königin Beatrix, Javier Solana, Timothy Garton Ash, Juan Carlos v. Spanien, Václav Havel. Die Preisübergabe findet am 21. Mai 2020 im Krönungssaal des Aachener Rathauses statt.


Wo finde ich was?

 

Rumänische Archive zur Geschichte der Deutschen

 

 

 

 

 

Wer etwas über die Geschichte der deutschen Minderheiten in Rumänien erfahren möchte, wird in Rumänien zunächst im System der Staatsarchive zu suchen beginnen. In den Kreisdienststellen des Nationalarchivs (Servicii Județene ale Arhivele Naționale ale România) werden historische Dokumente gesammelt und aufbewahrt. Wenn es um die deutschen Minderheiten im Westen des Landes geht,  halten in deren Siedlungsgebieten die Kreisdienststellen Material vor, da nach 1918 die früheren österreichisch-ungarischen Archive in dieses rumänische System eingepflegt wurden. Für die weitgehend geschlossenen Siedlungsgebiete der deutschen Minderheiten also vor allem in den Kreisen Cluj, Sibiu, Brașov, Timișoara, Satmar, Caransebeș sind daher in den staatlichen Archiven durchaus umfangreiche Bestände zu finden.

Wie die Germanistin Michaela Nowotnick durch ihre wissenschaftlichen Recherchen in Siebenbürgen erfuhr, hat sich zudem  innerhalb der Gemeinschaft der Siebenbürger Sachsen eine große Menge an Archivmaterial erhalten, das nicht in den staatlichen Archiven sich findet: in Familien, Institutionen, Behörden, Kirchen, u.a. Der Zustand dieses Materials ist nicht zuletzt durch die Vernachlässigung infolge der Ausreise der meisten Sachsen nach Deutschland immer prekärer geworden. Es fehlt die interessierte Trägergemeinschaft, die das Material übernehmen und sichern könnte. Hier droht einzigartiges historisches Material allmählich zu verschwinden. Auf der Basis eines von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien geförderten Forschungsprojekts hat Nowotnick 2016 - 2017 ein Projekt zur Erfassung und Notsicherung solchen Materials durchgeführt.

In zwei Ausgaben der Zeitschrift Spiegelungen des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte in Südosteuropa (IKGS) in München veröffentlichte die Literaturwissenschaftlerin nun als weiteres Ergebnis ihrer Arbeit knappe, meist von den leitenden MitarbeiterInnen der Archive verfasste Übersichtsbeiträge zu den Archiven in Rumänien, die nicht nur  deutlich machen, was es an Archivmaterial gibt, sondern auch  welche Anstrengungen an Recherche zu weiteren Archivquellen, zur Sicherung und Erhaltung notwendig sind. Nach Kreisen geordnet werden diverse Archive vorgestellt. Zunächst die Regionalstellen des Nationalarchivs in Sibiu, Cluj, Brașov, Alba Iulia und Mureș. Darüber hinaus wird auf das Zentralarchiv der Evangelischen Kirche, darin die Transsylvania-Bibliothek der Evangelischen Kirche und die Friedrich Schuller-Schulbuchsammlung in Sibiu eingegangen; in Brașov auf Archiv und Bibliothek der Honterusgemeinde.

Jenseits davon beschäftigt sich das New Yorker Leo-Baeck-Institut mit Dokumenten der jüdischen Gemeinden in Siebenbürgen, während zum Siebenbürgisch-Sächsischen Wörterbuch Sigrid Haldenwang eine ausführliche Darstellung der Geschichte und Quellen gibt. Spuren des Jiddischen Theaters in den Archiven geht Corina L. Petrescu nach und Corneliu Pintilescu stellt das Saxonica-Projekt zur Alltagsgeschichte der Siebenbürger Sachsen vor.

Im zweiten Band geraten neben den reichhaltigen Kreisdienststellen des Nationalarchivs in Temeswar und Karansebeș sowie in Craiova vor allem weniger bekannte Archive und Sammlungen in den Fokus. So werden Quellen zur Geschichte der Deutschen in der Dobrudscha, in Bukarest, der Zipser Schulgeschichte, der Sathmarer Diözese, das Projekt Wörterbuch der Banater deutschen Mundarten oder das Archiv der Fotos von Eduard Höfer für die Allgemeine Deutsche Zeitung vorgestellt. Querschnitte gehen auf einzelne Forschungsgebiete ein. So gibt die Historikerin Marina Hausleitner einen Einblick in ihre jahrzehntelange Arbeit in rumänischen, ukrainischen und moldauischen Archive zu den deutschsprachigen Minderheiten, der u.a. erkennen lässt, weshalb bestimmte Quellen überliefert werden und andere nicht. Laura G. Laza stellt mit Blick auf deutsche Schriftsteller den CNSAS als Archiv der früheren Geheimdienste und der Securitate   vor. Auf Musiksammlungen geht Franz Metz ein, das Archivgut zum deutschen Theater in Siebenbürgen und im Banat stellt Ursula Wittstock vor. Erwin Josef Țigla macht auf die Literatursammlungen des Alexander Tietz-Hauses in Reschitza aufmerksam, in denen zahlreiche Aspekte der Geschichte und Kultur der Berglanddeutschen des Banat gesammelt werden.

Alle diese Beiträge lassen erkennen, welche Chancen für die Forschung noch in den rumänischen Archiven mit Bezügen zur deutschsprachigen Kultur liegen und zu ergreifen sind. Darüberhinaus wird klar, dass die noch nicht in Archiven gesicherten Dokumente und Quellen dringend der Sichtung und Sicherung bedürfen. Die beiden Hefte der Spiegelungen sind ein animierendes und ermutigendes Beispiel für die Beschäftigung mit den überlieferten Quellen der Deutschen in Rumänien.

 

 

Spiegelungen. Zeitschrift für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas

Heft 1/2018, Jg. 13 (67) Archive in Rumänien (I)

Heft 2/2018, Jg. 13 (67) Archive in Rumänien (II)
Verlag Friedrich Pustet, Regensburg


Rumänien - Trakl-Land

 

 

Der Lyriker Matthias Buth

 

 

 

 

 

 

 

Rumänien in der deutschsprachigen Lyrik - ein eher seltener Fall. Neben Günther Deicke in der DDR seinerzeit sind es heute die aus dem Land  kommenden Dichter wie jene von der Aktionsgruppe Banat oder Franz Hodjak oder Alexandru Bulucz, aber auch Jan Koneffke, bei denen sich die Erfahrungen und Wahrnehmungen des Landes in dichter Sprache niederschlagen. Auf eigene Weise lässt auch  der rheinländische Jurist Matthias Buth häufig das Land in seinen bilderintensiven und reflektierten Gedichten aufscheinen. Ein vielseitiger Autor, der nicht nur in seinem Dichten ein außergewöhnliches Profil zeigt.

