Europa - Rumänien: Vergangenheit




 

Rumänien im Ersten Weltkrieg

 

 

Die unbekannte Front

 

 

 

 

 

 

Lange war über die Teilnahme des Königreichs Rumänien am Ersten Weltkrieg im Westen nur wenig bekannt. Gesamtdarstellungen des grausigen Völkermordens konzentrierten sich oft auf die Stellungskämpfe von Verdun und an der Somme, die Ostfront wurde in Deutschland eher mit dem Sieg bei Tannenberg oder dem Friedensschluss mit den Sowjets bei Brest-Litowsk assoziiert. Dass durchaus Welthistorisches sich auf dem Balkan und um die Karpaten vollzog, wird erst allmählich von der historischen Forschung genauer untersucht. Rumäniens verzögerter Eintritt in das Geschehen wurde 100 Jahre später zum Anlass einer Tagung in Veliko Trnovo (Bulgarien) genommen, deren Ergebnisse jetzt als Buch erschienen sind.

 

In der Einleitung verweisen die HerausgeberInnen auf innovative Forschungsansätze wie  Raumerfahrungen der Kombattanten oder die Einbeziehung der zivilen Bevölkerung in den Krieg, die in der westlichen Perspektive allmählich aufgegriffen werden. Wichtig für den Band sei der polyperspektivische Zugang, um die Diversität des Geschehens in Südosteuropa zu verstehen.

 

Der Band ist in 3 Teile gegliedert, deren erster sich klassisch mit den koalitionspolitischen Entwicklungen insbesondere der Mittelmächte Österreich-Ungarn, Deutschland, Türkei, Bulgarien und den operationshistorischen Vorgängen vor und nach dem 27. August 1916 – der Kriegserklärung Rumäniens auf der Seite der Entente (Großbritannien, Russland, Frankreich, später Italien) – beschäftigt. Gerald Volkmer zeichnet konzise und detailliert die Konstellationen und Bewegungen nach, die in den rumänischen Eliten die Haltung zu dem 1914 ausgebrochenen Krieg bestimmten. In z.T. kritischer Auseinandersetzung mit Lucian Boias These vom Einfluss der germanofilii, deren Umriss Volkmer bei Boia als nicht immer trennscharf gezeichnet sieht, strukturiert der Historiker den Wechsel der Haltungen vor Ausbruch des Krieges, während der Neutralität und nach Eintritt in den Krieg gegenüber den Mittelmächten. Hier kommen die diversen Angebote an die rumänische Führung (vor allem an I.C. Brătianu, den Ministerpräsidenten, der fast ausschließlich die Entscheidungen traf) zur Sprache, wie etwa Großbritanniens Kauf von Getreide von Rumänien, das wegen der gesperrten Dardanellen und der Grenze zu Österreich-Ungarn von vorneherein nicht ausgeliefert werden konnte.

 

Dieses differenzierte Bild ergänzen die Ausführungen von Jan Vermeiren mit Ansichten der Mittelmächte auf Rumänien und Bulgarien vor deren Eintritt in das Geschehen. In beiden Aufsätzen geht es vor allem auch um die Rolle und geopolitische Lage des Landes, das wegen seiner Transportwege (etwa in die Türkei) oder der Bodenschätze und Landwirtschaftsprodukte eine nicht unerhebliche Rolle in den Planungen der beiden Lager einnahm. Entscheidend waren aber die rumänischen Vorstellungen von der Verwirklichung jener "nationalen Idee", die die Einverleibung Siebenbürgens und des Banats als Raum rumänischer Bevölkerung einschloss. Österreich-Ungarn konnte solchen territorialen Forderungen trotz Drängens des Bündnispartners kaum nachkommen, hatte es doch den Krieg gerade wegen der Beibehaltung der territorialen Integrität des Vielvölkerreiches begonnen.

 

Präzisiert wird die Vorgeschichte des Eintritts Rumäniens in den Krieg durch drei Beiträge, die sich mit dem vermeintlichen "soft belly" (weichen Unterleib) der europäischen Frontstellungen beschäftigen. Daniel Marc Segesser macht deutlich, dass sowohl die Landung im türkischen Gallipoli und das Selbstbewusstsein Italiens gegenüber Österreich-Ungarn sowie der neue Bündnispartner Rumänien keineswegs die unmittelbar erhoffte Erleichterung für die an der Westfront im Stellungskrieg verharrenden Kriegsstrategien der Entente brachten. Ergänzend schildert Bernhard Bachinger die Entwicklungen an der Mazedonien-Front, die für Bulgarien und Rumänien von großer Bedeutung war. Es gehörte zu den Bedingungen Rumäniens für den Eintritt auf Seiten der Entente, dass die Entente an der Salonika-Front die bulgarischen Positionen angreift, um den Gegner auch im Süden militärisch zu beschäftigen. Diese Forderung wurde allerdings nur halbherzig erfüllt, so dass Bulgarien im Norden die Dobrudscha erobern konnte. Dass die Beziehungen zwischen den Kriegspartnern Deutschland und Bulgarien keineswegs die besten waren, zeichnet Mitherausgeberin Deniza Petrova nach und verweist auf die kulturelle Diversität, die offensichtliche machtpolitische Asymmetrie und das daraus resultierende dysfunktionale Vorgehen in den militärischen Operationen. Diese reichten soweit, dass es an der Dobrudscha-Front zu Verbrüderungen zwischen bulgarischen und russischen Soldaten kam, die Oliver Schulz in ihren Motivationen und ideologischen Instrumentalisierungen skizziert. Russland galt als befreundete Schutzmacht Bulgariens, dessen Unabhängigkeitsbestreben vom Osmanischen Reich es entscheidend unterstützte. Ebenso befand sich das Osmanische Reich in einer eher bedauerten Situation gegenüber Rumänien, zu dem es durchaus gute Beziehungen vor dem Krieg besaß und das jetzt Gegner geworden war, was Mesut Uyar in seinen vor allem militärpolitischen Implikationen nachzeichnet.

 

Einen intensiveren Fokus auf die deutsche und rumänische Armee bieten Axel Bader und Lucian Topor. Bader untersucht detailliert anhand von Regimentstagebüchern, Egodokumenten und archivalischen Quellen das Württembergische Gebirgsbataillon, eine neue Einheit für den Gebirgskampf, deren Ethos und Mentalität der Autor im pietistisch-bürgerlichen Leben der Vorkriegszeit verwurzelt sieht. Topor, Herausgeber des Sammelbandes "The Unknown War", geht den Erfahrungen der rumänischen Soldaten vom Angriff auf Siebenbürgen bis zur Flucht in die Moldau nach, wobei auch die Typhus-Epidemie dort und die Frage der Kriegsgefangenschaft thematisiert werden. Von 43000 rumänischen Kriegsgefangenen in Deutschland starben 15500  in den Lagern, eine sehr hohe Sterberate von 30%, was das negative Bild der deutschen Kriegsgegner weiterhin vertiefte. Dieser Aspekt wird in dem Beitrag von Groza im 3. Teil des Buches ergänzt.

Einer der vielen unbekannten Aspekte der Dobrudscha-Front kommt in Danilo Šarenacs Beitrag zu den Serben auf Entente-Seite zur Sprache. In russischen Kriegsgefangenenlagern bildeten sich ähnlich zur Tschechischen Legion aus vorher habsburgisch-serbischen Mannschaften eine First Serbian Volunteer Division, die von Odessa aus an der Dobrudscha-Front mit hohen Verlusten gegen die Mittelmächte eingesetzt wurde. Šarenac reflektiert an diesem Beispiel die Globalisierung durch den Krieg, da die Freiwilligen lange Reisen durch Europa absolvieren mussten, um nach Odessa zu gelangen. Zugleich sieht der Autor in den spezifischen Konflikten der Division bereits Probleme des kommenden Nachkriegsjugoslawien aufscheinen.

Vorgreifend auf das nächste Kapitel sei der Beitrag von Stefan Minkov erwähnt, in dem detailliert die Dobrudscha-Front als Ort des Einsatzes von Bulgarien und Osmanischem Reich befragt wird. Beide Länder befanden sich eher überraschend im Bündnis mit den Mittelmächten, beide hatten gegeneinander Territorialinteressen auf dem Balkan, unterschiedlich war ihr Verhältnis zu Rumänien bei Kriegseintritt: die Türkei eher freundschaftlich, aber jetzt auf Dreibund-Seite, Bulgarien eher feindlich wegen den Balkan-Kriegen. So ergaben sich vor allem wegen der Besitzansprüche auf dem Balkan Differenzen zwischen den beiden Verbündeten, zudem betrachtete Bulgarien im Laufe der Kriegsentwicklung die Dobrudscha als ein Kriegsziel, was aber nicht zuletzt von den deutschen Militärs in Frage gestellt wurde

 

 

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Der unbekannte Krieg

 

 

Rumänien zwischen Entente und Dreibund

 

 

 

 

 

 

Der Eintritt Rumäniens 1916 in den Ersten Weltkrieg war lange in der Forschung marginalisiert worden. Kaum sind größere Arbeiten zu diesem Thema entstanden, geschweige denn, dass es einen breiten Forschungszusammenhang gegeben hätte. Zum 100. Jahrestag erschienen nun mehrere Publikationen, die wir hier vorstellen wollen. Zunächst eine in Rumänien entstandene in englischer Sprache.

Der von den Iaşier Historikern Claudiu-Lucian Topor und Alexander Rubel herausgegebene Band mit 17 Beiträgen ist nach der Chronologie unterteilt: Beginnend mit der Zeit der Neutralität über den Kriegseintritt 1916 und die Kämpfe in den Karpaten und der Dobrudscha hin zur Erinnerung in den Schulbüchern.

