Fortsetzung

Dom, Loyalität Moldova Minderheiten

 

 

 

Im Detail geben die Interviews interessante Perspektiven der beiden Minderheiten auf politologische und soziologische Fragen im Zusammenhang mit Loyalität, Staatsverständnis, Eigen- und Fremdsicht, historische Entwicklungen und vor allem hinsichtlich der Abgrenzung gegenüber der "rumänischen" Bevölkerung und den staatlichen Eliten ab. Dom diskutiert sehr differenziert die unterschiedlichen Aspekte und Optionen in der moldauischen Gesellschaft, wie sie seit der Staatsgründung sich zeigten. So geht sie der sowjetischen Prägung, die sich insbesondere im Überdauern der sowjetischen Infrastruktur und den Bildungsinstitutionen der Minderheiten zeigt, ebenso nach wie sie die ökonomischen Probleme als Legitimationsdefizite des neuen Staates aufscheinen lässt.

 

Großes Gewicht erhalten die "Erwartungsenttäuschungen" bei den Minderheiten nach der Übernahme der Macht 1989 durch die "Volksfront". Hierunter fasst die Autorin die entlegitimierenden Krisen, politischen Brüche und korrupten Strukturen, die den Bestand der jungen Republik in Frage zu stellen und den Kontrast zur "Stabilität" der Sowjetunion aufzuzeigen schienen. "Ausgangspunkt der Erwartungsenttäuschung ist der Beginn der Transformation, der Schock, der in den Erinnerungen der Befragten von oben über sie hereinbrach und sie einer Lawine gleich erfasste." (107) Ebenso führten in diese Richtung "die symbolischen und kulturellen Loyalitätsangebote des moldauischen Staates, mit denen die Befragten nicht viel anfangen können, denn sie richten sich an eine Ethnonation, die Zuordnungsleistung der mitfeiernden Bürger der moldauischen Nation bleibt also nur auf Angehörige der Titularnation beschränkt." (115) Ein Beispiel hierfür sei der zentrale Staatsfeiertag "Limba noastră", der die Einführung des Rumänischen als Amtssprache begeht, ohne zu bedenken, dass ein Teil der Bevölkerung diese Sprache gar nicht spricht, mithin er für diese auch kein Identifi-kationsangebot bedeuten kann.

 

Diese durch weitere Defizite des jungen Staates und durch ökonomische Krisen potenzierten Erwartungsenttäuschungen produzieren notwendigerweise Nostalgien nach der vergangenen Sowjetunion. Dom führt sie an den 3 Typen der Interviewten exemplarisch vor. Für den Sowjetorientierten stellt naheliegenderweise die Sowjetunion mit ihrer geplanten Wirtschaft, dem System der sozialen Absicherung, den kulturellen Legitimationspraktiken der Auszeichnungen und Feiertage das zwar unteregangene, aber bessere Modell dar. Die "restaurative Nostalgie" der "Verfechter der russischen Welt" sieht darüber hinaus die russische Mission der Zivilisierung des in ihrer Ansicht eigentlich vor allem von Bauern besiedelten Territoriums der Moldau - ein Niveauunterschied, den dieser Typus auch sprachlich an der Überlegenheit des Russischen gegenüber der moldauischen Variante des Rumänischen betonen möchte. Hingegen sieht der Typus des "Integrierers" wenig Anlass für solche Nostalgien. Er und auch VertreterInnen des Typus "sowjetische Ordnung" entwickeln durchaus auch patriotische Gefühle für das Land Moldova, das Dorf, die Landschaft.

 

Statistisch ordnet Dom aus ihrem Sample von 32 Interviews dem Integrierer "etwas weniger als ein Viertel", dem "Anhänger der sowjetischen Ordnung" die Hälfte und dem Typus "Verfechter einer russischen Welt" "etwas weniger als ein Drittel der Einzelfälle" zu, die zudem je nach Gender,  Stadt-Land-Differenz, sozialer Beschreibung oder Alter differenziert werden können.

