Vergessen, verdrängt, verschwunden

 

Die Publikation der 11. Tagung des Balkanromanistenverbands

 

 

 

Die Balkanromanistik bildet einen Teil des großen Universitätsfaches der Romanistik. Ihr Forschungsgebiet umfasst nachlateinische Spuren auf der Balkanhalbinsel, zu denen natürlich vor allem die rumänische Sprache und Kultur, hier auch die Relikte der früheren Verbreitung bzw. Entstehung des Rumänischen auf dem Balkan gehören - also u.a. das Istrorumänische, Mazedorumänische, Meglenoaromunische und Aromunische. In der deutschen Universitätslandschaft nur mit wenigen festen Stellen ausgestattet stellt der Verband der Balkanromanisten mit seinen Tagungen und Publikationen ein wichtiges Forum für die Forschungen zur rumänischen Kultur dar. Die Beiträge der Tagung im Jahr 2014 widmeten sich dem Thema der vergessenen, verdrängten und verschwundenen balkanromanischen Kulturen. "Welche Spuren aber hinterließen die Walachen in der Tatra, in den Beskiden, in Bosnien, auf der Peleponnes? Was wissen wir über die sprachliche Zugehörigkeit der Maurowalachen oder Morlaken, die in den Küstengebieten Bosniens, Kroatiens und Montenegros lebten und in den Slawen aufgingen?" fragen die HerausgeberIn im Vorwort.

Sprachwissenschaftlich beschäftigen sich mehrere Aufsätze mit der komplexen Situation in Istrien und Dalmatien. Hier gab es venezianischen, toskanisch-italienischen, dalmatischen aber auch rumänischen Einfluss auf slawische, griechische und albanische Sprachentwicklung - und vice versa. Jürgen Kristophson versucht sich anknüpfend an Forschungen von Ž. Muljačić an einer genaueren Beschreibung des Dalmatischen und seiner romanischen Einflüsse und kommt zu dem Ergebnis, das es sich um ein "Ensemble romanischer Dialekte" handelte, die durch die "Dominanz Venedigs in den Status lokal begrenzter Restsprachen abgedrängt wurden". In dieser Forschung spielen die alten Quellen der Sprachreste eine entscheidende Rolle. So gibt es für das Vegliotische nur eine Beschreibung durch Bartolie 1906, der den letzten Sprecher befragte: "A. Udina (Udaina) erlernte das Vegliotische von seinen Großeltern, seine Muttersprache war Venezianisch. Außerdem beherrschte er Italienisch, angeblich auch Friaulisch, und Kroatisch. Allerdings war Udaina taub und hatte wenige Zähne, war also nicht der ideale Informant."

 

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vlad III. ţepeş - multiperspektivisch ediert

Das Corpus-Draculianum-Projekt versammelt alle vorhandenen Quellen zu dem "Dracula"-Vorbild

 

 

Es ist ein einzigartiges und zugleich wegweisendes Projekt mit populärem "appeal":  An der Universität Gießen wird am Lehrstuhl Osteuropäische Geschichte die Edition möglichst aller erreichbaren historischen Quellen zur Gestalt des walachischen Woiwoden Vlad III. "Ţepeş" (der Pfähler; auch "Drăculea" genannt) realisiert. Nach vorbereitender und mit begleitender Forschung hat die kleine Mannschaft im DFG-Projekt "Vlad Ţepeş Dracula. Herrscherbiographie und Tyrannenlegende" um Prof. Thomas M. Bohn, zu der Adrian Gheorghe, Christof Paulus und Albert Weber als Mitherausgeber gehören, innerhalb von vier Jahren bereits zwei Bände des arbeitsaufwendigen Projekts veröffentlicht. 

