Unentrinnbarkeit der Biographie

 

 

Nowotnick zeichnet sehr genau die Funktionsweise des politischen Prozesses nach, wenn auch konkrete Aussagen aus den Prozessakten selten zitiert werden. In dem Prozess spielte eine nicht geringe Rolle ein von Germanisten aus Temeswar angefertigtes "Gutachten", in dem die Texte der fünf Schriftsteller als systemfeindlich interpretiert wurden. 

 

Mit diesen Differenzierungen zur historischen Situation und Schlattners Entwicklung ist die Reflexion über den Status des Romans "Rote Handschuhe" vorbereitet. Denn das Buch hatte seine starke Wirkung, weil es sowohl autobiographisch als auch romanhaft schien und damit in den unterschiedlichen Debatten fast beliebig verwendet werden konnte. Mit literaturwissenschaftlichen Theorien zu Autobiographie und Autofiktion werden genauere Bestimmungen des Romans versucht, die aber letztlich auf die Herangehensweise des Lesers abheben: "Dabei kommt es immer auf den Standpunkt des Lesers an und inwiefern er den autofiktionalen Pakt mit dem Text schließt." (205) Die geschlossenen 'Echokammern', in denen Schlattner und sein Buch verhandelt wurden, bewegten sich weitgehend in der prekären Spannung von Moral und Ästhetik, die der Roman nicht entscheiden kann, sondern in der er jeweils dienstbar gemacht wird. Notwendig wäre eine scharfe Trennung der literarischen Autofiktion von einer distanziert-kritischen, ihrer Grenzen bewussten Geschichtsschreibung, wie sie im historischen Abriss Nowotnicks angedeutet ist. In dieser hätte der Roman seine eigene, klar umrissene Stelle.

 

Im letzten Kapitel sind die Folgen der Schwemme an autobiographischer Zeitzeugenliteratur aus rumäniendeutschen Federn in der Rezeption von "Rote Handschuhe" minutiös nachgezeichnet. Die Debatten laufen meist auf eine Verdammung oder ein Missverständnis des Romans hin - Verdammung, da man den Autor für einen Verräter, Spitzel oder anderes mehr hält oder weil man von der Unterscheidung zwischen Fiktion und Fakten keinen Gebrauch machen kann/will. Auch hier zeichnet die Autorin zahlreiche Linien der Diskussion differenziert nach und räumt mit manchen Mythen auf.

 

Ein ausführliches Interview mit Schlattner zu den im Buch verhandelten Themen kann als weitere Quelle im Anhang nachgelesen werden.

 

 

Michaela Nowotnick: Die Unentrinnbarkeit der Biographie. Der Roman "Rote Handschuhe" von Eginald Schlattner als Fallstudie zur rumäniendeutschen Literatur. Böhlau Verlag Köln, Weimar, Wien 2016 (Studia Transylvanica, Bd. 45), 359 Seiten, vier Abb., ISBN 9783412503444

 


Übersetzungskulturen

 

Geisteswissenschaftlicher Dialog

 

 

Im akademischen Feld hat eine der am intensivsten rezipierten Übersetzungstheorien Walter Benjamin anlässlich seiner Übersetzungen von Gedichten Baudelaires formuliert. Der zur Kritischen Theorie gezählte und neben (oder vor) Th. W. Adorno global wirkmächtigste Vertreter einer komplexen Amalgamierung von marxistischer Geschichtstheorie und antimimetischer Ästhetik konstruierte aus der Einsicht in die unterschiedlichen Sphären und Entwicklungen der Sprachen eine Theorie der Übersetzung, die Gabriel Kohn in der von Benjamin gebrauchten Metapher der „Scherben“ auf die Situation der rumänischen Benjamin-Übersetzungen überträgt. Die „ohrenbetäubende Stille“ nach einzelnen früheren Übersetzungen scheint allmählich überwunden, es entsteht eine „Transfergemeinde (Herausgeber, ÜbersetzerInnen und Kommentatoren)“, die allerdings noch kein einheitliches Projekt wie im Falle der Freud-Übersetzungen in Frankreich bildet. Kohn erkennt in den unterschiedlichen Weisen des Übersetzens der Benjaminschen Werke einen offenen Dialog, der Benjamins Übersetzungstheorie nahe komme – rigorose Entscheidungen und Bewertungen treten dabei in den Hintergrund. Hans Neumann hingegen sieht die rumänische Übersetzung der komplexen „Er-kenntniskritischen Vorrede“ zu Benjamins Ursprung des deutschen Trauerspiels durchaus kritisch.

