DANACH...

 

Die Leipziger Buchmesse hat im Frühjahr 2018 als Gastland Rumänien begrüßt und damit eine der dynamischsten literarischen Szenerien Europas näher vorgestellt. Wir wollen dieses Ereignis zum Anlass nehmen, die Literatur, aber auch die Künste und die Geschichte sowohl Rumäniens als auch der Republik Moldau in ihren meist im Westen unbekannt gebliebenen Hintergründen als auch aktuellen Entwicklungen zu beleuchten. In Buchrezensionen, Interviews, Reportagen, Essays und Aufsätzen wollen Autorinnen und Autoren ihre eigenen Themen und ihre Perspektiven auf die Kultur Rumäniens und der Republik Moldau formulieren und damit beitragen zu einer immer noch notwendigen Aufklärung im deutschsprachigen Raum über die kulturellen Landschaften um den Karpatenbogen und zwischen Pruth und Dnjestr.

Dies soll nicht einseitig geschehen, sondern unter Einbeziehung rumänischer bzw. moldauischer AutorInnen.

 

(Kontakt unter: info@kultro.de.)

 


Was es noch zu tun gab/gibt...

Dass die rumänische Literaturszene eine dynamische und vielfältige Erscheinung innerhalb der europäischen Sprachen darstellt, hat sich bei unseren Nachbarn eher herumgesprochen als in deutschsprachigen Verlagen und Redaktionen. Ein Artikel hat vor einigen Jahren darauf aufmerksam gemacht. Vieles blieb unübersetzt, jetzt generierte erfreulicherweise der Buchmessen-Schwerpunkt mehr Interesse an Rumänien und der Moldau. Ein aktueller Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung listet zahlreiche der übersetzten AutorInnen auf, weist aber auch auf noch bestehende Defizite hin.


Auf der Kippe

 

Zur politischen Lage in Rumänien zwischen Centenar und EU-Ratspräsidentschaft

 

 

Proteste 2017  in Bukarest; Wikicommon CC-BY-SA-4.0

 

 

Im Sommer gab es in Rumänien zwei Ereignisse, die für hohe Wellen in den Medien sorgten: das Aufbegehren in der Regierungspartei PSD gegen den allmächtigen Parteivorsitzenden Liviu Dragnea und die Demonstration der Diaspora gegen die Korruption und die Regierung. Der Aufstand gegen Dragnea endet nach einer mehrstündigen Sitzung des Exekutivrates der Partei kläglich, da Dragnea mit großer Mehrheit bestätigt wurde; bei der Demonstration am 10. August kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen mit der Jandarmeria, es wurde Reizgas eingesetzt, 400 Menschen kamen in die Krankenhäuser der Hauptstadt Bukarest.

Seit diesen beiden Ereignissen, die keine unmittelbare  Veränderung der politischen Landschaft brachten, wird der Blick wieder auf die zähe Auseinandersetzung des Präsidenten Klaus Werner Johannis mit der Regierungskoalition und dem PSD-Vorsitzenden gelenkt, auf die Gesetzesänderungen in der Justiz, die Ministerumbesetzungen.

In zwei Personalentscheidungen hält Johannis gegen die Regierung: Er weigert sich seit Monaten, eine Nachfolgerin für die im Mai 2018 von ihm nach langen Diskussionen entlassene DNA-Chefin Laura Kövesi zu akzeptieren. Alle Nominierungen durch den Justizminister Tudorel Toader fanden nicht die Zustimmung des Präsidenten. Ebenso weigert sich der Staatspräsident, die Umbesetzung der Ministerien für Transport und Entwicklung zu vollziehen. Mehrfach erklärte Johannis, dass er Lia Olga Vasilescu nicht als Ministerin für Entwicklung und Mircea Drăghici als Transportminister akzeptiere, woraufhin die Regierung nun das Verfassungsgericht anrufen will. Ein "Ping-Pong" auf höchster Ebene, das allerdings nicht unendlich lange fortgesetzt werden kann. Ebenso hat Johannis erkennen lassen, dass er sich gegen die Ablösung des Generalstaatstanwalts Augustin Lazăr wehren werde, den der Justizminister ähnlich wie im Falle der DNA-Chefin mit eher nebensächlichen Vorwürfen aus dem Amt drängen möchte. Weshalb Augustin Lazăr stört, ist offensichtlich: Er hat wiederholt sich gegen die von der Regierung initiierten "Justizreformen" ausgesprochen, die seiner Ansicht nach den Rechtsstaat gefährden.

