DANACH...

 

Die Leipziger Buchmesse hat im Frühjahr 2018 als Gastland Rumänien begrüßt und damit eine der dynamischsten literarischen Szenerien Europas näher vorgestellt. Wir wollen dieses Ereignis zum Anlass nehmen, die Literatur, aber auch die Künste und die Geschichte sowohl Rumäniens als auch der Republik Moldau in ihren meist im Westen unbekannt gebliebenen Hintergründen als auch aktuellen Entwicklungen zu beleuchten. In Buchrezensionen, Interviews, Reportagen, Essays und Aufsätzen wollen Autorinnen und Autoren ihre eigenen Themen und ihre Perspektiven auf die Kultur Rumäniens und der Republik Moldau formulieren und damit beitragen zu einer immer noch notwendigen Aufklärung im deutschsprachigen Raum über die kulturellen Landschaften um den Karpatenbogen und zwischen Pruth und Dnjestr.

Dies soll nicht einseitig geschehen, sondern unter Einbeziehung rumänischer bzw. moldauischer AutorInnen.

 

(Kontakt unter: info@kultro.de.)

 


Was es noch zu tun gab/gibt...

Dass die rumänische Literaturszene eine dynamische und vielfältige Erscheinung innerhalb der europäischen Sprachen darstellt, hat sich bei unseren Nachbarn eher herumgesprochen als in deutschsprachigen Verlagen und Redaktionen. Ein Artikel hat vor einigen Jahren darauf aufmerksam gemacht. Vieles blieb unübersetzt, jetzt generierte erfreulicherweise der Buchmessen-Schwerpunkt mehr Interesse an Rumänien und der Moldau. Ein aktueller Artikel in der Neuen Zürcher Zeitung listet zahlreiche der übersetzten AutorInnen auf, weist aber auch auf noch bestehende Defizite hin.


Juni 1941 - Das Pogrom von Iaşi (5)

Reflexionen eines Massenverbrechens in Historiographie und Kunst

 

Was in den Tagen vom 28. Juni bis 6. Juli 1941 in Iaşi (Jassy), der moldauischen Metropole im Nordosten des 1919 erstandenen Groß-Rumäniens geschah, blieb in der Nachkriegszeit lange ein nebelhaftes Mysterium. Zwar gedachte das 1947 installierte kommunistische Regime jährlich offiziell dem Mord an den Juden der Stadt, aber detaillierte Forschung wurde in den vierzig Jahren kaum betrieben, so dass die ideologisch gefärbte und motivierte Interpretation des Regimes für eine Epoche lang das Bild bestimmte. Dies hielt auch noch nach 1989 an, bis eine jüngere Generation von Historikern begann, nachzufragen und erstaunliche Fakten und Quellen zu Tage fördern konnte.

Mittlerweile hat in Ergänzung oder auch anstelle von fehlenden Darstellungen auch die Kunst in unterschiedlichen Formen sich des Themas angenommen. Dies ist Anlass, um an dieser Stelle sowohl die historische Forschung als auch die kulturhistorische Erinnerungs- und Reflexionsarbeit in ihren Formen vorzustellen - auch, damit dieses Ereignis des "stillen Holocaust" nicht vergessen wird.

Individualität und Geschichte

 

Elana Katz und ihre Performances

 

 

 

 

Abb. © Elana Katz

 

Das Videostill zeigt unter wolkenlosem Himmel die Landschaft der nördlichen Moldau. Zwei Schienenstränge weisen zum Horizont, auf einem steht mit dem Rücken zum Betrachter auf den Schwellen eine junge Frau, zierlich, den Kopf rasiert, in einem schwarzen Kleid. Es sind die Schienen der "Todeszüge" des Pogroms von Iaşi.

Elana Katz geht in ihren Performances, die in Videos festgehalten werden, weit in die Erfahrung ihrer Persönlichkeit hinein. Es sind traumatische Landschaften, die sie erkundet - inner- und außerhalb ihrer selbst. Nicht etwa eine womöglich intendierte Versetzung in die Sterbenden der Todeszüge ist das Konzept von Katz, sondern eine ganz persönliche Auseinandersetzung und Erfahrung. Sie wird optisch in der Grenzerfahrung der Performance vielfältig sichtbar. Im Video sieht man die Protagonistin schwitzend durch die Sommerhitze auf den Gleisen laufend, manchmal scheint sie zu taumeln vor Anstrengung. Es ist eine besondere Anstrengung, in der wie ein Schock die Vorbeifahrt eines Zuges auf dem parallelen Gleis wirkt. Dies alles lässt die Grenze der Erinnerung und Vorstellungskraft gegenüber dem historischen Geschehen deutlich werden - aber sie setzt zugleich die Erinnerung in Gang und lässt im Betrachter  das Rätsel der Bedeutung dieser Performance wirken. Ihre Bilder sind gegenwärtig, aber nur ein Aiming for hopelessness, wie der Titel der Performance 2016 lautete. Er spielt auf die zirkuläre Zeitfalle an, die die endlosen Fahrten der Züge ohne reales Ziel auch in der Performance aufrief.

Die Performance war Teil des Langzeitprojekts Spaced Memory, in dem an früheren jüdischen Orten in Osteuropa, deren einstige Funktion längst vergessen (gemacht) wurde, an die untergegangene Geschichte erinnert wird. In diesem Zusammenhang entstand das Video Running on empty in Belgrad. Darin läuft Katz mehrere Kilometer in einer industriellen Vorstadt Belgrads. Die Umwelt wirkt eher bedrohlich, Autos, kein Trottoir, Industriebrachen. Ihr Atem ist laut zu hören, erinnert an Luftknappheit, an Ersticken fast. Die Strecke markiert jene 15 km, die mobile Vergasungswagen 1942 abfuhren, um ihre Insassen zu ermorden.

Dass  Katz komplexe Sachverhalte in einzelnen Kunstperformances auf den Punkt bringen kann, zeigt ihre fast satirisch wirkende Veranstaltung (Action Boxing Club) im Jahr 2014 in Pristina/Kosovo. Sie lud die komplette NGO-UN-EU-Community des Ortes ein zu einer Kunsteröffnung in einem früheren Boxclub, der einst ein Ort jüdischer Aktivität war. Am Eingang zu dem Raum stand Katz neben einem Fass mit weißem Pulver, in das sie ihre Hand tauchte, mit der sie jeden einzelnen Gast begrüßte. Wie jede/r mit dieser Pulverbeschmutzung umging, trug fast schon entlarvende Züge. Vor allem ging es Katz hierbei aber um die Topographie der Kommunikation, die sich durch die weißen Flecken zeichnen ließ. Einen weißen Fleck stellt die Location selbst dar, deren genau Nutzung durch die jüdische Gemeinde wegen der Auslagerung der Archive im Kosovo-Krieg 1999 nicht mehr rekonstruierbar ist.

In der Berliner Galerie Kwadrat, wo sowohl eine Performance entstand ((F)acts of violence) als auch weitere im Video zu sehen waren, antwortete Elena Katz sehr reflektiert und vielschichtig auf die Beiträge der Mitdiskutanten Chiara Mazzara und Marek Claassen und des Galeristen Martin Kwade. Sie machte deutlich, dass es ihr um sie selbst gehe und um die Wirkung von Traumata. Dazu gehöre, sie erst einmal sichtbar zu machen in der Umwelt. Es ist eine eindringliche Differenzierungskraft, die Katz' Performances abschirmt von den großen Ansprüchen der Vergangenheitsbewältigung und hinführt zu individuell-psychologischen Beobachtungsstudien, die dennoch einen wesentlichen Teil  an der Erinnerung haben.

