DANACH...

 

Die Leipziger Buchmesse hat im Frühjahr 2018 als Gastland Rumänien begrüßt und damit eine der dynamischsten literarischen Szenerien Europas näher vorgestellt. Wir wollen dieses Ereignis zum Anlass nehmen, die Literatur, aber auch die Künste und die Geschichte sowohl Rumäniens als auch der Republik Moldau in ihren meist im Westen unbekannt gebliebenen Hintergründen als auch aktuellen Entwicklungen zu beleuchten. In Buchrezensionen, Interviews, Reportagen, Essays und Aufsätzen wollen Autorinnen und Autoren ihre eigenen Themen und ihre Perspektiven auf die Kultur Rumäniens und der Republik Moldau formulieren und damit beitragen zu einer immer noch notwendigen Aufklärung im deutschsprachigen Raum über die kulturellen Landschaften um den Karpatenbogen und zwischen Pruth und Dnjestr.

Dies soll nicht einseitig geschehen, sondern unter Einbeziehung rumänischer bzw. moldauischer AutorInnen.

 

(Kontakt unter: info@kultro.de.)

 


Was es noch zu tun gab/gibt...

Dass die rumänische Literaturszene eine dynamische und vielfältige Erscheinung innerhalb der europäischen Sprachen darstellt, hat sich bei unseren Nachbarn eher herumgesprochen als in deutschsprachigen Verlagen und Redaktionen. Ein Artikel hat vor einigen Jahren darauf aufmerksam gemacht. Vieles blieb unübersetzt, jetzt generierte erfreulicherweise der Buchmessen-Schwerpunkt mehr Interesse an Rumänien und der Moldau. Ein aktueller Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung listet zahlreiche der übersetzten AutorInnen auf, weist aber auch auf noch bestehende Defizite hin.


Midterm - Die rumänische Ratspräsidentschaft hat Halbzeit

 

Eine Tagung der Südosteuropa-Gesellschaft zieht Zwischenbilanz

 

 

 

Foto: Südosteuropa-Gesellschaft e.V.

 

 

Schon sind 100 Tage der rumänischen Ratspräsidentschaft vergangen - Anlass genug, um nach der Bewertung ihrer politischen Gestaltung in der EU zu fragen. Die Südosteuropa-Gesellschaft in Berlin tat dies am 11. April mit rumänischen Expertinnen und einem Experten unter dem doppelten Titel Between Domestic Power Struggles and European Leadership - Romania's first Presidency of the Council of the European Union

Im ersten Teil ging es eher offiziös und formal zu: Mihaela Diculescu-Blebea von der Botschaft Rumäniens in Berlin stellte als zentrales Schlagwort der Ratspräsidentschaft Kohäsion vor: politische, ökonomische, soziale, mit dem Ziel, die Entwicklungslücken zwischen Ost und West zu verringern. Diesen Ansatz unterteilt die Ratspräsidentschaft in vier weitere Aktionssäulen: die Arbeitstreffen, den Gipfel in Sibiu/Hermannstadt am 9. Mai, die Europawahlen vom 23.-26. Mai und das MFF-Paket (Multiannual Financial Framework) für nach 2020. Zudem nannte sie als weitere Schwerpunkte der nächsten drei Monate die Zutrittsperspektiven der Länder auf dem Westbalkan.

Dem gegenüber legte Valentina Ivan von der NGO Expert Forum einen Schwerpunkt auf die zivilgesellschaftliche Kritik und verwies auf das Beispiel des Energiemarktes, wo die Regierung durch Notverordnungen gegen rumänische Interessen handele. An den Darlegungen der Politikwissenschaftlerin Maria Popescu kristallisierte sich dann in der Diskussion der zentrale Begriff heraus, unter dem die zunächst von verschiedenen Seiten in Frage gestellte Fähigkeit der rumänischen Regierung zur Ratspräsidentschaft diese zu meistern vermag: "technische Ratspräsidentschaft". Unter Verweis auf die Schulung der hohen BeamtInnen vor Beginn, die technokratische Leitung begonnener Projekte, die Tätigkeit permanenter Arbeitsgruppen, etc. wurde deutlich, dass die politische Kritik an der Regierung aus der EU relativ wenig Einfluss hat auf die "technische" Bewältigung der Ratspräsidentschaft auf der Ebene der Ministerialbürokratie. Dabei fiel nebenbei der Hinweis auf den positiven Effekt, den diese Ausbildung von EU-erfahrenem Personal auf Rumänien rückwirkend haben kann.

Im zweiten Panel wurde es dann sehr viel lebhafter und kontrastreicher. Dafür sorgte eingangs die Politologin Alina Mungiu-Pippidi, die in einem dicht gedrängten freien Vortrag ungewohnte Perspektiven aus ihrer reichen wissenschaftlichen wie demokratiepraktischen Erfahrung entwickelte. Sie stellte insbesondere die realpolitischen Folgen vieler Forderungen nach Bekämpfung der Korruption, Reinigung der politischen Klasse, Rolle der Geheimdienste u.a.m. im Ablauf der politischen Entwicklung seit der Wende in den Vordergrund. Daraus ergibt sich für die an der Berliner Hertie School of Governance lehrende Professorin ein ganz eigenes Bild der Prioritäten. Mungiu-Pippidi legte zunächst dar, dass die Frage, was juristisch Korruption bedeute, in der EU keineswegs einheitlich zu beurteilen sei und daher auch ein Generalstaatsanwalt wenig Sinn mache. Rumäniens Justiz sei in den letzten Jahren schärfer vorgegangen als viele andere Länder. Mehr sei eigentlich nicht zu erreichen, wenn man den bisherigen Gang der Demokratie im Land nicht gefährden wolle. Man müsse sich also fragen, was man eigentlich darüber hinaus noch erreichen wolle. Zudem seien eben die postkommunistischen Strukturen so stark, dass bisher sich nie mehr als ca. 39% der WählerInnen gegen sie ausgesprochen hätten. Dies auch, weil es keine "Entkommunisierung" gegeben habe. Sie verwies zudem auf die offensichtlich große Rolle der Geheimdienste hin, die mit ihrem Material Politik machen - auch für Präsident Johannis und die Justiz. Die Politologin sieht Rumänien in einer Lage, wie sie etwa in Ungarn zwei Jahre vor Orban bestanden habe.