Es ist Dragnea in den Monaten seit der Demonstration im August gelungen, die Macht innerhalb der Regierungspartei für sich allein zu beanspruchen und einen "Putsch" zu überstehen. Die Art, wie dies geschehen ist, lässt wenig Aussicht auf innerparteiliche Änderungen zu. Zwar gibt es zunehmend Stimmen, die auf das Ende des autoritären Führungsstils hoffen, aber dieses herbeizuführen, sieht im Augenblick wohl kaum jemand eine Gelegenheit. Zu sehr sind alle "Barone", die Parteichefs der Kreise, mit dem reich gewordenen Politiker aus der armen Region Teleorman verbandelt, als dass sie folgenlos für sich selbst diesen attackieren könnten. Auch die Koalitionsparteien halten an ihm fest. Das ALDE-Bündnis unter Călin Popescu Tăriceanu und die ungarische Partei UDMR haben bisher keine Veranlassung gesehen, die Regierung platzen zu lassen. Obwohl sich Popescu Tăriceanu gerne als möglicher Präsidentenkandidat profilieren möchte. Aber auch er redet wie Dragnea von den "Machtmissbräuchen" der Justiz und der Anti-Korruptionsagentur DNA unter Kövesi und leugnet, dass in Rumänien ein besonderes Maß an Korruption anzutreffen sei. Die Opposition mit PNL und USR hat zwar mehrfach Misstrauensanträge gegen die Regierung gestellt, aber nicht die Mehrheit im Parlament gewonnen. Während die PNL unter Ludovic Orban kaum sehr schlagkräftig wirkt, hat die junge alternative Partei USR (Uniunea Salvaţi România; Union Rettet Rumänien), die aus der Anti-Korruptionsbewegung gegen die Regierung hervorging und vielleicht am ehesten mit westeuropäischen Programmparteien verglichen werden kann, noch zu wenige Abgeordnete. Unter ihnen befindet sich der Soziologe und Schriftsteller Dan Lungu.

Bleibt der aus der deutschen Minderheit Siebenbürgens stammende Präsident Johannis. Glaubte er in der Sache der Entlassung der DNA-Chefin ebenso nachgeben zu müssen wie auch bei dem Vorschlag, die Europaabgeordnete Viorica Dăncilă als Premierministerin zu akzeptieren, so schien sein Handlungsspielraum auf Appelle an die Regierung und die Verzögerung von Parlamentsentscheidungen eingeschränkt zu sein. Mittlerweile werden ihm  die beiden Personalentscheidungen als Fehler von denen angelastet, die sich einen aktiveren, deutlicher einmischenden Präsidenten wünschen. Andererseits profiliert sich Johannis bei sich annäherndem Wahltermin im November, indem er der Regierung die Ernennung der beiden Minister verweigert und wiederholt auf die mangelhafte Regierungsarbeit hinweist, die überwiegend mit Manövern zur  Verhinderung von Korruptionsverfolgung beschäftigt sei. Als sichtbare Figur der Repräsentanz des Staates bei der Übernahme der EU-Ratspräsidentschaft durch Rumänien häuft er zudem internationales Renomée an. So werden möglichen Gegenkandidaten z.Z. wenig Chancen bei der Wahl im November eingeräumt. Dies mag der Grund sein, dass mittlerweile aus dem PSD-Lager nationalistische und xenofobe Angriffe auf Johannis und die deutschen Minderheiten sich häufen. So wurde er aus der PSD als "Nazi" bezeichnet, Der deutsche Botschafter in Bukarest, Cord Meyer-Clodt, sah sich veranlasst, anlässlich der 100-Jahrfeier der "Mediaşer Beschlüsse", durch die die Siebenbürger Sachsen am 8. Januar 1919 ihren Beitritt zu Groß-Rumänien bestätigten, darauf hinzuweisen, dass dies nur vereinzelte Stimmen seien und die Wertschätzung der Deutschen in Rumänien nicht schmälern könne.