Im nächsten Kapitel wird der Band noch konkreter, wenn ÜbersetzerInnen über ihre Erfahrungen mit einzelnen Texten berichten. Christian Ferencz-Flatz, dessen Übertragung von Benjamins Einbahnstrasse von Kohn hervorgehoben wird, entwickelt sehr überzeugend von Benjamins Fragment eines Gesprächs mit Günter Anders im Pariser Exil über das Für und Wider von Übersetzungen ausgehend das Konzept der Sprachsituation, wie es auch bei Heidegger als „hermeneutische Situation“ formuliert wird. Sprachsituation meine die unterschiedlichen historischen Kontexte, in denen sich jede Sprache befindet. Heidegger fordere daher bei der philosophischen Rekonstruktion auch das Mitdenken dieser Unterschiede, während für Benjamin die Sprachsituation eine Grenze der Übersetzbarkeit darstelle, nämlich die „Einbettung in einen bestimmten geschichtlichen Zusammenhang“. Als Konsequenz resultiere, „dass die Übersetzung darauf verzichtet, als ein genaues Äquivalent des Originals zu fungieren.“ (Ferencz-Fratz) Vielmehr komme es wie in der Geschichte auf ein Aufblitzen an – das „Jetzt der Erkennbarkeit“. Ob und / oder wie diese Theorie praktisch werden könne, ist auch unter Benjamin-Experten nicht eindeutig geklärt.

Mit Benjamins Übersetzungstheorie beschreibt auf ähnliche Weise Romanița Constantinescu Übersetzerin von Wolfgang Isers Der Akt des Lesens – das komplexe Verhältnis von Wirkungs- und Rezeptionsästhetik. Es gelingt ihr das schwierige Kunststück, Benjamins Übersetzungstheorie zugleich nachvollziehbar zu machen und in Beziehung zur Rezeptionstheorie zu setzen. Wenn Constantinescu Paul Celans Rede von der Flaschenpost der Übersetzung in diesem Zusammenhang anspricht, so weißt dies auf Ramona Trufins Miszelle zur Übersetzung von zwei Gedichten Tudor Arghezis durch den Czernowitzer Dichter hin, wie aber auch zurück auf Cistelecans Darlegungen zur weitgehenden Beschweigung der Kritischen Theorie. Spielt für die rumänische Szenerie Heidegger eine größere Rolle, so sind dabei die nicht wenigen Überkreuzungen zu Benjamins Auseinandersetzung mit dem Begriff der Intentionalität zu übersehen. Gabriel Cercel, Promotor einer Rezeption der Phänomenologie in Rumänien, stellt den Erwartungshorizont von Übersetzungen an seiner eigenen Mitarbeit am Projekt der rumänischen Edition von Hans-Georg Gadamers Wahrheit und Methode als hermeneutische Grenzerfahrung dar. Eine Benjamin ähnliche Metaphysik der Sprache zeichnet auch den Philosophen und Dichter Lucian Blaga aus, dessen vom „Fall“ aus den paradiesischen Zuständen ausgehendes Denken in einem bemerkenswerten Projekt von Rainer Schubert ins Deutsche transportiert wurde, während Radu Gabriel Pârvu mehrere Jahre mit „Schopy“ Schopenhauer verbrachte, um dessen in der rumänischen Geistesgeschichte sehr einflussreiches Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung zu übersetzen.

So gelangt der anregende, seine Fragen und Themen auf mehreren Ebenen geschickt miteinander verwebende Band wieder zur Klassikerrezeption zurück, die ohne Über-setzungen kaum realisierbar wäre. Mircea Flonta, Philosophieprofessor in Bukarest, hält daher im Gespräch mit Mădălina Diaconu ein Plädoyer für das Übersetzen in der Philosophie– wie immer schwierig und manchmal unterbewertet dieses auch sei.