 

In dem Gedicht "König Michael" des neuesten Gedichtbandes von Matthias Buth, Weiß ist das Leopardenfell des Himmels (2019), sammeln sich zu Rumänien poetische Bilder einer weit reichenden, ungewöhnlichen Phantasie. 

 

"[...]

Weil Rumänien eine Insel ist die immer weiter hinausschwimmt

In die Umarmungen der Wolken

 

Sie weinen sich aus mit dem Schnee im Advent

Die unsichtbaren Gedichte Pannoniens bis hinüber zum Altreich

Bukarest will endlich ankommen in Paris

Und Timișoara hisst seine Türme um abzulegen nach Wien

[...]"

 

Ein driftendes Rumänien scheint hier auf, das dem Wasser verbunden ist - und zugleich nicht ganz bei sich, auf der Suche, immer nach außen blickend und verlangend.

 

"[...]

In den Logbüchern schreibt Enescu eine neue Oper

Um Clara Haskil zurückzuholen und alle anderen die fehlen

Und doch geblieben sind

In den aussichtslosen Versen der Meere von Odessa und Messina"

 

Musik als Medium der Erinnerung an jene Verlorenen wie auch an die aktuellen im Meer vor Messina. Anlass dieses Gedichtes ist der König im Exil: Dieses shakespearesche Motiv wird bezogen auf den Ende 2017 gestorbenen Mihail I., jenen König Michael, der als Kleinkind bereits vorübergehend in den 1920ern  Oberhaupt der Rumänen wurde, als junger Mann mit Antonescu in den Krieg zog, den die Kommunisten 1947 ins Exil zwangen und der eine Hoffnung vieler RumänInnen für eine bessere Zukunft geblieben war.

 

"Im Exil blieb er wie Romania die ferne Geliebte

Auch sie ist Exil

Reich ohne Land

 

Er schrieb keine Epistulae ex Ponto

[...]"

 

In die Rolle des Exilanten und Dichters Ovid schlüpft der Dichter selbst mit seinen elegisch gestimmten Phantasien von Landschaften, menschlichen Konstellationen, aber auch konkreten Dingen und Umständen. Es ist ein außerordentlicher Reichtum an Gegenwart und Realien in dieser sprachlich konkreten und zugleich stimmungshaften, melancholisch-abgewandten Lyrik. Ein Gedicht kann Nach Meinerzhagen heißen, oder Polizeibericht oder Der Anruf. Selten wird es nur um das Konkrete gehen, immer kommt etwas hinzu, das plötzlich die Richtung der Verse verändert, andere Perspektiven eröffnet.

Dieser Blick ist ein präziser, der die Aktualität, die Gegenwart, die Realität in eine dichterische Sprache bringt, die dennoch viel von dem Träumerisch-Utopisch-Ideellen bewahrt, ja vielfach erst gerade von der Erzeugungsmacht der Sprache her seine Kraft entwickelt.

Wie in früheren Zusammenstellungen basiert im aktuellen Gedichtband Weiß ist das Leopardenfell des Himmels diese Kraft des Lyrischen immer wieder auf der drängenden, modulierenden Macht der Musik, die auch ganz gegenständlich zum Motiv werden kann:

 

"In Klausenburg treffen nachts sich schwarze Klaviere

Sie kommen die Alleen entlang

Mit Noten von Brahms und Chopin

[...]

Und Trakl hält alle Wolken an"

 

Die melancholische Stimmung der Lyrik Georg Trakls durchzieht Buths rumänische Gedichte. Es ist ein Bewusstsein für den Verlust, der in den Dingen und Umständen liegt und niemals wieder eingeholt werden kann. Der aber produktiv wird in der sprachlichen Nachzeichnung und reflexiven Verdichtung. Das Besondere in vielen Gedichten Buths ist dabei der Bruch, der Riß in der Stimmung  durch die Hinwendung zur Realität. Ganz konkret handelt das Gedicht Der Apostel von einem Flüchtling, der über Timișoara und die Balkanroute nach Trier kommt - ein Flüchtling, der eine lange Geschichte hat.

 

Diese Perspektiven haben viel mit der Reisekunst Buths zu tun, die ihn in entfernte Gegenden geführt hat. Das Leopardenfell hat da durchaus konkrete Bezüge, der Nil oder Äthiopien spielen ihre Rolle als Schauplätze differenzierter Beobachtungen und Kombinationen. In Angola steht plötzlich die Donau da, in einem einzigartigen Bild von Weite und Verlorenheit:

 

[...]

5

Der Okavango kommt von Angola

Fließt durch die Augen der Elefanten

Langsam fast stehend sich selbst betrachtend

Wie die Donau an ihrem Ende

Das Meer vor Augen

 

Hier aber mündet nichts

Was der Himmel nicht nimmt

Entweicht ins Erdinnere

Verzweigend verzweifelt vergehend

[...]"

 

Im Nachwort zu dem Band Die Stille nach dem Axthieb (1997) bestätigt der früher Klausenburger Literaturwissenschaftler Peter Motzan die Vielfalt von Funktionen der Natur in Buths Landschaftsgedichten: "Sie ist weder heiler Weltrest noch Verkörperung unentfremdeten Lebens, sondern mal stummes und fernes Gegenüber, das wie ein Buch der Entzifferung harrt, mal Mitwelt im Alltag, durchsetzt von zivilisatorischen Elementen, mal 'Material', das sich das lyrische Ich ausleiht, um eigene Befindlichkeiten auszudrücken oder um zwischenmenschliche Beziehungen in bildhaft komprimierter Diktion zu ergründen."

 

 

In allen Lyrikbänden des "Dichterjuristen" (Petro Rychlo) schimmert durch die Welthaltigkeit eine Präferenz des Dichters für den Südosten. Danubisch titelt er in der von Helmut Braun herausgegebenen Sammlung des aus DDR-Zeiten in die neue BRD geretteten einzigartigen Projekts Poesiealbum (2019). Das Gedicht beginnt:

 

 "Wenn es nur gelänge

Wenn doch nur einmal der Rhein

Sich umlenken ließe in die Donau

 

Wenn sich die Unruhe mit dem Gleichmut

verbinden wollte

[...]"