Eine der Strategien Dragneas ist auf eine Amnestie-Ordonnanz gerichtet, die mit der Regierungsmehrheit genau die Taten amnestieren würde, deretwegen auch Dragnea angeklagt bzw. bereits verurteilt worden ist. Natürlich würde ein solches Vorgehen großen Aufruhr hervorrufen und entsprechend zögerlich wird das Thema seit Wochen in Politikerkreisen der Hauptstadt behandelt und von PSD-Seite immer wieder dementiert. Wie zuletzt auch im Europäischen Parlament von der Premierministerin Viorica Dăncilă, als sie die Übernahme des Ratsvorsitzes durch Rumänien präsentierte.  Aber möglicherweise gibt es bereits Gespräche zwischen der Premierministerin und Justizminister Tudorel Toader über die Möglichkeit eines solchen Erlasses, der ohne Diskussion im Parlament von der Regierung verabschiedet werden kann. Aktuell hat der CCR (Curtea Constituţională României; Verfassungsgerichthof) entschieden, dass seit Jahren Unregelmäßigkeiten bei der Bestellung der fünfköpfigen Tribunale des ÎCCJ (Înalta Curte de Casaţie şi Justiţie; Hoher Gerichtshof) zu einer Ungültigkeit von deren Urteilen geführt habe. Statt dass alle fünf Richter durch Los ermittelt wurden, waren es bisher nur vier. Hier wittert nun Justizminister Toader die Chance zu einer amnistierenden Ordonnanz - über 300 Urteile mit diesem "Fehler" seit 2014 sollen aufgehoben werden. Darunter fielen alle in Korruptionsfällen ergangenen und natürlich auch die Verurteilung Dragneas wegen Wahlfälschung. Die USR ruft bereits ihre Anhänger und alle BürgerInnen auf die Straße, um diese klar gegen die Verfassung gerichtete Ordonnanz zu verhindern, damit nicht Dragnea Premierminister werden könne. Dem schloss sich der 102 Jahre alte Philosoph Mihai Şora an, der in den sozialen Netzen zu Demonstrationen und Neuwahlen aufrief.

Welchen Aufwand der verhinderte Premierminister Dragnea für seine Reinwaschung treiben muss, ergibt sich aus seinen anhängigen Verfahren: Eine endgültige Entscheidung in der Strafsache wegen Anstiftung zum Betrug, für die er bereits im Juni vergangenen Jahres verurteilt wurde, hat ein Gericht nun auf den 19. Februar 2019 verschoben.


Offenbach - Banat

 

 

S. Katharina Eismann zieht ungewöhnliche Linien durch die Welt

 

 

 

 

 

 

Offenbach, die Stadt des Leders am Main, war bisher nur durch die Tatsache, dass hier einige Zeit der Übersetzer Gerhart Csejka gelebt hat, mit dem karpatischen Raum assoziiert. Nun stellen sich ganz überraschend neue Verbindungen her. Die Künstlerin und Lyrikerin S. Katharina Eismann tritt eine traumhafte Reise in ihren Gedichten an, die am Wilhelmsplatz in der Mainstadt beginnt und in Temeswar endet. Es ist ein "Paprikaraumschiff" als Traumschiff, mit dem

 

"die Blechtrafikanten

shanteln

Balladen

Hoffnungsziganiaden

vom Fuchs

vom Hasen

vom Heim auf Straßen".

 

So geht es nach Erlebnissen auf dem Offenbacher Wochenmarkt Richtung "Süd, Südost und Osten". Nach dem Besuch des Donauschwäbischen Zentralmuseums in Ulm ein Zusammenprall mit einer Kellnerin in Wien:

 

"Ringdrall gestikuliert sie

die aufgespritzte Tante:

Tu kriegst schon tai Gölt

in Wien der grünschlammigen

Aktionszentrale an der Donau"

 

Über Belgrad wird das Banat erreicht, eine Leerstelle zunächst

 

"das Nest ist leer

Banat–Error".

 

Aber allmählich erschließt sich die Landschaft mit ihren Dörfern, die Stadt Temesvar mit ihren ausländischen Tramwagen:

 

"eine Spende aus der Fremde

die Elektrische ist in Rente

Bochum

Karlsruhe

steht auf lila Schläfen".

 

In den Dörfern (Livezile, Comloşu-Mic, Altfreidorf)  mit den Storchennestern scheint die Zeit zu stehen,

 

"die Betten noch ungemacht

das Dorf im Morgentaumel";

 

Frauen mit

 

"Zopfskulptur

eingeschweißt in Dorfschmalz

hat Mähne und Lachen verbannt

übers Halstuch hüpfen Wiesen

 

von sieben Unterröcken gestärkt".

 

So ist die Ankunft in der Herkunftsregion der Autorin eine verhaltene, fragende und staunende. Melancholie liegt in der Luft, aber auch die Ahnung des Besonderen des Banats. Eine gauklerische, eulenspiegelhaft-phantasievolle Reise an der Donau entlang nach Rumänien - unterhaltsam und hintersinnig! In einem überlegt gestalteten Buch.

