DANACH...

 

Die Leipziger Buchmesse hat im Frühjahr 2018 als Gastland Rumänien begrüßt und damit eine der dynamischsten literarischen Szenerien Europas näher vorgestellt. Wir wollen dieses Ereignis zum Anlass nehmen, die Literatur, aber auch die Künste und die Geschichte sowohl Rumäniens als auch der Republik Moldau in ihren meist im Westen unbekannt gebliebenen Hintergründen als auch aktuellen Entwicklungen zu beleuchten. In Buchrezensionen, Interviews, Reportagen, Essays und Aufsätzen wollen Autorinnen und Autoren ihre eigenen Themen und ihre Perspektiven auf die Kultur Rumäniens und der Republik Moldau formulieren und damit beitragen zu einer immer noch notwendigen Aufklärung im deutschsprachigen Raum über die kulturellen Landschaften um den Karpatenbogen und zwischen Pruth und Dnjestr.

Dies soll nicht einseitig geschehen, sondern unter Einbeziehung rumänischer bzw. moldauischer AutorInnen.

 

(Kontakt unter: info@kultro.de.)

 


Was es noch zu tun gab/gibt...

Dass die rumänische Literaturszene eine dynamische und vielfältige Erscheinung innerhalb der europäischen Sprachen darstellt, hat sich bei unseren Nachbarn eher herumgesprochen als in deutschsprachigen Verlagen und Redaktionen. Ein Artikel hat vor einigen Jahren darauf aufmerksam gemacht. Vieles blieb unübersetzt, jetzt generierte erfreulicherweise der Buchmessen-Schwerpunkt mehr Interesse an Rumänien und der Moldau. Ein aktueller Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung listet zahlreiche der übersetzten AutorInnen auf, weist aber auch auf noch bestehende Defizite hin.


 

DNA-Chefin Laura Kövesi von Staatspräsident Johannis entlassen

 

Am 9.7.2018 hat in Bukarest Staatspräsident Klaus Johannis die Leiterin der Anti-Korruptionsstaatsanwaltschaft DNA, Laura Kövesi entlassen. Er folgte damit einer Aufforderung des Verfassungsgerichts (CCR). Dieses wiederum hatte die Weigerung Johannis', einer entsprechenden Anordnung des Justizministers Tudorel Toader Folge zu leisten, für nicht legal erklärt.

Kövesi hatte das Amt über fünf Jahre inne, während der eine Reihe von Ministern und hohen Funktionsträgern wegen Korruption verurteilt wurden. Die Ablösung Kövesis und die Beschneidung der justiziellen Unabhängigkeit im Kampf gegen die Korruption war ein wichtiges Ziel der regierenden Koalition aus PSD und ALDE. Kövesis reguläre Amtszeit hätte 2019 geendet. Vor Journalisten betonte Kövesi, dass sie weiterhin Staatsanwältin bleiben werde und rief ihre DNA-Kollegen auf, wie bisher mit Hartnäckigkeit ihre Aufgabe zu verfolgen.

 


Zuspitzung.

 

 

Zur aktuellen politischen Lage in Rumänien

 

 

 

 

Foto: www.kultro.de

 

In den vergangenen Tagen und Wochen hat sich die innenpolitische Situation in Rumänien deutlich verändert. Dies machte auch der Besuch des Präsidenten der Abgeordnetenkammer, Liviu Dragnea (PSD) in der Schweiz am 29.-31 Mai offensichtlich. Schweizer Medien berichteten, dass der Termin unpassend gewählt sei, da am 30. Mai Dragnea das Urteil in einem seiner beiden noch ausstehenden Prozesse erfahren sollte. Kein guter Zeitpunkt für eine Auslandsreise also, worauf auch die Schweizer Filiale der rumänischen Protestbewegung #Rezist aufmerksam machte. Größere Weiterungen hatte diese Koinzidenz zunächst allerdings nicht, da das Gericht mit Hinweis auf die Reise die Urteilsverkündigung verschob, aus anderen Gründen mittlerweile auf den 21. Juni 2018. In den damit gewonnenen Tagen spielt sich allerdings eine Verschiebung der Macht auf der Bukarester Politbühne ab, die entscheidend für die Zukunft des Landes werden könnte. Denn während Dragnea in die Schweiz reiste, entschied der CCR (Curtea Constituţională României, Verfassungsgerichtshof) mit Mehrheit, dass der Präsident Klaus Iohannis nicht ermächtigt sei, die von Justizminister Tudorel Toader geforderte Entlassung der Präsidentin der DNA, Laura Kövesi, länger zu verhindern.

 

Die DNA entwickelte sich unter Kövesi zu einer konsequenten Verfolgerin der Gesetzesverstöße von Politikern aller Couleur ob in hohen oder niedrigen Ämtern. So mussten bereits mehrere Minister den Gang in das Gefängnis antreten. Zuletzt hat sich die frühere Ministerin für Tourismus unter Präsident Traian Băsescu, Elena Udrea, nach Costa Rica begeben, bevor ein Gericht in Rumänien sie zu sechs Jahren Haft verurteilt hat. Die DNA unter Kövesi wurde von durch Strafverfolgung bedrohten korrupten Politiker zur Hauptgegnerin erkoren, unter ihnen eben auch Parteichef und Präsident der Abgeord-netenkammer Liviu Dragnea, der bereits verurteilt ist und daher nicht das wichtige Amt des Premier-ministers einnehmen kann und dessen politische Karriere mit einer weiteren Verurteilung beendet wäre.

