Sieranevada ist überall

 

Puius Meisterwerk über den rumänischen "lieu de mémoire" 'Wohnblockapartment'

 

 

 

 

Abb. Mandragora SRL / Zeughauskino

 

 

Nicht erst seit Ingmar Bergmans Fanny und Alexander, Thomas Vinterbergs Das Fest oder Martin Scorceses Der Pate ist das familiäre Fest, das Zusammenkommen nach langer Zeit, die Intensität eines kurzen Zeitabschnitts von miteinander verbundenen Menschen ein häufig thematisiertes Motiv der Filmkunst. Lässt es doch präzise Erkundungen menschlicher Psyche, mikrosoziale Prozesse ebenso wie historische Brüche abbilden. Auch im rumänischen jungen Film ist dieses Motiv häufiger zu finden (etwa in Cătălin Peter Netzers Eröffnungsszene seines Berlinale-Siegers "Poziţia copilului). Selten wurde es aber so ausführlich und zugleich virtuos in Szene gesetzt wie von Cristi Puiu in Sieranevada. In dem Dreistundenfilm spielt der größte Teil der Handlung in einer gar nicht geräumigen Wohnung im 7. Stock eines Wohnblocks irgendwo in Bukarest. Dort treffen zusammen die Mutter, zwei Söhne, einer mit Ehefrau, eine Tochter, deren Ehemann und ihr Kleinkind, eine alte Kommunistin, eine Tante mit Sohn und Tochter und (später) Ehemann, ein Priester mit drei Assistenten, eine im Familienzusammenhang nicht definierbare junge Frau, die im Haushalt mithilft aufeinander. Und eine serbische Drogenabhängige. Und eine Nachbarin, die die Pomană im Haus verteilen hilft.

Es geht also um ein Totenritual, das die Mutter für den seit Jahren verstorbenen Ehemann und Vater zu dessen Gedächtnis veranstaltet. Da scheint der Pope unentbehrlich, aber er verspätet sich und alle müssen auf das Essen warten. Außerdem möchte die Mutter, dass ein Totenritual aus der Heimat des Verstorbenen beachtet wird, wonach ein vom Popen gesegneter Anzug von einem der Erwachsenen getragen werden muss - was für einige Komik sorgt. Ironie strahlt auch der Hauptprotagonist Lary aus, ein gemütlich wirkender bärtiger früherer Arzt, der mit Medizintechnik erfolgreich ist. Er steht dem Vorgang distanziert gegenüber, macht ihn aber mit und verfolgt die größeren und kleineren Dramen, die Puiu in einer Tour de force in dieser kleinen Wohnung mit den vielen Türen  zu inszenieren weiß. Je länger man diesem Treiben zuschaut, desto mehr wird man subtil mit hineingezogen in diese familiären Konstellationen aus Liebe, Hass, Unfähigkeit, Schwächen, Unverständnis, diese Gleichzeitigkeit des Ungleichen, wie sie jede/r in der ein oder anderen Form selbst einmal erlebt hat. Puiu geht es dabei nicht um billige Parteinahme auf Kosten der offensichtlich Altmodischen, moralisch Diskreditierten, irgendwie Verpeilten: Selbst die alte Kommunistin erhält ihr Mitspracherecht, wenn sie dem Protagonisten klar macht, dass sie noch vor seiner Geburt in dieser Wohnung seine Eltern besucht hat, diese also länger kennt als er selbst. Oder jener Sebi, der permanent ins Internet starrt und jeder Verschwörungstheorie zu 9/11 hinterherläuft. Keiner kann sich moralisch aufspielen, Puiu scheint auf eine Ethik des Alltagslebens abzuzielen, in der alles im Rahmen bleibt und dieser Rahmen doch permanent diskutiert wird - bis man vergisst, worum es 'eigentlich' geht. Seine virtuose Regie und vor allem Schauspielerführung geben dem Film eine Präsenz der Figuren, die so nahe an dieser Situation ist, wie sie nur sein könnte.