 

Elana Katz: Spaced Memory.

Videos unter:    http://www.elanakatz.eu


Rumäniens europäisches Doppelgesicht

 

Ratspräsidentschaft und drohendes Verfahren

 

 

 

 

 

Die rumänische Politik  brachte in den vergangenen Wochen eine weitere Intensivierung der politischen Spaltung, aber auch Bewegung in der Regierung. Gleichzeitig erfuhr das Verhältnis des Landes, das die EU-Ratspräsidentschaft innehat, zu den EU-Institutionen weitere Spannung.

Mit der Auswechslung von drei MinisterInnen, hat die in einer Koalition regierende PSD für Veränderung gesorgt. Am auffallendsten ist der Rücktritt von Tudorel Toader als Justizminister. Er schien in Konflikt mit Liviu Dragnea geraten zu sein, der eine eindeutigere Haltung gegenüber  weiteren Notordonnanzen in der Justizgesetzgebung  forderte. Der parteilose Jurist und Rektor der Universität Iaşi (Jassy) hat eine Reihe der politischen Absichten Dragneas umgesetzt und damit seinen Ruf als Juristen nachhaltig beschädigt: So sorgte er als Minister mit fadenscheinigen Gründen für die Ablösung der Korruptionsstaatsanwältin Laura Kövesi, versuchte den Generalstaatsanwalt Augustin Lazăr ebenfalls zu entlassen (dieser zog es vor, in Rente zu gehen - nicht ohne das Ministerium auf Rücknahme der Behauptung der Unfähigkeit zu verklagen), Toader hatte zudem entscheidenden Teil an den umstrittenen neuen Gesetzen, mit denen vor allem auch Dragneas Verurteilung wegen Korruption verhindert werden soll. Am 24. April entschied das Parlament, Toaders Gesetzesänderungen anzunehmen.

Der Verfassungsgerichtshof und der Gerichtshof für Kassation und Justiz (ICCJ) haben im April Entscheidungen gefällt, die bereits zum wiederholten Mal das Urteil vom vergangenen Jahr gegen Dragnea verschieben - diesmal bis zum 20. Mai. Die Opposition fürchtet, dass jetzt mit den neuen Regularien im Justizwesen Dragnea endgültig das Urteil abgewendet hat. Der Verfassungsjurist Ioan Stanomir von der Bukarester Universität glaubt, dass es jetzt eine einmalige Situation der Blockierung des Justizsystems gebe - wegen des Falles von Liviu Dragnea: "Dem Führer der PSD ist es durch seine Position gelungen, das Funktionieren des Rechtsstaats aufzuheben. Diese Reihe von ungerechtfertigten Verschiebungen ist die Folge eines nicht funktionierenden Rechtsstaates. Wenn die Richter des Höchsten Gerichts zu verweigern scheinen, die schwere Aufgabe einer Antwort auf die strafrechtlichen Probleme von Liviu Dragnea zu tragen, dann muss diese Antwort vom Wahlvolk gegeben werden", sagte der Jurist der Zeitung Adevărul.

Liderul PSD a reuşit, prin poziţia pe care o ocupă, să deregleze funcţionarea statului de drept. Această serie de amânări nejustificate este doar unul dintre efectele unui stat de drept nefuncţional. Dacă judecătorii Curţii Supreme par a refuza povara unui răspuns la problemele penale ale lui Liviu Dragnea, atunci acest răspuns trebuie dat de către electorat

Citeste mai mult: adev.ro/pq7kyb
Liderul PSD a reuşit, prin poziţia pe care o ocupă, să deregleze funcţionarea statului de drept. Această serie de amânări nejustificate este doar unul dintre efectele unui stat de drept nefuncţional. Dacă judecătorii Curţii Supreme par a refuza povara unui răspuns la problemele penale ale lui Liviu Dragnea, atunci acest răspuns trebuie dat de către electorat

Citeste mai mult: adev.ro/pq7kyb
Liderul PSD a reuşit, prin poziţia pe care o ocupă, să deregleze funcţionarea statului de drept. Această serie de amânări nejustificate este doar unul dintre efectele unui stat de drept nefuncţional. Dacă judecătorii Curţii Supreme par a refuza povara unui răspuns la problemele penale ale lui Liviu Dragnea, atunci acest răspuns trebuie dat de către electorat

Citeste mai mult: adev.ro/pq7k"

Staatspräsident Klaus Johannis lässt derweil ein Referendum organisieren, das den Willen der BürgerInnen ausdrücken soll, Korruption zu bekämpfen und das Justizwesen unabhängig und effektiv zu machen. Es soll mit den Europawahlen am 26. Mai abgehalten werden, wogegen sich eine Zeit lang die Regierung unter Premierministerin Viorica Dăncilă wehrte.

Dăncilă ist mittlerweile zu einer zentralen Figur geworden. Nicht nur, dass sie die Politik während der Ratspräsidentschaft der EU leitet. Auch führt sie unangefochten die Strategie Dragneas durch und attackiert den Staatspräsidenten. Dabei hat sie allerdings entschieden, dass sie nicht an der großen Versammlung der PSD mit 500 Sonderbussen in Iaşi teilnimmt, die Dragnea veranstaltet, nachdem er vor einigen Wochen dort lautstark ausgepfiffen worden war. Der Termin liegt auf dem des  informellen EU-Gipfels in Hermannstadt/Sibiu und des Europatages. Die Premierministerin wartete noch auf eine offizielle Einladung des Präsidenten, am Gipfel teilzunehmen, wozu es allerdings nicht kam.

Die Verabschiedung der Gesetzesänderungen durch das Parlament mit den Stimmen von PSD/ALDE, UMDR und  7 Minderheitenabgeordneten und gegen die gesamte Opposition haben bei der EU noch einmal für eine Verschärfung des Tons gegenüber Rumänien gesorgt. Die Justizkommissarin Vera Jourova zeigte sich sehr besorgt, was die Einhaltung der Unabhängigkeit der Justiz in Rumänien angehe. Wieder wurde der Vergleich zu Polen und Ungarn bemüht und gedroht, ein Verfahren nach § 7 einzuleiten. Auch der Gipfel bekräftigte noch einmal die Bedeutung des Rechtsstaates in der EU. Die bevorstehenden Europawahlen und das Referendum in Rumänien werden die Brisanz der Beziehungen zwischen Rumänien und der EU weiter sichtbar machen.

 


Der unbekannte Krieg

 

 

Rumänien zwischen Entente und Dreibund

 

 

 

 

 

 

Der Eintritt Rumäniens 1916 in den Ersten Weltkrieg war lange in der Forschung marginalisiert worden. Kaum sind größere Arbeiten zu diesem Thema entstanden, geschweige denn, dass es einen breiten Forschungszusammenhang gegeben hätte. Zum 100. Jahrestag erschienen nun mehrere Publikationen, die wir hier vorstellen wollen. Zunächst eine in Rumänien entstandene in englischer Sprache.

Der von den Iaşier Historikern Claudiu-Lucian Topor und Alexander Rubel herausgegebene Band mit 17 Beiträgen ist nach der Chronologie unterteilt: Beginnend mit der Zeit der Neutralität über den Kriegseintritt 1916 und die Kämpfe in den Karpaten und der Dobrudscha hin zur Erinnerung in den Schulbüchern.