 

Die Entscheidung des CCR bedeutet einen schweren Schlag für die Antikorruptionsstrategie des Präsidenten. Der frühere Premierminister Daniel Cioloş sprach von einer "Umwandlung des Ver-fassungsgerichts in einen politischen Akteur". Auch der Politiker Cristian Ghinea von der neu ins Parlament gewählten alternativen Partei USR (Uniunea Salvaţi România; Union Rettet Rumänien) sprach von einer "absurden Entscheidung, durch die de facto die Autorität des Präsidenten aufgelöst werde". Noch weitergehend sah der Chef der größten Oppositionspartei PNL (Partidul Naţional-Liberal), Ludovic Orban, einen in einen Gerichtsentscheid gewandeten Staatsstreich, der die Demokratie in Gefahr bringe.

 

Dem aus Teleorman stammenden PSD-Politiker Dragnea gelang es mit der auf nur 20% der Stimmen (44% der an der Wahl Teilnehmenden; Wahlbeteiligung: 39,42%) und einer Koalition mit der ALDE beruhenden Parlamentsmehrheit in den letzten Jahren immer wieder, Gesetze auf den Weg zu bringen, die die Institutionen in die von Dragneas Partei gewünschte Richtung lenkten. So geht es ihm vor allem um die Zähmung der Justiz in Korruptionssachen. Bislang scheiterten alle Versuche, Korruptionsdelikte lediglich ab einer bestimmten Summe verfolgen zu lassen, am Veto des Präsidenten Johannis. Ein weiteres Vorhaben zielt auf die Veränderung der Justiz im Gesamten: Die Staatsanwälte sollen dem Justizminister unterstellt werden, statt bisher dem Präsidenten. Bei der politischen Polarisierung und dem bei Politikern in Rumänien wenig ausgeprägten Verantwortungsbewusstsein für die demokratischen Strukturen ein heikles Thema, das zudem offensichtlich den ganz konkreten Zweck verfolgt, die Aktivitäten der Staatsanwälte und Richter gegen korrupte Politiker zu bremsen. Auch der jetzige parteilose Justizminister Tudorel Toader, Professor für Jura und Rektor der Universität in Iaşi (Jassy) trägt diese waghalsige Strategie der PSD-ALDE-Koalition. Die Selbstverwaltung der Richter (CSM; Consiliul Superior al Magistraturii) hat mit großer Mehrheit dieses Ansinnen scharf verurteilt. Ebenso der Generalstaatsanwalt.

 

Ist die Absicht Dragneas und anderer PolitikerInnen nur allzu offensichtlich, so sucht er sie zudem mit einer Ideologie der "Rettung vor bösen Mächten" zu bemänteln. Seine Parteigänger sprechen von einem "stat paralel", von einer Justizdiktatur der DNA mit Bespitzelung der Gesellschaft wie zu Zeiten der Securitate. Um gegen die europaweit wahrgenommenen massenhaften Proteste der Zivilgesellschaft gegen Dragneas Justizpolitik eigene Bilder zu setzen, hatte die PSD am Samstag, 9. Juni, zu einer großen Demonstration nach Bukarest geladen. Organisiert von den PSD-Parteibüros in den Kreisen brachten Busse und Züge etwa 200000 Menschen auf den Platz vor dem Regierungsgebäude, auf dem sonst die Oppositionellen gegen die Regierung demonstrieren. Nach der Bukarester Oberbürgermeisterin Gabriela Firea, dem Koalitionspartner Călin Popescu Tăriceanu (ALDE) und der Premierministerin Viorica Dăncilă sprach Dragnea selbst und versuchte, das Bild eines Überwachungsstaates zu zeichnen, der jeden verhören und denunzieren wolle: „Ein System, das die staatlichen Institutionen nicht legitim gebraucht, außerhalb und parallel zur Demokratie, zum durch Wahlen ausgedrückten Willen des Volkes. Alle diese Dinge können mit einem Wort umfasst werden: Securitate.“ Erstaunlich für einen Politiker, der bereits wegen Wahlfälschung verurteilt wurde und auf zwei weitere Urteile wartet. Dragnea schließt mit den die Dimensionen seines Denkens entlarvenden Worten zur in weißen T-Shirts einheitlich gekleideten Menge: "Ich habe die weiße Farbe gewählt, weil Weiß die Sauberkeit symbolisiert! Das ist, was wir machen! Wir säubern das Land von dem Dreck, den diese Ratten verbreiten!" Die komplette Verdrehung der Sachlage scheint die Hauptagenda des starken Mannes in der rumänischen Politik darzustellen. Ob ihm diese vor der Menge gelingt, ist fraglich: Zahlreiche der Protestierer (gegen wen oder was? Einige trugen Schilder "Jos labele de pe salarii şi pensii" - Finger weg von den Löhnen und Renten) schienen kaum den Anlass ihres Ausfluges in die Hauptstadt verstanden zu haben, zu dem sie wohl von Arbeitgebern, Familienvätern, Freunden animiert wurden. Bei der Rede Dragneas leerte sich der Platz bereits für die Rückreise. Zeitweise erschien auf dem Regierungsgebäude das Motto der Opposition: #Rezist.