Elena Calistru von der NGO Funky Citizens nannte Rumänien einen der besten Orte, an denen man sein könne. Es habe Optimismus gegeben, der der Forderung nach Gerechtigkeit entsprochen habe. Die politische Klasse sei diesem an Werten orientierten Wunsch allerdings nie gerecht geworden. Calistru hob auch die "furchtbare Wirkung" des massiven brain drains hervor.

Die Journalistin Ana Maria Luca vom Balkan Investigative Reportin Network zeichnete noch einmal das Funktionsgeflecht des Klientilismus und seiner Entstehung im Kommunismus in Rumänien nach. Sie verwies darauf, dass gerade wegen dieser Struktur viele jüngere Leute das Land verlassen hätten.

Der Politikwissenschaftler George Jiglău von der Universität Cluj/Klausenburg nannte als Mittel der Erneuerung die Schaffung wirklicher Parteien. Mittlerweile gäbe es in Rumänien das liberalste Parteiengesetz, was allerdings auch einem gewissen Populismus Vorschub leisten könne. Wenige Parteien hätten wirkliche Veränderungen vor und es stelle sich die Frage, was mit dem Enthusiasmus der WählerInnen geschehe, wenn diese Parteien scheitern. Auch die Proteste hätten an der schlechten Praxis wenig verändert. Rumänien stehe allerdings in der EU nicht schlecht da: Es gebe keinen Brexit, kein Flüchtlingsproblem, keine schlechte Ökonomie und keine antieuropäischen Bewegungen. Die Rhetorik der Kritik sei daher zu überdenken. Wie Mungiu-Pippidi verwies er auf die Gefahr von Radikalisierungen.

In der Diskussion konstatierte Calistru die allmähliche Ermüdung nach zwei Jahren des Protests. Zwar gebe es keine rechtsradikale Partei, aber in den Parteien mache sich Populismus breit. Zwar zeige sich kein wirklicher Herausforderer für Präsident Klaus Johannis in der nächsten Präsidentschaftswahl, aber die Müdigkeit der Zivilgesellschaft habe bereits einmal zu unerfreulichen Ergebnissen geführt.

So zeigte die von Hansjörg Brey und Christian Hagemann moderierte Veranstaltung einen differenzierten und präzisen Blick auf die aktuellen Entwicklungen in Rumänien und die Ratspräsidentschaft und ließ die mittelfristigen Optionen plastisch erkennen. Die Europa-Wahlen, der Brexit und die neue Kommission werden Rumänien mindestens ebenso intensiv beschäftigen wie die rumänischen Wahlen im Herbst und im nächsten Jahr.

 


 Das Cymbal lockt

 

 

 

Mercedes Echerer und ihre sensationelle(n) MusikerIn

 

 

 

 

 

 

Foto: ufaFabrik

 

 

 

Für viele ist Rumänien ein Sehnsuchtsland geworden oder geblieben, sei es wegen familiärer Bindung, sei es wegen der dort verbrachten Kindheit, sei es aus späterer Bekanntschaft mit der Landschaft. Diese oft nicht eingestandene Nostalgie, die Auseinandersetzung mit der Erinnerung, die Wahrnehmung von Unterschieden und Gemeinsamkeiten ist das Thema von Mercedes Echerers ebenso unterhaltsamen wie reflektierenden Programm Rumänisches Roulette, das 2 Stunden lang das Publikum der Berliner ufaFabrik in den Bann schlägt.

 

Es beginnt alles mit einer Schachtel und einem Brief, der an eine Nacht in einer rumänischen Polizeizelle in Fleck (Feleacu; Erdöfelek) kurz vor Weihnachten erinnert. Die Protagonistin - es soll sich dabei um autobiographische Erlebnisse von Echerer selbst handeln - hat nach einem Überfall auf ihr Taxi eben dort in der Zelle eine Nacht verbringen müssen, da wegen Verlust von Pass, Handy, Kreditkarte ihre Identität nicht feststellbar ist. Und der Inhalt der Schachtel erinnert sie an diese Nacht und an ihren "Aurel bácsi", den Onkel Aurel, der ein berühmter Sportreporter in Siebenbürgen war. Und an all die Kindheitserlebnisse, wenn die emigrierte Familie wie jedes Jahr aus Wien zurück nach Siebenbürgen fuhr. Die Schauspielerin und Autorin Echerer bringt mit ihrem angenehmen und sehr passenden österreichischen Akzent all die Nuancen dieser Geschichten hervor, wie sie sich zugetragen haben mögen. Ihr Thema ist dabei, die Menschen aus unterschiedlichen Gruppen als solche zu zeigen und in ihrem siebenbürgischen Zusammenleben mit den vielen Sprachen, Religionen, Ethnien lebendig werden zu lassen. Wenn sie vielsprachig eine Romni oder einen jüdischen Musiker darstellt, geht es ihr um das Verbindende der Umgangsformen selbst in Zeiten der Diktatur.

 

Diese Textebene der Erzählung wird getragen von den ergänzenden Interventionen und Illustrationen durch eine wahrhaft berauschende Musik. In dem passenden Interieur des alten Art Nouveau-Saals der ufaFabrik in Berlin entfachen diese Virtuosen ein Feuerwerk der Stimmungen, der Begeisterung und Intensität. Wie passend diese Location für das Programm ist, zeigt sich, wenn die Musiker eine jazzige Kaffehausszene aufrufen oder wenn an die multikulturelle k.u.k.-Welt erinnert wird. Es gelingt ihnen im Handumdrehen, jeden realen Ort (selbst wenn es sich um eine Mehrzweckhalle in Castrop-Rauxel handeln sollte) vergessen zu lassen und eine laute rumänische Hochzeit oder einen Klezmerabend oder ein Zigeunertreffen zu inszenieren. Was etwa Alexander Wladigeroff mit der Trompete macht (manchmal auch mit zwei Instrumenten gleichzeitig!), ist einfach sensationell. Oder L'ubomir Gaspar am Cymbal. Oder der Gitarrist Branko „Bako“ Jovanovic, oder der Geiger Aljosha Biz, oder die Nai-Spielerin Andreea Chira, oder... Überhaupt das Cymbal: mit der Klarinette des Wladigeroff-Bruders und den Trompeten bzw. Posaunen und dem Kontrabass macht dieses Instrument den wirklichen Sound jener Landschaft aus - treibend, akzentuierend, melodiös zugleich.

 

Im Zusammenspiel mit dieser Musik erreichen Echerers Geschichten noch einmal eine besondere Tiefe und Realität. Es gelingt der früheren Europaabgeordneten ganz intuitiv ihre zunächst eher individuelle Erzählung und Darbietung in die große Geschichte der Wende münden zu lassen. Unscheinbare Übergänge liegen in ihren Liedern und Tänzen. Und plötzlich geht es um mehr als nur private Erinnerungen. Das Publikum ist begeistert.