 

 

S. Katharina Eismann: Reise durch die Heimat. Von Offenbach nach Temeswar. Gedichte. Größenwahn Verlag Frankfurt a.M. 2017, geb., 112 Seiten, ISBN 978-3-95771-178-6

 


"Kleiner" Roman - ganz groß

 

 

Das Rumänien der 1980er Jahre aus der Perspektive eines Kindes

 

 

 

 

 

 

 

Es sind nicht die "großen" Ereignisse, die in diesem flüssig erzählten Roman Thema werden: der Sommerurlaub am Schwarzen Meer, die eigene Familie und die des Onkels, die Rückkehr nach Bukarest, die Streitereien der Eltern, der Wunsch des Vaters nach der Ausreise aus dem anstrengenden Rumänien der Endphase des sozialistischen Experiments. Aber das Mädchen beobachtet genau, eigenwillig und immer an der Geschichte orientiert, die auf diese Art einen eigenen Sog entwickelt. Es entgeht ihr nicht, dass die schöne eigenwillige Mutter den Schwager besonders behandelt, dass der Vater unglücklich über seine Arbeit im Mangelstaat Rumänien ist, dass der Cousin ihr zu gefallen beginnt. Hinzu kommen die Erlebnisse im Kindergarten zwischen patriotischen Liedern und der täglichen Routine, das Spiel mit den Nachbarskindern, nicht immer erfreuliche Wahrnehmungen des Geschlechts, Telefongespräche mit einer Erwachsenen, die niemand je gesehen hat, und all dem, was sonst so den kindlichen Alltag in Bukarest ausmacht. Die Geschichte hält sich eng, aber phantasievoll an den Erlebnishorizont des Mädchens. (Wobei die Frage auftaucht, ob nicht eher ein Schulkind als eines des Kindergartens diese Wahrnehmungen artikulieren könnte.) Was sichtbar wird, ist die fragile "Normalität" einer Kinderwelt, in der die Dinge so genommen werden, wie sie erscheinen. Und dennoch tauchen immer wieder bohrende Fragen auf nach der unbekannten möglichen Welt hinter diesen Erscheinungen, Gesten und Dingen.

Der erste Roman der Drehbuchautorin und Texterin Ilinca Florian bietet eine anziehend und gekonnt geschilderte Geschichte in ihrem nur auf den ersten Blick unscheinbar wirkenden Verlauf, deren Ende eine unerwartete Überraschung bereit hält.

 

 

Ilinca Florian: Als wir das Lügen lernten. Roman. Karl Rauch Verlag Düsseldorf 2018, geb., 190 Seiten, ISBN 978-3-7920-0252-0

 


Rumänien kaleidoskopisch

 

4 Anthologien

 

 

 

Die vergangene Leipziger Buchmesse mit ihrem Schwerpunktland Rumänien brachte zahlreiche Übersetzungen rumänischer Litera-tur. Erhöht wurde die Zahl durch unterschiedliche Anthologien, die erzählende, lyrische, essayistische Splitter boten, um so möglichst viele AutorInnen und Texte - wenn auch oft gekürzt - der interes-sierten Leserschaft verfügbar zu machen. Hier seien vier neuere Anthologien vorgestellt.

 

 Als vor zwei Jahren Elsa Lüder die Anthologie Einladung nach Rumänien zusammenstellte, scheint dies noch aus der vorherrschenden Überlegung geschehen zu sein, wie einem offensichtlich rumänische Literatur kaum wahrnehmenden Lesepublikum eben diese "schmackhaft" gemacht werden könne. Das Konzept, das sie zeitweise mit Studierenden der Universität Freiburg umsetzte, versuchte möglichst viele Aspekte zu berücksichtigen. So wurden junge AutorInnen übersetzt und  am Schwarzen Meer Sommercamps mit einigen Autoren abgehalten. Ergänzt wurde die Auswahl zudem durch einige klassische Texte der rumänischen Literatur (Caragiale, Hogaş, Jean Bart, Filimon, Macedonski, Cella Serghi) und im Anhang durch eine bildliche und bio-bibliographische Vorstellung. Ein fast schon enzyklopädischer Ansatz.

Es sind dabei durchaus Entdeckungen zu machen: Etwa der Moldauerin Nicoleta Esinencus "Moldauisches Rap-Mosaik" aus Sowjetzeiten, oder Luminiţa Cioabăs Gedicht "Der Zigeunerengel". Gabriel Horaţiu Decuble stellt die Atmosphäre des verregneten Bukarester Ausgehviertels Lipscani vor - und eine dementsprechende Gefühlslage bei seinen Protagonisten. Adrian Schiop erzählt vielschichtig eine grasgeschwängerte Geschichte von rumänischen "Losern" in Neuseeland - mit einer Rumänin als Zentralfigur.

