Die rumänischsprachige Literatur hat seit der Wende 1989 eine Reihe von jungen AutorInnen hervorgebracht, deren Werke vor allem im deutschsprachigen Raum wegen fehlenden Übersetzungen kaum bekannt geworden sind. Wir versuchen hier, dieser Lücke durch Vorstellung von Texten und Rezension von Übersetzungen, die die große Bandbreite der Literatur aus Rumänien und der Republik Moldau abbilden, ein Stück weit entgegenzuwirken. Dabei geht es nicht nur um Aktualität - das wäre unfair gegenüber all den Büchern, die bereits seit Jahren vorliegen - , sondern um die Freiheit des Blicks auf eine Vielfalt, die immer interessant und faszinierend ist.

Und dann gibt es da noch die rumänischen Klassiker - ein Kosmos der Formen und Haltungen, der Themen und Geschichten, die bis heute im rumänischen Denken wirkmächtig geblieben sind. Zugleich verweisen sie auf die spannende Intellektuellengeschichte der rumänischen Kultur, die außerhalb der Sprachgrenzen oft nur den Spezialisten bekannt ist. Oder einfach vergessen - denn vieles wurde etwa bereits im 19. Jahrhundert auch ins Deutsche übersetzt!

 


 

Rumänien auf der Leipziger Buchmesse - Zoom In Romania 2018...

 

40 neue Bücher aus Rumänien

 

Zu den neu übersetzten rumänischen Büchern gehören über zehn Romane, darunter „Die Begegnung“ der preisgekrönten Schriftstellerin Gabriela Adameșteanu (Wieser Verlag), die eine Persiflage auf die repressive Realität des totalitären kommunistischen Regimes und seiner Securitate-Agenten entwirft, zudem der in Rumänien gefeierte Ștefan Agopian mit „Handbuch der Zeiten“ (Verbrecher Verlag). Lavinia Braniște, eine  junge Prosaistin, kommt mit ihrem Band „Null Komma Irgendwas“ (Mikrotext) das erste Mal nach Leipzig. Sie beschreibt seelische Irrungen und Wirrungen von Menschen im rumänischen Alltag und ihrer Suche nach dem Glück. Der Schriftsteller und Drehbuchautor Florin Lăzărescu bringt seinen Roman „Seelenstarre“ (Wieser Verlag) mit, in dem er die Lebenskrise eines jungen Intellektuellen in einer rumänischen Großstadt unter die Lupe nimmt. Der Roman „Oxenberg & Bernstein“ von Catalin Mihuleac (Zsolnay Verlag) ist dessen erster Roman auf Deutsch und handelt von der Ermordung tausender Juden durch Polizei und Zivilbevölkerung in Iași 1941. Ioana Nicolaie, eine der angesehensten jungen rumänischen Schriftstellerinnen, schrieb mit „Der Himmel im Bauch” (Pop Verlag) einen Roman, der anhand einer Schwangerschaft einen Exorzismus negativer Gefühle beschreibt. Zudem kommt Varujan Vosganian, Politiker und Romanautor, mit seinem Erzählungsband „Als die Welt ganz war“ (Zsolnay Verlag): Geschichten über Randfiguren der rumänischen Gesellschaft, über nicht aufhebbare Beschädigungen, die die Diktatur Ceausescus angerichtet hat.

 

Rund zwölf neu übersetzte Gedichtbände werden erscheinen: Im Pop Verlag sind dies u.a. Gedichte des Lyrikers Daniel Banulescu, dem der Preis der Stadt Münster für Europäische Poesie verliehen worden ist. Denisa Comănescu, Verlegerin des rumänischen Humanitas Verlags, ist mit dem Band „Rückkehr aus dem Exil” dabei. Von Emil Hurezeanu, dem Lyriker und rumänischen Botschafter in Deutschland wird „Anatomielektion“ übersetzt und von Robert Serban, „Feintod” sowie „Unter der Linie”. Im Verlag Brueterich Press erscheinen von Iulian Tǎnase die Prosa-Gedichte „Abgrunde”. Von dem rumänisch-französischen Theater- und Romanautor Matei Vișniec wird das Theaterstück „Migraaaaanten! oder Wir sind zu viele in diesem Boot” (PalmArtPress) übersetzt, das vom Umgang mit Flüchtlingen in Europa handelt. Auch rumänische Klassiker sind in Leipzig mit Neuübersetzungen vertreten, darunter Ion Luca Caragiale (1852-1912) mit „Humbug und Variationen“ (Guggolz Verlag). Caragiale gilt als der bedeutendste Dramatiker Rumäniens und als Begründer des komischen Theaters. Neue Sachbücher erscheinen im Verlag new academic press wie etwa von Lucian Blaga (1895-1961), prämierter rumänischer Philosoph, Dichter, Wissenschaftler und Diplomat, „Das Experiment und der mathematische Geist” sowie „Wissenschaft und kreatives Denken” oder von Melinda und Sorin Mitu „Die Rumänen aus ungarischer Perspektive“. Vier Anthologien versammeln Autorinnen und Autoren vornehmlich der jüngeren Generation, deren Texte das erste Mal ins Deutsche übersetzt werden: „111 Dichter aus Rumänien” (Pop Verlag) und „Schwerpunktheft zur zeitgenössischen rumänischen Lyrik” (Sprache im technischen Zeitalter, LCB), außerdem die Erzählungsbände: „Das Leben wie ein Tortenboden. Neue rumänische Prosa” (Transit Buchverlag) und „Die Entführung aus dem Serail. Rumänische Erzählungen aus dem letzten Jahrzehnt” (die horen 269, Wallstein Verlag).

