Foto: www.kultro.de

 

Die rumänischsprachige Literatur hat seit der Wende 1989 eine Reihe von jungen AutorInnen hervorgebracht, deren Werke vor allem im deutschsprachigen Raum wegen fehlenden Übersetzungen kaum bekannt geworden sind. Wir versuchen hier, dieser Lücke durch Vorstellung von Texten und Rezension von Übersetzungen, die die große Bandbreite der Literatur aus Rumänien und der Republik Moldau abbilden, ein Stück weit entgegenzuwirken. Dabei geht es nicht nur um Aktualität - das wäre unfair gegenüber all den Büchern, die bereits seit Jahren vorliegen - , sondern um die Freiheit des Blicks auf eine Vielfalt, die immer interessant und faszinierend ist.

Und dann gibt es da noch die rumänischen Klassiker - ein Kosmos der Formen und Haltungen, der Themen und Geschichten, die bis heute im rumänischen Denken wirkmächtig geblieben sind. Zugleich verweisen sie auf die spannende Intellektuellengeschichte der rumänischen Kultur, die außerhalb der Sprachgrenzen oft nur den Spezialisten bekannt ist. Oder einfach vergessen - denn vieles wurde etwa bereits im 19. Jahrhundert auch ins Deutsche übersetzt!

 


Gesang des Meeres

 

Czernowitz im Frühjahr 1944

 

 

Dass Schriftsteller und Künstler im lateinischen Europa häufiger als Diplomaten eingesetzt werden als etwa im Diplomatie als Beamtenlaufbahn verstehenden Auswärtigen Amt ist an Rumänien und seinen Botschaftern, Gesandten und Legationssekretären Lucian Blaga, Mircea Eliade oder Oskar Walter Cisek zu belegen. Und aktuell im Falle von Emil Hurezeanu in Berlin. Dass auch die Republik Moldova dieses Muster  anwenden kann, ist dem Historiker und Schriftsteller Oleg Serebrian geschuldet, der sein Land seit 2016 in Deutschland vertritt. Hervorgetreten durch Arbeiten zur Geopolitik hat er mittlerweile auch zwei Romane vorgelegt.

In Cântecul mării (Gesang des Meeres) wird eine Geschichte verhandelt, die in der bukowinischen Metropole Czernowitz (Cernăuţi) im Frühjahr 1944 spielt. Die sowjetischen Truppen nähern sich allmählich der Stadt, der junge Priester Filip Skawronski und seine Frau Marta, die der adeligen deutschen Familie Randa entstammt, erleben die um sich greifende Verunsicherung und die Fluchtgedanken in der Bevölkerung. Mit der Familie seiner Frau kam es zum Bruch wegen der dieser nicht standesgemäß erscheinenden Heirat mit dem Sohn eines alten ruthenischen Forstangestellten. Die ländliche Welt von Crasna in den Karpatenwäldern mit den althergebracht lebenden Eltern bildet den Kontrast zu dieser Ehe in der bukowinischen Hauptstadt.

Aber es sind die multikulturellen Hintergründe der Stadt und der Familien, die keine einseitige rumänische oder ukrainische Perspektive auf die Geschehnisse entfalten lassen und die herannahende Front  für alle Bewohner zur Bewährungsprobe machen. Serebrian zeichnet ein intensives Bild der Figuren und der Geschehnisse, das auch von des Autors historischen Kenntnissen profitiert. Subtil zeichnet der Moldauer die Wirkungen des Krieges in einer für längere Zeit von Zerstörungen verschont gebliebenen Stadt. Bis sich mit der Herankunft der Roten Armee die Verhältnisse wiederum dramatisch verändern. Ein ungewöhnlicher Blick auf Czernowitz vor und nach der Sowjetisierung der Stadt!

 

Oleg Serebrian. Cântecul Mării [2011]. Roman. Chişinău: Cartier 2018, 335 Seiten, ISBN 978-9975-86-303-2

 


Dieter Schlesak gestorben

 

 

 

 

Der aus Siebenbürgen stammende und in Italien lebende Schriftsteller Dieter Schlesak ist am 29. März 2019 gestorben, wie sein Verlag in Ludwigsburg mitteilt. Schlesak wurde am 7. August 1934 in Sighişoara/Schäßburg geboren. Er erregte Aufsehen durch seinen Dokumentarroman Capesius, der Auschwitz-Apotheker (2006; in zahlreiche Sprachen übersetzt) sowie den Roman Vaterlandstage und die Kunst des Verschwindens (1986). Zu seinen Gedichtbänden gehören Grenzstreifen (Bukarest 1969), Weiße Gegend (1981) Herbst Zeit Lose (2006), Grenzen Los (2006), Namen Los (2007). Begonnen hatte der Siebenbürger als Redakteur der Zeitschrift Neue Literatur in Bukarest. 1969 wanderte er in die Bundesrepublik aus und ließ sich später in Italien nieder. Als Übersetzer trug er Nichita Stănescus Elf Elegien ins Deutsche.

Er erhielt für sein umfangreiches lyrisches, essayistisches und erzählerisches Werk zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Andreas-Gryphius-Preis (1980), den Nikolaus-Lenau-Preis (1993), die Ehrengabe der Deutschen Schillerstiftung Weimar (2001), den Umberto-Saba-Preis (2006), den Maria-Ensle-Preis der Kunststiftung Baden-Württemberg (2007). Der Pop Verlag plant eine umfangreiche Werkausgabe Schlesaks.


Panorama eines Bukarester Alltags

 

Gabriela Adameşteanus Meisterwerk Verlorener Morgen

 

 

 

 

 

Das können nur ganz wenige: Aus einem kurzen Tag ein ganzes Jahrhundert erstehen zu lassen, ohne dass der Leser die notwendigen Übergänge aufdringlich findet und schon gar nicht etwa in der Aufmerksamkeit für die Geschichte nachlässt. Und dies alles aus der Perspektive einer alten Frau erzählt, die sich während dieses scheinbar "verlorenen Morgens" an vieles erinnert.

Vica Delcă ist Anfang der 1980er Jahre eine nicht gerade zimperliche alte Frau, sie lebt mit ihrem wenig beweglichen Mann in einer kleinen Wohnung hinter ihrem längst geschlossenen Lebensmittelladen, den sie  in der Coriolan-Straße von Bukarest betrieben. Hin und wieder rafft sie sich auf, geht auf "Tour", um Verwandte und Bekannte zu besuchen, immer mit dem Hintergedanken, dass sie "nie mit leeren Händen zurück [kam]". An diesem sich hinziehenden Morgen sieht sie ihre Schwägerin mit Sohn und die Tochter jener verstorbenen Frau Ioaniu, einer Dame aus der feinen Gesellschaft, bei der Vica ihr Handwerk als Schneiderin lernte: Diese Figuren genügen, um ein ganzes Lebenspanorama mit seinen historischen Streiflichtern zu entwerfen. Es geht dabei weniger um die Gegenwart des kommunistischen Regimes, in dem die Alte nun lebt - sie scheint so wenig mit dieser politischen Realität zu tun zu haben, dass es nur kleiner Hinweise auf die überfüllte Straßenbahn, das Warten in einer Schlange vor einem Geschäft bedarf, um der inneren Gegenwart von Vica auch eine äußere historische Zeit hinzufügen. Vor allem aber geht es um die Reflexion der Vergangenheit, das Nachdenken darüber, wie die Dinge im Privaten wurden, was sie sind. Das Verhältnis zum Ehemann, die Verwandtschaft, die Eltern, der Verzicht auf eigene Kinder. Das Historische stellt sich dann von alleine ein.

Dieser permanente Strom der Gedanken und Wahrnehmungen führt auf die Familie Ioaniu und in die Zeit des Ersten Weltkriegs, als die an dem Morgen von Vica besuchte Tochter noch ein kleines Mädchen war und dessen Vater sich auf die Teilnahme am Krieg einstellen musste. Im Wechsel in die Ich-Form des Tagebuchs dieses Bukarester Bürgers, der von Eifersucht geplagt wird, wird einer der den Fluss des Erzählens kennzeichnenden Übergänge realisiert und dennoch der Zusammenhang des Romans gewahrt. Mit dem Rückgang bis vor den Ersten Weltkrieg gewinnt der Roman eine Tiefendimension, die den "verlorenen" Morgen zu einer Proustschen Suche nach dem Spezifischen von Geschichte und Lebenszeit machen. Ein Roman von europäischer Perspektive und Relevanz. Gabriela Adameşteanus Roman erschien bereits 1983 in Rumänien  und gehört dort zu den Klassikern des 20. Jahrhunderts. Für die flüssige Übersetzung kam Eva Ruth Wemme auf die Shortlist des Preises der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Übersetzung.

 

Gabriela Adameşteanu: Verlorener Morgen (Dimineaţă pierdută). Roman. Aus dem Rumänischen von Eva Ruth Wemme. Berlin: AB - Die Andere Bibliothek 2018, 561 Seiten, ISBN 978-3-8477-0404-1

 

 

UPDATE

Für ihre Übertragung von Gabriela Adameşteanus Dimineaţă pierdută ist am 21.3.2019 Eva Ruth Wemme mit dem Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Übersetzung ausgezeichnet worden.


Literatur und historische Kritik

 

Zu den neuesten Arbeiten von William Totok

 

 

 

 

 

 

In den 1920er Jahren machte ein junger Lyriker aus dem Banat Furore: Der größte Dichter der Zeit, Rainer Maria Rilke, hatte ihn für wert befunden auf seine Fragen und Gedichtsendungen hin über Jahre ein poetologisches Statement in Briefen abzugeben. Als Briefe an einen jungen Dichter (1929) nach Rilkes Tod mit einer Einleitung des jungen Banater Autors Franz Xaver Kappus erschienen, sind Rilkes Briefe bis heute ein Text geblieben, der Literaturinteressierte fasziniert. Den Hintergründen des Banater Autors ist William Totok nachgegangen, indem er Kappus' (1883-1966) Roman Die Peitsche im Antlitz. Geschichte eines Gezeichneten (Temeswar 1921)  auf Deutsch und in rumänischer Übersetzung durch Werner Kremm mit einer ausführlichen Einführung im Verlag des Nationalen Literaturmuseums Bukarest herausgegeben hat. In dieser literarhistorischen Einführung wird Kappus als wegen ihres Pazifismus und Eigensinns außergewöhnliche Figur in der sich oft nationalistisch und in der Zwischenkriegszeit gar nationalsozialistisch gebärdenden Heimat- und Volkstumsliteratur in Rumänien sichtbar. Im Ersten Weltkrieg als Berichterstatter und Nachrichtenoffizier eingesetzt kehrte er nach einem Aufenthalt im Budapest der Räteregierung vor 100 Jahren in seine Heimatstadt Temeswar zurück, um bei der traditionsreichen Temeswarer Zeitung aktiv zu werden. Neben einer oft konventionellen Lyrik entstanden auch zahlreiche Unterhaltungsromane, bevor die Publikation von Rilkes Briefen den Autor überregional berühmt machten. Sehr zustimmende Kritiken bis hin zu Roda Roda erhielt Kappus für seinen pazifistisch-expressionistische Roman-Dystopie Die lebenden Vierzehn (Berlin: Ullstein 1918). Im in Rumänien eher selten zu findenden expressionistischen Stil ist auch der jetzt herausgegebene kleine Roman Die Peitsche im Antlitz gehalten über einen Menschen, der durch eine Missgestaltung immer ein abwertend wirkendes Lächeln im Gesicht trägt und dadurch im Leben scheitert. Wie in einem Stummfilm der Zeit mit übertriebenen Gebärden und Empfindungen, einer Entwicklung vom kalten Einzelgänger zum ekstatischen Gefühlsmenschen, dem Scheitern der Liebe nach dem Krieg nimmt Kappus eine Reihe von expressionistischen Motiven auf.

 

Aus der Wiederpublikation dieses literarischen Fundstücks lässt sich ein allgemeines Prinzip der Arbeiten William Totoks ableiten: die Vermittlung zwischen deutscher und rumänischer Kultur in der Verzahnung von Literatur und politischer Analyse. Dieses Prinzip ist auch bei den beiden anderen neueren Publikationen Totoks zu erkennen. Im Jahr 2016 erschien im Ludwigsburger Pop Verlag in einem Band eine Auswahl seiner Gedichte ergänzt durch einen Rückblick auf seine jahrzehntelange Beschäftigung mit der eigenen Securitate-Akte. Im gleichen Jahr brachte der angesehene rumänische Verlag Polirom eine umfangreiche Studie über die Mythisierung des antikommunistischen Widerstands in der Figur des früheren Legionärs Ion Gavrilă Ogoranu heraus, die Totok mit der Soziologin Elena-Irina Macovei erstellte.

 

Anfang

 

Im anderen Land

wächst  nur noch blindes Gras,

verletzt durch lange Jahre

der Geduld, des dumpfen Schweigens.

Langsam kehren alle Sätze heim

und an den Fahnenstangen fault die Wut.