 

In diesem Widerstreit von Gemütseigenschaften lassen sich einige der Dichotomien der Poetik Buths verorten, wenn sie immer wieder Gegensätze, Konterfaktionen, Dilemmata und Dichotomien ins Spiel bringen. Aber diese lösen immer auch ein Spiel mit der Sprache aus, in dem diese als Reservoir von Freiheit und Schönheit aufscheint.

 

Die geschlossenste Sammlung der rumänischen Gedichte bringt das von dem aus Bukarest gebürtigen, nach der

 

Ausreise in Stuttgart lebenden außerordentlichen Künstler Gert Fabritius gestaltete Heft Gott ist der Dichter aus der Reihe Die Besonderen Hefte (2018). Hier sind 10 Gedichte mit Rumänienbezug zu lesen, darunter auch eine Gedichtbetrachtung des verstorbenen Germanisten Walter Hinck zu Buths Gemeinde für Eginald Schlattner in der FAZ: 

"[...]

Die Tür atmet schwer

Wenn sie nachgeben muss

 

Er streicht Wellen über die Bänke

Leergebetet seit Jahren

 

Die Orgel tropft Stille

Im Chor spielen die Fenster

 

Dann breitet er seine Arme

Und tröstet Gott

[...]"

 

Die religiöse Komponente dieser Psalmen und andere Liebesgedichte ist nicht zu übersehen, was aber sich nicht unbedingt in einem Bekenntnis äußert, sondern in ihrer reflektierten Präsenz in der Welt. Schön gefasst in Großau / Siebenbürgen:

 

Milch perlt aus den Manualen

Wenn der Alte

Seine Orgel pflügt

Die spitzen Fenster werden

Still und spiegeln den Turm

Den geduldigen Zuhörer

 

Die Kirche ein Storchennest

Vom Winter verinselt

[...]"

 

Orgelmusik findet sich nicht zuletzt deshalb häufig in den Gedichten Buths aufgerufen. Sie steht für den konzentrierten Ausdruck einer Musikliebe, aber weit darüber hinaus bündelt das Bild des Instruments auch  Geschichte, Kultur, Orte, Kirchengebäude, Menschen. Es erstaunt nicht, dass eine Reihe von Buths Gedichten auch vertont wurden.

Nicht nur in der Evokation der Orgelmusik öffnet Buth einen Weg in eine  Kulturgeschichte Deutschlands, in der dieses Kircheninstrument zu unterschiedlichen Zeiten eine besondere Rolle spielte. Buth stößt jenseits der tümelnden Verherrlichung der Orgel in nationalistischer Kulturauffassung in eine präzise Unterscheidung zwischen dem Weg in die Sackgasse und den kulturellen Leistungen aus Deutschland vor. Emphatisch wird deutsch mit positiven Bildern und Beispielen belegt. Die überschäumende Bildlichkeit lässt auch jene Nuancen zu Wort kommen, durch die kein endgültiges Urteil über das allgemeine Wort deutsch zugelassen wird. Buths Bilder aber sind nicht nur emotional bedingt, sondern durchaus reflektiert wie die Sammlung Seid umschlungen (2017) von im Laufe der Jahre entstandenen Essays belegt. Am Beispiel der Wertschätzung der Lyrik Reiner Kunzes hebt Buth hervor, dass nach der Vereinigung "wir uns bei der nationalen Selbstbefragung aus[weichen]". Und  dabei auch die vielen Beziehungen und Bezüge zu anderen Sprachen und Kulturen übersehen. Eine 30 Jahre nach der Wende immer wieder virulente Fragestellung.

Sie liegt Buth am Herzen, nicht zuletzt da er beruflich intensiv mit der deutschen Kultur und ihrer Organisation beschäftigt war. Der Jurist, der mit einer Arbeit über das DDR-Militärstrafrecht promovierte, war langjährig in der bundesdeutschen und dann gesamtdeutschen Kulturpolitik gegenüber den osteuropäischen Staaten mit früherer deutscher Bevölkerung befasst und damit auch an der Einrichtung diverser Institute für die früheren Vertriebenenverbände. Buths Kenntnis der östlichen Nachbarländer und Rumäniens ist nicht nur eine der lyrischen Phantasie. So weiß auch das Potsdamer Kulturforum für die Deutschen im östlichen Europa seinen institutionellen Einsatz zu schätzen. Für seine Bemühungen um Rumänien verlieh ihm der rumänische Staatspräsident Klaus Johannis den Nationalen Kulturverdienstorden, das im Frühjahr 2020 in Berlin überreicht wird.

 

 

"[...]

Timișoara meine  Freundin

Über Dein Gesicht

Springen Delphine

Sie wollen blickaufwärts

Immer wieder

Ins sanfte Banat

Es siedelt hinter den Lidern"

 

(Timișoara, in: Die Stille nach dem Axthieb, S. 33)

 

Weiß ist das Leopardenfell des Himmels. Neue Gedichte. Mit einem Nachwort von Jörg Aufenanger. Berlin: PalmArtPress 2019, 157 Seiten, ISBN 978-3-96258-035-3

 

Poesiealbum 344: Matthias Buth. Auswahl von Helmut Braun. Grafik: Hans-Hendrik Grimmling. Wilhelmshorst: Märkischer Verlag 2019, 32 Seiten, ISSN 1865-5874

 

Gott ist der Dichter. Psalmen und andere Liebesgedichte. Einband: Gert Fabritius. Wuppertal: NordPark Verlag 2018, 64 Seiten, ISBN 978-3-943940-30-5

 

Die Stille nach dem Axthieb. Gedichte. Mit zwei Illustrationen von Helena Wernischová und einem Nachwort von Peter Motzan. Eisingen: Heiderhoff Verlag 1997 (Lyrikreihe "Das Neueste Gedicht" Neue Folge 43), 152 Seiten, ISBN 3-921640-98-9

 

Seid umschlungen. Feuilletons zu Kultur und Zeitgeschichte. Mit einem Vorwort von Peter Steinbach. Berlin: Vorwerk 8 2017, 296 Seiten, ISBN 978-3-940384-92-8



Rumänien im Sommer (III)

 

Medien und Behörden

 

 

 

 

 