Gleich der erste Beitrag von Michael Jonas zur Neutralität Rumäniens im Vergleich zu der Schwedens ist ein herausragendes Beispiel einer historischen Analyse der Unterschiede in der politischen, juristischen und militärischen Haltung der beiden Regierungen gegenüber dem Ausbruch des Krieges. In erfreulicher Breite geht der Autor auf die geo- und außenpolitischen Lagen wie auf die innenpolitischen, das Selbstbild formenden Kräfte ein, die an der Entscheidung für die Neutralität wirkten und die Haltung zu den Krieg führenden Parteien bestimmten. Der größte Gewinn der Studie stellt aber die weit gefächerte Verhandlung der beiden Länder im Neutralitätsdiskurs und der Neutralitätspolitik in jener Zeit dar. Für den historischen Teil stützt sich Jonas auf Lucian Boias (wie Jonas es nennt: 'revisionistische') Darstellung in seinem bekannten Buch über die  "Germanofilii", um Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu dem skandinavischen Land herauszuarbeiten. Eine solche komparative Analyse wirke der Provinzialisierung der jeweiligen Nationalgeschichten entgegen und zeige zudem die Komplexität von "Neutralität". Nach einer präzisen historischen Darlegung der politischen Situation, die für Schweden und Skandinavien interessante Zusammenhänge eröffnet, kann Jonas dann die rechtlichen Grundlagen der Neutralität seit den Haager Abkommen in Verbindung zu den jeweiligen Praktiken in Schweden und Rumänien näher darlegen. Eine äußerst informative und interessante Lektüre! Verweist Jonas auf den Rumänien ähnlichen Fall von Italien, so kann man bei Emanuela Constantini genauer nachlesen, wie die beiden lateinischen Nationen zunächst Verhandlungen über ein gemeinsames Verhalten gegenüber den Krieg führenden Parteien starteten, Italien dann aber schon 1915 auf Seiten der Entente in den Krieg eintrat. Die Gründe lagen in der ebenfalls expansiv ausgerichteten italienischen Politik, die auf dem Balkan und in den Alpen Gebietsgewinne sich versprach.

 

Nicht abwartend verhielt sich das Osmanische Reich, das 1914 auf der Seite der Mittelmächte in den Krieg eintrat, wobei allerdings Silvana Rachieru als Effekt der unterschiedlichen Politik auf beiden Seiten "Überraschung" ausmacht, als man sich 1916 als Gegner in feindlichen Lagern wiederfand. Rumänien und das Osmanische Reich hätten seit der Unabhängigkeit des Karpatenstaates intensive diplomatische und ökonomische Beziehungen gepflegt, die eher unerwartet durch den Krieg abgebrochen wurden. Rachieru weist auf einige Aspekte der Diplomatie hin, erwähnt die Bedeutung der Dardanellen und des Öls für den Krieg, die allerdings weiterer Erforschung bedürften, und hebt die Tatsache hervor, dass das Osmanische Reich zu den Besatzern Bukarests gehörte und 1918 den Friedensvertrag mit Rumänien unterzeichnete.

 

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vlad III. ţepeş - multiperspektivisch ediert

Das Corpus-Draculianum-Projekt versammelt alle vorhandenen Quellen zu dem "Dracula"-Vorbild

 

 

 

 

 

 

 

Es ist ein einzigartiges und zugleich wegweisendes Projekt mit populärem "appeal":  An der Universität Gießen wird am Lehrstuhl Osteuropäische Geschichte die Edition möglichst aller erreichbaren historischen Quellen zur Gestalt des walachischen Woiwoden Vlad III. "Ţepeş" (der Pfähler; auch "Drăculea" genannt) realisiert. Nach vorbereitender und mit begleitender Forschung hat die kleine Mannschaft im DFG-Projekt "Vlad Ţepeş Dracula. Herrscherbiographie und Tyrannenlegende" um Prof. Thomas M. Bohn, zu der Adrian Gheorghe, Christof Paulus und Albert Weber als Mitherausgeber gehören, innerhalb von vier Jahren bereits zwei Bände des arbeitsaufwendigen Projekts veröffentlicht. 

Als Ziel ihres Vorhabens beschreiben die Forscher im Vorwort zu Band 1,1, "die Forschung von den nationalhistoriographischen, kommerziellen und neuerdings auch islamophoben Auswüchsen zurück zur Historizität [zu] führ[en] und die Quellen durch eine zeitgemäße Interpretation verständlich und analysierbar [zu] machen." Denn der walachische Herrscher wurde bereits zu Lebzeiten und unmittelbar nach seinem Tod 1476/77 je nach politischer Perspektive sehr unterschiedlich beurteilt und diese Plurivalenz ist Jahrhunderte später mit seiner unerwarteten Popularität als Graf Dracula in einem von einem Iren geschriebenen raffinierten Schauerroman keineswegs verschwunden. Was bei Bram Stoker als historische Figur, wenn auch mit einigen signifikanten Merkmalen versehen, nur angedeutet wird, musste in den antagonistischen Interessenlagen des 15. Jahrhunderts je nach (wechselnder) Position zu einem äußerst disparaten "Bild" des Vlad III. führen: Osmanenfeind, Christentum- oder Europaverteidiger, brutaler Herrscher, gerechter und strenger Woiwod, Ungarn-feind/-freund, grausamer Sadist, u.a.m. Die Herausgeber des Corpus Draculianum interessieren die zeitgenössischen Ansichten - nicht die Populärkultur des 20. Jahrhunderts ist der Bezugspunkt, sondern die politischen Verwerfungen des 15. Jahrhunderts, wie sie sich in den zugänglichen Quellen darstellen.

 Diese Quellen müssen erst einmal gefunden werden. Das Projekt - ursprünglich an der LMU München auf einen Band geplant - erwies sich bald nicht nur als die Edition vorhandener Dokumente, sondern als erfolgreiche Suche nach bisher unbekannten. Für den zuerst erschienenen Band 3 (Bearbeiter Adrian Gheorghe und Albert Weber), der die postbyzantinischen (griechischsprachigen) und osmanischen (osmanischen, persischen, arabischen) Quellen präsentiert, wurden hunderte von Dokumenten in Bibliotheken und Archiven aus über 20 Ländern gesichtet und verglichen. So werden etwa zu  Chalkondyles' Apodeixis Historion - die "wichtigste Quelle zu Vlad dem Pfähler" - 26 Handschriften(bruchstücke) in 11 verschiede-nen Städten Europas herangezogen, bei Idris Bitlisi 42 Tex-te u.a. in Kalkutta, Manchester, Petersburg, Kairo und vor allem in Istanbul. Diese Quellen werden im Originaltext und einer rohen Übersetzung geboten, was das Corpus Draculianum auch den nicht der zahlreichen Sprachen, in denen die Texte überliefert wurden, kundigen Lesern zugänglich macht. Zudem bietet ein einführender Essay zu den literarischen Textgestaltungen und Überlieferungen weitere dienliche Informationen zur Beschäftigung mit dem Corpus. Weitere Hilfestellungen bieten Diagramme, Statistiken, Schlachtskizzen, so dass Bd. 3 des Corpus Draculianum eine weit gefasste Aufarbeitung der osmanischen Geschichtsschreibung zu dem die Herrschaft des Sultans herausfordernden walachischen Woiwoden bieten kann.

Der Band 1 (Teilband 1; Bearbeiter ebenfalls Adrian Gheorghe und Albert Weber, mit Beiträgen von Marian Coman, Jürgen Fuchsbauer, Ginel Lazăr) nimmt sich Briefe und Urkunden vor, hier speziell aus der Walachei. Eine umfangreiche Einführung in die walachische Diplomatik der Epoche liefert dem Leser das Rüstzeug, um die meist aus dem Stadtarchiv von Kronstadt / Braşov mit der Hilfe der dortigen Archivare herangezogenen Dokumente einordnen zu können. Sie belegen die drei Herrschaftszeiten Vlads von 1442, 1456-1462, 1476 mit Korrespondenzen und Beurkundungen. Etwa die Beziehungen und Konflikte mit den siebenbürgischen Städten Hermannstadt, Schässburg und Kronstadt, die wiederholt Prätendenten auf den walachischen Thron unterstützten, zugleich aber auch wichtige ökonomische Beziehungen zur Walachei pflegten. Zentral sind  die ersten Hinweise auf Vlads III. grausamen Umgang mit Gegnern und auch siebenbürgischen Kaufleuten sowie die genaue Schilderung seines Angriffs auf die an der Donau gelegenen osmanischen Orte mit einer detaillierten Auflistung der Opferzahlen.

Über diese Dokumente hinaus werden sowohl sphragistische Quellen (mit Farbfotos) genau beschrieben und untersucht, die epigraphischen Quellen der Glocke vom Kloster Gorgova und des Grundsteins der Kirche von Târgşor sowie der Grabstein von Vladislav II. (1512-1520) wiedergegeben und dann drei Münzen als numismatische Quellen analysiert. In diesem Band ist also der Herrscher zu beobachten in seiner Auseinandersetzung mit den siebenbürgischen Städten, die auch für seine Politik gegenüber dem Osmanischen Reich von Bedeutung waren. Der zweite Band wird weitere Dokumente insbesondere aus russischen, siebenbürgisch-sächsischen und westeuropäischen Quellen bis zum Jahr 1650 bringen.

Die üppige Einordnung der einzelnen Dokumente und Texte in politische, diplomatische, militä-rische, literarische  u.a. Kontexte macht die ersten beiden Bände des Corpus Draculianum zu einem Meilenstein in der Erforschung der historischen Hintergründe jenes Vlad Ţepeş, der Jahrhunderte nach seinem Tod noch einmal durch einen irischen Roman zu einer mythischen Gestalt wurde.