 

Sollte diese Truppe mal in Ihrer Nähe auftreten - nicht verpassen!

 

Mercedes Echerer: Rumänisches Roulette (Theater und Konzert)

Begleitet von den Musiker*innen: Aliosha Biz (Geige), Andreea Chira (Nai), Adrian Gaspar (Klavier), Ľubomír„Lubo“ Gašpar (Zymbal), Imre Lichtenberger-Bozoki (Trompete/Posaune), Branko „Bako“ Jovanovic (Gitarre), Vuk Vasilic (Kontrabass), Alexander Wladigeroff (Trompete/Flügelhorn) und Konstantin Wladigeroff (Klarinette)

 


Gesang des Meeres

 

Czernowitz im Frühjahr 1944

 

 

Dass Schriftsteller und Künstler im lateinischen Europa häufiger als Diplomaten eingesetzt werden als etwa im Diplomatie als Beamtenlaufbahn verstehenden Auswärtigen Amt ist an Rumänien und seinen Botschaftern, Gesandten und Legationssekretären Lucian Blaga, Mircea Eliade oder Oskar Walter Cisek zu belegen. Und aktuell im Falle von Emil Hurezeanu in Berlin. Dass auch die Republik Moldova dieses Muster  anwenden kann, ist dem Historiker und Schriftsteller Oleg Serebrian geschuldet, der sein Land seit 2016 in Deutschland vertritt. Hervorgetreten durch Arbeiten zur Geopolitik hat er mittlerweile auch zwei Romane vorgelegt.

In Cântecul mării (Gesang des Meeres) wird eine Geschichte verhandelt, die in der bukowinischen Metropole Czernowitz (Cernăuţi) im Frühjahr 1944 spielt. Die sowjetischen Truppen nähern sich allmählich der Stadt, der junge Priester Filip Skawronski und seine Frau Marta, die der adeligen deutschen Familie Randa entstammt, erleben die um sich greifende Verunsicherung und die Fluchtgedanken in der Bevölkerung. Mit der Familie seiner Frau kam es zum Bruch wegen der dieser nicht standesgemäß erscheinenden Heirat mit dem Sohn eines alten ruthenischen Forstangestellten. Die ländliche Welt von Crasna in den Karpatenwäldern mit den althergebracht lebenden Eltern bildet den Kontrast zu dieser Ehe in der bukowinischen Hauptstadt.

Aber es sind die multikulturellen Hintergründe der Stadt und der Familien, die keine einseitige rumänische oder ukrainische Perspektive auf die Geschehnisse entfalten lassen und die herannahende Front  für alle Bewohner zur Bewährungsprobe machen. Serebrian zeichnet ein intensives Bild der Figuren und der Geschehnisse, das auch von des Autors historischen Kenntnissen profitiert. Subtil zeichnet der Moldauer die Wirkungen des Krieges in einer für längere Zeit von Zerstörungen verschont gebliebenen Stadt. Bis sich mit der Herankunft der Roten Armee die Verhältnisse wiederum dramatisch verändern. Ein ungewöhnlicher Blick auf Czernowitz vor und nach der Sowjetisierung der Stadt!

 

Oleg Serebrian. Cântecul Mării [2011]. Roman. Chişinău: Cartier 2018, 335 Seiten, ISBN 978-9975-86-303-2

 


Europa weben

 

Kunst von Roma-Frauen aus aller Welt

 

 

 

 

 

 

Foto: Nino Pusija/ERIAC

 

Das ERIAC in der Berliner Reinhardtstraße ist noch relativ jung: 2017 eröffnete dieses European Roma Institute for Arts and Culture seine Räumlichkeiten. Zusammen mit dem Rumänischen Kulturinstitut an der gleichen Straße veranstaltet es bis zum 3.Mai 2019 die von Anna Mirga-Kruszelnicka kuratierte Ausstellung mehrerer KünstlerInnen, die aus dem Zusammenhang der Roma Art kommen. Dem Titel der Ausstellung entsprechend gibt es zahlreiche Beispiele textiler Kunstwerke, die beziehungsreich und farbenfroh das Leben von Roma-Frauen zum Thema machen. Im RKI etwa steht von Małgorzata Mirga-Tas ein bunter Paravent aus textilen Darstellungen, die Mitglieder ihrer Familie (nicht nur) beim Nähen oder Weben zeigen. Andere ebenso farblich lebendige Bilder der Künstlerin zeigen bei näherer Betrachtung, dass sie z.T. gemalt sind. Bestimmte Teile der Darstellung sind allerdings durch Stoff in das Gemälde collagiert. So etwa in ihrer Darstellung einer Frau, die auf einer Fensterbank lehnt, neben der bunte Tücher hängen. Am harmonischsten zeigt sich ein Bild, das die Lebensweise vieler Romni thematisiert: ein aufgeräumter Hof mit einer Frau an der Schwelle. Der Inhalt einer umgestürzten Mülltonne wird gekonnt spielerisch aus diversen Papierschnitzeln und Stoffresten dargestellt. Ebenso bunt die Bilder von Kiba Lumberg, die als Installation beide Locations bespielen. Im RKI hat Emilia Rigova einen langen Teppichläufer am Boden ausgelegt, der hinführt zu zwei Fotos einer Romnia als Schwarze Göttin - eine anspielungsreiche Dekonstruktion herkömmlicher Bilder von den gypsy women, wie sie die europäische Kulturgeschichte bis heute bevölkern. Dies ist eines der zentralen Anliegen der Ausstellung: Zu zeigen, dass die Roma-Frauen aus unterschiedlichen Ländern keinen Stereotypen entsprechen, dass sie trotz patriarchalischer Gesellschaft ihre Eigenständigkeit und Weltzugewandtheit demonstrieren, dass sie sich einsetzen für die Wahrnehmung der Roma in Europa. Entsprechend kann die Video-Installation von Emilia Rigova gelesen werden, die raffiniert auf einem Split-Screen zwei Gesichter zeigt, die zugenäht sind und von einer wie ein Wunder (oder de[a] ex machina) auftauchenden (weiblichen!) Hand von diesen Fesseln befreit werden. Oder die Installation  der vielbeachteten Künstlerin Delaine Le Bas, die Fotos einer Performance mit einem aus mehreren Traditionen zusammengesetzten Kleid kombiniert.

