Foto: www.kultro.de

 

Die rumänischsprachige Literatur hat seit der Wende 1989 eine Reihe von jungen AutorInnen hervorgebracht, deren Werke vor allem im deutschsprachigen Raum wegen fehlenden Übersetzungen kaum bekannt geworden sind. Wir versuchen hier, dieser Lücke durch Vorstellung von Texten und Rezension von Übersetzungen, die die große Bandbreite der Literatur aus Rumänien und der Republik Moldau abbilden, ein Stück weit entgegenzuwirken. Dabei geht es nicht nur um Aktualität - das wäre unfair gegenüber all den Büchern, die bereits seit Jahren vorliegen - , sondern um die Freiheit des Blicks auf eine Vielfalt, die immer interessant und faszinierend ist.

Und dann gibt es da noch die rumänischen Klassiker - ein Kosmos der Formen und Haltungen, der Themen und Geschichten, die bis heute im rumänischen Denken wirkmächtig geblieben sind. Zugleich verweisen sie auf die spannende Intellektuellengeschichte der rumänischen Kultur, die außerhalb der Sprachgrenzen oft nur den Spezialisten bekannt ist. Oder einfach vergessen - denn vieles wurde etwa bereits im 19. Jahrhundert auch ins Deutsche übersetzt!

 


Cărţi .............. ............................Übersetzungen

Tagebuch eines Stipendiums

 

Rodica Draghincescu und "Schloss Solitude"

 

Natürlich ist der Roman "Die Fee der Teufel" mit dem etwas enigmatisch-sensationellen Untertitel "Das Tagebuch, das seine Leser tötet" nicht ein wirkliches Diarium des Aufenthalts in dem Künstlerprogramm, das das Land Baden-Württemberg auf dem Schloss Solitude bei Stuttgart beheimatet hat (und das eine Reihe von Übersetzungen aus dem Rumänischen förderte...). Aber es scheint dem doch sehr nahe zu kommen. In den datierten Einträgen wird eine Erzählung eines solchen begehrten Aufenthaltes erkennbar, den eine rumänische Autorin 2000-2001 erhielt. Was zunächst als schöne Gelegenheit zur Vollendung eines Buches erscheint, erweist im Laufe der Zeit seine eigenen Tücken - wie wohl jedes Stipendium: Es gehen die gewohnten Einzelheiten der Umgebung ab, plötzlich regt kaum noch etwas an, da man sich erst einmal an die neue Umgebung gewöhnen muss. Zeit verstreicht, die eigenen Dämonen melden sich und machen deutlich, dass das, was in der altgewohnten Schreibsituation zu hindern schien, vielmehr mit einem selbst zu tun hatte und nicht den alten Umständen. Hinzu kommt, dass die Rumänin nicht übersehen kann, wie sie sich als eben solche behandelt fühlt und mitunter dagegen wehren will.

Draghincescu gelingt es, dieses Ineinander von Früher und Neuem gekonnt in einem expressiven Duktus zu Wort kommen zu lassen. Zwischen Deutschkurs, Stipendiatenaktivitäten, neuen Künstlerfreundschaften, Besuchen in Stuttgart, drängenden Erinnerungen vergeht die Zeit schneller als die Stipendiatin wahrhaben will. Das phantasievolle Buch nimmt durch literarische Vielfalt, wechselnde Beschreibungsebenen und Themen gefangen. Dabei ergeben häufige Telefongespräche Hinweise auf die Welt der Protagonistin mit ihren literarischen und persönlichen Verbindungen in mehreren Ländern. Raffiniert gebaut wirkt das Buch wie ein "Making-Of" eines hier nicht erzählten Romans, hält aber in seiner fordernden Mischung von Eindrücken, Erinnerungen, Selbstzweifeln eine Geschichte bereit, die auch mit dem Schauplatz Solitude - und Friedrich Schiller zu tun hat. Dessen als Motto dem Buch vorangestelltes "Ich bin mein Himmel und meine Hölle" passt sehr gut zu dem, was die Protagonistin sehr akribisch und überzeugend die Leser miterleben lässt. Eine eindringliche Lektüre!