Gleich der erste Beitrag von Michael Jonas zur Neutralität Rumäniens im Vergleich zu der Schwedens ist ein herausragendes Beispiel einer historischen Analyse der Unterschiede in der politischen, juristischen und militärischen Haltung der beiden Regierungen gegenüber dem Ausbruch des Krieges. In erfreulicher Breite geht der Autor auf die geo- und außenpolitischen Lagen wie auf die innenpolitischen, das Selbstbild formenden Kräfte ein, die an der Entscheidung für die Neutralität wirkten und die Haltung zu den Krieg führenden Parteien bestimmten. Der größte Gewinn der Studie stellt aber die weit gefächerte Verhandlung der beiden Länder im Neutralitätsdiskurs und der Neutralitätspolitik in jener Zeit dar. Für den historischen Teil stützt sich Jonas auf Lucian Boias (wie Jonas es nennt: 'revisionistische') Darstellung in seinem bekannten Buch über die  "Germanofilii", um Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu dem skandinavischen Land herauszuarbeiten. Eine solche komparative Analyse wirke der Provinzialisierung der jeweiligen Nationalgeschichten entgegen und zeige zudem die Komplexität von "Neutralität". Nach einer präzisen historischen Darlegung der politischen Situation, die für Schweden und Skandinavien interessante Zusammenhänge eröffnet, kann Jonas dann die rechtlichen Grundlagen der Neutralität seit den Haager Abkommen in Verbindung zu den jeweiligen Praktiken in Schweden und Rumänien näher darlegen. Eine äußerst informative und interessante Lektüre! Verweist Jonas auf den Rumänien ähnlichen Fall von Italien, so kann man bei Emanuela Constantini genauer nachlesen, wie die beiden lateinischen Nationen zunächst Verhandlungen über ein gemeinsames Verhalten gegenüber den Krieg führenden Parteien starteten, Italien dann aber schon 1915 auf Seiten der Entente in den Krieg eintrat. Die Gründe lagen in der ebenfalls expansiv ausgerichteten italienischen Politik, die auf dem Balkan und in den Alpen Gebietsgewinne sich versprach.

 

Nicht abwartend verhielt sich das Osmanische Reich, das 1914 auf der Seite der Mittelmächte in den Krieg eintrat, wobei allerdings Silvana Rachieru als Effekt der unterschiedlichen Politik auf beiden Seiten "Überraschung" ausmacht, als man sich 1916 als Gegner in feindlichen Lagern wiederfand. Rumänien und das Osmanische Reich hätten seit der Unabhängigkeit des Karpatenstaates intensive diplomatische und ökonomische Beziehungen gepflegt, die eher unerwartet durch den Krieg abgebrochen wurden. Rachieru weist auf einige Aspekte der Diplomatie hin, erwähnt die Bedeutung der Dardanellen und des Öls für den Krieg, die allerdings weiterer Erforschung bedürften, und hebt die Tatsache hervor, dass das Osmanische Reich zu den Besatzern Bukarests gehörte und 1918 den Friedensvertrag mit Rumänien unterzeichnete.

 

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Midterm - Die rumänische Ratspräsidentschaft hat Halbzeit

 

Eine Tagung der Südosteuropa-Gesellschaft zieht Zwischenbilanz

 

 

 

Foto: Südosteuropa-Gesellschaft e.V.

 

 

Schon sind 100 Tage der rumänischen Ratspräsidentschaft vergangen - Anlass genug, um nach der Bewertung ihrer politischen Gestaltung in der EU zu fragen. Die Südosteuropa-Gesellschaft in Berlin tat dies am 11. April mit rumänischen Expertinnen und einem Experten unter dem doppelten Titel Between Domestic Power Struggles and European Leadership - Romania's first Presidency of the Council of the European Union

Im ersten Teil ging es eher offiziös und formal zu: Mihaela Diculescu-Blebea von der Botschaft Rumäniens in Berlin stellte als zentrales Schlagwort der Ratspräsidentschaft Kohäsion vor: politische, ökonomische, soziale, mit dem Ziel, die Entwicklungslücken zwischen Ost und West zu verringern. Diesen Ansatz unterteilt die Ratspräsidentschaft in vier weitere Aktionssäulen: die Arbeitstreffen, den Gipfel in Sibiu/Hermannstadt am 9. Mai, die Europawahlen vom 23.-26. Mai und das MFF-Paket (Multiannual Financial Framework) für nach 2020. Zudem nannte sie als weitere Schwerpunkte der nächsten drei Monate die Zutrittsperspektiven der Länder auf dem Westbalkan.

Dem gegenüber legte Valentina Ivan von der NGO Expert Forum einen Schwerpunkt auf die zivilgesellschaftliche Kritik und verwies auf das Beispiel des Energiemarktes, wo die Regierung durch Notverordnungen gegen rumänische Interessen handele. An den Darlegungen der Politikwissenschaftlerin Maria Popescu kristallisierte sich dann in der Diskussion der zentrale Begriff heraus, unter dem die zunächst von verschiedenen Seiten in Frage gestellte Fähigkeit der rumänischen Regierung zur Ratspräsidentschaft diese zu meistern vermag: "technische Ratspräsidentschaft". Unter Verweis auf die Schulung der hohen BeamtInnen vor Beginn, die technokratische Leitung begonnener Projekte, die Tätigkeit permanenter Arbeitsgruppen, etc. wurde deutlich, dass die politische Kritik an der Regierung aus der EU relativ wenig Einfluss hat auf die "technische" Bewältigung der Ratspräsidentschaft auf der Ebene der Ministerialbürokratie. Dabei fiel nebenbei der Hinweis auf den positiven Effekt, den diese Ausbildung von EU-erfahrenem Personal auf Rumänien rückwirkend haben kann.

Im zweiten Panel wurde es dann sehr viel lebhafter und kontrastreicher. Dafür sorgte eingangs die Politologin Alina Mungiu-Pippidi, die in einem dicht gedrängten freien Vortrag ungewohnte Perspektiven aus ihrer reichen wissenschaftlichen wie demokratiepraktischen Erfahrung entwickelte. Sie stellte insbesondere die realpolitischen Folgen vieler Forderungen nach Bekämpfung der Korruption, Reinigung der politischen Klasse, Rolle der Geheimdienste u.a.m. im Ablauf der politischen Entwicklung seit der Wende in den Vordergrund. Daraus ergibt sich für die an der Berliner Hertie School of Governance lehrende Professorin ein ganz eigenes Bild der Prioritäten. Mungiu-Pippidi legte zunächst dar, dass die Frage, was juristisch Korruption bedeute, in der EU keineswegs einheitlich zu beurteilen sei und daher auch ein Generalstaatsanwalt wenig Sinn mache. Rumäniens Justiz sei in den letzten Jahren schärfer vorgegangen als viele andere Länder. Mehr sei eigentlich nicht zu erreichen, wenn man den bisherigen Gang der Demokratie im Land nicht gefährden wolle. Man müsse sich also fragen, was man eigentlich darüber hinaus noch erreichen wolle. Zudem seien eben die postkommunistischen Strukturen so stark, dass bisher sich nie mehr als ca. 39% der WählerInnen gegen sie ausgesprochen hätten. Dies auch, weil es keine "Entkommunisierung" gegeben habe. Sie verwies zudem auf die offensichtlich große Rolle der Geheimdienste hin, die mit ihrem Material Politik machen - auch für Präsident Johannis und die Justiz. Die Politologin sieht Rumänien in einer Lage, wie sie etwa in Ungarn zwei Jahre vor Orban bestanden habe.