 

 

Andrei Corbea-Hoișie, Mădălina Diaconu (Hg.): Geisteswissenschaften im Dialog: Deutsch-Rumänisch / Rumänisch-Deutsch. Editura Universității „Alexandru Ioan Cuza” Iași /Hartung-Gorre Verlag Konstanz 2016 (Jassyer Beiträge zur Germanistik / Contribuții ieșene de germanistică XIX), 280 S., ISBN 978-3-86628-559-0 (Hartung-Gorre) bzw. 978-606-714-248-8 (Editura Universității)

 


Vergessen, verdrängt, verschwunden

 

Die Publikation der 11. Tagung des Balkanromanistenverbands

 

 

 

Die Balkanromanistik bildet einen Teil des großen Universitätsfaches der Romanistik. Ihr Forschungsgebiet umfasst nachlateinische Spuren auf der Balkanhalbinsel, zu denen natürlich vor allem die rumänische Sprache und Kultur, hier auch die Relikte der früheren Verbreitung bzw. Entstehung des Rumänischen auf dem Balkan gehören - also u.a. das Istrorumänische, Mazedorumänische, Meglenoaromunische und Aromunische. In der deutschen Universitätslandschaft nur mit wenigen festen Stellen ausgestattet stellt der Verband der Balkanromanisten mit seinen Tagungen und Publikationen ein wichtiges Forum für die Forschungen zur rumänischen Kultur dar. Die Beiträge der Tagung im Jahr 2014 widmeten sich dem Thema der vergessenen, verdrängten und verschwundenen balkanromanischen Kulturen. "Welche Spuren aber hinterließen die Walachen in der Tatra, in den Beskiden, in Bosnien, auf der Peleponnes? Was wissen wir über die sprachliche Zugehörigkeit der Maurowalachen oder Morlaken, die in den Küstengebieten Bosniens, Kroatiens und Montenegros lebten und in den Slawen aufgingen?" fragen die HerausgeberIn im Vorwort.

Sprachwissenschaftlich beschäftigen sich mehrere Aufsätze mit der komplexen Situation in Istrien und Dalmatien. Hier gab es venezianischen, toskanisch-italienischen, dalmatischen aber auch rumänischen Einfluss auf slawische, griechische und albanische Sprachentwicklung - und vice versa. Jürgen Kristophson versucht sich anknüpfend an Forschungen von Ž. Muljačić an einer genaueren Beschreibung des Dalmatischen und seiner romanischen Einflüsse und kommt zu dem Ergebnis, das es sich um ein "Ensemble romanischer Dialekte" handelte, die durch die "Dominanz Venedigs in den Status lokal begrenzter Restsprachen abgedrängt wurden". In dieser Forschung spielen die alten Quellen der Sprachreste eine entscheidende Rolle. So gibt es für das Vegliotische nur eine Beschreibung durch Bartolie 1906, der den letzten Sprecher befragte: "A. Udina (Udaina) erlernte das Vegliotische von seinen Großeltern, seine Muttersprache war Venezianisch. Außerdem beherrschte er Italienisch, angeblich auch Friaulisch, und Kroatisch. Allerdings war Udaina taub und hatte wenige Zähne, war also nicht der ideale Informant."

 

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vlad III. ţepeş - multiperspektivisch ediert

Das Corpus-Draculianum-Projekt versammelt alle vorhandenen Quellen zu dem "Dracula"-Vorbild

 

 

Es ist ein einzigartiges und zugleich wegweisendes Projekt mit populärem "appeal":  An der Universität Gießen wird am Lehrstuhl Osteuropäische Geschichte die Edition möglichst aller erreichbaren historischen Quellen zur Gestalt des walachischen Woiwoden Vlad III. "Ţepeş" (der Pfähler; auch "Drăculea" genannt) realisiert. Nach vorbereitender und mit begleitender Forschung hat die kleine Mannschaft im DFG-Projekt "Vlad Ţepeş Dracula. Herrscherbiographie und Tyrannenlegende" um Prof. Thomas M. Bohn, zu der Adrian Gheorghe, Christof Paulus und Albert Weber als Mitherausgeber gehören, innerhalb von vier Jahren bereits zwei Bände des arbeitsaufwendigen Projekts veröffentlicht. 