 

Mit dem Teilband 1/2 sammelt das Corpus Draculianum die Überlieferungskreise II und III aus den ungarischen, osmanischen, moldauischen, polnischen, kaffensischen, italienischen, französischen, deutschen Dokumenten. Es handelt sich um 121 Briefe und Urkunden in sechs Sprachen, die nach den Einteilungskriterien der Herausgeber in Überlieferungskreise nicht von Vlad Țepeș oder seiner Kanzlei selbst (Überlieferungskreis I) stammen, sondern an ihn und seine Kanzlei gerichtet sind, ihn erwähnen oder sehr nahe Handlungen des Vlad III. Drăculea betreffen. Dabei stellt Überlieferungskreis III noch einmal eine weitere Distanz dar, indem dort Texte gesammelt werden, deren "Aussteller keine direkten diplomatischen Beziehungen zu V. und anderen walachischen Herrschaftseliten unterhielten, sondern lediglich mit seinen Nachbarn in Verbindung standen und auf deren Informationen angewiesen waren". (185) Dennoch "sind ihre Berichte von außer-ordentlichem Wert für die Rekonstruktion der Biographie des Woiwoden, die aufgrund der hohen Archivverluste in der Region zahlreiche Lücken aufweist." (185) Während Überlieferungskreis II vor allem ungarische Dokumente beinhaltet, greift Überliefe-rungskreis III auf die reichen italienischen Archive der Städte Venedig und Mailand zurück. Dieser Überlieferungskreis beinhaltet vor allem die Abschriften von kontinuierlichen Berichten des Abgesandten nach Buda, Pietro di Tommaso, oder des Mailänder Vertreters in Venedig, Antonio Guidobono, der hartnäckig eingegangene Nachrichten aus Südosteuropa an den Sforza-Hof in Mailand weiterleitete. Hinzu kommen eine Reihe von aufgefundenen Einzelbriefen zu unterschiedlichsten Anlässen aus verschiedenen Archiven. Als Einzelbrief stellt das Schreiben des Sultans Mehmed II., das den Walacheifeldzug von 1462 beschreibt, ein Highlight dar, das hier erstmals publiziert und faksimiliert wird.

Einige Ergänzungsquellen beleuchten bisher wenig bekannte historische Vorgänge um Vlad, wie etwa seinen Hauskauf in Pécs.

Der zeitliche Rahmen dieser Quellen in Band 1/2 umfasst Vlads Biographie in der Zeit von 1452 bis 1477. Fotos zeigen zur Illustration einige der Quellen in ihrem Aussehen und Zustand.

Die Einteilung in Überlieferungskreise geht zurück auf die Absicht der Herausgeber, mit der Quellenedition die Herkunft der Vielfalt der sehr unterschiedlichen Perspektiven auf den Dracula-Woiwoden präzise zu bestimmen. In ihrer einleitenden Begleitstudie zu Band 1/2 führen sie aus, dass die Bewertung Vlads nicht auf einzelne Quellen, Autorengruppen, Herrschereliten, Volksgruppen, reduziert werden kann, sondern dass zwischen diesen mitunter subtile Abhängigkeiten bestehen. So machen die in diesem Band publizierten Quellen oft eine geringe Bedeutung Vlads für die Venezianer und Genuesen plausibel, wenn es um die militärische Situation gegenüber dem osmanischen Reich geht - von den Vlad zugeschriebenen Greueln ist da nicht die Rede. Die hier publizierten Quellen "zwischen Ereignisgeschichte und narrativer Traditionsbildung" (XV) machen deutlich, wie kompliziert die ja nicht immer sehr üppige Quellenlage die Frage nach der Beurteilung Vlad Țepeș durch seine Zeitgenossen macht.

 

 

Corpus Draculianum. Dokumente und Chroniken zum walachischen Fürsten Vlad dem Pfähler 1448-1650. Hg. v. Thomas M. Bohn, Adrian Gheorghe, Christof Paulus und Albert Weber. Bd. 1. Briefe und Urkunden. Teil 1: Die Überlieferung aus der Walachei. Bearbeitet von Adrian Gheorghe und Albert Weber, mit Beiträgen von Marian Coman, Jürgen Fuchsbauer, Ginel Lazăr. Wiesbaden: Harrassowitz Verlag 2017, ISBN 978-3-447-10212-4, 265 S., zahlr. Abb.

 

Corpus Draculianum. Dokumente und Chroniken zum walachischen Fürsten Vlad dem Pfähler 1448-1650. Hg. v. Thomas M. Bohn, Adrian Gheorghe, Christof Paulus und Albert Weber. Bd. 1. Briefe und Urkunden. Teil 2: Die Überlieferung aus dem Königreich Ungarn und dem Mittelmeerraum. Bearbeitet von Adrian Gheorghe und Albert Weber und Christof Paulus. Wiesbaden: Harrassowitz Verlag 2018, ISBN 978-3-447-10628-3, 361 S., zahlr. Abb.


Corpus Draculianum. Dokumente und Chroniken zum walachischen Fürsten Vlad dem Pfähler 1448-1650. Hg. v. Thomas M. Bohn, Adrian Gheorghe, Albert Weber. Bd. 3. Die Überlieferung aus dem Osmanischen Reich. Postbyzantinische und osmanische Autoren. Bearbeitet von Adrian Gheorghe und Albert Weber. Wiesbaden: Harrassowitz Verlag 2017, ISBN 978-3-447-06989-2, 419 S., Beilage "Statistik".

 


Juni 1941 - Das Pogrom von Iaşi (6)

Reflexionen eines Massenverbrechens in Historiographie und Kunst

 

Was in den Tagen vom 28. Juni bis 6. Juli 1941 in Iaşi (Jassy), der moldauischen Metropole im Nordosten des 1919 erstandenen Groß-Rumäniens geschah, blieb in der Nachkriegszeit lange ein nebelhaftes Mysterium. Zwar gedachte das 1947 installierte kommunistische Regime jährlich offiziell dem Mord an den Juden der Stadt, aber detaillierte Forschung wurde in den vierzig Jahren kaum betrieben, so dass die ideologisch gefärbte und motivierte Interpretation des Regimes für eine Epoche lang das Bild bestimmte. Dies hielt auch noch nach 1989 an, bis eine jüngere Generation von Historikern begann, nachzufragen und erstaunliche Fakten und Quellen zu Tage fördern konnte.

Mittlerweile hat in Ergänzung oder auch anstelle von fehlenden Darstellungen auch die Kunst in unterschiedlichen Formen sich des Themas angenommen. Dies ist Anlass, um an dieser Stelle sowohl die historische Forschung als auch die kulturhistorische Erinnerungs- und Reflexionsarbeit in ihren Formen vorzustellen - auch, damit dieses Ereignis des "stillen Holocaust" nicht vergessen wird.

 

Neue Ansätze und neue Ergebnisse

 

 

 

Adrian Cioflâncăs Forschungen und Filmbeiträge zum Pogrom von Iași

 

 

 

Das tatsächliche Geschehen um das Pogrom von Iași blieb während des kommunistischen Regimes unter einem entleerten Zeremoniell der Jahrestage und oberflächlichen Bekundungen der Solidarität weitgehend verschüttet. Ein von zwei Forschern 1978 publiziertes offiziöses Buch 1) enthielt etwa zahlreiche Ungereimtheiten und Verschleierungen: Täter waren demnach die Wehrmacht oder die Legionäre, Deportationen von Juden wurden nicht erwähnt, die Teilnahme der Bevölkerung an den Gräueltaten verschwiegen.

Nach der Wende von 1989 dauerte es eine geraume Zeit, bis eine jüngere Generation von Forschern sich des Themas mit neuen Fragestellungen und Forscherinteresse annahm. An der Iașier "Alexandru Ioan Cuza"-Universität mit ihrer großen historischen Fakultät studierte Adrian Cioflâncă vor allem die jüngere Geschichte Rumäniens wie etwa die Kriegsgeschichte oder die stalinistische Phase der kommunistischen Diktatur. Zudem entwickelte er bald ein hartnäckiges Interesse an dem Geschehen von 1941 und dessen Kontext.

Cioflâncă gehörte als jüngstes Mitglied sowohl der  Internationalen Kommission für die Erforschung des Holocaust unter Elie Wiesel (Comisia Internaţională pentru Studierea Holocaustului în România) als auch der zur Erforschung der kommunistischen Diktatur unter Vladimir Tismăneanu (Comisia Prezidenţială pentru Analiza Dictaturii Comuniste din România) an und arbeitete an beiden Abschlussberichten mit. Für den Abschlussbericht der Wiesel-Kommission schrieb er den Teil über das Pogrom in Iași.

Weitere seiner Publikationen hatten das Pogrom zum Thema. Cioflâncă konnte neue Quellen aufspüren und damit auch  Mängel in den bisherigen Forschungen deutlich machen. So ging er  Zeitungsberichten von einem Massengrab in einem Dorf bei Iași nach und entdeckte 2010 in Popricani die Überreste von 36 Opfern des Pogroms. In einem archäologisch-lokalhistorischen Projekt mit Befragungen von Zeitzeugen wurden in den Wiesen oberhalb des Pruth an der Grenze zur Republik Moldau genaue Untersuchungen vorgenommen, die präzise die Vorgänge der Ermordung der zahlreichen Kinder, Frauen und wenigen Männer beleuchteten. Wenige Kilometer entfernt bei Stânca wurde 2000 ein Monument an der Stelle errichtet, an der bereits 1945 ein Massengrab entdeckt und von Gerichtsmedizinern beschrieben worden war. Demnach fanden 1941 dort 311 Menschen den Tod, vor allem Kinder, Frauen und ganze Familien. Das Monument ist mittlerweile vandalisiert worden, die rückseitige rumänische Inschrift nicht mehr erkennbar. (Historische Koinzidenz: Nur wenige hundert Meter von diesem baumlosen Wiesental entfernt wurde im Mai 1944 der Soldat Heinrich Böll schwer verletzt und von der Front am Pruth nach Ungarn transportiert, so dass er den "Kessel Iași-Chișinău" als einer der wenigen überlebte.2) Ebenso entdeckte Cioflâncă entlang der Strecke der "Todeszüge" weitere Massengräber durch Befragung von Zeitzeugen aus den Dörfern. Ganz aktuell hat Cioflâncă den Zielort Călărași der Todeszüge untersucht und dort die Unterbringung der 1100 Überlebenden der Todeszüge in einer Kaserne rekonstruiert. Am 27. September 2019  wurden dort am Bahnhof und dem jüdischen Friedhof Plaketten zur Erinnerung angebracht  (s.u. Fotos).