Elena Calistru von der NGO Funky Citizens nannte Rumänien einen der besten Orte, an denen man sein könne. Es habe Optimismus gegeben, der der Forderung nach Gerechtigkeit entsprochen habe. Die politische Klasse sei diesem an Werten orientierten Wunsch allerdings nie gerecht geworden. Calistru hob auch die "furchtbare Wirkung" des massiven brain drains hervor.

Die Journalistin Ana Maria Luca vom Balkan Investigative Reportin Network zeichnete noch einmal das Funktionsgeflecht des Klientilismus und seiner Entstehung im Kommunismus in Rumänien nach. Sie verwies darauf, dass gerade wegen dieser Struktur viele jüngere Leute das Land verlassen hätten.

Der Politikwissenschaftler George Jiglău von der Universität Cluj/Klausenburg nannte als Mittel der Erneuerung die Schaffung wirklicher Parteien. Mittlerweile gäbe es in Rumänien das liberalste Parteiengesetz, was allerdings auch einem gewissen Populismus Vorschub leisten könne. Wenige Parteien hätten wirkliche Veränderungen vor und es stelle sich die Frage, was mit dem Enthusiasmus der WählerInnen geschehe, wenn diese Parteien scheitern. Auch die Proteste hätten an der schlechten Praxis wenig verändert. Rumänien stehe allerdings in der EU nicht schlecht da: Es gebe keinen Brexit, kein Flüchtlingsproblem, keine schlechte Ökonomie und keine antieuropäischen Bewegungen. Die Rhetorik der Kritik sei daher zu überdenken. Wie Mungiu-Pippidi verwies er auf die Gefahr von Radikalisierungen.

In der Diskussion konstatierte Calistru die allmähliche Ermüdung nach zwei Jahren des Protests. Zwar gebe es keine rechtsradikale Partei, aber in den Parteien mache sich Populismus breit. Zwar zeige sich kein wirklicher Herausforderer für Präsident Klaus Johannis in der nächsten Präsidentschaftswahl, aber die Müdigkeit der Zivilgesellschaft habe bereits einmal zu unerfreulichen Ergebnissen geführt.

So zeigte die von Hansjörg Brey und Christian Hagemann moderierte Veranstaltung einen differenzierten und präzisen Blick auf die aktuellen Entwicklungen in Rumänien und die Ratspräsidentschaft und ließ die mittelfristigen Optionen plastisch erkennen. Die Europa-Wahlen, der Brexit und die neue Kommission werden Rumänien mindestens ebenso intensiv beschäftigen wie die rumänischen Wahlen im Herbst und im nächsten Jahr.

 


 Das Cymbal lockt

 

 

 

Mercedes Echerer und ihre sensationelle(n) MusikerIn

 

 

 

 

 

 

Foto: ufaFabrik

 

 

 

Für viele ist Rumänien ein Sehnsuchtsland geworden oder geblieben, sei es wegen familiärer Bindung, sei es wegen der dort verbrachten Kindheit, sei es aus späterer Bekanntschaft mit der Landschaft. Diese oft nicht eingestandene Nostalgie, die Auseinandersetzung mit der Erinnerung, die Wahrnehmung von Unterschieden und Gemeinsamkeiten ist das Thema von Mercedes Echerers ebenso unterhaltsamen wie reflektierenden Programm Rumänisches Roulette, das 2 Stunden lang das Publikum der Berliner ufaFabrik in den Bann schlägt.

 

Es beginnt alles mit einer Schachtel und einem Brief, der an eine Nacht in einer rumänischen Polizeizelle in Fleck (Feleacu; Erdöfelek) kurz vor Weihnachten erinnert. Die Protagonistin - es soll sich dabei um autobiographische Erlebnisse von Echerer selbst handeln - hat nach einem Überfall auf ihr Taxi eben dort in der Zelle eine Nacht verbringen müssen, da wegen Verlust von Pass, Handy, Kreditkarte ihre Identität nicht feststellbar ist. Und der Inhalt der Schachtel erinnert sie an diese Nacht und an ihren "Aurel bácsi", den Onkel Aurel, der ein berühmter Sportreporter in Siebenbürgen war. Und an all die Kindheitserlebnisse, wenn die emigrierte Familie wie jedes Jahr aus Wien zurück nach Siebenbürgen fuhr. Die Schauspielerin und Autorin Echerer bringt mit ihrem angenehmen und sehr passenden österreichischen Akzent all die Nuancen dieser Geschichten hervor, wie sie sich zugetragen haben mögen. Ihr Thema ist dabei, die Menschen aus unterschiedlichen Gruppen als solche zu zeigen und in ihrem siebenbürgischen Zusammenleben mit den vielen Sprachen, Religionen, Ethnien lebendig werden zu lassen. Wenn sie vielsprachig eine Romni oder einen jüdischen Musiker darstellt, geht es ihr um das Verbindende der Umgangsformen selbst in Zeiten der Diktatur.

 

Diese Textebene der Erzählung wird getragen von den ergänzenden Interventionen und Illustrationen durch eine wahrhaft berauschende Musik. In dem passenden Interieur des alten Art Nouveau-Saals der ufaFabrik in Berlin entfachen diese Virtuosen ein Feuerwerk der Stimmungen, der Begeisterung und Intensität. Wie passend diese Location für das Programm ist, zeigt sich, wenn die Musiker eine jazzige Kaffehausszene aufrufen oder wenn an die multikulturelle k.u.k.-Welt erinnert wird. Es gelingt ihnen im Handumdrehen, jeden realen Ort (selbst wenn es sich um eine Mehrzweckhalle in Castrop-Rauxel handeln sollte) vergessen zu lassen und eine laute rumänische Hochzeit oder einen Klezmerabend oder ein Zigeunertreffen zu inszenieren. Was etwa Alexander Wladigeroff mit der Trompete macht (manchmal auch mit zwei Instrumenten gleichzeitig!), ist einfach sensationell. Oder L'ubomir Gaspar am Cymbal. Oder der Gitarrist Branko „Bako“ Jovanovic, oder der Geiger Aljosha Biz, oder die Nai-Spielerin Andreea Chira, oder... Überhaupt das Cymbal: mit der Klarinette des Wladigeroff-Bruders und den Trompeten bzw. Posaunen und dem Kontrabass macht dieses Instrument den wirklichen Sound jener Landschaft aus - treibend, akzentuierend, melodiös zugleich.

 

Im Zusammenspiel mit dieser Musik erreichen Echerers Geschichten noch einmal eine besondere Tiefe und Realität. Es gelingt der früheren Europaabgeordneten ganz intuitiv ihre zunächst eher individuelle Erzählung und Darbietung in die große Geschichte der Wende münden zu lassen. Unscheinbare Übergänge liegen in ihren Liedern und Tänzen. Und plötzlich geht es um mehr als nur private Erinnerungen. Das Publikum ist begeistert.

 

Sollte diese Truppe mal in Ihrer Nähe auftreten - nicht verpassen!

