FORTSETZUNG MÖCKELMANN
Die Orientierung des Autors an diplomatischen Details der Entwicklung führt zu den wenig bekannten drei Episoden des Austauschs von jüdischen Palästinabürger*innen und deutschen Palästinabürgerinnen ("Palästinadeutschen" und "jüdische Palästinenser", 133): Die Deutschen waren 1941 meist Angehörige der Templergemeinschaft (nicht des Ordens), die Polinnen Jüdinnen auf Besuch, die vom Krieg in Polen überrascht wurden. Die Templer*innen waren meist pro-nazistisch eingestellt und hissten Hakenkreuzfahnen in Jerusalem, wohin die religiöse Gruppe aus Baden-Württemberg im 19. Jahrhundert ausgewandert war. Später wurden besondere Zertifikate für bestimmte KZ-Internierte erlassen, die ausgetauscht werden sollten. Ihre Zahl war selbst nach jahrelangen Bemühungen eher gering, Listen wurden immer wieder geändert, weil die ursprünglich Aufgeführten "verstorben" waren. Die NS-Politik war von der forcierten Emigration zu deren Verbot und zur Vernichtung der jüdischen Bevölkerung Europas übergegangen. Die wenigen ausgetauschten Palästinaankömmlinge gehörten zu den ersten, die vom Ausmaß der Ermordungen in den Lagern berichten konnten.
Mit der Niederlage der Wehrmacht in El Alamein (Nov. 1942) und der baldigen Landung in Sizilien sahen sich die JA-Verantwortlichen angesichts der Berichte aus den KZs genötigt und in der Lage, ein Rettungskomitee in Istanbul mit dem Kern der Yishuv-Histradut und des Ha'Mossad einzurichten. Die durch den in Sofia resiiderenden "Judenreferenten" Dannecker beeinflusste Rücknahme der Ausreiseerlaubnis von mehr als 4000 jüdischen Kindern aus Bulgarien veranlasste Großbritannien im Juli 1943 die "Feindstaatenklausel" als auch das Verbot der Einreise nach Palästina endlich aufzugeben. Allerdings wurde die türkische Regierung von dieser Entscheidung erst im Januar 1944 informiert. Bereits seit 1942 gab es verstärkte Bemühungen, Kinder aus Ungarn von der Zertifikatsliste auszunehmen und in gesonderten Transporten nach Palästina zu bringen. Aus kroatischen und ungarischen Ghettos wurden von 271 vorgesehenen Kindern und Jugendlichen lediglich 194 bis März 1943, als die bulgarische Grenze geschlossen wurde, gerettet. Zugleich stoppte aber Bulgarien die von den Deutschen geforderten Deportationen in die Vernichtungslager.
Auf solche immer wieder neuen Konstellationen reagierte in Istanbul das ebenso komplexe Geflecht von widersprüchlichen türkischen, britischen, deutschen (Boschafter von Papen), jüdischen, bulgarischen, amerikanischen Interessen, das mühevoll auszutarieren, um Transporte über die Türkei nach Palästina zu ermöglichen, letztlich schnelle Rettungsmaßnahmen im großen Stil verhinderte. Bei einer Konferenz auf den Bermudas verhandelten Briten und die USA im März 1943 über die Flüchtlinge, ohne aber die Juden zu erwähnen und konkrete Ergebnisse zu liefern. Immerhin wurden für kurze Zeit Auffanglager für 10000 Flüchtlinge aus Griechenland eingerichtet, die dann trotz der zunehmenden Transportschwierigkeiten mit den Eisenbahnen weitergeleitet werden konnten.
Von Constanța sollte das Schiff Belasitsa als Shuttle mehrmals in der Woche fahren und Tausende Kinder transportieren, aber erst Ende 1943 gelang ein einzelner Transport mit dem Schiff von Constanța nach Istanbul und dann auf dem Landweg nach Palästina. Es trug 273 rumänische Kinder (darunter 170 aus Transnistrien) ins rettende Palästina. Angesichts der drohenden Niederlage erlaubte das rumänische Regime weitere Transporte mit anderen Schiffen. Im Frühjahr 1944 waren es 1700, im Juli kamen mit der Kazbek 752 Flüchtlinge in Istanbul an (darunter 256 Kinder aus Transnistrien). Im August wurde die Mefkure, die mit der Bülbül und Morina im Verbund fuhr, mit 390 Flüchtlingen an Bord 75 km vor Istanbul versenkt. Nur 10 Menschen überlebten. Über die Herkunft des angreifenden Schiffes gehen die Meinungen auseinander. Im Sommer schafften es 4 Transporte, 1300 Flüchtlinge in Sicherheit zu bringen.