Craiova

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In diesem Sommer kannte die rumänische Presse kein "Sommerloch" - dafür sorgte nicht nur die Politik, sondern auch aufsehenerregende Vorfälle beschäftigten die Öffentlichkeit. Zunächst war es ein Fall von Adoption, der die Gemüter landesweit in Aufwallung brachte. Im Fall von Sorina , einem 8-jährigen Mädchen, begann alles am 21. Juni, als Bilder einer das schreiende und weinende Kind am Arm zerrenden Frau auftauchten, während im Hintergrund die "mascați", die üblicherweise maskiert auftretenden Polizisten der Brigada de intervenție dabei zusahen. Das Kind wurde von seinen Pflegeeltern in Baia de Aramă (Kreis Mehedinți) in Oltenien abgeholt, um zu seinen Adoptiveltern in Craiova gebracht zu werden. Die Frau auf den Bildern mit dem schreienden und sich wehrenden Kind war eine Staatsanwältin. Freunde der Pflegeeltern hatten die Szene mit dem Smartphone gefilmt und über soziale Netze verbreitet, so dass sie in kürzester Zeit auch die Redaktionen der Presse und vor allem der privaten Sender wie antena 3, B1tv, realitatea erreichten. Von dort wurden wie üblich umgehend "meinungsstarke", d.h. in diesem Fall Vorurteile bekräftigende und Emotionen aufrührende Berichte gesendet, die den Adoptiveltern alles vorwarfen, was die Bilder scheinbar belegten: Herzlosigkeit, Unmenschlichkeit, Verachtung der Pflegeeltern, bei denen das Kind 7 Jahre gelebt hatte. Hinzu kam, dass die Adoptiveltern in den USA wohnen und somit sich mehr oder minder unterschwellig noch ein Affekt gegen die ausgewanderten Rumänen einschlich, während die Pflegeeltern als de la noi (von uns) positioniert wurden. Einen Tag später demonstrierten bereits etwa 100 Menschen vor dem Haus der Pflegeeltern "für Sorina" und später vor dem Berufungsgericht in Craiova gegen ihre Adoption. Sie trugen Schilder mit den Losungen "Zerstört nicht das Glück eines Kindes", "Vereint euch für Sorina", "Lasst Sorina entscheiden" ( das rumänische Gesetz sieht eine Mitwirkung des Kindes erst ab 10 Jahren vor). PolitikerInnen wurden zum Eingreifen aufgerufen, Premierministerin Dăncilă - selbst Adoptivmutter eines Jungen, wie sie in einem Interview mit antena 3 im Januar des Jahres offengelegt hatte - sprach sich für eine Berücksichtigung des Kindeswohls und die Bestrafung der falsch handelnden Institutionen aus. Auch die Justiz wurde aktiv, Generalstaatsanwalt Bogdan Licu verlangte, die Ausreise der minderjährigen Adoptierten zu unterbinden, da sie keinen Pass habe und verhinderte so für zwei Wochen die Ausreise, bis das Gericht in Craiova entschied, dass die Adoption rechtens sei. So konnte die Familie Mitte Juli in die USA ausreisen.

Die Vorgeschichte dieser Adoption ist kompliziert und zog sich über 2 Jahre hin. Die Zeitung Adevărul  listete auf, welche juristischen und Verwaltungsschritte seit Sorinas Ankunft 2012 mit anderthalb Jahren in der Pflegefamilie unternommen worden waren. Nachdem sie für adoptibilă (adoptionsfähig) erklärt worden war, hatten über 100 Familien Sorinas abgelehnt (wohl vor allem, weil sie ursprünglich aus einer Roma-Familie kommt). Dadurch wurde sie als "schwer vermittelbar" auch für im Ausland lebende rumänische Familien adoptierbar. (Das Gesetz sieht für internationale Adoptionen nur Rumänen mit doppelter Staatsbürgerschaft vor!) Anfang 2018 beantragte die Familie aus den USA die Adoption, während die Pflegefamilie in Baia de Aramă, die noch andere Pflegekinder aufzieht, dies nicht tat und  zu einem bestimmten Zeitpunkt ausdrücklich auf die Adoption verzichtete. Sie hatte bei der DIICOT (Direcția de Investigare a Infracțiunilor de Criminalitate Organizată și Terorism - Sonderstaatsanwaltschaft für die Untersuchung von Verbrechen der organisierten Kriminalität und Terrorismus) geklagt, dass die Adoptivfamilie das Kind lediglich zur Organentnahme haben wolle. Im April 2019 entschied das Berufungsgericht in Craiova endgültig, dass die Adoption durch das rumänische Ehepaar in den USA rechtens sei. Die Behörden zeigten eher weniger  Entschlusskraft, bis im Juni die Staatsanwältin das Kind zu einer Untersuchung abholte.

Im Nachhinein gesehen warf der Fall ein Schlaglicht auf die nicht wenigen Kinder, die nach der Geburt in das System staatlicher Obhut geraten. Die katholische Theologin Gabriela Blebea Nicolae verwies in der Zeitschrift Dilema veche auf die noch viel schlechtere Lage der Kinder, die nicht wie Sorina adoptiert werden und mit der Volljährigkeit kaum Chancen auf ein selbstbestimmtes Leben außerhalb des staatlichen Betreuungssystems haben.

Advărul berichtete im September noch einmal über Sorina, als der Vater aus den USA verlauten ließ, dass es dem Mädchen gut gehe, es sich mit seinen Geschwistern gut vertrage, Klavier lerne und zum Ballett gehe.

*

 

Begann sich Mitte Juli die Öffentlichkeit nach der Abreise des adoptierten Kindes in die USA von dem Fall allmählich abzuwenden, so sollte das Verschwinden zweier Jugendlicher ebenfalls in Oltenien für eine bis heute anhaltende Aufregung in der Öffentlichkeit sorgen und viele an den Brand in dem Club Colectiv erinnern, in dessen Folge eine ganze politische Protestbewegung gegen die Korruption entstanden war.