Einige der bei Lüder gebotenen Ausschnitte sind mittlerweile in voller Übersetzung vorhanden, wie etwa Varujan Vosganians "Buch des Flüsterns" oder Florin Lăzărescus "Sonderberichterstatter".

 

Zwei Jahre nach Lüders Anthologie ist die Situation ganz verän-dert, als das Gastland der Leipziger Buchmesse Rumänien heißt: Jetzt sind in einer Übersetzungs'flut' von über 40 Titeln drei Anthologien auf dem Lesemarkt sichbar - und diese Textsamm-lungen haben durchaus Aufmerksamkeit gefunden.

 

 

 

"Rumänien neu erzählen" hat sich die Anthologie Wohnblockblues mit Hirtenflöte, hg. v. Michaela Nowotnick und Florian Kührer-Wielach, vorgenommen. In ihr sind sowohl aus Rumänien kommende wie auch das Land von außen bzw. durch mehr oder weniger intensive Reiseeindrücke kennende AutorInnen vertreten. Bis auf Dana Grigorcea aus Bukarest, die in Zürich lebend auf Deutsch schreibt, haben die aus Rumänien Kommenden alle Siebenbürgen oder das Banat als Herkunftsregion. Eine der intensiveren Stimmen lässt die Lyrikerin Elke Erb verlauten mit ihren Gedichten, Beobach-tungsfragmenten, Erinnerungen, etc. an und in Siebenbürgen. Zugleich evoziert die Lyrikerin in ihren Lektüre- und Reflexionssplittern auf ganz eigene Weise auch eine DDR-Perspektive auf Siebenbürgen und Rumänien.Ergänzend die genauen und zugleich phantastischen Beobachtungen von Uwe Tellkamp bei einer Fahrt von Sofia über Rumänien nach Dresden mit Besuchen bei Mircea Cărtărescu und Eginald Schlattner. Auch ein Interview der Herausgeberin mit Ingo Schulze hebt auf diese besondere Beziehung der DDR-Bewohner zu Rumänien ab. William Totok erinnert in zwei Gedichten an historische und mentale Kontinuitäten, Jan Koneffke ehrt Nora Iuga und Bukarest, während Alexandru Bulucz rumänische Moral und Landschaften durcheinander wirbelt und Dana Grigorcea rumänische Frauen erinnert. Vier der BeiträgerInnen sind Gewinner des von Frieder Schuller initiierten Katzendorfer Dorfschreiberpreises.

 

Die beiden anderen Anthologien sind solche, die konsequent rumänische AutorInnen in deutscher Übersetzung zu Wort kommen lassen. Hier tauchen vor allem jüngere VertreterInnen der rumänischen Literatur auf, es wird hingewiesen auf neue Talente und zahlreiche unübersetzt und hierzulande leider bisher unbekannt gebliebene AutorInnen, die in anderen Sprachen zwar häufig präsent und bekannt sind, von denen das Literaturland Deutschland aber bisher kaum Notiz genommen hat.

 

 

 

Bei Das Leben wie ein Tortenboden haben mit den HerausgeberInnen Daniela Duca, Anke Pfeifer und Valeriu Stancu zahlreiche Studierende durchweg überzeugende Übersetzungen von viel versprechenden Romanfragmenten und einer Erzählung geliefert. Hervorragend etwa die  Geschichte von Ovidiu Nimigean aus seinem Roman Rădăcina din bucsau über das Sterben der Mutter und die Wiederbegegnung mit der getrennten Freundin. (Letzteres ein häufiges Motiv in den Anthologien). Sehr kunstvoll und eindringlich die Erzählung von Petru Cimpoeşu über eine Mutter, die einen Geldschein verliert oder Marta Petreu über eine Kindheit mit einem Vater, der zu den Zeugen Jehova übertritt und einer Mutter, die dies hartnäckig ablehnt. Nora Iuga entwirft in ihrem Roman Harald şi luna verde Biographien von jüdischen Ballettänzern zwischen Rumänien und Deutschland vor und nach dem Zweiten Weltkrieg. Adina Rosetti schlüpft in die Rolle eines Computerfreaks, Corina Sabău beobachtet das konfliktreiche Familienleben in einem Wohnblock. Ein Kabinettstück von Erzählkunst ist Ioana Părvulescus Viaţa începe vineri, von dem der gebotene Ausschnitt eine vielseitige Erzählung aus dem Leben am Ende des 19. Jahrhunderts in Bukarest bietet.