Der Lyrik-Band verweist auf Totoks literarische Herkunft aus der Aktionsgruppe Banat der frühen 1970er Jahre. Zusammen mit Richard Wagner, Werner Kremm, Ernest Wichner, Anton Sterbling und fünf weiteren Dichtern hat diese Gruppe, an deren Rand auch Herta Müller erstmals publizierte, ein einzigartiges Projekt im kommunistischen Rumänien realisiert, bevor es von der Securitate zerschlagen wurde. Die Gedichte stellen eine Auswahl von diesen Anfängen bis in die Gegenwart dar. In ihnen wird ein Dichter erkennbar, der sprachlich präzise und zugleich politisch engagiert auf  die Zumutungen der Welt reagiert. Es ist eine Entwicklung erkennbar, wenn es heißt "Ich halt sie noch / Die Fahne und denk' / Sie nützt mir / Wenns mich friert.//" und in einem anderen Gedicht "... an den Fahnenstangen fault die Wut". Aber diese Extreme sind durch zahlreiche Zwischentöne verbunden, in denen Totok sensibel und aufmerksam die Beziehungen von Politik und Ich erkundet. So lassen sich diese mitunter elegischen Gedichte nach 1973 auch als eine Gefühlslage der kritischen rumänischen Jugend lesen, die erstaunlicherweise nicht sehr unterschieden von ihren bundesdeutschen Pendants sich darstellt - obwohl doch die äußeren Umstände extrem unterschiedlich waren.

 

Das Ende der Aktionsgruppe Banat markierte in Totoks Vita einen großen Einschnitt: Er wurde nach bereits jahrelanger Observation durch die Securitate mit anderen verhaftet, blieb aber als einziger mehrere Monate in Haft. Wie die minuziöse Rekonstruktion der Akten der Securitate ergibt, trieb diese einen enormen Aufwand, um nicht nur den Dichter, sondern auch seinen Bruder Gunter Totok und die Familie zu bespitzeln und in ein schlechtes Licht zu stellen. "Außer physischen Misshandlungen habe ich im Laufe der Jahre sämtliche Varianten der Securitaterepression kennengelernt, die darauf abzielten, einen als Regimegegner eingestuften Menschen zum Schweigen zu bringen, ihn zu kompromittieren und seine kritische Stimme verstummen zu lassen," konstatiert Totok. Bereits seit den '60er Jahren wurde wegen des im Westen als bedeutender Bibliothekar arbeitenden Onkels Wilhelm Totok die Familie beobachtet. Mit fabrizierten Umständen wird der als Schüler sich freimütig äußernde und aufbegehrende Bruder zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Seit seinem Buch Die Zwänge der Erinnerung (1988) hat Totok konsequent die Akten der Securitate studiert, um Klarheit über die Vorgehensweise der Geheimpolizei zu erhalten und diese öffentlich zu machen. Dass dies nicht ohne anzuecken zu erreichen ist, bezeugen allein schon die späteren Karrieren der Securisten: Einer der ihn bespitzelnden Informanten ist heute einer der reichsten Oligarchen Rumäniens, andere sind als Banater Schwaben nach Deutschland ausgewandert.

Diese kritische Auseinandersetzung mit den Akten der Geheimpolizei in der Diktatur ist Totok über die eigene Biographie hinaus immer wieder Anlass zur Recherche von wenig beachteten oder verschwiegenen politischen Zusammenhängen. Sein Augenmerk gilt dabei insbesondere auch den rechtsradikalen und neolegionären Strömungen, deren Bild in Rumänien oft verharmlost wird. So bildet das Studium der Securitate-Akten, in die auch das Archiv der Siguranţa, der Vorkriegsgeheimpolizei integriert worden war, die Basis für ein weiteres Buch, das sich mit der rumänischen Vergangenheit und ihrer Mystifikation beschäftigt. Zusammen mit der Soziologin Elena-Irina Macovei geht Totok den Biographien einzelner späterer Securitate-Informanten der deutschen Minderheiten nach, die vor dem kommunistischen Regime Aktivisten des Nationalsozialismus waren (Mokka, Cloos) und von der Securitate benutzt wurden, um die Geschichtsschreibung zu manipulieren. Auch die Legende des Legionärs und später in den Bergen Untergetauchten Ion Gavrilă Ogoranu war eine von ihm selbst gestrickte, indem er durch seine Autobiographie das Bild eines geläuterten antikommunistischen Freischärlers im romantischen Widerstandskampf gegen die Securitate verbreiten konnte (das in einem ansprechend gemachten Film von Constantin Popescu noch zementiert wurde). Dieser Mythos und die gleichzeitige Bagatellisierung der legionären Vergangenheit werden von Totok/Macovei minuziös enttarnt, um zugleich ein Licht auf die Funktion jener "sfinţi inchisorilor" (Gefängnisheiligen) zu werfen, die sich meist von der faschistischen Eisernen Garde kommend in kommunistischen Gefängnissen zur orthodoxen Religion bekannten und bis heute ein verklärtes, irreales Bild der Vergangenheit und ihrer eigenen legionären Taten konstruieren.

In dem Gedichtband ...an den Fahnenstangen findet sich eine ausführliche, wenn auch nicht vollständige Bibliographie der Arbeiten Totoks, der als Journalist bei Radio France International, Radio Free Europe, der Tageszeitung u.a. über Rumänien berichtet. Weiterhin betreibt er die Website der eingestellten Zeitschrift "Halbjahresschrift für südosteuropäische Geschichte, Literatur und Politik", wo aktualisiert Texte zu seinen Forschungsgebieten erscheinen. Totok war Mitglied der internationalen Kommission zur Erforschung des Holocaust in Rumänien und wurde 2009 mit dem kulturellen Verdienstordens im Rang eines Offiziers vom rumänischen Präsidenten ausgezeichnet.

 

 

Franz Xaver Kappus: Biciul dispreţului. Povestea unui stigmatizat. Die Peitsche im Antlitz. Geschichte eines Gezeichneten. Prefaţa, tabel cronologic şi ediţie bilingvă îngrijită de William Totok. Traducere din limba germanăşi note de Werner Kremm. Bucureşţi: Editura Muzeul Literaturii Române 2018, 247 S. ISBN 978-973-167-473-5

 

William Totok: ... an den Fahnenstangen fault die Wut. Gedichte und "Statt eines Nachworts. 'Es werden andere Zeiten kommen.' Zwanzig Jahre lang im Visier der Securitate". Ludwigsburg: Pop Verlag 2016, 222 S., ISBN 978-3-86356-135-2

 

William Totok, Elena-Irina Macovei: Între mit şi bagatelizare. Despre reconsiderarea critică a trecutului, Ion Gavrilă Ogoranu şi rezistenţa armată anticomunistă din România. Iaşi, Bucureşţi: Editura Polirom 2016, 366 S., ISBN 978-973-46-6127-5

 


Der Nerv

 

 

 

Vor 100 Jahren hielt die literarische Moderne Einzug in die Bukowina

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Krieg war beendet, die mehrfachen russischen Invasionen der Bukowina und ihrer Hauptstadt Czernowitz Vergangenheit, das frühere Kronland war gerade dem sich vergrößernden Kriegsverlierer Rumänien beigetreten, in den Pariser Vororten begannen die Friedensverhandlungen (auch über die Bukowina), rumänische Truppen besetzten Siebenbürgen und machten sich auf den Weg Richtung Ungarn, im Banat entstand eine sozialistische Republik, in der Ukraine und Rußland tobte der Bürgerkrieg zwischen der Revolution und den Antirevolutionären - vieles war Anfang 1919 in Bewegung und im Fluß. In Czernowitz sah der Literat Albert Maurüber die Gelegenheit für eine literarische Zeitschrift, die mit der Vergangenheit brach und sich den kritischen politischen Bewegungen annäherte, wie dies in Deutschland die Expressionisten bereits während des Krieges getan hatten. Es erschien am 1. Jänner 1919 die Nr. 1 von Der Nerv. Eine Halbmonatsschrift für Kultur mit seinem ersten Satz: "Spiel ist aus."

Maurüber, ein Sozialdemokrat, formulierte ähnlich seinen literarischen Gesinnungsgenossen in Berlin, Wien oder Prag in dem eröffnenden Manifest:

 

"Sturm des großen Sterbens ist zusammengebrochen und die durch Jahre in der Tat für den Mord standen sind umgekehrt vom Blutschnitte.

Krieg war. Mit feige verkniffenen Lippen standen die Menschen - Brüder! - gegeneinander. Und der Wurm des Hasses grub immer tiefer in ihren Augen. Aufflatterten Schreie der Verzweiflung aus angstverkrüppelten Mündern und fielen erkaltend übereinander zu Haufen: Unendliches Leiden... Erlösung ward."

 

Die aktivistische Zeitschrift gab sich anti-bürgerlich, ironisierte die Lokalpolitik, kritisierte das Theaterprogramm in Invektiven gegen den Direktor Guttmann, sah sich durchaus in Nähe zu Karl Kraus' in Czernowitz besonders erfolgreichem Zeitschriftenunternehmen der Fackel mit ihrer Pressekritik. Im ersten Heft schrieb Ernst Maria Flinker an den "Kamerad" Ludwig Rubiner, einen der bekanntesten Protagonisten des Berliner Expressionismus um die Zeitschrift Die Aktion, von dem später auch ein Text im Nerv abgedruckt wurde. Maurüber selbst schrieb über den Rat der Geistigen, den Kurt Hiller in Berlin gegründet hatte. Es entsprach nach dem Horror des Völkerkrieges einem brückenbauenden Impetus, dass auch Übersetzungen aus anderen Sprachen gebracht wurden, wie etwa von Lotar Wurzer zu Mihai Eminescu oder eine des jungen bosnischen Autors Ivo Andric, später auch des ukrainischen Nationaldichters Taras Schewtschenko. Interessant ist, dass Lotar Wurzer (dabei handelt es sich um den späteren Angehörigen des ZK der rumänischen KP, Lotar Rădăceanu) im dritten Heft das das habsburgische Imperium und seine übernationale Sozialdemokratie umtreibende Thema des Verhältnisses von Klasse und Nation aufgreift, auf dessen Beitrag dann auch Maurüber mehrfach reagiert.

 

Mit den Brüdern Flinker, Alfred Sperber, Artur Kraft tauchen auch Namen jener Schriftsteller auf, die nach ihrer expressionistischen Phase teil hatten an der Blüte der Gedichtkunst, die in den nächsten 20 Jahren die Stadt in der Bukowina mit den Gedichbänden von Alfred Margul-Sperber, Rose Ausländer, Moses Rosenkranz, Alfred Kittner, David Goldfeld erleben sollte. Sperber publizierte im Nerv sowohl Gedichte als auch Prosa.

Das Ende dieser Zeitschrift kam bereits im Herbst 1919 überraschenderweise wegen Auseinandersetzungen mit der sozialdemokratischen Druckergewerkschaft. Lange verschollen brachte vor 22 Jahren das Berliner Literaturhaus einen Neudruck der Zeitschrift mit einem ausführlichen, die Hintergründe beleuchtenden Nachwort des Iaşier Germanisten Andrei Corbea-Hoişie. (Der Band ist noch erhältlich!)

 

 

Der Nerv. Nachdruck einer expressionistischen Czernowitzer Kultur- und Literaturzeitschrift des Jahres 1919. Mit einem Nachwort von Andrei Corbea-Hoişie herausgegeben von Ernest Wichner und Herbert Wieser. Berlin 1997 (Texte aus dem Literaturhaus Berlin, 12), 276 S., ISBN 3-926433-11-6

 


Offenbach - Banat

 

 

S. Katharina Eismann zieht ungewöhnliche Linien durch die Welt

 

 

 

 

 

 

Offenbach, die Stadt des Leders am Main, war bisher nur durch die Tatsache, dass hier einige Zeit der Übersetzer Gerhart Csejka gelebt hat, mit dem karpatischen Raum assoziiert. Nun stellen sich ganz überraschend neue Verbindungen her. Die Künstlerin und Lyrikerin S. Katharina Eismann tritt eine traumhafte Reise in ihren Gedichten an, die am Wilhelmsplatz in der Mainstadt beginnt und in Temeswar endet. Es ist ein "Paprikaraumschiff" als Traumschiff, mit dem

 

"die Blechtrafikanten

shanteln

Balladen

Hoffnungsziganiaden

vom Fuchs

vom Hasen

vom Heim auf Straßen".

 

So geht es nach Erlebnissen auf dem Offenbacher Wochenmarkt Richtung "Süd, Südost und Osten". Nach dem Besuch des Donauschwäbischen Zentralmuseums in Ulm ein Zusammenprall mit einer Kellnerin in Wien:

 

"Ringdrall gestikuliert sie

die aufgespritzte Tante:

Tu kriegst schon tai Gölt

in Wien der grünschlammigen

Aktionszentrale an der Donau"

 

Über Belgrad wird das Banat erreicht, eine Leerstelle zunächst

 

"das Nest ist leer

Banat–Error".

 

Aber allmählich erschließt sich die Landschaft mit ihren Dörfern, die Stadt Temesvar mit ihren ausländischen Tramwagen:

 

"eine Spende aus der Fremde

die Elektrische ist in Rente

Bochum

Karlsruhe

steht auf lila Schläfen".

 

In den Dörfern (Livezile, Comloşu-Mic, Altfreidorf)  mit den Storchennestern scheint die Zeit zu stehen,

 

"die Betten noch ungemacht

das Dorf im Morgentaumel";

 

Frauen mit

 

"Zopfskulptur

eingeschweißt in Dorfschmalz

hat Mähne und Lachen verbannt

übers Halstuch hüpfen Wiesen

 

von sieben Unterröcken gestärkt".