 

Rodica Draghincescu: Die Fee der Teufel. Das Tagebuch, das seine Leser tötet. (Zâna dracilor. Jurnalul care îşi omoara cititorii). Roman. Übersetzerin: Eva Ruth Wemme. KLAK Verlag, Berlin 2018, 339 Seiten, ISBN 978-3-943767-91-9

 


Zwei Roadies im Jahr 1807

 

Ştefan Agopians "Manualul întîmplărilor" in deutscher Übersetzung

 

Es sind schon zwei seltsame Gestalten: Marin Ioan, der  Lehrer und Zadic, der Armenier, machen sich auf einen so phantastischen Trip, dass er nur schwer zu beschreiben ist. Es scheint, als seien sie im April 1807 an Ostern in Bukarest und unterhalten sich über merkwürdige Gegenstände wie mavroghenische Archondologie, die Konsistenz von Nahrungsmitteln oder Doktoren-Engel. Die Handlung hält weitere Seltsamkeiten bereit: Es tauchen Molossus-Riesenhunde auf, Stymphaliden, Kakodämonen und anderes mehr, es gibt  das Bankett der Pandidaktiker,ein  Treffen mit dem Bischof von Argeş, Kriegsaktivitäten und Osterfestlichkeiten. Auch das Jahr 1801 wird erinnert, der Hintergrund sind die russischen Angriffe auf die noch osmanische Walachei. Was aber alles erzählt wird, entwickelt unter Einfluss von reichlich Wein oder aber auch anderen pflanzlichen Anregern eine mit jedem Satz sich wandelnde kaleidoskopische Erzählung, deren Reichhaltigkeit das schmale Buch zu einer üppigen Lektüre  werden lässt, als ob es hunderte von Seiten enthielte. Kein Wunder, dass hier viele Kritiker einen Ansatzpunkt der Post-Moderne in Rumänien sahen. Mitten in der düstersten Zeit des Ceauşescu-Regimes erschienen, errang der phantastisch-satirische "Manualul întîmplărilor" einen Kult-Status, nicht zuletzt, weil auf einigen Seiten eine Figur von seiner Überwachungstätigkeit berichtet, was als unverhohlene Anspielung auf die Securitate gelesen wurde. (Das Manuskript passierte die Zensur angeblich durch den Hinweis, dass die Handlung zur Zeit der Phanarioten spiele und damit alle Konflikte mit der Gegenwart ausgeschlossen schienen.)

Die Übersetzung von Eva Ruth Wemme ist angemessen frisch und macht das rauschhafte Buch auch in deutscher Sprache nachvollziehbar.

 

Ştefan Agopian: Handbuch der Zeiten. (Manualul întîmplărilor). Roman. Aus dem Rumänischen von Eva Ruth Wemme. Verbrecher Verlag, Berlin 2018, 100 Seiten. ISBN 978-3-95732-309-5

 


Wie sie wurden, was sie sind

 

Radu Ţuculescus Roman um Kindheit und Gegenwart

 

Eine "typische" rumänische Kindheit im Siebenbürgen der 1950er Jahre? Jedenfalls keine idyllische oder überbehütete. Mutter und Vater langen schon mal zu, wenn das Kind den "Abwegen" seiner kindlichen Phantasie folgt. Sozial zwar gut gestellt - der Vater ist Arzt am Krankenhaus - aber eben deshalb auch im neuen Regime nicht unbedingt wohl gelitten, erlebt das Kind in der Kleinstadt einen nicht ungewöhnlichen Mix aus Freuden und Härten. Der Schulalltag ist von der Auseinandersetzung mit den LehrerInnen geprägt, sein Freund Răzvan unterstützt den Musik begeisterten Adrian bei allen möglichen (oder phantasierten?) wilden Streichen. Die Mädchenwelt entdeckt er zuerst als  glücklicher Ausreißer bei Zigeunern, die Stadt ist bevölkert von mitunter skurrilen Typen und bietet allerlei entsprechende Erlebnisse. Das ist subjektiv ausführlich und drastisch geschildert, mitunter in an den amerikanischen Pulp-Film erinnernden insistierend-ausufernden Dialogen. Gewalt gehört ebenso in diesen Rahmen, wie auch politische Aspekte, wenn etwa eine Attacke auf eine Synagoge geschildert wird und Adrians Freundin mit ihrer Familie nach Israel emigriert.