 

Sieranevada

 

(RO/FR/BA/HR/MK 2016, R/B: Cristi Puiu, K: Barbu Balasoiu, D: Mimi Branescu, Bogdan Dumitrache, Dana Dogaru, Ana Ciontea, 173')


"Rekonstruktion"

 

Radu Judes camouflierte Neuaufnahme von "Reconstituirea"

 

 

 

 

 

 

Abb: Hi Film Productions, Bukarest / Zeughauskino

 

 

Vor genau 10 Jahren begann im Berliner Zeughaus-Kino die erste Ausgabe einer  Retrospektive der jungen rumänischen Filmkunst. Sie hieß nicht von ungefähr "Rekonstruktion" und zeigte neben den neuen Preziosen der jungen Rumänen wie "Moartea domnului Lăzărescu", "Poliţist, adjectiv", "4 luni, 3 săptămăni şi 2 zile" auch den Namen gebenden Klassiker der rumänischen Filmgeschichte: Lucian Pintilies "Reconstituirea" von 1969/70, der nach kurzem Start vom Regime verboten worden war. Er zeigt die staatsanwaltliche Rekonstruktion der Gewalttat zweier junger Männer, die gefilmt wird, um zur Abschreckung Jugendlicher vorgeführt zu werden.

Der Eröffnungsfilm der vierten Ausgabe 10 Jahre später, die insbesondere auch Filme von Radu Jude zeigt (s. Programm unter "Aktuelles"), greift auf Pintilies Rekonstruktion in vielfacher Weise zurück. Radu Jude erzählt in "Îmi este indiferent dacă vom intra în istorie ca barbari" (Es ist mir gleichgültig, ob wir als Barbaren in die Geschichte eingehen) ebenfalls die Geschichte eines "reenactements", wie sie in England oder den USA als Nachstellung eines Schlachtengeschehens sehr verbreitet sind. Was hier in Bukarest nachgestellt werden soll, ist die Eroberung Odessas 1941 mit den Massakern an der jüdischen Bevölkerung. Die Regisseurin Mariana Marin (so heißt auch eine rumänische Dichterin) soll für das Bürgermeisteramt eine solche Rekonstruktion inszenieren, gerät aber zunehmend mit der Behörde in Konflikt, da diese ein volkstümlich militaristisches Spektakel erwartet, während die Regisseurin auf der Darstellung der Ermordung der Juden insistiert. Der lange Titel ist das Zitat des seinerzeitigen Außenministers Mihai Antonescu (aus der Regierung des Diktators Ion Antonescu), der dieses vor der Ermordung von über 20000 Juden in Odessa äußerte. Überhaupt stößt die hartnäckige Regisseurin auf viele Zeichen des Unwissens und Wegsehens, wenn es um die Verbrechen der Antonescu-Diktatur im Zweiten Weltkrieg geht. Sie werden in langen Dialogen mit Schauspielern, Geliebtem, Freunden etc. fast  lexikonhaft in Frage gestellt und entlarvt. So steht die Recherche in Büchern und mit alten Filmaufnahmen im Mittelpunkt, es fallen die Namen realer Historiker und ein solcher ist sogar in einer Szene bei der Betrachtung von Wochenschauen zu sehen. Im Gegensatz zu der kennzeichnenden intensiven Schauspielerführung der neuen rumänischen Welle, scheint Jude hier zusammen mit dem Drehbuchautor Florin Lăzărescu einen eher distanzierten Weg zu gehen: Seine DarstellerInnen wirken eher von ihrer Rolle fern, es wird wenig Wert auf präzise Intensivität gelegt, sondern fast schon brechtisch verfremdend das Schauspielerhafte hervorgehoben.

Interessant ist das Wortgefecht mit dem Vertreter des Bürgermeisteramtes (gespielt von Theaterregisseur Alexandru Dabija), wenn es um die Rekonstruktion und ihren Sinn geht. Die Regisseurin muss sich fragen lassen, warum sie dieses Massaker zeigen will und nicht etwa eines an den Herero von 1904 oder andere? Was sie eigentlich heute davon habe, ein historisches Geschehen ausführlich zu zeigen? Ob ihre moralische Befriedigung nur der Vergangenheit zugewandt sei, während auch in der Gegenwart Massaker und Terror geschehen?

Jude scheint bewusst einen eher didaktisch-pamphletistischen Stil gewählt zu haben - für ein Thema, das auf jeden Fall in Rumänien auf der Tagesordnung steht.

