Die Unentrinnbarkeit der Biographie

 

Eine wissenschaftliche Arbeit über Eginald Schlattner

 

 

 

 

Mit seinen Büchern "Der geköpfte Hahn" (1998) "Rote Handschuhe" (2001) und "Das Klavier im Nebel" (2005) hat Eginald Schlattner aus dem rumänischen Siebenbürgen großen Erfolg beim Lesepublikum in den deutschsprachigen Ländern. Kein Autor vor und aus seiner Generation (mit der Ausnahme von Oskar Pastior vielleicht ) konnte ähnliches Interesse über die Siebenbürger Gemeinschaft hinaus erwecken und wurde daher von außen als eine Art Stimme der jüngeren Geschichte dieser rumänischen Landschaft wahrgenommen. Dass dies nicht ohne Differenzierung zu betrachten war, zeigten die Romane Schlattners selbst wie aber auch die Auseinandersetzungen um ihren Wahrheitsgehalt: Denn wo die Romane sich auf historische Gegebenheiten bezogen, meldeten ebenso an dieser Realität teilhabende Personen scharfen Protest an. Schlattner wurde als Schuldiger an der Verurteilung von fünf Schriftstellerkollegen bezeichnet und als solcher in seiner Wahrhaftigkeit und gewissermaßen sein moralisches 'Recht' auf seinen Erfolg bezweifelt.

 

Liegen die in "Rote Handschuhe" geschilderten Vorgänge auch bereits mehr als fünf Jahrzehnte zurück, so entfalteten sie nach der politischen Wende von 1989 erst ihre explosive Kraft und historische Dimension. Plötzlich standen die Umstände der im stalinistischen Rumänien der 1950er Jahre statt gefundenen Verhaftung, des Prozesses und der Verurteilung in einem Schauprozess mitsamt seiner Instrumentalisierung von literarischen Texten wieder im Mittelpunkt hitziger Debatten und führten zur Wiederholung von alten oder zur Entstehung von neuen Lagerbildungen. Es hatte den Anschein, als würden hier noch einmal die tiefen Spaltungen der Siebenbürger Sachsen - etwa in den oft miteinander verbundenen Fragen: dem Regime widerstehen oder mitmachen, da bleiben oder gehen? - stellvertretend ausgefochten. Diese schwerwiegenden Probleme waren für die Geschichte der Siebenbürger im 20. Jahrhundert von entscheidender Bedeutung und fanden in Rumänien vielfach nur in mündlichen Diskussionen Raum, wenn die offene schriftliche und literarische Auseinandersetzung durch die Zensur behindert war. Vieles blieb ungesagt, unerforscht, unbelegt und machte die Vermittlung von klaren, differenzierten, aufklärenden  Haltungen schwierig.

 

Um so mehr ist die vorliegende Dissertation von Michaela Nowotnick zu Schlattners Roman "Rote Handschuhe" und seiner Thematik zu begrüßen, die vor allem die Quellen sprechen lässt. Sich an eine größere akademische Öffentlichkeit wendend, die das Spezifische der Umstände kaum kennen dürfte, nähert sie sich ihrem Gegenstand von weit her. Nach einer methodischen und begrifflichen Umgrenzung ihrer Herangehensweise ist es ein klug gewählter historischer Abriss, der bereits deutlich macht, wie die Aktivitäten des jungen Studenten Schlattner als Begründer eines Lesekreises der deutschen Studenten an der Universität Klausenburg (Cluj) und Autor von Erzählungen  sich in eine politische Situation hineinmanövrierte, die im stalinistischen kommunistischen Regime sowohl von dem ungarischen Aufstand von 1956, besonders aber auch der "sächsischen" Vergangenheit geprägt war. So kommen auch die Umstände des Zweiten Weltkriegs zur Sprache, in dem die Siebenbürger Sachsen als rumänische Staatsbürger in der verbündeten deutschen Waffen-SS, der Reichswehr oder der rumänischen Armee aktiv waren. Dies musste mit Rumäniens Kehrtwende auf die Seiten der Alliierten am 23. August 1944 ein besonderes Licht auf die nunmehrigen deutschen Gegner werfen. Enteignungen und Deportationen waren nach Machtübernahme der Kommunisten die Folge.