Der Autor Radu Ţuculescu, dessen Biographie als Musiker, Theater- und Fernsehautor einige der im Roman auftauchenden Motive erkennen lässt, kreuzt diese Erinnerungen mit einer durch Kursivschrift kenntlich gemachten Erzählung des nun erwachsenen, frustriert wirkenden Adrian in Bukarest. Dieser wartet zu Hause auf seine Tochter  und erhält dabei unerwartet Besuch einer anderen jungen Frau. Das unter eigenartiger Spannung stehende Gespräch führt bald ins Sexuelle und zum Schluss in eine Katastrophe. Es bleiben wenige Bezugspunkte zur Kindheit erkennbar, am ehesten noch die Musik.

Wenn am Ende des Buches in der Schrift der Erinnerung das aktuelle Geschehen geschildert wird, scheint typographisch die Verbindung zu den Kindheitserlebnissen hergestellt zu sein. Ob es allerdings derselbe Adrian ist, bleibt eine offene Frage. Ein komplexer und rauher Roman, von Peter Groth flüssig und präzise übersetzt.

 

Radu Ţuculescu: Stalin, mit dem Spaten voran! (Stalin, cu sapa-nainte). Roman. Aus dem Rumänischen von Peter Groth. Mitteldeutscher Verlag Halle (Saale) 2018. 255 Seiten, ISBN 978-3-95462-992-7


Vater-Staat Rumänien 

 

 

 

Carmen-Francesca Bancius packende Auseinandersetzung mit der Vaterfigur

 

 

Dieser 'Roman' ist in vielfacher Hinsicht bemerkenswert: Rein äußerlich fällt er durch seine Form auf, denn es handelt sich um ein langes Prosagedicht, keine durch komplette Sätze gebildete Erzählung im Blocksatz. Und um es gleich zu sagen: Diese 'Form-Sache' beeinträchtigt in keiner Weise den Zugang zu dieser eindringlichen Geschichte einer Auseinandersetzung einer Tochter mit ihrem Vater. Im Gegenteil: Durch die kurzen Satzfragmente, ihre Wiederholungen und Variationen kristallisiert sich sehr viel intensiver die Obsession dieser Tochter mit ihrer Vergangenheit und der Rolle des nach einem Unfall im Sterben liegenden Vatergestalt heraus als es eine abschweifende und erläuternde Beschreibung je könnte. Es vereinen sich die Vorteile lyrischer Intensität mit dem breiten epischen Verfolgen einer sich über ein Leben erstreckenden Geschichte.

 Worum geht es? Es geht um die Rückkehr der Tochter nach Rumänien, als der Vater nach einem Unfall im Krankenhaus liegt. Diese Konfrontation mit dem Sterbenden löst noch einmal die ganze Wut und das Unverständnis der Tochter aus, die sich an die Zeit der Kindheit erinnert, in der der Vater als Funktionär und Bürgermeister der Partei angehörte und das neue System verteidigte. Dieser politischen Ebene, gegen die die Tochter später rebellieren sollte, ist die persönliche Perspektive auf das Liebesleben des Vaters zugesellt, der die mittlerweile verstorbene Mutter offen betrog und von dessen Geliebten nun zwei um den Status der Hinterbliebenen kämpfen. Banciu erzählt diese fast schon archetypische Konstellation in einem packenden und in seinem Zorn nicht nachlassenden Monolog der Tochter, der künstlerisch überzeugend ein ganzes Panorama sowohl des Staates, seiner Ideologie, der moralischen Fragwürdigkeit des Vaters, des Unverständnisses der Tochter als auch dem Verhalten der Geliebten ausbreitet. Auf der Suche nach den Gründen der Vorgänge ist die Erzählerin ebenso auf der Suche nach den Wörtern, der adäquaten Sprache für ihre Perspektive auf die Dinge und Verhältnisse und dem Vergangenen, das noch so präsent ist. Gerade diese Vielfalt der Themen und der poetischen Mittel machen das Langgedicht zu einer der wichtigsten Neuerscheinungen auf der Leipziger Buchmesse.

