... Übersetzungskulturen

 

Geisteswissenschaftlicher Dialog

 

 

Im akademischen Feld hat eine der am intensivsten rezipierten Übersetzungstheorien Walter Benjamin anlässlich seiner Übersetzungen von Gedichten Baudelaires formuliert. Der zur Kritischen Theorie gezählte und neben (oder vor) Th. W. Adorno global wirkmächtigste Vertreter einer komplexen Amalgamierung von marxistischer Geschichtstheorie und antimimetischer Ästhetik konstruierte aus der Einsicht in die unterschiedlichen Sphären und Entwicklungen der Sprachen eine Theorie der Übersetzung, die Gabriel Kohn in der von Benjamin gebrauchten Metapher der „Scherben“ auf die Situation der rumänischen Benjamin-Übersetzungen überträgt. Die „ohrenbetäubende Stille“ nach einzelnen früheren Übersetzungen scheint allmählich überwunden, es entsteht eine „Transfergemeinde (Herausgeber, ÜbersetzerInnen und Kommentatoren)“, die allerdings noch kein einheitliches Projekt wie im Falle der Freud-Übersetzungen in Frankreich bildet. Kohn erkennt in den unterschiedlichen Weisen des Übersetzens der Benjaminschen Werke einen offenen Dialog, der Benjamins Übersetzungstheorie nahe komme – rigorose Entscheidungen und Bewertungen treten dabei in den Hintergrund. Hans Neumann hingegen sieht die rumänische Übersetzung der komplexen „Er-kenntniskritischen Vorrede“ zu Benjamins Ursprung des deutschen Trauerspiels durchaus kritisch.

Im nächsten Kapitel wird der Band noch konkreter, wenn ÜbersetzerInnen über ihre Erfahrungen mit einzelnen Texten berichten. Christian Ferencz-Flatz, dessen Übertragung von Benjamins Einbahnstrasse von Kohn hervorgehoben wird, entwickelt sehr überzeugend von Benjamins Fragment eines Gesprächs mit Günter Anders im Pariser Exil über das Für und Wider von Übersetzungen ausgehend das Konzept der Sprachsituation, wie es auch bei Heidegger als „hermeneutische Situation“ formuliert wird. Sprachsituation meine die unterschiedlichen historischen Kontexte, in denen sich jede Sprache befindet. Heidegger fordere daher bei der philosophischen Rekonstruktion auch das Mitdenken dieser Unterschiede, während für Benjamin die Sprachsituation eine Grenze der Übersetzbarkeit darstelle, nämlich die „Einbettung in einen bestimmten geschichtlichen Zusammenhang“. Als Konsequenz resultiere, „dass die Übersetzung darauf verzichtet, als ein genaues Äquivalent des Originals zu fungieren.“ (Ferencz-Fratz) Vielmehr komme es wie in der Geschichte auf ein Aufblitzen an – das „Jetzt der Erkennbarkeit“. Ob und / oder wie diese Theorie praktisch werden könne, ist auch unter Benjamin-Experten nicht eindeutig geklärt.

Mit Benjamins Übersetzungstheorie beschreibt auf ähnliche Weise Romanița Constantinescu Übersetzerin von Wolfgang Isers Der Akt des Lesens – das komplexe Verhältnis von Wirkungs- und Rezeptionsästhetik. Es gelingt ihr das schwierige Kunststück, Benjamins Übersetzungstheorie zugleich nachvollziehbar zu machen und in Beziehung zur Rezeptionstheorie zu setzen. Wenn Constantinescu Paul Celans Rede von der Flaschenpost der Übersetzung in diesem Zusammenhang anspricht, so weißt dies auf Ramona Trufins Miszelle zur Übersetzung von zwei Gedichten Tudor Arghezis durch den Czernowitzer Dichter hin, wie aber auch zurück auf Cistelecans Darlegungen zur weitgehenden Beschweigung der Kritischen Theorie. Spielt für die rumänische Szenerie Heidegger eine größere Rolle, so sind dabei die nicht wenigen Überkreuzungen zu Benjamins Auseinandersetzung mit dem Begriff der Intentionalität zu übersehen. Gabriel Cercel, Promotor einer Rezeption der Phänomenologie in Rumänien, stellt den Erwartungshorizont von Übersetzungen an seiner eigenen Mitarbeit am Projekt der rumänischen Edition von Hans-Georg Gadamers Wahrheit und Methode als hermeneutische Grenzerfahrung dar. Eine Benjamin ähnliche Metaphysik der Sprache zeichnet auch den Philosophen und Dichter Lucian Blaga aus, dessen vom „Fall“ aus den paradiesischen Zuständen ausgehendes Denken in einem bemerkenswerten Projekt von Rainer Schubert ins Deutsche transportiert wurde, während Radu Gabriel Pârvu mehrere Jahre mit „Schopy“ Schopenhauer verbrachte, um dessen in der rumänischen Geistesgeschichte sehr einflussreiches Hauptwerk Die Welt als Wille und Vorstellung zu übersetzen.

So gelangt der anregende, seine Fragen und Themen auf mehreren Ebenen geschickt miteinander verwebende Band wieder zur Klassikerrezeption zurück, die ohne Über-setzungen kaum realisierbar wäre. Mircea Flonta, Philosophieprofessor in Bukarest, hält daher im Gespräch mit Mădălina Diaconu ein Plädoyer für das Übersetzen in der Philosophie– wie immer schwierig und manchmal unterbewertet dieses auch sei.

 

 

Andrei Corbea-Hoișie, Mădălina Diaconu (Hg.): Geisteswissenschaften im Dialog: Deutsch-Rumänisch / Rumänisch-Deutsch. Editura Universității „Alexandru Ioan Cuza” Iași /Hartung-Gorre Verlag Konstanz 2016 (Jassyer Beiträge zur Germanistik / Contribuții ieșene de germanistică XIX), 280 S., ISBN 978-3-86628-559-0 (Hartung-Gorre) bzw. 978-606-714-248-8 (Editura Universității)