Die unbekannte Front

 

Fortsetzung...

 

 

Der zweite Teil des Sammelbandes beschäftigt sich mit "Militär und Bevölkerung", was insbesondere auf die Besatzung Südrumäniens, aber auch auf die Lage in Siebenbürgen am Beginn des Krieges gemünzt ist. Anlass für dieses Kapitel sind zudem die generellen Überlegungen zum Verhältnis von Soldaten und Zivilisten in der Kriegssituation. Mit-Herausgeberin Gundula Gahlen nimmt das aktuell in der Forschung diskutierte Problem der Überschreitung der Kriegshandlungen über die Hegungsabsichten der Den Haager Landkriegsordnung hinaus zum Anlass, den Unterschied der German atrocities an der Westfront zu dem Verhalten gegenüber den Siebenbürgern und Rumänen herauszuarbeiten. Allerdings bleibt die Frage, was "Gewalt" im Krieg sei, etwas unbestimmt, so dass die Entscheidung, ob die Rumänienfront "eine Schule der Gewalt" gewesen sei, kaum zu treffen scheint: Ist die Requirierung von Hühnern eine dem Zerfetzen von Menschenkörpern vergleichbare Form von "Gewalt"?

Konkret mit der Konfrontation von Militär und Bevölkerung setzt sich Olivia Spiridon intensiv auf der Basis publizierter Zeugnisse auseinander, die unterschiedliche Haltungen im komplexen ethnischen Beziehungsgeflecht Siebenbürgens während des Verlaufs von Frontgeschehen, Flucht und Befreiung widerspiegeln. Im Zentrum stehen die "Sachsen" als deutsche Minderheit, die neben Ungarn und Rumänen in der Habsburger Monarchie lebten, und von den deutschen Truppen wegen ihrer Sprache und Traditionen bestaunt wurden. Mit den siebenbürgischen k.u.k.-Rumänen entwickelten sich während des rumänischen Angriffs neue Formen der Beziehung, die bald von dem Kontakt mit den deutschen Soldaten abgelöst wurden - alles in allem ein ziemlicher Schock für das "Burg-Gefühl" der Siebenbürger Sachsen.

Drei Beiträge beschäftigen sich mit der hierzulande immer noch wenig bekannten Besatzungsperiode Südrumäniens durch die Mittelmächte. Sehr entschieden macht David Hamlin die englische Hungerblockade als Ursache aus für die bereits in den deutschen Marschplänen auftauchenden Forderungen nach Ausbeutung der rumänischen Wirtschaft für die heimische Versorgung und die Kriegsfortführung: Es sei die rigorose Abschließung Deutschlands vom Weltmarkt durch die englische Strategie gewesen, die Rumänien der deutschen Kriegsführung vor allem als Quelle neuer Ressourcen (Öl, Getreide) erscheinen ließ. Dies sei unter Ausbau der Infrastruktur und finanziell-ökonomischer Maßnahmen auch durchgesetzt worden. Als 'Juniorpartner' dieser Besatzung erscheint das österreich-ungarische Militär, das nur mit einem Bevollmächtigten bei der deutschen Besatzungsverwaltung vertreten war, wie Harald Heppner auf der Basis zahlreich vorhandener, bisher kaum erschlossener Akten aus Wien zeigt. Neben dieser Darstellung entwirft Heppner auch das theoretische Problem des "Labyrinths der Zugänge", die die Diversität swe Quellen für eine historische Darstellung bedeuten können. Noch einmal das rumänisch-bulgarische Verhältnis thematisiert Daniel Cain, als Bulgarien neben dem Osmanischen Reich als noch weniger wahrgenommene Partner der Deutschen die Besatzungsmacht teilten. Cain resümiert die Vorgeschichte der gespannten Beziehungen seit den Balkankriegen, die Bulgarien als "Besatzer" besonders schwierig für die rumänische Eigenperspektive machten.