 

 

Îmi este indiferent dacă în istorie vom intra ca barbari

(I Do Not Care if We Go Down in History as Barbarians)

 

(RO/D/BG/FR/CZ 2018, R: Radu Jude, B: Radu Jude, Florin Lăzărescu, K: Marius
Panduru, D: Ioana Iacob, Alexandru Dabija, Alex Bogdan, 139')


Wiegenlied in Zeiten des Krieges

 

Michal Kalik und die sowjetische Republik Moldova

 

 

 

 

Die Retrospektive des Berliner Kinos Arsenal setzte auf die sowjetische Republik Moldau - der Filmklassiker Michal Kalik drehte mehrere Filme dort, bevor er nach Israel ausreiste. In Kolybelnaja - uraufgeführt 1960- ist es der eindringliche Rückblick auf den Überfall durch deutsche und rumänische Truppen 1941, der die Landschaft in Szene setzt. Ein Pilot sucht nach Kriegsende seine Tochter, die nahe der Grenze am Pruth bei Kriegsbeginn verschollen wurde - wie viele Kinder in der Sowjetunion. Eine geschickt inszenierte, an Wendungen reiche Geschichte mit Blick auf unterschiedliche Menschen und ihre Gefühlslagen. Die in Berlin arbeitende moldauische Filmemacherin Ana-Felicia Scutelnicu (Panihida [2010]; Anişoara [2016]) wies in ihrer, die historischen Hintergründe des Studios Moldova-Film skizzierenden Einführung auf den katastrophischen Bruch hin, der nach Untergang der Sowjetunion die Erinnerung an den Regisseur Kalik in der heutigen Republik Moldova verstellt wie auch jenen Bruch, den Kalik selbst nach der Auswanderung nach Israel erlebte, wo er nur noch einen wenig erfolgreichen Film machte. Der 1958 gedrehte Film binde auch Kaliks Biographie zusammen, da er 17 Jahre nach dem Erlebnis der Bombenangriffe auf Moskau, die er als 17-Jähriger überlebte, diese Intensität des Grauens in den Film 'einbaute' und spürbar machte. Wiewohl die Moldau als Landschaft erkennbar ist und der Film einen kurzen Anflug auf Chişinău zeigt, sind die Schauspieler nicht aus der Region, sondern dem riesigen Reservoir, das die Sowjetunion der gerade entstehenden Moldova-Film bot, entnommen. Gregor Vanisian, der Kurator der Retrospektive, wies darauf hin, dass die gezeigte Kopie aus der Jerusalem Cinemathèque komme und möglicherweise die Arbeitskopie Kaliks darstelle. Darauf sind alle Angaben in kyrillischer Schrift, während das titelgebende "cântec de leagan" im Film auf Rumänisch gesungen wird. Es ist ein kompliziertes Verhältnis, das die beiden Sprachen offiziell und inoffiziell in den Anfangsjahren der sowjetischen Nachkriegsrepublik SSR Moldova miteinander verband, in der ja das Rumänische als 'andere' Sprache "Moldauisch" bezeichnet wurde. Wie Scutelnicu hervorhob, lasse die pure Bildersprache Kaliks eine einmalige Atmosphäre entstehen, die einen gebrochenen Traum in der Sehnsucht der Menschen nach seelischer Harmonie zeige. In weiteren Filmen Kaliks, wie etwa Ataman Kodr (1958) oder dem Episodenfilm Ljubit... (1968) spielt die moldauische Landschaft ebenfalls eine wichtige Rolle für diesen Klassiker der Filmgeschichte.

 

Die Retrospektive läuft vom 10.02.2019 - 21.02.2019 auch im Deutschen Filmmuseum in Frankfurt/Main.

 


Die Schönheit der Frauen

The Atlas of Beauty - Frauen der Welt

 

 

Mihaela Noroc und ihr Projekt der Schönheit der Frauen - global, human, erfolgreich...

 

In der Berliner Fotogalerie "f3-freiraum für fotografie" sind erstmals Bilder der rumänischen Fotografin ausgestellt, die Furore machen - weltweit.

Foto: f3-freiraum für fotografie

 

 

 

Foto: f3-The_Atlas-of-Beauty-Mihaela-Noroc.

 

Als die Fotografin Mihaela Noroc bereits eine halbe Stunde über ihr Aufsehen erregendes globales Fotoprojekt von Frauenaufnahmen in der überfüllten Galerie f3 - Freiraum für Fotografie gesprochen hat, kommt die Ansage, dass noch weitere 60 Leute draußen warten, was bei dem kalten Schneeregen, der über Kreuzberg niedergeht, kein Vergnügen ist. Das Interesse am "Atlas of Beauty" ist immens, ein wirklich polyglottes internationales Publikum hat sich in der geräumigen Galerie eingefunden.  Mit einem anziehenden Lächeln und ironischer Distanz erzählt die in Bukarest lebende, in Chişinău (Republik Moldova) geborene Fotografin in Englisch über einzelne Aufnahmen, konkrete Umstände in Tibet, oder Iran, oder Mexiko. Manchmal musste sie zehn Stunden warten, bis eine Aufnahme zustande kam, das Foto der jungen Inderin bei einer Opferzeremonie im Ganges hingegen war eine Sache von wenigen Minuten.