Die Forschungen Cioflâncăs brachten zwei bisher seltener herangezogene Quellengruppen in den Fokus: Zum einen bergen noch zahlreiche Archive Dokumente über das Pogrom. So entstanden anlässlich der nach dem Krieg geführten Kriegsverbrecherprozesse wie auch innerhalb der jüdischen Gemeinde umfangreiche Beweissammlungen. Sie werden heute zu nicht geringem Anteil in der Securitate-Behörde CNSAS aufbewahrt, weshalb Cioflâncă neben seinem Amt als Direktor des  Centrul pentru Studiul Istoriei Evreilor din România (CSIER) in Bukarest auch einen Posten bei der CNSAS einnimmt. Zum anderen sah Cioflâncă bei Forschungsaufenthalten am Holocaust Museum in Washington und in Jerusalem einen Großteil der  zahlreichen Fotoaufnahmen, die auffallenderweise bei dem Pogrom gemacht wurden. Diese lassen Rückschlüsse auf  konkrete Vorgänge und Orte zu.

Sind die Forschungsergebnisse Cioflâncăs in Büchern und Aufsätzen dokumentiert, so übersieht der Historiker die geschichtspolitische Seite des Pogroms nicht. Auf einer Website publizierte er mit weiteren Historikern für ein größeres Publikum Texte und Bilder zu den unterschiedlichen Phasen, Orten, Tätern und Opfern des Pogroms. Bis 2017 erweitert ist diese reichhaltige Plattform auch heute noch online und bietet unterschiedliche mediale Zugänge zu dem Geschehen. Besonders beeindruckend sind hier die Vorstellung einzelner Opfer in ihren Biographien sowie die Fotos von einer Fahrt zu den Stätten in Iași und den Haltepunkten der "trenurilor morții" (Todeszüge). Über die Website hinaus hat der Iașier Forscher wiederholt auch filmische und künstlerische Annäherungen an das Pogrom von Iași wissenschaftlich beraten (so Radu Judes Îmi este indiferent dacă în istorie vom intra ca barbari (2018) oder den Dokumentarfilm Souvenirs de Iași von Romulus Balasz (2016)).

 

 

1) Aurel Karețki and Maria Covaci: Zile însîngerate la Iași. București: Editura Politică 1978.

2) Vgl. Markus Bauer: Sein einschneidendes Erlebnis. Wie Heinrich Böll von seinem Einsatz an einem weitgehend vergessenen Kriegsschauplatz geprägt wurde. In: FAZ Nr. 46 v. 23. Februar 2019.

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Auf der Berlinale 2020 wird der Film Ieşirea trenurilor din gară (Abfahrt der Züge aus dem Bahnhof; RO 2020, 175 min) von Cioflâncă und Radu Jude seine Welturaufführung haben, der insbesondere sich den Biographien der Opfer des Pogroms von Iași widmet. In einem Interview mit der Zeitschrift Suplimentul de Cultură sagte Cioflâncă: "Ieșirea trenurilor din gară vermeidet den panoramatischen Blick auf das Pogrom von Iași und die Versuchung der Flucht in das 'große Narrativ'. Es ist eine Sicht von unten, von der Ebene der Opfer, der Überlebenden." Der Film verspricht zudem eine cineastische Erschließung der oben erwähnten neuen Quellen: "Ein großer Teil der verwendeten Fotografien und Erklärungen sind unveröffentlicht und selbst den Spezialisten unbekannt.Der aufwühlende Aspekt ist, dass einige der Nachkommen der Opfer zum ersten Mal Details erfahren werden, wie ihre Eltern, Großeltern und Onkel ermordet wurden."

 

https://www.pogromuldelaiasi.ro/

 

http://adriancioflanca.blogspot.com/

 

Juni 1941 - Das Pogrom von Iaşi (5)

 

Individualität und Geschichte

 

Elana Katz und ihre Performances

 

 

 

 

Abb. © Elana Katz

 

Das Videostill zeigt unter wolkenlosem Himmel die Landschaft der nördlichen Moldau. Zwei Schienenstränge weisen zum Horizont, auf einem steht mit dem Rücken zum Betrachter auf den Schwellen eine junge Frau, zierlich, den Kopf rasiert, in einem schwarzen Kleid. Es sind die Schienen der "Todeszüge" des Pogroms von Iaşi.

Elana Katz geht in ihren Performances, die in Videos festgehalten werden, weit in die Erfahrung ihrer Persönlichkeit hinein. Es sind traumatische Landschaften, die sie erkundet - inner- und außerhalb ihrer selbst. Nicht etwa eine womöglich intendierte Versetzung in die Sterbenden der Todeszüge ist das Konzept von Katz, sondern eine ganz persönliche Auseinandersetzung und Erfahrung. Sie wird optisch in der Grenzerfahrung der Performance vielfältig sichtbar. Im Video sieht man die Protagonistin schwitzend durch die Sommerhitze auf den Gleisen laufend, manchmal scheint sie zu taumeln vor Anstrengung. Es ist eine besondere Anstrengung, in der wie ein Schock die Vorbeifahrt eines Zuges auf dem parallelen Gleis wirkt. Dies alles lässt die Grenze der Erinnerung und Vorstellungskraft gegenüber dem historischen Geschehen deutlich werden - aber sie setzt zugleich die Erinnerung in Gang und lässt im Betrachter  das Rätsel der Bedeutung dieser Performance wirken. Ihre Bilder sind gegenwärtig, aber nur ein Aiming for hopelessness, wie der Titel der Performance 2016 lautete. Er spielt auf die zirkuläre Zeitfalle an, die die endlosen Fahrten der Züge ohne reales Ziel auch in der Performance aufrief.

Die Performance war Teil des Langzeitprojekts Spaced Memory, in dem an früheren jüdischen Orten in Osteuropa, deren einstige Funktion längst vergessen (gemacht) wurde, an die untergegangene Geschichte erinnert wird. In diesem Zusammenhang entstand das Video Running on empty in Belgrad. Darin läuft Katz mehrere Kilometer in einer industriellen Vorstadt Belgrads. Die Umwelt wirkt eher bedrohlich, Autos, kein Trottoir, Industriebrachen. Ihr Atem ist laut zu hören, erinnert an Luftknappheit, an Ersticken fast. Die Strecke markiert jene 15 km, die mobile Vergasungswagen 1942 abfuhren, um ihre Insassen zu ermorden.

Dass  Katz komplexe Sachverhalte in einzelnen Kunstperformances auf den Punkt bringen kann, zeigt ihre fast satirisch wirkende Veranstaltung (Action Boxing Club) im Jahr 2014 in Pristina/Kosovo. Sie lud die komplette NGO-UN-EU-Community des Ortes ein zu einer Kunsteröffnung in einem früheren Boxclub, der einst ein Ort jüdischer Aktivität war. Am Eingang zu dem Raum stand Katz neben einem Fass mit weißem Pulver, in das sie ihre Hand tauchte, mit der sie jeden einzelnen Gast begrüßte. Wie jede/r mit dieser Pulverbeschmutzung umging, trug fast schon entlarvende Züge. Vor allem ging es Katz hierbei aber um die Topographie der Kommunikation, die sich durch die weißen Flecken zeichnen ließ. Einen weißen Fleck stellt die Location selbst dar, deren genau Nutzung durch die jüdische Gemeinde wegen der Auslagerung der Archive im Kosovo-Krieg 1999 nicht mehr rekonstruierbar ist.

In der Berliner Galerie Kwadrat, wo sowohl eine Performance entstand ((F)acts of violence) als auch weitere im Video zu sehen waren, antwortete Elena Katz sehr reflektiert und vielschichtig auf die Beiträge der Mitdiskutanten Chiara Mazzara und Marek Claassen und des Galeristen Martin Kwade. Sie machte deutlich, dass es ihr um sie selbst gehe und um die Wirkung von Traumata. Dazu gehöre, sie erst einmal sichtbar zu machen in der Umwelt. Es ist eine eindringliche Differenzierungskraft, die Katz' Performances abschirmt von den großen Ansprüchen der Vergangenheitsbewältigung und hinführt zu individuell-psychologischen Beobachtungsstudien, die dennoch einen wesentlichen Teil  an der Erinnerung haben.

 

Elana Katz: Spaced Memory.

Videos unter:    http://www.elanakatz.eu

Juni 1941 - Das Pogrom von Iaşi (4)

1941 im Kontext

 

 

Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden -

Das Beispiel Rumänien in Quellen

 

 

 

 

 

 

Mit dem Beitritt Rumäniens unter General Ion Antonescu zur Hitlerkoalition im Jahr 1940/41 bahnte sich in den Vorbereitungen zum Überfall auf die Sowjetunion auch das Pogrom in Iaşi an. Welche längere Entwicklung zum Krieg Rumänien nahm, lässt sich den Zeugnissen und Dokumenten entnehmen, die der Band Slowakei, Rumänien und Bulgarien des Editionsprojekts Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945 bereitstellt. Dieser umfangreiche und sorgfältig redigierte Band bietet zahlreiche Texte unterschiedlicher Art (Behördenverkehr, Tagebücher, Briefe, Zeitungsartikel, Gesetze und Dekrete, etc.) , an denen sich ablesen lässt, wie allmählich und oft durch die expansive Hitler-Politik angestoßen, in den drei südosteuropäischen Staaten der Antisemitismus teilweise staatliche Doktrin wurde und sich bis zum dahin unvorstellbaren Grauen steigerte. Der rumänische Teil der Edition beginnt mit einem Interview der englischen Zeitung Daily Herald mit dem Premierminister Octavian Goga Anfang 1938. Goga hat bis heute in Rumänien einen großen Ruf als Dichter - seine nationalistische bis proto-faschistische Politik wird von diesem guten Image abgespalten, so dass man oft den Eindruck hat, es handele sich um zwei verschiedene Personen. In dem Interview plädiert der Dichter für einen "ständischen Staat" aus Korporationen und sagt, dass 500000 Juden das Land verlassen müssten. Gogas Regierung mit dem antisemitischen Parteipartner A.C. Cuza endete nur wenige Wochen später, als König Carol II. den Metropoliten Cristea als Premierminister einsetzte und dann eine Königsdiktatur proklamierte. Goga und Cuza hatten in ihrer kurzen Regierungszeit zahlreiche antisemitische Gesetze eingeführt, die in dieser Weise in Europa noch nicht vorhanden waren. In einem Interview mit der Berliner Börsen Zeitung 1938 sagte Cuza: "Unser Programm ist mit einem einzigen Wort gekennzeichnet und dieses Wort lautet: ausscheiden. Wir wollen die Juden aus Rumänien entfernen."

