Europäische Kultur aus Rumänien

Nationaltheater "Vasile Alecsandri" in Iaşi (Jassy). Erbaut 1896 von dem Wiener Architektenatelier Fellner & Hellmer


Mehr Enescu!

 

 

 

Das Festival in Bukarest mit den großen Orchestern und den Spitzenstars

 

 

 

Fotos: www.kultro.de

 

 

In der ersten Woche des Dirigats von Kirill Petrenko mit den Berliner Philharmonikern führt die Reise das Spitzenorchester nach Salzburg, Luzern und - Bukarest! Hier eröffnen sie das 24. George Enescu-Festival mit zwei aufeinanderfolgenden Abenden, die nach den Berliner Auftritten in der Philharmonie und am Brandenburger Tor (vor 30000 HörerInnen) große Erwartungen erweckten.

 

Dem Schauplatz und dem Anlass entsprach der Auftakt mit Enescus Rapsodia română, deren Präzision unleugbar war, deren Esprit von dem hochkarätigen Orchester aber eher nur angedeutet wurde. Wo Enescu rumänische Geigen im Tanz erklingen lässt, hört man eine Art Abstraktum davon. Dabei hatte noch der künstlerische Leiter des Festivals, Vladimir Jurowski vor Beginn des Konzerts in einer Videobegrüßung darauf hingewiesen, dass es gelte, Enescu als einen der großen Komponisten des 20. Jahrhunderts wahrzunehmen. (In einem Beitrag zum Programmkatalog hat die Musikwissenschaftlerin Valentina Sandu-Dediu einige der Gründe für die nachhaltige Marginalisierung der osteuropäischen Musik zusammengestellt.) 

 

Es folgte Beethovens 9. Symphonie mit der Berliner Besetzung vom Wochenende zuvor (Marlis Petersen, Elisabeth Kulman, Benjamin Bruns, Kwangchul Youn) und dem Philharmonischen Chor „George Enescu“ einstudiert von Iosif Ion Prunner. Hier war die Akribie der Auseinandersetzung mit dem Werk deutlich bemerkbar, Petrenko schöpfte aus dem Vollen seiner Fähigkeiten, wurde jedem der unterschiedlichen Teile gerecht. Der von Beethoven intendierte, zunächst fast kakophonisch wirkende Einsatz menschlicher Einzelstimmen in die Instrumentation wird von Petrenko in eine kontrollierte ausdrucksmächtige Harmonie der Chorstimmen überführt, die noch einmal die Sequenzen der Symphonie in sich aufnimmt. Die Chorführung gelingt dem früheren Orchesterleiter der Komischen Oper Berlin ebenso bewundernswert wie seine Abstimmung der Klangkörper ein überzeugendes Bild der emblematischen 9. Symphonie liefert. Das Publikum zeigt sich begeistert.

Der zweite Abend bietet Schönberg und Tschaikowsky – im Ergebnis mag die Präferenz aus mehreren Gründen auf Schönberg liegen. Den Hauptgrund dafür aber liefert Patricia Kopatchinskaja aus der Republik Moldau. Ihr Spiel in Schönbergs Konzert für Violine, op. 36 ist von einer Lebendigkeit und Darstellungskraft, die wunderbar der Präzision des Orchesters entspricht. Im Programmheft als eines der schwersten – wenn nicht gar das schwerste – Violinkonzert genannt, weicht jede Wahrnehmung von Anstrengung vor der Perfektion von Orchester und Solistin zurück. Es tritt eine Selbstverständlichkeit und moderne Schönheit dieser Musik hervor, die ihren Rang erhöht. (Zu seinem Orchesterjubiläum rief Kopatschinskaja Laurențiu Dincu, den langjährigen rumänischen ersten Geiger der Berliner Philharmoniker hervor, um mit ihm ein Ligeti-Stück zu intonieren.)

Hatte Petrenko bereits bei Beethoven seine lyrische wie auch brachiale Seite erkennen lassen, so kam letztere insbesondere in der Schlussphase von Tschaikowskys 5. Symphonie in e-Moll zum Tragen. Die Organisation dieser rasenden und komplexen Tempi und Wechsel gelingt triumphal in einer ansonsten eher weniger aussagekräftigen Symphonie. Zugespitzt gesagt: Die Überraschung des Abends bleibt Petrenkos Schönberg.