 

Dennoch: Der größere politische Zusammenhang und die Breite der Angriffe lässt Beobachter vermuten, dass Dragnea ein noch umfassenderes Ziel ins Auge genommen hat – die Umwandlung des rumänischen Präsidialsystems in ein Parlamentssystem. Darauf hin weisen etwa die am Präsidenten vorbei be-schlossene Verlegung der rumänischen Botschaft in Israel von Tel Aviv nach Jerusalem. Oder die immer schärfere Kritik am Agieren des Präsidenten.

 

Weitergehend überlegen einige PSD-Politiker, ob man Johannis nicht im Falle einer weiteren Ablehnung der Entlassung Kövesis einem Suspendierungsverfahren unterziehen solle, wie es die PSD seinerzeit unter Victor Ponta im Falle Traian Băsescus versuchte. Noch in dieser Woche soll eine weitere Veränderung der Justizgesetze das Parlament im Schnelldurchgang passieren und möglicherweise sogar ein Amtsenthebungsverfahren gegen Johannis eingeleitet werden. Das Urteil gegen Dragnea im Prozess mit seiner Ex-Ehefrau wegen Anstiftung zum Mißbrauch im Amt und Anstiftung zur Fälschung ist ebenfalls diese Woche für den 21. Juni vorgesehen.

 

 

UPDATE  19.6.2018

 

Am späten Montagabend, 18.6. hat die Mehrheit aus PSD, ALDE, UDMR (Uniunea Democrată Maghiară din România; "Ungarnpartei") der Abgeordnetenkammer des rumänischen Parlaments die Veränderung des Prozessrechts (Codul de procedură penală) beschlossen. Die Oppositionspartei PNL kündigte an, das Verfassungsgericht CCR gegen das Gesetz anzurufen. Zudem monierte die Opposition, dass das Gesetz erst um 18.45 Uhr aus dem entsprechenden Ausschuss kam und dann nur kurze Zeit debattiert wurde, bevor die Abstimmung begann. Sie endete mit 175 Stimmen pro, 78 contra und 1 Enthaltung.

Nach dem jetzt beschlossenen Gesetz kann eine endgültige Entscheidung in einer Sache rückgängig gemacht werden, wenn der Fall nicht von den Richtern der ersten Instanz unterschrieben wurde (genau dies trifft bei Dragneas Verurteilung zu zwei Jahren Haft mit Bewährung zu). Weitere Veränderungen des Prozessrechts betreffen u.a. die Möglichkeit zur Anklageerhebung, der staatsanwaltlichen Mitteilungen an die Öffentlichkeit, der Begrenzung der Ermittlungszeit auf 1 Jahr, Strafminderung für Kronzeugen nur innerhalb von 6 Monaten nach der Tat.

 

UPDATE 21.6.2018

 

In mehreren Städten Rumäniens kam es am Mittwoch zu spontanen Demonstrationen und Protesten gegen die Verabschiedung des neuen Codul de procedură penală. Auf dem Piaţa Victoriei in Bukarest versammelten sich ca. 4000 Protestierer, in Cluj ebenso viele, in Iaşi, Hermannstadt (Sibiu) ebenfalls mehrere Tausend. In Bukarest kam es zu Auseinandersetzungen mit der Jandarmeria (Gendarmerie). Der deutsche Journalist Paul Arne Wagner wurde von den Gendarmen festgenommen. Er ist Autor einer kritischen Reportage über die Bereicherung des Präsidenten der Abgeordnetenkammer und Vorsitzenden der PSD, Liviu Dragnea im Kreis Teleorman, wo Dragneas Aufstieg begann. Auch im Parlament gab es Proteste während einer Rede der Premierministerin Viorica Dăncilă über die Ratspräsidentschaft Rumäniens im ersten Halbjahr 2019.

 

17:33

PSD-Chef Liviu Dragnea ist wegen Anstiftung zum Betrug zu 3,5 Jahren Gefängnis ohne Bewährung verurteilt worden. In das Strafmaß geht seine Verurteilung zu einer Bewährungsstrafe ein, die jetzt als Gefängnisstrafe abzusitzen ist. Zu dem Urteil ist Revision möglich.

 

UPDATE 26.6.2018

Am Mittwoch, 27.6.2018 stimmt das Parlament in Bukarest über den Misstrauensantrag der Oppositionspartei PNL gegen die Regierung von Viorica Dăncilă ab. Der Präsident der PNL, Ludovic  Orban, appellierte an die UDMR (Vertretung der Ungarn) nicht länger die Koalition aus PSD und ALDE zu unterstützen.

 

Mittlerweile scheint der PSD-Vorsitzende Liviu Dragnea von der Absicht, weitere Veränderungen in der Struktur der Justizgesetze durch Notverordnungen einzuführen, abgekommen zu sein.