Bei der Vernissage trugen Mihaela Drăgan und Ioanida Costache in englischer Sprache Gedichte von Roma mit Violinbegleitung vor - eine ebenso gekonnte wie beeindruckende Performance umgeben von der Kunst der Roma-Frauen (und einem Rom).

 

[Zur Ausstellung siehe den Hinweis unter "Aktuelles"!]

 

 

Abb. Małgorzata Mirga-Tas "Romani Kali Das, 2016"; Foto: Nino Pusija/ERIAC


Juni 1941 - Das Pogrom von Iaşi (4)

Reflexionen eines Massenverbrechens in Historiographie und Kunst

 

Was in den Tagen vom 28. Juni bis 6. Juli 1941 in Iaşi (Jassy), der moldauischen Metropole im Nordosten des 1919 erstandenen Groß-Rumäniens geschah, blieb in der Nachkriegszeit lange ein nebelhaftes Mysterium. Zwar gedachte das 1947 installierte kommunistische Regime jährlich offiziell dem Mord an den Juden der Stadt, aber detaillierte Forschung wurde in den vierzig Jahren kaum betrieben, so dass die ideologisch gefärbte und motivierte Interpretation des Regimes für eine Epoche lang das Bild bestimmte. Dies hielt auch noch nach 1989 an, bis eine jüngere Generation von Historikern begann, nachzufragen und erstaunliche Fakten und Quellen zu Tage fördern konnte.

Mittlerweile hat in Ergänzung oder auch anstelle von fehlenden Darstellungen auch die Kunst in unterschiedlichen Formen sich des Themas angenommen. Dies ist Anlass, um an dieser Stelle sowohl die historische Forschung als auch die kulturhistorische Erinnerungs- und Reflexionsarbeit in ihren Formen vorzustellen - auch, damit dieses Ereignis des "stillen Holocaust" nicht vergessen wird.

1941 im Kontext

 

 

Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden -

Das Beispiel Rumänien in Quellen

 

 

 

 

 

 

Mit dem Beitritt Rumäniens unter General Ion Antonescu zur Hitlerkoalition im Jahr 1940/41 bahnte sich in den Vorbereitungen zum Überfall auf die Sowjetunion auch das Pogrom in Iaşi an. Welche längere Entwicklung zum Krieg Rumänien nahm, lässt sich den Zeugnissen und Dokumenten entnehmen, die der Band Slowakei, Rumänien und Bulgarien des Editionsprojekts Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945 bereitstellt. Dieser umfangreiche und sorgfältig redigierte Band bietet zahlreiche Texte unterschiedlicher Art (Behördenverkehr, Tagebücher, Briefe, Zeitungsartikel, Gesetze und Dekrete, etc.) , an denen sich ablesen lässt, wie allmählich und oft durch die expansive Hitler-Politik angestoßen, in den drei südosteuropäischen Staaten der Antisemitismus teilweise staatliche Doktrin wurde und sich bis zum dahin unvorstellbaren Grauen steigerte. Der rumänische Teil der Edition beginnt mit einem Interview der englischen Zeitung Daily Herald mit dem Premierminister Octavian Goga Anfang 1938. Goga hat bis heute in Rumänien einen großen Ruf als Dichter - seine nationalistische bis proto-faschistische Politik wird von diesem guten Image abgespalten, so dass man oft den Eindruck hat, es handele sich um zwei verschiedene Personen. In dem Interview plädiert der Dichter für einen "ständischen Staat" aus Korporationen und sagt, dass 500000 Juden das Land verlassen müssten. Gogas Regierung mit dem antisemitischen Parteipartner A.C. Cuza endete nur wenige Wochen später, als König Carol II. den Metropoliten Cristea als Premierminister einsetzte und dann eine Königsdiktatur proklamierte. Goga und Cuza hatten in ihrer kurzen Regierungszeit zahlreiche antisemitische Gesetze eingeführt, die in dieser Weise in Europa noch nicht vorhanden waren. In einem Interview mit der Berliner Börsen Zeitung 1938 sagte Cuza: "Unser Programm ist mit einem einzigen Wort gekennzeichnet und dieses Wort lautet: ausscheiden. Wir wollen die Juden aus Rumänien entfernen."

 

Nachdem Carol II. für die Gebietsabtretungen von Bessarabien (Sowjetunion), Nordsiebenbürgen (Ungarn), Süddobrudscha (Bulgarien) verantwortlich gemacht wurde, wurde er von General Ion Antonescu abgesetzt und ging ins Exil. Antonescu setzte auf das Bündnis mit Hitler und entwickelte auch eigene antisemitische Initiativen. Als Rumänien mit Deutschland die Sowjetunion angriff, fand in Iaşi das Pogrom vom Juni 1941 statt. In dem Band ist hierzu eine spätere Zeugenaussage eines Überlebenden der das Pogrom begleitenden "Todeszüge" zu lesen. Ebenso ein Bericht des deutschen Konsuls  Fritz Schellhorn. Dieser war nicht nur eine der hilfreichen Figuren, die in Czernowitz dem Bürgermeister Traian Popovici halfen, im Herbst 1941 20000 im Ghetto konzentrierte jüdische Menschen von Deportationen vorläufig zu bewahren, sondern wird in der Forschung mittlerweile als regelrechter aktiver Gegner der Nazis im Amt beschrieben. Weiterhin stellt ein nach der Befreiung 1944 entstandener Zeitungsartikel die Tat der Rotkreuz-Vorsitzenden der Stadt Roman, Viorica Agarici, vor, die gegen alle Drohungen sich für das Überleben der in den Todeszügen Gefangenen einsetzte.

 

Der Leser wird mit dieser Fülle von Dokumenten aus unterschiedlichen Kontexten, die die Zeitspanne bis 1944 umfassen, nicht allein gelassen. Für Rumänien hat die Historikerin Mariana Hausleitner eine 30 Seiten umfassende Einführung verfasst, die eine gute Übersicht über das Gesamtgeschehen gibt. In ihr wird die Zahl der Ermordeten im Pogrom von Iaşi mit 14850 angegeben.

 

In gleichem Aufbau bieten die Beiträge zur Slowakei und Bulgarien ebenfalls einleitende Überblicks-darstellungen sowie zahlreiche Dokumente und Quellen, die die jeweiligen Besonderheiten dieser Länder im Zweiten Weltkrieg und ihrer Teilnahme am Holocaust herausstellen. Besonders im Falle von Bulgarien werden viele Quellen genannt, die belegen, dass das Land nicht - wie oft angenommen - völlig frei von antisemitischer Verfolgung geblieben sei. Wenn auch keine so große Vernichtung der jüdischen Bevölkerung, wie etwa im Satellitenstaat Slowakei des Priesters Jozef Tiso, stattfand.