 

Die bereits in der Einführung gemachte Differenz der in dem Interviewsample aufscheinenden Haltungen von Angehörigen der russischen und ukrainischen Minderheit zu dem medial und publi-zistisch verbreiteten Bild der Minderheiten wird in einem eigenen Kapitel über institutionelle For-schung und Propagierung von Minderheitenthemen näher beleuchtet. Darin untersucht Dom "Minder-heitenaktivisten", die am Institut für Interethnische Forschungen der AMȘ (Academia de Științe Moldova), der privaten "Slawischen Universität" in Chișinău und/oder an der "Taras Ševšenco"-Universität in Tiraspol arbeiten und durch Aufsätze, Bücher, Vorträge die beiden Minderheiten wissenschaftlich repräsentieren. Diese überschaubare Gruppe von Geisteswissenschaftlern (etwa 50) hat vielfach noch in der Sowejtunion ihre Karriere begonnen, bevor sie in die Moldau kamen. Dom verortet ihre generelle Haltung in einer meist prorussischen Perspektive, die deutlich die SU oder Russland unter Putin als Vorbild propagiert. Einige der Akademiker mussten von Chișinău nach Tiraspol wechseln, um weiterhin in einem institutionellen Rahmen arbeiten zu können. Arbeitsfelder sind häufig die russische Memorialkultur in der Moldau, insbesondere zum Zweiten Weltkrieg, die Puschkin-Verehrung, die Industrialisierung. Theoretisches Vorbild ist für einige der umstrittene russische Philososph Julian V. Bromley mit seiner Ethnos-Theorie.

 

Wiewohl sehr aktiv, ist die Wirkung der "antiokzidentalen Mobilisierungsversuche" dieser Wissen-schaftler kaum nachvollziehbar, da die zahlreichen Minderheitenvereine mit ihren Publikationsforen kaum auf ein großes Publikum treffen. Insofern ist daher die Darstellung der "Minderheitenaktivisten" von den Interviewanalysen abgekoppelt. Dies gilt auch für die folgenden, sehr substantiellen Beschreibungen des moldauischen Eigenverständnisses ("nationale Metanarrative") und ihre Beziehung zu den Minderheiten (212-243). An den antagonistischen Positionen der "Rumänisten" und "Moldovanisten" kritisierten jüngere Autoren deren Politisierung von Geschichte und die Fokus-sierung beider Strömungen auf ethnozentristische Nationskonzepte. "Die diesem Konzept verbundenen Politikwissenschaftler treten für ein staatsbürgerliches Nationskonzept im Rahmen einer europäischen Identität ein, das die ethnischen Minderheiten einschließt." (217) In diesem Teil werden auch komplexe Staatsbürgerschaftsfragen und die Situation der PRM ausführlich diskutiert. Möglicherweise wäre eine engere Verzahnung mit dem Hintergrund der Interviews darstellungstechnisch von Vorteil gewesen.

Die Diskussion um "nationale" oder "ethnische" Minderheiten führt zahlreiche Argumente der weit gediehenen internationalen Reflexion um diese Themen ein, zudem bewegt sich dieser Diskurs bezogen auf die Moldau vor dem Hintergrund einer ebenso komplexen historischen Entwicklung seit dem frühen 19. Jahrhundert. Es zeigt sich, dass vor allem der Wunsch vieler heutiger PolitikerInnen, diese zu einer eindeutigen Lösung zu bringen, am wenigsten produktiv in der aktuellen Situation erscheint.

Abschließend wirft Dom noch einen Blick auf die durch den Krieg in der Ostukraine und die Annexion der Krim durch Russland entstandene Situation nach 2014, die keineswegs zur Vereinfachung der Problematik führte. Bezeichnend sind die Ausführungen zum Begriff der "Landsleute", der der russischen Politik als Vorwand für weitreichende militärische Operationen dient, sowie der Hinweis auf den bisher nicht bewältigten Bankenskandal, der zu gewaltsamen Protesten gegen die politischen Eliten des Landes führte.

 

Alles in allem bietet Doms Arbeit einen aspektreichen, detaillierten, die Komplexität aufzeigenden Zugang zur wichtigen Frage, wie der Staat Moldova Loyalität auch bei den Minderheiten gewinnen und wie er sie verlieren kann. Vor allem bietet sie Einsicht in die von zahlreichen Enttäuschungen und Hoffnungen gespeiste Welt der ukrainischen und russischen Minderheit in dem jungen Staat, die sehr viel mit der tumultuarischen Geschichte des 20. Jahrhunderts in dieser Region zu tun hat und hierzulande zu selten zur Kenntnis genommen wird.

 

 

Rosanna Dom: Fragile Loyalität zur Republik Moldau. Sowjetnostalgie und 'Heimatlosigkeit' unter den russischen und ukrainischen Minderheiten. München: De Gruyter Oldenbourg 2017 (Südosteuropäische Arbeiten 156), 323 Seiten, ISBN 978-3-11-051906-8, 4 farbige Karten