Der Band bildet den Schluss einer thematischen Trilogie, die in den vorherigen Prosabänden "Das Lied der traurigen Mutter" und "Vaterflucht" die Geschichte(n) dieser Familie, des Staates und der Rebellion als zentrales Thema behandelt.

 

 Carmen-Francesca Banciu: Lebt wohl, Ihr Genossen und Geliebten! Tod eines Patrioten. Berlin: PalmArtPress 2018, 373 Seiten, ISBN: 978-3-96258-003-2


Lavinia Branişte - ein Romandebut

 

 

Die "Realität" ist oft auch nur, was in Büchern steht. Und in Büchern die Realität zu erkennen, erfordert oft, sich literarisch auf Details, Kleinigkeiten, Alltägliches einzulassen. Dies hat die junge Schriftstellerin Lavinia Branişte getan - die Lakonie ihrer Protagonistin Cristina wird nur durch kleine Beobachtungen und Vergleiche durchbrochen. Indem sie sich auf dieses Schreibverfahren konsequent stützt, macht die Autorin deutlich, wie reduziert, scheinbar hoffnungslos, funktionell das Leben dieser Büroangestellten in Bukarest sich darstellt.

Cristina arbeitet in einer Baufirma, ungelernt, ohne eigentliche Aufgabe ist sie für den Empfang, die Kopien und sonstiges zuständig, wie es gerade ihrer impulsiven Chefin in den Sinn kommt. Die KollegInnen sind umgänglich, aber nicht alle nett. Das Leben hat außer einer wenig zukunftsverheißenden Fernbeziehung wenig zu bieten als gelegentliche Tanzabende in einem Club, Bekanntschaften, Festivalbesuche, Gedanken über das Leben, Besuche der Mutter aus Spanien, wo sie als Campingplatzaufseherin arbeitet. Trotz einiger eingreifender Veränderungen bleibt am Ende nur die Verbundenheit mit der Mutter - die Familie als Anker in einer ansonsten wenig attraktiven Welt.

Was hier so abgeklärt und lakonisch daherkommt, hat dennoch seine literarischen und menschlichen Facetten, die in die Erzählung hineinziehen und zum Nachdenken animieren. Nicht umsonst wurde das Buch bei Erscheinen mit dem Preis des Clujer (Klausenburger) Leseclubs "Thoreaus  Enkel" für ein Debut ausgezeichnet. Manuela Klenkes Übersetzung kommt dieser scheinbar abgeklärten Prosa mit ihren Untiefen und emotionalen Klippen sehr nahe, so dass ein gut lesbarer, anziehender Text entstanden ist.

 

Lavinia Branişte: Null Komma Irgendwas (Interior Zero). Roman. Aus dem Rumänischen von Manuela Klenke. Mikrotext Verlag Berlin 2018, 281 S., ISBN 978-3-944543-60-4


 

Doina Ruştis prämierter Roman in deutscher Übersetzung

 

Im Jahr 2008 erhielt die Schriftstellerin Doina Ruşti für ihren großen Roman "Fantoma din moară" den Preis des Rumänischen Schriftstellerverbandes (USR) für die beste Prosa. Jetzt ist das Buch im Berliner KLAK-Verlag in der deutschen Übersetzung von Eva Ruth Wemme erschienen.

Es ist ein ambitionierter, überraschender, fantastischer und zugleich zutiefst realistischer Roman, den die Bukarester Hochschuldozentin, Drehbuchautorin und Schriftstellerin vorlegt. Was zunächst nach einer ungewöhnlichen Entdeckung im Leben der gegenwärtigen Protagonistin Adela aussieht - dass sie nämlich ein Buch im Schaufenster einer Buchhandlung sieht, das ihre eigene Lebensgeschichte recht genau nacherzählt - wird im Laufe des Romans noch einmal gesteigert durch die Existenz eines Geistes in der Mühle ihres Heimatdorfes. Und damit begibt sich der Roman in die Vergangenheit dieses Dorfes und seiner Mühle, in der die ganze Geschichte begann... Es handelt sich bei der Geschichte des Umgangs der Dorfbewohner mit diesem Phantom um eine Parabel auf die Wirkung der Securitate und das alles durchdringende Staatsregime, die eine sehr ungewohnte und neue literarische  Umgangsweise mit diesem Phänomen hervorbringt. Die reiche Phantasie der Autorin und ihr genauer Blick auf das Dorf und seine BewohnerInnen machen aus diesem Roman ein herausragendes Werk der neueren rumänischen Literatur, das in einer flüssigen, gut lesbaren Übersetzung nun auch seine LeserInnen im deutschsprachigen Raum finden wird.