 

 

UPDATE 27.6.2018

 

Das Misstrauensvotum gegen die Regierung Dăncilă (PSD) ist gescheitert: Von notwendigen 233 Stimmen erhielt der Antrag nur 166.

 


Dragnea redet

 

Aus der Parallelwelt eines Antidemokraten

 

 

Nach der Verurteilung ihres Vorsitzenden zu dreieinhalb Jahren Gefängnis ohne Bewährung hat sich die Führungsspitze der PSD am Freitag, 22. Juni zu einer Beratung im Parlament in Bukarest getroffen. Nach der Besprechung trat der PSD-Vorsitzende Liviu Dragnea vor die Kameras und Mikrofone und hielt eine kurze Ansprache, die das Ergebnis der Beratung hinsichtlich seiner Zukunft resümieren sollte. Es war ein gespenstisches Zeugnis.

 

Dragnea spricht ruhig leise, keine Emotionen zeigend, fast schon wie ein schüchterner Schüler, der einen auswendig gelernten Text wiedergibt. Um seine Aufregung zu kaschieren, schluckt er. Wenn er sich verspricht, wiederholt er das falsche Wort korrigiert. Was er sagt, ist ungeheuerlich.

 

Zunächst beschreibt er seine Beteiligung am Prozess als "hereingezerrt", hereingeschleift" (târât) auf der Basis der Aussage von zwei im Prozess angeklagten Frauen. Beide hätten ihre vor der Antikorruptionsbehörde DNA (Direcţia Naţională Anticorupţie) gemachte Aussage in das Gegenteil verkehrt: Beide hätten auf die Frage, ob er Druck auf sie ausgeübt habe, bestimmte Dinge zu tun, mit Nein geantwortet. Es habe im Prozess eine "Massenexekution" (execuţie de mase) stattgefunden mit 9 Verurteilten, um seine Verurteilung zu rechtfertigen. Nur ein Richter [von dreien] habe sich dem widersetzt und halte ihn für unschuldig. Und Dragnea fügt noch einmal hinzu: "und sieht mich auch jetzt als unschuldig" (şi mă vede şi acum nevinovat).

 

Nach dieser verkürzten Darstellung des Prozesses geht Dragnea auf die Sitzung der Parteispitze ein. Es habe Gespräche gegeben um seine beiden Mandate [i.e. Präsident des Abgeordnetenhauses und Vorsitzender der PSD]. Jeder einzelne Kollege habe frei seine Meinung und Unterstützung geäußert, und ihn gebeten, keine persönliche Herangehensweise an die Situation einzunehmen: Denn wichtiger als er seien die Stabilität des Landes, die der Regierung und die Erfüllung jeden einzelnen Punktes des Regierungsprogramms, das bereits positive Effekte habe und weiterhin haben werde sowie die Stabilität der Partei. Hier fügt Dragnea ein "sagten sie" (au spus ei), wenn es um die große Gefahr der Auflösung der Partei geht. Und sie sagten, dass sie nicht zögern sollen im "Kampf, den sie begonnen haben einerseits für die Normalisierung der Justizgesetze und des Strafrechts und andererseits für die Auflösung dieses okkulten Systems." Er habe darauf erwidert, dass er keinerlei Zögern kenne, dass er bis ans Ende gehen werde.

 

Seine Ziele blieben die gleichen: der Parallelstaat (statul paralel) - "wie wir ihn nennen" - (așa cum îl numim noi) wird zerschlagen werden. Mit "Parallelstaat" meint Dragnea das von der PSD behauptete "okkulte System" in der Justiz, das angeblich die Antikorruptionsstaatsanwaltschaft der DNA und DIICOT umfasst, sowie die oppositionellen Inhaber von Staatsämtern, vor allem Staatspräsident Klaus Johannis, die gemeinsam angeblich eine der Securitate ähnliche Aushorchungs- und Unterdrückungsmaschinerie betrieben... Das sagt ein gerade zum zweiten Mal verurteilter Politiker, der in seinem Herkunftskreis Teleorman sich vom Kneipenbesitzer zum reichsten Politiker "hochgearbeitet" hat. So beurteilt der PSD-Chef die Arbeit gegen die Korruption! Die Zerschlagung dieses angeblichen "stat paralel" würde die Zerschlagung der fragilen Grundlagen der Demokratie im EU-Land Rumänien, das als eines der korruptesten in Europa gilt, bedeuten.

 

Danach setzt Dragnea zum verfehlten vermeintlichen rhetorisch-emotionalen Höhepunkt seiner kurzen Rede an. Er bittet "jetzt vor Ihnen und denjenigen, die uns zuschauen, die Tausenden um Verzeihung, von denen einige im Gefängnis sitzen aufgrund eines nicht verfassungsmäßigen Artikels, andere werden vor Gerichte gezerrt (târâţi) auf der Basis dieses sowjetischen Artikels, andere werden vor die DNA geschleift und es gibt noch andere Tausend oder zehntausend, die nicht einmal wissen, dass es eine Akte über sie gibt." (miilor de români care unii stau în puşcărie pe un articol neconstituţional, alții sunt târâți în tribunale pe baza aceluiași articol sovietic, iar alții sunt târâți pe la DNA și mai sunt și alte mii sau zeci de mii care nici măcar nu știu că au dosar)  Mit dieser absurden Übertreibung und der ebenso absurden Denunzierung der Antikorruptionsarbeit stellt sich Dragnea außerhalb des liberalen Rechtsstaates, der Rumänien sein will. Er bittet die verurteilten korrupten Politiker um Entschuldigung, dass er sie nicht mit seinen Gesetzesmanipulationen aus dem Gefängnis geholt hat! Man wird Dragnea später in der Presse vorrechnen, dass genau 68 Verurteilte aufgrund von Korruptionsfällen aktuell im Gefängnis sitzen, während Dragnea die steigende Zahl der Verarmten oder der ihre Arbeit korrekt Verrichtenden und sich nicht Bereichernden nicht um Verzeihung bittet. Seine ganze peinliche Pose ist eine absurde Farce.