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Wie ein musikalisches Kontrastprogramm gegen die sinfonischen Großunternehmen wirken die Aufführungen im auch architektonisch mit dem Betonbau aus kommunistischer Epoche kontrastierenden ornament- und bilderreichen Baujuwel des Ateneu. So entführte spät abends Michael Keustermans' La Cetra d'Orfeo „Ay Amor“ in die renaissancistische und vorbarocke Musik lateinischer Länder Europas und Südamerikas. Frescobaldi, Juan del Encina, Andres Flores, Falconière, Henry Le Bailly, Juan Garcia de Zéspedes oder Santiago de Murcia waren einige der zahlreichen Komponisten (oder Sammler) der Liebeslieder, die hier aufwendig mit Gewinn präsentiert wurden. Der melancholische Sopran von Marie de Roy trug dazu ebenso bei wie der brillant aufgelegte Bukarester „Madrigal“-Chor in der Einstudierung von Anna Ungureanu (in Kostümen der Epoche) wie auch die illustrativen Tanzeinlagen der ebenfalls in der Kleidung der Zeit auftretenden Tänzer und Tänzerin(Lieven Baert, Jaime Puente, Marie Hurtado). Die Begeisterung des Flötisten Keustermans' und seiner MitspielerInnen Philippe Malfeyt (Theorbe, Charango), Ariane de Bièvre (Perkussion, Flöte, Charango), Johan van Aken (Geige), Hannelore Devaere (Harfe),  Martin Bauer (Viola da Gamba) übertrug sich schnell auf ein auch bei diesen Concertele de miezul nopții immer noch aufnahmewilliges und dankbares Publikum.


Am Sonntagnachmittag begann der Auftritt der Sopranistin Diana Damrau mit dem Harfenisten Xavier de Maistre zunächst mit einigen kleinen Unaufmerksamkeiten im Publikum: Flüstern,  Applaus zwischen den Stücken, Geräusche der Kamerleute. Aber Damrau machte rasch deutlich, dass ihr Part ein geschlossener sei, der unterschiedliche Texte und Stücke umfasste, so dass sich bald eine Aufmerksamkeit bildete, die den Nachmittag zu einem fulminanten Erfolg für beide Künstler machte. Damraus unprätentiöse, aber kraftvolle und modulationsreiche Stimme offenbarte sich im Laufe des Auftritts als ein Instrument, dessen technische Beherrschung die Sängerin zur Entfaltung einer außergewöhnlichen Ausdruckskraft befähigt. Lieder von Mendelssohn, Reynaldo Hahn und Francis Poulencs Zyklus La courte paille boten Damrau unterschiedlichste Gelegenheiten, ihre große technische Variationsbreite und stimmliche Meisterschaft einem zunehmend in ihren Bann geschlagenen Publikum darzubringen. Dass dieser Nachmittag mit standing ovations, mehreren Zugaben und frenetischem Beifall endete, ist gleichermaßen dem Ausnahmekünstler de Maistre zu danken, der die Harfe als ein ideal erscheinendes Pendant zur Stimme der Sopranistin und im Solo als adäquates Instrument der vorgestellten Werke erscheinen ließ. Seine variationsreiche Interpretation der für die Harfe geschriebenen oder arrangierten Stücke begeisterte das Publikum ebenso wie das genaue Eingehen auf Damraus Gesang.

Die Alternativen zum sinfonischen Kanon reizen selbst einige der Berliner Symphoniker. Da es nur wenige Stücke für mehrere Celli gibt, beruht das Repertoire der 12 Cellisten der Berliner Sym-phoniker vor allem auf eigenen Bearbeitungen. Mag man einem monoinstrumentalen Ensemble nicht unbedingt große Variationsbreite zutrauen und auch nichts mehr von der 'zigsten „Classic goes Pop“-Adaption hören – hier geht es um etwas völlig anderes. Die 10 Männer und 2 Frauen befreien förmlich das Instrument von seiner historischen sinfonischen Zwangsjacke und zeigen das Cello als multifunktionales, multimediales und aufregend aktuelles Werkzeug musikalischer Ausdruckskraft. Von der Violine bis zum Bass, von der Trompete bis zur Gitarre und Perkussion, nichts scheint mit den Celli nicht darstellbar zu sein. Und hier erlaubt die spielerische Perfektion  dieses Ensembles Ausflüge in fast jede musikalische Richtung. Da klingt bei einer Duke Ellington-Adaption plötzlich der Sound der deutschen Radio-Big-Bands durch, da wird aus James Horners Titanic-Filmmusik ein ernstzunehmendes individuelles Stück, da machen die Variationen zu Astor Piazolla eine Ikone moderner Musik neu erkennbar. Es ist die musikalische Intelligenz des Ensembles, die erstaunliche innovative Wege eröffnet und Musik zu einer  intellektuellen Aussage in Zeiten der medialen Diversifizierung befähigt. Nicht zuletzt dieser unter Ovationen und Zugaben endende späte Abend zeigt ein lebendiges, aktuelles und auf höchstem Niveau reflektierendes Festival.