 

Nachdem Carol II. für die Gebietsabtretungen von Bessarabien (Sowjetunion), Nordsiebenbürgen (Ungarn), Süddobrudscha (Bulgarien) verantwortlich gemacht wurde, wurde er von General Ion Antonescu abgesetzt und ging ins Exil. Antonescu setzte auf das Bündnis mit Hitler und entwickelte auch eigene antisemitische Initiativen. Als Rumänien mit Deutschland die Sowjetunion angriff, fand in Iaşi das Pogrom vom Juni 1941 statt. In dem Band ist hierzu eine spätere Zeugenaussage eines Überlebenden der das Pogrom begleitenden "Todeszüge" zu lesen. Ebenso ein Bericht des deutschen Konsuls  Fritz Schellhorn. Dieser war nicht nur eine der hilfreichen Figuren, die in Czernowitz dem Bürgermeister Traian Popovici halfen, im Herbst 1941 20000 im Ghetto konzentrierte jüdische Menschen von Deportationen vorläufig zu bewahren, sondern wird in der Forschung mittlerweile als regelrechter aktiver Gegner der Nazis im Amt beschrieben. Weiterhin stellt ein nach der Befreiung 1944 entstandener Zeitungsartikel die Tat der Rotkreuz-Vorsitzenden der Stadt Roman, Viorica Agarici, vor, die gegen alle Drohungen sich für das Überleben der in den Todeszügen Gefangenen einsetzte.

 

Der Leser wird mit dieser Fülle von Dokumenten aus unterschiedlichen Kontexten, die die Zeitspanne bis 1944 umfassen, nicht allein gelassen. Für Rumänien hat die Historikerin Mariana Hausleitner eine 30 Seiten umfassende Einführung verfasst, die eine gute Übersicht über das Gesamtgeschehen gibt. In ihr wird die Zahl der Ermordeten im Pogrom von Iaşi mit 14850 angegeben.

 

In gleichem Aufbau bieten die Beiträge zur Slowakei und Bulgarien ebenfalls einleitende Überblicks-darstellungen sowie zahlreiche Dokumente und Quellen, die die jeweiligen Besonderheiten dieser Länder im Zweiten Weltkrieg und ihrer Teilnahme am Holocaust herausstellen. Besonders im Falle von Bulgarien werden viele Quellen genannt, die belegen, dass das Land nicht - wie oft angenommen - völlig frei von antisemitischer Verfolgung geblieben sei. Wenn auch keine so große Vernichtung der jüdischen Bevölkerung, wie etwa im Satellitenstaat Slowakei des Priesters Jozef Tiso, stattfand.

 

(Die Quellen zu den Vorgängen in Bessarabien und Transnistrien finden sich in VEJ, Bd. 7, "Sowjetunion mit annektierten Gebieten I (Besetzte sowjetische Gebiete unter deutscher Militärverwaltung, Baltikum und Transnistrien)"

 

Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945. Bd. 13: Slowakei, Rumänien und Bulgarien. Bearbeitet von Mariana Hausleitner, Souzana Hazan und Barbara Hutzelmann. Bandkoordination: Ingo Loose. Berlin: de Gruyter Oldenbourg 2018, ISBN 978-3-11-036500-9, 800 Seiten, mehrere Karten

 

 

Juni 1941 - Das Pogrom von Iaşi (3)

Fragmente von Leben und Erinnerung

 

Olga Stefans Projekt "The Future of Memory"

 

 

 

Foto: www.thefutureofmemory.ro

 

 

Das Pogrom von Iaşi blieb der europäischen Öffentlichkeit lange Zeit verborgen. In Rumänien während des kommunistischen Regimes zu einer ideologischen Gedenkroutine marginalisiert, wusste im Kalten Krieg kaum jemand außerhalb des Landes von dem historischen Geschehen - außer den Überlebenden und den Familien der Opfer. Aber auch in den Familien war ähnlich wie bei anderen Überlebenden der Shoa oft das erlebte Trauma kein Thema.

 

Dies erlebte auch die als Kind aus Rumänien nach Chicago ausgewanderte Künstlerin Olga Stefan, deren Großmutter Sorana ihren Vater in Iaşi verlor. Es brauchte viel Zeit, bis die Nachfahrin auf das Geschehen aufmerksam wurde und dieses zum Thema einer anhaltenden Recherche machte. "Fragments of a life" (Fragmente dintr-o viaţă) bildete 2016 ein erstes Ergebnis ihrer Auseinandersetzung mit den Folgen des Pogroms in mehreren Familien. In der Iaşier Galerie "tranzit.ro" und in der Züricher Galerie Reunion Art Space zeigte sie die mediale Umsetzung dieser Recherchen. Neben den Bildern des Iaşier Malers Samy Briss, die dieser kurz nach dem Zweiten Weltkrieg anlässlich der Prozesse gegen Täter malte, sind es zwei Videoinstallationen, die die familiäre Konstellation von Überlebenden und dem Fehlen der Opfer thematisieren. Olga Stefan befragt über eine Videoverbindung ihre Großmutter Sorana zu ihrer Erinnerung an die Zeit, als deren Vater in Iaşi ermordete wurde. Ebenso erstaunlich sind die Bilder, die Elianna Renner im Videogespräch mit ihrer Mutter und einer Tante in Buenos Aires zeigen. Hier werden erst allmählich die Teile zusammengefügt, die zusammen ein Bild von dem Verschwinden zweier Großonkel in Iaşi erahnen lassen. Beide Künstlerinnen legen besonderen Wert auch auf die familiären Folgen des Pogroms in den Jahren des Exils, denn irgendwann sind fast alle Überlebenden aus Rumänien emigriert. Ein weiterer Teil der Ausstellung ist das Video eines Gesprächs mit dem Künstler Daniel Spoerri, der zum ersten Mal über den Verlust seines Vaters - eines zum Protestantismus übergetretenen Juden - im Pogrom von Iaşi spricht.

 

Dem Nicht-Wissen der jüngeren Generation in den Familien entspricht oft auch ein Nicht-Wissen-(Wollen) in den Ländern des Geschehens. Stefan ging nach "Fragment dintr-o viaţa" einen Schritt weiter und machte die Präsentation der Ausstellung in Rumänien und der Republik Moldova selbst zum Gegenstand des Projekts "Viitorul Memoriei" ("The Future of Memory"). In einer Karawane der Ausstellung wurden in verschiedenen Städte jeweils neue Recherchen initiiert und präsentiert, die das Interesse an der lokalen Situation in der Shoah und eigene Recherchen der BetrachterInnen anregen sollten. Weitere KünstlerInnen der Zeit kamen in den Blickpunkt, wie etwa in Bukarest der Maler Leon Misosniky oder die Avantgarde-Malerin Edda Sterne (1910-2007), die mit Victor Brauner und Marcel Iancu zusammenarbeitete, bevor sie nach New York emigrierte. In Oradea sind es mehrere ermordete Maler wie Ernö Grünbaum, Tibor Ernö, Leon Alex u.a. In Chişinău (Moldova) wird die kaum bekannte Deportation der bessarabischen Roma nach Transnistrien durch Ion Duminică, Direktor der Secţia minorităţi etnice la Academia de Ştiinţe a Moldovei, thematisiert.

 

Einer der Überlebenden der Shoa ist der emeritierte Germanistikprofessor (University of Sussex) Ladislaus Löb, der in Cluj geboren wurde und dessen Familie großteils mit den 450000 ungarisch-nordsiebenbürgischen Opfern des ungarischen Holocausts verschwand. Er selbst wurde als Siebenjähriger mit dem Vater mit einem Kasztner-Transport zunächst nach Bergen-Belsen und dann in die Schweiz gebracht. In einem Beitrag in dem das Projekt begleitenden rumänisch-englischen illustrierten Album beschreibt Löb seinen Weg durch das KZ nach Zürich und England.

 

Der Ansatz weitet sich und vor allem Nachkommen der KünstlerInnen berichten über ihre Wahrnehmung der familiären Vergangenheit nach dem Holocaust. Was Olga Stefan mit ihren innovativen Projekten entdeckt und an das Licht der Öffentlichkeit bringt, ist eine eigene Form der Geschichtsschreibung, die von der akademischen Historiographie vielfach vernachlässigt worden ist. Ihre intensiven und vielfältigen Recherchen und sozial-künstlerischen Initiativen entdecken nicht nur eine Vergangenheit, sondern gehen ihren familiären, ästhetischen und sozialen Verästelungen bis in die Gegenwart nach.

 

www.thefutureofmemory.ro

(Besonders die Archiv-Seiten der jeweiligen Stationen bieten weiteres Material.)

Juni 1941 - Das Pogrom von Iaşi (2)

Gebrauchte Kleider - Eine Familie im Holocaust

 

Der Roman von Cătălin Mihuleac über das Pogrom von Iaşi

 

Es hat nicht nur Jahrzehnte gedauert, bis in Iaşi und darüber hinaus sich eine breitere Forschung der grausamen Geschehnisse in der alten Kulturmetropole im Nordosten Rumäniens zu Beginn des Überfalls auf die Sowjetunion angenommen hat. Auch als Thema der Literatur kam das Pogrom von Iaşi  erst mit dem Roman des Iaşier Autors Cătălin Mihuleac beim rumänischen Lesepublikum an. Und nicht nur dort; zahlreiche Übersetzungen - darunter jetzt eine deutsche - verbreiten die romanhafte Darstellung einer Familiengeschichte, die durch das Pogrom geprägt wird.