 

Dragnea bittet dann auch um Verzeihung, dass es so lange gedauert hat, den Codul Penal zu verändern! Veränderungen, die allgemein als Erleichterungen der Verteidigung von Angeklagten kritisiert werden. Und fügt - für einen Parlamentspräsidenten disqualifizierend - hinzu, dass die korrekte Vorgehensweise im Parlament eine falsche war! Weil man im Parlament nicht mehr von einer normalen Vorgehensweise, Debatten, Verabschieden und Verkündung, sprechen könne: Alle Gesetze würden attackiert, zurückgeschickt - nur um sie nicht Realität werden zu lassen. Es soll die Regierung gestürzt werden, die PSD zerstört werden, die parlamentarische Mehrheit zerstört werden.

 

Die Schlüsse, die Dragnea zieht, zielen auf die Abschaffung des parlamentarischen Rechtsstaates:

"Meine Entscheidung ist sehr fest: Ich bleibe in der Führung der sozialdemokratischen Partei, um all diese Fragen an ihr Ziel zu führen und ich werde sie ans Ziel bringen. Ich bleibe auch in der Führung der parlamentarischen Mehrheit zusammen mit Präsident [des Senats] Cătălin-Popescu Tăriceanu. Der Misstrauensantrag [der oppositionellen PNL am 27. Juni] wird nicht durchgehen. Im Gegenteil: Meine Kollegen und ich haben entschieden, noch viel fester zu sein und noch radikaler mit allem, was wir tun müssen." Was er unter "radikaler" verstehen könnte, hat sein Stellvertreter Paul Stănescu mit dem Satz: "Seid bereit mit dem Gewehr bei Fuß, wenn der Parteipräsident pfeift" möglicherweise illustriert oder die Arbeitsministerin Vasilescu, die auf ihrem Facebook-Account Bilder von Wasserwerfern bei Demonstrationen zeigt. Oder die Verhaftung des deutschen Journalisten Paul Arne Weber durch die Jandarmeria bei völlig friedlichen Protesten auf dem Piaţa Victoriei in Bukarest.

Dragnea fügt hinzu: "Ich fürchte mich weder vor Johannis, noch Hellvig [Geheimdienstchef], noch Pahonţu [General der militärischen Spezialeinheit], noch Kövesi [DNA-Chefin], noch Băsescu [Ex-Staatspräsident], noch Ponta [PSD, früherer Premierminister, den Dragnea ablöste], noch Oprea, noch anderen."

Ohne die Tatsache auch nur in Betracht zu ziehen, dass er als gerichtlich verurteilter Politiker keine politische Zukunft mehr hat, gebraucht er am Schluss seiner Ansprache die Floskel von seiner Verantwortung, die er übernommen habe und zu Ende ausführen werde.

Entlarvend, gespenstisch, skrupellos - mit dem verzweifelten und zerstörerischen Festhalten Liviu Dragneas an der Macht bewegt sich Rumänien aus der Wertegemeinschaft der EU.


Lyrische Positionen

 

Claudiu Komartin und Alexandru Bulucz

 

 

Das Baumhaus im Berliner Bezirk Wedding ist eine Initiative von Bewohnern des Gebäudes, die sich vor zwei Jahren entschlossen,

Claudiu Komartin (links), Alexandru Bulucz Foto: www.kultro.de

 

einen Raum zu schaffen für Aktivitäten, Diskussionen, Lesungen, Ausstellungen. Von dem Wunsch nach gesellschaftlicher Veränderung angetrieben, insbesondere was die Verhinderung der Zerstörung menschlicher Lebensgrundlagen angeht, haben sie einen großen Raum im Parterre umgebaut, so dass er in der Tat aussieht wie ein Baumhaus, mit Holzverschlägen, Astgewirr und einem "Baum" mitten im Raum. Vielleicht war es dieses Ambiente, das das Literarische Colloquium Berlin (lcb) vom fernen Wannsee animierte, am 22. Juni 2018 eine Lesung des rumänischen Gastes hier im Norden der Stadt im Baumhaus zu organisieren.

Der Lyriker Claudiu Komartin hat sich in Rumänien bereits einen Namen gemacht als Dichter, Organisator des Lesekreises "Institutul Blecher", Verleger der Casa de Editură "Max Blecher" und der Zeitschrift "Poesis internaţional". Ihm zur Seite war als Moderator, aber auch mit seinen Gedichten der Lyriker, Übersetzer und Philosoph Alexandru Bulucz, der seit längerem in Berlin lebt.