 

Doina Ruşti: Das Phantom in der Mühle. (Fantoma din moară) Roman. Aus dem Rumänischen übersetzt von Eva Ruth Wemme. KLAK-Verlag Berlin 2017, 410 S., ISBN 978-3-943767-46-9

 

 

Hier ein Hinweis auf das Buch in der Neuen Zürcher Zeitung...


On the road in Rumänien - Radu Pavel Gheos Roman "Noapte bună, copii"

Wenn es ein Buch gibt, das den Status des Generationenromans der (Nach)Wendezeit in Rumänien errungen hat, so ist es dieser epische Text über Schulfreunde an der westlichen Grenze Rumäniens und ihr Weg von der Diktatur in die glänzenden Verheißungen des Westens. Hier finden sich die Brüche der Zeit zwischen 1986 bis 2000 in einer erzählerisch-ästhetischen Weise verarbeitet und dargestellt, dass nicht wenige jüngere LeserInnen sich in diesem weit ausholenden und spannend erzählten Roman mit ihren eigenen Geschichten wiederfinden konnten. Dazu laden sowohl die genauen Beobachtungen der Jugendsprache und des Verhaltens von jungen Menschen in Rumänien wie auch ein elegischer Grundton ein, der die HeldInnen und die Geschehnisse, die ihnen widerfahren, streift. So geht es jenseits der Entfaltung der Geschichte(n) und der die Protagonisten direkt betreffenden historischen Ereignisse auch um eine Dimension des Spirituellen, die durch zwei alte Männer angedeutet wird, deren Rolle im Geschehen undurchsichtig bleibt, die wir uns aber nur als zwei coole, zurückhaltende, Wohltäter bzw. Heilige vorstellen können. Dieser ungewöhnliche Kunstgriff  spielt erzähltechnisch seine Rolle als Anzeichen einer gewissen Distanzierung vom kruden Naturalismus, eine Andeutung einer Dimension der Realität, wie sie in der rumänischen Geistesgeschichte bis heute auch nicht durch Aufklärung und Rationalismus ihre Bedeutung verloren hat.

Gheo, geboren in Oraviţa (Banat), lange in Iaşi lebend, ist jetzt wieder ins Banat zurückgekehrt. Die Erzählung beginnt zwar im Osten, aber da befindet sich die Geschichte bereits im Jahr 2000 und die LeserInnen erfahren erst in kunstvoller Verschachtelung allmählich,  was den Hauptprotagonisten Marius dort hingeführt hat. Polyperspektivisch enthüllt sich ein dunkles Geschehen aus seiner Jugend, als die vier  Freunde Marius, Leo, Paul und Cristina vor dem Fall des Regimes beschlossen, die nahe Donau nach Jugoslawien zu überqueren - mit Folgen für ihr ganzes Leben.

Das Geschehen greift aus bis in die USA, kehrt dann wieder nach Rumänien zurück und die Leser haben bis dahin ein intensives Bild von den Sehnsüchten, Verwicklungen und Alltagsumständen erhalten, mit denen insbesondere junge RumänInnen durch die historische Entwicklung konfrontiert wurden. Nicht zu Unrecht hob die Kritikerin Adriana Bittel an "Noapte bună, copii!" die glänzende "Virtuosität der Konstruktion" hervor und Mihaela Ursu schrieb: "Ich wage zu sagen, dass dies einer jener Romane ist, deren Wert mit der Zeit wächst, je weniger familiär die Wirklichkeit ("die historische Wahrheit"), von der er inspiriert ist, den Lesern geworden ist. Weil nicht nur die Gewinnung eines subjektiven historischen Gedächtnisses bei der Lektüre dieses Romans Gewicht hat - obwohl sie darin enthalten ist-, als vielmehr das Gelingen der erzählerischen Konstruktion, einer den großen Romanen eigene epische Strategie."  In zahlreiche Sprachen übersetzt blieb dem deutschsprachigen Lesepublikum bisher dieser große Generationenroman vorenthalten.