Mit aufgestocktem Botschaftspersonal wurde in Istanbul die gewachsenen Rolle der USA im Kriegsgeschehen auch bei Hilfsaktionen reflektiert. Aber auch Ira Hirschmann und der neue US-Botschafter Steinhardt konnten, wie ein Kapitel anschaulich zeigt, im diplomatischen Pingpong-Spiel der Interessen keine regelmäßige Schiffsverbindung zwischen Rumänien und Istanbul herstellen. Das hierfür vorgesehen Schiff Tari brachte nur einmal im Dezember 1944 (als Rumänien längst auf Seiten der Alliierten stand) 1000 Flüchtlinge an den Bosporus, von wo sie nach Palästina gelangten.
Über die Jahre seit 1942 bis Kriegsende fanden mit Rumänien und der Slowakei Verhandlungen über mögliche Rettungen von Geflüchteten durch Lösegeldzahlungen statt, die für Rumänien bereits ein Jahr nach der Deportation nach Transnistrien auf Initiative von Antonescu begonnen wurden, aber letztlich am Einspruch der Nazis scheiterten. Im März 1942 begann in der Slowakei unter dem Priester Tiso der Abtransport von 60-80000 Juden in die Vernichtungslager. Durch Bestechung des korrupten, mörderischen deutschen "Judenberaters" Dieter Wisliceny schienen erste Transporte nach Lublin gestoppt worden zu sein, so dass ein größerer Europaplan zur Aussetzung der Deportationen durch Zahlung längere Zeit in Betracht gezogen wurde. Gerettet wurden nur wenige slowakische Juden und Jüdinnen durch illegale Fluchthelfernetzwerke. Lösegeldzahlungen oder Materiallieferungen als mögliches Mittel gegen die Vernichtung sollten auch im Falle des von Eichmann und Wisliceny organisierten grausamen Massenmords an den nach Ungarn Geflüchteten und den ungarischen Juden und Jüdinnen vom März 1944 an eine Rolle spielen. Letztlich scheiterten sie an der unvorstellbaren "Konsequenz" der rassistischen Tötungsabsichten der Deutschen.
Diese betrafen gegen das absehbare Ende des Krieges vor allem das im März 1944 besetzte Ungarn, wo verzweifelte Maßnahmen der Hilfsorganisationen zur Rettung liefen, die aber wenig Erfolg hatten gegenüber der deutschen Mordmaschinerie von Eichmann, Krumey, Dannecker, Wisliceny u.a. Wiewohl die Alliierten die Visa-Restriktionen für jüdische Ungarn beseitigten, gelang es nicht, Aufnahmeländer außerhalb von Palästina zu finden, in die die Nazis die Ausreise erlaubten. Zwar konnten auch durch Druck auf den ungarischen Diktator Horthy die Deportationen in die Vernichtungslager gestoppt werden, aber bis dahin hatte die barbarische "Vernichtungspolitik der Deutschen und ihrer ungarischen Helfer" (245) 440000 der 650000 jüdischen Ungarn ermordet. Im Zusammenhang mit diesen Verhandlungen tauchen die bekannten Namen von Robert Kasztner, Raoul Wallenberg oder Karl Lutz auf, die die Verhandlungen mit den Nazi-Brokraten führten. Hier geht der Autor auch auf die jahrelange Hilfstätigkeit des päpstlichen Nuntius in Istanbul, Angelo Roncalli, ein, der immer wieder den Vatikan informierte und um Schutz bat - viel zu selten mit konkretem Erfolg in der vatikanischen Bürokratie. (1958 wurde Roncalli Papst Johannes XXIII.)
Im August 1944 brach die Türkei ihre diplomatischen Beziehungen zu Nazi-Deutschland ab, ohne in den Krieg einzutreten.Dies hatte Auswirkung auf einen Teil der exilierten Wissenschaftler, die in Anatolien interniert wurden, wo sievon Alexander Rüstow, Ernst Reuter u.a. in einem Unterkomitee des IRRC über ein Jahr lang unterstützten. Mit dem Abzug der italienischen Truppen aus Griechenland und Übernahme durch die Wehrmacht standen die noch in dem Land verbliebenen Juden unvermittelt vor der Gefahr deportiert zu werden und flüchteten über die griechischen Inseln in die Türkei. Nur zögerlich nahm die Türkei in Frankreich lebende jüdische Türk*innen auf, so dass von 10000 nur 414 in die Türkei zurückkehren konnten.