Als Ziel ihres Vorhabens beschreiben die Forscher im Vorwort zu Band 1,1, "die Forschung von den nationalhistoriographischen, kommerziellen und neuerdings auch islamophoben Auswüchsen zurück zur Historizität [zu] führ[en] und die Quellen durch eine zeitgemäße Interpretation verständlich und analysierbar [zu] machen." Denn der walachische Herrscher wurde bereits zu Lebzeiten und unmittelbar nach seinem Tod 1476/77 je nach politischer Perspektive sehr unterschiedlich beurteilt und diese Plurivalenz ist Jahrhunderte später mit seiner unerwarteten Popularität als "Graf Dracula" in einem von einem Iren geschriebenen raffinierten Schauerroman keineswegs verschwunden. Was bei Bram Stoker als historische Figur, wenn auch mit einigen signifikanten Merkmalen versehen, nur angedeutet wird, musste in den antagonistischen Interessenlagen des 15. Jahrhunderts je nach (wechselnder) Position zu einem äußerst disparaten "Bild" des Vlad III. führen: Osmanenfeind, Christentum- oder Europaverteidiger, brutaler Herrscher, gerechter und strenger Woiwod, Ungarnfeind/-freund, grausamer Sadist, u.a.m. Die Herausgeber des Corpus Draculianum interessieren die zeitgenössischen Ansichten - nicht die Populärkultur des 20. Jahrhunderts ist der Bezugspunkt, sondern die politischen Verwerfungen des 15. Jahrhunderts, wie sie sich in den zugänglichen Quellen darstellen.

 

 Diese Quellen müssen erst einmal gefunden werden. Das Projekt - ursprünglich an der LMU München auf einen Band geplant - erwies sich bald nicht nur als die Edition vorhandener Dokumente, sondern als erfolgreiche Suche nach bisher unbekannten. Für den zuerst erschienenen Band 3 (Bearbeiter Adrian Gheorghe und Albert Weber), der die postbyzantinischen (griechischsprachigen) und osmanischen (osmanischen, persisch, arabischen) Quellen präsentiert, wurden hunderte von Dokumenten in Bibliotheken und Archiven aus über 20 Ländern gesichtet und verglichen. So werden etwa zu  Chalkondyles' "Apodeixis Historion" - die "wichtigste Quelle zu Vlad dem Pfähler" - 26 Handschriften(bruchstücke) in 11 verschiedenen Städten Europas herangezogen, bei Idris Bitlisi 42 Texte u.a. in Kalkutta, Manchester, Petersburg, Kairo und vor allem in Istanbul. Diese Quellen werden im Originaltext und einer rohen Übersetzung geboten, was das Corpus Draculianum auch den nicht der zahlreichen Sprachen, in denen die Texte überliefert wurden, kundigen Lesern zugänglich macht. Zudem bietet ein einführender Essay zu den literarischen Textgestaltungen und Überlieferungen weitere dienliche Informationen zur Beschäftigung mit dem Corpus. Weitere Hilfestellungen bieten Diagramme, Statistiken, Schlachtskizzen, so dass Bd. 3 des Corpus Draculianum eine weit gefasste Aufarbeitung der osmanischen Geschichtsschreibung zu dem die Herrschaft des Sultans herausfordernden walachischen Woiwoden bieten kann.

Der jüngst erschienene Band 1 (Teilband 1; Bearbeiter ebenfalls Adrian Gheorghe und Albert Weber, mit Beiträgen von Marian Coman, Jürgen Fuchsbauer, Ginel Lazăr) nimmt sich Briefe und Urkunden vor, hier speziell aus der Walachei. Eine umfangreiche Einführung in die walachische Diplomatik der Epoche liefert dem Leser das Rüstzeug, um die meist aus dem Stadtarchiv von Kronstadt / Braşov mit der Hilfe der dortigen Archivare herangezogenen Dokumente einordnen zu können. Sie belegen die drei Herrschaftszeiten Vlads von 1442, 1456-1462, 1476 mit Korrespondenzen und Beurkundungen. Etwa die Beziehungen und Konflikte mit den siebenbürgischen Städten Hermannstadt, Schässburg und Kronstadt, die wiederholt Prätendenten auf den walachischen Thron unterstützten, zugleich aber auch wichtige ökonomische Beziehungen zur Walachei pflegten. Zentral sind  die ersten Hinweise auf Vlads III. grausamen Umgang mit Gegnern und auch siebenbürgischen Kaufleuten sowie die genaue Schilderung seines Angriffs auf die an der Donau gelegenen osmanischen Orte mit einer detaillierten Auflistung der Opferzahlen.

Über diese Dokumente hinaus werden sowohl sphragistische Quellen (mit Farbfotos) genau beschrieben und untersucht, die epigraphischen Quellen der Glocke vom Kloster Gorgova und des Grundsteins der Kirche von Târgşor sowie der Grabstein von Vladislav II. (1512-1520) wiedergegeben und dann drei Münzen als numismatische Quellen analysiert. In diesem Band ist also der Herrscher zu beobachten in seiner Auseinandersetzung mit den siebenbürgischen Städten, die auch für seine Politik gegenüber dem Osmanischen Reich von Bedeutung waren. Der zweite Teilband wird weitere Dokumente insbesondere aus russischen, siebenbürgisch-sächsischen und westeuropäischen Quellen bis zum Jahr 1650 bringen.