Als Ziel ihres Vorhabens beschreiben die Forscher im Vorwort zu Band 1,1, "die Forschung von den nationalhistoriographischen, kommerziellen und neuerdings auch islamophoben Auswüchsen zurück zur Historizität [zu] führ[en] und die Quellen durch eine zeitgemäße Interpretation verständlich und analysierbar [zu] machen." Denn der walachische Herrscher wurde bereits zu Lebzeiten und unmittelbar nach seinem Tod 1476/77 je nach politischer Perspektive sehr unterschiedlich beurteilt und diese Plurivalenz ist Jahrhunderte später mit seiner unerwarteten Popularität als "Graf Dracula" in einem von einem Iren geschriebenen raffinierten Schauerroman keineswegs verschwunden. Was bei Bram Stoker als historische Figur, wenn auch mit einigen signifikanten Merkmalen versehen, nur angedeutet wird, musste in den antagonistischen Interessenlagen des 15. Jahrhunderts je nach (wechselnder) Position zu einem äußerst disparaten "Bild" des Vlad III. führen: Osmanenfeind, Christentum- oder Europaverteidiger, brutaler Herrscher, gerechter und strenger Woiwod, Ungarnfeind/-freund, grausamer Sadist, u.a.m. Die Herausgeber des Corpus Draculianum interessieren die zeitgenössischen Ansichten - nicht die Populärkultur des 20. Jahrhunderts ist der Bezugspunkt, sondern die politischen Verwerfungen des 15. Jahrhunderts, wie sie sich in den zugänglichen Quellen darstellen.

 

 Diese Quellen müssen erst einmal gefunden werden. Das Projekt - ursprünglich an der LMU München auf einen Band geplant - erwies sich bald nicht nur als die Edition vorhandener Dokumente, sondern als erfolgreiche Suche nach bisher unbekannten. Für den zuerst erschienenen Band 3 (Bearbeiter Adrian Gheorghe und Albert Weber), der die postbyzantinischen (griechischsprachigen) und osmanischen (osmanischen, persisch, arabischen) Quellen präsentiert, wurden hunderte von Dokumenten in Bibliotheken und Archiven aus über 20 Ländern gesichtet und verglichen. So werden etwa zu  Chalkondyles' "Apodeixis Historion" - die "wichtigste Quelle zu Vlad dem Pfähler" - 26 Handschriften(bruchstücke) in 11 verschiedenen Städten Europas herangezogen, bei Idris Bitlisi 42 Texte u.a. in Kalkutta, Manchester, Petersburg, Kairo und vor allem in Istanbul. Diese Quellen werden im Originaltext und einer rohen Übersetzung geboten, was das Corpus Draculianum auch den nicht der zahlreichen Sprachen, in denen die Texte überliefert wurden, kundigen Lesern zugänglich macht. Zudem bietet ein einführender Essay zu den literarischen Textgestaltungen und Überlieferungen weitere dienliche Informationen zur Beschäftigung mit dem Corpus. Weitere Hilfestellungen bieten Diagramme, Statistiken, Schlachtskizzen, so dass Bd. 3 des Corpus Draculianum eine weit gefasste Aufarbeitung der osmanischen Geschichtsschreibung zu dem die Herrschaft des Sultans herausfordernden walachischen Woiwoden bieten kann.

Der jüngst erschienene Band 1 (Teilband 1; Bearbeiter ebenfalls Adrian Gheorghe und Albert Weber, mit Beiträgen von Marian Coman, Jürgen Fuchsbauer, Ginel Lazăr) nimmt sich Briefe und Urkunden vor, hier speziell aus der Walachei. Eine umfangreiche Einführung in die walachische Diplomatik der Epoche liefert dem Leser das Rüstzeug, um die meist aus dem Stadtarchiv von Kronstadt / Braşov mit der Hilfe der dortigen Archivare herangezogenen Dokumente einordnen zu können. Sie belegen die drei Herrschaftszeiten Vlads von 1442, 1456-1462, 1476 mit Korrespondenzen und Beurkundungen. Etwa die Beziehungen und Konflikte mit den siebenbürgischen Städten Hermannstadt, Schässburg und Kronstadt, die wiederholt Prätendenten auf den walachischen Thron unterstützten, zugleich aber auch wichtige ökonomische Beziehungen zur Walachei pflegten. Zentral sind  die ersten Hinweise auf Vlads III. grausamen Umgang mit Gegnern und auch siebenbürgischen Kaufleuten sowie die genaue Schilderung seines Angriffs auf die an der Donau gelegenen osmanischen Orte mit einer detaillierten Auflistung der Opferzahlen.

Über diese Dokumente hinaus werden sowohl sphragistische Quellen (mit Farbfotos) genau beschrieben und untersucht, die epigraphischen Quellen der Glocke vom Kloster Gorgova und des Grundsteins der Kirche von Târgşor sowie der Grabstein von Vladislav II. (1512-1520) wiedergegeben und dann drei Münzen als numismatische Quellen analysiert. In diesem Band ist also der Herrscher zu beobachten in seiner Auseinandersetzung mit den siebenbürgischen Städten, die auch für seine Politik gegenüber dem Osmanischen Reich von Bedeutung waren. Der zweite Teilband wird weitere Dokumente insbesondere aus russischen, siebenbürgisch-sächsischen und westeuropäischen Quellen bis zum Jahr 1650 bringen.