 

(Die Quellen zu den Vorgängen in Bessarabien und Transnistrien finden sich in VEJ, Bd. 7, "Sowjetunion mit annektierten Gebieten I (Besetzte sowjetische Gebiete unter deutscher Militärverwaltung, Baltikum und Transnistrien)"

 

Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945. Bd. 13: Slowakei, Rumänien und Bulgarien. Bearbeitet von Mariana Hausleitner, Souzana Hazan und Barbara Hutzelmann. Bandkoordination: Ingo Loose. Berlin: de Gruyter Oldenbourg 2018, ISBN 978-3-11-036500-9, 800 Seiten, mehrere Karten

 


Dieter Schlesak gestorben

 

 

 

 

Der aus Siebenbürgen stammende und in Italien lebende Schriftsteller Dieter Schlesak ist am 29. März 2019 gestorben, wie sein Verlag in Ludwigsburg mitteilt. Schlesak wurde am 7. August 1934 in Sighişoara/Schäßburg geboren. Er erregte Aufsehen durch seinen Dokumentarroman Capesius, der Auschwitz-Apotheker (2006; in zahlreiche Sprachen übersetzt) sowie den Roman Vaterlandstage und die Kunst des Verschwindens (1986). Zu seinen Gedichtbänden gehören Grenzstreifen (Bukarest 1969), Weiße Gegend (1981) Herbst Zeit Lose (2006), Grenzen Los (2006), Namen Los (2007). Begonnen hatte der Siebenbürger als Redakteur der Zeitschrift Neue Literatur in Bukarest. 1969 wanderte er in die Bundesrepublik aus und ließ sich später in Italien nieder. Als Übersetzer trug er Nichita Stănescus Elf Elegien ins Deutsche.

Er erhielt für sein umfangreiches lyrisches, essayistisches und erzählerisches Werk zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Andreas-Gryphius-Preis (1980), den Nikolaus-Lenau-Preis (1993), die Ehrengabe der Deutschen Schillerstiftung Weimar (2001), den Umberto-Saba-Preis (2006), den Maria-Ensle-Preis der Kunststiftung Baden-Württemberg (2007). Der Pop Verlag plant eine umfangreiche Werkausgabe Schlesaks.


Das eigene Leben der Kranken

 

Radu Judes gelungenes M. Blecher-Portrait

 

 

 

Abb. HiFilms Prod./ Zeughauskino

 

Die Krankheit des jungen Mannes wird gleich benannt: Morbus Pott, die die Wirbel auffrisst. Und einen Abszess im Bauch diagnostiziert der joviale Arzt auch noch, um ihn bald zu punktieren. Die Schreie des Patienten hallen durch die Gänge. Jude entwickelt wie auch in seinem früheren Film Aferim für das 19. Jahrhundert eine präzise Vorstellung, wie es in den 1930er Jahren in einem rumänischen Sanatorium am Schwarzen Meer zuging und ausgesehen hat, um den Raum zu schaffen, in dem sein Personal agiert. Und dieses Personal ist exzellent besetzt, um jene eigentümliche Atmosphäre jugendlicher Kranker in der geschlossenen Welt ihrer Krankheit zu gerieren, die Blecher in seinem Roman Inimi cicatrizate (1937) entworfen hatte. Eine Welt der Diskussionen, Partys, Hoffnungen und ihres Verlusts, des Todes und der Liebe... Die biographischen Zusammenhänge mit Blechers Krankheit und Sterben reduziert Jude geschickt und gewinnbringend nur auf das rumänische Sanatorium, der französische Kurort Berck-sur-Mer wird nur erwähnt, aber nicht Handlungsort. Genau so wenig die Stadt Roman, in der Blecher seine letzten Jahre unter grauenhaften Schmerzen schreibend verbrachte. Auch stürzt sich der Regisseur nicht in die qualvollen Ekstasen eines Dichters, der mit seiner Kunst ringt, um etwa somit der Krankheit einen Spiegel zu liefern. Vielmehr ist die Krankheit und ihre soziale Umgebung in dem Film das Thema, das, was die Krankheit an Institutionen, Verhaltensweisen, Denkmustern auslöst. Blecher ist, wie einst beim Stummfilm, vor allem in Zwischentiteln präsent, die  hier aber als literarische Kommentare dienen. Ein thematisch klug reduzierter, optisch überzeugender Film!

 

 

Inimi cicatrizate

 

RO/D/FR/BE 2016, R: Radu Jude, B: Radu Jude, frei nach dem Roman von M. Blecher, K: Marius Panduru, D: Lucian Teodor Rus, Ivana Mladenovic, Marius Damian, 147'

 


Entre nous

 

 

Eröffnung der rumänischen Ratspräsidentschaft im Europaparlament vor leeren Rängen

 

 

Abb. Screenshot www.eu.de

 

Dass die Hauptarbeit von Parlamenten nicht im Plenarsaal stattfindet, ist allgemein bekannt: Ein leeres Haus heißt, dass die AbgeordnetInnen in Ausschüssen, Wahlkreisen, etc. aktiv sind und nur die SprecherInnen und wenige andere den Saal bevölkern. Dies ist auch im europäischen Parlament in Brüssel und Straßburg so, wenn auch der Riesensaal in Straßburg besonders leer wirkt, wenn er eben leer ist. Für den Nichteingeweihten ist es aber doch erstaunlich, dass auch die Präsentation des Programms der neuen Ratspräsidentschaft Mitte Januar nur vor wenigen Beteiligten statt findet. Dies war auch bei der vorherigen Präsidentschaft von Österreich so. Gibt es ein demonstratives Desinteresse des Parlaments an diesem Ereignis? (Die danach stattfindende Diskussion mit Eurobankchef Draghi findet deutlich mehr Publikum.)

Die rumänische Premierministerin Viorica Dăncilă liest brav ihr Konzept für die nächsten Monate vor, das die bereits von Österreich verfolgte Agenda wie Digitalwirtschaft, Kohäsion, soziale Fragen in den Mittelpunkt stellt. Zudem lässt sie erkennen, dass Rumänien schlecht behandelt werde, da es bestimmten "Konditionalitäten" unterworfen und nicht Mitglied des Schengen-Raums sei. Sie gibt zu bedenken, dass dies negative Folgen für die Ansicht der europäischen BürgerInnen von der Gerechtigkeit der EU und den europäischen Werten haben könne. Ansonsten gibt die Rede nur den Wunsch des Festhaltens an den Zielen der europäischen Politik zu erkennen.