Die Kaufhausangestellte Sânziana, aus deren Ich-Perspektive zunächst erzählt wird, erhält von ihrem Chef den Auftrag, ein amerikanisches Paar, Mutter und Sohn, durch Iaşi zu führen. In den USA hat die Familie ihr Geld durch Secondhand-Kleiderhandel gemacht und der Sohn bietet Suzy, wie der rumänische Namen sofort vereinfacht wird, an, dort mitzuarbeiten. Es folgt die Heirat der beiden und Suzy taucht nicht nur in die Geheimnisse der einst aus Rumänien emigrierten Familie ein, sondern lernt selbst viel über die Geschichte ihrer Stadt. Parallel zu dieser Exploration der Heldin in den USA schildert ein Erzähler das Geschehen des Pogroms und seiner langen Vorgeschichte in der rumänischen Zwischenkriegszeit in drastischer Realistik. Hier ist es das Schicksal des Gynäkologen Jacques Oxenberg und seiner Familie in Iaşi, das wie ein Panorama die Gesellschaft und  Geschichte der Stadt zwischen den Kriegen aufscheinen lässt. Mit zahlreichen Details und vielen Klarnamen (wie Traian Bratu, A.C. Cuza, Ion Zelea Codreanu) wird in einer zwar auktorialen Form, aber subjektiven Perspektive die Lebenswelt der jüdischen Bevölkerung in Zeiten des ansteigenden Antisemitismus satirisch, drastisch, kolportagehaft geschildert. Der Erzähler bewegt sich dabei nahe an den Klischees und Vorurteilen, Stereotypen und Judenbildern, die seinerzeit im Schwange waren und historisch in Iaşi die Entstehung des organisierten gewalttätigen Antisemitismus von Codreanu und A.C. Cuza begünstigten. In die Schilderung gehen genaue Beobachtungen historischer Fakten ein. So wird anhand der zugänglichen Fotoaufnahmen die Ermordung des kleinen Mädchens mit seinen Eltern auf der Straße Vasile Conta in die Geschichte eingewoben. Auch die Figur eines Historikers bietet im Roman Gelegenheit, zahlreiche Details in ihrer Entdeckung zu präsentieren.

Bei allem Lob, das das Buch erfuhr - auch weil es gegen Widerstände in Rumänien geschrieben und publiziert wurde -, stellt ein Diskussionspunkt in der Rezeption die drastische und sexualisierte Sprache dar. Ilma Rakusa fragte in der NZZ: "Zutiefst verstörend, was Mihuleac berichtet, aber auch, wie er es tut. Ist saloppe Übertreibung nicht fehl am Platz? Wem will er auf diese Weise etwas einbleuen, etwa jenen unbelehrbaren rumänischen Nationalisten, die heute noch leugnen, dass Rumänen an jenen Greueltaten massgeblich beteiligt waren, zumal deren Verbrechen kaum geahndet wurden?". Hiergegen kann erwogen werden, dass der Antisemitismus der Zwischenkriegszeit insbesondere auch aus Sexualphantasien sich nährte. Mihuleac differenziert zwischen beiden Reden des Romans: Die sexualisierte Sprache taucht in Suzys Monolog weniger drastisch auf als in der Erzählung des Pogroms und seiner Vorgeschichte.

Der Reichtum der Details zum historischen Geschehen trägt zur Bedeutung des Buches für rumänische Leser bei: Die wenigsten werden den vielfach wegen seiner "Medeleni"-Geschichten nostalgisch verklärten Autor Ionel Teodoreanu als einen aktiven Antisemiten kennen, der den Ausschluss der Juden aus der Rechtsanwaltskammer in Iaşi forderte und durchsetzte. Es wird der italienische Konsul erwähnt, der später dann in Curzio Malapartes eher fiktivem Kapitel über das Pogrom in seinem Roman "Kaputt" erscheint.

Mihuleacs Roman hat erstmals die Vorgänge von 1941 in seiner Heimatstadt und in Rumänien einem größeren Publikum in einer Romanstruktur erzählt. Es besteht damit die Gelegenheit, dass  das Geschehen auch durch Literatur zum Gegenstand von Debatten und Nachfragen wird.

 

Cătălin Mihuleac: Oxenberg & Bernstein (America de peste pogrom). Roman. Aus dem Rumänischen von Ernest Wichner. Paul Zsolnay Verlag Wien 2018, 366 Seiten, ISBN 978-3-552-05883-5

 

Juni 1941 - Das Pogrom von Iaşi (1)

Abbilder des Grauens

Ein Fotoband über das Pogrom von Iaşi

 

Der graubärtige Mann im Zentrum des nebenstehenden Fotos steigt als einer der letzten in einen Güterwaggon am Bahnhof von Iaşi.  Er blickt zurück, weil offensichtlich jemand unter den Uniformierten mit

 

Abb.: Indiana University Press, Bloomington

 

 ausgestrecktem Arm und Zeigefinger auf ihn zeigt und etwas sagt. Es sind fast nur noch Uniformierte zu sehen - mit Tellermützen, Käppis, Gürteln, Waffen, Umhängetaschen, Epauletten.

Im unscharfen Hintergrund könnte noch ein Zivilist zu identifizieren sein. Es scheint nur ein sehr enger schlauchartiger Korridor neben dem Zug zu sein, der die Uniformierten aufnimmt. Hinter dem Graubärtigen mit der Mütze, der sich von der höheren Stufe des Güter/Viehwaggons umdreht, sind ein junger Mann erkennbar, der versucht, in den vollen Waggon zu gelangen, sowie ein weiterer Mann, der bereits in der Waggontür mit dem Blick nach innen steht.

Das Foto ist auf dem Einband des Bandes zu sehen, der zahlreiche der mittlerweile bekannt gewordenen Aufnahmen jenes unmenschlichen Geschehens in Iaşi versammelt, das Ende Juni bis Anfang Juli 1941 sich abspielte. Es sind verstörende Bilder der Gewalt, die aus unterschiedlichen Archiven zusammengetragen wurden.

Als Einführung gibt ein Text des als Herausgeber genannten Radu Ioanid, Direktor beim US Holocaust Museum in Washington, eine knappe Darstellung des Geschehens aufgrund von Archivdokumenten und Publikationen wie Cartea Neagră  von Matatias Carp, das 1948 in zwei Bänden erschien, Marius Mircu Pogromul de la Iaşi unmittelbar nach Kriegsende 1945 publiziert oder der sechsbändigen Quellenedition von Jean Ancel Documents concerning the Fate of Romanian Jewry during the Holocaust, New York 1986. Allerdings zieht Ioanid auch die einzige größere Publikation in kommunistischer Zeit heran, die stark ideologisch gefärbt ist: Aurel Kareţki, Maria Covaci, Zile însîngerate la Iaşi, 1941. Bucureşţi 1978, in der das Bild eines von der Bestialtität der Deutschen angestifteter gesellschaftlicher "Abschaum" sich habe zu Mordtaten hinreißen lassen.

Ioanids Einleitung gibt das Gerüst der Ereignisse, die bereits vor dem 26. Juni mit dem Ausheben von Gräbern in der Stadt und auf dem jüdischen Friedhof begannen, zu dem jüdische Männer gezwungen wurden. Nicht sichtbar sind die geheimen Vorbereitungen und Anordnungen aus der Staatsspitze, die Geheimdienstleute und Legionäre in die Stadt bringen. An christlichen Häusern wird ein Kreuz angebracht, um sie von den Überfällen auszunehmen. Nur vier Tage nach dem Beginn des Überfalls Nazi-Deutschlands und Rumäniens auf die nahe Sowjetunion ist Iaşi zu einer Frontstadt geworden, die auch Luftangriffe sowjetischer Flieger erfährt. Am 26. Juni findet ein besonders schwerer Angriff statt mit über 100 Toten in der Stadt. Die jüdischen Bewohner  werden beschuldigt, mit Lichtzeichen den Flugzeugen den Weg gewiesen zu haben - das Phantom vom "iudeo-bolşevism" findet seine fatale Anwendung auf die Realität. In den jüdischen Vierteln werden Familien aus ihren Häusern geholt und in Kolonnen durch die Stadt getrieben. Dabei werden viele Opfer der rumänischen Soldaten, der Miliz, der Polizei, der Jandarmeria oder aber von Nachbarn, Passanten, die vielfach die Getöteten berauben. Die Überlebenden werden in den Hof der Quästur gebracht, dem Polizeipräsidium in der strada Vasile Alecsandri. Dort beginnen nachmittags deutsche und rumänische Soldaten das Feuer aus Maschinenpistolen auf die zusammengedrängte Menge zu eröffnen.

Andere werden am Abend und Morgen darauf zum Bahnhof gebracht und in Güterwaggons verladen. Die zwei "Todeszüge" mit ihren überfüllten Wagen, die in der glühenden Sonne ohne jede Versorgung stundenlang herumfahren, lassen über 2000 Tote zurück.

Das tief in das historische Gefüge der Stadt eingreifende Massaker ist in zahlreichen Fotografien dokumentiert worden, wobei die Motivation der weitgehend anonymen Fotografen kaum bekannt ist. Unter ihnen waren deutsche Soldaten und Angehörige der "Organisation Todt", die an den Morden eher weniger direkt beteiligt waren. Diese Dimension der Motivation und Zwecke der fotografischen Abbilder diskutiert der vorliegende Band nicht. Vielmehr präsentiert das Buch eine "Geschichte" dessen, was über die jüdischen Bewohner Iaşis hereinbrach: Den Auftakt bilden zwei Aufnahmen, die einmal ein Festbankett für Chaim Weizmann im Jahr 1927 und eine Milchverteilung durch den JOINT zeigen - Tätigkeiten des jüdischen Bürgertums in der Stadt. Das nächste Foto lässt deutsche Militärs und Angehörige der "Organisation Todt" bei einer Parade erkennen, gefolgt von Legionären in Marschkolonnen. Im Publikum sind die Arme hochgereckt, auf einer Tribüne ist möglicherweise der kürzlich verstorbene, damals noch junge König Mihai zu sehen.

