Malerei Skulptur Graphik Architektur

Die aktuelle wie auch die historische rumänische Bildende Kunst hat in vielfacher Weise auf die europäischen Entwicklungen reagiert wie auch eigenständie Anstöße geliefert. Heute sind junge Maler aus Rumänien global vernetzt und in großen Galerien vertreten. In der Vergangenheit waren es die Avantgardisten oder Constantin Brâncuşi, die enge Verbindungen in die europäischen Zentren entwickelten. Auch in der Architektur fanden interessante Wechselbeziehungen zwischen autochthoner und europäischen Formensprache statt.


Europa weben

 

Kunst von Roma-Frauen aus aller Welt

 

 

 

 

 

 

Foto: Nino Pusija/ERIAC

 

Das ERIAC in der Berliner Reinhardtstraße ist noch relativ jung: 2017 eröffnete dieses European Roma Institute for Arts and Culture seine Räumlichkeiten. Zusammen mit dem Rumänischen Kulturinstitut an der gleichen Straße veranstaltet es bis zum 3.Mai 2019 die von Anna Mirga-Kruszelnicka kuratierte Ausstellung mehrerer KünstlerInnen, die aus dem Zusammenhang der Roma Art kommen. Dem Titel der Ausstellung entsprechend gibt es zahlreiche Beispiele textiler Kunstwerke, die beziehungsreich und farbenfroh das Leben von Roma-Frauen zum Thema machen. Im RKI etwa steht von Małgorzata Mirga-Tas ein bunter Paravent aus textilen Darstellungen, die Mitglieder ihrer Familie (nicht nur) beim Nähen oder Weben zeigen. Andere ebenso farblich lebendige Bilder der Künstlerin zeigen bei näherer Betrachtung, dass sie z.T. gemalt sind. Bestimmte Teile der Darstellung sind allerdings durch Stoff in das Gemälde collagiert. So etwa in ihrer Darstellung einer Frau, die auf einer Fensterbank lehnt, neben der bunte Tücher hängen. Am harmonischsten zeigt sich ein Bild, das die Lebensweise vieler Romni thematisiert: ein aufgeräumter Hof mit einer Frau an der Schwelle. Der Inhalt einer umgestürzten Mülltonne wird gekonnt spielerisch aus diversen Papierschnitzeln und Stoffresten dargestellt. Ebenso bunt die Bilder von Kiba Lumberg, die als Installation beide Locations bespielen. Im RKI hat Emilia Rigova einen langen Teppichläufer am Boden ausgelegt, der hinführt zu zwei Fotos einer Romnia als Schwarze Göttin - eine anspielungsreiche Dekonstruktion herkömmlicher Bilder von den gypsy women, wie sie die europäische Kulturgeschichte bis heute bevölkern. Dies ist eines der zentralen Anliegen der Ausstellung: Zu zeigen, dass die Roma-Frauen aus unterschiedlichen Ländern keinen Stereotypen entsprechen, dass sie trotz patriarchalischer Gesellschaft ihre Eigenständigkeit und Weltzugewandtheit demonstrieren, dass sie sich einsetzen für die Wahrnehmung der Roma in Europa. Entsprechend kann die Video-Installation von Emilia Rigova gelesen werden, die raffiniert auf einem Split-Screen zwei Gesichter zeigt, die zugenäht sind und von einer wie ein Wunder (oder de[a] ex machina) auftauchenden (weiblichen!) Hand von diesen Fesseln befreit werden. Oder die Installation  der vielbeachteten Künstlerin Delaine Le Bas, die Fotos einer Performance mit einem aus mehreren Traditionen zusammengesetzten Kleid kombiniert.

Bei der Vernissage trugen Mihaela Drăgan und Ioanida Costache in englischer Sprache Gedichte von Roma mit Violinbegleitung vor - eine ebenso gekonnte wie beeindruckende Performance umgeben von der Kunst der Roma-Frauen (und einem Rom).

 

 

Abb. Małgorzata Mirga-Tas "Romani Kali Das, 2016"; Foto: Nino Pusija/ERIAC


"L'atelier, c'est moi-me"

 

Geta Brătescu gestorben

 

Wer frühere Jahrgänge der Zeitschrift "Secolul 20" liest, wird ihre künstlerische Gestaltung kaum übersehen können: In den 1970er Jahren machten Fotos mit zeitgenössischer provokativer Kunst die Bände auffällig, der Name der Designerin ("Prezentarea artistică") blieb vielen im Gedächtnis haften: Geta Brătescu. (2016 widmete ihr zum 90. Geburtstag die Zeitschrift, die jetzt "Secolul 21"heißt,

 

Foto: Mihai Brătescu, courtesy Ivan Gallery, Bucharest

 

Heft mit Beiträgen von Alina Ledeneanu, Ion Vianu, Ştefan August Doinaş, Swantje Karich, Dan Perjovschi u.a.).