 

Radu Pavel Gheo: Noapte bună, copii!

Verlag Polirom, Iaşi/Bucureşti
Colecție: EGO. PROZĂ
Număr pagini: 496
ISBN: 978-973-46-1720-3

An apariție: 2010

 


 

Siebenbürgen heute - Iris Wolff gestaltet als Literatur die Erinnerung an eine allmählich schwindende Vergangenheit

 

Die mehr als 800-jährige Geschichte der deutschen Minderheit im Karpatenbecken geht allmählich zu Ende. Oder doch nicht? Wenn auch zahlenmäßig von den einst über 300 000 "Sachsen" heute kaum noch 13000 in Siebenbürgen leben, so ist das Abschließen mit dieser Geschichte keine leichte Sache. Schließlich stehen noch zahlreiche architektonische Zeugnisse dieser Geschichte als kulturelles Erbe in der Landschaft, ganze Dörfer und Städte weisen unübersehbar auf das Wirken dieser Gemeinschaft hin, ihre kulturellen Zeugnisse bestehen weiter - und wachsen sogar noch weiter an. Denn noch hat die zuletzt ausgewanderte Generation nicht vollkommen mit dem Faktum dieser Auswanderung komplett abgeschlossen und ihre Kinder sehen sich oft selbst in der Lage, mit der Herkunft ihrer Eltern konfrontiert zu werden. Dies geschieht auch in der Literatur.

Einen bedeutenden Beitrag aus dieser Generation der als Kind mit den Eltern ausgewanderten Sachsen bietet Iris Wolff in ihrem Debütroman "Halber Stein". Sie schildert eine junge Frau, die mit dem Vater nach Michelsberg fährt zur Beerdigung der Großmutter. Diese in der Realität sicher häufig vorkommende Situation gerät hier zu einer intensiven Selbstbefragung einer sich an die eigene Kindheit in Siebenbürgen erinnernden Frau, die in Deutschland studierte und nun etwas ratlos vor ihrem weiteren Lebenslauf steht. Die Reise nach Siebenbürgen bietet da einen Aufschub und steuert zugleich sehr behutsam auf mögliche Entscheidungsoptionen hin. Zunächst ist aber die Konfrontation mit der eigenen Kindheit, mit den Orten, dem rumänischen Freund Julian und vor allem mit dem früheren Familienleben mit der Großmutter das große Thema des Buches, das ebenso realistisch die Selbstbezogenheit der sächsischen Welt thematisiert.

Wolffs außerordentliche Beobachtungsgabe, ihre ernste, mehr fragende denn wissende Haltung zum Leben, die geduldige Auseinandersetzung mit zahlreichen Facetten des "sächsisch"-siebenbürgischen Lebens  macht diesen Bucherstling zu einem Leseerlebnis. Es gelingt Wolff, das Eigentümliche der sächsischen Lebensweise in intensiv beobachteten Details und ganz vorsichtig erzählten Konstellationen so plastisch werden zu lassen, dass der Leser glaubt, "nur so kann es gewesen sein". Es entsteht ein überzeugendes Bild der Gemeinschaft selbst und der Atmosphäre, die durch die Ausreise sowohl bei den Zurückgebliebenen als auch den Ausgereisten und der folgenden Generation entstanden ist. Damit hat Wolff einen unübersehbaren Beitrag zur literarischen Geschichte Siebenbürgens geleistet.