Am 25. Juli gab die Familie von Alexandra Măceșanu über soziale Netzwerke ihre Suche nach der Jugendlichen bekannt, die am Tag zuvor morgens von ihrer Heimatgemeinde Dobrosloveni die wenigen Kilometer in die Kreisstadt Caracal per Anhalter gefahren war. Seither hatte sie niemand mehr gesehen oder kontaktieren können. Auch die Lokalpolizei suchte bereits nach der Jugendlichen und teilte dies in den sozialen Netzwerken mit. Was aber wenige Stunden später bekannt wurde, sollte den Fall zu einem weiteren Beweis für die fatalen Folgen rumänischen Behördenversagens machen. Denn während die lokale Polizei erst allmählich tätig wurde, erhielt die Mutter der Jugendlichen einen Anruf, in dem eine männliche Stimme mitteilte, dass Alexandra mit einem Freund nach England gefahren sei, um Geld zu verdienen und es ihr gut gehe. Dass dies nicht zutraf, wurde im Nachhinein klar, weil es am gleichen 25. Juli von 11:05 Uhr an drei Anrufe von Alexandra bei der Polizei unter der Notfallnummer 112 gab, in denen sie sagte, dass sie von einem Mann entführt und vergewaltigt wurde und in einem Haus gefangen sei. Der veröffentlichte Mitschnitt der Telefonate macht deutlich, dass die Jugendliche verzweifelt und voller Angst auf die Gefahr aufmerksam machen wollte, in der sie schwebt, während die jeweiligen Polizisten ihr nicht zu glauben schienen bzw. nicht in der Lage waren, von Alexandra die nötigen Informationen zu erhalten, um sie zu finden oder die Anrufe an die Stelle weiterzuleiten, die mit dem Verschwinden eines Mädchens aus Dobrosloveni sich befassten. Auch dem STS (Serviciul de Telecomunicaţii Speciale) gelang es nicht, anhand der Anrufdaten genau den Aufenthaltsort zu bestimmen. Die letzten Worte des Mädchens sind "vine, vine, criminalul" (er kommt, er kommt, der Verbrecher). Diese sprach sie, als sie von der Polizei auf dem Telefon zurückgerufen wurde. Mittlerweile wird davon ausgegangen, dass der Täter wenig später die Jugendliche tötete und in einer Metalltonne verbrannte.

Der Polizei gelang es erst gegen 2:30 Uhr am nächsten Morgen, den Aufenthaltsort von Alexandra herauszufinden, allerdings wartete sie bis 6:00 Uhr, um das Gelände des Gheorghe Dincă zu betreten, da dann erst ein Staatsanwalt die Erlaubnis erteilte. Dincă wurde auf dem Gelände angetroffen und stundenlang vernommen (offensichtlich unter Gebrauch von körperlicher Gewalt), wobei er zunächst die Tat leugnete.

Mittlerweile hatte ein Beamter der DIICOT im Zusammenhang mit dem Geschehen auch den Fall der bereits im April aus dem nahe bei Caracal liegenden Dorf Radomir, Gemeinde Dioști im Nachbarkreis Dolj verschwundenen 18-jährigen Mihaela Luiza Melencu aufgebracht und Dincă hierzu befragt. Die Schülerin war ebenfalls auf dem Weg nach Caracal verschwunden, wo sie Geld an einem Bankautomaten abheben wollte, das ihre in England arbeitende Mutter geschickt hatte. Melencu lebte bei ihren Großeltern und ging in Craiova auf die Schule. Nachdem sie nicht von ihrer Fahrt per Anhalter zurückkehrte, wandten sich die Großeltern an die Polizei, die diesen Fall sehr zögerlich behandelte. Auch in diesem Fall gab es einen Anruf, bei dem ein Mann erklärte, dass die junge Frau mit einem Freund in die Schweiz gegangen sei und es ihr gut gehe.

Als am 26. Juni diese Nachrichten bekannt werden, geht eine Welle der Empörung nicht nur durch die lokale Bevölkerung des Kreises Olt. Über das Internet und das Fernsehen verbreiten sich die aktuellen Informationen, es kommt nicht nur in Caracal zu spontanen Demonstrationen mit Hunderten von Beteiligten. Alexandra victimă voastră eroina noastră (A. euer Opfer, unsere Heldin), Alexandra a sunat, nimeni nu a acționat (A. hat angerufen, niemand hat gehandelt), Vrem dreptate (Wir wollen Gerechtigkeit), Iartă-ne Alexandra (Verzeihe uns, A.), Corupția ucide (Korruption tötet), Rușine (Schande) lässt sich auf den selbst gebastelten Plakaten und Bannern lesen. Vor dem Anwesen des vermutlichen Täters versammelt sich eine Menge, die Polizei und Justiz ausbuht und Lärm macht, als der Verdächtige abtransportiert wird.

In Fahrt gekommen, setzt der Skandal nicht nur ungehemmte Verdächtigungen, Spekulationen, Vorwürfe frei, sondern veranlasst die Entlassung sowohl des höchsten Polizisten des Landes wie auch einiger weiterer unmittelbar Beteiligter Polizisten wie auch aus der STS. Ohne Unterlass beschäftigen die Hintergründe und Versäumnisse der Institutionen sowohl Presse als auch das Internet. Befördert wird dies durch die weitreichende Untersuchung des Geländes, auf dem der Verhaftete die beiden Frauen nach eigener Aussage ermordet hat und möglicherweise noch weitere grausige Funde gemacht werden. In jahrelanger Tätigkeit hatte der 66-jährige Dincă ein unübersichtliches Labyrinth von Aufbauten, Kellern, Zimmern mit einem überwucherten Hof an einer Ausfallstraße von Caracal geschaffen. Dincă lebte von Klempnerarbeiten, illegalen Taxifahrten, Kleinhandel. Aufnahmen von Überwachungskameras zeigen ihn an jenem Morgen, als er die Jugendliche Alexandra gekidnappt hatte. Auf dem Gelände gefundene Knochen erwiesen sich als die Alexandras, andere außerhalb in einem Wald gefundene sind die einer 15-20-Jährigen, vermutlich die Luizas.

Die Ermittlungen finden statt in einer Atmosphäre des Misstrauens, da viele jetzt von einer bisher tabuisierten Existenz von kriminellen Clans mit sehr guten Verbindungen zu Polizei und Politik in den vernachlässigten Städten Südrumäniens sprechen. Caracal sei eines der Zentren des Menschenhandels in Südrumänien, in dem junge Frauen zur Prostitution in Europa gezwungen werden.


Rumänien im Sommer (II)

 

China ist da

 

 

 

 

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In der Stadt Piatra-Neamț am östlichen Karpatenrand hat die Neuzeit der Transition durchaus Einzug gehalten. Davon künden äußerlich eine riesige Carrefour-Mall, zwei große renovierte Hotelhochhäuser, eine Reihe von Einkaufsmöglichkeiten, ein zu aufdringlicher Autoverkehr mit fast nur neuen ausländischen Wagen, erneuerte Trottoirs, renovierte oder neu erbaute Villen in blühenden Vorgärten, ein blinkendes neues Fußballstadion, zahlreiche neu gebaute große Kirchen und manch anderes mehr.