 

So ist die Ankunft in der Herkunftsregion der Autorin eine verhaltene, fragende und staunende. Melancholie liegt in der Luft, aber auch die Ahnung des Besonderen des Banats. Eine gauklerische, eulenspiegelhaft-phantasievolle Reise an der Donau entlang nach Rumänien - unterhaltsam und hintersinnig! In einem überlegt gestalteten Buch.

 

 

S. Katharina Eismann: Reise durch die Heimat. Von Offenbach nach Temeswar. Gedichte. Größenwahn Verlag Frankfurt a.M. 2017, geb., 112 Seiten, ISBN 978-3-95771-178-6

 


"Kleiner" Roman - ganz groß

 

 

Das Rumänien der 1980er Jahre aus der Perspektive eines Kindes

 

 

 

 

 

 

 

Es sind nicht die "großen" Ereignisse, die in diesem flüssig erzählten Roman Thema werden: der Sommerurlaub am Schwarzen Meer, die eigene Familie und die des Onkels, die Rückkehr nach Bukarest, die Streitereien der Eltern, der Wunsch des Vaters nach der Ausreise aus dem anstrengenden Rumänien der Endphase des sozialistischen Experiments. Aber das Mädchen beobachtet genau, eigenwillig und immer an der Geschichte orientiert, die auf diese Art einen eigenen Sog entwickelt. Es entgeht ihr nicht, dass die schöne eigenwillige Mutter den Schwager besonders behandelt, dass der Vater unglücklich über seine Arbeit im Mangelstaat Rumänien ist, dass der Cousin ihr zu gefallen beginnt. Hinzu kommen die Erlebnisse im Kindergarten zwischen patriotischen Liedern und der täglichen Routine, das Spiel mit den Nachbarskindern, nicht immer erfreuliche Wahrnehmungen des Geschlechts, Telefongespräche mit einer Erwachsenen, die niemand je gesehen hat, und all dem, was sonst so den kindlichen Alltag in Bukarest ausmacht. Die Geschichte hält sich eng, aber phantasievoll an den Erlebnishorizont des Mädchens. (Wobei die Frage auftaucht, ob nicht eher ein Schulkind als eines des Kindergartens diese Wahrnehmungen artikulieren könnte.) Was sichtbar wird, ist die fragile "Normalität" einer Kinderwelt, in der die Dinge so genommen werden, wie sie erscheinen. Und dennoch tauchen immer wieder bohrende Fragen auf nach der unbekannten möglichen Welt hinter diesen Erscheinungen, Gesten und Dingen.

Der erste Roman der Drehbuchautorin und Texterin Ilinca Florian bietet eine anziehend und gekonnt geschilderte Geschichte in ihrem nur auf den ersten Blick unscheinbar wirkenden Verlauf, deren Ende eine unerwartete Überraschung bereit hält.

 

 

Ilinca Florian: Als wir das Lügen lernten. Roman. Karl Rauch Verlag Düsseldorf 2018, geb., 190 Seiten, ISBN 978-3-7920-0252-0

 


Rumänien kaleidoskopisch

 

4 Anthologien

 

 

 

Die vergangene Leipziger Buchmesse mit ihrem Schwerpunktland Rumänien brachte zahlreiche Übersetzungen rumänischer Litera-tur. Erhöht wurde die Zahl durch unterschiedliche Anthologien, die erzählende, lyrische, essayistische Splitter boten, um so möglichst viele AutorInnen und Texte - wenn auch oft gekürzt - der interes-sierten Leserschaft verfügbar zu machen. Hier seien vier neuere Anthologien vorgestellt.

 

 Als vor zwei Jahren Elsa Lüder die Anthologie Einladung nach Rumänien zusammenstellte, scheint dies noch aus der vorherrschenden Überlegung geschehen zu sein, wie einem offensichtlich rumänische Literatur kaum wahrnehmenden Lesepublikum eben diese "schmackhaft" gemacht werden könne. Das Konzept, das sie zeitweise mit Studierenden der Universität Freiburg umsetzte, versuchte möglichst viele Aspekte zu berücksichtigen. So wurden junge AutorInnen übersetzt und  am Schwarzen Meer Sommercamps mit einigen Autoren abgehalten. Ergänzt wurde die Auswahl zudem durch einige klassische Texte der rumänischen Literatur (Caragiale, Hogaş, Jean Bart, Filimon, Macedonski, Cella Serghi) und im Anhang durch eine bildliche und bio-bibliographische Vorstellung. Ein fast schon enzyklopädischer Ansatz.

Es sind dabei durchaus Entdeckungen zu machen: Etwa der Moldauerin Nicoleta Esinencus "Moldauisches Rap-Mosaik" aus Sowjetzeiten, oder Luminiţa Cioabăs Gedicht "Der Zigeunerengel". Gabriel Horaţiu Decuble stellt die Atmosphäre des verregneten Bukarester Ausgehviertels Lipscani vor - und eine dementsprechende Gefühlslage bei seinen Protagonisten. Adrian Schiop erzählt vielschichtig eine grasgeschwängerte Geschichte von rumänischen "Losern" in Neuseeland - mit einer Rumänin als Zentralfigur.

Einige der bei Lüder gebotenen Ausschnitte sind mittlerweile in voller Übersetzung vorhanden, wie etwa Varujan Vosganians "Buch des Flüsterns" oder Florin Lăzărescus "Sonderberichterstatter".

 

Zwei Jahre nach Lüders Anthologie ist die Situation ganz verän-dert, als das Gastland der Leipziger Buchmesse Rumänien heißt: Jetzt sind in einer Übersetzungs'flut' von über 40 Titeln drei Anthologien auf dem Lesemarkt sichbar - und diese Textsamm-lungen haben durchaus Aufmerksamkeit gefunden.

 

 

 

"Rumänien neu erzählen" hat sich die Anthologie Wohnblockblues mit Hirtenflöte, hg. v. Michaela Nowotnick und Florian Kührer-Wielach, vorgenommen. In ihr sind sowohl aus Rumänien kommende wie auch das Land von außen bzw. durch mehr oder weniger intensive Reiseeindrücke kennende AutorInnen vertreten. Bis auf Dana Grigorcea aus Bukarest, die in Zürich lebend auf Deutsch schreibt, haben die aus Rumänien Kommenden alle Siebenbürgen oder das Banat als Herkunftsregion. Eine der intensiveren Stimmen lässt die Lyrikerin Elke Erb verlauten mit ihren Gedichten, Beobach-tungsfragmenten, Erinnerungen, etc. an und in Siebenbürgen. Zugleich evoziert die Lyrikerin in ihren Lektüre- und Reflexionssplittern auf ganz eigene Weise auch eine DDR-Perspektive auf Siebenbürgen und Rumänien.Ergänzend die genauen und zugleich phantastischen Beobachtungen von Uwe Tellkamp bei einer Fahrt von Sofia über Rumänien nach Dresden mit Besuchen bei Mircea Cărtărescu und Eginald Schlattner. Auch ein Interview der Herausgeberin mit Ingo Schulze hebt auf diese besondere Beziehung der DDR-Bewohner zu Rumänien ab. William Totok erinnert in zwei Gedichten an historische und mentale Kontinuitäten, Jan Koneffke ehrt Nora Iuga und Bukarest, während Alexandru Bulucz rumänische Moral und Landschaften durcheinander wirbelt und Dana Grigorcea rumänische Frauen erinnert. Vier der BeiträgerInnen sind Gewinner des von Frieder Schuller initiierten Katzendorfer Dorfschreiberpreises.

 

Die beiden anderen Anthologien sind solche, die konsequent rumänische AutorInnen in deutscher Übersetzung zu Wort kommen lassen. Hier tauchen vor allem jüngere VertreterInnen der rumänischen Literatur auf, es wird hingewiesen auf neue Talente und zahlreiche unübersetzt und hierzulande leider bisher unbekannt gebliebene AutorInnen, die in anderen Sprachen zwar häufig präsent und bekannt sind, von denen das Literaturland Deutschland aber bisher kaum Notiz genommen hat.

 

 

 

Bei Das Leben wie ein Tortenboden haben mit den HerausgeberInnen Daniela Duca, Anke Pfeifer und Valeriu Stancu zahlreiche Studierende durchweg überzeugende Übersetzungen von viel versprechenden Romanfragmenten und einer Erzählung geliefert. Hervorragend etwa die  Geschichte von Ovidiu Nimigean aus seinem Roman Rădăcina din bucsau über das Sterben der Mutter und die Wiederbegegnung mit der getrennten Freundin. (Letzteres ein häufiges Motiv in den Anthologien). Sehr kunstvoll und eindringlich die Erzählung von Petru Cimpoeşu über eine Mutter, die einen Geldschein verliert oder Marta Petreu über eine Kindheit mit einem Vater, der zu den Zeugen Jehova übertritt und einer Mutter, die dies hartnäckig ablehnt. Nora Iuga entwirft in ihrem Roman Harald şi luna verde Biographien von jüdischen Ballettänzern zwischen Rumänien und Deutschland vor und nach dem Zweiten Weltkrieg. Adina Rosetti schlüpft in die Rolle eines Computerfreaks, Corina Sabău beobachtet das konfliktreiche Familienleben in einem Wohnblock. Ein Kabinettstück von Erzählkunst ist Ioana Părvulescus Viaţa începe vineri, von dem der gebotene Ausschnitt eine vielseitige Erzählung aus dem Leben am Ende des 19. Jahrhunderts in Bukarest bietet.

 

Eine gewisse Tradition weist die verdienstvolle Zeitschrift "die horen" auf, die bereits mehrere Hefte der rumänischen Literatur widmete. Zur Messe erschien das schöne, von Bogdan-Alexandru Stănescu, Georg Aescht und Ernest Wichner herausgegebene Heft Nr. 249 Die Entführung aus dem Serail, das "Rumänische Erzählungen aus dem letzten Jahrzehnt" und einen farbigen Kunstteil "Black Dreams" von Răzvan Luscov bietet. Der überraschende Hefttitel geht auf eine Erzählung von T.O. Bobe zurück, in der das heimatliche Constanţa die Kulisse für eine phantastisch orienthafte Atmosphäre einer tragischen verbotenen Liebesgeschichte abgibt - eine große Entdeckung ist dieser Autor! Von Radu Pavel Gheo gibt es ein ebenso lustiges wie bezeichnendes Capriccio aus der banater Kindheit, die von der Grenzlage zu Jugoslawien profitierte (es ging später in Gheos großen - immer noch unübersetzten! - Roman "Noapte bună, copii!" ein). Die Mehrzahl der etwas männerlastig ausgewählten Erzählungen handelt von dem heutigen Leben junger Menschen in Rumänien, Lavinia Branişte ebenso wie Ana Maria Sandu entwerfen kleine Einblicke in die Beziehungsnöte junger Frauen, Veronica D. Nicolescu fügt ihnen noch eine bezeichnende historische Facette aus den Studentinnenheimen der Ceauşescu-Zeit hinzu. Aber auch in Bogdan Răileanus "Kochen für Lesbierinnen" ist die Perspektive die vom speziellen Stress einer erfolgreichen jungen Mutter, während Răzvan Petrescu gegenläufig die eines alt gewordenen Vaters meisterhaft in eine kleine Form fasst.  Weitere Themen und Motive sind genügend in dem Heft zu entdecken.

 

So machen die vier Anthologien bei genauerem Hinsehen eine sehr unterschiedliche Figur, erweisen sich je nach Anlage als Füllhörner für rumänische Literatur, siebenbürgisch-banater und deutsche Perspektiven oder suchen auch die Klassiker in ein Gesamtbild der rumänischen Literatur zu integrieren. Lesenswert und unterhaltsam sind sie allemal!

 

 

Einladung nach Rumänien. Klassische und moderne Erzählungen aus dem Rumänischen übersetzt und herausgegeben von Elsa Lüder. Edition Noack&Block in der Frank&Timme GmbH Berlin 2016, 355 Seiten, br., ISBN 978-3-86813-032-4, m. Autorenfotos

 

Wohnblockblues mit Hirtenflöte. Rumänien neu erzählen. Hg. v. Michaela Nowotnick u. Florian Kührer-Wielach. Wagenbach Verlag Berlin 2018 (Wagenbachs Taschenbuch 794), 239 Seiten, br., ISBN 978-3-8031-2794-5

 

Das Leben wie ein Tortenboden. Neue Rumänische Prosa. Hg. v. Daniela Duca, Anke Pfeifer, Valeriu Stancu. Transit Verlag Berlin 2018, geb. m. Schutzumschlag, 240 Seiten, ISBN 978-3-88747-363-1

 

Die Entführung aus dem Serail. Rumänische Erzählungen aus dem letzten Jahrzehnt. Zusammengestellt von Bogdan-Alexandru Stănescu, Georg Aescht und Ernest Wichner. die horen. Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik. Nr. 269, Wallstein Verlag Göttingen 2018, br., 219 Seiten, ISSN 0018-4942 ISBN 978-3-8353-3194-5, m. einem Kunstteil von Răzvan Luscov

 


Lyrik bei Pop:

Hurezeanu und Christi

 

 

 

 

 

Das größte Verlagshaus für rumänische Literatur in deutschen Übersetzungen hat  einen Schwerpunkt auf Dichtung

 

 

Emil Hurezeanu aus Hermannstadt verließ das kommunistische Rumänien 1982 mit einem Stipendium des Herder-Preises für Ana Blandiana. In Deutschland wurde er ein aus Rumänien vielfach bewunderter und hoch angesehener Redakteur bei Radio Free Europe, mittlerweile ist er seit einigen Jahren bereits Botschafter Rumäniens in Berlin. Jenseits des Journalistischen war Hurezeanu aber auch ein wichtiger Lyriker. Sein erster Gedichtband Lecţia de anatomie (Die Anatomiestunde) erhielt 1979 den Preis des Schriftstellerverbandes für das Debut. Gedichte begleiteten seinen Werdegang, jetzt hat der Pop Verlag zwei Bände der Gedichte Hurezeanus in der Übersetzung Georg Aeschts veröffentlicht: einmal den frühen Band Die Anatomiestunde von 1979 und eine Sammlung weiterer Lyrik (die Die Anatomiestunde noch einmal enthält).