 

 

Sechs Rumänische Filmtage

 

Vom 26. Februar bis 13. März werden im UT-Connewitz in Kooperation mit dem Rumänischen Kulturinstitut und dem Netzwerk Traduki neue rumänische Filme gezeigt. Filmkritiker Mihai Fulger hat die Filme zusammengestellt und hebt hervor: „Laut Statistik befindet sich Rumänien weltweit auf Rang zwei der Auswanderungsländer ‒ nur Syrien haben in den letzten 15 Jahren noch mehr Menschen verlassen. Derzeit leben rund vier Millionen Rumänen im Ausland, während die Einwohnerzahl innerhalb des Landes auf 20 Millionen zurückgegangen ist. So verwundert es nicht, dass die Migration nach der Wende sowie die Flucht(versuche) aus dem kommunistischen Rumänien davor für Filmemacher besonders reizvolle Themen sind. Da in Rumänien in den letzten Jahren ein steigendes Wirtschaftswachstum zu verzeichnen ist, kehren rumänische Auswanderer verstärkt wieder in ihre Heimat zurück. Die im Programm enthaltenen Kinoproduktionen aus den letzten zehn Jahren, zeigen verschiedene Arten des Aufbruchs aus oder nach Rumänien.“

 

Am 12. März ist der Spielfilm „Morgen“ (2010), Regie Marian Crişan, zu sehen, der internationale Preise gewann, u.a. beim goEast Filmfestival Wiesbaden den Preis für die beste Regie. Der Film spielt an der rumänisch-ungarischen Grenze und erzählt von der Begegnung eines in der Einsamkeit lebenden Anglers mit einem Türken, der versucht, die Grenze illegal zu passieren. Am 26. Februar wird der rumänisch-französische Spielfilm „Der Fixer“ (2016), Regie Adrian Sitaru gezeigt. Darin deckt ein Journalist einen Skandal auf um eine aus Frankreich zurückgekehrte minderjährige Prostituierte. Je näher der Journalist der Geschichte kommt, desto tiefer gerät er in ein moralisches Dilemma. Weiterer Höhepunkt ist am 7. März der rumänisch-deutsche Dokumentarfilm „Deutsche gegen Devisen. Ein Geschäft im Kalten Krieg“ (2014), Regie Răzvan Georgescu, der in Rumänien als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet worden ist. Der Film fragt, wie es möglich war, dass das kommunistische Rumänien mit einer ganzen Volksgruppe, etwa 245.000 Rumäniendeutschen, zwischen 1968 und 1989 Handel trieb und eine 850 Jahre alte Kulturtradition binnen 22 Jahren aus Rumänien nahezu verschwand.

 


 

Zoom In - Rumänien wird im Zentrum des kommenden Frühlings stehen

 

 

Botschafter Emil Hurezeanu konnte sich in seinem Element fühlen. Der frühere Journalist bei Radio Free Europe und angesehene Dichter traf in der Botschaft Rumäniens in Berlin auf ein Publikum, das sich vielfach mit Büchern beschäftigt. Bei der Vorstellung des rumänischen Programms zur Leipziger Buchmesse in der gut gefüllten Botschaft begrüßte Hurezeanu den Direktor der Leipziger Buchmesse, Oliver Zille, die Projektleiterin Rumänien in Bukarest, Ioana Gruenwald, den Schriftsteller Ernest Wichner, den Übersetzer Georg Aescht und den Moderator Robert Schwartz von der Deutschen Welle. Nachdem der Botschafter auf die alten Beziehungen Leipzigs nach Bukarest und die Karpaten ("strada Lipscani") hingewiesen hatte sowie auf die zahlreichen Jubiläen, die im nächsten Jahr Rumänien begeht, erinnerte Oliver Zille an das erste Buchmessenjahr in den neuen Messehallen Leipzigs 1998, als Rumänien bereits einmal Gastland war.

