Foto: www.kultro.de

 

Die rumänischsprachige Literatur hat seit der Wende 1989 eine Reihe von jungen AutorInnen hervorgebracht, deren Werke vor allem im deutschsprachigen Raum wegen fehlenden Übersetzungen kaum bekannt geworden sind. Wir versuchen hier, dieser Lücke durch Vorstellung von Texten und Rezension von Übersetzungen, die die große Bandbreite der Literatur aus Rumänien und der Republik Moldau abbilden, ein Stück weit entgegenzuwirken. Dabei geht es nicht nur um Aktualität - das wäre unfair gegenüber all den Büchern, die bereits seit Jahren vorliegen - , sondern um die Freiheit des Blicks auf eine Vielfalt, die immer interessant und faszinierend ist.

Und dann gibt es da noch die rumänischen Klassiker - ein Kosmos der Formen und Haltungen, der Themen und Geschichten, die bis heute im rumänischen Denken wirkmächtig geblieben sind. Zugleich verweisen sie auf die spannende Intellektuellengeschichte der rumänischen Kultur, die außerhalb der Sprachgrenzen oft nur den Spezialisten bekannt ist. Oder einfach vergessen - denn vieles wurde etwa bereits im 19. Jahrhundert auch ins Deutsche übersetzt!

 


Cărţi .............. ............................Übersetzungen

Lavinia Branişte - ein Romandebut

 

 

Die "Realität" ist oft auch nur, was in Büchern steht. Und in Büchern die Realität zu erkennen, erfordert oft, sich literarisch auf Details, Kleinigkeiten, Alltägliches einzulassen. Dies hat die junge Schriftstellerin Lavinia Branişte getan - die Lakonie ihrer Protagonistin Cristina wird nur durch kleine Beobachtungen und Vergleiche durchbrochen. Indem sie sich auf dieses Schreibverfahren konsequent stützt, macht die Autorin deutlich, wie reduziert, scheinbar hoffnungslos, funktionell das Leben dieser Büroangestellten in Bukarest sich darstellt.

Cristina arbeitet in einer Baufirma, ungelernt, ohne eigentliche Aufgabe ist sie für den Empfang, die Kopien und sonstiges zuständig, wie es gerade ihrer impulsiven Chefin in den Sinn kommt. Die KollegInnen sind umgänglich, aber nicht alle nett. Das Leben hat außer einer wenig zukunftsverheißenden Fernbeziehung wenig zu bieten als gelegentliche Tanzabende in einem Club, Bekanntschaften, Festivalbesuche, Gedanken über das Leben, Besuche der Mutter aus Spanien, wo sie als Campingplatzaufseherin arbeitet. Trotz einiger eingreifender Veränderungen bleibt am Ende nur die Verbundenheit mit der Mutter - die Familie als Anker in einer ansonsten wenig attraktiven Welt.

Was hier so abgeklärt und lakonisch daherkommt, hat dennoch seine literarischen und menschlichen Facetten, die in die Erzählung hineinziehen und zum Nachdenken animieren. Nicht umsonst wurde das Buch bei Erscheinen mit dem Preis des Clujer (Klausenburger) Leseclubs "Thoreaus  Enkel" für ein Debut ausgezeichnet. Manuela Klenkes Übersetzung kommt dieser scheinbar abgeklärten Prosa mit ihren Untiefen und emotionalen Klippen sehr nahe, so dass ein gut lesbarer, anziehender Text entstanden ist.

 

Lavinia Branişte: Null Komma Irgendwas (Interior Zero). Roman. Aus dem Rumänischen von Manuela Klenke. Mikrotext Verlag Berlin 2018, 281 S., ISBN 978-3-944543-60-4


 

Doina Ruştis prämierter Roman in deutscher Übersetzung

 

Im Jahr 2008 erhielt die Schriftstellerin Doina Ruşti für ihren großen Roman "Fantoma din moară" den Preis des Rumänischen Schriftstellerverbandes (USR) für die beste Prosa. Jetzt ist das Buch im Berliner KLAK-Verlag in der deutschen Übersetzung von Eva Ruth Wemme erschienen.