 

Nowotnicks stupende Quellenkenntnis inklusive des Zugangs zu Vorlass und Privatarchiv Schlattners lässt sie plausibel die Situation der jungen Sachsen in den Städten und an der Universität skizzieren, in der Schlattner sich literarisch und organisatorisch bemerkbar machte. Junge Intellektuelle wie Schlattner waren aufgefordert, sich zum Regime zu verhalten. Seine Möglichkeiten der Entscheidung wurden ihm aber durch die Verhaftung am 28.12. 1957 abrupt genommen. Zwei Jahre saß er in Securitate-Haft, nach mehreren Monaten hielt der bereits früher wegen psychischer Probleme medizinisch behandelte Student die Situation nicht mehr aus, und machte die gewünschten Angaben. In das Visier der Securitate waren sowohl der Literaturkreis als auch die Aktivitäten von deutschen Autoren geraten. Schlattner musste in einem politischen Schauprozess aussagen, der für fünf Angeklagte mit hohen Gefängnis- und Lagerstrafen endete (sie wurden nach ca. 5 Jahren begnadigt). Ihm selbst wurde ebenso der Prozess gemacht und die zwei Jahre Haft angerechnet, so dass er fast auf den Tag genau nach zwei Jahren in die Freiheit entlassen wurde.

 Nowotnick zeichnet sehr genau die Funktionsweise des politischen Prozesses nach, wenn auch konkrete Aussagen aus den Prozessakten selten zitiert werden. In dem Prozess spielte eine nicht geringe Rolle ein von Germanisten aus Temeswar angefertigtes "Gutachten", in dem die Texte der fünf Schriftsteller als systemfeindlich interpretiert wurden. 

 

Mit diesen Differenzierungen zur historischen Situation und Schlattners Entwicklung ist die Reflexion über den Status des Romans "Rote Handschuhe" vorbereitet. Denn das Buch hatte seine starke Wirkung, weil es sowohl autobiographisch als auch romanhaft schien und damit in den unterschiedlichen Debatten fast beliebig verwendet werden konnte. Mit literaturwissenschaftlichen Theorien zu Autobiographie und Autofiktion werden genauere Bestimmungen des Romans versucht, die aber letztlich auf die Herangehensweise des Lesers abheben: "Dabei kommt es immer auf den Standpunkt des Lesers an und inwiefern er den autofiktionalen Pakt mit dem Text schließt." (205) Die geschlossenen 'Echokammern', in denen Schlattner und sein Buch verhandelt wurden, bewegten sich weitgehend in der prekären Spannung von Moral und Ästhetik, die der Roman nicht entscheiden kann, sondern in der er jeweils dienstbar gemacht wird. Notwendig wäre eine scharfe Trennung der literarischen Autofiktion von einer distanziert-kritischen, ihrer Grenzen bewussten Geschichtsschreibung, wie sie im historischen Abriss Nowotnicks angedeutet ist. In dieser hätte der Roman seine eigene, klar umrissene Stelle.

 

Im letzten Kapitel sind die Folgen der Schwemme an autobiographischer Zeitzeugenliteratur aus rumäniendeutschen Federn in der Rezeption von "Rote Handschuhe" minutiös nachgezeichnet. Die Debatten laufen meist auf eine Verdammung oder ein Missverständnis des Romans hin - Verdammung, da man den Autor für einen Verräter, Spitzel oder anderes mehr hält oder weil man von der Unterscheidung zwischen Fiktion und Fakten keinen Gebrauch machen kann/will. Auch hier zeichnet die Autorin zahlreiche Linien der Diskussion differenziert nach und räumt mit manchen Mythen auf.

 

Ein ausführliches Interview mit Schlattner zu den im Buch verhandelten Themen kann als weitere Quelle im Anhang nachgelesen werden.