 

Hurezeanus Lyrik ist vielseitig: formal, thematisch, perspektivisch. In der Einteilung in "Abendwache", "Nachtwache" und "Morgenwache" reflektiert Die Anatomiestunde über die großen Themen des Lebens und des Todes, die Liebe, aber auch persönliche Erfahrungen wie das Eintauchen in die Atmosphäre der Kleinstadt. Unter der Oberfläche der Themen aber zeigt sich in den Wortgefügen eine komplexe Denkweise, ein rumänisches Denken der Wörter, das ungewöhnliche Gedanken und Blüten der Sprache zur Welt bringt.

 

Kommunion

 

Wie auf dem weißen Antlitz des Mannes

Der Zweig jungen Blutes gesprossen ist und

Den Schnee des Rasierschaums

Wie ein mineralischer Quellbach durchfließt.

 

So ist in den frischen Bäumen

Der Frühling Leben und Gift.

 

Die Gedichte des zweiten Bandes  Ultimele, primele (Bukarest 1994; in der deutschen Übersetzung umgekehrt: Die Ersten, die Letzten) sind näher an den Anlässen ihrer Entstehung, welthaltiger, Namen aus der Öffentlichkeit treten auf. Fast schon episch in seiner panoramatischen Perspektive das großartige Gedicht "Die Abwesenheitserklärung", in dem die postrevolutionären Zweifel zum Rückblick auf die Diktatur führen: 

 

"[...]

 

Aber erinnert ihr euch noch, Mädels und Jungs meiner Generation, an

Echinox, dreisprachig, Montagsliteraturkreis, Dialog,

Amfiteatru, Forum, Izvorul Mureşului, Festival Eminescu,

Ars Amatoria, Podul, Jazzfestival Hermannstadt, Club A,

Begegnungen von Hermannstadt, Abende in Costineşti, 15.

September in Klausenburg, 24. Januar in Jassy, 25. Dezember in Bukarest

[...] "

 

Die Erinnerungen werden aufgehoben von einem abgeklärten Blick in die Zukunft, von dem, was sich nach der Wende abzeichnete:

 

"[...]

Die kleinen und großen Schrecken werden nur noch den Hauch

Einer wohl erhaltenen Mumie verströmen

In irgendeinem Museum der Verheerungen, das die Schüler lieben

Und die Widerstandskämpfer meiden.

[...]"

 

Aber Hurezeanu ist nicht auf dieses vermeintlich nur politische Thema zu reduzieren, vielmehr finden sich hier wie auch in anderen Gedichten persönliche Reflexionen, intime Situationen, genaue Beobachtungen von Befindlichkeitenm ein Gedicht an den noch ungeborenen Sohn - ein weites Panorama rumänischer Nachwende-Aktualität!

 

 

Aura Christi ist das Pseudonym der in Chişinău geborenen Lyrikerin Aurelia Potlog. Schon diese Namenswahl lässt auf eine besondere Verbindung zu einer religiös-metaphysischen Sphäre erwarten, was ihre Lyrik auch teilweise einlöst. Das Pseudonym kann aber auch im Zusammenhang mit in den Biographien berichteten Schicksalsschlägen zu tun haben, die die Autorin trafen: zeitweilige Blindheit durch eine Erkrankung, mehrere Operationen hierzu, Überwindung  der Tuberkulose, Depressionen. Die Übersetzerin Edith Konradt schreibt im Nachwort zu den Elegien aus der Kälte, dass Potlog "ihre Künstlerexistenz von Anfang an dem sich weigernden Körper abtrotzen musste." Dabei entstand aber ein durchaus monumentales, mehrfach preisgekröntes Werk der Vielleserin: eine Tetralogie von Romanen, zahlreiche Gedichtbücher, Essaysammlungen. Zudem war Christi stellvertretende Chefredakteurin der Zeitschrift "Contemporanul" in Bukarest.

 

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FILIT Iaşi - zum 6. Mal

 

Bereits zum sechsten Mal findet in Iaşi/Jassy das Internationale Literatur- und Übersetzungsfestival FILIT (Festivalul Internațional de Literatură și Traducere Iași) statt. Es hat sich als eines der, wenn nicht das wichtigste literarische Festival in Rumänien etabliert und in wenigen Jahren eine große Zahl von AutorInnen, ÜbersetzerInnen und JournalistInnen in die Kulturmetropole im Nordosten Rumäniens an der Grenze zur Republik Moldau geführt. Herta Müller, Norman Manea, Mircea Cărtărescu, Gao Xingjian, Andrzej Stasiuk, Jonathan Coe, David Lodge, Sadie Jones, Aris Fioretos, u.a. sind nur die international bekannten Namen des für die rumänische Gegenwartsliteratur unverzichtbar gewordenen Unternehmens.  In diesem Jahr werden Jonathan Franzen, Goncourt-Gewinner Éric Vuillard, Gabriela Adameşteanu, Juri Andruchowytsch, Veronika Roth, Ioan Es. Pop, Nichita Danilov, Mariana Codruţ, Robert Şerban, Florina Ilis, Marin Mălaicu-Hondrari, Sylvie Germain u.v.a. teilnehmen, aus Deutschland u.a. die Übersetzerinnen Eva Ruth Wemme und Ingrid Baltag.

 

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FILIT Iaşi

 

Die sechste Ausgabe des größten Literaturfestivals Osteuropas

 

 

 

 

 

 

Iaşi im Oktober 2018: FILIT, das poppige Hinweisschild auf die Casa Pogor (das Literaturmuseum) und der allgegen-wärtige Schatten Eminescus Foto:www.kultro.de

 

 

 

Die Veranstalter hatten fürsorglich die Wettervorhersage bemüht und die Gäste auf Regen und Kälte vorbereitet – Windjacken und feste Schuhe seien mitzubringen. Wer Iaşi im Herbst kennt, weiß, dass in dieser Jahreszeit meteorologisch alles möglich ist – aber letztlich war es dieser nicht endend wollende unheimliche Sommer, der strahlenden Sonnenschein und angenehme Temperaturen während FILIT, dem „Internationalen Festival für Literatur und Übersetzung Iaşi“, brachte. Das Event begeisterte viele Besucher durch seinen harmonischen Ablauf und die gleichermaßen lässige wie auch intensive Atmosphäre.

Auf dem zentralen Platz der osteuropäischen Kulturmetropole – der Piaţa Unirii (Vereinigungsplatz) – stand um das Denkmal des Alexandru Ioan Cuza die „Casa FILIT“, eine kleine Zeltstadt, die temporär Anlaufstelle für die AutorInnen, JournalistInnen, BesucherInnen und Neugierige war. Es  bewährte sich trotz weniger Windstöße, die an den Zelten rüttelten, dennoch wieder einmal das Vertrauen der Veranstalter, ohne viel Aufwand eine Location zu schaffen, von der aus das Festival sich für vier mit über 100 Veranstaltungen voll gepackte Tage in die Stadt und über das Internet – gewissermaßen – „world wide“ verbreiten werde.

FILIT zeichnet sich durch vier bemerkenswerte Features aus: Es hat die absolut größten Namen, es geht in die Stadt und in die Schulen und Universitäten, es animiert SchülerInnen und StudentInnen sich als „volunteers“ mit dem Festival zu identifizieren und es hat die Arbeit der ÜbersetzerInnen perma-nent zum Thema gemacht, d.h. es fördert auf diese Weise die Übersetzung rumänischer Literatur. Dies sind der „Alleinstellungsmerkmale“ genug, aber ebenso wichtig ist die wohl überlegte Organisation der Abläufe und Betreuung der Gäste. So wird es vielfach nicht zu Unrecht von SchriftstellerInnen als das größte und beste Literaturfestival Osteuropas bezeichnet.

Am kleinen Flughafen finden sich schnell einige angereiste Teilnehmer, der norwegische Schriftsteller Carl Frode Tiller, die deutschen Übersetzerinnen Ingrid Baltag und Eva Ruth Wemme, die schwedische Übersetzerin Inger Johansson. Ein Fahrer bringt sie in das Hotel Unirea, das direkt am Platz des Festivals gelegen ist, ein Betonblock aus früheren Zeiten, jetzt geschickt renoviert und ideal für die Unterbringung der FILIT-Gäste geeignet. Vom Restaurant im 13. Stock hat man nicht nur einen tollen Blick auf das wie eine Miniatur aussehende Zeltensemble mit einem Zelt der Verlage, sondern weit über die Stadt.

Am Abend offizielle Eröffnung im Nationaltheater. Seit einigen Jahren endlich renoviert strahlt es in Blattgold und Stuck, ein historischer Rahmen für die großen Events, geeignet für Sylvie Germain und Gabriela Adameşteanu. Zuvor spricht der Schriftsteller Lucian Dan Teodorovici, der Direktor des Literaturmuseums und des Festivals, und erhält von dem Vorsitzenden des Kreisrats eine Medaille für seine Arbeit und das Festival; ein bemerkenswerter Vorgang, weil er zeigt, dass sich FILIT in der Stadt durchgesetzt hatauch gegen engstirnige und am Eigenwohl orientierte Politiker. Der Kreisrat (Consiliul Judeţean) finanziert einen Großteil der Kosten, so dass das Festival gesichert ist für die nächsten Jahre. Zudem es Unterstützung durch die EU gibt. Im Saal auch der Polirom-Verleger Silviu Lupescu, die Chefredakteurin des "Observator Cultural" Carmen Muşat, der Schriftsteller und Parlamentarier Dan Lungu aus Iaşi, der 90-jährige Ion Vianu, Sozialpsychologe und Essayist, seit Jahren aus dem Schweizer Exil zurückgekehrt und eine vielbeachtete intellektuelle Gestalt in Rumänien, der in gewisser Weise das Erbe seines Vaters, des Literaturprofessors Tudor Vianu fortsetzt. Wegen der akribischen Fragen gerät das Gespräch zwischen den Schriftstellerinnen etwas akademisch, die Reaktionen des Publikums und manche Antwort lassen dies bemerken. Am nächsten Abend wird Robert Şerban aus Temeswar daraus gelernt haben und mit einer Flasche Whiskey und Begeisterung für das Werk seines Gastes Jón Kalman Stefánnson aus Island eine lebendige und publikumswirksame Präsentation hinlegen. Ebenso auf andere Weise auch Marius Chivu mit Jonathan Franzen am Abend darauf, der den Gast mit schrägen Fragen zu provozieren sucht und ihm ebenfalls ein Geschenk macht, das dieser nicht ausschlagen kann.

Aber nicht nur am Abend wird über Literatur gesprochen, die Tage sind komplett gefüllt im Kulturpalast, in der Uni, in Schulen, Museen, dem "Palatul copiilor" (Palast der Kinder), wo unterschiedlichstes Publikum auf rumänische und anderssprachige Schreibende trifft. Das Interesse ist immer gegeben, wenn etwa Jurij Andruchowytsch und Roland Orcsik vor Schulklassen, die ihre Bücher gelesen haben, über ihre Erfahrungen mit Sprachen und der Vergangenheit sprechen. Im aufwendig restau-rierten riesigen Kulturpalast, der wie ein Loire-Schloss wirkt, ist der Ukrainer wegen seines ins Rumä-nische übersetzten frühen Buches „Moscoviada“ über seinen Aufenthalt in der russischen Hauptstadt um 1990 gefragt, während der in Jugoslawien geborene Ungar Roland Orcsik über seinen Weggang aus der Voivodina wegen des Jugoslawienkriegs nach Ungarn spricht.

Im Pressezelt findet der tschechische Autor Tomáš Žmeškal großes Interesse mit seinem auto-biographischen Roman über seinen kongolesischen Vater und das Leben im oppressiven kommunis-tischen Regime der CSSR. Žmeškal ist Träger des Europäischen Buchpreises und ein viel gefragter Interviewpartner – hat man von ihm in Deutschland je gehört?

Das ist das Erfreuliche an einem solchen Festival: Man lernt nicht nur rumänische AutorInnen und ihre Bücher und Themen kennen, sondern der Blick weitet sich auf benachbarte, ähnliche Fragestellungen und Themen. Rumänischsprachig ist Iulian Ciocan aus Chişinău, der bereits drei Romane über seine Heimatstadt im Iaşier Verlag Polirom und einen weiteren bei Tracus Arte publiziert hat. Er benennt einige der Probleme der Literatur in der Republik Moldau, wo es kein wirklich organisiertes literarisches Leben außerhalb der Hauptstadt gebe. Es fehle am bürgerschaftlichen Engagement, an der Einsicht in die Bedeutung der Kultur. Seine kurzen Romane mit absurd-kafkaesken Zügen behandeln Chişinău in verschiedenen Stadien seiner jüngeren Geschichte und der Zukunft – von Breschnews Tod über die Abspaltung Transnistriens bis in die endlose „Transition“ der Republik Moldova.