Buchgestaltung war eine der Aktivitäten der Konzeptkünstlerin, die in der Industriestadt Ploieşti geboren wurde und Philologie und Kunst in Bukarest studierte. Sie selbst hielt ihre Illustrationen zu Doinaş' "Faust"-Übersetzung für eine ihrer wichtigen Arbeiten. 1970 erregte der Film "Atelierul" - von ihrem Kollegen Ion Grigorescu aufgenommen - Aufsehen, in dem die Arbeitsumstände der Künstlerin zum Thema einer radikalen Selbstanalyse wurden.

Der spielerisch-kreative Umgang mit Papier, Collagen, Grafik, Radierung prägte ihr Werk, zu dem auch Textilkunst, Fotografie, Installationen und Objektkunst gehörten. Das Spielerische erinnerte vielfach an die Formen des Surrealismus und der Avantgarde. Zunächst nur innerhalb der rumänischen Szene wahrgenommen, stellten ihre Ausstellungen im Westen eher die Ausnahme dar. Erst in den Jahren nach der Wende wurde Geta Brătescu von der globalen Kunstwelt entdeckt, Ausstellungen in den USA, Deutschland, Österreich mehrten sich. 2017 kuratierte sie mit großem Erfolg den rumänischen Auftritt bei der Biennale in Venedig und nahm an der documenta in Kassel teil. Zuletzt widmete die Hamburger Kunsthalle Brătescu eine Retrospektive, die Berliner Galerie Barbara Weiss stellte ihre Werke ebenfalls mehrfach aus. Wenige Tage vor Eröffnung einer ihr gewidmeten Ausstellung in der Berliner n.b.k. (s. Aktuelles) verstarb Geta Brătescu am 19. September in Bukarest im Alter von 92 Jahren.


Adrian Ghenie: Nightscape

Die Galerie Plan B hat mitgewirkt, dass Rumänien und einige seiner jüngeren Gegenwartskünstler eine feste Größe im globalen Kunstmarkt darstellen. In Cluj und Berlin präsent hat sie KünstlerInnen wie Victor Man, Iulia Nistor, Adrian Ghenie, Şerban Savu, Navid Nuur, Ciprian Mureşan u.a. zu Global Players in der Welt der Galerien, Kunstmessen, Sammler gemacht, was angesichts der aus der Perspektive der Hot Spots New York, Los Angeles, Hongkong, London, Shanghai  peripheren Lage von Cluj eine kaum zu überschätzende Leistung darstellt. Parallel zu einer Soloausstellung in der ebenfalls in den früheren "Tagesspiegel"-Gebäuden in der Potsdamer Straße angesiedelten Galerie Judin eröffnet Plan B am 17.11.2017 eine "Nightscape" betitelte Ausstellung des mittlerweile hoch dotierten Malers Adrian Ghenie aus Baia Mare.

 

 


Boulevard der Dämmerung

Fotos: Markus Bauer; Willy Pragher (1941) Landesarchiv Baden-Württemberg Abt. Staatsarchiv Freiburg W 134 Nr. 031601 b Bild 1 Permalink: http://www.landesarchiv-bw.de/plink/?f=5-216351-1.

Der Bulevard Magheru im Zentrum der Hauptstadt Bukarest ist ein denkwürdiges Beispiel der avantgardistischen Architektur in Europa. Das Juwel der Moderne verfällt in großen Teilen allmählich...

Wenig hat sich leider seit der Publikation des folgenden Artikels daran geändert. Außer dass das Gebäude gegenüber dem Scala renoviert wurde (aber wohl leer steht) und das Lido geschlossen ist. Und dass der Turm des ARO (Patria) wohl bald unrettbar verfallen sein wird, so stark bröckelt bereits dessen Fassade.