 

Mercedes Echerer: Rumänisches Roulette (Theater und Konzert)

Begleitet von den Musiker*innen: Aliosha Biz (Geige), Andreea Chira (Nai), Adrian Gaspar (Klavier), Ľubomír„Lubo“ Gašpar (Zymbal), Imre Lichtenberger-Bozoki (Trompete/Posaune), Branko „Bako“ Jovanovic (Gitarre), Vuk Vasilic (Kontrabass), Alexander Wladigeroff (Trompete/Flügelhorn) und Konstantin Wladigeroff (Klarinette)

 


Gesang des Meeres

 

Czernowitz im Frühjahr 1944

 

 

Dass Schriftsteller und Künstler im lateinischen Europa häufiger als Diplomaten eingesetzt werden als etwa im Diplomatie als Beamtenlaufbahn verstehenden Auswärtigen Amt ist an Rumänien und seinen Botschaftern, Gesandten und Legationssekretären Lucian Blaga, Mircea Eliade oder Oskar Walter Cisek zu belegen. Und aktuell im Falle von Emil Hurezeanu in Berlin. Dass auch die Republik Moldova dieses Muster  anwenden kann, ist dem Historiker und Schriftsteller Oleg Serebrian geschuldet, der sein Land seit 2016 in Deutschland vertritt. Hervorgetreten durch Arbeiten zur Geopolitik hat er mittlerweile auch zwei Romane vorgelegt.

In Cântecul mării (Gesang des Meeres) wird eine Geschichte verhandelt, die in der bukowinischen Metropole Czernowitz (Cernăuţi) im Frühjahr 1944 spielt. Die sowjetischen Truppen nähern sich allmählich der Stadt, der junge Priester Filip Skawronski und seine Frau Marta, die der adeligen deutschen Familie Randa entstammt, erleben die um sich greifende Verunsicherung und die Fluchtgedanken in der Bevölkerung. Mit der Familie seiner Frau kam es zum Bruch wegen der dieser nicht standesgemäß erscheinenden Heirat mit dem Sohn eines alten ruthenischen Forstangestellten. Die ländliche Welt von Crasna in den Karpatenwäldern mit den althergebracht lebenden Eltern bildet den Kontrast zu dieser Ehe in der bukowinischen Hauptstadt.

Aber es sind die multikulturellen Hintergründe der Stadt und der Familien, die keine einseitige rumänische oder ukrainische Perspektive auf die Geschehnisse entfalten lassen und die herannahende Front  für alle Bewohner zur Bewährungsprobe machen. Serebrian zeichnet ein intensives Bild der Figuren und der Geschehnisse, das auch von des Autors historischen Kenntnissen profitiert. Subtil zeichnet der Moldauer die Wirkungen des Krieges in einer für längere Zeit von Zerstörungen verschont gebliebenen Stadt. Bis sich mit der Herankunft der Roten Armee die Verhältnisse wiederum dramatisch verändern. Ein ungewöhnlicher Blick auf Czernowitz vor und nach der Sowjetisierung der Stadt!

 

Oleg Serebrian. Cântecul Mării [2011]. Roman. Chişinău: Cartier 2018, 335 Seiten, ISBN 978-9975-86-303-2

 


Europa weben

 

Kunst von Roma-Frauen aus aller Welt

 

 

 

 

 

 

Foto: Nino Pusija/ERIAC

 

Das ERIAC in der Berliner Reinhardtstraße ist noch relativ jung: 2017 eröffnete dieses European Roma Institute for Arts and Culture seine Räumlichkeiten. Zusammen mit dem Rumänischen Kulturinstitut an der gleichen Straße veranstaltet es bis zum 3.Mai 2019 die von Anna Mirga-Kruszelnicka kuratierte Ausstellung mehrerer KünstlerInnen, die aus dem Zusammenhang der Roma Art kommen. Dem Titel der Ausstellung entsprechend gibt es zahlreiche Beispiele textiler Kunstwerke, die beziehungsreich und farbenfroh das Leben von Roma-Frauen zum Thema machen. Im RKI etwa steht von Małgorzata Mirga-Tas ein bunter Paravent aus textilen Darstellungen, die Mitglieder ihrer Familie (nicht nur) beim Nähen oder Weben zeigen. Andere ebenso farblich lebendige Bilder der Künstlerin zeigen bei näherer Betrachtung, dass sie z.T. gemalt sind. Bestimmte Teile der Darstellung sind allerdings durch Stoff in das Gemälde collagiert. So etwa in ihrer Darstellung einer Frau, die auf einer Fensterbank lehnt, neben der bunte Tücher hängen. Am harmonischsten zeigt sich ein Bild, das die Lebensweise vieler Romni thematisiert: ein aufgeräumter Hof mit einer Frau an der Schwelle. Der Inhalt einer umgestürzten Mülltonne wird gekonnt spielerisch aus diversen Papierschnitzeln und Stoffresten dargestellt. Ebenso bunt die Bilder von Kiba Lumberg, die als Installation beide Locations bespielen. Im RKI hat Emilia Rigova einen langen Teppichläufer am Boden ausgelegt, der hinführt zu zwei Fotos einer Romnia als Schwarze Göttin - eine anspielungsreiche Dekonstruktion herkömmlicher Bilder von den gypsy women, wie sie die europäische Kulturgeschichte bis heute bevölkern. Dies ist eines der zentralen Anliegen der Ausstellung: Zu zeigen, dass die Roma-Frauen aus unterschiedlichen Ländern keinen Stereotypen entsprechen, dass sie trotz patriarchalischer Gesellschaft ihre Eigenständigkeit und Weltzugewandtheit demonstrieren, dass sie sich einsetzen für die Wahrnehmung der Roma in Europa. Entsprechend kann die Video-Installation von Emilia Rigova gelesen werden, die raffiniert auf einem Split-Screen zwei Gesichter zeigt, die zugenäht sind und von einer wie ein Wunder (oder de[a] ex machina) auftauchenden (weiblichen!) Hand von diesen Fesseln befreit werden. Oder die Installation  der vielbeachteten Künstlerin Delaine Le Bas, die Fotos einer Performance mit einem aus mehreren Traditionen zusammengesetzten Kleid kombiniert.

Bei der Vernissage trugen Mihaela Drăgan und Ioanida Costache in englischer Sprache Gedichte von Roma mit Violinbegleitung vor - eine ebenso gekonnte wie beeindruckende Performance umgeben von der Kunst der Roma-Frauen (und einem Rom).

 

[Zur Ausstellung siehe den Hinweis unter "Aktuelles"!]

 

 

Abb. Małgorzata Mirga-Tas "Romani Kali Das, 2016"; Foto: Nino Pusija/ERIAC


Juni 1941 - Das Pogrom von Iaşi (4)

Reflexionen eines Massenverbrechens in Historiographie und Kunst

 

Was in den Tagen vom 28. Juni bis 6. Juli 1941 in Iaşi (Jassy), der moldauischen Metropole im Nordosten des 1919 erstandenen Groß-Rumäniens geschah, blieb in der Nachkriegszeit lange ein nebelhaftes Mysterium. Zwar gedachte das 1947 installierte kommunistische Regime jährlich offiziell dem Mord an den Juden der Stadt, aber detaillierte Forschung wurde in den vierzig Jahren kaum betrieben, so dass die ideologisch gefärbte und motivierte Interpretation des Regimes für eine Epoche lang das Bild bestimmte. Dies hielt auch noch nach 1989 an, bis eine jüngere Generation von Historikern begann, nachzufragen und erstaunliche Fakten und Quellen zu Tage fördern konnte.