Während des Gesprächs im Zelt interviewt im Hintergrund Mirko Schwanitz vom Deutschlandfunk die erst zehnjährige Delia Calancia, die wie selbstverständlich zu FILIT eingeladen wurde, da sie ein selbst geschriebenes und gezeichnetes Buch im großen Humanitas-Verlag vorzuweisen hat. Klar, dass Kinder zur Lesung mit ihren Lehrerinnen kommen und so eine weitere Tür zum Lesenachwuchs geöffnet wird.

Florina Ilis diskutiert mit dem Lyriker Radu Vancu im Eminescu-Museum am Copou über die brillante Idee des Literaturmuseums, zeitgenössische AutorInnen zu bitten, eine kurze Romanbiographie eines der in den elf Literaturmuseen der Stadt ("case memoriale") vertretenen Schriftstellers zu schreiben. Da ihr mit vielen Preisen ausgezeichneter Roman "Vieţile paralele (Parallele Leben)" das Nachleben Eminescus thematisiert, war sie die ideale Autorin, um die Iaşier Liebesgeschichte zwischen dem 'Nationalpoeten' und der Dichterin Veronica Micle in der Reihe der "Scriitori de poveste" (Geschichtenerzähler) zu schreiben.

Am Abend gibt es bei der Weinprobe angeregte Gespräche mit dem rumänisch-französischen Übersetzerpaar Courriol und der schweizer Schriftstellerin Catherine Lovey, Jean-Louis Courriol war 1975-77 Lektor an der Universität in Iaşi. Und mit Dan Lungu, spiritus rector der neueren Iaşier Literaturszene, die die literarische Gruppe „Club 8“ und FILIT hervorbrachte, der aus seiner Perspektive als Senator für die junge Partei USR im Parlament über die Wirren der rumänischen Politik erzählt, was insbesondere auch den japanischen Journalisten Nagayo Taniguchi interessiert, der aus Brüssel angereist ist und sonst meist über militärstrategische Fragen schreibt, von dem Festival aber wie alle sehr begeistert ist...

Beim Abschied spricht Florin Lăzărescu, Organisator des Festivals, Schriftsteller und Drehbuchautor, über die Wahrnehmung der Stadt und von FILIT durch AutorInnen, die nicht nur zum ersten Mal teilnehmen. Es sei für die meisten eine große Entdeckung gewesen in der kommunikativen Atmosphäre des Festivals diese Stadt und die rumänische Literatur zu erleben. Dies lässt auf weitere Ausgaben gespannt bleiben.

 


Gabriela Adameşteanu beim ilb

 

Das Internationale Literaturfestival Berlin findet dieser Tage zum 18. Mal statt und zählt unter den rumänischen Gästen auch Gabriela Adameşteanu. Bei der Präsentation durch den Übersetzer und Lyriker Ernest Wichner auf der Bühne im gut besuchten Haus der Berliner Festspiele wird über ihr neues

Foto:www.kultro.de

 

Buch, d.h. den in Deutschland gerade erstmals in Übersetzung publizierten Roman "Verlorener Morgen" (Dimineaţă pierdută) gesprochen, der bereits 1984 (!) in Rumänien erschien. Wichner wies darauf hin, dass der Roman als ihr Hauptwerk verstanden werden könne, das im Laufe der Zeit in Rumänien einen gewissen Kultstatus gewonnen habe. Nach den Entstehungsumständen befragt, erwähnt Adameşteanu die Zensur, die ein Kapitel über den Krieg und einzelne Äußerungen  beanstandete, so dass der integrale Roman erst nach der Wende vollständig erscheinen konnte.

Er schildert in einer Art Mosaiknarration unterschiedliche Szenen aus der Erinnerung einer älteren Frau an ihre Familie, vom Ersten Weltkrieg über das ganze Jahrhundert verteilt bis in die Gegenwart der 1980er Jahre. Wichner erkennt in dieser Form des Romans auch Allusionen zu Adameşteanus Uni-Abschlussarbeit über Marcel Proust, was die Autorin nicht verneint. In der lebendigen Lektüre durch die Schauspielerin Naomi Krauss wurde die Stimme der Erzählerin präsent, es entstand jener Sog in die Geschichte hinein, die in einer Art Gedächtnisstrom die Bukarester Familie in zahlreichen ihrer Erlebnissen aufruft. Auf Nachfrage aus dem Publikum erklärte Adameşteanu, dass sie zwar in Târgu Ocna geboren sei, aber durch die Versetzung ihrer Eltern als Lehrer u.a. auch in Piteşti länger gewohnt habe und erst mit 18 Jahren nach Bukarest gekommen sei. Dort spielen allerdings dann alle ihre Romane, von denen jetzt drei auf Deutsch vorliegen. Ernest Wichner lobte die Übersetzerin Eva Ruth Wemme, die "Dimineaţă pierdută" hervorragend übertragen habe.

Gabriela Adameşteanu war nach der Wende von 1989 lange Chefredakteurin der Zeitschrift "22", bevor sie wieder zur Literatur zurückkehrte. Auf diesen Wechsel angesprochen erklärte sie, dass auch in demokratischen Zeiten eine Chefredakteurin unterschiedlichen Pressionen ausgesetzt sei und ihr daher die Rückkehr zur Literatur eine nahe liegende Option erschien. Die Stimme der rumänischen Literatur in deutschsprachigen Raum ist mit den Übersetzungen der Werke Adameşteanus jetzt eine deutlicher erkennbare geworden.

 

Gabriela Adameşteanu: Verlorener Morgen (Dimineaţă pierdută) Roman. Aus dem Rumänischen von Eva Ruth Wemme. Die andere Bibliothek Berlin 2018, 561 Seiten, ISBN 978-3-8477-0404-1

Der gleiche Weg an jedem Tag. (Drumul egal al fiecărei zile). Roman.  Aus dem Rumänischen von Georg Aescht. Schöffling Verlag Frankfurt  a.M. 2013, Seiten, ISBN 978-3-89561-297-8

Begegnung. (Întâlnirea), Roman. Aus dem Rumänischen von Georg Aescht. Wieser Verlag Klagenfurt 2018, Seiten, ISBN 978-3-99029-287-7

 


Florian und Mihuleac beim ilb

- und Ernest Wichner

 

 

 

 

 

 

 

(v.l.: Ernest Wichner, Filip Florian, Roland Schäfer) Foto: www.kultro.de)

 

Einiges zu tun hatte Ernest Wichner beim Internationalen Literaturfestival in Berlin (5.-15.9.2018). Nicht nur las er eigene Lyrik, sondern moderierte vier Veranstaltungen mit rumänischer Beteiligung. An seiner früheren Wirkungsstätte Literaturhaus stellte er Filip Florian mit seinen übersetzten Büchern "Kleine Finger" (Degete mici) und "Alle Eulen" (Toate bufniţele) vor.

Gleich zu Beginn hatte Wichner die erfreuliche Neuigkeit, dass das neue Buch Florians, "Zilele regelui" (Tage des Königs), sich in Übersetzung  befinde. An den beiden vorgestellten Büchern fällt das Interesse des Autors an der Geschichte auf: In "Kleine Finger" ist es die Entdeckung eines Massengrabs, das Spekulationen auslöst, in "Alle Eulen" befreundet sich ein Junge mit einem älteren Mann und lernt von diesem einiges über das Jahr 1944 und den Zweiten Weltkrieg. Florian bemängelte, dass in Rumänien junge Menschen über die bedeutendsten Ereignisse der Geschichte des Staates oft nur geschönte Kenntnisse besäßen, die in den Schulbüchern stehen. So sei die Eroberung von Odessa zu Beginn des Überfalls auf die Sowjetunion für viele immer noch der größte Sieg der rumänischen Armee, wobei die Massaker an den Juden geflissentlich verschwiegen werden. Die den Text markant vergegenwärtigende Lesung durch den ehemaligen Schaubühnen-Schauspieler Roland Schäfer (der seit der ersten Ausgabe des Festivals als Vorleser aktiv ist!) zeigte auf, dass Florian weniger Handlungsstränge verfolgt, als unnachahmlich intensiv Beobachtungen und Reflexionen zu verbinden weiß.

Szenenwechsel: Vom Literaturhaus ging es die Fasanenstraße entlang in das nahe gelegene Haus der Berliner Festspiele, wo Wichner einem interessierten Publikum den Autor Cătălin Mihuleac mit "Oxenberg & Bernstein" (America de peste Pogrom; s. Politik/Geschichte) vorstellte. Mihuleac erklärte neben den Schwierigkeiten, diesen Roman über das Pogrom in Iaşi 1941 in der rumänischen literarischen Landschaft durchzusetzen, seinen Ansatz einer "Rock-Oper" mit einem drastisch-frechen Register, das die Jugend anziehen könne. Die adäquate Lesung einer geschickt gewählten Textpassage durch den Schauspieler Matthias Scherwenikas machte diese Absicht unmittelbar  plastisch und überzeugend. 

 

Wichner, Cătălin Mihuleac, Matthias Scherwenikas

Foto: www.kultro.de

 

Filip Florian: Kleine Finger (Degete mici). Roman. Aus dem Rumänischen von Georg Aescht. Suhrkamp Verlag Berlin 2008, 269 Seiten, ISBN 978-3-51840-014-0

Alle Eulen (Toate bufniţele). Roman. Aus dem Rumänischen von Georg Aescht. Verlag Matthes & Seitz Berlin 2016, 213 Seiten, ISBN 978-3-95757-221-9

Cătălin Mihuleac: Oxenberg & Bernstein (America de peste pogrom). Roman. Aus dem Rumänischen von Ernest Wichner. Paul Zsolnay Verlag Wien 2018, 366 Seiten, ISBN 978-3-552-05883-5


Das Leben des Schriftstellers als Alltagsmensch

 

Florin Lăzărescus Roman "Seelenstarre"

 

Jewgenij ist Schriftsteller, jedenfalls so eine Art. Denn er gibt seinen prekären Antiquariatshandel auf, nachdem die Bücher durch Wasserrohrbruch im Keller zu einem riesigen Eisklumpen gefroren sind und annonciert als zukünftige Beschäftigung das Fabrizieren von Texten an. Diese und ähnlich mehr oder weniger epochale Ereignisse begegnen dem Helden dieses Romans permanent, so dass jeder Nimbus und jede literaturbetriebliche Hype um das Image des Autors von Beginn an keine Chance hat in diesem sehr geerdeten Roman des Iaşier Autors Florin Lăzărescu.

Es ist ein Alltag, wie er fast schon ethnographisch in manchen kleinen Hinweisen auf Gegenstände, Denkweisen, Beschreibungen aufscheint, der  das Leben der meisten RumänInnen bestimmt. Jewgenij, geplagt von Panikattacken und wechselnden Interessen, wohnt zur Untermiete bei Frau Valeria Stoican, einer Witwe mit labiler Gesundheit, die allmählich merkwürdige Ansichten und Verhaltensweisen zeigt, bis sie zur Tat schreitet und sich die Haare abschneidet und den Kopf rasiert.

Solche Details des Romans tragen zur allgemeinen Absurdität bei und werfen ironisches Licht auf die Alltagsszenerie, deren Oberfläche gepflastert ist mit trivialen Welterklärungen, Wikipedia- und Discovery-Halbwissen, merkwürdigen Philosophemen, dem Rätsel der Beatles in Oneşti und was der Tag und die bunte Medienwelt sonst noch hergeben. Dass Lăzărescu bei dieser Beobachtung des rumänischen Alltags in seinem Element ist, zeigen nicht nur seine weiteren Bücher wie etwa "Unser Sonderberichterstatter" (Wieser Verlag), sondern auch erfolgreiche Drehbücher, etwa für den Kurzfilm "Lampa cu căciula" (Regie: Radu Jude; Preis für besten Kurzfilm des Festivals des osteuropäischen Films Cottbus 2007). Aber er kann auch ganz anders: Der Spielfilm "Aferim" von Radu Jude nach dem Drehbuch Lăzărescus über einen Roma-Sklaven im frühen 19. Jahrhundert gewann 2015 den Silbernen Bären der Berlinale. In der FAZ nannte Andreas Rossmann "Seelenstarre" "große Literatur".

 

Florin Lăzărescu: Seelenstarre (Amorţire). Roman. Aus dem Rumänischen von Jan Cornelius. Wieser Verlag Klagenfurt 2018. 231 Seiten, ISBN 978-3-99029-286-0

 


Bukarest - Berlin.

David Wagners erinnertes Tagebuch

 

"Vielleicht habe ich das alles ja nur geträumt: Eine Wohnung in einer unbekannten Stadt, viel Zeit und genug Plastikfoliengeld, um jeden Tag Strudel cu mere kaufen zu können." David Wagners Melancholie und Präzision haben ihn zu einem der bekanntesten und aktuellsten Schriftsteller unserer Befindlichkeiten im 21. Jahrhundert werden lassen. Unnachahmlich seine Beobachtungen auf  langen Berlin-Wanderungen, seine lakonisch-treffenden Wahrnehmungen, sein Pathos des Alltäglichen. In der Nachbemerkung des Buches erwähnt der Erzähler "eine Datei, die Bukarester Tagebuch heißt. Ich öffnete sie, begann zu lesen, las, las mich fest, und wunderte mich: Hatte ich das geschrieben?"