 

 

Michaela Nowotnick: Die Unentrinnbarkeit der Biographie. Der Roman "Rote Handschuhe" von Eginald Schlattner als Fallstudie zur rumäniendeutschen Literatur. Böhlau Verlag Köln, Weimar, Wien 2016 (Studia Transylvanica, Bd. 45), 359 Seiten, vier Abb., ISBN 9783412503444

 


Übersetzungskulturen

 

Von den Voraussetzungen und Untiefen der geisteswissenschaftlichen Kommunikation

 

 

 

 

 

 

 

Wer war Vlad Boțulescu von Mălăiești? Als Gefangener in der Burg der Sforza in Mailand übersetzte vor über 250 Jahren der rumänische Gelehrte eine deutsche Universalgeschichte ins Rumänische. Der Verfasser sollte sein Gefäng-nis nicht mehr verlassen, das Manuskript wurde erst vor fünf Jahren in Bukarest teil-veröffentlicht. Mit diesem alten und unbe-kannten Beispiel der Übertragung historiographischer und philosophischer Konzepte eröffnen Emanuela und Andrei Timotin in diesem Band das erste Kapitel von Reflexionen über den Transfer philosophischer Begriffsbildung in die rumänischen Sprach- und Denktraditionen. Solche Transfers implizieren – wie man den Beiträgen und auch den ausführlichen Rezensionen zur postkolonialen Theorie (Ana-Maria Pălimariu, Dragoș Carasevici, Alexanda Chirica) entnehmen kann – enorme Unwägbarkeiten, ja sie erscheinen eigentlich so unmöglich wie eine reine, völlig störungsfreie Kommunikation. Und dennoch zeichnet menschliche Geschichte der immer wieder gemachte Versuch aus, das Eigene zu überschreiten und „in Kontakt“ mit dem Nicht-Eigenen zu treten. Der von der Wiener Philosophin Mădălina Diaconu und dem Iașier Germanisten Andrei Corbea-Hoișie herausgegebene, mehrsprachige Sammelband geht intensiv diesen Schwierigkeiten wie auch den Erfahrungen des Übersetzens nach.

 

In der ersten Abteilung folgen auf die Eröffnung mit Boțulescu die Klassiker: Kant, Hegel, Kritische Theorie. Ioan Oprea (englisch) zeichnet die Linien der Entwicklung in den Donaufürstentümern nach, wo in Iași und Bukarest Kant und später Hegel durch Lehre und Übersetzung von deren Schülern Terrain gewannen; dies aber war nur möglich durch die rationalistische Aufklärung, die die „Școala Ardeleană” von Siebenbürgen über die Karpaten brachte (Barnuțiu, Murgu, Laurian, Pumnul). Mădălina und Marin Diaconu exponieren in ihrer Übersicht der Kant-Rezeption in Rumänien den Politiker und Juristen Titu Maiorescu als bedeutendsten Kantianer Ende des 19. Jahrhunderts. Für das 20. Jahrhundert bündelt George Bondor (französisch) die philosophisch-konzeptuellen Linien in vier Modellen: rationalistisch (Vasile Conta), romantisch (Constantin Noica), exis-tenzialistisch (Nae Ionescu, Nicolae Steinhardt, Mircea Vulcanescu). Nur dem im Westen ja durchaus vorhandenen marxistischen Modell schreibt Bondor keine Vertreter zu, sondern sieht für jeden ernsthaften Denker im rumänischen Kontext der kommu-nistischen Zensur das Problem der verdeckten Schreibweise. (Bondor übergeht damit die sozialistische Theoriebildung, etwa durch Dobrogeanu-Gherea am Ende des 19. Jahrhunderts.). Dem jüngeren Kritiker und Autor Alex Cistelecan (englisch) fehlen in den rumänischen Philosophiedebatten die Vertreter der Kritischen Theorie, wie er nicht zuletzt an den entsprechenden Sektionen der Buchhandlungen beobachtet, und weist zugleich auf Ausnahmen hin, etwa den Verlag „Idea” in Cluj.