Jenseits dieser ins Auge fallenden Neuerungen sind allerdings die Überbleibsel der Vergangenheit ebenso nicht zu übersehen. Im Stadtteil Dărmănești steht noch, was früher Orion hieß, eine nicht übermäßig große Betonburg als Einkaufscenter mit unterschiedlichen Geschäften und Dienstleistungen. Es führt uns die Suche nach einer Lego-Transformers-Figur in das Gebäude, das auch einen chinesischen Laden beherbergen soll. Es zeigt sich, dass das komplette Obergeschoss Verkaufslokal chinesischer Waren ist - günstige (oder billige) Jacken, Kleider, Spielzeug, Haushaltswaren, die zumeist aus Plastikkunststoff hergestellt sind. Geleitet wird der Laden offensichtlich von einem Asiaten und auch eine Verkäuferin scheint asiatischer Herkunft. Bei der Präsenz chinesischer Billigwaren weltweit ist daran sicher nichts Ungewöhnliches festzustellen. Überraschend wird es aber, wenn man dann an der gleichen Straße etwas stadteinwärts ein noch größeres Geschäft in einem neuen Betongebäude neben dem großen Kaufland-Einkaufszentrum findet. In dem ungelüfteten riesigen Raum riecht es penetrant nach Plastik, das Angebot ist von gehobenerer Qualität mit viel Kinderspielzeug. Und wirklich überrascht ist man dann beim Besuch eines weiteren Betonkomplexes gegenüber des alten Historischen Museums im Zentrum der Stadt, der ebenfalls bessere Tage gesehen zu haben scheint. Im obersten Stock neben einem Club findet sich ein chinesisches Geschäft, vor allem mit Sommerkleidung und Sportgeräten. Aber hatten wir nicht noch an einer zentralen Straße neben dem zentralsten Einkaufszentrum am Hotel Plaza  ein chinesisches Geschäft gesehen? Auch in diesem am sichtbarsten plazierten Magazin chinezesc finden sich all die Dinge, von denen man bisher nur vermutete, dass sie in China hergestellt wurden. Jetzt macht ein Blick im Geschäft klar, dass dies auch der Fall ist. Und die Krönung stellt die Verwunderung über einen kleinen Laden im Orion dar, dessen gehobene Ausstattung mit Kleidung und Spielzeug ihn erst auf den zweiten Blick als chinesische Verkaufsstelle entpuppt. Ganz anders ist hier die Präsentation der Einzelstücke, qualitativ heben sich die Kleidungsstücke von den bisher gesehenen chinesischen Waren ab und fallen gegenüber denen in nichtchinesischen Läden kaum auf. Die gesuchte Transformers-Figur findet sich leider nirgends.

Alle diese chinesischen Läden haben wegen ihrer unterschiedlichen Präsentation und Niveaus ihre Kundschaft, günstige Produkte finden für eine bestimmte Käuferschicht immer Kaufwillige. Dass diese Nachfrage in der rumänischen Provinz fast ausschließlich aus chinesischer Herkunft gedeckt wird, macht deutlich, wie sehr das Modell des fernöstlichen kommunistischen Staates mit der ultrakapitalistischen Wirtschaft bereits die ausufernden Basare der Nachwendezeit Osteuropas (von denen es auch einen am Rande der Stadt gibt) verlassen und sich nun auf die nicht nur unteren Preissegmente fast aller Waren des täglichen Bedarfs ausgebreitet hat. Piatra-Neamț hat jedenfalls mindestens 5 große solcher chinesischer Verkaufsstellen vorzuweisen - und man braucht nicht viel Phantasie für die Annahme, dass es in zahlreichen rumänischen Städten auf dem Land nicht sehr viel anders aussieht. Und auf dem Markt der Stadt mit seinen zahlreichen Ständen und Geschäften erwecken jetzt auch billige Plastikwaren unsere besondere Aufmerksamkeit.

 

*

Neversea, Untold, Afterhills, Electric Castle - Markennamen im trendigen Englisch? In gewisser Weise schon. Aber nicht Gegenstände als Waren sind hier gemeint, sondern Dienstleistungen oder genauer künstlerische Darbietungen - es handelt sich um die Namen von Megamusikfestivals in Rumänien. Spätestens fünfzig Jahre nach Woodstock, der Mutter aller Rockfestivals, hat der internationale Markt für solche Veranstaltungen auch Rumänien entdeckt. Landesweit werben die Medien für UNTOLD und Electric Castle in Cluj (Klausenburg), die große Besucherzahlen in die Universitätsstadt im Norden Siebenbürgens anlocken. Electric Castle findet beim Banffy Schloss in Bonțida statt und hat seinen Namen wegen der eher an elektronischer Musik orientierten Ausrichtung. Hauptact waren Mitte Juli neben dem DJ Nils Frahm und rumänischen Musikern wie Subcarpați, der Heldin älterer Generationen Loredana, den Berlinern Zmei3 auf der zentralen Bühne Florence and the Machine und Thirty seconds to Mars, aber auch die Rockband Limp Bizkit aus den USA. Ihr Konzert war mit 50000 Fans ausverkauft, an den 5 Tagen waren etwa 200000 auf das Gelände mit 10 Bühnen einige Kilometer von Cluj entfernt gekommen, was natürlich ein riesiges Transportchaos verursachte. Ansonsten versucht dieses wie die anderen Festivals als "grün" rüberzukommen - von Lidl (!!) gesponsert wurde eine Eco-Bühne und ein Mülltrennungsverfahren.  Der Discounter festigt damit in Rumänien sein Image als Mittelklassesupermarkt. Ansonsten bot das Festival zahlreiche Möglichkeiten zu kreativen Aktivitäten.

Noch mehr Besucher zieht UNTOLD in Cluj an: Die Festivalorganisatoren nannten dieses Jahr 372000 Besucher an 4 Tagen zu dem im Zentrum der Stadt und vor allem im Fußballstadion auf 10 Abspielstätten (darunter ein Tramwaggon!) angesiedelten Musikereignis. Headliner waren in diesem fünften Jahr der Veranstaltung der Sänger Robbie Williams und die Star-DJs Paul Kalkbrenner, David GuettaArmin van Buuren, aber auch Alt-Rapper Busta Rhymes oder der rumänische Star Smiley. Eine spektakuläre Lightshow zum Finale ließ das Stadion aufblitzen und erglühen.

UNTOLD setzt bei seinem Vermarktungskonzept vor allem auch auf die Wirkung in die Stadt hinein, indem es aus dem Erlös sowohl den benutzten Park neu bepflanzt als auch Kinderspitäler und andere soziale Einrichtungen mit neuer Ausstattung versieht. 20% der BesucherInnen kommen aus Cluj, 20% aus dem Ausland, der Rest aus Rumänien, teilen die Veranstalter mit. Und lassen in der Stadt eine durchaus meßbare ökonomische Spur hinter sich. Im Ansturm der Massen von Zuschauern können luxuriöse Studentenwohnungen schon einmal für über 1000 Euro vermietet werden. Allerdings sieht sich das Festival wegen seiner Größe und der mitten in der Stadt in einem Park aufgebauten Bühnen auch kritischen Kommentaren gegenüber.