Es ist ein ambitionierter, überraschender, fantastischer und zugleich zutiefst realistischer Roman, den die Bukarester Hochschuldozentin, Drehbuchautorin und Schriftstellerin vorlegt. Was zunächst nach einer ungewöhnlichen Entdeckung im Leben der gegenwärtigen Protagonistin Adela aussieht - dass sie nämlich ein Buch im Schaufenster einer Buchhandlung sieht, das ihre eigene Lebensgeschichte recht genau nacherzählt - wird im Laufe des Romans noch einmal gesteigert durch die Existenz eines Geistes in der Mühle ihres Heimatdorfes. Und damit begibt sich der Roman in die Vergangenheit dieses Dorfes und seiner Mühle, in der die ganze Geschichte begann... Es handelt sich bei der Geschichte des Umgangs der Dorfbewohner mit diesem Phantom um eine Parabel auf die Wirkung der Securitate und das alles durchdringende Staatsregime, die eine sehr ungewohnte und neue literarische  Umgangsweise mit diesem Phänomen hervorbringt. Die reiche Phantasie der Autorin und ihr genauer Blick auf das Dorf und seine BewohnerInnen machen aus diesem Roman ein herausragendes Werk der neueren rumänischen Literatur, das in einer flüssigen, gut lesbaren Übersetzung nun auch seine LeserInnen im deutschsprachigen Raum finden wird.

 

Doina Ruşti: Das Phantom in der Mühle. (Fantoma din moară) Roman. Aus dem Rumänischen übersetzt von Eva Ruth Wemme. KLAK-Verlag Berlin 2017, 410 S., ISBN 978-3-943767-46-9

 

 

Hier ein Hinweis auf das Buch in der Neuen Zürcher Zeitung...


On the road in Rumänien - Radu Pavel Gheos Roman "Noapte bună, copii"

Wenn es ein Buch gibt, das den Status des Generationenromans der (Nach)Wendezeit in Rumänien errungen hat, so ist es dieser epische Text über Schulfreunde an der westlichen Grenze Rumäniens und ihr Weg von der Diktatur in die glänzenden Verheißungen des Westens. Hier finden sich die Brüche der Zeit zwischen 1986 bis 2000 in einer erzählerisch-ästhetischen Weise verarbeitet und dargestellt, dass nicht wenige jüngere LeserInnen sich in diesem weit ausholenden und spannend erzählten Roman mit ihren eigenen Geschichten wiederfinden konnten. Dazu laden sowohl die genauen Beobachtungen der Jugendsprache und des Verhaltens von jungen Menschen in Rumänien wie auch ein elegischer Grundton ein, der die HeldInnen und die Geschehnisse, die ihnen widerfahren, streift. So geht es jenseits der Entfaltung der Geschichte(n) und der die Protagonisten direkt betreffenden historischen Ereignisse auch um eine Dimension des Spirituellen, die durch zwei alte Männer angedeutet wird, deren Rolle im Geschehen undurchsichtig bleibt, die wir uns aber nur als zwei coole, zurückhaltende, Wohltäter bzw. Heilige vorstellen können. Dieser ungewöhnliche Kunstgriff  spielt erzähltechnisch seine Rolle als Anzeichen einer gewissen Distanzierung vom kruden Naturalismus, eine Andeutung einer Dimension der Realität, wie sie in der rumänischen Geistesgeschichte bis heute auch nicht durch Aufklärung und Rationalismus ihre Bedeutung verloren hat.

Gheo, geboren in Oraviţa (Banat), lange in Iaşi lebend, ist jetzt wieder ins Banat zurückgekehrt. Die Erzählung beginnt zwar im Osten, aber da befindet sich die Geschichte bereits im Jahr 2000 und die LeserInnen erfahren erst in kunstvoller Verschachtelung allmählich,  was den Hauptprotagonisten Marius dort hingeführt hat. Polyperspektivisch enthüllt sich ein dunkles Geschehen aus seiner Jugend, als die vier  Freunde Marius, Leo, Paul und Cristina vor dem Fall des Regimes beschlossen, die nahe Donau nach Jugoslawien zu überqueren - mit Folgen für ihr ganzes Leben.