Solchermaßen verklausuliert geht der Autor an die Publikation eines Tagebuches, das großenteils mit Klarnamen versehen ist. Der 'Erzähler' kommt am Flughafen Otopeni an, wird von Simona und Bogdan abgeholt und in einer Wohnung untergebracht. Er ist Schriftsteller und hat einen Aufenthalt im ihm unbekannten Bukarest erhalten (im Austausch mit Simona, die nach Berlin kommt). Die Stadt ist neu und unbekannt - also ein idealer Gegenstand für das permanente Beobachten, Vergleichen, in Worte Fassen der fremd erscheinenden Welt. Der schmale aber vielseitig reflektierende Band lässt sich aus dieser Perspektive als ein rares Stück der Erinnerung an Bukarest um die Jahrtausendwende lesen. Es fällt das Plastikgeld auf, die Alarmanlagen der Autos, der Parlamentspalast und vieles andere. Alles gibt dem Melancholiker Anlass für grundsätzliche Überlegungen: "Man solle nur über das schreiben, was man kenne, sagt Naipaul. Womöglich hat er recht. Wann aber, ab wann, kenne ich etwas? Wie lange dauert das? Und wenn ich etwas ganz genau kenne, ist es dann nicht zu spät?"

'Handlung' ergibt sich durch die kurze, aber einschneidende Rückreise nach München, die im Hintergrund zu erahnende familiäre Konfliktsituation, auch durch die Insights in den Betrieb der wichtigen Kulturzeitschrift "Observator Cultural", vor allem aber durch einen Besuch bei Gellu Naums Witwe in Bukarest und deren Ferienhaus in Comana. Hier erhält der Erzähler einen Sommermantel des Surrealisten, den er nach Berlin bringen soll, um ihn Oskar Pastior zu überreichen. Ein abwechslungsreiches Spiel um Realität und Fiktion eines Schriftstellerlebens vor Bukarester Hintergrund.

 

David Wagner: Romania. Verbrecher Verlag, Berlin 2018, 143 Seiten, ISBN 978-3-95732-306-4

 


Lyrische Positionen

 

Claudiu Komartin und Alexandru Bulucz

 

 

Das Baumhaus im Berliner Bezirk Wedding ist eine Initiative von Bewohnern des Gebäudes, die sich vor zwei Jahren entschlossen,

Claudiu Komartin (links), Alexandru Bulucz Foto: www.kultro.de

 

einen Raum zu schaffen für Aktivitäten, Diskussionen, Lesungen, Ausstellungen. Von dem Wunsch nach gesellschaftlicher Veränderung angetrieben, insbesondere was die Verhinderung der Zerstörung menschlicher Lebensgrundlagen angeht, haben sie einen großen Raum im Parterre umgebaut, so dass er in der Tat aussieht wie ein Baumhaus, mit Holzverschlägen, Astgewirr und einem "Baum" mitten im Raum. Vielleicht war es dieses Ambiente, das das Literarische Colloquium Berlin (lcb) vom fernen Wannsee animierte, am 22. Juni 2018 eine Lesung des rumänischen Gastes hier im Norden der Stadt im Baumhaus zu organisieren.

Der Lyriker Claudiu Komartin hat sich in Rumänien bereits einen Namen gemacht als Dichter, Organisator des Lesekreises "Institutul Blecher", Verleger der Casa de Editură "Max Blecher" und der Zeitschrift "Poesis internaţional". Ihm zur Seite war als Moderator, aber auch mit seinen Gedichten der Lyriker, Übersetzer und Philosoph Alexandru Bulucz, der seit längerem in Berlin lebt.

Bei der Vorstellung Komartins hob Bulucz dessen politisches Interesse hervor, das ihn zu einem der seltenen explizit 'engagierten' Dichter seiner Generation in Rumänien mache. (Das Blog Komartins trägt als Motto die Zeile: Poezia e forma de rezistență a unui koala față în față cu buldozerele trimise de Corporație. [Poesie ist die Form des Widerstands eines Koala gegenüber den von der Firma geschickten Bulldozern.])

Komartin verwies auf  die etwa bis ins Jahr 2000 dauernde Nachwende-Abneigung gegen die sich einmischende Literatur, was auf den "proletcultism" der kommunistischen Ära zurückgehe. Danach sei aber die Präsenz des Dichters, das in die Wirklichkeit Eintreten (împlicare în real)  -Komartin verweist auf den frühen Enzensberger -  sichtbarer geworden. Im Idealfall sei Literatur per se widerständig, der Dichter leiste ein Bekenntnis - er sei Zeuge.

Komartins Gedicht "Marvin Pontiac" macht das Politische evident, indem es - poetisch verwebt in einen Maschinenrhythmus, der in Komartins Lesung expressiv präsent ist - von einem US-Schwarzen in der früheren Autostadt Detroit 'erzählt'. Auch in "fericiţi cei" (Selig sind; Übersetzung Georg Aescht) betont der Lyriker stark wie ein einfallender Schlag in den Ablauf der Wörter das Wort "pace". Ebenso sensibel in ihrer Wortmächtigkeit geben die Gedichte "Ceaun" (Kessel) und "2091 A.D." ein dichtes Panorama heutiger und zukünftiger politischer Zustände. In "Kessel" wird einem diffusen Gefühl des Verdachts, der Unzufriedenheit, des Zweifels Wort und Raum gegeben:

 

 

să vorbim despre corali
despre delfini și balene

 

și despre oceane peste care se întind
dârele rachetelor

 

ultima șansă a lăcustei bipede în urma ei doar

 

solul otrăvit, doar vegetația pipernicită,

 

litania progresului permanent

 

roboți sfioși & ecrane hipnotice

 

 

"reden wir über Korallen

über Delfine und Wale

und über die Ozeane darüber sich die Streifen

der Raketen strecken

die letzte Chance der zweifüßigen Heuschrecke hinter ihr nur

die vergiftete Erde, nur die verkümmerte Vegetation

die Litanei vom permanenten Fortschritt

schüchterne Roboter & hypnotische Bildschirme".

 

In "2091 A.D." ist diese kritische Haltung eines Alten kontrastiert mit dem jugendlichen revolutionären Glauben an die neue Welt:

 

Pe cer ardeau câteva supernove, sateliții bâiguiau

 

pe frecvențe demult istovite, metal

 

sfârâind la intrarea în atmosferă, amintiri glorioase sub

 

păturile rărite, piele descuamată, timp-glod.

 

 

"Am Himmel brannten einige Supernovae, die Satelliten brabbelten

auf längst erschöpften Frequenzen, Metall

zischend beim Eintritt in die Atmosphäre, ruhmreiche Erinnerungen

unter den dünnen Decken, Hautabschilferung, Zeit-Schlamm."

 

(beide Übersetzungen: Alexandru Bulucz, erschienen in der Grazer Literaturzeitschrift "Lichtungen" No. 154).

 

Komartins sensibles Sprachgefühl reichert seine Gedichte mit Realität, Welt und Energie an. Ihre dystopischen Qualitäten sind dabei nicht nur als politische, sondern auch poetische zu verstehen. Die  Kraft der melancholischen Weltsicht lässt jeweils neue Bilder entstehen, die über das Sichtbare hinaus in neue Sprachwelten weiterführen.

 

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Cărţi .............. ............................Übersetzungen

Tagebuch eines Stipendiums

 

Rodica Draghincescu und "Schloss Solitude"

 

Natürlich ist der Roman "Die Fee der Teufel" mit dem etwas enigmatisch-sensationellen Untertitel "Das Tagebuch, das seine Leser tötet" nicht ein wirkliches Diarium des Aufenthalts in dem Künstlerprogramm, das das Land Baden-Württemberg auf dem Schloss Solitude bei Stuttgart beheimatet hat (und das eine Reihe von Übersetzungen aus dem Rumänischen förderte...). Aber es scheint dem doch sehr nahe zu kommen. In den datierten Einträgen wird eine Erzählung eines solchen begehrten Aufenthaltes erkennbar, den eine rumänische Autorin 2000-2001 erhielt. Was zunächst als schöne Gelegenheit zur Vollendung eines Buches erscheint, erweist im Laufe der Zeit seine eigenen Tücken - wie wohl jedes Stipendium: Es gehen die gewohnten Einzelheiten der Umgebung ab, plötzlich regt kaum noch etwas an, da man sich erst einmal an die neue Umgebung gewöhnen muss. Zeit verstreicht, die eigenen Dämonen melden sich und machen deutlich, dass das, was in der altgewohnten Schreibsituation zu hindern schien, vielmehr mit einem selbst zu tun hatte und nicht den alten Umständen. Hinzu kommt, dass die Rumänin nicht übersehen kann, wie sie sich als eben solche behandelt fühlt und mitunter dagegen wehren will.

Draghincescu gelingt es, dieses Ineinander von Früher und Neuem gekonnt in einem expressiven Duktus zu Wort kommen zu lassen. Zwischen Deutschkurs, Stipendiatenaktivitäten, neuen Künstlerfreundschaften, Besuchen in Stuttgart, drängenden Erinnerungen vergeht die Zeit schneller als die Stipendiatin wahrhaben will. Das phantasievolle Buch nimmt durch literarische Vielfalt, wechselnde Beschreibungsebenen und Themen gefangen. Dabei ergeben häufige Telefongespräche Hinweise auf die Welt der Protagonistin mit ihren literarischen und persönlichen Verbindungen in mehreren Ländern. Raffiniert gebaut wirkt das Buch wie ein "Making-Of" eines hier nicht erzählten Romans, hält aber in seiner fordernden Mischung von Eindrücken, Erinnerungen, Selbstzweifeln eine Geschichte bereit, die auch mit dem Schauplatz Solitude - und Friedrich Schiller zu tun hat. Dessen als Motto dem Buch vorangestelltes "Ich bin mein Himmel und meine Hölle" passt sehr gut zu dem, was die Protagonistin sehr akribisch und überzeugend die Leser miterleben lässt. Eine eindringliche Lektüre!

 

Rodica Draghincescu: Die Fee der Teufel. Das Tagebuch, das seine Leser tötet. (Zâna dracilor. Jurnalul care îşi omoara cititorii). Roman. Übersetzerin: Eva Ruth Wemme. KLAK Verlag, Berlin 2018, 339 Seiten, ISBN 978-3-943767-91-9

 


Zwei Roadies im Jahr 1807

 

Ştefan Agopians "Manualul întîmplărilor" in deutscher Übersetzung

 

Es sind schon zwei seltsame Gestalten: Marin Ioan, der  Lehrer und Zadic, der Armenier, machen sich auf einen so phantastischen Trip, dass er nur schwer zu beschreiben ist. Es scheint, als seien sie im April 1807 an Ostern in Bukarest und unterhalten sich über merkwürdige Gegenstände wie mavroghenische Archondologie, die Konsistenz von Nahrungsmitteln oder Doktoren-Engel. Die Handlung hält weitere Seltsamkeiten bereit: Es tauchen Molossus-Riesenhunde auf, Stymphaliden, Kakodämonen und anderes mehr, es gibt  das Bankett der Pandidaktiker,ein  Treffen mit dem Bischof von Argeş, Kriegsaktivitäten und Osterfestlichkeiten. Auch das Jahr 1801 wird erinnert, der Hintergrund sind die russischen Angriffe auf die noch osmanische Walachei. Was aber alles erzählt wird, entwickelt unter Einfluss von reichlich Wein oder aber auch anderen pflanzlichen Anregern eine mit jedem Satz sich wandelnde kaleidoskopische Erzählung, deren Reichhaltigkeit das schmale Buch zu einer üppigen Lektüre  werden lässt, als ob es hunderte von Seiten enthielte. Kein Wunder, dass hier viele Kritiker einen Ansatzpunkt der Post-Moderne in Rumänien sahen. Mitten in der düstersten Zeit des Ceauşescu-Regimes erschienen, errang der phantastisch-satirische "Manualul întîmplărilor" einen Kult-Status, nicht zuletzt, weil auf einigen Seiten eine Figur von seiner Überwachungstätigkeit berichtet, was als unverhohlene Anspielung auf die Securitate gelesen wurde. (Das Manuskript passierte die Zensur angeblich durch den Hinweis, dass die Handlung zur Zeit der Phanarioten spiele und damit alle Konflikte mit der Gegenwart ausgeschlossen schienen.)

Die Übersetzung von Eva Ruth Wemme ist angemessen frisch und macht das rauschhafte Buch auch in deutscher Sprache nachvollziehbar.

 

Ştefan Agopian: Handbuch der Zeiten. (Manualul întîmplărilor). Roman. Aus dem Rumänischen von Eva Ruth Wemme. Verbrecher Verlag, Berlin 2018, 100 Seiten. ISBN 978-3-95732-309-5

 


Wie sie wurden, was sie sind

 

Radu Ţuculescus Roman um Kindheit und Gegenwart

 

Eine "typische" rumänische Kindheit im Siebenbürgen der 1950er Jahre? Jedenfalls keine idyllische oder überbehütete. Mutter und Vater langen schon mal zu, wenn das Kind den "Abwegen" seiner kindlichen Phantasie folgt. Sozial zwar gut gestellt - der Vater ist Arzt am Krankenhaus - aber eben deshalb auch im neuen Regime nicht unbedingt wohl gelitten, erlebt das Kind in der Kleinstadt einen nicht ungewöhnlichen Mix aus Freuden und Härten. Der Schulalltag ist von der Auseinandersetzung mit den LehrerInnen geprägt, sein Freund Răzvan unterstützt den Musik begeisterten Adrian bei allen möglichen (oder phantasierten?) wilden Streichen. Die Mädchenwelt entdeckt er zuerst als  glücklicher Ausreißer bei Zigeunern, die Stadt ist bevölkert von mitunter skurrilen Typen und bietet allerlei entsprechende Erlebnisse. Das ist subjektiv ausführlich und drastisch geschildert, mitunter in an den amerikanischen Pulp-Film erinnernden insistierend-ausufernden Dialogen. Gewalt gehört ebenso in diesen Rahmen, wie auch politische Aspekte, wenn etwa eine Attacke auf eine Synagoge geschildert wird und Adrians Freundin mit ihrer Familie nach Israel emigriert.