 

Spiel(t)en in diesen Rezeptionen und Anschlüssen an deutsche Philosophen deren Übersetzungen neben der Universitätslehre die zentrale Rolle, so fokussiert das nächste Kapitel des Bandes näher auf einige Beispiele rumänisch-deutscher Übersetzungen im diachronischen Schnitt von Meister Eckhart bis Tudor Vianu. Wie werden anderssprachige Theorien und Schulen Rumänischlesenden präsentiert? Hier werden einige der generellen Probleme der Übersetzung deutlich. In einem erfreulich ausführlichen und in elegantem Französisch verfassten Beitrag zu den Übersetzungen Siegmund Freuds ins Französische und Rumänische hebt Magda Jeanrenaud einige der zentralen Probleme hervor: Anders als in Frankreich gibt es in Rumänien keine lebhaften Debatten, wie man Freud übersetzen solle (Freuds Lehre hat vor dem Hintergrund einer religiösen Orthodoxie keine große Anängerschaft in Rumänien ausgebildet). Zudem entwerfen die ÜbersetzerInnen selbst keine theoretischen Modelle hinsichtlich ihrer Herangehensweise, die ihre Übersetzung einheitlicher und überzeugender machen könnten.

 

Auch Gabriel Horațiu Decuble vermerkt in rumänischen Übersetzungen Meister Eckharts wenig Bewusstsein für ontologische Konzepte, die bestimmte Übersetzerentscheidungen motivieren könnten. Ion Tănăsescu geht in seinem kurzen, aber prägnanten Beitrag dem Verständnis des für die Phänomenologie zentralen Begriffs der „Intention(alität)“ bei Franz von Brentano nach – ein Begriff, der seine untergründige Rolle durch den gesamten Band spielt. Welche Problematik in umgekehrter Richtung vom Rumänischen ins Deutsche Übersetzungen bieten, diskutiert Elisabeth Berger am Beispiel der Metapherntheorie des Klassikers Tudor Vianu und deren kongenialen Übersetzung durch den Siebenbürger Sachsen Dieter Roth. In einem spannenden, bisweilen sprachlich aber etwas ungenauen Dokumentationsbeitrag von Larissa Schippel und Julia Richter zum "Übersetzungsdienst Wien" während des Zweiten Weltkriegs findet sich die (bibliographische) Gleichstellung von Autor und Übersetzerin – auch ein Beitrag zum philosophischen Problem, was eine Übersetzung und welche die Rolle der ÜbersetzerInnen als Textproduzent sei.

 

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Vergessen, verdrängt, verschwunden

 

Die Publikation der 11. Tagung des Balkanromanistenverbands

 

 

 

Die Balkanromanistik bildet einen Teil des großen Universitätsfaches der Romanistik. Ihr Forschungsgebiet umfasst nachlateinische Spuren auf der Balkanhalbinsel, zu denen natürlich vor allem die rumänische Sprache und Kultur, hier auch die Relikte der früheren Verbreitung bzw. Entstehung des Rumänischen auf dem Balkan gehören - also u.a. das Istrorumänische, Mazedorumänische, Meglenoaromunische und Aromunische. In der deutschen Universitätslandschaft nur mit wenigen festen Stellen ausgestattet stellt der Verband der Balkanromanisten mit seinen Tagungen und Publikationen ein wichtiges Forum für die Forschungen zur rumänischen Kultur dar. Die Beiträge der Tagung im Jahr 2014 widmeten sich dem Thema der vergessenen, verdrängten und verschwundenen balkanromanischen Kulturen. "Welche Spuren aber hinterließen die Walachen in der Tatra, in den Beskiden, in Bosnien, auf der Peleponnes? Was wissen wir über die sprachliche Zugehörigkeit der Maurowalachen oder Morlaken, die in den Küstengebieten Bosniens, Kroatiens und Montenegros lebten und in den Slawen aufgingen?" fragen die HerausgeberIn im Vorwort.