Der eher konventionelle Dreischritt des Buchaufbaus wird abgeschlossen durch Aufsätze zur Erinnerungskultur, die natürlich nur Splitter der umfangreichen Thematik darstellen können.  Romanița Constantinescu fragt sich in ihrem erfreulich ausführlichen Beitrag, weshalb die für Rumänien verheerende Niederlage von Turtucaia/Tutrakan nicht als "rumänisches Verdun" in das kollektive Gedächtnis einging. Am Beispiel der Texte von George Topârceanu, dem satirischen Dichter aus Iași, der sowohl Turtucaia erlebte als auch lange Zeit in bulgarischer Kriegsgefangenschaft (u.a. mit dem Maler Nicolae Tonitza) verbrachte, geht Constantinescu differenziert auf die politischen und psychologischen Aspekte ein, die nach 1919 in România Mare das Gedenken an Turtucaia verschütteten und nur die Siege von Mărești und Mărășești aufbauschten. Sie streift dabei auch die Frage der Unterteilung der rumänischen Eliten in ententiștii und germanofilii. Geht Topârceanu auf die bulgarische Lagerwelt ein, so widmet sich Mihai-Octavian Groza dem wenig erforschten Thema der rumänischen Kriegsgefangenen in Deutschland und Österreich-Ungarn. Knapp resümiert Groza die vor allem in Rumänien betonte hohe Zahl der in den Lagern gestorbenen Rumänen, die je nach Schätzung bei 40% oder bei 20% gelegen habe. Im Kontrast dazu sei generell die Lage der Kriegsgefangenen in österreichisch-ungarischen Lagern deutlich besser gewesen. Zudem weist Groza auf den erfolglosen Versuch des desertierten Offiziers Cuza hin, aus rumänischen Kriegsgefangenen eine ähnlich der bei den Serben gebildeten Legion auf Seite der Mittelmächte zu bilden. Den literarischen Echos der Rumänienfront im deutschsprachigen Bereich gehen Dieter Storz und Ralf Gnosa an 3 Beispielen nach. Storz beschäftigen zunächst Fragen der literaturtheoretischen Einordnung von Kriegserinnerungen zwischen Autobiographien und Roman, sein Beispiel Infantrist Perhobstler von Wilhelm Michael (Schneider) (1929) trägt die Bezeichnung "Roman", komme aber der Autobiographie nahe, da zahlreiche Details sich wirklichkeitsnah an den Kriegserlebnissen des Autors an West- und rumänischer Front orientierten. Das andere Beispiel von Storz ist Gerhard Velburgs Rumänische Etappe (1930), das ausführlich die Bürokratie der Besatzungsverwaltung und den Blick auf Land und Leute thematisiert. Das unter Pseudonym erschienene Buch von Bogislav Tilka ist erfolgreich vor wenigen Jahren in rumänischer Übersetzung erschienen. Gnosa nimmt sich in seinem, den Textteil abschließenden Beitrag das Rumänische Tagebuch von Hans Carossa vor, das ebenso präzise in seiner Binnengeschichte der Werke vorgestellt wie in der ästhetischen Konzeption interpretiert wird. Gnosa erkennt darin die Anwendung des Prinzips der "Umwandlung", das Carossas Ästhetik und Weltanschauung generell bestimme und auch das Verhältnis von Kriegserlebnis, Tagebuchaufzeichnung und literarischer Gestaltung als Buch kennzeichne. Eine Fülle von Hinweisen auf weitere Bezugnahmen auf die rumänische Front in Carossas Werk stellt einen weiteren Gewinn dieses informativen und durchdachten Aufsatzes dar.

 

Dem Band sind einige teils farbige Karten, Diagramme, Fotos sowie eine Bibliographie, Namen- und Ortsregister und englische Abstracts beigegeben - an manchen Stellen wären weitere topographische Skizzen hilfreich gewesen und das Eingehen auf Fotos aufschlussreich. Technisch fällt die Häufigkeit von Abschnitten mit zu großen Spatien in den Zeilen auf, bei einem Beitrag sind die Kolumnentitel vertauscht.

 

Insgesamt stellt der voluminöse Band 20 begrüßenswerte Bezugnahmen auf die im deutschsprachigen Bereich bisher weitgehend unerforscht gebliebene Front in Rumänien dar. Wie in seinem rumänischen Pendant "The Unknown War" from Eastern Europe bieten auch hier Überblicksbeiträge (Volkmers, Vermeiren, Spiridon, Uyar) profunde Einführungen in die politische und militärische Situation um 1916, während  Spezialstudien vertieft neue Aspekte zur Sprache bringen (Bader, Segesser, Constantinescu, Schulz, Šarenac, Gahlen). Es kommen die komplexen strategischen und politischen Perspektiven der rumänischen Gegner Bulgarien und Osmanisches Reich zur Sprache, wie auch die ökonomischen Voraussetzungen und die unterschiedlichen Perspektiven der Mittelmächte. Besondere Aufmerksamkeit gewinnt zu Recht das Besatzungsregime und die Dobrudscha als Front- und Besatzungszone in der Auseinandersetzung mit Bulgarien. Zugleich ist nicht zu übersehen, dass etwa das Feld der Erinnerungskultur weiterhin reiche Gelegenheiten für Forschungen bietet, was ebenso auf die transnationalen Systeme der Kriegsgefangenenverwaltung oder die besondere Situation in Iași nach der Flucht der Regierung und des Hofes zutrifft. Für die Erforschung der rumänischen Front im Ersten Weltkrieg bedeutet der vorliegende Band im deutschsprachigen Bereich einen Meilenstein dar.

 

 

Gundula Gahlen, Deniza Petrova, Oliver Stein (Hg.): Die unbekannte Front. Der Erste Weltkrieg in Rumänien. Campus Verlag Frankfurt/New York 2018 (Krieg und Konflikt Bd. 4), 562 Seiten, ISBN 978-3-593-50961-7, zahlreiche Abb. u. teils farbige Karten