Nach diesen "Einführungsfotos" eine weitere Kolonne, diesmal Männer mit Spaten, in einer langen Reihe zusammengedrängt  - auf dem Weg zum Ausheben von Massengräbern am 25. Juni. Die weiteren Fotos dieses Teils zeigen auffällig detailliert das grausige Morden in den Straßen und der Polizeiquästur. In der Straße Cuza Vodă gehen am Sonntagmorgen "SpaziergängerInnen" z.T mit dem Sonnenschirm in der Hand zwischen den Leichen  (S. 37). Ein anderes Foto zeigt den Moment, in dem eine Frau zwischen Leichen sich aufbäumend von einem Zivilisten erschlagen wird (S. 36). Seite 43 ist das bereits im Cartea Neagră 1948 im Ausschnitt veröffentlichte Foto einer ermordeten Familie mit ihrer kleinen Tochter im Blut liegend zu sehen und S. 44 das komplette Foto, das der Historiker Adrian Cioflăncă entdeckt hat. Auch die Vorgänge im Hof der Quästur sind mit mehrern Abbildungen belegt wie ein Foto dann auch die vor dem Bahnhof auf dem Boden liegenden Juden vor ihrer Verladung in die Güterwaggons erkennen lässt.

Das folgende "Kapitel" zeigt 95 Fotos von der Entladung der "Todeszüge" an den Stationen wie Podu Iloaiei, Roman, Târgu Frumos: Haufen von Leichen, nackte Überlebende, Verladung der Toten auf Wagen zum Verscharren in Massengräbern. Eine Aufnahme zeigt das Lager in Călăraşi im Süden Rumäniens, wo einer der beiden Züge nach tagelanger Fahrt ankam.

Das nächste Thema des Bandes sind Aufnahmen der Angeklagten in den Prozessen, die 1948 in Bukarest stattfanden und als Höchststrafen jahrelange Arbeitslager- oder Gefängnisstrafen verhängten.

Wie diese Prozessfotos stammen auch die des letzten "Kapitels" aus dem Bestand der FCER: Pass- oder Familienfotos von Opfern des Pogroms und der Todeszüge. Erinnerung an eine bürgerliche Welt, an Familien, Eltern, Kinder und Jugendliche, an die Berufsstruktur der Stadt, die Zivilisation einer Stadt, die innerhalb weniger Tage brutal ausgelöscht wurde.

Zu allen Fotos gibt es als schriftliche Hinzufügung, die aber nicht immer als Kommentare oder Erklärungen zu dem Bild gelten, Zitate meist aus den Prozessakten, persönlichen Erinnerungen oder anderen Dokumenten.

Dass angesichts der im wahrsten Sinne überwältigenden Nähe der Aufnahmen noch Fragen an das Buch bestehen bleiben, dürfte auch seiner Entstehung zuzuschreiben sein. Es handelt sich, wie das Impressum angibt, um ein ursprünglich in Rumänien in der Editura Curtea Veche 2014 erschienenes Album, dessen rumänischer Text von dem renommierten Historiker Dennis Deletant ins Englische übersetzt wurde. Radu Ioanids Beitrag stammt aus seinem Buch The Holocaust in Romania (2000). Somit ist erklärlich, dass eine eigentliche, historische Auseinandersetzung mit den Fotos, ihrer Entstehung, ihrer Veranlassung, ihrer Herkunft, Geschichte und Semantik hier nicht im Vordergrund steht. Als eine erste Präsentation des vorhandenen fotografischen Materials, das durch die Forschung noch erweitert und analysiert werden muss, lenkt die englischsprachige Ausgabe  die Aufmerksamkeit auf ein allmählich stärker beachtetes Geschehnis im rumänischen Holocaust.

Seite 106 erkennen wir den Mann mit der Mütze vom Bahnhof in Iaşi wieder. Jetzt steht er in Podu Iloaiei vor der Tür des Waggons, verstört, für immer gezeichnet; hinter ihm in der offenen Tür es Wagens liegen die Leichen der durch Hitze, Verdursten, Ersticken  Ermordeten.

 

Radu Ioanid (ed.): The Iaşi Pogrom June - July 1941. A Photo Documentary from the Holocaust in Romania. Foreword by Elie Wiesel. Introduction by Alexandru Florian. Bloomington, Indiana: Indiana University Press 2017. 182 Seiten, zahlreiche s/w-Abb., ISBN 9780253025838

 


Ex-König Mihai I. gestorben

 

 

 

 

 

 

Foto: Emanuel_Stoica CC BY-SA 2.0

 

Der frühere rumänische König Mihai I. ist am 5. Dezember 2017 im schweizer Ort Aubonne nahe des Genfer Sees im Alter von 96 Jahren verstorben.

 

Er war das letzte Staatsoberhaupt, das noch während des Zweiten Weltkriegs amtiert hatte, (seine Verwandte, die englische Königin Elizabeth II., deren Hochzeit er 1947 besuchte, wurde erst 1952 Königin).

 

Mihai wurde 1921 als Sohn von Prinz Carol II. und Prinzessin Elena Maria von Griechenland in Peleş geboren. Carols II. Vater, König Ferdinand von Rumänien aus der Dynastie der Hohenzollern-Sigmaringen starb 1927. Zu diesem Zeitpunkt war der labile und unstete Carol bereits ins Ausland mit seiner Geliebten Elena Lupescu gegangen und hatte auf den Thron verzichtet. Ein Regentschaftsrat vertrat für den erst fünfjährigen Mihai den Thron.

Als Carol II. nach der Scheidung von Mihais Mutter 1930 nach Rumänien zurückkam und den Thron "staatsstreichähnlich" (Hans-Christian Maner) übernahm, wurde Mihai mit dem Titel "Mare Voievod de Alba-Iulia" versehen. In den nächsten Jahren trat er vielfach bei offiziellen Anlässen in Uniform auf, als sein Vater sich mit Wirtschaftskrise, Terror der faschistischen Eisernen Garde (garda de Fier), und außenpolitischen Problemen konfrontiert sah und 1938 eine Königsdiktatur errichtete. 1940 musste Carol II. nach dem von Hitler aufoktroyierten "Wiener Schiedsspruch", der Rumänien um ganz Nordsiebenbürgen, das an Ungarn fiel, verringerte, abdanken und das Land verlassen.

Mihai wurde im Alter von 19 Jahren wieder König – allerdings mit wenig politischem Einfluß in der Militärdiktatur des Marschall Antonescu. Dennoch war er Staatsoberhaupt, als Rumänien mit Hitlerdeutschland die Sowjetunion angriff, als in Iaşi im Juni 1941 ein Pogrom mit Tausenden von Ermordeten statt fand, als in Transnistrien Hunderttausende von nordrumänischen Juden den Tod fanden. Fotos zeigen König Mihai beim faschistischen Gruß in Bukarest, bei den Soldaten zwischen Dnjestr und Bug. Gleichzeitig soll er mit der Königinmutter Elena auch zur Rettung von Juden beigetragen haben (Elena wurde in Yad Vashem als "Gerechte der Völker" geehrt). Zurückhaltend und verschlossen gab sich der König, ergriff aber an einem entscheidenden Punkt die Initiative: Nach Stalingrad war auch der rumänischen Führung die Niederlage absehbar; als der Vormarsch der Roten Armee die Moldau erreichte, suchte sie Kontakte zu den Alliierten. König Mihai kam dem zuvor und ließ nach Verhandlungen mit den bürgerlichen Parteien (Iuliu Maniu, Costel Brătianu) und den Kommunisten am 23. August 1943 Antonescu und andere hohe Vertreter der Regierung verhaften, und Rumänien wechselte auf die Seiten der Alliierten. Es war die bedeutendste Entscheidung, die Mihai als König je traf. Nun hatten die Sowjets das Sagen hinter der Fassade einer bürgerlichen Volksfrontregierung. In drei Jahren bis 1947 nahm der Druck der Kommunisten so zu, dass König Mihai Ende 1947 zur Abdankung und den Gang ins Exil gezwungen wurde.

 

Nach der Heirat mit Ana von Bourbon-Parma mit dänischen und griechischen Familienhintergrund lebte das Paar in den USA, England, Frankreich und schließlich in der Schweiz. Der frühere König, der später die Abdankung widerrief und sich als im Amt befindlich verstand, nahm zahlreiche „bürgerliche“ Berufe an. Aus der Ehe gingen fünf Töchter hervor. Politisch betätigte sich der Monarch eher zurückhaltend.

 

Nach der Wende von 1989 verhinderte die „Nationale Front zur Rettung“ unter Präsident Ion Iliescu die Rückkehr des (früheren) Königs im Frühjahr 1990. Im Dezember landete Mihai mit Familienangehörigen in Otopeni mit einem dänischen Visum für 24 Stunden und begab sich Richtung Argeş zu den Gräbern von Ferdinand und Karl I., wurde aber auf dem Weg festgehalten, zurück zum Flughafen gebracht und musste das Land verlassen. Ein längerer Aufenthalt hätte sicher ein starkes Echo im Land gefunden. So war es erst 1992, dass Mihai nach Rumänien offiziell zu den Ostertagen einreisen konnte. Eine Million Menschen erwarteten den früheren König, dem in der Zukunft weiter Schwierigkeiten bei der Einreise gemacht wurden. Erst mit der Regierung unter Präsident Emil Constantinescu 1996-2000 wurde die rumänische Staatsangehörigkeit Mihais bestätigt und damit die Einreise erlaubt.

 

Das Bild seiner Persönlichkeit blieb ambivalent. Einige nahmen der königlichen Familie die weit reichende Restitution von Schlössern und Bodenflächen übel, andere erwarteten von der Monarchie die Rettung Rumäniens vor den egoistischen Spielen der Politikerkaste. 2011 nannte ihn der damalige Präsident Băsescu einen „Russenknecht“, dessen Abdankung „ein Akt des Verrats von nationalen Interessen“ gewesen sei. Rechtsradikale warfen ihm sein Verhalten im Krieg und danach vor. Den letzten großen Auftritt in Rumänien bedeutete im gleichen Jahr die Rede vor beiden Häusern des Parlaments. „Sunt mai bine de şaizeci de ani de când m-am adresat ultima oară naţiunii române de la tribuna Parlamentului“ (Es sind mehr als sechzig Jahre her, als ich mich zum letzten Mal an die rumänische Nation von der Tribüne des Parlaments wandte), begann die Rede, in der er aufforderte: „Aveţi încredere în democraţie, în rostul instituţiilor şi în regulile lor! (Habt Vertrauen in die Demokratie, in den Sinn der Institutionen und ihre Regeln).