 

Was konkret im nächsten Frühjahr geschehen soll, berichtete Ioana Gruenwald. Im Zentrum stehen 40 Neuübersetzungen aus Belletristik und Non-Fiction - eine bisher nach der Wende von 1989 kaum vorstellbare Zahl. Die Liste umfasst von Gabriela Adameşteanu, Lavinia Branişte, Doina Rusti über Daniel Bănulescu, Florin Lăzărescu, Cătălin Mihuleac, Iulian Tănase (Prosa), Aura Christi, Denisa Comănescu, Rodica Drăghincescu (Lyrik) auch bekanntere, ja sogar klassische Namen wie Ion Luca Caragiale, Ştefan Agopian, Matei Vişniec (Drama). Ernest Wichner stellte für den nächsten Herbst sogar eine Neuübersetzung von Liviu Rebreanus "Pădurea spânzuraţilor" in Aussicht. Im Non-fiction-Bereich verlegt der österreichische Verlag new academic press u.a. Übersetzungen des Philosophen Lucian Blaga und Arbeiten der Historiker Gheorghe Iacob und Coriolan Opreanu. Weiterhin gehört auch eine rumänische Filmwoche in Leipzig zum Programm sowie Diskussionen mit Norman Manea, Mircea Cărtărescu und Andrei Pleşu. Die in Rumänien sehr bekannte Musikerin Ada Milea, die etwa Gellu Naums Kinderbuch „Apolodor“ kongenial in Musik umsetzte, wird auftreten und mit Herta Müller ein Gespräch führen.

 

Ernest Wichner stellte nach Gruenwalds Überblick das ein oder andere Buch näher vor, etwa Cătălin Mihuleacs Roman „Oxenberg&Bernstein“ , der das Pogrom von Iaşi von 1941 thematisiert. Oder Ştefan Agopians Roman „Manualul întîmplărilor“ von 1984 – eines der seltenen Bücher, das die Zensur durch Witz und Ironie unterlief. Zum Abschluss dieser viel versprechenden Aussicht auf die Leipziger Buchmesse 2018 las Georg Aescht Gedichte von Marin Sorescu und Rolf Bossert. Ein Buffet bot dann die intensiv genutzte Gelegenheit, bei Speis' und Trank Kontakte zu knüpfen und zu vertiefen.

 

Programmvorstellung "Zoom-In Romania 2018" in der Rumänischen Botschaft Berlin am 22.11.2017


Cârţi .............. ............................Übersetzungen

On the road in Rumänien - Radu Pavel Gheos Roman "Noapte bună, copii"

Wenn es ein Buch gibt, das den Status des Generationenromans der (Nach)Wendezeit in Rumänien errungen hat, so ist es dieser epische Text über Schulfreunde an der westlichen Grenze Rumäniens und ihr Weg von der Diktatur in die glänzenden Verheißungen des Westens. Hier finden sich die Brüche der Zeit zwischen 1986 bis 2000 in einer erzählerisch-ästhetischen Weise verarbeitet und dargestellt, dass nicht wenige jüngere LeserInnen sich in diesem weit ausholenden und spannend erzählten Roman mit ihren eigenen Geschichten wiederfinden konnten. Dazu laden sowohl die genauen Beobachtungen der Jugendsprache und des Verhaltens von jungen Menschen in Rumänien wie auch ein elegischer Grundton ein, der die HeldInnen und die Geschehnisse, die ihnen widerfahren, streift. So geht es jenseits der Entfaltung der Geschichte(n) und der die Protagonisten direkt betreffenden historischen Ereignisse auch um eine Dimension des Spirituellen, die durch zwei alte Männer angedeutet wird, deren Rolle im Geschehen undurchsichtig bleibt, die wir uns aber nur als zwei coole, zurückhaltende, Wohltäter bzw. Heilige vorstellen können. Dieser ungewöhnliche Kunstgriff  spielt erzähltechnisch seine Rolle als Anzeichen einer gewissen Distanzierung vom kruden Naturalismus, eine Andeutung einer Dimension der Realität, wie sie in der rumänischen Geistesgeschichte bis heute auch nicht durch Aufklärung und Rationalismus ihre Bedeutung verloren hat.

Gheo, geboren in Oraviţa (Banat), lange in Iaşi lebend, ist jetzt wieder ins Banat zurückgekehrt. Die Erzählung beginnt zwar im Osten, aber da befindet sich die Geschichte bereits im Jahr 2000 und die LeserInnen erfahren erst in kunstvoller Verschachtelung allmählich,  was den Hauptprotagonisten Marius dort hingeführt hat. Polyperspektivisch enthüllt sich ein dunkles Geschehen aus seiner Jugend, als die vier  Freunde Marius, Leo, Paul und Cristina vor dem Fall des Regimes beschlossen, die nahe Donau nach Jugoslawien zu überqueren - mit Folgen für ihr ganzes Leben.