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Ein anderes Bild boten die Auftritte des Nationalen Polnischen Radiosymphoniorchesters unter Lawrence Foster im Ateneu und des Symphonieorchesters London unter Gianandrea Noseda im Sala Palatului. In Anwesenheit des Komponisten eröffnete Foster mit Adrian Pops Solstițiu, einer auf alten Volksliedern aufbauenden Komposition, die im stetigen Anschwellen eine eigene suggestive Dynamik entwickelt und Raum für überraschende Brüche und Wechsel gab. Dem Ausflug in die Gegenwartsmusik stand Chopin entgegen mit dem Konzert Nr. 1 in e-Moll für Piano und Orchester. Das romantische Fließen fand in Szymon Nehrings Klavierspiel ein adäquates Spiegelbild. Foster dirigierte engagiert und nuanciert Chopins frühe Symphonie. Polnisch blieb es mit dem Sprung in die Moderne von Witold Lutoslawskis. Dessen vielfach als Radio- oder TV-Erkennungszeichen benutzte Sequenz aus dem Konzert für Orchester konzentrierte eine rebellisch-laute, schnelle Musik, die mitreißt und im Kontrast zu Chopin einen anderen Zugang zur Welt eröffnet - den der Empörung. 1950-54 entstanden dürften die Zeitläufte hier ihre Spuren hinterlassen haben, wiewohl musikalisch auch hier traditionelle Melodien der Folklore im Hintergrund stehen. Ein packendes und mitreißendes Konzert, das großen Beifall hervorrief.

Am Abend standen Enescu, Bell, Britten, Strauss im großen Saal des Sala Palatului auf dem Programm. Thematisch waren der rumänische und der englische Klassiker durch das Thema des Meeres miteinander verbunden: Enescus außergewöhnliche symphonische Dichtung Vox Maris (op. 31) traf auf Brittens Vier See-Interludien und die Passacaglia aus seiner Oper Peter Grimes. Beide Stücke schienen das Publikum zu überfordern. Während Vox Maris durch Telefongeklingel, Entrüstung und vorzeitige Applausversuche um seine Schlusstakte betrogen wurde, wirkte die Auswahl der Interludien und der Passacaglia so wenig ausstrahlend, dass der eher verhaltene Applaus die durchaus brillante und engagierte Aufführung unter Wert beurteilte. Aber der Auftritt der Damrau mit der Weltpremiere der eigens für sie von dem anwesenden englischen Komponisten Iain Bell geschriebenen Liederzyklus für Sopran und Orchester The Hidden Place machte diese Talsohle wieder wett. Damraus Gesang schmiegt sich den leicht romantisch-elegischen Klängen der vier Stücke zu den Jahreszeiten mit dem Thema der Vergänglichkeit der Liebe perfekt an. Und erobert das Publikum auch mit den Schlussliedern aus der Strauss'schen Oper Capriccio von 1942. So bot dieser Tag von Lutoslawski über Britten bis zu Strauss eine unübersehbare Hinwendung zu den Realien des 20. Jahrhunderts - und ihrem Aufscheinen in der Musik.

 

 

Das Festivalul Internațional "George Enescu" läuft noch bis zum 22.09.2019 in Bukarest und weiteren rumänischen Städten.

 

(Programm hier)


 Das Cymbal lockt

 

 

 

Mercedes Echerer und ihre sensationelle(n) MusikerIn

 

 

 

 

 

 

Foto: ufaFabrik

 

 

 

Für viele ist Rumänien ein Sehnsuchtsland geworden oder geblieben, sei es wegen familiärer Bindung, sei es wegen der dort verbrachten Kindheit, sei es aus späterer Bekanntschaft mit der Landschaft. Diese oft nicht eingestandene Nostalgie, die Auseinandersetzung mit der Erinnerung, die Wahrnehmung von Unterschieden und Gemeinsamkeiten ist das Thema von Mercedes Echerers ebenso unterhaltsamen wie reflektierenden Programm Rumänisches Roulette, das 2 Stunden lang das Publikum der Berliner ufaFabrik in den Bann schlägt.