Sprachwissenschaftlich beschäftigen sich mehrere Aufsätze mit der komplexen Situation in Istrien und Dalmatien. Hier gab es venezianischen, toskanisch-italienischen, dalmatischen aber auch rumänischen Einfluss auf slawische, griechische und albanische Sprachentwicklung - und vice versa. Jürgen Kristophson versucht sich anknüpfend an Forschungen von Ž. Muljačić an einer genaueren Beschreibung des Dalmatischen und seiner romanischen Einflüsse und kommt zu dem Ergebnis, das es sich um ein "Ensemble romanischer Dialekte" handelte, die durch die "Dominanz Venedigs in den Status lokal begrenzter Restsprachen abgedrängt wurden". In dieser Forschung spielen die alten Quellen der Sprachreste eine entscheidende Rolle. So gibt es für das Vegliotische nur eine Beschreibung durch Bartolie 1906, der den letzten Sprecher befragte: "A. Udina (Udaina) erlernte das Vegliotische von seinen Großeltern, seine Muttersprache war Venezianisch. Außerdem beherrschte er Italienisch, angeblich auch Friaulisch, und Kroatisch. Allerdings war Udaina taub und hatte wenige Zähne, war also nicht der ideale Informant."

 

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vlad III. ţepeş - multiperspektivisch ediert

Das Corpus-Draculianum-Projekt versammelt alle vorhandenen Quellen zu dem "Dracula"-Vorbild

 

 

Es ist ein einzigartiges und zugleich wegweisendes Projekt mit populärem "appeal":  An der Universität Gießen wird am Lehrstuhl Osteuropäische Geschichte die Edition möglichst aller erreichbaren historischen Quellen zur Gestalt des walachischen Woiwoden Vlad III. "Ţepeş" (der Pfähler; auch "Drăculea" genannt) realisiert. Nach vorbereitender und mit begleitender Forschung hat die kleine Mannschaft im DFG-Projekt "Vlad Ţepeş Dracula. Herrscherbiographie und Tyrannenlegende" um Prof. Thomas M. Bohn, zu der Adrian Gheorghe, Christof Paulus und Albert Weber als Mitherausgeber gehören, innerhalb von vier Jahren bereits zwei Bände des arbeitsaufwendigen Projekts veröffentlicht. 

Als Ziel ihres Vorhabens beschreiben die Forscher im Vorwort zu Band 1,1, "die Forschung von den nationalhistoriographischen, kommerziellen und neuerdings auch islamophoben Auswüchsen zurück zur Historizität [zu] führ[en] und die Quellen durch eine zeitgemäße Interpretation verständlich und analysierbar [zu] machen." Denn der walachische Herrscher wurde bereits zu Lebzeiten und unmittelbar nach seinem Tod 1476/77 je nach politischer Perspektive sehr unterschiedlich beurteilt und diese Plurivalenz ist Jahrhunderte später mit seiner unerwarteten Popularität als "Graf Dracula" in einem von einem Iren geschriebenen raffinierten Schauerroman keineswegs verschwunden. Was bei Bram Stoker als historische Figur, wenn auch mit einigen signifikanten Merkmalen versehen, nur angedeutet wird, musste in den antagonistischen Interessenlagen des 15. Jahrhunderts je nach (wechselnder) Position zu einem äußerst disparaten "Bild" des Vlad III. führen: Osmanenfeind, Christentum- oder Europaverteidiger, brutaler Herrscher, gerechter und strenger Woiwod, Ungarnfeind/-freund, grausamer Sadist, u.a.m. Die Herausgeber des Corpus Draculianum interessieren die zeitgenössischen Ansichten - nicht die Populärkultur des 20. Jahrhunderts ist der Bezugspunkt, sondern die politischen Verwerfungen des 15. Jahrhunderts, wie sie sich in den zugänglichen Quellen darstellen.