Nach dem Frontwechsel Rumäniens am 23. August 1944 konnte später im Dezember das Schiff Toros 907 Flüchtlinge nach Istanbul bringen, darunter viele Kinder aus "Transnistrien". Weitere 1000 Menschen konnten von Bukarest aus nach langwierigen Grenzkontrollen in 3 Eisenbahnzügen durch das von der Sowjetunion besetze Bulgarien Istanbul erreichen.
Letztlich erreichten 13000 Menschen aus Südosteuropa Istanbul als Transitstation auf dem Weg in das rettende Palästina.
Die letzten Kapitel widmet der Autor der geschichtspolitischen Dimension der Rettungsversuche, die etwa der nazideutsche Botschafter Papen nutzte, seine Rolle hervorzuheben. Die Türkei versuchte, sich als "Retternation" darzustellen. Abschließend werden auch die Auseinandersetzungen in den Nachwendestaaten in Osteuropa dargestellt, die sich vielfach der IHRA angeschlossen haben und etwa den Holocaust-Tag am 27. Januar begehen, den Tag der Befreiung von Auschwitz.
Möckelmanns Buch trägt eine erfreulich große Menge an Dokumenten, Aussagen, Schriftverkehr, Erinnerungen, Forschungsliteratur zusammen, um in einer gelegentlich etwas diplomatisch-'objektivierenden' aber auch eher sarkastischen Sprache jene Bemühungen anschaulich zu machen, die zur Rettung von Millionen Unschuldiger aufgeboten wurden und häufig an der deutschen Mordmaschinerie scheiterten. Es ist der präzise Blick auf die diplomatischen Vorgehensweisen und vor allem auch ihre Restriktionen, Unwägbarkeiten in, aber auch gelegentliche Distanzierung von juristischen, politischen, menschlichen Gegebenheiten, die erstmals die entscheidenden Abläufe für Südosteuropa in der Türkei deutlich erkennen lassen. Damit wird neben dem auf die rumänische Situation fokussierten Buch von Mariana Hausleitner über Hilfe in Rumänien für verfolgte Juden (Eine Atmosphäre von Hoffnung und Zuversicht, 2020) unter erstmals für den deutschsprachigen Raum gerade die größere Perspektive der Rettung von Istanbul aus in die Beschäftigung mit dem Kriegsgeschehen und dem Holocaust in Rumänien, dem Balkan und Nahen Osten eingenommen. Dabei kommen eine Vielzahl von wenig oder unbekannten Details zur Ansicht, die es wert sind, in das Bild des Geschehens einzugehen, dessen Wirkung bis in die aktuelle Gegenwart nicht zu übersehen ist. Viele der von Möckelmann herangezogenen Quellen sind mittlerweile im Internet zugänglich und es ist ein nicht geringes Verdienst des Buches, dass stichprobenweise alle die zitierten Links auf digitalisierte Dokumentensammlungen auch funktionieren, so dass jede/r Interessierte in kurzer Zeit selbst einen Blick auf die erschütternden Dokumente des diplomatischen Verkehrs werfen kann. Durchaus hätte auch die ein oder andere Quelle etwa aus VEJ 13 (Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945, Bd. 13 Slowakei, Rumänien und Bulgarien; 2018) zu den Rettungsversuchen von transnistrischen Deportierten stärker berücksichtig werden können, da sie immer wieder auch die Türkei als Transitland erwähnen. Aber solche auf einzelne Länder bezogene Einbindung in Rettungsversuche wären als Anschlussforschungen auch für andere Länder gewinnbringend.
Möckelmanns Darstellung endet mit dem Satz: "Die deutsche Öffentlichkeit konnte sich ihrerseits zum Ende der Weimarer Republik aufgrund der in den 1920er-Jahren intensiv geführten Debatte über das Los der Armenier durchaus vorstellen, mit welchen Mitteln die NS-Führung ihre Rassenideologie umsetzen würde – ein zusätzliches Indiz für die schuldhafte Verstrickung der Deutschen in den Holocaust."
Reiner Möckelmann: Transit Istanbul Palästina. Juden auf der Flucht aus Südosteuropa.
wbg Theiss Verlag Darmstadt 2023
368 Seiten, 19 Abb.
ISBN 978-3-8062-4560-8