 

Iris Wolff: Halber Stein. Roman. Otto Müller Verlag Salzburg, 2.Auflage 2012, 294 S., ISBN 978-3-7013-1197-2


 

Das Rumänien der Dinge - Jochen Schmidt und die materielle  Gegenwart der Vergangenheit

 

Gleich zu Beginn seiner "Gebrauchsanweisung"  zitiert Jochen Schmidt den vielfach wiederholten Eindruck von Reisenden in Rumänien, dort komme es ihnen vor, als wäre "die Zeit stehen geblieben". Das ist in dieser Wiederholung einerseits ironisch gemeint, zugleich aber eben eine vielfach geteilte Wahrnehmung von "westlichen" Besuchern. Dieses Schillern des Reisens und seiner Beschreibung zieht sich durch das brillante Buch des früheren Mitbegründers der Lesebühne "Chaussee der Enthusiasten" in Berlin. Schmidt ist ein "Phänomenologe der Dingwelt", ihm geht es um das, was es einmal gab und jetzt ersetzt wird durch das Einfließen von modernen, neuen, "westlichen" Waren und Ideen. Durch seine DDR-Sozialisation und frühere Reisen vor der Wende nach Rumänien sensibilisiert entdeckt der Autor noch jene Vergangenheit, die für ihn mit Bedeutung aufgeladen ist: Insbesondere die sichtbare Welt der Dörfer und Städte, das Design des Alltags, die Spiele und Zeitvertreibe der Kindheit und Jugend werden von Schmidt in unnachahmlichen Sprachbildern bewusst gemacht. Einen wichtigen Aspekt dieser Exploration  stellt die Beschäftigung  mit der Sprache dar, insbesondere ihrer Etymologie. Manches von dem, was er wahrnimmt, wird bald verschwunden sein und dann wird es nur noch die Texte von Jochen Schmidt geben, die authentisch und unmittelbar anstatt des Verschwundenen davon berichten werden.

 

Jochen Schmidt: Gebrauchsanweisung für Rumänien. Piper Verlag München 3. Aufl. 2017, 235 S., ISBN 978-3-492-27627-6


Ein Überleben im Exil - Jan Koneffkes großer Roman über einen Deutschen in der rumänischen Zwischenkriegszeit

 

 

Die Geschichte Rumäniens im 20. Jahrhundert ist - wie in den benachbarten osteuropäischen Ländern - eine sich überstürzende, unruhige, extreme. Dass sich ihrer ein deutscher Autor annimmt und sie zum Hintergrund eines großen Romans nimmt, ist selten, um nicht zu sagen einzigartig. Jan Koneffke hat dies getan mit seinem episch angelegten "Die sieben Leben des Felix Kannmacher" und von den 1930er Jahren bis in die Nachkriegszeit einen Protagonisten verfolgt, der in den Turbulenzen der europäischen Geschichte zu überleben versucht. Der "Pikaro" dieser Geschichte ist ein Emigrant aus Hitler-Deutschland, der nach Bukarest gelangt und die Freundschaft eines genialen Pianisten erfährt. Damit ist der Hintergrund gegeben, vor dem die Beziehung mit dessen Tochter und einem großen Personaltableau sich entwickelt. Was Koneffkes Roman einzig macht, ist die genaue Zeichnung der historischen Abläufe im Rumänien der Zeit vor und während des Zweiten Weltkriegs, von denen der Emigrant in besonderem Maße betroffen ist.

Es ist das legendäre Rumänien der Zwischenkriegszeit, das heute einer ähnlichen Verklärung unterliegt wie in Deutschland die Kultur der "Golden Twenties" in der Weimarer Republik. Entsprechend sind die Lokalitäten der Künstlerwelt gewählt: Die Künstlerkolonie Balcic, Bukarester Kasinos, Theater, Sinaia als Ausflugsort und viele andere mehr sind die Schauplätze der abwechslungsreichen Geschichte. Dabei verliert der Autor aber das dramatische und tragische historische Geschehen so wenig aus den Augen wie die Entwicklung der verschlungenen Wege des Felix Kannmacher, als der Krieg und die anreisenden Nazis seine Existenz bedrohen. Diese spannende Geschichte zu verfolgen, stellt ein außergewöhnliches Lesevergnügen dar.

 

Jan Koneffke: Die sieben Leben des Felix Kannmacher. Roman. DuMont Verlag, Köln 2011, 510 S., ISBN 978-3-8321-9585-4

 


Roman von Cătălin Mihuleac für Übersetzerpreis der Leipziger Buchmesse nominiert

 

 

 

Die Short-List für den Preis der Leipziger Buchmesse enhält in der Kategorie Übersetzung auch einen rumänischen Beitrag: In der Übersetzung von Ernest Wichner ist der im Zsolnay Verlag erschienene Roman "Oxenberg & Bernstein" ("America de peste pogrom", Polirom 2014)  nominiert worden.