In der Bukarester Architektur kollidiert das zeitgenössische Bauen mit der Tradition: Mit Kampagnen und Demonstrationen versuchen Architekturfreunde die Bestände der vorwiegend französisch geprägten Baukunst des 19. Jahrhunderts gegen Abrisspläne zu verteidigen. Zurzeit setzen sie sich für das idyllische, von verwinkelten Strassen und Gärten geprägte und einst von Mircea Eliade besungene Viertel «Măntuleasa» ein, das einem Stahl- und Glasturm einer Investitionsgesellschaft weichen soll. Auch am breiten Boulevard Magheru wird die Vergangenheit wiederentdeckt, wie die Renovierung der über 100 Jahre alten Villa der Politikerfamilie Sturza zeigt, die nun eine schicke Filiale der Buchkette Cărtureşti beherbergt. Auf mehreren Etagen finden sich hier Bücher über Architektur und Design, aber auch Bildbände zur Bukarester Stadtgeschichte. Ein Blick durch das mit bunten Holzornamenten versehene Fenster fällt auf einen still vor sich hin bröckelnden Betonbau: das ARO-Haus, das am Anfang der rumänischen Architekturmoderne stand. Das nach einer Versicherung benannte Wohn- und Bürogebäude, das auch das Kino Patria beherbergte, stellt ein Beispiel jener innovativen Baukunst dar, die in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg den heutigen Doppelboulevard Magheru-Brătianu in eines der aufsehenerregendsten modernen Ensembles in Europa verwandelte.

Die auffällig moderne Fassung des sechsspurigen Boulevards mit weissen Kuben und markanten Türmen geht auf eine in den frühen 1930er Jahren gefällte planerische Entscheidung des Stadtrats von Bukarest zurück. Dieser sah parallel zur kurvenreichen alten Nord-Süd-Verbindung, der Calea Victoriei, einen geraden Boulevard mit avantgardistischer Architektur vor. In die Hauptstadt sollte mit der neuen Anlage der Rationalismus einkehren, befördert von einem urbanistischen Planungskomitee, dessen Vorsitz der Architekt Horia Creangă, ein junger Absolvent der Pariser Ecole des Beaux-Arts, einnahm. Das Komitee machte sich 1934 – beeinflusst von Le Corbusiers Charta von Athen – an die Neugestaltung der Kapitale: Diese wurde in Sektoren aufgeteilt und erhielt neue Verkehrsachsen und städtische Funktionen. Für die neue Nord-Süd-Achse zwischen Piaţa Romană und Piaţa Universităţii wurden die Höhenbeschränkungen aufgehoben. Die neuen Auflagen für die Gestaltung sahen Türme vor, welche die Kreuzungen des Boulevards akzentuieren sollten. Obwohl die Bauten, welche aus dieser Planung resultierten, ein ausserordentliches Erbe der klassischen Moderne darstellen, werden sie von grossen Teilen der Bevölkerung noch immer kaum als erhaltenswert erachtet. Vielmehr trauert diese jenen historischen Vierteln nach, die vom grossflächigen Kahlschlag der Ceausescu-Zeit ausradiert wurden.

 

Das ARO-Gebäude ist ein konsequenter Bau mit einem wuchtigen hohen Eingangsturm, der den Flügel an der Nebenstrasse mit jenem am Boulevard verbindet. Das 1934 von Horia Creangă erbaute Haus wird noch heute durch die breiten horizontalen Fensterbahnen und die nach oben zurückgesetzten Etagen bestimmt, welche auch andere Gebäude am Boulevard prägen. Die einst hellgraue Fassade erscheint heute fast schwarz; der Turm weist mittlerweile starke Spuren von abgefallenem Verputz auf. Ähnlich dunkel ist das Malaxa-Gebäude, eine weitere Ikone der rumänischen Moderne, die sich unweit des ARO-Hauses in Richtung Piaa Universităţii erhebt. Das 1935 von Creangă und dem Berliner Emigranten Rudolf Fränkel geplante Bauwerk ist durch horizontale Volumen und einen integrierten, die Einmündung der Seitenstrasse markierenden Turm charakterisiert und hat bis anhin wenige Veränderungen erleiden müssen. Seine einst weissen Fassaden sind aber ebenfalls russgeschwärzt.