Mittlerweile hat in Ergänzung oder auch anstelle von fehlenden Darstellungen auch die Kunst in unterschiedlichen Formen sich des Themas angenommen. Dies ist Anlass, um an dieser Stelle sowohl die historische Forschung als auch die kulturhistorische Erinnerungs- und Reflexionsarbeit in ihren Formen vorzustellen - auch, damit dieses Ereignis des "stillen Holocaust" nicht vergessen wird.

1941 im Kontext

 

 

Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden -

Das Beispiel Rumänien in Quellen

 

 

 

 

 

 

Mit dem Beitritt Rumäniens unter General Ion Antonescu zur Hitlerkoalition im Jahr 1940/41 bahnte sich in den Vorbereitungen zum Überfall auf die Sowjetunion auch das Pogrom in Iaşi an. Welche längere Entwicklung zum Krieg Rumänien nahm, lässt sich den Zeugnissen und Dokumenten entnehmen, die der Band Slowakei, Rumänien und Bulgarien des Editionsprojekts Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945 bereitstellt. Dieser umfangreiche und sorgfältig redigierte Band bietet zahlreiche Texte unterschiedlicher Art (Behördenverkehr, Tagebücher, Briefe, Zeitungsartikel, Gesetze und Dekrete, etc.) , an denen sich ablesen lässt, wie allmählich und oft durch die expansive Hitler-Politik angestoßen, in den drei südosteuropäischen Staaten der Antisemitismus teilweise staatliche Doktrin wurde und sich bis zum dahin unvorstellbaren Grauen steigerte. Der rumänische Teil der Edition beginnt mit einem Interview der englischen Zeitung Daily Herald mit dem Premierminister Octavian Goga Anfang 1938. Goga hat bis heute in Rumänien einen großen Ruf als Dichter - seine nationalistische bis proto-faschistische Politik wird von diesem guten Image abgespalten, so dass man oft den Eindruck hat, es handele sich um zwei verschiedene Personen. In dem Interview plädiert der Dichter für einen "ständischen Staat" aus Korporationen und sagt, dass 500000 Juden das Land verlassen müssten. Gogas Regierung mit dem antisemitischen Parteipartner A.C. Cuza endete nur wenige Wochen später, als König Carol II. den Metropoliten Cristea als Premierminister einsetzte und dann eine Königsdiktatur proklamierte. Goga und Cuza hatten in ihrer kurzen Regierungszeit zahlreiche antisemitische Gesetze eingeführt, die in dieser Weise in Europa noch nicht vorhanden waren. In einem Interview mit der Berliner Börsen Zeitung 1938 sagte Cuza: "Unser Programm ist mit einem einzigen Wort gekennzeichnet und dieses Wort lautet: ausscheiden. Wir wollen die Juden aus Rumänien entfernen."

 

Nachdem Carol II. für die Gebietsabtretungen von Bessarabien (Sowjetunion), Nordsiebenbürgen (Ungarn), Süddobrudscha (Bulgarien) verantwortlich gemacht wurde, wurde er von General Ion Antonescu abgesetzt und ging ins Exil. Antonescu setzte auf das Bündnis mit Hitler und entwickelte auch eigene antisemitische Initiativen. Als Rumänien mit Deutschland die Sowjetunion angriff, fand in Iaşi das Pogrom vom Juni 1941 statt. In dem Band ist hierzu eine spätere Zeugenaussage eines Überlebenden der das Pogrom begleitenden "Todeszüge" zu lesen. Ebenso ein Bericht des deutschen Konsuls  Fritz Schellhorn. Dieser war nicht nur eine der hilfreichen Figuren, die in Czernowitz dem Bürgermeister Traian Popovici halfen, im Herbst 1941 20000 im Ghetto konzentrierte jüdische Menschen von Deportationen vorläufig zu bewahren, sondern wird in der Forschung mittlerweile als regelrechter aktiver Gegner der Nazis im Amt beschrieben. Weiterhin stellt ein nach der Befreiung 1944 entstandener Zeitungsartikel die Tat der Rotkreuz-Vorsitzenden der Stadt Roman, Viorica Agarici, vor, die gegen alle Drohungen sich für das Überleben der in den Todeszügen Gefangenen einsetzte.

 

Der Leser wird mit dieser Fülle von Dokumenten aus unterschiedlichen Kontexten, die die Zeitspanne bis 1944 umfassen, nicht allein gelassen. Für Rumänien hat die Historikerin Mariana Hausleitner eine 30 Seiten umfassende Einführung verfasst, die eine gute Übersicht über das Gesamtgeschehen gibt. In ihr wird die Zahl der Ermordeten im Pogrom von Iaşi mit 14850 angegeben.

 

In gleichem Aufbau bieten die Beiträge zur Slowakei und Bulgarien ebenfalls einleitende Überblicks-darstellungen sowie zahlreiche Dokumente und Quellen, die die jeweiligen Besonderheiten dieser Länder im Zweiten Weltkrieg und ihrer Teilnahme am Holocaust herausstellen. Besonders im Falle von Bulgarien werden viele Quellen genannt, die belegen, dass das Land nicht - wie oft angenommen - völlig frei von antisemitischer Verfolgung geblieben sei. Wenn auch keine so große Vernichtung der jüdischen Bevölkerung, wie etwa im Satellitenstaat Slowakei des Priesters Jozef Tiso, stattfand.

 

(Die Quellen zu den Vorgängen in Bessarabien und Transnistrien finden sich in VEJ, Bd. 7, "Sowjetunion mit annektierten Gebieten I (Besetzte sowjetische Gebiete unter deutscher Militärverwaltung, Baltikum und Transnistrien)"

 

Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945. Bd. 13: Slowakei, Rumänien und Bulgarien. Bearbeitet von Mariana Hausleitner, Souzana Hazan und Barbara Hutzelmann. Bandkoordination: Ingo Loose. Berlin: de Gruyter Oldenbourg 2018, ISBN 978-3-11-036500-9, 800 Seiten, mehrere Karten

 


Dieter Schlesak gestorben

 

 

 

 

Der aus Siebenbürgen stammende und in Italien lebende Schriftsteller Dieter Schlesak ist am 29. März 2019 gestorben, wie sein Verlag in Ludwigsburg mitteilt. Schlesak wurde am 7. August 1934 in Sighişoara/Schäßburg geboren. Er erregte Aufsehen durch seinen Dokumentarroman Capesius, der Auschwitz-Apotheker (2006; in zahlreiche Sprachen übersetzt) sowie den Roman Vaterlandstage und die Kunst des Verschwindens (1986). Zu seinen Gedichtbänden gehören Grenzstreifen (Bukarest 1969), Weiße Gegend (1981) Herbst Zeit Lose (2006), Grenzen Los (2006), Namen Los (2007). Begonnen hatte der Siebenbürger als Redakteur der Zeitschrift Neue Literatur in Bukarest. 1969 wanderte er in die Bundesrepublik aus und ließ sich später in Italien nieder. Als Übersetzer trug er Nichita Stănescus Elf Elegien ins Deutsche.

Er erhielt für sein umfangreiches lyrisches, essayistisches und erzählerisches Werk zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Andreas-Gryphius-Preis (1980), den Nikolaus-Lenau-Preis (1993), die Ehrengabe der Deutschen Schillerstiftung Weimar (2001), den Umberto-Saba-Preis (2006), den Maria-Ensle-Preis der Kunststiftung Baden-Württemberg (2007). Der Pop Verlag plant eine umfangreiche Werkausgabe Schlesaks.