Die üppige Einordnung der einzelnen Dokumente und Texte in politische, diplomatische, militärische, literarische  u.a. Kontexte macht die ersten beiden Bände des Corpus Draculianum zu einem Meilenstein in der Erforschung der historischen Hintergründe jenes Vlad Ţepeş, der Jahrhunderte nach seinem Tod noch einmal durch einen irischen Roman zu einer mythischen Gestalt wurde.

 

Corpus Draculianum. Dokumente und Chroniken zum walachischen Fürsten Vlad dem Pfähler 1448-1650. Hg. v. Thomas M. Bohn, Adrian Gheorghe, Christof Paulus, Albert Weber. Bd. 1. Briefe und Urkunden. Teil 1: Die Überlieferung aus der Walachei. Bearbeiter Adrian Gheorghe und Albert Weber, mit Beiträgen von Marian Coman, Jürgen Fuchsbauer, Ginel Lazăr. Wiesbaden: Harrassowitz Verlag 2017, ISBN 978-3-447-10212-4, 265 S., zahlr. Abb.

 

Corpus Draculianum. Dokumente und Chroniken zum walachischen Fürsten Vlad dem Pfähler 1448-1650. Hg. v. Thomas M. Bohn, Adrian Gheorghe, Albert Weber. Bd. 3. Die Überlieferung aus dem Osmanischen Reich. Postbyzantinische und osmanische Autoren. Bearbeitet von Adrian Gheorghe und Albert Weber. Wiesbaden: Harrassowitz Verlag 2017, ISBN 978-3-447-06989-2, 419 S., Beilage "Statistik".


 ??“ oder Der Große Anonyme

 

 

 Am Ende seiner Überlegungen zur Metaphysik kommt der rumänische Poet und Philosoph Lucian Blaga (1895-1961) nicht umhin, zu fragen, ob der von ihm angenommene und durchgehend als „Der Große Anonyme“ bezeichnete Urgrund des Denkens nicht mit dem Epitheton „Gott“ versehen werden müsse. Und antwortet: „ein Beiwort von äußerster idealisierter Rafinesse“, das er aber ablehnt, nicht zuletzt, weil er es nicht für ausgeschlossen hält, „dass er auch abgründige Eigenschaften hat, die viel an 'Dämonie' mit sich führen.“ Was den als „Faust“-Übersetzer und Lyriker zum modernen rumänischen Klassiker erhobenen Siebenbürger dazu führt, sein Modell der Metaphysik mit der Annahme eines „Großen Anonymen“ zu begründen – als einer gesetzten Ausgangshypothese, von der aus sich erst überhaupt das Nachdenken über Erkenntnis ermöglicht. Er kommt dabei auch auf einen - etwa auch seinen Fast-Generationsgenossen Walter Benjamin beschäftigenden - ontologischen Grund der Erkenntnis, den Benjamin nicht Blaga unähnlich ausgehend von einer virtuell-paradiesischen Erkenntnis konstruiert. Aber wo Benjamin die Verwirrung durch die Vertreibung aus dem Paradies weiter denkt, insistiert Blaga auf einem unzugänglichen großen Plan des Demiurgen, dessen Auswirkungen er u.a. in den seinerzeit aktuellen biologischen Erkenntnisproblemen (Driesch) diskutiert. Entscheidend ist innerhalb seines ausgearbeiteten Denkens die hier entfaltete „transzendente Zensur“, die einerseits erst menschliche Erkenntnis ermöglicht und zugleich in ihren Schranken hält, um den Großen Anonymen in seinen Rechten zu belassen. Rainer Schuberts flüssige Übersetzung lässt einen eigenwilligen Beitrag zur Metaphysik erkennen, der sich in Teilen explizit als Antwort auf Ludwig Klages und Max Scheler versteht.

 

 

Lucian Blaga: Die transzendente Zensur. Aus dem Rumänischen übersetzt von Rainer Schubert. Frank&Timme Berlin 2015 (Forum: Rumänien 27), 223 Seiten, ISBN 978-3-7329-0161-6

Originalausgabe: Lucian Blaga, Cenzura transcendentă: Încercare metafizică. Bucureşti: Cartea Românească 1934.