Die Eigentumsverhältnisse stellen nach Ansicht des Bukarester Architekten und Herausgebers der Zeitschrift «Arhitectura», Ştefan Ghenciulescu, das grösste Problem bei der Erhaltung dieser avantgardistischen Geschäfts- und Apartmenthäuser dar: «Jede Wohnung hat einen individuellen Besitzer, was die Möglichkeit einer Renovierung des gesamten Gebäudes an einen schwer zu erzielenden Konsens bindet. Auch die Eingreifmöglichkeiten der Stadtverwaltung sind dadurch eher begrenzt.» Ghenciulescu gibt zudem zu bedenken, dass die fast utopisch wirkende Anlage des Boulevards, wie wir sie aus den historischen Aufnahmen des deutschen Bildjournalisten Willy Pragher kennen, nicht die gleichen sozialen Denkmuster spiegelt, wie wir sie etwa vom Städtebau der Weimarer Republik her kennen. Die moderne Architektur im Rumänien der Zwischenkriegszeit habe eher den Charakter einer Mode gehabt als den einer politisch-gesellschaftlichen Manifestation. Der neue Baustil setzte sich im Rumänien der 1930er Jahre schnell durch. Es etablierte sich eine «vernakuläre Moderne». Doch obwohl – oder gerade weil – noch heute Architekturbeispiele aus der Pionierzeit flächendeckend und in höchster Qualität zu finden sind, erfahren sie keine grosse Wertschätzung.

Schon in ihrer Entstehungszeit wurden die avantgardistischen Gebäude am Boulevard Magheru mit politischen Vorzeichen gelesen und zum Teil auch angefeindet. Der einflussreiche Historiker und Politiker Nicolae Iorga etwa wandte sich gegen Bukarests «Amerikanisierung» durch Hochhäuser. Einige Architekten versuchten darauf mit einem an der Baukunst des 18. Jahrhunderts orientierten rumänischen «Nationalstil» zu antworten. Die damit verbundene Kritik am Einfluss ausländischer Architekten war ganz explizit gegen den jüdischen Emigranten Rudolf Fränkel gerichtet. Obwohl sich mittlerweile in vielen Städten Rumäniens ein wachsendes Interesse an der urbanen Vergangenheit herausbildet, welches meist nur noch nostalgisch bedauern kann, was mit den Jahren verloren ging, bleibt die Moderne für viele weiterhin ein blinder Fleck. Dabei spielt auch die Bauwut der sozialistischen Epoche eine Rolle. Damals wurden zahllose anonyme Wohnblöcke aus dem Boden gestampft, die nun das Stadium ihres Verfalls erreicht haben und so zusätzlich zur Antipathie gegen Beton und Stahl beigetragen haben.

Die mittlerweile unansehnlich gewordenen Beispiele des Neuen Bauens verschwinden am Boulevard Magheru zusehends hinter riesigen Plakaten, wie etwa Fränkels elegantes, gegenüber dem Malaxa-Haus gelegenes Scala-Gebäude. Breite horizontale Fensterbahnen, die zur einmündenden Nebenstrasse hin in eine aerodynamische Rundung übergehen, machten diesen Kino- und Apartmentbau zusammen mit dem ihm gegenüberliegenden, ebenfalls von Fränkel entworfenen Schwestergebäude zu einem spektakulären Akzent an diesem Boulevard-Abschnitt. Während dieser bis auf die Fassade entkernte Fränkel-Bau erneuert wurde, sind die dunkelgrauen Rundungen des einst strahlenden Scala von einem riesigen Plakat verdeckt worden.

Mittlerweile ist der Boulevard laut den rumänischen Medien zu einem der teuersten Pflaster Europas geworden – dies wegen der Möglichkeiten, die er zu bieten scheint. Die Bauspekulanten stören sich allerdings an den vielen Inkunabeln der rumänischen Architekturmoderne. Die vor wenigen Jahren entfachte Diskussion über die Einsturzgefahr bei den Gebäuden im Fall von schwereren Erdbeben und die damit verbundene Forderung nach deren Abriss schwelen in städtebaulichen Überlegungen weiter. Unheilvoll breiten sich im Stadtzentrum die von der Stadtverwaltung placierten roten Plakate aus, welche die markierten Gebäude als höchst erdbebengefährdet einstufen und deren Wert rapide gegen null tendieren lassen. Erderschütterungen sind eine nicht von der Hand zu weisende Gefahr für den Boulevard, stürzte doch bereits beim Beben von 1940 der schlanke Turm des Carlton ein; hier spielten allerdings technische Mängel eine entscheidende Rolle. Das schwere Beben von 1977 liess weitere klassisch-moderne Gebäude am Boulevard verschwinden, etwa den «Wilson»-Block. Glücklicherweise ist aber bis anhin noch keines der Beispiele des Neuen Bauens am Boulevard Magheru mit dem roten Plakat versehen worden. Ob angesichts der komplexen Problemlage in Bukarest für das wertvolle Moderne-Ensemble des Boulevard Magheru bessere Zeiten zu erwarten sind, bleibt weiterhin offen.

 

Markus Bauer

NZZ 5.3.2010