Das Geschehen greift aus bis in die USA, kehrt dann wieder nach Rumänien zurück und die Leser haben bis dahin ein intensives Bild von den Sehnsüchten, Verwicklungen und Alltagsumständen erhalten, mit denen insbesondere junge RumänInnen durch die historische Entwicklung konfrontiert wurden. Nicht zu Unrecht hob die Kritikerin Adriana Bittel an "Noapte bună, copii!" die glänzende "Virtuosität der Konstruktion" hervor und Mihaela Ursu schrieb: "Ich wage zu sagen, dass dies einer jener Romane ist, deren Wert mit der Zeit wächst, je weniger familiär die Wirklichkeit ("die historische Wahrheit"), von der er inspiriert ist, den Lesern geworden ist. Weil nicht nur die Gewinnung eines subjektiven historischen Gedächtnisses bei der Lektüre dieses Romans Gewicht hat - obwohl sie darin enthalten ist-, als vielmehr das Gelingen der erzählerischen Konstruktion, einer den großen Romanen eigene epische Strategie."  In zahlreiche Sprachen übersetzt blieb dem deutschsprachigen Lesepublikum bisher dieser große Generationenroman vorenthalten.

 

Radu Pavel Gheo: Noapte bună, copii!

Verlag Polirom, Iaşi/Bucureşti
Colecție: EGO. PROZĂ
Număr pagini: 496
ISBN: 978-973-46-1720-3

An apariție: 2010

 


Bücher und mehr…

Notizen von der Buchmesse Gaudeamus 2017 in Bukarest

 

Über 125000 Besucher, 300 Aussteller, 800 Veranstaltungen – die traditionell von Radio România veranstaltete Buchmesse in Bukarest zog alle Blicke auf sich…

 

Meteorologisch: wunderbare Herbsttage in Bukarest. Milde Temparaturen, ab und zu Sonne und blauer Himmel. Trocken, für Spaziergänge geeignet – zum Glück, denn lange Märsche waren nötig bei dem verheerenden

 

Verkehrschaos: keine Taxis oder streikende Taxis, die keinen Gast mitnahmen, im Konvoi standen und die Hauptstraßen blockierten. Dazu Proben für die große Parade zum Nationalfeiertag am 1. Dezember (Armee, Feuerwehr, Ambulanzen etc., etc.) auf denselben Hauptstraßen – leider ausgerechnet denen, die zu Romexpo (dem "Gaudeamus"-Schauplatz) führen. Auch die Busse wurden umgeleitet, wenn sie sich überhaupt mit dem ganzen Meer von Fahrzeugen fortbewegen konnten. Durchtrainiert musste man jedoch auch sein für den Besuch der Messe selbst, denn der


Akustischer Surrealismus

 

 

 Zu spät! Die Tür zur Lesung von Gellu Naum-Texten im Berliner Literaturhaus ist schon geschlossen, aber der Kartenverkäufer öffnet sie ganz vorsichtig, schnell leise hinein – Überraschung! Das Publikum sitzt im Kaminzimmer in offener Anordnung – mit verbundenen Augen! Glücklicherweise ist nahe der Tür ein Stuhl frei, also hingesetzt, ein blaues Band um die Augen gebunden, ein Mann fragt auf Rumänisch, ob alles in Ordnung sei. Brille abnehmen, weiter als die eigenen Füße sieht man nichts. Aber hört merkwürdige Geräusche, sich öffnende Fenster, ein kalter Windhauch, dumpfe Geräusche aus der Küche, Schellengeklingel wie von rumänischen "urători" in der Silvesternacht. Mit den Gedanken noch in der hektischen Anfahrt durch die Großstadt stellen sich nach  übermäßigem TV-Konsum leicht Gedanken an ähnliche Situationen ein: Gibt es da nicht Kriminalfilme, in denen nach solchen Anordnungen eine/r im eigenen Blut daliegt und ein Meisterdetektiv über den Tathergang grübelt? Was wird hier passieren? Wenn die Schritte laut auf dem Holzboden heranklappern und abrupt aufhören? Der Raum mit seiner historistischen Holz- und Tapetenausstattung legt Gruseliges nahe, Sherlock Holmes war in solchen Interieurs des 19. Jahrhunderts aktiv. Der Terror gehört durchaus zur Ausstattung des surrealistischen Konzepts, sprach der Oberguru André Breton doch von dem Akt mit dem Maschinengewehr auf die Straße zu gehen und es zu benutzen. Haben dies heute andere übernommen, so hatte einst aber auch Max Ernst aus den diffusen Stimmungen solcher Lokalitäten die unnachahmbare Kraft seiner Bild-Collagen gezogen.