 

 Diese Quellen müssen erst einmal gefunden werden. Das Projekt - ursprünglich an der LMU München auf einen Band geplant - erwies sich bald nicht nur als die Edition vorhandener Dokumente, sondern als erfolgreiche Suche nach bisher unbekannten. Für den zuerst erschienenen Band 3 (Bearbeiter Adrian Gheorghe und Albert Weber), der die postbyzantinischen (griechischsprachigen) und osmanischen (osmanischen, persisch, arabischen) Quellen präsentiert, wurden hunderte von Dokumenten in Bibliotheken und Archiven aus über 20 Ländern gesichtet und verglichen. So werden etwa zu  Chalkondyles' "Apodeixis Historion" - die "wichtigste Quelle zu Vlad dem Pfähler" - 26 Handschriften(bruchstücke) in 11 verschiedenen Städten Europas herangezogen, bei Idris Bitlisi 42 Texte u.a. in Kalkutta, Manchester, Petersburg, Kairo und vor allem in Istanbul. Diese Quellen werden im Originaltext und einer rohen Übersetzung geboten, was das Corpus Draculianum auch den nicht der zahlreichen Sprachen, in denen die Texte überliefert wurden, kundigen Lesern zugänglich macht. Zudem bietet ein einführender Essay zu den literarischen Textgestaltungen und Überlieferungen weitere dienliche Informationen zur Beschäftigung mit dem Corpus. Weitere Hilfestellungen bieten Diagramme, Statistiken, Schlachtskizzen, so dass Bd. 3 des Corpus Draculianum eine weit gefasste Aufarbeitung der osmanischen Geschichtsschreibung zu dem die Herrschaft des Sultans herausfordernden walachischen Woiwoden bieten kann.

Der jüngst erschienene Band 1 (Teilband 1; Bearbeiter ebenfalls Adrian Gheorghe und Albert Weber, mit Beiträgen von Marian Coman, Jürgen Fuchsbauer, Ginel Lazăr) nimmt sich Briefe und Urkunden vor, hier speziell aus der Walachei. Eine umfangreiche Einführung in die walachische Diplomatik der Epoche liefert dem Leser das Rüstzeug, um die meist aus dem Stadtarchiv von Kronstadt / Braşov mit der Hilfe der dortigen Archivare herangezogenen Dokumente einordnen zu können. Sie belegen die drei Herrschaftszeiten Vlads von 1442, 1456-1462, 1476 mit Korrespondenzen und Beurkundungen. Etwa die Beziehungen und Konflikte mit den siebenbürgischen Städten Hermannstadt, Schässburg und Kronstadt, die wiederholt Prätendenten auf den walachischen Thron unterstützten, zugleich aber auch wichtige ökonomische Beziehungen zur Walachei pflegten. Zentral sind  die ersten Hinweise auf Vlads III. grausamen Umgang mit Gegnern und auch siebenbürgischen Kaufleuten sowie die genaue Schilderung seines Angriffs auf die an der Donau gelegenen osmanischen Orte mit einer detaillierten Auflistung der Opferzahlen.

Über diese Dokumente hinaus werden sowohl sphragistische Quellen (mit Farbfotos) genau beschrieben und untersucht, die epigraphischen Quellen der Glocke vom Kloster Gorgova und des Grundsteins der Kirche von Târgşor sowie der Grabstein von Vladislav II. (1512-1520) wiedergegeben und dann drei Münzen als numismatische Quellen analysiert. In diesem Band ist also der Herrscher zu beobachten in seiner Auseinandersetzung mit den siebenbürgischen Städten, die auch für seine Politik gegenüber dem Osmanischen Reich von Bedeutung waren. Der zweite Teilband wird weitere Dokumente insbesondere aus russischen, siebenbürgisch-sächsischen und westeuropäischen Quellen bis zum Jahr 1650 bringen.