 

2016 starb seine Ehefrau, Königin Ana. Die Nachfolge des verstorbenen Königs in der casa regală (Königshaus) tritt seine älteste Tochter Margareta an.

 

 

(Vgl. Die Hohenzollern in Rumänien 1866-1947. eine monarchische Herrschaftsordnung im europäischen Kontext. Hg. v. Edda Binder-Iijima, Heinz-Dietrich Löwe, Gerald Volkmer. Köln, Weimar, Wien: Böhlau Verlag 2010;

 

Michael Kroner: Die Hohenzollern als Könige von Rumänien. Lebensbilder von vier Monarchen 1866-2004. Heilbronn: Johannis Reeg Verlag 2004.)


Rumänien im Ersten Weltkrieg - Niederlage als Sieg

 

«Wann, wenn nicht jetzt?», soll der rumänische Ministerpräsident Ion («Ionel») C. Brătianu gesagt haben, als er im August 1916 entschied, dass das kleine Königreich aus Moldau und Walachei auf der Seite der Entente aus Frankreich, Russland und Großbritannien in den Krieg eingreifen solle. Diese bis heute wenig beachtete Entscheidung war eine der folgenreichsten in dem großen Völkermorden.

 

Der Liberale Brătianu gehörte zu denjenigen, die in einer denkwürdigen Kronratssitzung zwei Jahre zuvor nicht König Karl I. gefolgt waren, als dieser das Land an der Seite seines Verwandten Wilhelm II. und Österreich-Ungarns gegen die Entente mobilisieren wollte. Der Monarch hatte wohl unterschätzt, dass ein Großteil der rumänischen Eliten frankophil war, in Frankreich studiert hatte, Französisch als internationale Verkehrssprache nutzte sowie aus Frankreich eine Reihe von Einrichtungen als Vorbild für den jungen Nationalstaat zum Vorbild genommen hatte. Nur der Konservative P. P. Carp hatte den König unterstützt. Scharf hatte der unnachgiebige Deutschfreundliche formuliert: «Ihnen, Herr Brătianu, wünsche ich, dass Sie besiegt werden, denn Euer Sieg wäre der Ruin und der Untergang des Landes.»

 Spätere rumänische Historiker zeichneten gern das Bild eines lateinischen Staates, der ganz natürlich an der Seite Frankreichs die «nationale Idee» der Eroberung von Siebenbürgen und der Bukowina vom Gegner Österreich-Ungarn verfolgte. Dass die Ausgangskonstellation keineswegs so eindeutig pro Entente ausfallen musste, machten jene «Germanophilen» deutlich, die wie Carp oder der Präzeptor und Politiker Titu Maiorescu eben das deutsche Universitätswesen frequentiert hatten und als Kriegsziel formulierten, mit den Mittelmächten das 1812 von Russland annektierte Bessarabien zu erringen. Die Zahl dieser Deutschfreundlichen und ihr Einfluss waren nicht gering, wie der Historiker Lucian Boia in seinem Buch «Germanofilii» (deutsch bei Frank & Timme) hervorhebt.

Als König Karl I. wenige Wochen nach dem Kronrat 1914 starb, behielt das Land auch unter seinem Nachfolger Ferdinand, dessen Ehefrau Maria aus schottischem Adel stammte, den neutralen Status bei. Abwartend leitete der Ministerpräsident Brătianu fast allein diese Politik, ohne Vertraute hinzuzuziehen, ohne dem Parlament Rechenschaft zu geben. Er fühlte sich nicht mehr an einen geheimen Assoziationsvertrag mit den Mittelmächten von 1888 gebunden, der nur wenigen Eingeweihten bekannt war.

 

Während Rumänien von beiden Seiten mit Angeboten umworben wurde, floss zugleich von den Kriegführenden nicht wenig Geld an rumänische Politiker, um die Stimmung zu beeinflussen. Der Kriegsverlauf machte deutlich, dass das Land eine wichtige Rolle als Rohstoff- und Nahrungslieferant spielen würde. Zudem saß es nahe bei den bulgarischen und den türkischen Verbündeten der Mittelmächte Deutschland und Österreich. Mit dem Nachbarn Bulgarien hatte Rumänien seit den Balkankriegen eher gespannte Beziehungen, zumal die Zugehörigkeit der Dobrudscha zwischen den beiden Ländern strittig war.

 

1916 erreichten die grausamen und tödlichen Stellungskriege zwischen Deutschland und Frankreich, für die der Name Verdun steht, ihren Höhepunkt. Trotz dem Massensterben hatte keine der Seiten entscheidende strategische Vorteile gewonnen. Die Versprechungen gegenüber Rumänien erreichten nun ihr Maximum: Die Entente stellte Siebenbürgen, die Bukowina, das Banat und eine noch weiter als heute nach Westen verlegte Grenze zu Ungarn sowie weitreichende Schutzbündnisse in Aussicht. Die Mittelmächte, die nun auch Italien als ihr früheres Mitglied zum Gegner hatten, konnten Bessarabien und möglicherweise auch die Bukowina als Pfand für den Eintritt an ihrer Seite bieten.

 

Die drei großen Parteien Rumäniens hatten durchaus unterschiedliche Ansichten: Die Liberalen Brătianus blieben zunächst neutral, die Konservativdemokraten Take Ionescus waren für den sofortigen Beitritt zur Entente, die Konservativen Petre Carps, Titu Maiorescus und Alexandru Marghilomans für die Mittelmächte, aber Brătianu hielt bis August 1916 an der Neutralität fest. Dann aber marschierten rumänische Truppen in Siebenbürgen ein, erklärte das Land Österreich-Ungarn den Krieg und erreichte Stellungen bis nahe an Hermannstadt/Sibiu, vielfach gegen rumänische Soldaten im österreichischen Heer kämpfend. Im Süden griff es Bulgarien an, erlebte jedoch bald eine Niederlage bei Turtucaia an der Donau.

 

Im Herbst 1916 rückten die Armeen von Falkenhayns aus Bulgarien und von Mackensens vor, überschritten in blutigen Schlachten mit über 100 000 toten Rumänen die Karpaten und besetzten Bukarest und Südrumänien. Der Hof und die Regierung flohen nach Iaşi. Einige Germanophile kollaborierten mit den Besatzern und mussten nach dem Krieg die Konsequenzen hierfür tragen. Zwei Jahre lang prägten die Deutschen das besetzte Territorium, gaben Zeitungen heraus, besuchten die Cafés und Restaurants, requirierten Lebensmittel und Rohstoffe.

 

Unter ihnen war etwa auch der «Feldpolizeikommissar bei der Politischen Polizei» Kurt Tucholsky. Die Schlachten in den Karpaten hat Hans Carossa als Militärarzt in seinem «Rumänischen Tagebuch» sehr distanziert von dem Grauen geschildert. Der expressionistische Dichter Gustav Sack fiel im Dezember 1916 in der Nähe der Ölstadt Ploieşti. 1917 besuchte Kaiser Wilhelm II. nur kurz und eher heimlich den besetzten Teil Rumäniens.

 

Was in der rumänischen Öffentlichkeit heute überwiegt, ist einmal die Erinnerung an die beiden wichtigen Siege in Mărăşti und Mărăşeşti, mit denen die Offensive der deutsch-österreichischen Truppen in die Moldau abgewehrt wurde und der rumänische Staat in verkleinerter Form weiter handlungsfähig blieb. Zum anderen gedenkt man der Kriegsgefangenen, die in Stralsund, Krefeld und anderen Orten einem schweren Regiment unterworfen waren, das nicht alle überlebten.

 

Die Rumänen fanden sich Anfang 1918, als in Russland die Revolution die Lage komplett veränderte und der Verbündete zum Gegner wurde, in einer verzweifelten Situation. Einige fürchteten bereits die vollständige Besetzung und die mögliche Auflösung des Königreichs, andere sahen die Präsenz der revolutionären russischen Truppen als größte Gefahr. Immerhin kam im April das kurz vorher unabhängig gewordene, in Bukarest wenig geschätzte Bessarabien durch die Abstimmung des Landesrates unter Präsenz rumänischer Truppen zu Rumänien.

 

Die Regierung Marghiloman schloss einen Separatfrieden mit den Mittelmächten, die nun ihre frei gewordenen Truppen im Westen zur letzten Großoffensive an der Marne einsetzten. Als diese scheiterte und Österreich-Ungarn bereits zusammengebrochen war, eröffneten sich Rumänien jene Chancen, die ihm das Maximum an territorialer Abrundung brachten. Am 1. Dezember zog das Herrscherpaar mit dem französischen General Berthelot im Taumel einer riesigen Menschenmenge in Bukarest ein, zugleich versammelte sich in Alba Iulia eine grosse Zahl mit den Vertretern der siebenbürgischen Rumänen, um ihren Beitritt zum Königreich zu proklamieren: Obwohl der Krieg fast jeder der von den Parteien vorhergesagten möglichen Entwicklungen widersprach, übertraf das Ergebnis alles, was Brătianu als Kriegsziel formuliert hatte.

Markus Bauer

NZZ 13.9.2016

 

Abb. oben links: Zeitung Universul mit der Nachricht vom Tod König Karls I.; oben Mitte:Einmarsch dt. Truppen in Bukarest im Winter 1916; oben rechts: General Berthelot von der französischen Militärmission; unten links.: General von Mackensen; unten 2 von links: Plakat aus der Besatzungszeit; unten 2.v. rechts: Bucheinband G. Millian-Maximin, În mâinile duşmanului (1921); unten rechts: Artikel über Besuch Kaiser Wilhelm II. in Salzbergwerk in Slănic.