 

Eine gewisse Tradition weist die verdienstvolle Zeitschrift "die horen" auf, die bereits mehrere Hefte der rumänischen Literatur widmete. Zur Messe erschien das schöne, von Bogdan-Alexandru Stănescu, Georg Aescht und Ernest Wichner herausgegebene Heft Nr. 249 Die Entführung aus dem Serail, das "Rumänische Erzählungen aus dem letzten Jahrzehnt" und einen farbigen Kunstteil "Black Dreams" von Răzvan Luscov bietet. Der überraschende Hefttitel geht auf eine Erzählung von T.O. Bobe zurück, in der das heimatliche Constanţa die Kulisse für eine phantastisch orienthafte Atmosphäre einer tragischen verbotenen Liebesgeschichte abgibt - eine große Entdeckung ist dieser Autor! Von Radu Pavel Gheo gibt es ein ebenso lustiges wie bezeichnendes Capriccio aus der banater Kindheit, die von der Grenzlage zu Jugoslawien profitierte (es ging später in Gheos großen - immer noch unübersetzten! - Roman "Noapte bună, copii!" ein). Die Mehrzahl der etwas männerlastig ausgewählten Erzählungen handelt von dem heutigen Leben junger Menschen in Rumänien, Lavinia Branişte ebenso wie Ana Maria Sandu entwerfen kleine Einblicke in die Beziehungsnöte junger Frauen, Veronica D. Nicolescu fügt ihnen noch eine bezeichnende historische Facette aus den Studentinnenheimen der Ceauşescu-Zeit hinzu. Aber auch in Bogdan Răileanus "Kochen für Lesbierinnen" ist die Perspektive die vom speziellen Stress einer erfolgreichen jungen Mutter, während Răzvan Petrescu gegenläufig die eines alt gewordenen Vaters meisterhaft in eine kleine Form fasst.  Weitere Themen und Motive sind genügend in dem Heft zu entdecken.

 

So machen die vier Anthologien bei genauerem Hinsehen eine sehr unterschiedliche Figur, erweisen sich je nach Anlage als Füllhörner für rumänische Literatur, siebenbürgisch-banater und deutsche Perspektiven oder suchen auch die Klassiker in ein Gesamtbild der rumänischen Literatur zu integrieren. Lesenswert und unterhaltsam sind sie allemal!

 

 

Einladung nach Rumänien. Klassische und moderne Erzählungen aus dem Rumänischen übersetzt und herausgegeben von Elsa Lüder. Edition Noack&Block in der Frank&Timme GmbH Berlin 2016, 355 Seiten, br., ISBN 978-3-86813-032-4, m. Autorenfotos

 

Wohnblockblues mit Hirtenflöte. Rumänien neu erzählen. Hg. v. Michaela Nowotnick u. Florian Kührer-Wielach. Wagenbach Verlag Berlin 2018 (Wagenbachs Taschenbuch 794), 239 Seiten, br., ISBN 978-3-8031-2794-5

 

Das Leben wie ein Tortenboden. Neue Rumänische Prosa. Hg. v. Daniela Duca, Anke Pfeifer, Valeriu Stancu. Transit Verlag Berlin 2018, geb. m. Schutzumschlag, 240 Seiten, ISBN 978-3-88747-363-1

 

Die Entführung aus dem Serail. Rumänische Erzählungen aus dem letzten Jahrzehnt. Zusammengestellt von Bogdan-Alexandru Stănescu, Georg Aescht und Ernest Wichner. die horen. Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik. Nr. 269, Wallstein Verlag Göttingen 2018, br., 219 Seiten, ISSN 0018-4942 ISBN 978-3-8353-3194-5, m. einem Kunstteil von Răzvan Luscov


Essad Bey - Öl und Blut

 

 

Kolportagegeschichte des Orients

 

 

 

 

 