Der estnische Stellvertreter von Kommissionspräsident Juncker, Andrus Ansip, verweist in seiner englischen Antwort zunächst auf die gemeinsame Vergangenheit mit der 100-jährigen Staatsgründung. Er betont die Verantwortung, das Zusammenarbeiten, die Einheit und Solidarität und setzt Dăncilă etwas unter Druck, wenn er ausruft: "We count on you!" Ebenso, wenn er die Einheit im eigenen Land als Basis der Präsidentschaft erklärt und hervorhebt, dass die EU nie ihre Werte kompromittieren werde. Und listet zudem die wichtigsten der über 200 Projekte auf, die in die Präsidentschaft fallen.

Der rumänische Politiker und frühere Präsidentschaftskandidat Teodor Stolojan fragt Dăncilă, ob sie auch wirklich erfahrene Minister in der Regierung habe und fordert sie auf, wegen der Schengen-Frage nach den Niederlanden zu fahren, um das dortige Parlament zu überzeugen, seinen Widerstand aufzugeben.

Erstaunlich ist die Stellungnahme von Udo Bullmann, Sprecher der sozialistischen Gruppe, der Dăncilă lobt für ihr Engagement und eine Basis für eine sehr gute Präsidentschaft sieht. Dann schwenkt er auf die Probleme im Justizsystem, Korruption, Geheimdienste und Gerichtsbarkeit ein; Der Sozialdemokrat glaubt, dass man in diesem Zusammenhang auch den Präsidenten Johannis ansprechen und die Dinge beim Namen nennen müsse. Dăncilă sei eine mutige Frau, ihr Reformwille (!) eine exzellente Voraussetzung für die Präsidentschaft! Polemisch verweist der Sozialdemokrat auf den Wettbewerber aus der Europäischen Volkspartei, die ein Land regierten, wo Universitäten geschlossen werden [Ungarn] und ruft: "Kehren Sie vor Ihrer eigenen Tür!" Diese Worte sind vor allem an Guy Verhofstadt von der liberalen Gruppe ALDE gerichtet.

Verhofstadt geht denn auch sofort zur Sache und sieht über die aktuellen EU-Probleme hinaus Rumänien in einer kritischen Zeit und nicht weit entfernt von der Haltung Polens und Ungarns. Insbesondere Liviu Dragnea und Tăriceanu hätten Versprechen nicht eingehalten, etwa die sogenannten Justizreformen an die Forderungen der Venedig-Kommission anzugleichen. Dies sei der Weg der schlechten Praxis.

Auch die Grüne Ska Keller stellt kritische Fragen nach Zivilrechten und der Gefahr der Legalisierung der Korruption. Rumänien stehe nun im Rampenlicht und müsse durch gutes Beispiel führen. Dafür sei bis zum Gipfel im Mai in Hermannstadt/Sibiu noch Gelegenheit.

In ihrer Antwort auf diese und weitere Fragen hebt Dăncilă vor allem auf Fehl- und Missinformation der Kritiker ab, die durch Kritiker aus Rumänien falsch informiert worden seien. Auf Ska Kellers Frage nach der guten Regierung verweist sie auf die ökonomischen Zahlen, die eine gute Regierung ausmachten - auf die eigentlichen Problembereiche geht sie kaum ein. Bullmann lieferte ihr eine Steilvorlage mit seinem Angriff auf Johannis und die Infragestellung der Justiz. Auch seine   Einschätzung der jeweiligen Kritik an Rumänien als Wahlkampfmanöver spielte Dăncilă in die Hände.

 


Panorama eines Bukarester Alltags

 

Gabriela Adameşteanus Meisterwerk Verlorener Morgen

 

 

 

 

 

Das können nur ganz wenige: Aus einem kurzen Tag ein ganzes Jahrhundert erstehen zu lassen, ohne dass der Leser die notwendigen Übergänge aufdringlich findet und schon gar nicht etwa in der Aufmerksamkeit für die Geschichte nachlässt. Und dies alles aus der Perspektive einer alten Frau erzählt, die sich während dieses scheinbar "verlorenen Morgens" an vieles erinnert.

Vica Delcă ist Anfang der 1980er Jahre eine nicht gerade zimperliche alte Frau, sie lebt mit ihrem wenig beweglichen Mann in einer kleinen Wohnung hinter ihrem längst geschlossenen Lebensmittelladen, den sie  in der Coriolan-Straße von Bukarest betrieben. Hin und wieder rafft sie sich auf, geht auf "Tour", um Verwandte und Bekannte zu besuchen, immer mit dem Hintergedanken, dass sie "nie mit leeren Händen zurück [kam]". An diesem sich hinziehenden Morgen sieht sie ihre Schwägerin mit Sohn und die Tochter jener verstorbenen Frau Ioaniu, einer Dame aus der feinen Gesellschaft, bei der Vica ihr Handwerk als Schneiderin lernte: Diese Figuren genügen, um ein ganzes Lebenspanorama mit seinen historischen Streiflichtern zu entwerfen. Es geht dabei weniger um die Gegenwart des kommunistischen Regimes, in dem die Alte nun lebt - sie scheint so wenig mit dieser politischen Realität zu tun zu haben, dass es nur kleiner Hinweise auf die überfüllte Straßenbahn, das Warten in einer Schlange vor einem Geschäft bedarf, um der inneren Gegenwart von Vica auch eine äußere historische Zeit hinzufügen. Vor allem aber geht es um die Reflexion der Vergangenheit, das Nachdenken darüber, wie die Dinge im Privaten wurden, was sie sind. Das Verhältnis zum Ehemann, die Verwandtschaft, die Eltern, der Verzicht auf eigene Kinder. Das Historische stellt sich dann von alleine ein.