Das eigene Leben der Kranken

 

Radu Judes gelungenes M. Blecher-Portrait

 

 

 

Abb. HiFilms Prod./ Zeughauskino

 

Die Krankheit des jungen Mannes wird gleich benannt: Morbus Pott, die die Wirbel auffrisst. Und einen Abszess im Bauch diagnostiziert der joviale Arzt auch noch, um ihn bald zu punktieren. Die Schreie des Patienten hallen durch die Gänge. Jude entwickelt wie auch in seinem früheren Film Aferim für das 19. Jahrhundert eine präzise Vorstellung, wie es in den 1930er Jahren in einem rumänischen Sanatorium am Schwarzen Meer zuging und ausgesehen hat, um den Raum zu schaffen, in dem sein Personal agiert. Und dieses Personal ist exzellent besetzt, um jene eigentümliche Atmosphäre jugendlicher Kranker in der geschlossenen Welt ihrer Krankheit zu gerieren, die Blecher in seinem Roman Inimi cicatrizate (1937) entworfen hatte. Eine Welt der Diskussionen, Partys, Hoffnungen und ihres Verlusts, des Todes und der Liebe... Die biographischen Zusammenhänge mit Blechers Krankheit und Sterben reduziert Jude geschickt und gewinnbringend nur auf das rumänische Sanatorium, der französische Kurort Berck-sur-Mer wird nur erwähnt, aber nicht Handlungsort. Genau so wenig die Stadt Roman, in der Blecher seine letzten Jahre unter grauenhaften Schmerzen schreibend verbrachte. Auch stürzt sich der Regisseur nicht in die qualvollen Ekstasen eines Dichters, der mit seiner Kunst ringt, um etwa somit der Krankheit einen Spiegel zu liefern. Vielmehr ist die Krankheit und ihre soziale Umgebung in dem Film das Thema, das, was die Krankheit an Institutionen, Verhaltensweisen, Denkmustern auslöst. Blecher ist, wie einst beim Stummfilm, vor allem in Zwischentiteln präsent, die  hier aber als literarische Kommentare dienen. Ein thematisch klug reduzierter, optisch überzeugender Film!

 

 

Inimi cicatrizate

 

RO/D/FR/BE 2016, R: Radu Jude, B: Radu Jude, frei nach dem Roman von M. Blecher, K: Marius Panduru, D: Lucian Teodor Rus, Ivana Mladenovic, Marius Damian, 147'

 


Entre nous

 

 

Eröffnung der rumänischen Ratspräsidentschaft im Europaparlament vor leeren Rängen

 

 

Abb. Screenshot www.eu.de

 

Dass die Hauptarbeit von Parlamenten nicht im Plenarsaal stattfindet, ist allgemein bekannt: Ein leeres Haus heißt, dass die AbgeordnetInnen in Ausschüssen, Wahlkreisen, etc. aktiv sind und nur die SprecherInnen und wenige andere den Saal bevölkern. Dies ist auch im europäischen Parlament in Brüssel und Straßburg so, wenn auch der Riesensaal in Straßburg besonders leer wirkt, wenn er eben leer ist. Für den Nichteingeweihten ist es aber doch erstaunlich, dass auch die Präsentation des Programms der neuen Ratspräsidentschaft Mitte Januar nur vor wenigen Beteiligten statt findet. Dies war auch bei der vorherigen Präsidentschaft von Österreich so. Gibt es ein demonstratives Desinteresse des Parlaments an diesem Ereignis? (Die danach stattfindende Diskussion mit Eurobankchef Draghi findet deutlich mehr Publikum.)

Die rumänische Premierministerin Viorica Dăncilă liest brav ihr Konzept für die nächsten Monate vor, das die bereits von Österreich verfolgte Agenda wie Digitalwirtschaft, Kohäsion, soziale Fragen in den Mittelpunkt stellt. Zudem lässt sie erkennen, dass Rumänien schlecht behandelt werde, da es bestimmten "Konditionalitäten" unterworfen und nicht Mitglied des Schengen-Raums sei. Sie gibt zu bedenken, dass dies negative Folgen für die Ansicht der europäischen BürgerInnen von der Gerechtigkeit der EU und den europäischen Werten haben könne. Ansonsten gibt die Rede nur den Wunsch des Festhaltens an den Zielen der europäischen Politik zu erkennen.

Der estnische Stellvertreter von Kommissionspräsident Juncker, Andrus Ansip, verweist in seiner englischen Antwort zunächst auf die gemeinsame Vergangenheit mit der 100-jährigen Staatsgründung. Er betont die Verantwortung, das Zusammenarbeiten, die Einheit und Solidarität und setzt Dăncilă etwas unter Druck, wenn er ausruft: "We count on you!" Ebenso, wenn er die Einheit im eigenen Land als Basis der Präsidentschaft erklärt und hervorhebt, dass die EU nie ihre Werte kompromittieren werde. Und listet zudem die wichtigsten der über 200 Projekte auf, die in die Präsidentschaft fallen.

Der rumänische Politiker und frühere Präsidentschaftskandidat Teodor Stolojan fragt Dăncilă, ob sie auch wirklich erfahrene Minister in der Regierung habe und fordert sie auf, wegen der Schengen-Frage nach den Niederlanden zu fahren, um das dortige Parlament zu überzeugen, seinen Widerstand aufzugeben.

Erstaunlich ist die Stellungnahme von Udo Bullmann, Sprecher der sozialistischen Gruppe, der Dăncilă lobt für ihr Engagement und eine Basis für eine sehr gute Präsidentschaft sieht. Dann schwenkt er auf die Probleme im Justizsystem, Korruption, Geheimdienste und Gerichtsbarkeit ein; Der Sozialdemokrat glaubt, dass man in diesem Zusammenhang auch den Präsidenten Johannis ansprechen und die Dinge beim Namen nennen müsse. Dăncilă sei eine mutige Frau, ihr Reformwille (!) eine exzellente Voraussetzung für die Präsidentschaft! Polemisch verweist der Sozialdemokrat auf den Wettbewerber aus der Europäischen Volkspartei, die ein Land regierten, wo Universitäten geschlossen werden [Ungarn] und ruft: "Kehren Sie vor Ihrer eigenen Tür!" Diese Worte sind vor allem an Guy Verhofstadt von der liberalen Gruppe ALDE gerichtet.

Verhofstadt geht denn auch sofort zur Sache und sieht über die aktuellen EU-Probleme hinaus Rumänien in einer kritischen Zeit und nicht weit entfernt von der Haltung Polens und Ungarns. Insbesondere Liviu Dragnea und Tăriceanu hätten Versprechen nicht eingehalten, etwa die sogenannten Justizreformen an die Forderungen der Venedig-Kommission anzugleichen. Dies sei der Weg der schlechten Praxis.

Auch die Grüne Ska Keller stellt kritische Fragen nach Zivilrechten und der Gefahr der Legalisierung der Korruption. Rumänien stehe nun im Rampenlicht und müsse durch gutes Beispiel führen. Dafür sei bis zum Gipfel im Mai in Hermannstadt/Sibiu noch Gelegenheit.