Die "Wiederentdeckung" durch die Biographie von Tom Reiss des seinerzeit ungemein erfolgreichen Autors mit dem exotischen Namen Essad Bey  hat auf eine Gestalt aufmerksam gemacht, deren Lebenslauf ebenso Teil seiner Legende wurde, wie die Art, dieses Leben in Literatur zu verwandeln. Selbst ein "Sachbuch" über die Erdölförderung in Aserbaidschan musste da zur Folie für eigene Erlebnisschilderungen werden. Dies ist aber verständlich, denn Essad Bey wuchs in Baku auf, sein Vater war einer der im Buch beschriebenen reichen Erdölbarone. Nur trug die Familie den Namen Noussimbaum, war jüdischer Religion und nach dem frühen Tod der Mutter 1911 mussten Vater und Sohn nach Ausbruch der Russischen Revolution Baku verlassen, um verarmt in Berlin zu landen. Hier gelang es Lev Noussimbaum nach Besuch der Russischen Schule und Übertritt zum Islam mit entsprechendem Namenwechsel zu Essad Bey seine Herkunft und Kenntnisse gewinnbringend in zahlreichen Zeitungs-und Zeitschriftenartikeln (über 150 in der Literarischen Welt) umzusetzen - das Publikum lechzte förmlich nach kaum verifizierbaren Geschichten und Nachrichten aus dem "Orient". Essad Bey besaß das Talent einer orientalisch anmutenden Erzähllust und es gelang ihm Aufsehen zu erregen. Auch durch seinen Bucherstling "Öl und Blut im Orient" 1929, da er darin die Gefühle zahlreicher Bewohner der Region ziemlich strapaziert hatte, wie das informative Nachwort von Sebastian Januszewski hervorhebt.

 

"Öl und Blut im Orient" ist also kein "Sachbuch", wie es in den 1920er Jahren in Berlin von rumänischen Autoren wie Valeriu Marcu oder René Fülöp Miller (dessen besondere Bekanntschaft Essad Bey machte) 'erfunden' wurde, sondern vermischt eigene Erlebnisse des Autors und subjektive Darstellungen mit dem Transport von Informationen über eine Industrie, deren Realität kaum einem deutschen Leser bekannt war. Den zahlreichen russischen, aserbaidschanischen, iranischen, georgischen Flüchtlingen aber umso mehr: Entsprechendes Aufsehen erregte der Autor mit seiner fabulierenden Darstellung, in der unverblümt über Völker und Gebräuche des Kaukasus geurteilt wurde. Diese wird man heute kaum noch unreflektiert lesen, aber die Adelung des Textes durch die Aufnahme in die Andere Bibliothek ist durchaus gerechtfertigt, handelt es sich doch um ein wesentliches Zeugnis der Rezeption des Orients im Westen vor dem Zweiten Weltkrieg. Und es macht auf die Geschichten aufmerksam, hinter denen sich der Siegeszug einer heute in ihren desaströsen Folgen zu überblickenden Ölindustrie verbirgt. Dies war aber kaum das eigentliche Thema Essad Beys, sondern neben seinen eigenen Erlebnissen, die vor allem die russische Revolution und Kämpfe um Baku aufrufen, präsentiert das Buch auch die Szenerie der Länder um das Kaspische Meer und den Kaukasus. So kommen auch ein Kapitel "Deutschland in Aserbaidshan" vor oder Reisen nach Buchara und Samarkand oder die Flucht über Georgien in die Türkei. Bis heute noch in Aserbaidschan gegenwärtig - wie der Schriftsteller Marko Marin in einem dem Band zugefügten Text über einen Aufenthalt in Baku feststellt - ist Essad Bey durch seinen unter dem Pseudonym Kurban Said veröffentlichten Roman Ali und Nino.

Das wie üblich für die Andere Bibliothek aufwendig und äußerst lesbar produzierte Buch macht einen Autor zugänglich, dessen abenteuerliche Biographie wie ein eigenes Kunstwerk immer noch Faszination auslösen kann. Und dessen Thema gegenwärtig von großer Aktualität ist - wie etwa die gerade fertiggestellte Pipeline des Erdgasprojekts "Turk Stream" durch das Schwarze Meer zwischen Russland und der Türkei zeigt.

 

Essad Bey: Öl und Blut im Orient. Ein autobiographischer Bericht (1929). Mit einem Nachwort zum Leben von Essad Bey von Sebastian Januszewski und einem Essay von Marko Martin auf Spurensuche im heutigen Baku. Die Andere Bibliothek Berlin 2018 (Die Andere Bibliothek 402), 357 Seiten, ISBN 978-3-8477-0402-7

 


Lyrik bei Pop:

Hurezeanu und Christi

 

 

 

 

 

Das größte Verlagshaus für rumänische Literatur in deutschen Übersetzungen hat  einen Schwerpunkt auf Dichtung

 

 

Emil Hurezeanu aus Hermannstadt verließ das kommunistische Rumänien 1982 mit einem Stipendium des Herder-Preises für Ana Blandiana. In Deutschland wurde er ein aus Rumänien vielfach bewunderter und hoch angesehener Redakteur bei Radio Free Europe, mittlerweile ist er seit einigen Jahren bereits Botschafter Rumäniens in Berlin. Jenseits des Journalistischen war Hurezeanu aber auch ein wichtiger Lyriker. Sein erster Gedichtband Lecţia de anatomie (Die Anatomiestunde) erhielt 1979 den Preis des Schriftstellerverbandes für das Debut. Gedichte begleiteten seinen Werdegang, jetzt hat der Pop Verlag zwei Bände der Gedichte Hurezeanus in der Übersetzung Georg Aeschts veröffentlicht: einmal den frühen Band Die Anatomiestunde von 1979 und eine Sammlung weiterer Lyrik (die Die Anatomiestunde noch einmal enthält).