Dieser permanente Strom der Gedanken und Wahrnehmungen führt auf die Familie Ioaniu und in die Zeit des Ersten Weltkriegs, als die an dem Morgen von Vica besuchte Tochter noch ein kleines Mädchen war und dessen Vater sich auf die Teilnahme am Krieg einstellen musste. Im Wechsel in die Ich-Form des Tagebuchs dieses Bukarester Bürgers, der von Eifersucht geplagt wird, wird einer der den Fluss des Erzählens kennzeichnenden Übergänge realisiert und dennoch der Zusammenhang des Romans gewahrt. Mit dem Rückgang bis vor den Ersten Weltkrieg gewinnt der Roman eine Tiefendimension, die den "verlorenen" Morgen zu einer Proustschen Suche nach dem Spezifischen von Geschichte und Lebenszeit machen. Ein Roman von europäischer Perspektive und Relevanz. Gabriela Adameşteanus Roman erschien bereits 1983 in Rumänien  und gehört dort zu den Klassikern des 20. Jahrhunderts. Für die flüssige Übersetzung kam Eva Ruth Wemme auf die Shortlist des Preises der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Übersetzung.

 

Gabriela Adameşteanu: Verlorener Morgen (Dimineaţă pierdută). Roman. Aus dem Rumänischen von Eva Ruth Wemme. Berlin: AB - Die Andere Bibliothek 2018, 561 Seiten, ISBN 978-3-8477-0404-1

 

 

UPDATE

Für ihre Übertragung von Gabriela Adameşteanus Dimineaţă pierdută ist am 21.3.2019 Eva Ruth Wemme mit dem Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Übersetzung ausgezeichnet worden.


Journalismus - zwischen Ost und West

 

 

Adrian Sitarus Parabel auf den Optimierungswahn: Fixeur

 

 

 

Abb. 4 Proof Film/ Zeughauskino

 

Der Journalist Radu arbeitet für AFP in Bukarest, spricht fließend Französisch, sitzt im neuen Büro in einem Glaskasten - und will als stromlinienförmiger "young urban professional" den Sohn der Freundin zu Höchstleistungen beim Schwimmen antreiben. Das gelingt nicht ganz, zeigt aber die Optimierungsideen einer jungen städtischen, gut bezahlten Bevölkerungsschicht.

Für einen Auftrag lässt er aus Paris einen Kollegen samt Kameramann kommen, um eine junge Prostituierte, die aus Paris ausgewiesen wurde, in Bistriţa (Bistritz) zu interviewen. Ein Scoop, wie er dem Franzosen klarmacht. Einige Telefonate, ein Besuch bei einem Verwandten im Ministerium, der der Leiterin des Mädchenheims klarmachen soll, dass die Journalisten Zugang zu dem Mädchen erhalten, die Sache scheint eingefädelt. Radu fährt seine Kollegen nach Bistriţa, er ist jetzt der Fixeur, der Stringer, der orts- und kulturunkundige Reporter aus dem Ausland vor Ort den Weg zur Story ebnen soll. Radu nimmt diese Rolle ernst, aber es wird der Moment kommen, wo ihm der Franzose klar macht, dass er nicht der Journalist, sondern der "Fixer" ist und keine Verantwortung für die Story habe. Denn irgendwann erkennt Radu, dass der Wunsch, eine Story zu gerieren, über der emotionalen Unversehrtheit des Mädchens steht. Er rät, die Sache abzubrechen, um das Mädchen nicht zu gefährden und nicht ihre weitere Traumatisierung zu befördern. Letztlich findet das Interview statt, "business as usual" - wenn auch möglicherweise kleine "Unebenheiten" im Gedächtnis bleiben.

Sitaru geht seine Geschichte leicht an, der Alltag ist zwar hin und wieder stressig für Radu und verlangt nach Kompromissen, aber Radu hofft immer, dass dieser Job erfolgreich abläuft. So bleibt es auf einer Ebene der Alltagsbeschreibung mit kleinen Dramen und Problemen, aber scheinbar ohne große Fallhöhe. Nur am Schluss wird etwas sehr durchsichtig die Haltung Radus hinsichtlich seines Erfolgsdenkens hinterfragt. Wie meist im rumänischen Film sind die SchauspielerInnen von besonderer Klasse (etwa Diana Spătărescu als Mädchen oder Adrian Titieni als einheimischer Polizist [Titieni wurde in Bistriţa geboren]).  Sitaru weiß überzeugend, ein Stück rumänischer Gegenwart zu entwerfen.

 

Fixeur

 

(RO/FR 2016, R: Adrian Sitaru, B: Claudia Silisteanu, Adrian Silisteanu, K: Adrian Silisteanu, D: Tudor Aaron Istodor, Mehdi Nebbou, Adrian Titieni, 100')


Sieranevada ist überall

 

Puius Meisterwerk über den rumänischen "lieu de mémoire" 'Wohnblockapartment'

 

 

 

 

Abb. Mandragora SRL / Zeughauskino

 

 

Nicht erst seit Ingmar Bergmans Fanny und Alexander, Thomas Vinterbergs Das Fest oder Martin Scorceses Der Pate ist das familiäre Fest, das Zusammenkommen nach langer Zeit, die Intensität eines kurzen Zeitabschnitts von miteinander verbundenen Menschen ein häufig thematisiertes Motiv der Filmkunst. Lässt es doch präzise Erkundungen menschlicher Psyche, mikrosoziale Prozesse ebenso wie historische Brüche abbilden. Auch im rumänischen jungen Film ist dieses Motiv häufiger zu finden (etwa in Cătălin Peter Netzers Eröffnungsszene seines Berlinale-Siegers "Poziţia copilului). Selten wurde es aber so ausführlich und zugleich virtuos in Szene gesetzt wie von Cristi Puiu in Sieranevada. In dem Dreistundenfilm spielt der größte Teil der Handlung in einer gar nicht geräumigen Wohnung im 7. Stock eines Wohnblocks irgendwo in Bukarest. Dort treffen zusammen die Mutter, zwei Söhne, einer mit Ehefrau, eine Tochter, deren Ehemann und ihr Kleinkind, eine alte Kommunistin, eine Tante mit Sohn und Tochter und (später) Ehemann, ein Priester mit drei Assistenten, eine im Familienzusammenhang nicht definierbare junge Frau, die im Haushalt mithilft aufeinander. Und eine serbische Drogenabhängige. Und eine Nachbarin, die die Pomană im Haus verteilen hilft.