In ihrer Antwort auf diese und weitere Fragen hebt Dăncilă vor allem auf Fehl- und Missinformation der Kritiker ab, die durch Kritiker aus Rumänien falsch informiert worden seien. Auf Ska Kellers Frage nach der guten Regierung verweist sie auf die ökonomischen Zahlen, die eine gute Regierung ausmachten - auf die eigentlichen Problembereiche geht sie kaum ein. Bullmann lieferte ihr eine Steilvorlage mit seinem Angriff auf Johannis und die Infragestellung der Justiz. Auch seine   Einschätzung der jeweiligen Kritik an Rumänien als Wahlkampfmanöver spielte Dăncilă in die Hände.

 


Panorama eines Bukarester Alltags

 

Gabriela Adameşteanus Meisterwerk Verlorener Morgen

 

 

 

 

 

Das können nur ganz wenige: Aus einem kurzen Tag ein ganzes Jahrhundert erstehen zu lassen, ohne dass der Leser die notwendigen Übergänge aufdringlich findet und schon gar nicht etwa in der Aufmerksamkeit für die Geschichte nachlässt. Und dies alles aus der Perspektive einer alten Frau erzählt, die sich während dieses scheinbar "verlorenen Morgens" an vieles erinnert.

Vica Delcă ist Anfang der 1980er Jahre eine nicht gerade zimperliche alte Frau, sie lebt mit ihrem wenig beweglichen Mann in einer kleinen Wohnung hinter ihrem längst geschlossenen Lebensmittelladen, den sie  in der Coriolan-Straße von Bukarest betrieben. Hin und wieder rafft sie sich auf, geht auf "Tour", um Verwandte und Bekannte zu besuchen, immer mit dem Hintergedanken, dass sie "nie mit leeren Händen zurück [kam]". An diesem sich hinziehenden Morgen sieht sie ihre Schwägerin mit Sohn und die Tochter jener verstorbenen Frau Ioaniu, einer Dame aus der feinen Gesellschaft, bei der Vica ihr Handwerk als Schneiderin lernte: Diese Figuren genügen, um ein ganzes Lebenspanorama mit seinen historischen Streiflichtern zu entwerfen. Es geht dabei weniger um die Gegenwart des kommunistischen Regimes, in dem die Alte nun lebt - sie scheint so wenig mit dieser politischen Realität zu tun zu haben, dass es nur kleiner Hinweise auf die überfüllte Straßenbahn, das Warten in einer Schlange vor einem Geschäft bedarf, um der inneren Gegenwart von Vica auch eine äußere historische Zeit hinzufügen. Vor allem aber geht es um die Reflexion der Vergangenheit, das Nachdenken darüber, wie die Dinge im Privaten wurden, was sie sind. Das Verhältnis zum Ehemann, die Verwandtschaft, die Eltern, der Verzicht auf eigene Kinder. Das Historische stellt sich dann von alleine ein.

Dieser permanente Strom der Gedanken und Wahrnehmungen führt auf die Familie Ioaniu und in die Zeit des Ersten Weltkriegs, als die an dem Morgen von Vica besuchte Tochter noch ein kleines Mädchen war und dessen Vater sich auf die Teilnahme am Krieg einstellen musste. Im Wechsel in die Ich-Form des Tagebuchs dieses Bukarester Bürgers, der von Eifersucht geplagt wird, wird einer der den Fluss des Erzählens kennzeichnenden Übergänge realisiert und dennoch der Zusammenhang des Romans gewahrt. Mit dem Rückgang bis vor den Ersten Weltkrieg gewinnt der Roman eine Tiefendimension, die den "verlorenen" Morgen zu einer Proustschen Suche nach dem Spezifischen von Geschichte und Lebenszeit machen. Ein Roman von europäischer Perspektive und Relevanz. Gabriela Adameşteanus Roman erschien bereits 1983 in Rumänien  und gehört dort zu den Klassikern des 20. Jahrhunderts. Für die flüssige Übersetzung kam Eva Ruth Wemme auf die Shortlist des Preises der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Übersetzung.

 

Gabriela Adameşteanu: Verlorener Morgen (Dimineaţă pierdută). Roman. Aus dem Rumänischen von Eva Ruth Wemme. Berlin: AB - Die Andere Bibliothek 2018, 561 Seiten, ISBN 978-3-8477-0404-1

 

 

UPDATE

Für ihre Übertragung von Gabriela Adameşteanus Dimineaţă pierdută ist am 21.3.2019 Eva Ruth Wemme mit dem Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Übersetzung ausgezeichnet worden.


Journalismus - zwischen Ost und West

 

 

Adrian Sitarus Parabel auf den Optimierungswahn: Fixeur

 

 

 

Abb. 4 Proof Film/ Zeughauskino

 

Der Journalist Radu arbeitet für AFP in Bukarest, spricht fließend Französisch, sitzt im neuen Büro in einem Glaskasten - und will als stromlinienförmiger "young urban professional" den Sohn der Freundin zu Höchstleistungen beim Schwimmen antreiben. Das gelingt nicht ganz, zeigt aber die Optimierungsideen einer jungen städtischen, gut bezahlten Bevölkerungsschicht.

Für einen Auftrag lässt er aus Paris einen Kollegen samt Kameramann kommen, um eine junge Prostituierte, die aus Paris ausgewiesen wurde, in Bistriţa (Bistritz) zu interviewen. Ein Scoop, wie er dem Franzosen klarmacht. Einige Telefonate, ein Besuch bei einem Verwandten im Ministerium, der der Leiterin des Mädchenheims klarmachen soll, dass die Journalisten Zugang zu dem Mädchen erhalten, die Sache scheint eingefädelt. Radu fährt seine Kollegen nach Bistriţa, er ist jetzt der Fixeur, der Stringer, der orts- und kulturunkundige Reporter aus dem Ausland vor Ort den Weg zur Story ebnen soll. Radu nimmt diese Rolle ernst, aber es wird der Moment kommen, wo ihm der Franzose klar macht, dass er nicht der Journalist, sondern der "Fixer" ist und keine Verantwortung für die Story habe. Denn irgendwann erkennt Radu, dass der Wunsch, eine Story zu gerieren, über der emotionalen Unversehrtheit des Mädchens steht. Er rät, die Sache abzubrechen, um das Mädchen nicht zu gefährden und nicht ihre weitere Traumatisierung zu befördern. Letztlich findet das Interview statt, "business as usual" - wenn auch möglicherweise kleine "Unebenheiten" im Gedächtnis bleiben.

Sitaru geht seine Geschichte leicht an, der Alltag ist zwar hin und wieder stressig für Radu und verlangt nach Kompromissen, aber Radu hofft immer, dass dieser Job erfolgreich abläuft. So bleibt es auf einer Ebene der Alltagsbeschreibung mit kleinen Dramen und Problemen, aber scheinbar ohne große Fallhöhe. Nur am Schluss wird etwas sehr durchsichtig die Haltung Radus hinsichtlich seines Erfolgsdenkens hinterfragt. Wie meist im rumänischen Film sind die SchauspielerInnen von besonderer Klasse (etwa Diana Spătărescu als Mädchen oder Adrian Titieni als einheimischer Polizist [Titieni wurde in Bistriţa geboren]).  Sitaru weiß überzeugend, ein Stück rumänischer Gegenwart zu entwerfen.

 

Fixeur

 

(RO/FR 2016, R: Adrian Sitaru, B: Claudia Silisteanu, Adrian Silisteanu, K: Adrian Silisteanu, D: Tudor Aaron Istodor, Mehdi Nebbou, Adrian Titieni, 100')