Das Geschehen greift aus bis in die USA, kehrt dann wieder nach Rumänien zurück und die Leser haben bis dahin ein intensives Bild von den Sehnsüchten, Verwicklungen und Alltagsumständen erhalten, mit denen insbesondere junge RumänInnen durch die historische Entwicklung konfrontiert wurden. Nicht zu Unrecht hob die Kritikerin Adriana Bittel an "Noapte bună, copii!" die glänzende "Virtuosität der Konstruktion" hervor und Mihaela Ursu schrieb: "Ich wage zu sagen, dass dies einer jener Romane ist, deren Wert mit der Zeit wächst, je weniger familiär die Wirklichkeit ("die historische Wahrheit"), von der er inspiriert ist, den Lesern geworden ist. Weil nicht nur die Gewinnung eines subjektiven historischen Gedächtnisses bei der Lektüre dieses Romans Gewicht hat - obwohl sie darin enthalten ist-, als vielmehr das Gelingen der erzählerischen Konstruktion, einer den großen Romanen eigene epische Strategie."  In zahlreiche Sprachen übersetzt blieb dem deutschsprachigen Lesepublikum bisher dieser große Generationenroman vorenthalten.

 

Radu Pavel Gheo: Noapte bună, copii!

Verlag Polirom, Iaşi/Bucureşti
Colecție: EGO. PROZĂ
Număr pagini: 496
ISBN: 978-973-46-1720-3

An apariție: 2010

 


 

Siebenbürgen heute - Iris Wolff gestaltet als Literatur die Erinnerung an eine allmählich schwindende Vergangenheit

 

Die mehr als 800-jährige Geschichte der deutschen Minderheit im Karpatenbecken geht allmählich zu Ende. Oder doch nicht? Wenn auch zahlenmäßig von den einst über 300 000 "Sachsen" heute kaum noch 13000 in Siebenbürgen leben, so ist das Abschließen mit dieser Geschichte keine leichte Sache. Schließlich stehen noch zahlreiche architektonische Zeugnisse dieser Geschichte als kulturelles Erbe in der Landschaft, ganze Dörfer und Städte weisen unübersehbar auf das Wirken dieser Gemeinschaft hin, ihre kulturellen Zeugnisse bestehen weiter - und wachsen sogar noch weiter an. Denn noch hat die zuletzt ausgewanderte Generation nicht vollkommen mit dem Faktum dieser Auswanderung komplett abgeschlossen und ihre Kinder sehen sich oft selbst in der Lage, mit der Herkunft ihrer Eltern konfrontiert zu werden. Dies geschieht auch in der Literatur.

Einen bedeutenden Beitrag aus dieser Generation der als Kind mit den Eltern ausgewanderten Sachsen bietet Iris Wolff in ihrem Debütroman "Halber Stein". Sie schildert eine junge Frau, die mit dem Vater nach Michelsberg fährt zur Beerdigung der Großmutter. Diese in der Realität sicher häufig vorkommende Situation gerät hier zu einer intensiven Selbstbefragung einer sich an die eigene Kindheit in Siebenbürgen erinnernden Frau, die in Deutschland studierte und nun etwas ratlos vor ihrem weiteren Lebenslauf steht. Die Reise nach Siebenbürgen bietet da einen Aufschub und steuert zugleich sehr behutsam auf mögliche Entscheidungsoptionen hin. Zunächst ist aber die Konfrontation mit der eigenen Kindheit, mit den Orten, dem rumänischen Freund Julian und vor allem mit dem früheren Familienleben mit der Großmutter das große Thema des Buches, das ebenso realistisch die Selbstbezogenheit der sächsischen Welt thematisiert.

Wolffs außerordentliche Beobachtungsgabe, ihre ernste, mehr fragende denn wissende Haltung zum Leben, die geduldige Auseinandersetzung mit zahlreichen Facetten des "sächsisch"-siebenbürgischen Lebens  macht diesen Bucherstling zu einem Leseerlebnis. Es gelingt Wolff, das Eigentümliche der sächsischen Lebensweise in intensiv beobachteten Details und ganz vorsichtig erzählten Konstellationen so plastisch werden zu lassen, dass der Leser glaubt, "nur so kann es gewesen sein". Es entsteht ein überzeugendes Bild der Gemeinschaft selbst und der Atmosphäre, die durch die Ausreise sowohl bei den Zurückgebliebenen als auch den Ausgereisten und der folgenden Generation entstanden ist. Damit hat Wolff einen unübersehbaren Beitrag zur literarischen Geschichte Siebenbürgens geleistet.