Am Meer in Constanța findet Neversea statt, nach eigener Einschätzung das "größte Strandfestival Europas". Hier dominieren am Stadtstrand unterhalb der Uferklippe Constanțas elektrische DJ-Musik bis in den späten Vormittag, sportliche Aktivitäten, Wasser, Sonne. Einige Bühnen sind auf dem Wasser installiert. Die Reihe der DJs ist endlos für die 4 Tage Unterhaltung, deren musikalische Darbietungen vor allem nachts durch permanente Light-und Lasershows sich ins Gedächtnis einschreiben. Unter den Acts sind Sean Paul, die junge rumänische Band The Motans, das Hip-Hop Urgestein Paraziții.

Noch nicht beendet ist das Afterhills Festival in Iași, das vor allem am Wochenende stattfindet. Es startete am 23. August auf 5 Bühnen und wird am 1. September enden. Am ersten Wochenende zog es 67000 Besucher an, als der Topact auf der Bühne stand - die englische Pop-Sängerin Rita Ora. In Dobrovăț bei Iași auf einem Wiesengelände zwischen den Hügeln finden unter der Woche vor allem  familienfreundlichere Formen der Unterhaltung statt, Kino, Comedy, Graffiti-Painting, Klettern, Tanzen und einige DJ-Acts. Das Festival im dritten Jahr ist das größte der Moldau. Am letzten Wochenende sind u.a. Morcheeba und Les Elephants Bizarres oder auch Subcarpați die Highlights.

Aber nicht nur diese Festivals fanden ihr zahlreiches Publikum: In Bukarest traten im neuen Nationalstadium die Alt-Rocker von Metallica und vor dem Parlamentspalast Bon Jovi vor jeweils mehreren Zehntausenden Fans auf - Open-Air allerorten.


Rumänien im Sommer (I)

 

 

Impressionen und Splitter

 

 

 

 

Fotos: www.kultro.de

 

Der globale Klimawandel hat (natürlich) auch Rumänien erfasst: Dauerregen, Überschwemmungen, Unwetter, Orkane, Temperaturrekorde und abrupte -stürze prägen das Wetter seit Wochen. Das frühere Kontinentalklima mit ziemlich  stabilem heißem Sommerwetter von Mai bis Oktober - höchstens unterbrochen von kurzen Unwettern - gehört der Vergangenheit an. Unberechenbar sind die Vorhersagen, dauernder Wechsel wo früher Stabilität den Sommer zu einer  unendlich wirkenden Jahreszeit machte. Immerhin lässt der Regen das Land grün erscheinen. Eine ganz neue Erfahrung: Die stundenlange Eisenbahnfahrt von Bukarest ins nur 350 Kilometer entfernte Piatra-Neamț am östlichen Karpatenrand führt nicht wie üblich durch eine verbrannte braun-schwarze Landschaft, sondern durch grüne Hügel und Ebenen.

Diese Veränderung ist natürlich auch im Land nicht unbemerkt geblieben. Ein Taxifahrer in Bukarest stellt fest: "Die Jahreszeiten sind zerstört!" Ein Fahrer in Piatra-Neamț glaubt, dass dies durch "die Raketen" verursacht worden sei. Auf die Entgegnung, dass vor allem die Industrie und der Autoverkehr die Atmosphäre zerstören, meint er sarkastisch: "Industrie haben wir nicht, da sind wir aus dem Schneider."

Das immer wieder wechselnde Wetter und der immer wieder auftretende Starkregen begleiten den Aufenthalt über Wochen hinweg.

Dass das Autofahren mit diesem Klimawandel direkt zu tun hat, setzt sich allmählich als Bewusstsein durch. Ganz erstaunt ist man, wenn man vom Taxifahrer in Bukarest hört: "Es gibt zu viele Autos in der Stadt!" Das ist nicht unbedingt auf die Umweltzerstörung gemünzt, aber dennoch ein vorher nie gehörtes Statement. In der Tageszeitung Adevărul weist ein Kolumnist auf die Situation in Bukarest hin, dessen Luft nach einer von der Stadt veröffentlichten Studie seit Jahren hoch verschmutzt und krebserregend sei. Als Konsequenz müssten eigentlich alle Autos mit Diesel Euro 3 und 4 verboten werden, wenn man die Hauptursache der Verschmutzung beseitigen möchte, wie es die EU verlangt.

Keine leichte Aufgabe, denn Autofahren (vor allem mit großen Protzautos) gilt schließlich in Rumänien weitgehend als sakrosankt. Entsprechend haben FahrradfahrerInnen und FußgängerInnen einen schweren Stand, wenn etwa die Trottoirs quer bis zur Hauswand zugeparkt werden. In den Dörfern wird das Tempolimit nur selten eingehalten, ausgebaute Straßen, die für FußgängerInnen nur schwer zu überqueren sind, teilen die Ortschaften in zwei Hälften. Das Rasen  mit den PS-starken ausländischen Wagen ist ein Volkssport vor allem jüngerer Männer, der immer wieder hohe "Opfer" produziert. Deren genaue Zahlen blieben bisher weitgehend im Dunkeln, jetzt schreibt die Zeitung Evenimentul zilei, dass Rumänien nach einer EU-Studie die höchsten Todeszahlen im Straßenverkehr habe: 96 Tote auf 1 Million Einwohner, während es in Großbritannien "nur" 28 sind. (Deutschland liegt auf dem 21. Platz (bzw. 8. Platz mit den wenigsten "Opfern")). Die Zeitung nennt als Ursache die schlechten Straßen (und wirbt so für den Bau von Autobahnen) und die Überschreitung der angemessenenen Geschwindigkeit. Letztere ist immer wieder zu beobachten, gepaart mit  unvorstellbaren Fahrmanövern. So bremst in einer Ortschaft in einer scharfen Rechtskurve der Fahrer eines regulär verkehrenden Minibusses nicht  hinter einem Pferdewagen, sondern überholt als gerade ein großer Lkw entgegenkommt - Verantwortungsbewusstsein à la roumaine. Ein anderer Minibusfahrer fängt irgendwann an, auf dem Handy zu tippen - nicht um zu telefonieren, sondern um Textnachrichten zu schreiben. Zu diesen selbst erlebten Fällen addieren die Medien die drastischen Nachrichten von Unfällen mit vielen Toten.