Der Autor Radu Ţuculescu, dessen Biographie als Musiker, Theater- und Fernsehautor einige der im Roman auftauchenden Motive erkennen lässt, kreuzt diese Erinnerungen mit einer durch Kursivschrift kenntlich gemachten Erzählung des nun erwachsenen, frustriert wirkenden Adrian in Bukarest. Dieser wartet zu Hause auf seine Tochter  und erhält dabei unerwartet Besuch einer anderen jungen Frau. Das unter eigenartiger Spannung stehende Gespräch führt bald ins Sexuelle und zum Schluss in eine Katastrophe. Es bleiben wenige Bezugspunkte zur Kindheit erkennbar, am ehesten noch die Musik.

Wenn am Ende des Buches in der Schrift der Erinnerung das aktuelle Geschehen geschildert wird, scheint typographisch die Verbindung zu den Kindheitserlebnissen hergestellt zu sein. Ob es allerdings derselbe Adrian ist, bleibt eine offene Frage. Ein komplexer und rauher Roman, von Peter Groth flüssig und präzise übersetzt.

 

Radu Ţuculescu: Stalin, mit dem Spaten voran! (Stalin, cu sapa-nainte). Roman. Aus dem Rumänischen von Peter Groth. Mitteldeutscher Verlag Halle (Saale) 2018. 255 Seiten, ISBN 978-3-95462-992-7


Vater-Staat Rumänien 

 

 

 

Carmen-Francesca Bancius packende Auseinandersetzung mit der Vaterfigur

 

 

Dieser 'Roman' ist in vielfacher Hinsicht bemerkenswert: Rein äußerlich fällt er durch seine Form auf, denn es handelt sich um ein langes Prosagedicht, keine durch komplette Sätze gebildete Erzählung im Blocksatz. Und um es gleich zu sagen: Diese 'Form-Sache' beeinträchtigt in keiner Weise den Zugang zu dieser eindringlichen Geschichte einer Auseinandersetzung einer Tochter mit ihrem Vater. Im Gegenteil: Durch die kurzen Satzfragmente, ihre Wiederholungen und Variationen kristallisiert sich sehr viel intensiver die Obsession dieser Tochter mit ihrer Vergangenheit und der Rolle des nach einem Unfall im Sterben liegenden Vatergestalt heraus als es eine abschweifende und erläuternde Beschreibung je könnte. Es vereinen sich die Vorteile lyrischer Intensität mit dem breiten epischen Verfolgen einer sich über ein Leben erstreckenden Geschichte.

 Worum geht es? Es geht um die Rückkehr der Tochter nach Rumänien, als der Vater nach einem Unfall im Krankenhaus liegt. Diese Konfrontation mit dem Sterbenden löst noch einmal die ganze Wut und das Unverständnis der Tochter aus, die sich an die Zeit der Kindheit erinnert, in der der Vater als Funktionär und Bürgermeister der Partei angehörte und das neue System verteidigte. Dieser politischen Ebene, gegen die die Tochter später rebellieren sollte, ist die persönliche Perspektive auf das Liebesleben des Vaters zugesellt, der die mittlerweile verstorbene Mutter offen betrog und von dessen Geliebten nun zwei um den Status der Hinterbliebenen kämpfen. Banciu erzählt diese fast schon archetypische Konstellation in einem packenden und in seinem Zorn nicht nachlassenden Monolog der Tochter, der künstlerisch überzeugend ein ganzes Panorama sowohl des Staates, seiner Ideologie, der moralischen Fragwürdigkeit des Vaters, des Unverständnisses der Tochter als auch dem Verhalten der Geliebten ausbreitet. Auf der Suche nach den Gründen der Vorgänge ist die Erzählerin ebenso auf der Suche nach den Wörtern, der adäquaten Sprache für ihre Perspektive auf die Dinge und Verhältnisse und dem Vergangenen, das noch so präsent ist. Gerade diese Vielfalt der Themen und der poetischen Mittel machen das Langgedicht zu einer der wichtigsten Neuerscheinungen auf der Leipziger Buchmesse.

Der Band bildet den Schluss einer thematischen Trilogie, die in den vorherigen Prosabänden "Das Lied der traurigen Mutter" und "Vaterflucht" die Geschichte(n) dieser Familie, des Staates und der Rebellion als zentrales Thema behandelt.

 

 Carmen-Francesca Banciu: Lebt wohl, Ihr Genossen und Geliebten! Tod eines Patrioten. Berlin: PalmArtPress 2018, 373 Seiten, ISBN: 978-3-96258-003-2


Lavinia Branişte - ein Romandebut

 

 

Die "Realität" ist oft auch nur, was in Büchern steht. Und in Büchern die Realität zu erkennen, erfordert oft, sich literarisch auf Details, Kleinigkeiten, Alltägliches einzulassen. Dies hat die junge Schriftstellerin Lavinia Branişte getan - die Lakonie ihrer Protagonistin Cristina wird nur durch kleine Beobachtungen und Vergleiche durchbrochen. Indem sie sich auf dieses Schreibverfahren konsequent stützt, macht die Autorin deutlich, wie reduziert, scheinbar hoffnungslos, funktionell das Leben dieser Büroangestellten in Bukarest sich darstellt.

Cristina arbeitet in einer Baufirma, ungelernt, ohne eigentliche Aufgabe ist sie für den Empfang, die Kopien und sonstiges zuständig, wie es gerade ihrer impulsiven Chefin in den Sinn kommt. Die KollegInnen sind umgänglich, aber nicht alle nett. Das Leben hat außer einer wenig zukunftsverheißenden Fernbeziehung wenig zu bieten als gelegentliche Tanzabende in einem Club, Bekanntschaften, Festivalbesuche, Gedanken über das Leben, Besuche der Mutter aus Spanien, wo sie als Campingplatzaufseherin arbeitet. Trotz einiger eingreifender Veränderungen bleibt am Ende nur die Verbundenheit mit der Mutter - die Familie als Anker in einer ansonsten wenig attraktiven Welt.

Was hier so abgeklärt und lakonisch daherkommt, hat dennoch seine literarischen und menschlichen Facetten, die in die Erzählung hineinziehen und zum Nachdenken animieren. Nicht umsonst wurde das Buch bei Erscheinen mit dem Preis des Clujer (Klausenburger) Leseclubs "Thoreaus  Enkel" für ein Debut ausgezeichnet. Manuela Klenkes Übersetzung kommt dieser scheinbar abgeklärten Prosa mit ihren Untiefen und emotionalen Klippen sehr nahe, so dass ein gut lesbarer, anziehender Text entstanden ist.

 

Lavinia Branişte: Null Komma Irgendwas (Interior Zero). Roman. Aus dem Rumänischen von Manuela Klenke. Mikrotext Verlag Berlin 2018, 281 S., ISBN 978-3-944543-60-4


 

Doina Ruştis prämierter Roman in deutscher Übersetzung

 

Im Jahr 2008 erhielt die Schriftstellerin Doina Ruşti für ihren großen Roman "Fantoma din moară" den Preis des Rumänischen Schriftstellerverbandes (USR) für die beste Prosa. Jetzt ist das Buch im Berliner KLAK-Verlag in der deutschen Übersetzung von Eva Ruth Wemme erschienen.

Es ist ein ambitionierter, überraschender, fantastischer und zugleich zutiefst realistischer Roman, den die Bukarester Hochschuldozentin, Drehbuchautorin und Schriftstellerin vorlegt. Was zunächst nach einer ungewöhnlichen Entdeckung im Leben der gegenwärtigen Protagonistin Adela aussieht - dass sie nämlich ein Buch im Schaufenster einer Buchhandlung sieht, das ihre eigene Lebensgeschichte recht genau nacherzählt - wird im Laufe des Romans noch einmal gesteigert durch die Existenz eines Geistes in der Mühle ihres Heimatdorfes. Und damit begibt sich der Roman in die Vergangenheit dieses Dorfes und seiner Mühle, in der die ganze Geschichte begann... Es handelt sich bei der Geschichte des Umgangs der Dorfbewohner mit diesem Phantom um eine Parabel auf die Wirkung der Securitate und das alles durchdringende Staatsregime, die eine sehr ungewohnte und neue literarische  Umgangsweise mit diesem Phänomen hervorbringt. Die reiche Phantasie der Autorin und ihr genauer Blick auf das Dorf und seine BewohnerInnen machen aus diesem Roman ein herausragendes Werk der neueren rumänischen Literatur, das in einer flüssigen, gut lesbaren Übersetzung nun auch seine LeserInnen im deutschsprachigen Raum finden wird.

 

Doina Ruşti: Das Phantom in der Mühle. (Fantoma din moară) Roman. Aus dem Rumänischen übersetzt von Eva Ruth Wemme. KLAK-Verlag Berlin 2017, 410 S., ISBN 978-3-943767-46-9

 

 

Hier ein Hinweis auf das Buch in der Neuen Zürcher Zeitung...


On the road in Rumänien - Radu Pavel Gheos Roman "Noapte bună, copii"

Wenn es ein Buch gibt, das den Status des Generationenromans der (Nach)Wendezeit in Rumänien errungen hat, so ist es dieser epische Text über Schulfreunde an der westlichen Grenze Rumäniens und ihr Weg von der Diktatur in die glänzenden Verheißungen des Westens. Hier finden sich die Brüche der Zeit zwischen 1986 bis 2000 in einer erzählerisch-ästhetischen Weise verarbeitet und dargestellt, dass nicht wenige jüngere LeserInnen sich in diesem weit ausholenden und spannend erzählten Roman mit ihren eigenen Geschichten wiederfinden konnten. Dazu laden sowohl die genauen Beobachtungen der Jugendsprache und des Verhaltens von jungen Menschen in Rumänien wie auch ein elegischer Grundton ein, der die HeldInnen und die Geschehnisse, die ihnen widerfahren, streift. So geht es jenseits der Entfaltung der Geschichte(n) und der die Protagonisten direkt betreffenden historischen Ereignisse auch um eine Dimension des Spirituellen, die durch zwei alte Männer angedeutet wird, deren Rolle im Geschehen undurchsichtig bleibt, die wir uns aber nur als zwei coole, zurückhaltende, Wohltäter bzw. Heilige vorstellen können. Dieser ungewöhnliche Kunstgriff  spielt erzähltechnisch seine Rolle als Anzeichen einer gewissen Distanzierung vom kruden Naturalismus, eine Andeutung einer Dimension der Realität, wie sie in der rumänischen Geistesgeschichte bis heute auch nicht durch Aufklärung und Rationalismus ihre Bedeutung verloren hat.

Gheo, geboren in Oraviţa (Banat), lange in Iaşi lebend, ist jetzt wieder ins Banat zurückgekehrt. Die Erzählung beginnt zwar im Osten, aber da befindet sich die Geschichte bereits im Jahr 2000 und die LeserInnen erfahren erst in kunstvoller Verschachtelung allmählich,  was den Hauptprotagonisten Marius dort hingeführt hat. Polyperspektivisch enthüllt sich ein dunkles Geschehen aus seiner Jugend, als die vier  Freunde Marius, Leo, Paul und Cristina vor dem Fall des Regimes beschlossen, die nahe Donau nach Jugoslawien zu überqueren - mit Folgen für ihr ganzes Leben.

Das Geschehen greift aus bis in die USA, kehrt dann wieder nach Rumänien zurück und die Leser haben bis dahin ein intensives Bild von den Sehnsüchten, Verwicklungen und Alltagsumständen erhalten, mit denen insbesondere junge RumänInnen durch die historische Entwicklung konfrontiert wurden. Nicht zu Unrecht hob die Kritikerin Adriana Bittel an "Noapte bună, copii!" die glänzende "Virtuosität der Konstruktion" hervor und Mihaela Ursu schrieb: "Ich wage zu sagen, dass dies einer jener Romane ist, deren Wert mit der Zeit wächst, je weniger familiär die Wirklichkeit ("die historische Wahrheit"), von der er inspiriert ist, den Lesern geworden ist. Weil nicht nur die Gewinnung eines subjektiven historischen Gedächtnisses bei der Lektüre dieses Romans Gewicht hat - obwohl sie darin enthalten ist-, als vielmehr das Gelingen der erzählerischen Konstruktion, einer den großen Romanen eigene epische Strategie."  In zahlreiche Sprachen übersetzt blieb dem deutschsprachigen Lesepublikum bisher dieser große Generationenroman vorenthalten.

 

Radu Pavel Gheo: Noapte bună, copii!