Bei der Vorstellung Komartins hob Bulucz dessen politisches Interesse hervor, das ihn zu einem der seltenen explizit 'engagierten' Dichter seiner Generation in Rumänien mache. (Das Blog Komartins trägt als Motto die Zeile: Poezia e forma de rezistență a unui koala față în față cu buldozerele trimise de Corporație. [Poesie ist die Form des Widerstands eines Koala gegenüber den von der Firma geschickten Bulldozern.])

Komartin verwies auf  die etwa bis ins Jahr 2000 dauernde Nachwende-Abneigung gegen die sich einmischende Literatur, was auf den "proletcultism" der kommunistischen Ära zurückgehe. Danach sei aber die Präsenz des Dichters, das in die Wirklichkeit Eintreten (împlicare în real)  -Komartin verweist auf den frühen Enzensberger -  sichtbarer geworden. Im Idealfall sei Literatur per se widerständig, der Dichter leiste ein Bekenntnis - er sei Zeuge.

Komartins Gedicht "Marvin Pontiac" macht das Politische evident, indem es - poetisch verwebt in einen Maschinenrhythmus, der in Komartins Lesung expressiv präsent ist - von einem US-Schwarzen in der früheren Autostadt Detroit 'erzählt'. Auch in "fericiţi cei" (Selig sind; Übersetzung Georg Aescht) betont der Lyriker stark wie ein einfallender Schlag in den Ablauf der Wörter das Wort "pace". Ebenso sensibel in ihrer Wortmächtigkeit geben die Gedichte "Ceaun" (Kessel) und "2091 A.D." ein dichtes Panorama heutiger und zukünftiger politischer Zustände. In "Kessel" wird einem diffusen Gefühl des Verdachts, der Unzufriedenheit, des Zweifels Wort und Raum gegeben:

 

 

să vorbim despre corali
despre delfini și balene

 

și despre oceane peste care se întind
dârele rachetelor

 

ultima șansă a lăcustei bipede în urma ei doar

 

solul otrăvit, doar vegetația pipernicită,

 

litania progresului permanent

 

roboți sfioși & ecrane hipnotice

 

 

"reden wir über Korallen

über Delfine und Wale

und über die Ozeane darüber sich die Streifen

der Raketen strecken

die letzte Chance der zweifüßigen Heuschrecke hinter ihr nur

die vergiftete Erde, nur die verkümmerte Vegetation

die Litanei vom permanenten Fortschritt

schüchterne Roboter & hypnotische Bildschirme".

 

In "2091 A.D." ist diese kritische Haltung eines Alten kontrastiert mit dem jugendlichen revolutionären Glauben an die neue Welt:

 

Pe cer ardeau câteva supernove, sateliții bâiguiau

 

pe frecvențe demult istovite, metal

 

sfârâind la intrarea în atmosferă, amintiri glorioase sub

 

păturile rărite, piele descuamată, timp-glod.

 

 

"Am Himmel brannten einige Supernovae, die Satelliten brabbelten

auf längst erschöpften Frequenzen, Metall

zischend beim Eintritt in die Atmosphäre, ruhmreiche Erinnerungen

unter den dünnen Decken, Hautabschilferung, Zeit-Schlamm."

 

(beide Übersetzungen: Alexandru Bulucz, erschienen in der Grazer Literaturzeitschrift "Lichtungen" No. 154).

 

Komartins sensibles Sprachgefühl reichert seine Gedichte mit Realität, Welt und Energie an. Ihre dystopischen Qualitäten sind dabei nicht nur als politische, sondern auch poetische zu verstehen. Die  Kraft der melancholischen Weltsicht lässt jeweils neue Bilder entstehen, die über das Sichtbare hinaus in neue Sprachwelten weiterführen.

Den Reiz eines Abends wie dem im Baumhaus macht der Kontrast aus: Alexandru Bulucz' las aus seinen Gedichten "Stundenholz", "Es hat was", "Hl. Creszentia", "Karl-Marx-Städter Psalm" und "Gespräch im Gebirg II". Seine mit einer hinter den Wörtern aufscheinenden philosophisch-metaphysischen Dimension versehenen eigenwilligen Prosagedichte sind ganz anders als die Komartins, aber plötzlich ergeben sich wie Kommentare erscheinende Nähen:

 

Nun bewegen sie Massive hinter unsichtbare
Berge
von Datenmüll, menschlichem Abfall. Ohne Überreste-Glibber, Ratten
und Gestank,
nur Jibber-Jabber, Kauderwelsch. Ohne Augen – keine Gipfel der Ver-
zweiflung,
null Material. Nur Seekabel, nur Meer schraffierendes Gedärm, libidinöse
Pfeile
durch verlorene Zusammenhänge, zahllose Ösen, Äxte, Verdautes im
Kabeldebakel
auf dem Weg zu Gletscherschmelze, unheiligen Halden, Haufen, Kippen,
Tonnen, Deponien ...