Lieblingsthema der Lokalpolitiker in der Moldau und Siebenbürgen hingegen ist der Bau von  Autobahnen. Während nach einigen schlechten Erfahrungen mit ausländischen Firmen viele Rumänen glauben, es gäbe überhaupt keine Autobahnen im Land und jede Verzögerung oder Schwierigkeit beim Bau in den Zeitungen als Bestätigung hierfür gilt, sind dennoch bereits nicht wenige Kilometer in die Landschaft gefräst worden. Allerdings nicht in der Moldau, deren Wirtschaft von der Politik in Bukarest dringend eine Verbindung über die Karpaten nach Târgu Mureș in Siebenbürgen verlangt. Das bisherige Scheitern dieser Forderung ist für die Moldauer ein weiterer Baustein für das Bild der Vernachlässigung der Moldau durch die Regierung in Bukarest, für die Rückständigkeit der Region, Anlass für die Verachtung der Politiker, etc. Bei dieser ökonomisch an steigender Produktivität und wachsendem Gewinn orientierten Forderung wird die daraus folgende Zerstörung der bisher weitgehend intakten Landschaft der Karpaten meist mit keinem Wort erwähnt.

Welche Folgen der motorisierte Individualverkehr haben kann, zeigt die Straße zwischen Târgu Neamț und Iași. Die Metropole der Moldau zieht unweigerlich große Verkehrsströme an und wächst entlang der E 58 nach Westen. Hier haben sich im Laufe der letzten 15 Jahre nicht nur Metro oder Carrefour auf der flachen Wiese des breiten Tals Richtung Târgu Neamț angesiedelt, es sind zahlreiche Autohäuser, Verkaufslager, Supermärkte, hinzugekommen. Und entsprechend steigt der Verkehr auf der teilweise zweispurigen Straße an. Welche Folgen Unachtsamkeit, Verantwortungslosigkeit, Hektik und Stress der FahrerInnen dabei entfalten können, zeigen die bereits verwitternden Kreuze an beiden Fahrbahnrändern - es vergeht kaum ein Monat, an dem auf dieser Strecke nicht ein Mensch stirbt. Oft sind es Fußgänger, die in dem Iașier Ortsteil Valea Lupului die Straße überqueren wollen. Auf den 50 Kilometern von Târgu Frumos bis Iași ließen sich vor einigen Jahren allein 16 Kreuze aum rechten Straßenrand zählen, die Zahl der "Opfer" dieser "Todesstrecke" liegt natürlich weit höher.

Vom wachsenden Autoverkehr nicht verschont bleiben auch die touristisch interessanten Ziele. Das so idyllisch am Rande der Berge in der Bukowina gelegene Gura Humorului verzeichnet im Zentrum während der Arbeitswoche einen solchen Verkehr von Besuchern in Bussen, von Einheimischen, Wirtschaftsfahrzeugen, etc., dass von einem "Luftkurort" kaum noch die Rede sein dürfte. Vor allem ist es der Schwerlastverkehr von Lkws und Transportern, der den Aufenthalt im Zentrum eher als lautes Spektakel in Abgaswolken denn als Erholung erleben lässt. Einer der Gründe dieser Ballung liegt in der Tatsache, dass es keine Straßenalternative aus dem Tal von Câmpulung Moldovenesc nach Osten Richtung Iași gibt.

So bleibt der Autoverkehr eines der Probleme in einer Region, deren landschaftliche Schönheit nur bewahrt werden kann, wenn nicht versucht wird, diese der bequemen Erreichbarkeit und Zugänglichkeit zu opfern - während zugleich die wachsenden Chancen des EU-Staates auf ökonomischem Gebiet den Ausbau des Straßennetzes unausweichlich zu machen scheinen.

In diesem Zusammenhang wurde bisher das Eisenbahnnetz kaum genannt. So überrascht es, in der Tageszeitung Adevărul eine Meldung zu finden, die den Niedergang der CFR (Câile Ferate Române - Rumänische Eisenbahnen) konstatiert. Anlass ist eine neue Studie des Transportministeriums, nach der in den vergangenen 20 Jahren die Infrastruktur der staatlichen Bahngesellschaft kontinuierlich vernachlässigt worden sei und diese daher erheblich an Kunden verloren habe. Die geringe Geschwindigkeit aufgrund der schlechten Schienenverhältnisse und die ebenfalls aus der schlechten Infrastruktur resultierende Unpünktlichkeit seien die Hauptgründe für das geringe Nutzeraufkommen. Die Misere gehe aber letztlich vor allem auf die chronische Unterfinanzierung seit 1990 zurück.

In der Tat stellt die rumänische Bahn ein spezielles Vergnügen dar: War vor 20 Jahren die Fahrt von Bukarest bis Iași (400 km) eine 6-stündiges Dahinkriechen, so bestand doch die Hoffnung, dass in der Zukunft diese Fahrzeit auf vielleicht 5 oder gar 4 1/2 Stunden reduziert werden könnte. Mittlerweile dauert diese Fahrt aber fast 7 Stunden! Und die jetzt häufigen und gut gefüllten Flüge brauchen dafür nur 1 Stunde. Wie sehr das Zugfahren ins Hintertreffen geraten ist, zeigt die Tatsache, dass die CFR es für nötig hält, Plakate in den Zügen anzubringen, auf denen klargestellt wird, dass man für die Zugfahrt eine Fahrkarte braucht und dass bestimmte Regeln zu befolgen sind. Dennoch gelingt es immer wieder, mit dem Schaffner "Deals" zu beiderseitigem Vorteil (und Nachteil der CFR) zu vereinbaren. Im Zug von  Câmpulung Moldovenesc nach Gura Humorului fängt eine Reisende eine lautstarke Diskussion mit dem Schaffner an, weshalb so wenige Wagen für die zahlreichen Reisenden bereit gestellt werde, während auf anderen Strecken die Züge nicht so überfüllt seien. Sie fordert bessere Versorgung durch die Bahn, worauf der Schaffner nur wenig zu antworten weiss. Ein deutliches Zeichen für die beginnende Veränderung des Denkens könnte das Wiederaufkommen des Fahrrads im Nahbereich darstellen. Überall sind jüngere Menschen mit neuen Fahrrädern unterwegs. Selbst die zunächst eher wie ein Feigenblatt für eine verfehlte Verkehrspolitik wirkenden grünen Radstreifen in Bukarest machen mittlerweile Sinn, da sie von zahlreichen "bicicletiști" benutzt - und vielfach auch von den AutofahrerInnen respektiert werden.