 

Es beginnt alles mit einer Schachtel und einem Brief, der an eine Nacht in einer rumänischen Polizeizelle in Fleck (Feleacu; Erdöfelek) kurz vor Weihnachten erinnert. Die Protagonistin - es soll sich dabei um autobiographische Erlebnisse von Echerer selbst handeln - hat nach einem Überfall auf ihr Taxi eben dort in der Zelle eine Nacht verbringen müssen, da wegen Verlust von Pass, Handy, Kreditkarte ihre Identität nicht feststellbar ist. Und der Inhalt der Schachtel erinnert sie an diese Nacht und an ihren "Aurel bácsi", den Onkel Aurel, der ein berühmter Sportreporter in Siebenbürgen war. Und an all die Kindheitserlebnisse, wenn die emigrierte Familie wie jedes Jahr aus Wien zurück nach Siebenbürgen fuhr. Die Schauspielerin und Autorin Echerer bringt mit ihrem angenehmen und sehr passenden österreichischen Akzent all die Nuancen dieser Geschichten hervor, wie sie sich zugetragen haben mögen. Ihr Thema ist dabei, die Menschen aus unterschiedlichen Gruppen als solche zu zeigen und in ihrem siebenbürgischen Zusammenleben mit den vielen Sprachen, Religionen, Ethnien lebendig werden zu lassen. Wenn sie vielsprachig eine Romni oder einen jüdischen Musiker darstellt, geht es ihr um das Verbindende der Umgangsformen selbst in Zeiten der Diktatur.

 

Diese Textebene der Erzählung wird getragen von den ergänzenden Interventionen und Illustrationen durch eine wahrhaft berauschende Musik. In dem passenden Interieur des alten Art Nouveau-Saals der ufaFabrik in Berlin entfachen diese Virtuosen ein Feuerwerk der Stimmungen, der Begeisterung und Intensität. Wie passend diese Location für das Programm ist, zeigt sich, wenn die Musiker eine jazzige Kaffehausszene aufrufen oder wenn an die multikulturelle k.u.k.-Welt erinnert wird. Es gelingt ihnen im Handumdrehen, jeden realen Ort (selbst wenn es sich um eine Mehrzweckhalle in Castrop-Rauxel handeln sollte) vergessen zu lassen und eine laute rumänische Hochzeit oder einen Klezmerabend oder ein Zigeunertreffen zu inszenieren. Was etwa Alexander Wladigeroff mit der Trompete macht (manchmal auch mit zwei Instrumenten gleichzeitig!), ist einfach sensationell. Oder L'ubomir Gaspar am Cymbal. Oder der Gitarrist Branko „Bako“ Jovanovic, oder der Geiger Aljosha Biz, oder die Nai-Spielerin Andreea Chira, oder... Überhaupt das Cymbal: mit der Klarinette des Wladigeroff-Bruders und den Trompeten bzw. Posaunen und dem Kontrabass macht dieses Instrument den wirklichen Sound jener Landschaft aus - treibend, akzentuierend, melodiös zugleich.

 

Im Zusammenspiel mit dieser Musik erreichen Echerers Geschichten noch einmal eine besondere Tiefe und Realität. Es gelingt der früheren Europaabgeordneten ganz intuitiv ihre zunächst eher individuelle Erzählung und Darbietung in die große Geschichte der Wende münden zu lassen. Unscheinbare Übergänge liegen in ihren Liedern und Tänzen. Und plötzlich geht es um mehr als nur private Erinnerungen. Das Publikum ist begeistert.

 

Sollte diese Truppe mal in Ihrer Nähe auftreten - nicht verpassen!