 

Er handelt von dem Pogrom an den Iaşier Juden 1941 und seinen Folgen bis in die Gegenwart. Der Autor Cătălin Mihuleac ist in Iaşi geboren und durch satirische Prosa und Theaterstücke bekannt geworden. Sein Buch ist das erste, das die Geschehnisse in seiner Heimatstadt romanhaft thematisiert. Der im Banat geborene Lyriker Ernest Wichner ist einer der wichtigsten Übersetzer aus dem Rumänischen, bis 2017 leitete er das Literaturhaus Berlin.

 

Die Short-List für den Preis der Leipziger Buchmesse

 


 

Rumänien – Schwerpunktland der Leipziger Buchmesse 2018

 

 

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Bücher und mehr…

Notizen von der Buchmesse Gaudeamus 2017 in Bukarest

 

Über 125000 Besucher, 300 Aussteller, 800 Veranstaltungen – die traditionell von Radio România veranstaltete Buchmesse in Bukarest zog alle Blicke auf sich…

 

Meteorologisch: wunderbare Herbsttage in Bukarest. Milde Temparaturen, ab und zu Sonne und blauer Himmel. Trocken, für Spaziergänge geeignet – zum Glück, denn lange Märsche waren nötig bei dem verheerenden

 

Verkehrschaos: keine Taxis oder streikende Taxis, die keinen Gast mitnahmen, im Konvoi standen und die Hauptstraßen blockierten. Dazu Proben für die große Parade zum Nationalfeiertag am 1. Dezember (Armee, Feuerwehr, Ambulanzen etc., etc.) auf denselben Hauptstraßen – leider ausgerechnet denen, die zu Romexpo (dem "Gaudeamus"-Schauplatz) führen. Auch die Busse wurden umgeleitet, wenn sie sich überhaupt mit dem ganzen Meer von Fahrzeugen fortbewegen konnten. Durchtrainiert musste man jedoch auch sein für den Besuch der Messe selbst, denn der


Akustischer Surrealismus

 

 

 Zu spät! Die Tür zur Lesung von Gellu Naum-Texten im Berliner Literaturhaus ist schon geschlossen, aber der Kartenverkäufer öffnet sie ganz vorsichtig, schnell leise hinein – Überraschung! Das Publikum sitzt im Kaminzimmer in offener Anordnung – mit verbundenen Augen! Glücklicherweise ist nahe der Tür ein Stuhl frei, also hingesetzt, ein blaues Band um die Augen gebunden, ein Mann fragt auf Rumänisch, ob alles in Ordnung sei. Brille abnehmen, weiter als die eigenen Füße sieht man nichts. Aber hört merkwürdige Geräusche, sich öffnende Fenster, ein kalter Windhauch, dumpfe Geräusche aus der Küche, Schellengeklingel wie von rumänischen "urători" in der Silvesternacht. Mit den Gedanken noch in der hektischen Anfahrt durch die Großstadt stellen sich nach  übermäßigem TV-Konsum leicht Gedanken an ähnliche Situationen ein: Gibt es da nicht Kriminalfilme, in denen nach solchen Anordnungen eine/r im eigenen Blut daliegt und ein Meisterdetektiv über den Tathergang grübelt? Was wird hier passieren? Wenn die Schritte laut auf dem Holzboden heranklappern und abrupt aufhören? Der Raum mit seiner historistischen Holz- und Tapetenausstattung legt Gruseliges nahe, Sherlock Holmes war in solchen Interieurs des 19. Jahrhunderts aktiv. Der Terror gehört durchaus zur Ausstattung des surrealistischen Konzepts, sprach der Oberguru André Breton doch von dem Akt mit dem Maschinengewehr auf die Straße zu gehen und es zu benutzen. Haben dies heute andere übernommen, so hatte einst aber auch Max Ernst aus den diffusen Stimmungen solcher Lokalitäten die unnachahmbare Kraft seiner Bild-Collagen gezogen.