Die üppige Einordnung der einzelnen Dokumente und Texte in politische, diplomatische, militärische, literarische  u.a. Kontexte macht die ersten beiden Bände des Corpus Draculianum zu einem Meilenstein in der Erforschung der historischen Hintergründe jenes Vlad Ţepeş, der Jahrhunderte nach seinem Tod noch einmal durch einen irischen Roman zu einer mythischen Gestalt wurde.

 

Corpus Draculianum. Dokumente und Chroniken zum walachischen Fürsten Vlad dem Pfähler 1448-1650. Hg. v. Thomas M. Bohn, Adrian Gheorghe, Christof Paulus, Albert Weber. Bd. 1. Briefe und Urkunden. Teil 1: Die Überlieferung aus der Walachei. Bearbeiter Adrian Gheorghe und Albert Weber, mit Beiträgen von Marian Coman, Jürgen Fuchsbauer, Ginel Lazăr. Wiesbaden: Harrassowitz Verlag 2017, ISBN 978-3-447-10212-4, 265 S., zahlr. Abb.

 

Corpus Draculianum. Dokumente und Chroniken zum walachischen Fürsten Vlad dem Pfähler 1448-1650. Hg. v. Thomas M. Bohn, Adrian Gheorghe, Albert Weber. Bd. 3. Die Überlieferung aus dem Osmanischen Reich. Postbyzantinische und osmanische Autoren. Bearbeitet von Adrian Gheorghe und Albert Weber. Wiesbaden: Harrassowitz Verlag 2017, ISBN 978-3-447-06989-2, 419 S., Beilage "Statistik".


 ??“ oder Der Große Anonyme

 

 

 Am Ende seiner Überlegungen zur Metaphysik kommt der rumänische Poet und Philosoph Lucian Blaga (1895-1961) nicht umhin, zu fragen, ob der von ihm angenommene und durchgehend als „Der Große Anonyme“ bezeichnete Urgrund des Denkens nicht mit dem Epitheton „Gott“ versehen werden müsse. Und antwortet: „ein Beiwort von äußerster idealisierter Rafinesse“, das er aber ablehnt, nicht zuletzt, weil er es nicht für ausgeschlossen hält, „dass er auch abgründige Eigenschaften hat, die viel an 'Dämonie' mit sich führen.“ Was den als „Faust“-Übersetzer und Lyriker zum modernen rumänischen Klassiker erhobenen Siebenbürger dazu führt, sein Modell der Metaphysik mit der Annahme eines „Großen Anonymen“ zu begründen – als einer gesetzten Ausgangshypothese, von der aus sich erst überhaupt das Nachdenken über Erkenntnis ermöglicht. Er kommt dabei auch auf einen - etwa auch seinen Fast-Generationsgenossen Walter Benjamin beschäftigenden - ontologischen Grund der Erkenntnis, den Benjamin nicht Blaga unähnlich ausgehend von einer virtuell-paradiesischen Erkenntnis konstruiert. Aber wo Benjamin die Verwirrung durch die Vertreibung aus dem Paradies weiter denkt, insistiert Blaga auf einem unzugänglichen großen Plan des Demiurgen, dessen Auswirkungen er u.a. in den seinerzeit aktuellen biologischen Erkenntnisproblemen (Driesch) diskutiert. Entscheidend ist innerhalb seines ausgearbeiteten Denkens die hier entfaltete „transzendente Zensur“, die einerseits erst menschliche Erkenntnis ermöglicht und zugleich in ihren Schranken hält, um den Großen Anonymen in seinen Rechten zu belassen. Rainer Schuberts flüssige Übersetzung lässt einen eigenwilligen Beitrag zur Metaphysik erkennen, der sich in Teilen explizit als Antwort auf Ludwig Klages und Max Scheler versteht.

 

 

Lucian Blaga: Die transzendente Zensur. Aus dem Rumänischen übersetzt von Rainer Schubert. Frank&Timme Berlin 2015 (Forum: Rumänien 27), 223 Seiten, ISBN 978-3-7329-0161-6

Originalausgabe: Lucian Blaga, Cenzura transcendentă: Încercare metafizică. Bucureşti: Cartea Românească 1934.