Die üppige Einordnung der einzelnen Dokumente und Texte in politische, diplomatische, militärische, literarische  u.a. Kontexte macht die ersten beiden Bände des Corpus Draculianum zu einem Meilenstein in der Erforschung der historischen Hintergründe jenes Vlad Ţepeş, der Jahrhunderte nach seinem Tod noch einmal durch einen irischen Roman zu einer mythischen Gestalt wurde.

 

Corpus Draculianum. Dokumente und Chroniken zum walachischen Fürsten Vlad dem Pfähler 1448-1650. Hg. v. Thomas M. Bohn, Adrian Gheorghe, Christof Paulus, Albert Weber. Bd. 1. Briefe und Urkunden. Teil 1: Die Überlieferung aus der Walachei. Bearbeiter Adrian Gheorghe und Albert Weber, mit Beiträgen von Marian Coman, Jürgen Fuchsbauer, Ginel Lazăr. Wiesbaden: Harrassowitz Verlag 2017, ISBN 978-3-447-10212-4, 265 S., zahlr. Abb.

 

Corpus Draculianum. Dokumente und Chroniken zum walachischen Fürsten Vlad dem Pfähler 1448-1650. Hg. v. Thomas M. Bohn, Adrian Gheorghe, Albert Weber. Bd. 3. Die Überlieferung aus dem Osmanischen Reich. Postbyzantinische und osmanische Autoren. Bearbeitet von Adrian Gheorghe und Albert Weber. Wiesbaden: Harrassowitz Verlag 2017, ISBN 978-3-447-06989-2, 419 S., Beilage "Statistik".


 ??“ oder Der Große Anonyme

 

 

 Am Ende seiner Überlegungen zur Metaphysik kommt der rumänische Poet und Philosoph Lucian Blaga (1895-1961) nicht umhin, zu fragen, ob der von ihm angenommene und durchgehend als „Der Große Anonyme“ bezeichnete Urgrund des Denkens nicht mit dem Epitheton „Gott“ versehen werden müsse. Und antwortet: „ein Beiwort von äußerster idealisierter Rafinesse“, das er aber ablehnt, nicht zuletzt, weil er es nicht für ausgeschlossen hält, „dass er auch abgründige Eigenschaften hat, die viel an 'Dämonie' mit sich führen.“ Was den als „Faust“-Übersetzer und Lyriker zum modernen rumänischen Klassiker erhobenen Siebenbürger dazu führt, sein Modell der Metaphysik mit der Annahme eines „Großen Anonymen“ zu begründen – als einer gesetzten Ausgangshypothese, von der aus sich erst überhaupt das Nachdenken über Erkenntnis ermöglicht. Er kommt dabei auch auf einen - etwa auch seinen Fast-Generationsgenossen Walter Benjamin beschäftigenden - ontologischen Grund der Erkenntnis, den Benjamin nicht Blaga unähnlich ausgehend von einer virtuell-paradiesischen Erkenntnis konstruiert. Aber wo Benjamin die Verwirrung durch die Vertreibung aus dem Paradies weiter denkt, insistiert Blaga auf einem unzugänglichen großen Plan des Demiurgen, dessen Auswirkungen er u.a. in den seinerzeit aktuellen biologischen Erkenntnisproblemen (Driesch) diskutiert. Entscheidend ist innerhalb seines ausgearbeiteten Denkens die hier entfaltete „transzendente Zensur“, die einerseits erst menschliche Erkenntnis ermöglicht und zugleich in ihren Schranken hält, um den Großen Anonymen in seinen Rechten zu belassen. Rainer Schuberts flüssige Übersetzung lässt einen eigenwilligen Beitrag zur Metaphysik erkennen, der sich in Teilen explizit als Antwort auf Ludwig Klages und Max Scheler versteht.

 

 

Lucian Blaga: Die transzendente Zensur. Aus dem Rumänischen übersetzt von Rainer Schubert. Frank&Timme Berlin 2015 (Forum: Rumänien 27), 223 Seiten, ISBN 978-3-7329-0161-6

Originalausgabe: Lucian Blaga, Cenzura transcendentă: Încercare metafizică. Bucureşti: Cartea Românească 1934.