 

Hurezeanus Lyrik ist vielseitig: formal, thematisch, perspektivisch. In der Einteilung in "Abendwache", "Nachtwache" und "Morgenwache" reflektiert Die Anatomiestunde über die großen Themen des Lebens und des Todes, die Liebe, aber auch persönliche Erfahrungen wie das Eintauchen in die Atmosphäre der Kleinstadt. Unter der Oberfläche der Themen aber zeigt sich in den Wortgefügen eine komplexe Denkweise, ein rumänisches Denken der Wörter, das ungewöhnliche Gedanken und Blüten der Sprache zur Welt bringt.

 

Kommunion

 

Wie auf dem weißen Antlitz des Mannes

Der Zweig jungen Blutes gesprossen ist und

Den Schnee des Rasierschaums

Wie ein mineralischer Quellbach durchfließt.

 

So ist in den frischen Bäumen

Der Frühling Leben und Gift.

 

Die Gedichte des zweiten Bandes  Ultimele, primele (Bukarest 1994; in der deutschen Übersetzung umgekehrt: Die Ersten, die Letzten) sind näher an den Anlässen ihrer Entstehung, welthaltiger, Namen aus der Öffentlichkeit treten auf. Fast schon episch in seiner panoramatischen Perspektive das großartige Gedicht "Die Abwesenheitserklärung", in dem die postrevolutionären Zweifel zum Rückblick auf die Diktatur führen: 

 

"[...]

 

Aber erinnert ihr euch noch, Mädels und Jungs meiner Generation, an

Echinox, dreisprachig, Montagsliteraturkreis, Dialog,

Amfiteatru, Forum, Izvorul Mureşului, Festival Eminescu,

Ars Amatoria, Podul, Jazzfestival Hermannstadt, Club A,

Begegnungen von Hermannstadt, Abende in Costineşti, 15.

September in Klausenburg, 24. Januar in Jassy, 25. Dezember in Bukarest

[...] "

 

Die Erinnerungen werden aufgehoben von einem abgeklärten Blick in die Zukunft, von dem, was sich nach der Wende abzeichnete:

 

"[...]

Die kleinen und großen Schrecken werden nur noch den Hauch

Einer wohl erhaltenen Mumie verströmen

In irgendeinem Museum der Verheerungen, das die Schüler lieben

Und die Widerstandskämpfer meiden.

[...]"

 

Aber Hurezeanu ist nicht auf dieses vermeintlich nur politische Thema zu reduzieren, vielmehr finden sich hier wie auch in anderen Gedichten persönliche Reflexionen, intime Situationen, genaue Beobachtungen von Befindlichkeitenm ein Gedicht an den noch ungeborenen Sohn - ein weites Panorama rumänischer Nachwende-Aktualität!

 

 

Aura Christi ist das Pseudonym der in Chişinău geborenen Lyrikerin Aurelia Potlog. Schon diese Namenswahl lässt auf eine besondere Verbindung zu einer religiös-metaphysischen Sphäre erwarten, was ihre Lyrik auch teilweise einlöst. Das Pseudonym kann aber auch im Zusammenhang mit in den Biographien berichteten Schicksalsschlägen zu tun haben, die die Autorin trafen: zeitweilige Blindheit durch eine Erkrankung, mehrere Operationen hierzu, Überwindung  der Tuberkulose, Depressionen. Die Übersetzerin Edith Konradt schreibt im Nachwort zu den Elegien aus der Kälte, dass Potlog "ihre Künstlerexistenz von Anfang an dem sich weigernden Körper abtrotzen musste." Dabei entstand aber ein durchaus monumentales, mehrfach preisgekröntes Werk der Vielleserin: eine Tetralogie von Romanen, zahlreiche Gedichtbücher, Essaysammlungen. Zudem war Christi stellvertretende Chefredakteurin der Zeitschrift "Contemporanul" in Bukarest.

 

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