Verlag Polirom, Iaşi/Bucureşti
Colecție: EGO. PROZĂ
Număr pagini: 496
ISBN: 978-973-46-1720-3

An apariție: 2010

 


 

Securitate und Literatur

 

Mit Gabriela Adameşteanus "Begegnung" (Wieser Verlag Klagenfurt) und Doina Ruştis "Das Phantom in der Mühle" (KLAK Verlag) findet sich in zwei Neuübersetzungen aus dem Rumänischen das Thema der früheren Geheimpolizei Securitate wieder als ein aktuelles. Dass diese keine Novitäten darstellen, behandelte die "Lesart" von Deutschlandradio Kultur in einem Gespräch.

 

"Lesart" vom 5. März 2018

 


Literatur und Protest - Rumänische Schriftsteller und die aktuelle Politik

 

Die jüngsten Ereignisse in der politischen Szenerie Rumäniens haben Tausende auf die Straße getrieben. Umfassende "Justizreformen"verbergen kaum die Absicht, die Staatsanwälte und Richter dem politischen Amt des Justizministers zu unterstellen und ihre Unabhängigkeit zu gefährden. Viele - darunter z.B. 4000 "magistraţi" und auch der Generalstaatsanwalt - haben sich gegen diese Absicht ausgesprochen. Nach dem zweiten Rücktritt des Ministerpräsidenten in einem halben Jahr und der erstmaligen Benennung einer Frau in dieses zentrale politische Amt scheint sich an der Oberfläche die Konstellation kaum verändert zu haben.

In Deutschlandfunk Kultur (früher Deutschlandradio Kultur) gab es zu diesem Thema ein Gespräch mit dem Fokus auf der Rolle von Schriftstellern in den Protesten gegen das Regierungsvorhaben.

 

 

"Lesart"-Beitrag von Deutschlandfunk Kultur am 18.1.2018

 


 

Siebenbürgen heute - Iris Wolff gestaltet als Literatur die Erinnerung an eine allmählich schwindende Vergangenheit

 

Die mehr als 800-jährige Geschichte der deutschen Minderheit im Karpatenbecken geht allmählich zu Ende. Oder doch nicht? Wenn auch zahlenmäßig von den einst über 300 000 "Sachsen" heute kaum noch 13000 in Siebenbürgen leben, so ist das Abschließen mit dieser Geschichte keine leichte Sache. Schließlich stehen noch zahlreiche architektonische Zeugnisse dieser Geschichte als kulturelles Erbe in der Landschaft, ganze Dörfer und Städte weisen unübersehbar auf das Wirken dieser Gemeinschaft hin, ihre kulturellen Zeugnisse bestehen weiter - und wachsen sogar noch weiter an. Denn noch hat die zuletzt ausgewanderte Generation nicht vollkommen mit dem Faktum dieser Auswanderung komplett abgeschlossen und ihre Kinder sehen sich oft selbst in der Lage, mit der Herkunft ihrer Eltern konfrontiert zu werden. Dies geschieht auch in der Literatur.

Einen bedeutenden Beitrag aus dieser Generation der als Kind mit den Eltern ausgewanderten Sachsen bietet Iris Wolff in ihrem Debütroman "Halber Stein". Sie schildert eine junge Frau, die mit dem Vater nach Michelsberg fährt zur Beerdigung der Großmutter. Diese in der Realität sicher häufig vorkommende Situation gerät hier zu einer intensiven Selbstbefragung einer sich an die eigene Kindheit in Siebenbürgen erinnernden Frau, die in Deutschland studierte und nun etwas ratlos vor ihrem weiteren Lebenslauf steht. Die Reise nach Siebenbürgen bietet da einen Aufschub und steuert zugleich sehr behutsam auf mögliche Entscheidungsoptionen hin. Zunächst ist aber die Konfrontation mit der eigenen Kindheit, mit den Orten, dem rumänischen Freund Julian und vor allem mit dem früheren Familienleben mit der Großmutter das große Thema des Buches, das ebenso realistisch die Selbstbezogenheit der sächsischen Welt thematisiert.

Wolffs außerordentliche Beobachtungsgabe, ihre ernste, mehr fragende denn wissende Haltung zum Leben, die geduldige Auseinandersetzung mit zahlreichen Facetten des "sächsisch"-siebenbürgischen Lebens  macht diesen Bucherstling zu einem Leseerlebnis. Es gelingt Wolff, das Eigentümliche der sächsischen Lebensweise in intensiv beobachteten Details und ganz vorsichtig erzählten Konstellationen so plastisch werden zu lassen, dass der Leser glaubt, "nur so kann es gewesen sein". Es entsteht ein überzeugendes Bild der Gemeinschaft selbst und der Atmosphäre, die durch die Ausreise sowohl bei den Zurückgebliebenen als auch den Ausgereisten und der folgenden Generation entstanden ist. Damit hat Wolff einen unübersehbaren Beitrag zur literarischen Geschichte Siebenbürgens geleistet.

 

Iris Wolff: Halber Stein. Roman. Otto Müller Verlag Salzburg, 2.Auflage 2012, 294 S., ISBN 978-3-7013-1197-2


 

Das Rumänien der Dinge - Jochen Schmidt und die materielle  Gegenwart der Vergangenheit

 

Gleich zu Beginn seiner "Gebrauchsanweisung"  zitiert Jochen Schmidt den vielfach wiederholten Eindruck von Reisenden in Rumänien, dort komme es ihnen vor, als wäre "die Zeit stehen geblieben". Das ist in dieser Wiederholung einerseits ironisch gemeint, zugleich aber eben eine vielfach geteilte Wahrnehmung von "westlichen" Besuchern. Dieses Schillern des Reisens und seiner Beschreibung zieht sich durch das brillante Buch des früheren Mitbegründers der Lesebühne "Chaussee der Enthusiasten" in Berlin. Schmidt ist ein "Phänomenologe der Dingwelt", ihm geht es um das, was es einmal gab und jetzt ersetzt wird durch das Einfließen von modernen, neuen, "westlichen" Waren und Ideen. Durch seine DDR-Sozialisation und frühere Reisen vor der Wende nach Rumänien sensibilisiert entdeckt der Autor noch jene Vergangenheit, die für ihn mit Bedeutung aufgeladen ist: Insbesondere die sichtbare Welt der Dörfer und Städte, das Design des Alltags, die Spiele und Zeitvertreibe der Kindheit und Jugend werden von Schmidt in unnachahmlichen Sprachbildern bewusst gemacht. Einen wichtigen Aspekt dieser Exploration  stellt die Beschäftigung  mit der Sprache dar, insbesondere ihrer Etymologie. Manches von dem, was er wahrnimmt, wird bald verschwunden sein und dann wird es nur noch die Texte von Jochen Schmidt geben, die authentisch und unmittelbar anstatt des Verschwundenen davon berichten werden.

 

Jochen Schmidt: Gebrauchsanweisung für Rumänien. Piper Verlag München 3. Aufl. 2017, 235 S., ISBN 978-3-492-27627-6


Ein Überleben im Exil - Jan Koneffkes großer Roman über einen Deutschen in der rumänischen Zwischenkriegszeit

 

 

Die Geschichte Rumäniens im 20. Jahrhundert ist - wie in den benachbarten osteuropäischen Ländern - eine sich überstürzende, unruhige, extreme. Dass sich ihrer ein deutscher Autor annimmt und sie zum Hintergrund eines großen Romans nimmt, ist selten, um nicht zu sagen einzigartig. Jan Koneffke hat dies getan mit seinem episch angelegten "Die sieben Leben des Felix Kannmacher" und von den 1930er Jahren bis in die Nachkriegszeit einen Protagonisten verfolgt, der in den Turbulenzen der europäischen Geschichte zu überleben versucht. Der "Pikaro" dieser Geschichte ist ein Emigrant aus Hitler-Deutschland, der nach Bukarest gelangt und die Freundschaft eines genialen Pianisten erfährt. Damit ist der Hintergrund gegeben, vor dem die Beziehung mit dessen Tochter und einem großen Personaltableau sich entwickelt. Was Koneffkes Roman einzig macht, ist die genaue Zeichnung der historischen Abläufe im Rumänien der Zeit vor und während des Zweiten Weltkriegs, von denen der Emigrant in besonderem Maße betroffen ist.

Es ist das legendäre Rumänien der Zwischenkriegszeit, das heute einer ähnlichen Verklärung unterliegt wie in Deutschland die Kultur der "Golden Twenties" in der Weimarer Republik. Entsprechend sind die Lokalitäten der Künstlerwelt gewählt: Die Künstlerkolonie Balcic, Bukarester Kasinos, Theater, Sinaia als Ausflugsort und viele andere mehr sind die Schauplätze der abwechslungsreichen Geschichte. Dabei verliert der Autor aber das dramatische und tragische historische Geschehen so wenig aus den Augen wie die Entwicklung der verschlungenen Wege des Felix Kannmacher, als der Krieg und die anreisenden Nazis seine Existenz bedrohen. Diese spannende Geschichte zu verfolgen, stellt ein außergewöhnliches Lesevergnügen dar.

 

Jan Koneffke: Die sieben Leben des Felix Kannmacher. Roman. DuMont Verlag, Köln 2011, 510 S., ISBN 978-3-8321-9585-4

 


Roman von Cătălin Mihuleac für Übersetzerpreis der Leipziger Buchmesse nominiert

 

 

 

Die Short-List für den Preis der Leipziger Buchmesse enhält in der Kategorie Übersetzung auch einen rumänischen Beitrag: In der Übersetzung von Ernest Wichner ist der im Zsolnay Verlag erschienene Roman "Oxenberg & Bernstein" ("America de peste pogrom", Polirom 2014)  nominiert worden.

 

Er handelt von dem Pogrom an den Iaşier Juden 1941 und seinen Folgen bis in die Gegenwart. Der Autor Cătălin Mihuleac ist in Iaşi geboren und durch satirische Prosa und Theaterstücke bekannt geworden. Sein Buch ist das erste, das die Geschehnisse in seiner Heimatstadt romanhaft thematisiert. Der im Banat geborene Lyriker Ernest Wichner ist einer der wichtigsten Übersetzer aus dem Rumänischen, bis 2017 leitete er das Literaturhaus Berlin.

 

Die Short-List für den Preis der Leipziger Buchmesse

 


 

Rumänien – Schwerpunktland der Leipziger Buchmesse 2018

 

 

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Bücher und mehr…

Notizen von der Buchmesse Gaudeamus 2017 in Bukarest

 

Über 125000 Besucher, 300 Aussteller, 800 Veranstaltungen – die traditionell von Radio România veranstaltete Buchmesse in Bukarest zog alle Blicke auf sich…

 

Meteorologisch: wunderbare Herbsttage in Bukarest. Milde Temparaturen, ab und zu Sonne und blauer Himmel. Trocken, für Spaziergänge geeignet – zum Glück, denn lange Märsche waren nötig bei dem verheerenden

 

Verkehrschaos: keine Taxis oder streikende Taxis, die keinen Gast mitnahmen, im Konvoi standen und die Hauptstraßen blockierten. Dazu Proben für die große Parade zum Nationalfeiertag am 1. Dezember (Armee, Feuerwehr, Ambulanzen etc., etc.) auf denselben Hauptstraßen – leider ausgerechnet denen, die zu Romexpo (dem "Gaudeamus"-Schauplatz) führen. Auch die Busse wurden umgeleitet, wenn sie sich überhaupt mit dem ganzen Meer von Fahrzeugen fortbewegen konnten. Durchtrainiert musste man jedoch auch sein für den Besuch der Messe selbst, denn der


Akustischer Surrealismus

 

 

 Zu spät! Die Tür zur Lesung von Gellu Naum-Texten im Berliner Literaturhaus ist schon geschlossen, aber der Kartenverkäufer öffnet sie ganz vorsichtig, schnell leise hinein – Überraschung! Das Publikum sitzt im Kaminzimmer in offener Anordnung – mit verbundenen Augen! Glücklicherweise ist nahe der Tür ein Stuhl frei, also hingesetzt, ein blaues Band um die Augen gebunden, ein Mann fragt auf Rumänisch, ob alles in Ordnung sei. Brille abnehmen, weiter als die eigenen Füße sieht man nichts. Aber hört merkwürdige Geräusche, sich öffnende Fenster, ein kalter Windhauch, dumpfe Geräusche aus der Küche, Schellengeklingel wie von rumänischen "urători" in der Silvesternacht. Mit den Gedanken noch in der hektischen Anfahrt durch die Großstadt stellen sich nach  übermäßigem TV-Konsum leicht Gedanken an ähnliche Situationen ein: Gibt es da nicht Kriminalfilme, in denen nach solchen Anordnungen eine/r im eigenen Blut daliegt und ein Meisterdetektiv über den Tathergang grübelt? Was wird hier passieren? Wenn die Schritte laut auf dem Holzboden heranklappern und abrupt aufhören? Der Raum mit seiner historistischen Holz- und Tapetenausstattung legt Gruseliges nahe, Sherlock Holmes war in solchen Interieurs des 19. Jahrhunderts aktiv. Der Terror gehört durchaus zur Ausstattung des surrealistischen Konzepts, sprach der Oberguru André Breton doch von dem Akt mit dem Maschinengewehr auf die Straße zu gehen und es zu benutzen. Haben dies heute andere übernommen, so hatte einst aber auch Max Ernst aus den diffusen Stimmungen solcher Lokalitäten die unnachahmbare Kraft seiner Bild-Collagen gezogen.