Was zeigen ihre Fotos? Es sind in der Mehrzahl Einzelporträts, Dreiviertelansichten der Frau oder Nahaufnahmen des Kopfes, aber auch Zweierfotos oder eine Gruppe, wie jene mexikanischen Feuerwehrfrauen in ihrer Arbeitskleidung, einmal auch ein Paar zu Hause in Portugal. Oft stehen die Frauen auf einer Straße, kurz angehalten nach der Frage, ob sie fotografiert werden dürfen, ein leichtes Lächeln, der Hintergrund verschwimmt, die Augen sind immer in die Kamera gerichtet, d.h. sie schauen die BetrachterInnen von den Fotos aus direkt an. Und darin liegt auch für die Künstlerin selbst das Entscheidende - sie erkenne eine Person an den Augen, sehe dort ihre Schönheit.

Noroc sagt, dass sie farbenfrohe Bilder mag (ihr Vater ist Maler) und so wirken die Bilder auch untergründig positiv, froh auf eine zurückhaltende Weise. Es ist diese Kraft einer inneren Schönheit, die der Fotografin als eigentliches Ziel vorschwebt: "Ich habe oft erlebt, dass die Menschen vor dem Wort 'schön' zurückschrecken." Aus dieser (in Rumänien ja häufiger mitgeteilten) Beobachtung sei ihr Projekt entstanden, das durch seinen globalen Ansatz ihr Einsicht in die Gleichheit aller Menschen in der Differenz ermöglicht habe. Am meisten schockiert habe sie die Armut, die die Möglichkeiten des Lebens in vieler Hinsicht limitiert. Und dennoch hätten sie immer die Armen und Ärmsten zu sich nach Hause gebeten, ihr das Wenige angeboten, das sie hatten.

Dass sie Frauen fotografiere, habe auch damit zu tun, dass jenseits der kommerziellen Oberflächlichkeit des Images von Models die ausgestellte Sichtbarkeit von Frauen weltweit nicht wirklich üblich oder erwünscht sei. Angefangen von der eigenen Unsicherheit ("ich hab doch gar kein Make-up auf") bis hin zu dem Zwang in einigen Regionen des Erdballs, erst einmal den Ehemann, Bruder, Vater fragen zu müssen, sei die Ausstellung von Frauen keineswegs überall selbstverständlich. (Wobei Noroc etwas ironisch annimmt, dies sei bei Männern von vorne herein kein Problem.)

Der aus dem  Projekt resultierende Fotoband versammelt mehr als 500 Portraits mit kurzen Erläuterungen. In der Vielgesichtigkeit der wirlich globalen Topographie diese Projekts ergibt sich über das Interesse an den Individuen hinaus das Anliegen Norocs als ein unerwartet politisches: Die vereinheitlichende Sicht auf durchaus sehr unterschiedliche Menschen erzeugt eine vage Stimmung jener Zusammengehörigkeit, die  historisch auch Edward Steichens "Family of Man"-Projekt von 1951 intendierte.

Die Schlange der BesucherInnen zur Signierung des Buches, das jetzt auch auf Deutsch erschienen ist, zog sich an diesem regnerischen Abend in Kreuzberg noch lange hin...

 


Neue und nicht so neue Wellen des rumänischen Films

 

Spätestens seit Cristi Mungius Auszeichnung 2007 mit der Goldenen Palme von Cannes für seinen Film "4 luni, 3 săptămâni, 2 zile" ist der aktuelle rumänische Film weltweit in aller Munde. Ob Cătălin Peter Netzers "Poziţia copilului" (Goldener Bär Berlinale 2015) oder Cristi Puiu "Moartea domnului Läzărescu" - junge rumänische Filme davor und danach bewiesen, dass hier kein Zufall am Werke war, sondern eine veritable Filmkultur sich entwickelt hatte, die in der gegenwärtigen Filmszenerie einzigartig ist.

Dass rumänischer Film aber auch davor bemerkenswertes leistete, haben gerade die jungen Autorenfilmer in ihren Bezugnahmen etwa auf Lucian Pintilie selbst wiederholt bestätigt. Grund genug über die "nouvelle vague" hinaus der Geschichte, den ProtagonistInnen und Abenteuern des rumänischen Films nachzugehen.