 

[aus: Es hat was. In: Sprache im technischen Zeitalter No. 225]

 

Obwohl von einer völlig verschiedenen sprachlichen Herangehensweise her konstruiert, verarbeiten auch Bulucz' vielgestaltigen Gedichte offensichtlich Gegenwart, binden diese aber häufig zurück an epochale Denkgebäude und ihre Trümmer. So können "Jesus" oder "Dornenkrone" oder "gebenedeit" auftauchen, daneben aber Heroinabhängige im Chemnitzer Bahnhof oder Körperfunktionen oder der Altbauleerstand in Chemnitz. Einen dichten Bezug zur rumänischen Landschaft stellt "Stundenholz her:

 

Wir flogen
Karpatenhügel entlang, über den südlichen Bug. Den bukowinischen
Fragen, wo Heimat
beginne, Erinnerung ende, glaube ich die Fragezeichen. Wir flogen über
Holzrauch
von Klöstern, über liturgische Rufe aus Stundentrommeln von Mönchen,
„toaca“-
Klänge spannten eine Himmelsleiter auf uns zu und über uns hinaus. Wir
beteten mit
den Orthodoxen, den Mönchen, die zu uns heraufkletterten, den Kopten,
Griechen,
Armeniern, Bulgaren, Russen usw. (Letten, Esten, Litauern). Ahnt Ihr,
Rose, was
ich glaube? Dass die rumänischen Mütter ihre Söhne zu Mönchen erzie-
hen. Früh schon
zeigen sie ihnen, wie „salată de vinete“ gemacht wird.

 

Dass in diesem Gedicht eigentlich eine Allusion an Gertrude Steins Titel von der Rose verborgen ist, kennzeichnet den Horizont von Bulucz' Lyrik. Mit Komartin gemeinsam hat bei aller Unterschiedlichkeit Bulucz hier die Weite der sprachlichen Zugänge zur Welt, die vorzustellen, diesem Abend rumänisch(er und)-deutscher Lyrik im Weddinger Baumhaus auf  zur Lektüre anregenden Weise gelang.

  • "Lichtungen" No. 154
  • Sprache im technischen Zeitalter No. 224 und 225
  • Claudiu Komartin: Maeştrii unei arte moribunde. Poeme alese 2010-2017. Chişinău: Cartier 2017 (Cartier de colecţie Nr. 11)
  • ders.: Und wir werden die Maschinen für uns weinen lassen. Gedichte. Rumänisch/Deutsch. Übersetzung: Georg Aescht. Wien: Edition Korrespondenzen 2012
  • Alexandru Bulucz: Aus sein auf uns. Gedichte. München: Allitera Verlag 2016 (Lyrik Edition 2000)

Dragnea in Bern - "#Rezist" auch

 

Die Einladung des Schweizer Nationalrates an die Spitze der rumänische Abgeordnetenkammer scheint eine Normalität auszudrücken - da deren Präsident aber Liviu Dragnea ist, wundern sich viele über diese Aufwertung des Politikers auf internationalem Parkett.

 

Vor einigen Tagen meldete die rumänische Presse, dass die Leitung des Abgeordnetenhauses - darunter dessen Präsident Liviu Dragnea (PSD), der Vizepräsident und Abgeordnete Petru Gabriel Vlase (PSD), Anca Spiridon, Generaldirektorin  der Kanzlei des Abgeordnetenpräsidenten, sowie Paul Mihail Ionescu und Paula Turcu als Berater - am 29. bis  31. Mai den Schweizer Nationalrat in Bern besuchen werden. Ausgesprochen wurde die Einladung von dessen Präsidenten Dominique de Buman.

Was zunächst so geschäftsmäßig aussieht, hat Proteste in der rumänischen Diaspora in der Schweiz hervorgerufen. In einem offenen Brief  an den Nationalratspräsidenten du Buman drückt "#Rezist Zürich" seine "tiefste Enttäuschung über Ihre Initiative aus, eine so hoch kontroverse politische Person ins Schweizerische Parlament einzuladen".  Dragnea sei "strafrechtlich verurteilt und sitzt gerade seine zweijährige Strafe für Wahlfälschung auf Bewährung ab." Der Empfang des rumänischen Politikers stehe "im Widerspruch zu den internationalen Bemühungen der Schweiz zur Einhaltung europäischer Standards im Bereich Rechtsstaatlichkeit und Unabhängigkeit der Justiz in Rumänien" und der Bekämpfung der Korruption.

Besonders auffällig sei die Tatsache, dass gerade am 29. Mai gegen Dragnea ein weiteres Urteil anstehe:

Dann entscheidet der höchste Kassationsgerichtshof über ein Verfahren wegen Amtsmissbrauch, in dem die Staatsanwälte auf 7 Jahre und ebenso weitere 2 Jahre Haft plädieren. "#Rezist Zürich" findet besonders skandalös, dass an diesem Tag Dragnea offiziell im schweizerischen Parlament empfangen werde und sich nicht dem Urteil in Rumänien stelle.