 

Iris Wolff: Halber Stein. Roman. Otto Müller Verlag Salzburg, 2.Auflage 2012, 294 S., ISBN 978-3-7013-1197-2


 

Das Rumänien der Dinge - Jochen Schmidt und die materielle  Gegenwart der Vergangenheit

 

Gleich zu Beginn seiner "Gebrauchsanweisung"  zitiert Jochen Schmidt den vielfach wiederholten Eindruck von Reisenden in Rumänien, dort komme es ihnen vor, als wäre "die Zeit stehen geblieben". Das ist in dieser Wiederholung einerseits ironisch gemeint, zugleich aber eben eine vielfach geteilte Wahrnehmung von "westlichen" Besuchern. Dieses Schillern des Reisens und seiner Beschreibung zieht sich durch das brillante Buch des früheren Mitbegründers der Lesebühne "Chaussee der Enthusiasten" in Berlin. Schmidt ist ein "Phänomenologe der Dingwelt", ihm geht es um das, was es einmal gab und jetzt ersetzt wird durch das Einfließen von modernen, neuen, "westlichen" Waren und Ideen. Durch seine DDR-Sozialisation und frühere Reisen vor der Wende nach Rumänien sensibilisiert entdeckt der Autor noch jene Vergangenheit, die für ihn mit Bedeutung aufgeladen ist: Insbesondere die sichtbare Welt der Dörfer und Städte, das Design des Alltags, die Spiele und Zeitvertreibe der Kindheit und Jugend werden von Schmidt in unnachahmlichen Sprachbildern bewusst gemacht. Einen wichtigen Aspekt dieser Exploration  stellt die Beschäftigung  mit der Sprache dar, insbesondere ihrer Etymologie. Manches von dem, was er wahrnimmt, wird bald verschwunden sein und dann wird es nur noch die Texte von Jochen Schmidt geben, die authentisch und unmittelbar anstatt des Verschwundenen davon berichten werden.

 

Jochen Schmidt: Gebrauchsanweisung für Rumänien. Piper Verlag München 3. Aufl. 2017, 235 S., ISBN 978-3-492-27627-6


Ein Überleben im Exil - Jan Koneffkes großer Roman über einen Deutschen in der rumänischen Zwischenkriegszeit

 

 

Die Geschichte Rumäniens im 20. Jahrhundert ist - wie in den benachbarten osteuropäischen Ländern - eine sich überstürzende, unruhige, extreme. Dass sich ihrer ein deutscher Autor annimmt und sie zum Hintergrund eines großen Romans nimmt, ist selten, um nicht zu sagen einzigartig. Jan Koneffke hat dies getan mit seinem episch angelegten "Die sieben Leben des Felix Kannmacher" und von den 1930er Jahren bis in die Nachkriegszeit einen Protagonisten verfolgt, der in den Turbulenzen der europäischen Geschichte zu überleben versucht. Der "Pikaro" dieser Geschichte ist ein Emigrant aus Hitler-Deutschland, der nach Bukarest gelangt und die Freundschaft eines genialen Pianisten erfährt. Damit ist der Hintergrund gegeben, vor dem die Beziehung mit dessen Tochter und einem großen Personaltableau sich entwickelt. Was Koneffkes Roman einzig macht, ist die genaue Zeichnung der historischen Abläufe im Rumänien der Zeit vor und während des Zweiten Weltkriegs, von denen der Emigrant in besonderem Maße betroffen ist.

Es ist das legendäre Rumänien der Zwischenkriegszeit, das heute einer ähnlichen Verklärung unterliegt wie in Deutschland die Kultur der "Golden Twenties" in der Weimarer Republik. Entsprechend sind die Lokalitäten der Künstlerwelt gewählt: Die Künstlerkolonie Balcic, Bukarester Kasinos, Theater, Sinaia als Ausflugsort und viele andere mehr sind die Schauplätze der abwechslungsreichen Geschichte. Dabei verliert der Autor aber das dramatische und tragische historische Geschehen so wenig aus den Augen wie die Entwicklung der verschlungenen Wege des Felix Kannmacher, als der Krieg und die anreisenden Nazis seine Existenz bedrohen. Diese spannende Geschichte zu verfolgen, stellt ein außergewöhnliches Lesevergnügen dar.