 

Mercedes Echerer: Rumänisches Roulette (Theater und Konzert)

Begleitet von den Musiker*innen: Aliosha Biz (Geige), Andreea Chira (Nai), Adrian Gaspar (Klavier), Ľubomír„Lubo“ Gašpar (Zymbal), Imre Lichtenberger-Bozoki (Trompete/Posaune), Branko „Bako“ Jovanovic (Gitarre), Vuk Vasilic (Kontrabass), Alexander Wladigeroff (Trompete/Flügelhorn) und Konstantin Wladigeroff (Klarinette)

 


Enescu global

Das Enescu Festival 2017 festigte seinen Ruf, eines der bestbesetzten Musikfestivals der Welt zu sein

Foto: www.kultro.de

 

September, Spätsommer, Bukarest zwischen Athenäum und Sala Mare a Palatului: Epizentrum der Musikwelt. Aufgeregte Enthusiasten, mehr oder weniger festlich gekleidet eilen über die Calea Victoria am Hilton Hotel vorbei in eine der beiden Aufführungsorte. Dabei hören sie nebenbei noch, was auf dem großen Platz auf einer Bühne geboten wird an kostenfreien Freiluftkonzerten. Tausende füllen das aus kommunistischer Zeit überkommene Betongebäude des Sala Palatului, in dem große Bukarester Massenevents der Musikwelt üblicherweise stattfinden.

 

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Foto: Enciclopedica Publishing House Bucureşti

Iris Barbura wieder entdeckt!

 

Sie war eine der bedeutendsten Tänzerinnen der Moderne aus Rumänien. In Deutschland bei den Legenden Mary Wigman, Gret Palucca u.a. ausgebildet, in Bukarest bald die No. 1 der Tanzszene in den Zwischenkriegsjahren.

Jetzt wurde sie wiederentdeckt - und ihre jahrelange Liaison mit dem Dirigenten Sergiu Celibidache. In Berlin war ihr im Frühjahr 2017 eine faszinierende Ausstellung gewidmet, an der ihre Schülerin Beth Soll teilnahm und als Hommage an ihre einstige Lehrerin eine Einstudierung mit SchülerInnen des Bukarester Liceul de coreografie "Florea Capsali" aufführte. Jetzt gibt es auch eine englischsprachige Biographie mit zahlreichen unveröffentlichten Fotos ...

 

Iris Barbura             Don't think - dance dance dance

 

Es war eine kleine Sensation, die von den lokalen und überregionalen Medien nicht wahrgenommen wurde: Im Frühjahr 2017 veranstalteten die Alexander und Renata Camaro Stiftung, das Centrul Naţional al Dansului Bucureşti (Nationales Zentrum für Tanz) und das Deutsche Tanzarchiv Köln im Camaro Haus in Berlin eine Ausstellung zu der rumänischen Tänzerin Iris Barbura. In bisher kaum bekannten Fotos und Schriften, Zeichnungen, Aufführungszetteln u.ä. wurde plötzlich eine künst-lerische Existenz detailliert sichtbar, die selbst vielen anwesenden Rumänen vorher kein Begriff gewesen war. Dabei begeisterte Iris Barbura in der Zeit um den Zweiten Weltkrieg das Bukarester Publikum mit ihren Tanzauftritten: Sie wurde jüngste Ballettmeisterin am Rumänischen National-theater, gab Soloaufführungen, gründete ein eigenes Tanzstudio. Im Zusammenhang der Ausstellung gab Barburas frühere Schülerin Beth Soll einen beeindruckenden Auftritt, der den expressionistischen Ausdruckstanz Barburas in Andeutungen wieder lebendig machte. Ebenso wirksam erinnerte die tänzerische Hommage an Barbura, die Beth Soll mit SchülerInnen des Lyzeums "Florea Capsali" aus Bukarest einstudiert hat.

Nach Ausbildung im Studio bei Florea Capsali und Aufenthalten in Österreich und Deutschland bei Kreutzberg, Paluca, Wigman, hatte Barbura in Bukarest den Pianisten Sergiu Celibidache getroffen, der damals noch vor allem auf Jazz schwörte. In seiner musikalischen Begleitung gab sie Soloauftritte und tourte mit ihm auch durch Unterstützung des rumänischen Staates in den skandinavischen Ländern. Als Celibidache die Möglichkeit erhielt, in Berlin bei Heinz Tiessen zu studieren, ging auch Iris Barbura wieder nach Deutschland.