Mittlerweile hat der Schweizer linke Abgeordnete Sommaruga in einem Interview seine Verwunderung über die Einladung des verurteilten und weiterhin angeklagten rumänischen Politikers ausgedrückt: "Es erscheint mir inopportun, in der Schweiz einen Politiker zu empfangen, der verurteilt und angeklagt ist, besonders wenn dies gerade an dem Tag stattfindet, an dem er ein weiteres Urteil erwartet. Durch diesen Besuch hinterlässt Liviu Dragnea den Eindruck, dass er die Entscheidung des höchsten Gerichts politisch beeinflussen will, indem er zeigt, dass er in einer konsolidierten Demokratie wie der Schweiz willkommen ist. Ich glaube, das Schweizer Parlament wurde von Liviu Dragnea manipuliert."

"#Rezist Zürich" hat für Mittwoch zu einer Demonstration in Bern aufgerufen.



Bukarest - Berlin.

David Wagners erinnertes Tagebuch

 

"Vielleicht habe ich das alles ja nur geträumt: Eine Wohnung in einer unbekannten Stadt, viel Zeit und genug Plastikfoliengeld, um jeden Tag Strudel cu mere kaufen zu können." David Wagners Melancholie und Präzision haben ihn zu einem der bekanntesten und aktuellsten Schriftsteller unserer Befindlichkeiten im 21. Jahrhundert werden lassen. Unnachahmlich seine Beobachtungen auf  langen Berlin-Wanderungen, seine lakonisch-treffenden Wahrnehmungen, sein Pathos des Alltäglichen. In der Nachbemerkung des Buches erwähnt der Erzähler "eine Datei, die Bukarester Tagebuch heißt. Ich öffnete sie, begann zu lesen, las, las mich fest, und wunderte mich: Hatte ich das geschrieben?"

Solchermaßen verklausuliert geht der Autor an die Publikation eines Tagebuches, das großenteils mit Klarnamen versehen ist. Der 'Erzähler' kommt am Flughafen Otopeni an, wird von Simona und Bogdan abgeholt und in einer Wohnung untergebracht. Er ist Schriftsteller und hat einen Aufenthalt im ihm unbekannten Bukarest erhalten (im Austausch mit Simona, die nach Berlin kommt). Die Stadt ist neu und unbekannt - also ein idealer Gegenstand für das permanente Beobachten, Vergleichen, in Worte Fassen der fremd erscheinenden Welt. Der schmale aber vielseitig reflektierende Band lässt sich aus dieser Perspektive als ein rares Stück der Erinnerung an Bukarest um die Jahrtausendwende lesen. Es fällt das Plastikgeld auf, die Alarmanlagen der Autos, der Parlamentspalast und vieles andere. Alles gibt dem Melancholiker Anlass für grundsätzliche Überlegungen: "Man solle nur über das schreiben, was man kenne, sagt Naipaul. Womöglich hat er recht. Wann aber, ab wann, kenne ich etwas? Wie lange dauert das? Und wenn ich etwas ganz genau kenne, ist es dann nicht zu spät?"

'Handlung' ergibt sich durch die kurze, aber einschneidende Rückreise nach München, die im Hintergrund zu erahnende familiäre Konfliktsituation, auch durch die Insights in den Betrieb der wichtigen Kulturzeitschrift "Observator Cultural", vor allem aber durch einen Besuch bei Gellu Naums Witwe in Bukarest und deren Ferienhaus in Comana. Hier erhält der Erzähler einen Sommermantel des Surrealisten, den er nach Berlin bringen soll, um ihn Oskar Pastior zu überreichen. Ein abwechslungsreiches Spiel um Realität und Fiktion eines Schriftstellerlebens vor Bukarester Hintergrund.

 

David Wagner: Romania. Verbrecher Verlag, Berlin 2018, 143 Seiten, ISBN 978-3-95732-306-4

 


 

Securitate und Literatur

 

Mit Gabriela Adameşteanus "Begegnung" (Wieser Verlag Klagenfurt) und Doina Ruştis "Das Phantom in der Mühle" (KLAK Verlag) findet sich in zwei Neuübersetzungen aus dem Rumänischen das Thema der früheren Geheimpolizei Securitate wieder als ein aktuelles. Dass diese keine Novitäten darstellen, behandelte die "Lesart" von Deutschlandradio Kultur in einem Gespräch.

 

"Lesart" vom 5. März 2018

 


Literatur und Protest - Rumänische Schriftsteller und die aktuelle Politik

 

Die jüngsten Ereignisse in der politischen Szenerie Rumäniens haben Tausende auf die Straße getrieben. Umfassende "Justizreformen"verbergen kaum die Absicht, die Staatsanwälte und Richter dem politischen Amt des Justizministers zu unterstellen und ihre Unabhängigkeit zu gefährden. Viele - darunter z.B. 4000 "magistraţi" und auch der Generalstaatsanwalt - haben sich gegen diese Absicht ausgesprochen. Nach dem zweiten Rücktritt des Ministerpräsidenten in einem halben Jahr und der erstmaligen Benennung einer Frau in dieses zentrale politische Amt scheint sich an der Oberfläche die Konstellation kaum verändert zu haben.

In Deutschlandfunk Kultur (früher Deutschlandradio Kultur) gab es zu diesem Thema ein Gespräch mit dem Fokus auf der Rolle von Schriftstellern in den Protesten gegen das Regierungsvorhaben.

 

 

"Lesart"-Beitrag von Deutschlandfunk Kultur am 18.1.2018