 

Jan Koneffke: Die sieben Leben des Felix Kannmacher. Roman. DuMont Verlag, Köln 2011, 510 S., ISBN 978-3-8321-9585-4

 


Roman von Cătălin Mihuleac für Übersetzerpreis der Leipziger Buchmesse nominiert

 

 

 

Die Short-List für den Preis der Leipziger Buchmesse enhält in der Kategorie Übersetzung auch einen rumänischen Beitrag: In der Übersetzung von Ernest Wichner ist der im Zsolnay Verlag erschienene Roman "Oxenberg & Bernstein" ("America de peste pogrom", Polirom 2014)  nominiert worden.

 

Er handelt von dem Pogrom an den Iaşier Juden 1941 und seinen Folgen bis in die Gegenwart. Der Autor Cătălin Mihuleac ist in Iaşi geboren und durch satirische Prosa und Theaterstücke bekannt geworden. Sein Buch ist das erste, das die Geschehnisse in seiner Heimatstadt romanhaft thematisiert. Der im Banat geborene Lyriker Ernest Wichner ist einer der wichtigsten Übersetzer aus dem Rumänischen, bis 2017 leitete er das Literaturhaus Berlin.

 

Die Short-List für den Preis der Leipziger Buchmesse

 


 

Rumänien – Schwerpunktland der Leipziger Buchmesse 2018

 

 

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Bücher und mehr…

Notizen von der Buchmesse Gaudeamus 2017 in Bukarest

 

Über 125000 Besucher, 300 Aussteller, 800 Veranstaltungen – die traditionell von Radio România veranstaltete Buchmesse in Bukarest zog alle Blicke auf sich…

 

Meteorologisch: wunderbare Herbsttage in Bukarest. Milde Temparaturen, ab und zu Sonne und blauer Himmel. Trocken, für Spaziergänge geeignet – zum Glück, denn lange Märsche waren nötig bei dem verheerenden

 

Verkehrschaos: keine Taxis oder streikende Taxis, die keinen Gast mitnahmen, im Konvoi standen und die Hauptstraßen blockierten. Dazu Proben für die große Parade zum Nationalfeiertag am 1. Dezember (Armee, Feuerwehr, Ambulanzen etc., etc.) auf denselben Hauptstraßen – leider ausgerechnet denen, die zu Romexpo (dem "Gaudeamus"-Schauplatz) führen. Auch die Busse wurden umgeleitet, wenn sie sich überhaupt mit dem ganzen Meer von Fahrzeugen fortbewegen konnten. Durchtrainiert musste man jedoch auch sein für den Besuch der Messe selbst, denn der


Akustischer Surrealismus

 

 

 Zu spät! Die Tür zur Lesung von Gellu Naum-Texten im Berliner Literaturhaus ist schon geschlossen, aber der Kartenverkäufer öffnet sie ganz vorsichtig, schnell leise hinein – Überraschung! Das Publikum sitzt im Kaminzimmer in offener Anordnung – mit verbundenen Augen! Glücklicherweise ist nahe der Tür ein Stuhl frei, also hingesetzt, ein blaues Band um die Augen gebunden, ein Mann fragt auf Rumänisch, ob alles in Ordnung sei. Brille abnehmen, weiter als die eigenen Füße sieht man nichts. Aber hört merkwürdige Geräusche, sich öffnende Fenster, ein kalter Windhauch, dumpfe Geräusche aus der Küche, Schellengeklingel wie von rumänischen "urători" in der Silvesternacht. Mit den Gedanken noch in der hektischen Anfahrt durch die Großstadt stellen sich nach  übermäßigem TV-Konsum leicht Gedanken an ähnliche Situationen ein: Gibt es da nicht Kriminalfilme, in denen nach solchen Anordnungen eine/r im eigenen Blut daliegt und ein Meisterdetektiv über den Tathergang grübelt? Was wird hier passieren? Wenn die Schritte laut auf dem Holzboden heranklappern und abrupt aufhören? Der Raum mit seiner historistischen Holz- und Tapetenausstattung legt Gruseliges nahe, Sherlock Holmes war in solchen Interieurs des 19. Jahrhunderts aktiv. Der Terror gehört durchaus zur Ausstattung des surrealistischen Konzepts, sprach der Oberguru André Breton doch von dem Akt mit dem Maschinengewehr auf die Straße zu gehen und es zu benutzen. Haben dies heute andere übernommen, so hatte einst aber auch Max Ernst aus den diffusen Stimmungen solcher Lokalitäten die unnachahmbare Kraft seiner Bild-Collagen gezogen.