In der durch die fatale Teilnahme Rumäniens  am Zweiten Weltkrieg bedingte Annäherung an Hitler-Deutschland bot sich dem Paar trotz der schwierigen äußeren Umstände die Möglichkeit zu gemeinsamen Auftritten und Studium. Barbura wirkte zeitweise wie ein Aushängeschild der gemeinsamen Kulturpolitik der Kriegsverbündeten. Das Ende des Krieges brachte der Tänzerin in Berlin eine schwer wiegende Rückenverletzung durch eine Granate, während Celibidache zum gefeierten Dirigenten der Berliner Philharmoniker aufstieg. In den Trümmern der Stadt trat Barbura mit dem Wigman-Schüler und Maler Alexander Camaro in dem legendären surrealen Künstlerkabarett "Die Badewanne" auf. In der Ausstellung wurden durch die seltenen Aufnahmen, Briefe und Fotos diese Arbeiten der Barbura ungewöhnlich plastisch.

Die einschneidende Trennung von Celibidache und die Unmöglichkeit der Rückkehr ins kommunistisch gewordene Rumänien veranlassten die "Displaced Person" wie viele andere, in die USA auszuwandern. In der Universitätsstadt Ithaca eröffnete sie ein Tanzstudio für den Nachwuchs. Pläne für eine Rückkehr nach Europa oder gar Rumänien realisierten sich nicht - die von Depressionen heimgesuchte Künstlerin nahm sich 1969 das Leben.

Die Berliner Ausstellung und der schmale Begleitband eröffneten den Blick auf eine Künstle-rinnenbiographie, die nach mehr verlangte: genaueren Details der künstlerischen Entwicklung, aus-führlicherer Fotodokumentation, plastischerer Hervorhebung ihres Milieus. Einen entscheidenden Schritt in diese Richtung macht das englischsprachige, reich illustrierte Buch im Album-Format von Alexandru Muşat "Iris Barbura. Don't think - dance, dance, dance". Muşat ist ein emeritierter Medi-zinprofessor von der Universität Madison/Wisconsin, der seit Jahren eine akribische Recherche zu Celibidache und Barbura durchführte und jetzt viele Quellen und Dokumente erstmals publiziert, so dass eine solide Basis der Biographie von Iris Barbura entstanden ist. Der Glücksfall bei dieser Suche war die Bekanntschaft mit dem Tänzer Vergiu Cornea, der seit der Kindheit in Rumänien Barbura kannte, mit ihr ein Studio gründete, auch in Berlin wohnte und dann in Ithaca mit ihr zusammen arbeitete. Trotz vieler Verluste von Material im Laufe der Jahrzehnte gelang es Muşat, von der Geburt in Ineu bei Arad an über die Bukarester und Berliner Jahre bis hin zu ihren Schülerinnen in Ithaca Dokumente, Fotos und Personen auffindig machen, die das Bild der Tanzkünstlerin Iris Barbura endgültig dem Vergessen entreißen. Hingewiesen sei nur etwa auf das Kapitel, das Celibidaches Wirken in der Bukarester Tanzschule skizziert und seine initiale Bekanntschaft mit Barbura. Wie gedruckte Briefe und Tagebuchaufzeichnungen aus der Bukarester künstlerischen Szene belegen, bewegte sich Barbura in jener Zeit in den Kreisen um Nae Ionescu, Mircea Berindei, Lucia Popovici-Lupa, die auch Verbindung zu dem Schriftsteller Mihail Sebastian hatten.

Durch die beiden durch das Deutsche Tanzarchiv Köln unterstützten Unternehmungen wurde am Beispiel dieser herausragenden Vertreterin des expressionistischen Ausdruckstanzes Rumänien wieder auf der Karte des europäischen modernen Tanzes sichtbar gemacht.

 

Tribute to Iris Barbura. Hg. v. Centrul Naţional de Dans Bucureşti u. Deutsches Tanzarchiv Köln. Rumänisch-deutsch. ISBN 978-973-0-24013-9, 107 S., zahlr. Abb.

 

Alexandru Muşat: Iris Barbura. Don't think - dance, dance, dance. Encicopledia Publishing House, Bukarest 2017, ISBN 978-973-45-0736-8, 127 Seiten, zahlr. s/w-Abb.

 

 

Iris Barbura

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Foto: Color Studio, Bukarest (Aus: Muşat, Iris Barbura)


Theater in Iaşi und Piatra Neamţ

Für die Nordmoldau sind sie Leuchttürme des Theaterbetriebs: das "Teatru Naţional 'Vasile Alecsandri'" in Iaşi und das "Teatru Tineretului" (Theater der Jugend) in Piatra Neamţ haben eine lange Tradition der Bühnen und der Nachwuchsförderung. Ihre Baulichkeiten wurden vor einigen Jahren renoviert.