Es geht also um ein Totenritual, das die Mutter für den seit Jahren verstorbenen Ehemann und Vater zu dessen Gedächtnis veranstaltet. Da scheint der Pope unentbehrlich, aber er verspätet sich und alle müssen auf das Essen warten. Außerdem möchte die Mutter, dass ein Totenritual aus der Heimat des Verstorbenen beachtet wird, wonach ein vom Popen gesegneter Anzug von einem der Erwachsenen getragen werden muss - was für einige Komik sorgt. Ironie strahlt auch der Hauptprotagonist Lary aus, ein gemütlich wirkender bärtiger früherer Arzt, der mit Medizintechnik erfolgreich ist. Er steht dem Vorgang distanziert gegenüber, macht ihn aber mit und verfolgt die größeren und kleineren Dramen, die Puiu in einer Tour de force in dieser kleinen Wohnung mit den vielen Türen  zu inszenieren weiß. Je länger man diesem Treiben zuschaut, desto mehr wird man subtil mit hineingezogen in diese familiären Konstellationen aus Liebe, Hass, Unfähigkeit, Schwächen, Unverständnis, diese Gleichzeitigkeit des Ungleichen, wie sie jede/r in der ein oder anderen Form selbst einmal erlebt hat. Puiu geht es dabei nicht um billige Parteinahme auf Kosten der offensichtlich Altmodischen, moralisch Diskreditierten, irgendwie Verpeilten: Selbst die alte Kommunistin erhält ihr Mitspracherecht, wenn sie dem Protagonisten klar macht, dass sie noch vor seiner Geburt in dieser Wohnung seine Eltern besucht hat, diese also länger kennt als er selbst. Oder jener Sebi, der permanent ins Internet starrt und jeder Verschwörungstheorie zu 9/11 hinterherläuft. Keiner kann sich moralisch aufspielen, Puiu scheint auf eine Ethik des Alltagslebens abzuzielen, in der alles im Rahmen bleibt und dieser Rahmen doch permanent diskutiert wird - bis man vergisst, worum es 'eigentlich' geht. Seine virtuose Regie und vor allem Schauspielerführung geben dem Film eine Präsenz der Figuren, die so nahe an dieser Situation ist, wie sie nur sein könnte.

 

Sieranevada

 

(RO/FR/BA/HR/MK 2016, R/B: Cristi Puiu, K: Barbu Balasoiu, D: Mimi Branescu, Bogdan Dumitrache, Dana Dogaru, Ana Ciontea, 173')


"Rekonstruktion"

 

Radu Judes camouflierte Neuaufnahme von "Reconstituirea"

 

 

 

 

 

 

Abb: Hi Film Productions, Bukarest / Zeughauskino

 

 

Vor genau 10 Jahren begann im Berliner Zeughaus-Kino die erste Ausgabe einer  Retrospektive der jungen rumänischen Filmkunst. Sie hieß nicht von ungefähr "Rekonstruktion" und zeigte neben den neuen Preziosen der jungen Rumänen wie "Moartea domnului Lăzărescu", "Poliţist, adjectiv", "4 luni, 3 săptămăni şi 2 zile" auch den Namen gebenden Klassiker der rumänischen Filmgeschichte: Lucian Pintilies "Reconstituirea" von 1969/70, der nach kurzem Start vom Regime verboten worden war. Er zeigt die staatsanwaltliche Rekonstruktion der Gewalttat zweier junger Männer, die gefilmt wird, um zur Abschreckung Jugendlicher vorgeführt zu werden.

Der Eröffnungsfilm der vierten Ausgabe 10 Jahre später, die insbesondere auch Filme von Radu Jude zeigt (s. Programm unter "Aktuelles"), greift auf Pintilies Rekonstruktion in vielfacher Weise zurück. Radu Jude erzählt in "Îmi este indiferent dacă vom intra în istorie ca barbari" (Es ist mir gleichgültig, ob wir als Barbaren in die Geschichte eingehen) ebenfalls die Geschichte eines "reenactements", wie sie in England oder den USA als Nachstellung eines Schlachtengeschehens sehr verbreitet sind. Was hier in Bukarest nachgestellt werden soll, ist die Eroberung Odessas 1941 mit den Massakern an der jüdischen Bevölkerung. Die Regisseurin Mariana Marin (so heißt auch eine rumänische Dichterin) soll für das Bürgermeisteramt eine solche Rekonstruktion inszenieren, gerät aber zunehmend mit der Behörde in Konflikt, da diese ein volkstümlich militaristisches Spektakel erwartet, während die Regisseurin auf der Darstellung der Ermordung der Juden insistiert. Der lange Titel ist das Zitat des seinerzeitigen Außenministers Mihai Antonescu (aus der Regierung des Diktators Ion Antonescu), der dieses vor der Ermordung von über 20000 Juden in Odessa äußerte. Überhaupt stößt die hartnäckige Regisseurin auf viele Zeichen des Unwissens und Wegsehens, wenn es um die Verbrechen der Antonescu-Diktatur im Zweiten Weltkrieg geht. Sie werden in langen Dialogen mit Schauspielern, Geliebtem, Freunden etc. fast  lexikonhaft in Frage gestellt und entlarvt. So steht die Recherche in Büchern und mit alten Filmaufnahmen im Mittelpunkt, es fallen die Namen realer Historiker und ein solcher ist sogar in einer Szene bei der Betrachtung von Wochenschauen zu sehen. Im Gegensatz zu der kennzeichnenden intensiven Schauspielerführung der neuen rumänischen Welle, scheint Jude hier zusammen mit dem Drehbuchautor Florin Lăzărescu einen eher distanzierten Weg zu gehen: Seine DarstellerInnen wirken eher von ihrer Rolle fern, es wird wenig Wert auf präzise Intensivität gelegt, sondern fast schon brechtisch verfremdend das Schauspielerhafte hervorgehoben.

Interessant ist das Wortgefecht mit dem Vertreter des Bürgermeisteramtes (gespielt von Theaterregisseur Alexandru Dabija), wenn es um die Rekonstruktion und ihren Sinn geht. Die Regisseurin muss sich fragen lassen, warum sie dieses Massaker zeigen will und nicht etwa eines an den Herero von 1904 oder andere? Was sie eigentlich heute davon habe, ein historisches Geschehen ausführlich zu zeigen? Ob ihre moralische Befriedigung nur der Vergangenheit zugewandt sei, während auch in der Gegenwart Massaker und Terror geschehen?

Jude scheint bewusst einen eher didaktisch-pamphletistischen Stil gewählt zu haben - für ein Thema, das auf jeden Fall in Rumänien auf der Tagesordnung steht.

 

 

Îmi este indiferent dacă în istorie vom intra ca barbari

(I Do Not Care if We Go Down in History as Barbarians)

 

(RO/D/BG/FR/CZ 2018, R: Radu Jude, B: Radu Jude, Florin Lăzărescu, K: Marius
Panduru, D: Ioana Iacob, Alexandru Dabija, Alex Bogdan, 139')